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Cigarettes & Saints

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Bellamy "Bell" Blake Clarke Griffin Lexa Octavia Blake
02.09.2021
25.11.2021
8
23.696
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25.11.2021 3.291
 
CLARKE


Ich werde von der beißend hellen Sonne und einem knurrenden Magen geweckt. Als ich mich langsam wieder daran gewöhne, auf mein Leben klarzukommen, richte ich mich auf und sehe mich um. Ich trage immer noch dieselben Sachen von gestern und meine Schuhe liegen im Zimmer verteilt. Davon abgesehen wirkt alles wie immer.

Die Tür zu meinem Balkon steht offen, genauso wie Tür in den Flur. Ich kann mich kaum daran erinnern, wie ich hergekommen bin.

In diesem Moment höre ich, wie sich Schritte nähern und zu meiner großen Überraschung steckt plötzlich Lexa ihren Kopf zur Tür herein. Als sie sieht, dass ich wach bin, lächelt sie und tritt mit zwei Tassen Kaffee ganz in mein Zimmer ein.

„Wieder nüchtern?“, fragt sie spöttisch und reicht mir eine Tasse Kaffee. „Eigentlich habe ich beide für mich gemacht, aber ich dachte mir, heute bin ich mal gnädig und gebe dir auch was ab.“

Darauf murmele ich nur ein verwirrtes „Danke.“ Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auch wieder ein, dass Lexa mich gestern nach Hause gefahren hat. Nur, dass wir in meiner Erinnerung geflogen sind und ich Sterne wie Glühbirnen vom Himmel gepflückt habe. Aber ich denke mal nicht, dass letzteres tatsächlich geschehen ist.

„Oh und hier ist noch was gegen den Kater.“, sagt Lexa und hält mir eine Tablette hin. Ich nehme sie und kippe sie, ohne weitere Fragen zu stellen mit dem Kaffee runter. Mein Schädel brummt tatsächlich.

„Hat mir deine Mom gegeben.“, fährt Lexa fort. Warte, was? „Sie ist echt cool. Ich wünschte, ich hätte so eine Mutter. Sie meinte, es ist echt nett von mir, dass ich auf dich aufgepasst habe und niemand in den Flur gekotzt hat. Na ja, das letzte konnte ich grade noch so vermeiden. Obwohl du mich heute Nacht fast getroffen hättest, als du auf deinem Weg zum Badezimmer über mich gestolpert bist. Das habe ich natürlich nicht deiner Mom erzählt, aber aus Dankbarkeit hat sie mich trotzdem mit Frühstück und Kaffee bezahlt. Ein echter Engel, die Frau.“

Überwältigt von der Welle an Informationen so früh am Morgen, stelle ich meinen Kaffee auf dem Nachttisch ab und lasse mich dann zurück ins Bett fallen. Ich kann mich definitiv nicht daran erinnern, dass ich diese Nacht über irgendetwas gestolpert oder im Bad gewesen bin. Warum sollte ich das überhaupt tun? Lag Lexa auf dem Boden? Ich bin so verwirrt.

Obwohl ich mich daran erinnere, dass Lexa tatsächlich auf meinem Teppich saß und mir eine Gutenachtgeschichte erzählt hat. Daraufhin habe ich von diesem entführten Prinzen geträumt, der allein in einem Käfig sitzt und auf Hilfe wartet, die nie kommt.

„Ich sehe, du bist kein Morgenmensch.“, stellt Lexa gut gelaunt fest und ich sehe zwischen halb zusammengekniffenen Augen, dass sie in Richtung Tür spaziert. „Ich geh dann mal. Schlaf deinen Rausch aus. Und falls du jemals wieder jemanden brauchst, der Babysitter spielt, wenn du komplett drauf bist, dann ruf jemand anderen an. Wir sehen uns.“

Mit diesen Worten verschwindet Lexa und ich schließe meine Augen.



Den halben Tag darauf verschlafe ich und verpasse so jegliche Gelegenheiten, mich auf die Schule am darauffolgenden Montag vorzubereiten. Na ja, scheiß drauf.

