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The Moonlight Story - First and Last and Always

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Mix
Ami Mizuno / Sailor Merkur Makoto Kino / Sailor Jupiter Mamoru Chiba / Tuxedo Mask / Endymion OC (Own Character) Rei Hino / Sailor Mars Usagi "Bunny" Tsukino / Sailor Moon / Serenity II
01.09.2021
05.02.2023
151
1.036.600
27
Alle Kapitel
381 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
24.01.2023 7.100
 
Hallo ihr Lieben!

Ganz spontan schiebe ich hier schnell ein kleines Vorwort ein, denn ich möchte mich ganz arg  für das Feedback zum letzten Kapitel bei euch bedanken! So tolle Reviews, Reaktionen und Nachrichten – 1000 Dank! Hab ehrlich gesagt ganz schön Bammel davor gehabt, da ja Geschmäcker verschieden sind, aber man kann unmöglich alle gleichzeitig zufrieden stellen. Amen. Nun haben wir noch vier Kapitel bis zum Ende (eins mehr als gedacht, hab mich wieder beim Splitten verzählt) inklusive eines sehr ausführlichen Nachworts. Dort lesen wir uns wieder und ich gehe darin noch auf einiges ein.
Bis dahin wünsch ich euch viel Lesefreude mit Titans Wahrheit III und dem baldigen Finale dieser Staffel.
Liebe Grüße
Ina




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„Tochter der Titanya.“

Die Prinzessin löste langsam die Fingerspitzen von ihren Lippen, welche sich ergriffen darauf gepresst hatten. Ihre Hände glitten hinab und suchten Halt am Emerald Cross, das ruhig über ihrem zerschlissenen Gewand baumelte.
Sie wagte nicht einmal zu blinzeln, während ihr Blick an Saturn festwuchs.
Aus Angst, dass sich dieser Anblick als Trugschluss entpuppen und mit einem Wimpernschlag verschwinden könnte.
Doch die Wärme in ihrem Innersten wurde stärker, sie erfüllte ihr gesamtes Herz, als sie die schöne Kriegerin betrachtete.
Diese violetten Iriden, gesprenkelt mit Nuancen von reifem Flieder.  
Das unverkennbare Erbe ihres Vaters.
Die hohen Wangenknochen, leicht herzförmige Lippen und Haare so schwarz wie das glänzende Gefieder eines mächtigen Raben. Als würde sie in einen Spiegel ihrer selbst sehen.
Trotzdem nagte ein winziger Rest Zweifel an Titanya, woran der vorangegangene Versuch eines schäbigen Betrugs Schuld hatte.
Doch Saturn erkannte ihre Unsicherheit und kam vorsichtig auf sie zu. Bei der Prinzessin angekommen, ließ sie sich in einer fließenden Bewegung zu ihr herab. Ihre weiß bekleidete Hand suchten die Finger Titanyas, welche immer noch das Emerald Cross umschlossen.
„Du hast meinen Ruf vernommen, auch wenn du mich nicht sehen konntest. Wann immer du in Hotarus Nähe warst und trotz meines tiefen Schlafs, hat deine Anwesenheit meine Welt leuchtend hell gemacht, obwohl sie gleichermaßen mit Dunkelheit erfüllt war. Die Zeit drängt jetzt unaufhörlich und sollst du die Gewissheit erlangen, nach der du dich gesehnt hast. Ich bin deine Tochter. Das einzige Kind Titanyas … dem sie einst … den Namen Tarya gab.“
Die Finger der Prinzessin lösten sich von der Kälte des Kreuzes und umfassten vorsichtig Saturns Gesicht.
Sailor Moon wagte kaum noch zu atmen, selbst die tobende Gewalt der schwarzen Kuppel geriet für ein paar Sekunden in den Hintergrund. Auch Uranus und Neptun hingen sprachlos in dem harten Stein, der immer noch ihre Körper umschloss. Sie konnten nicht glauben, welche Wahrheit gerade vor ihrer aller Augen nun endlich an die Oberfläche gefunden hatte.
„Tarya ….“, murmelte Titanya unter Tränen. „Doch gerufen … haben wir dich Taru. Oder unsere Fee … unsere kleine Fee … endlich habe ich dich wieder ….!“
Plötzlich fühlte sich ihr Körper an, als würde er von einer starken Elektrizität paralysiert werden. Sie wollte schreien und doch drang kein Laut über ihre geöffneten Lippen.
Saturns Gesicht, die zerstörte Umgebung, der verfinsterte Himmel … alles verschwamm konturlos ineinander zu einem einzigen Strudel aus düsteren Farben. Sie wurde regelrecht hineingesogen, fühlte ihren Körper schweben und doch war jedes Gelenk so bleischwer, dass sie es nicht bewegen konnte.
„Bitte nicht!“ Ihr Verstand versuchte gerade verzweifelt eine Erklärung für diesen befremdlichen Vorgang zu finden, als sich am Ende dieses Strudels ein heller Lichtpunkt löste und wie ein verirrtes Glühwürmchen auf sie zukam. Dabei vergrößerte sich sein Volumen in rasender Geschwindigkeit und ein Titanyas Augen blickten in eine schmerzende Helligkeit.
Ihre Lider senkten sich herab und sie versuchte mithilfe ihrer letzten Gedanken eine Botschaft an ihre geliebte Tochter zu senden.
„Das ist wohl das Ende … Mein Kind …. Es tut mir so leid …!“

Ein hartnäckiger Sog zerrte an ihrem Körper.