Als die Woche dann wieder beginnt, bin ich etwas verunsichert, wie ich nun mit Lexa umgehen soll. Der ganze Vorfall ist mir irgendwie etwas peinlich, aber das ist nicht der Grund für meine Verunsicherung. Auch wenn ich mich noch immer nicht an alles aus der Nacht erinnern kann, weiß ich doch, dass sie mir von Costia und Bellamy erzählt hat. Und auch diese Geschichte mit diesem Prinzen lässt mich nicht mehr los. Vielleicht haben meine leichten Wahnvorstellungen das ganze verstärkt, aber ich hatte das Gefühl, dass das mehr war als nur eine ausgedachte Geschichte. Vielleicht lag es an Lexas Ton oder daran, dass mir das alles irgendwie bekannt vorkommt, so als hätte ich vor einiger Zeit schon mal davon gehört.

In der Schule bringe ich mich nur mit viel Überwindung dazu, aufmerksam dem Unterricht zu folgen. Die Zeit bis zur erlösenden Mittagspause scheint sich immer weiter auszudehnen.

Meine Gedanken, wie ich mich Lexa gegenüber verhalten soll, sind jedoch, wie ich feststellen muss, absolut für umsonst gewesen. Ich treffe sie nirgends auf dem Flur und auch in der Cafeteria ist sie nicht vorzufinden. Letzteres ist gar nicht so überraschend, denn eigentlich hält sie sich dort nur äußerst selten auf. Trotzdem bin ich irgendwie enttäuscht.

Also esse ich allein. Oder zumindest nehme ich es mir vor, doch keine Minute nachdem ich mich an einen der leeren Tische gesetzt habe, werden drei Tabletts synchron an meinem Tisch abgestellt. Als ich den Blick von meinem Essen wende und nach oben sehe, erkenne ich Octavia, Costia und eine ihrer Freundinnen.

Wie selbstverständlich sitzen sie vor mir und packen ihr Essen vom Tablett. Nur Octavia starrt mich undurchdringlich mit ihren dunklen Augen an. Einen Moment lang denke ich darüber nach, etwas zu sagen. Aber ne, ich halte lieber die Klappe und starre genauso zurück.

„Also“, beginnt Octavia nach einer Weile, ohne den Blick von mir abzuwenden. „Wie war euer Wochenende?“

„Ich habe einen Wellnesstrip mit meiner Schwester gemacht.“, sagt die Blondine zu Octavias rechter Seite.

„Ich habe unserer Wasserpolomannschaft bei ihrem Spiel am Samstag zugesehen.“, kommt es gelangweilt von Costia. Als ich sie ansehe, spüre ich mehr Verachtung bei ihrem Anblick, als bei dem Gedanken daran, dass unsere Schule eine Wasserpolomannschaft hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Lexa mir erzählt hat, was Costia getan hat. Mit Lexas verdammten Bruder, das ist auf einer ganz neuen Ebene asozial.

„Wie schön. Und du, Clarke?“, fragt mich Octavia. Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, worauf sie hinaus will. Die Frage ist: Soll ich mich auf dumm stellen oder sagen, was wir alle hier denken?

„Ich war feiern“, antworte ich knapp.

„Und wie war‘s?“, fragt mich Octavia mit gekünsteltem Lächeln.

„Toll.“, gebe ich nur trocken wieder und stochere in meinem Essen herum. Bitte, lasst mich einfach in Ruhe. Das Letzte, worauf ich heute Bock habe, ist es, mich mit den passiv-aggressiven Kommentaren von Octavia Blake herumzuschlagen. Wenn sie etwas zu sagen hat, dann soll sie es einfach ausspucken und sich nicht so aufspielen.

„Apropos feiern, schmeißen du und deine Geschwister dieses Jahr wieder eine eurer legendären Geburtstagspartys?“, fragt die Blondine und ich fange an, nur noch mit halben Ohr zuzuhören. Ich würde am liebsten aufstehen und gehen, da ich im Moment nicht mehr im Mittelpunkt von Octavias Aufmerksamkeit stehe, doch ich saß hier zuerst und außerdem habe ich seit der Party kaum etwas gegessen. Dieses Mittagessen werde ich mir nicht von einer Blake wegnehmen lassen.

„Natürlich und dieses Jahr wird die anderen bei Weitem übertreffen. Schließlich ist es unser achtzehnter Geburtstag.“ Man, diese Kartoffeln schmecken echt gut. Ich glaube, dieses Essen hier reicht sogar an das aus dem Restaurant, in dem ich arbeite, heran. „Unglücklicherweise sind nur geladene Gäste erwünscht.“

Als daraufhin ein langes Schweigen eintritt, hebe ich schließlich doch den Blick und sehe, dass mich drei Augenpaare anstarren, als wäre ich ein besonders seltenes Tier im Zoo. „Herzlichen Glückwunsch?“, sage ich, weil das letzte, woran ich mich aus der Unterhaltung erinnere, die Erwähnung eines Geburtstages ist.

„Da wir gerade von Partys reden, erzähl mal, Clarke, warst du alleine feiern?“, fragt mich Octavia und wechselt so wieder zurück zum Ursprungsthema. Was zur Hölle ist eigentlich ihr Problem? Horcht sie alle Leute so aus, mit denen ihre Schwester unterwegs ist, oder ist  nur der Umgang mit Stipendiatinnen eine Gefährdung für den Ruf einer Blake?

„Nicht, dass es dich etwas angehen würde, aber ich bin mir sicher, du weißt genau, mit wem ich unterwegs gewesen bin.“

„Mit meiner Schwester.“, stellt Octavia trocken fest.

„Mit deiner Schwester.“, wiederhole ich. Dann starren wir uns stumm an. Ihr Blick ist vorwurfsvoll und fordernd.

„Sie ist erst gestern Morgen wieder nach Hause gekommen.“, sagt Octavia nun und Costia wirft ihr einen überraschten Blick zu. Dann dreht sie ihren Kopf zu mir und sieht mich ungläubig an.

„Das soll in den besten Familien vorkommen.“, erwidere ich so unschuldig wie möglich und steche eine Kartoffel auf meinem Teller an.

„Bellamy meint, ihr beiden verbringt viel Zeit miteinander.“

„So würde ich das nicht unbedingt sagen, aber wenn es von Bellamy kommt, muss es wahr sein.“

„Was genau erhoffst du dir von meiner Schwester, Clarke?“ Wann hat Octavia eigentlich meinen Namen gelernt? Ich könnte mich nicht daran erinnern, dass sie mich je zuvor damit angesprochen hat.

„Ist das jetzt ein Verhör?“, frage ich leicht gereizt. Ich wüsste wirklich nicht, was Octavia mein Leben angeht.

„Das ist eine Warnung.“, entgegnet Octavia. „Lexa wurde schon einmal das Herz gebrochen und ich möchte nicht dabei zusehen, wie sie sich in jemandem wie dir, die einfach so aus dem Nichts aufgetaucht zu sein scheint, verrennt.“

Bei diesen Worten sieht Costia schockiert und verletzt zu Octavia hinüber. Und da liegt noch etwas anderes in ihrem Blick. Scham. Auch Octvaias Augen zucken kurz nach links zu Costia und erst da bemerke ich, dass es hier vielleicht gar nicht so sehr um mich geht. Lexa und Octavia verstehen sich vielleicht nicht besonders gut, aber sie sind trotzdem Schwestern. Obwohl es so scheint, als hätte Octavia Costia den Fehltritt vergeben, hat sie ihn ihr definitiv nicht vergessen.

Plötzlich frage ich mich, wieso Octavia überhaupt mit Costia befreundet ist. Es scheint so, als würde mir immer noch sehr viel Hintergrundwissen zu dem alltäglichen Drama der Blakes fehlen. Fast wäre ich dankbar dafür, wenn ich nicht das Gefühl hätte, irgendetwas Wichtiges zu verpassen.

„Es ist toll, dass du dich so um Lexa sorgst, aber tatsächlich ist sie in der Lage, ihre Entscheidungen selbst zu treffen. Außerdem kenne ich deine Schwester so gut wie gar nicht und ich bin auch nicht an ihr interessiert. Du musst dir also keine Sorgen machen, dass ich dir oder deiner Familie irgendetwas wegnehme.“ Mit diesen Worten stehe ich auf und verlasse den Speisesaal. Ich lasse sogar mein Tablett stehen. Innerlich schmerzt es mich zwar, das gute Essen zurückzulassen, aber diese toxische Umgebung hat mir den Appetit verdorben.