Es war nicht schmerzhaft oder gar unangenehm. Beinah fühlte es sich sogar vertraut an, sodass es Titanya langsam dämmerte, dass dieses Ereignis vielleicht nichts mit dem Eintreffen des Pharaos zu schaffen hatte. Immer noch hielt sie die Augen fest geschlossen und bemühte sich darum, die Kontrolle über ihren pulsierenden Atem wiederzuerlangen. Dann fokussierte sich ihr feines Gehör darauf, Geräusche aus der näheren Umgebung zu erfassen. Doch es herrschte eine betäubende Stille.
War sie etwa …?
„Die Tugenden der Loyalität, Selbstlosigkeit und der wahren Liebe. Du hast sie alle drei erfüllt …!“
Den wärmenden Klang dieser Stimme kannte Titanya nur zu gut. Und trotzdem erschien es ihr als große Absurdität, diese jetzt zu vernehmen. War dies ein letzter Gruß? Die Gewissheit ihre Bewährungen gegenüber dem Schicksal erfüllt zu haben, ehe man sie in die kalten Arme des Todes entließ?
Sie nahm all ihren Mut zusammen und gab sich selbst das Versprechen stark zu bleiben, ganz gleich welcher Anblick sie erwarten würde.
Dann öffnete Titanya vorsichtig die Lider und hob den Kopf etwas höher, ehe sie erstarrte.
Denn das, was sie nun vor sich sah, schwächte das gegebene Versprechen umgehend ab.
Und ließ sie sich zudem noch zu einer Bemerkung hinreißen, die zwar durchaus ihrem temperamentvollen Charakter, jedoch weniger der Situation angemessen war. Trotz alledem drückte diese in wenigen Worten aus, was in all den Monaten geschehen war.
„Das darf doch nicht wahr sein.“  

Mit großen Augen sah die Prinzessin auf die Lichtgestalt vor sich, die sichtlich darum bemüht war, ihren unflätigen Satz mit einem Lächeln zu überspielen.
Das weiße Gewand bewegte sich sanft mit dem zarten Nebel im Takt, der um ihre Gestalt strich.
Das Blaugrün ihrer Iris schillerte wie der versteckte See inmitten eines tiefen Waldes und zeugte von unendlicher Tiefe.
Ich bin der Anfang der Ewigkeit, das Ende der letzten Stunde, der Anfang allen Endes und das Ende des letzten Tages. Die Ranghöchste der Schicksalsmoiren, durch deren Hände die Fäden eines jeden Lebens gleiten.“
So hatte sie sich ihr vorgestellt, damals bei ihrer ersten Begegnung.
An jenem Tag in der Schicksalswelt, wo ihr diese Bewährungen auferlegt wurden, auf dem Weg zur Wahrheit.
„Mein tapferes Kind …“, begann Atropos leise und eine Spur Mitgefühl schwang in ihrer Stimme mit. „Nicht einmal wir hatten Ahnung davon, wie sehr das Schicksal dich auf die Probe stellen würde. Und doch hast du dich bewährt und den Schleier damit gelüftet.“
„Atropos!“, presste Titanya ungläubig hervor. Nun war ihr klar, wo sie sich befand. Inmitten der Schicksalswelt, jener Zwischendimension, die hinter dem Leben und vor dem Tod lag.
Und es konnte gerade keinen denkbar schlechteren Zeitpunkt für die lang ersehnte Offenbarung geben.

„Du wirkst überrascht hier zu sein“, stellte Atropos ohne Umschweife fest.
„Ich will wirklich nicht undankbar erscheinen …“, so rang die Prinzessin mit ihren Worten, ehe es aus ihr herausplatzte: „Aber hast du eigentlich mitbekommen, was in unserer Welt vor sich geht? Ich habe jetzt wirklich keine Zeit, um mich mit meinem Schicksal zu beschäftigen! Sailor Saturn ist meine Tochter, das Böse kann jeden Moment unsere Welt in die Vernichtung reißen und du hast nichts Besseres zu tun, als mich ausgerechnet JETZT in die Schicksalswelt zu entführen? Während unter uns das Verderben tobt?!“
Titanya ging zumindest davon aus, dass sie sich über den ganzen Geschehnissen befanden und verglich es gedanklich mit Himmel und Hölle. Ein durchaus treffender Vergleich angesichts der prekären Lage auf Erden.
Atropos nahm diesen Ausbruch mit stoischer Ruhe hin, ehe sie mahnend die rechte Hand hob.
„Mein Kind, was denkst du nur von mir? Glaubst du wirklich, dass deine Anwesenheit hier und jetzt ohne jeglichen Grund erfolgt?“ Die Moire schwieg für wenige Sekunden, ehe sie fortfuhr.
„Titanya, dein Schicksal soll sich nun vor dir offenbaren. Denn dies könnte nun entscheidend für den Verlauf jenes furchtbaren Kampfs, der gerade in eurer Welt tobt.“
„Aber … Atropos! Nun ist es zu spät …der Pharao … ich muss bei meiner Tochter sein!“, flehte Titanya inständig, doch sie erntete ein winziges Kopfschütteln.
„Sei unbesorgt mein Kind, hier laufen die Uhren anders. Während du hier verweilst, werden in der wirklichen Zeit nur wenige Sekunden verstreichen. Das sollte uns genügen, um dir jegliches Wissen zu schenken, für das du so hart gekämpft hast.“
Titanya war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite wollte sie umgehend zu Saturn und Sailor Moon zurück, da dieser Kampf noch nicht vorbei war. Aber andererseits hatte Atropos gerade verkündet, dass ihr Schicksal durchaus noch Einfluss auf die fatale Lage nehmen konnte.
Was hatte sie noch zu verlieren? Sie musste den Worten ihrer einstigen Großmutter Glauben schenken und darauf vertrauen, dass wirklich nur ein paar Sekunden ihrer Zeit fehlten, wenn sie in die Realität zurückkehrte.
Atropos bemerkte die geschwiegene Zustimmung in ihrem Gesicht und nickte erleichtert. Ihr war deutlich anzusehen, dass auch sie die ganze Last der Geheimnisse endlich von ihrem Herz lösen wollte.
„Wir dürfen keine Zeit verlieren. Konzentriere dich mein Kind und sieh genau hin …!“
Sie drehte sich um und hob beide Arme gen Himmel, woraufhin sich der Nebel etwas lichtete.
Titanya erkannte diesen Vorgang, er hatte ihr schon einmal einen Blick in die Vergangenheit gewährt.
Damals …
Das erste und einzige Mal als sie Celeste begegnen durfte … ihrer Mutter.


Das goldene Reich der Erde
Die Königin starrte noch auf jene Stelle, an der Atropos zuvor stand und jetzt nur noch gähnende Leere herrschte.„Ich kenne die Bedeutung“, antwortete sie tonlos und drehte sich langsam zu Gaya um, der sie fragend ansah. „Mater Mortem – die Mutter des Todes.“
„Die Mutter des Todes?“, wiederholte er stirnrunzelnd. „Was um alles in der Welt hat das zu bedeuten?“ Er wiegte den kleinen Endymion hilflos in seinen Armen, während Celeste den Blick auf ihre Tochter gerichtet hatte, die jetzt ausgiebig gähnte und schließlich die Augen schloss.
Vorsichtig trug sie das Neugeborene hinüber in die großzügige gezimmerte Wiege und legte Titanya behutsam hinein. Mit leerem Blick umklammerten ihre Hände danach die hölzerne Umrandung.
„Celeste. Sprich mit mir“, bat Gaya. „Mater Mortem … was bedeutet dies Schicksal für unsere Tochter?“
Seine Gemahlin schien ihn erst jetzt wieder bewusst wahrzunehmen und drehte sich um. Dabei warf sie dem König einen langen und bedeutungsschweren Blick zu.
„Wenn die Güte des Schicksals eine seiner Göttinnen mit einem Kind segnet, so wie Atropos mit meiner Geburt bedacht wurde, liegt es in ihrer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass dieses ihr in den erlauchten Kreis der Moiren folgt, sofern es von weiblichem Geschlecht ist. So wird es auch unsterblichen Wesen ermöglicht, ihr immerwährendes Dasein irgendwann auf eigenen Wunsch zu beenden, sofern eine geeignete Nachfolgerin existiert. Doch ich habe meine Wahl zugunsten der Sterblichkeit getroffen und das Schicksal herausgefordert. Denn es beharrte durch meine Geburt auf eine Nachfolgerin für meine Mutter.“
Celeste schlug beide Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen.
„Liebster …!“, presste sie zwischen die verkrümmten Finger hervor. „Mein innigster Wunsch war ein Kind mit dir, ein Thronfolger für dieses Reich! Meine dumme Naivität hat mich glauben lassen, dass die Wahrscheinlichkeit viel größer wäre einen Jungen zu gebären, als ein Mädchen! Ein männlicher Nachkomme könnte niemals das Erbe von Atropos antreten und so glaubte ich, dass das die Geburt eines Sohnes das Schicksal zur Aufgabe zwingt. Wie sehr habe ich mich doch getäuscht …!“
Gaya schien sprachlos.
Ihm war bewusst, dass ihre Liebe zueinander noch einen Preis einfordern würde. Und nun war der Zahltag ohne Vorwarnung gekommen. Mit der Geburt seiner einzigen Tochter. Titanya.
Endymion schien mittlerweile beruhigt und eingeschlafen. Ohne einen Laut von sich zu geben, wurde er vom König ebenfalls in die Wiege gebettet, wo sich der kleine Prinz sofort zufrieden an seine Schwester kuschelte.
Dieser Anblick trieb dem sonst so gestandenen Herrscher gefühlsschwere Tränen in die Augen. Schnell wischte er mit dem Handrücken über das Gesicht, umfasste Celestes Schultern und drehte seine Gemahlin zu sich.
„Hör mich an! Vielleicht verwirrt dich gerade ein Missverständnis. Unsere Tochter ist eine Sterbliche, wie wir. Sie kann niemals die Nachfolge von Atropos antreten!“
Celestes blaue Augen verdunkelten sich.
„Du irrst, Liebster, denn Atropos Worte sprachen eine eindeutige Sprache. Das Schicksal war uns soweit gnädig, dass es Titanya aufgrund ihrer sterblichen Geburt nicht zur Nachfolgerin meiner Mutter auserwählte, obwohl es durchaus die Berechtigung dazu hätte. Denn auch in unserer Tochter lebt ein Teil der Moiren weiter, schließlich habe ich nur die Sterblichkeit aufgegeben. Nicht jedoch meine Herkunft.“
„Aber wenn die Gnade des Schicksals Titanya nicht als nächste Moire auserwählte, was führt dann zu deiner Beunruhigung? Und bei allen Göttern, was bedeutet Mater Mortem?“ Gaya wurde langsam zum Opfer seiner Ungeduld und bemühte sich augenblicklich den gereizten Tonfall seiner Stimme zu senken. Deutlich versöhnlicher fügte er hinzu: „Bitte Celeste. Ich bin ihr Vater, es ist mein Recht zu erfahren, was das Schicksal mit Titanya vorhat.“
Die Königin löste seine Hände von ihren Schultern und trat an das nächstgelegene Fenster.