Genervt von der Unterhaltung rausche ich durch die Flure, bis ich schließlich in der Bibliothek ankomme. Hoffentlich finde ich ich hier eine ruhige Ecke, in der ich nicht von irgendwelchen minderjährigen Aktienbesitzern belästigt werde.

Nach Ablenkung suchend, entsperre ich mein Handy. Zu meiner Überraschung ist meine letzte Suche auf Google noch geöffnet, die ich kurz vor Octavias Auftauchen noch eingegeben habe. Ich hatte über Lexas Geschichte zu diesem verschwundenen Prinzen nachgedacht, weil mich die Sache einfach nicht loslässt. Das alles kommt mir so seltsam bekannt vor. Dann bin ich auf die Idee gekommen, nach Artikeln zu vermissten Personen in der Umgebung zu suchen. Also scrolle ich auf der Suche nach etwas Brauchbarem durch die News, als plötzlich ein Bild von einem Jungen auftaucht, den ich schon einmal gesehen habe.

„Clarke?“, höre ich eine Stimme sagen und fahre herum. Sieht so aus, als würde ich selbst hier keine Ruhe vor den Blake Geschwistern finden. Bellamy kommt mit einem Buch in der Hand zu meinem Tisch gelaufen. Oh, bitte nicht. Haben die Blakes sonst nichts besseres zu tun, als mich den lieben langen Tag zu belästigen?

„Bellamy“, sage ich mit vorgetäuschter Freude ihn zu sehen. „Was geht?“

„Ach, Schule eben. Du weißt ja, wie das ist. Schön zu sehen, dass ich nicht der Einzige bin, der sich für ein bisschen Ruhe in die Bibliothek zurückzieht. Wie war dein Wochenende?“ Mit diesen Worten setzt er sich unaufgefordert an meinen Tisch.

Okay, so langsam überspannt sich mein Geduldsfaden. Da verbringt man einmal Zeit mit Lexa und schon hat man den Rest ihrer Brut auch noch an der Backe.

„Es war ganz okay, schätze ich. Ich war mit Lexa unterwegs, aber das weißt du sicherlich schon. Haltet ihr eigentlich an der Tür Wache wie zurückgelassene Hundewelpen, wenn einer der Geschwister das Haus verlässt, oder wie läuft das bei euch?“

„Was?“, entgegnet Bellamy verblüfft, der meinen genervten Kommentar weder erwartet hat noch versteht. Für einen kurzen Moment taucht sogar eine Art Verletzlichkeit in Bellamys Blick auf, die ich bis jetzt nie in seiner strahlenden Miene entdeckt habe. Doch der Augenblick vergeht so schnell, wie er gekommen ist und Bellamy fängt sich wieder. „Und wie bist du vorangekommen?“

„Vorangekommen? Was meinst du denn bitte mit vorankommen?“, frage ich verwirrt.

„Unsere Abmachung, Clarke. Dafür habe ich dich schließlich bezahlt.“

„Oh ja, das. Darüber wollte ich sowieso nochmal mit dir reden.“, sage ich plötzlich erzürnt und merke, wie ich langsam etwas zu emotional werde. Dann krame ich in meiner Schultasche nach dem Geld, das mir Bellamy vor nicht allzu langer Zeit hier in die Hand gedrückt hat. „Danke für die Nachhilfestunde, aber dein schmieriges Geld kannst du dir in den Arsch schieben. Lexa hat mir erzählt, was du getan hast. Ich werde nicht Partei ergreifen, aber wenn sie sich dazu entscheidet, dir das nicht zu vergeben, dann ist das ihre Sache und in Anbetracht der Umstände doch sehr verständlich. Ich werde mich jedenfalls nicht da einmischen. Unsere Abmachung ist hinfällig.“

Mit diesen Worten werfe ich die Geldscheine in seine Richtung, die langsam durch die Luft flattern und zu Boden segeln. Dann schnappe ich mir meine Sachen und laufe davon. Bellamy sitzt wie versteinert an dem Tisch, während ich die Bibliothek verlasse.