Von dort aus, warf sie einen traurigen Blick in den schwarzen Himmel, den funkelnde Sterne zierten. Eigentlich eine friedliche Nacht.
Stunden des Glücks und der Erschöpfung lagen hinter ihr und nun würden es Jahre voller Sorgen und Schuld sein.
„Mater Mortem ….“, begann sie leise und ihre Stimme zitterte merklich. „Ist niemand anderes als Atropos selbst. Die Ranghöchste der Schicksalsmoiren, der es als einzige von ihnen obliegt, den Lebensfaden eines jeden Wesens zu durchtrennen. Sie schickt den Tod in diese Welt. Gesegnet durch die Geburt eines eigenen Kinds wurde sie so zu Mater Mortem, der Mutter des Todes. Denn sie hat ihm eine neue Generation geschenkt, eine Nachfolgerin welche ihn an ihrer Stelle irgendwann auf die Reise schickt, wenn ein Faden enden soll. Und sollte diese irgendwann ebenfalls ein Kind gebären …!“
Sie brach ab, drehte sich um und sah ihrem Gemahl lange und fest in die Augen.
Nun hatte Gaya verstanden.
„Titanya ist die nächste Mater Mortem, denn sie wird jenes Kind gebären, welches das Schicksal für den Kreis der Moiren erachtet hat.“
Celeste nickte stumm und eine verirrte Träne lief ihre linke Wange hinab.
Sofort kam der König näher und schloss sie fest in seine kräftigen Arme.
„Beruhige dich. Unsere Tochter ist gerade einmal wenige Stunden alt, es ist noch nicht gewiss, ob sie jemals Kinder gebären möchte. Was ohne jeglichen Zweifel eine Tragödie für die Blutlinie unserer Familie und die Thronfolge unseres Reiches wäre. Und selbst wenn Titanya mit einem Kind gesegnet wird, könnte es auch durchaus ein Sohn sein. Wir sollten uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen, sondern uns lieber über den Segen zweier gesunder Kinder freuen. Und dein Zustand erfordert nun endlich die Ruhe, die du dir längst verdient hast“, murmelte er liebevoll in ihr schwarzes Haar.
Doch Celeste sah auf und schob ihn brüsk von sich.
„Gaya! Hast du denn nichts verstanden? Sind dir die Worte Atropos denn völlig entgangen? Sie gewährte uns mit diesen Worten einen Blick in Titanyas Zukunft! Und hierbei brauchen wir nicht darauf zu hoffen, dass sie kein Kind oder einen Sohn gebärt!“Celeste wischte sich aufgebracht über die tränennassen Wangen.
„Titanya wird einer Tochter das Leben schenken, die Atropos Rang folgen wird.
Und das Schicksal hat unser zukünftiges Enkelkind dafür ausgewählt! Weil es mit Gewissheit eine ganz besondere Gabe in sich trägt … vielleicht eine Kraft … die Moiren kennen die Zukunft und das ist das, was meine Mutter darin gesehen hat! Unnötig darüber zu sprechen was sein könnte, denn es wird geschehen! Es ist die Bestimmung!“
Die Königin stockte und senkte den Kopf. „Und wir dürfen unsere Tochter auch niemals daran hindern, ein Kind zu bekommen. Es könnte den Lauf aller Dinge verändern …!“

Schicksalswelt
Dass sie geweint hatte bemerkte Titanya erst, als der Rückblick in die Vergangenheit wieder mit dem wabernden Nebel verschmolz und sie das Salz auf ihren Lippen schmeckte.
„Das ist also die Bedeutung von Mater Mortem“, stellte sie beklommen fest. „Du hast bei meiner Geburt gesehen, dass ich Taryas Mutter werde und sie als deine Nachfolgerin erwählt wurde. Aber warum? Warum Atropos? Diamond und ich waren ebenso Sterbliche, wie Celeste und Gaya! Warum wurde unser Kind dann für den Kreis der Moiren erwählt?!“
„Nicht einmal Klotho, Lachesis und ich hatten eine Ahnung dessen, was das Schicksal für Pläne hatte. Bei deiner Geburt sah ich jedoch, wie dein Weg verlaufen wurde. Die Sterblichkeit bewahrte dich vor der Wahl, mir auf meinem Weg zu folgen. Doch es bewahrte dich nicht davor, die nächste Mater Mortem zu werden, denn deiner Tochter Tarya stand Großes bevor. Das Pendel schlug zur damaligen Zeit in eine andere Richtung aus und die Dinge begannen sich zu verändern. Auch das Schicksal wurde so gezwungen, seine festgelegten Bestimmungen zu ändern. Denn es ahnte bereits, dass eine gewaltige Kraft nötig war, um das zu besiegen, was in diese Welt kam … das Böse.“
Mit Atropos Worten zog der Nebel seinen Schleier erneut wie einen Vorhang beiseite und offenbarte der fassungslosen Prinzessin einen weiteren Blick auf das, was einst geschah …

Das goldene Reich der Erde
Diamond kehrte beschwingt in die Gemächer seiner Gemahlin zurück.
Gerade hatte er Königin Celeste und König Gaya über das Geschlecht ihres ersten Enkelkinds in Kenntnis gesetzt. Die beiden freuten sich sichtlich, doch dann schien die Miene von Titanyas Vater etwas versteinert, während ihre Mutter in Tränen ausbrach. Dies verwunderte den Prinzen ein wenig, aber die Freude über seine erstgeborene Tochter dieses Vorkommnis schnell beiseite.
Es war eine große Veränderung im Leben des jungen Paares, die Reaktion der Herrscher ließ sich vermutlich auf ein emotionales Durcheinander schließen, denn ihr kleines Mädchen war nun endgültig erwachsen geworden.
Mit diesem Gedanken beruhigt, öffnete Diamond die Tür zu ihrem Schlafgemach.
Saphir hatte einen Stuhl an die geschnitzte Wiege herangezogen und beäugte immer noch aufmerksam das Baby darin, während Endymion auf einem Sessel in der Nähe saß und grüßend die Hand hob.
„Wo ist Titanya?“, lautete Diamonds erste Frage, als er mit vorsichtigen Schritten hin zur Wiege marschierte.
Endymion deutete auf das angrenzende Zimmer mit der angelehnten Tür.
„Meine Schwester versucht die Spuren die Spuren der Niederkunft so zu verschleiern, damit sie in Kürze den Moiren unter die Augen treten kann“, meinte er spitzbübisch.
„Wie ich schon mal sagte - die Natur hat weise gewählt indem sie Frauen mit dem Wunder einer Geburt beschenkte“, ertönte die Stimme Titanyas von nebenan. „Ein Mann wäre dazu wahrlich nicht imstande, begibt er sich doch schon mit der Rötung seiner Nase auf das Schlachtfeld gegen den Tod.“
„Hört hört“, gab ihr Bruder gelassen zurück und stand auf.
Er trat neben Diamond an die Wiege und nun sahen drei Augenpaare auf die schlummernde Prinzessin hinab.
„Nun mein Lieber, mir scheint, dass sich das Aussehen eurer Tochter an unserer Seite unserer Familie orientiert hat“, witzelte Endymion heiter und streckte einen Finger aus, mit dem er dem Baby zart über den schwarzen Haarflaum strich. Das kleine Näschen zuckte daraufhin etwas und die winzigen Fäustchen ballten sich enger zusammen.
„Ich finde sie wunderschön“, schwärmte Saphir. „Dennoch erscheint mir der Gedanke merkwürdig, sie als meine Nichte zu benennen. Kommt sie mir doch jetzt schon eher wie eine kleine Schwester vor.“
„So oder so, du wirst ihr ein wunderbarer Freund sein.“ Diamond wuschelte seinem Bruder liebevoll durch die Haare. „Und ihr und ihren zukünftigen Geschwistern all dein Wissen und deine unbändige Neugier auf das Leben lehren.“
„Zukünftige Geschwister?!“
Mit diesem Ausruf kam Titanya zurück in das Schlafgemach. Sie hatte sich des Geburtshemds entledigt und mit Hilfe ihrer Zofen einem einfachen und dennoch schmucken Gewand bekleidet.
Der blauschwarze Stoff strich lautlos über die schweren Teppiche, als sie auf die erlesene Männergruppe zuging, während Greta und Ava diskret hinaushuschten.
Diamond legte liebevoll einen Arm um ihre Taille und berührte mit seinen Lippen hauchzart ihre Schläfe, ehe er wieder in die Wiege blickte.
„Wer könnte beim Anblick eines solchen Wunders nicht den Wunsch verspüren, weitere zu empfangen?“, flüsterte er leise.
Endymion blies beide Backen auf, als er den Gesichtsausdruck seiner Schwester sah.
Schließlich war der gesamte Ostflügel in den letzten Stunden Zeuge ihrer teils gellenden Schreie geworden, welche durch die weiten Flure hallten. Nein, so schnell würde Titanya keinen Wunsch nach weiteren Nachkommen verspüren, dessen war er sich sicher.
„Wir müssen euch beide nun bitten, uns die Gemächer zu überlassen“, bemerkte die Prinzessin mit einem Blick auf die große Standuhr. „Es bleibt nur noch wenig Zeit, die Moiren werden bald hier eintreffen.“
„Wer würde es wagen, einer Mutter zu widersprechen.“ Endymion schnappte sich Saphir und warf den kichernden Jungen über seine linke Schulter. „Komm mit du Rabauke. Nach diesen aufregenden Stunden holen wir uns eine kleine Stärkung aus der Speisekammer und dann erzähle ich dir die Geschichte eines wunderschönen Mädchens, das auf dem Mond lebt.“
„Auja!“, jubelte Saphir und winkte den jungen Eltern noch einmal zu.
Diamond lächelte, presste aber mahnend einen Zeigefinger auf seine Lippen, da er um den Schlaf seiner Tochter fürchtete. Aber die Kleine döste immer noch seelenruhig vor sich hin.
Titanya nahm an der Wiege Platz, während er das Gemach durchquerte und leise die Türen hinter Endymion schloss. Dann wandte er sich um und bedachte seine Angetraute mit einem liebevollen Blick, in den sich nun ein Hauch Unruhe mischte.
„Ich möchte dir keine Sorge bereiten, aber ich fühle mich nur sehr wenig bereit zu hören, was die Moiren uns  zu sagen haben. Das Ganze ist mir neu und fremd, was mir äußerst widerstrebt."