Gott, diese Blakes sind wie verdammte Schlangen, die sich langsam um meinen Hals winden und mir die Luft abdrücken. Diese Drama, die Geheimnisse, das gegenseitige Einmischen in die Angelegenheiten der Anderen macht mich ganz krank.

Jetzt ist Schluss für mich. Endgültig. Ich habe diese Leute satt, die ganze Schule eigentlich. Mag ja sein, dass Lexa etwas weniger schlimm ist als der Rest ihrer Familie, aber ich kann einfach nicht mehr. Keine Ahnung, wie sie das mit diesen Leuten ausgehalten hat, aber so langsam verstehe ich, warum sie sich selbst zur Außenseiterin erkoren hat.

Noch immer wütend rausche ich durch die Flure und verlasse das Gebäude über die Hintertür. Im Hinterhof setze ich mich auf die Parkbank, auf der ich am ersten Schultag Lexa kennengelernt habe. Hier rauche ich ein, zwei Zigaretten, um wieder runterzukommen.

Dann entsperre ich mein Handy, um mich auf Social Media von meinem Leben abzulenken. Zu meiner Überraschung ist der Artikel, auf den ich kurz vor meiner Begegnung mit Bellamy geklickt habe, noch geöffnet.

Es ist ein Beitrag aus einer lokalen Zeitung von vor einem Jahr. Er handelt von dem tragischen Verschwinden eines Jungen namens Aden B., dessen Leiche man im Wald nicht weit von hier gefunden hat. Die Geschichte kommt mir bekannt vor. Letztes Jahr ist ein Bild des blonden Jungen im Fernsehen gewesen und ich kann mich auch daran erinnern, dass ein Suchtrupp die ganze Nachbarschaft nach dem Kind abgesucht hat. Doch dann ist der Fall irgendwie aus den Medien verschwunden. Bis eben wusste ich nicht einmal, dass man die Leiche tatsächlich gefunden hat.

Doch aus irgendeinem Grund ruft der Artikel noch eine andere Erinnerung in mir hervor. Nur weiß ich nicht genau, was es ist. Es fühlt sich an, als würde eine Glaswand zwischen mir und meinem Gedanken stehen. Ich kann ihn fast fassen, aber irgendetwas trennt uns doch.

Und dann plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Aden. Das ist so ein spezieller Name und er kommt mir so bekannt vor, weil ich ihn schon einmal gehört habe. Von Lexa. Der Prinz in der Geschichte, die sie mir erzählt hat, hieß auch Aden. Sie hat mir seine Geschichte erzählt.

Dann springen meine Gedanken plötzlich zu dem Moment, in dem ich zum ersten Mal in der Blake Villa gewesen bin. An der Wand in der Eingangshalle hingen zahlreiche Portraits von Mitgliedern der Familie. Auf einem Bild waren die Blake Geschwister mit ihren Eltern zu sehen. Aber in dem Gemälde waren vier Kinder abgebildet. Ein kleiner, blonder Junge -  jünger als Lexa, Bellamy und Octavia – saß auf dem Schoß der Mutter. Er ist mir schon damals, als ich das Bild angesehen habe, aufgefallen, aber dann habe ich ihn komplett vergessen. Doch jetzt, wo ich auf das Foto des vermissten Kindes starre, bemerke ich, dass es dem Jungen in dem Gemälde doch sehr ähnelt. In dem Artikel steht nicht, wie alt der Junge gewesen ist, aber er ist doch deutlich älter, als das Kind in der Eingangshalle der Blakes. Trotzdem besteht eine gewaltige Ähnlichkeit.

Und zuletzt bemerke ich, dass Adens Nachname in dem Artikel immer nur mit einem B abgekürzt wird. Aus Respekt zur Familie wahrscheinlich. Doch jetzt, wo ich nicht nur sein Name, sondern auch sein Gesicht im Zusammenhang mit Lexas Familie steht, fällt es mir nicht schwer zu raten, wer dieses Kind ist. Es ist Aden Blake. Lexas Bruder.