„Wir haben aber keine andere Wahl“, antwortete Titanya gefasst und sah voller Liebe auf ihre Tochter hinab.
„Es ist nun einmal die Bestimmung und außerdem eine überaus große Ehre, dass die Moiren zu jeder Geburt eines königlichen Kindes hier erscheinen. Dies geschah schon bei meinem Bruder und mir und auch bei unserem Vater.“
Diamond nahm in dem großen Sessel Platz und sah Titanya fragend an.
„Wenn ich mir die Frage erlauben darf … Wie sind sich die Königin und der König seinerzeit begegnet? Er war ein Sterblicher und sie die Tochter der ranghöchsten Schicksalsmoire Atropos. Welche Fügungen waren nötig, damit sich die Wege der beiden kreuzten?“
Titanya schwieg für einen Augenblick.
„Darüber wurde der Mantel des Schweigens ausgebreitet“, antwortete sie schließlich verhalten. „Endymion und ich haben die Geschichte unserer Eltern nie zu hören bekommen und dies respektiert. Dieses Reich besteht immer noch voller Geheimnisse, doch unser Vater meinte dazu stets, dass wir die Antworten allein finden werden, wenn die Zeit gekommen ist.“Dies entsprach der Wahrheit.
Titanya und ihr Bruder hatten sich damit begnügt und als schlussendlich die Liebe in ihren eigenen Leben Einzug hielt, die Suche nach einer Antwort auf sich beruhen lassen.
Aber sie konnte Diamonds Unruhe verstehen, waren ihm die Geschichten und Legenden um die Schicksalmoiren doch weitaus weniger vertraut als ihr selbst.
Endymion und sie wuchsen hingegen mit Halbwissen auf, schließlich handelte es sich bei Atropos um ihre Großmutter, welche sie aber kein einziges Mal mehr zu Gesicht bekamen.
Da das Volk erahnte und sich die Gerüchte verdichteten wen der König einst ehelichte, hielt Celeste es für das Klügste ihre Kinder früh über einen Bruchteil aufzuklären. Schließlich sollte kein unflätiges Wort oder Gerüchte an ihre Ohren dringend und für Unsicherheit und Unwahrheiten sorgen.
Doch sie achtete stets darauf, dass kein Wort über ihre Lippen drang was das Schicksal von Titanya anging. Und nicht nur einmal zerbrach dieses Schweigen ihr Herz.
Abgesehen davon traf alles so ein, wie es zur Geburt der Zwillinge offenbart wurde.
Endymion wurde ein kluger, junger Mann, welcher von der Natur mit einem überaus attraktiven Aussehen bedacht worden war und Celeste in vielerlei Hinsicht ähnelte. Er besaß ihre Ruhe, ihr zurückhaltendes Wesen und ihre nie enden wollende Fürsorglichkeit. Auch Titanya entwickelte sich so, wie es die Moiren prophezeit hatten. Eine liebende Frau, mit dem Temperament und der Furchtlosigkeit ihres Vaters, sowie einem offenen Herzen, welches sie dem jungen Diamond entgegenbrachte.

Wie am Tag ihrer eigenen Geburt, wiederholte sich die Ankunft der Moiren wie ein geheimes Ritual, welches in keinen Geschichtsbüchern dieser Welt jemals festgehalten werden würde.
Die große Standuhr schlug leise zwölfmal.
Titanya und Diamond saßen auf den Sesseln vor dem großen Bett, die Wiege zwischen sich geschoben. Der Raum wurde durch eine Vielzahl an Kerzen erleuchtet, draußen herrschte die Nacht. Als der letzte Glockenschlag verhallte, wurde es ohrenbetäubend still.
Dann glommen in der Mitte des Gemachs drei weiße Lichter auf, die zu immer größer werdenden Kugeln heranwuchsen. Weiter und weiter… bis sie schließlich und endlich die leuchtenden Formen drei weiblicher Gestalten annahmen, deren Konturen sich langsam im gleißenden Leuchten verfestigten.
Das Paar erhob sich gleichzeitig und nahm die Hand des jeweils anderen, tief bewegt von diesem Moment. Vor ihnen standen die drei Moiren, wunderschöne Wesen mit fein gezeichneten Gesichtern, umgeben von sanft schimmerndem Licht. Rabenschwarzes Haar segnete die Erste, blond wie ein Engel erschien die zweite, während das Haar der Dritten an reife Kastanien erinnerten.
Es war alles wie damals. An jenen Tag einer Geburt im goldenen Reich, woran sich aber nur noch Celeste und Gaya entsinnen konnten.
Da Titanya als Kronprinzessin den höheren Rang als ihr Gemahl besaß, oblag ihr die Begrüßung der außergewöhnlichen Besucherinnen.
„Wir danken den Moiren, dass sie uns zur Geburt unserer Tochter mit ihrer Anwesenheit beehren.“
„Es ist uns eine Freude, den Majestäten zur Geburt ihres Kindes unsere Glückwünsche persönlich überbringen zu dürfen“, erwiderte Atropos sichtlich gerührt. Denn immerhin sprach sie hier auch als Urgroßmutter, zu der Titanya und Diamond sie gemacht hatten.