Plötzlich empfinde ich so viel Mitleid mit den Blakes, dass ich mich schäme, so grob zu Bellamy und Octavia gewesen zu sein. Sie haben schon ein Familienmitglied verloren, natürlich kümmern sie sich jetzt umso mehr umeinander.

Jetzt fällt es mir umso schwerer zu verstehen, weshalb Bellamy Lexa so hintergangen hat. Trotzdem bemüht er sich um Lexas Vergebung und ich habe ihn auch noch so furchtbar unhöflich behandelt.

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den Schmerz, den ich nach dem Tod meines Vaters empfunden habe. Trotzdem will ich mir gar nicht vorstellen, wie viel schlimmer es sich anfühlen muss, seinen eigenen Bruder zu verlieren, seinen eigenen Sohn.

Ich habe die Eltern der Blakes nur einmal auf Arbeit gesehen, doch Lexa hat mir erzählt wie zerrüttet die ganze Familie ist. Verständlich, nach so einem Verlust. Umso mehr verstehe ich, wieso Lexa jede Gelegenheit nutzt, um von zu Hause wegzukommen. Nicht nur, weil sie das ganze Drama verabscheut, sondern auch weil alles an diesem Haus sie an ihren verlorenen Bruder erinnert.

In unserem alten Haus habe ich meinen Vater überall gesehen. Er saß immer am Esstisch oder auf der Bank auf der Terrasse. Am Anfang war das besonders schlimm. Mit der Zeit hat es etwas nachgelassen, doch nie ganz. Ich habe meine Mutter nie gefragt, aber ich denke, ihr ist es ähnlich ergangen. Deshalb sind wir weggezogen.

Die Blakes sind nicht gegangen. Sie wohnen noch immer diesem großen, leeren Haus mit dem Schatten von Aden zusammen. Das muss furchtbar sein.

Verdammt, wie soll ich mich jetzt Lexa gegenüber verhalten? Sollte ich sie darauf ansprechen oder so tun, als wüsste ich von nichts? Ich bin mir sicher, dass sie bestimmt nicht von mir bemitleidet werden möchte, aber auf der anderen Seite hat sie mir zumindest indirekt selbst von ihrem Bruder erzählt.

Aus Frust und Unsicherheit und auch Schuldgefühlen gegenüber den restlichen Blake Geschwistern zünde ich mir eine Zigarette an und ziehe meine Beine mit hoch auf die Parkbank. Ich weiß nicht genau, wie lange ich mit angewinkelten Knien hier sitze und über die Blakes nachdenke, doch meine Zigarette ist noch nicht ganz aufgeraucht, als sich plötzlich die Tür zum Innenhof öffnet.

Ich fahre herum und erwarte fast, dass es Lexa ist. Doch stattdessen bleibt mir das Herz beinahe stehen, als ich die Sekretärin der Arkadia mit zornigem Blick direkt auf mich zu marschieren sehe.

„Junge Dame, Sie stecken in enormen Schwierigkeiten. Mitkommen. Sofort.“

„Ich kann das erklären.“, sage ich und springe steif auf. Oh shit. Beim Rauchen erwischt. Na toll.

„Das können Sie sich sparen. Eigentlich habe ich sie nur aufgesucht, um Sie über Ihren Verweis zu informieren, aber offensichtlich sind Sie sich der Privilegien dieser Schule nicht einmal ansatzweise bewusst. Sie wollen wohl unbedingt noch einen zweiten kassieren, oder?“

Warte, was? Ich wurde der Schule verwiesen? Wann zur Hölle ist das passiert? Und weswegen? Ich kann mich nicht erinnern, irgendetwas Verbotenes getan zu haben . . . abgesehen von der Sache gerade eben vielleicht. Hoffentlich ist das alles nur ein dummes Missverständnis.

Vollkommen verblüfft und etwas verängstigt laufe ich der Frau hinterher. Dabei streift mein Blick an der Außenwand der Schule hoch und bleibt an einem der Fenster im Flur hängen. Hinter der Scheibe steht Bellamy Blake und starrt mich mit kalten Augen an.
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