„Wir sind die Moiren, Schicksalsgöttinnen aus dem inneren Reich der Schicksalswelt, Klotho, Lachesis, Atropos. Gekommen, um euch als einzigartiges Geschenk einen Aufschluss darüber zu geben, was das Schicksal für die Thronfolgerin bereithalten wird. Und dennoch dürfen wir die Zukunft nicht offenbaren.“
„Wir sind unser dieser Regel bewusst und erwarten demütig jene Worte, welche ihr über die Zukunft unserer Tochter im Rahmen des Möglichen offenbaren wollt.“
Titanya wirkte völlig entspannt und ihr Anblick löste etwas die Verkrampfung, welche sich um Diamond gelegt hatte. Diese Begebenheit wirkte dennoch ein wenig befremdlich auf ihn, doch für das Wohl seiner kleinen Familie war er bereit sich in jeglicher Hinsicht zu öffnen.
Nachdem auch er seine Begrüßungsworte an die Moiren gerichtet hatte, schienen diese nun bereit sich dem Kind zu widmen, als eine von ihnen aus dem festgelegten Protokoll fiel.
Atropos trat vor, nahm Titanyas Gesicht in beide Hände und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Es erfüllt mich mit großer Freude, nun endlich in das Antlitz meiner einzigen Enkeltochter zu sehen und darin die Schönheit meiner Tochter zu finden. Nichts machte mich glücklicher als der Ruf, welcher die Geburt einer neuen Prinzessin verkündete. Und doch wiegt mein Herz schwer, durch die Last, welche wir mit uns bringen.“
Jetzt war es an Titanya  Unruhe zu zeigen und Diamonds freundliche Gesichtszüge schienen zu erstarren.
Atropos ließ sich aber nicht beirren, zeigte auf die Wiege und bemühte sich um ein Lächeln.
„Ich darf die Hoheiten nun bitten, mir ihre Tochter zu überreichen.“
Titanya beugte sich hinab und legte behutsam die Hände um den zerbrechlichen Körper. Ihre Tochter sperrte gelangweilt ein Auge auf und gab ein lautes Gähnen von sich. Die besondere Anwesenheit der Moiren schien sie keineswegs zu stören, aber als ihre Mutter sie an Atropos übergab, war das niedliche Gesicht plötzlich hellwach.
„Ich bitte die Hoheiten nun, uns Moiren den gewählten Namen für Ihre Tochter zu nennen.“
Titanya und Diamond wechselten einen kurzen Blick miteinander, ehe die Prinzessin ihre Wahl preisgab.
„Tarya.“
„Tarya“, wiederholte Atropos sorgfältig und wiegte die Kleine in ihrem Arm. „Das Schicksal hat ihr eine außergewöhnliche Bestimmung zugedacht. Sie ist ein neuer Anfang und bringt eine neue Ära.“
Damit gab sie das Kind an Klotho weiter, die ebenfalls vom Anblick der kleinen Prinzessin ganz verzückt schien. „Tarya, das reine Herz wird ihr stets den Weg weisen und sie vor Bösem bewahren.“
Nun war Lachesis an der Reihe und Titanya bemerkte eine leichte Übelkeit in ihr aufsteigen. Am liebsten hätte sie die Moiren angefleht, nun endlich aufzuhören in Rätseln zu sprechen.
Ein neuer Anfang? Eine neue Ära? Doch sie musste ihr Temperament zügeln und geduldig erfahren, sonst würden sich die Moiren in Schweigen hüllen.
„Tarya“, begann Lachesis feierlich. „Ihr Name wird zu einer Legende werden, respektiert von den Bewunderern, gefürchtet von den Feinden. Sie vereint die Mächte ihrer Vorfahren und wird diese  weise einsetzen.“
Damit übergab sie die Kleine zurück an Titanya, die ihr Kind sofort fest an sich drückte. War es mütterlicher Instinkt oder ihr leicht misstrauisches Naturell, welches dieses nagende Gefühl in ihrem Innersten auslöste? Sie warf einen Blick zu ihrem Gemahl, dem die Unsicherheit deutlich vom Gesicht abzulesen war.
Da sich die Geschichten ihrer Familie als grundverschieden zu bezeichnen waren, fehlte ihm gerade der Erfahrungswert, um aus den Worten der Moiren eindeutige Schlüsse zu ziehen.
Doch die Prinzessin besaß ein weitreichenderes Wissen. Obwohl die Vergangenheit ihrer Eltern hinter einer Mauer des Schweigens lag, wussten Endymion und sie vieles über die Geschichte ihres Reiches. Die darin enthaltenen Schätze und Mächte, welche weit über die Vorstellungskraft eines normal Sterblichen hinausging.

Tarya blickte aufgeweckt von Klotho zu Lachesis und schließlich hinüber zu Atropos. Als ihre Augen die Urgroßmutter erfassten, begann sie ihre kleinen Hände nach dieser auszustrecken.
Was Titanya mehr als nur verwunderte.
„Was hast du denn, meine kleine Fee?“ Hilfesuchend blickte sie zu der Schwarzhaarigen. „Ich fürchte, dass sie …?“
„Gib sie mir ruhig“, antwortete Atropos gelassen und nahm die kleine Prinzessin entgegen, die sich sofort vertrauensvoll in ihren Arm schmiegte.
„Nun, Ihr verzeiht“, begann Diamond verwirrt. „Wir besitzen noch keinerlei Erfahrung mit Kindern, doch scheint es mir äußerst merkwürdig, dass unsere Tochter Euch bereits sieht und wahrnimmt. Sie wurde erst vor wenigen Stunden geboren.“
Titanya nickte stumm und behielt Tarya sorgfältig im Auge. Tatsächlich schien das neugeborene Kind Atropos bewusst zu sehen und reagierte auf die Moire.
Klotho räusperte sich.
„Wie Ihr von Atropos bereits vernommen habt, kommen wir heute nicht nur mit dem Gefühl der Freude zu Euch in das Reich. Als die Spinnerin der Lebensfäden, den Anfängen eines jeden Lebens, wird nur mir die Aufgabe zuteil Euch mitzuteilen, was das Schicksal für die kleine Tarya noch bereithält.“
Titanya packte aus einem Impuls heraus Diamonds Hand und hielt diese verkrampft fest. Er strich beruhigend mit dem Daumen darüber, aber sie konnte das Beben spüren, welches durch seinen Körper ging. Klotho bemerkte dies und versuchte einzulenken.
„Bitte seid unbesorgt. Die Last bezieht sich nicht auf das Wirken von Tarya, im Gegenteil.“
Nun war Titanyas Geduld am Ende.
„Ich bitte Euch! Nein, ich flehe Euch an! Genug der salbungsvollen Worte! Was erwartet meine Tochter? Was ist mit meinem Kind? Stimmt etwas mit ihr nicht? Ich muss es wissen!“
Ihre Stimme überschlug sich beinahe und sie hatte alle Mühe nicht in Tränen auszubrechen. Aber hierbei stand ihr glücklicherweise noch der Stolz im Weg. Sie war Gayas Tochter, die künftige Königin dieses Reiches. Sie musste jetzt Contenance wahren, der Offenbarung tapfer und mutig gegenüberstehen. Wie auch immer diese zu aussehen vermochte.
Atropos schaukelte Tarya bedächtig hin und her, als plötzlich einige Kerzen im Raum erloschen. Das ohnehin schon diffuse Licht senkte sich so weiter herab, bis die leuchtende Aura der drei Moiren den verbliebenen warmen Schein bei Weitem überstrahlte.
Die Hand der Ranghöchsten senkte sich auf Taryas Stirn herab und strich mit langen Fingern darüber.
Titanya hielt den Atem an. Der Goldstern, wie auch sie und ihre Mutter ihn trugen, würde sich erst einige Tage nach der Geburt bilden. Was wollte Atropos hier bezwecken? Das Emblem sogleich zum Vorschein bringen? Doch welchen Sinn sollte dies in sich haben?
Tarya sah mit großen Augen Richtung Decke, ehe sie plötzlich fest die Lider schloss. Ihr ganzer Körper schien mit einem Mal von einer unsichtbaren Energie erfasst zu werden, sie ballte die Fäustchen und zog den Kopf etwas tiefer zwischen die Schultern, als würde etwas ihre ganze Anstrengung verlangen.
Diamond wollte gerade den Mund öffnen und diesem Treiben Einhalt gebieten, aber die erhobene Hand von Lachesis brachte ihn umgehend zum Verstummen, noch ehe ein Ton aus ihm herauskam.
Und dann sah er es.
Auf Taryas Stirn erschien ein leuchtendes Symbol, schimmernd in zartem Violett, ähnlich wie die Sprenkel in seinen Iriden. Es erschien wie ein merkwürdig geformter Buchstabe. Aus einem Alphabet, das ihnen beiden gänzlich unbekannt war.
Die Anstrengung schien nun von der kleinen Prinzessin abzulassen, denn sie löste ihre winzigen Fingerchen und öffnete die Augen, mit denen sie Atropos glücklich anstrahlte.
Ihr ging es gut, das konnte Titanya umgehend spüren. Und doch trug es kaum zu ihrer Beruhigung bei.
„Sei willkommen in dieser Welt“, begann Klotho feierlich. „Das Schicksal hat einen mächtigen Verbündeten auf seine Seite gebracht, welcher dich auserwählte. Von heute an stehst du unter seinem Schutz und wirst seine Macht empfangen. Die Kriegerin des Todes hat das Licht des Lebens erblickt und wird ihre Bestimmung erfüllen. Sei willkommen in dieser Welt … Sailor Saturn.“


Schicksalswelt
„Mein Gott!“, presste Titanya hervor und schlug eine Hand vor ihren Mund, während die zweite vergebens nach Halt suchte. „Ich kann mich erinnern! Ich kann mich endlich daran erinnern!“
Atropos beobachtete sie schweigend, als die Prinzessin ihr Haar raufte und konzentriert die Augen schloss.
„Nun weiß ich es wieder! In der Nacht nach Taryas Geburt habt ihr uns die Wahrheit offenbart! Das Schicksal hat vorhergesehen, dass die Welt nicht nur von Frieden beseelt sein wird. Mächtige Feinde würden für Unruhen sorgen und dafür sollten wir gewappnet sein. Meine Tochter wurde als Sailor Saturn geboren, die Kriegern der Zerstörung die unter dem mächtigen Schutz des Saturns steht. Er hat sie auserwählt, wodurch das Schicksal die Bestimmung änderte. Und da ich die Kriegerin des Todes geboren habe …!“
„Bist du Mater Mortem“, ergänzte Atropos gefasst. „Die Mutter jenes Wesens, das meinen Platz einnehmen kann, wenn ihre Zeit gekommen ist.“
Ihr Blick wanderte verloren durch den dichten Nebel, ehe sie weitersprach.
„Das Böse hat schon immer existiert. Und die Vorhersehung prophezeite gewaltige Kriege und mächtige Gegner, dem irdische Wesen niemals gewachsen wären. Dem ehrwürdigen Kreis der Moiren ist es strengstens verboten in die Geschehnisse einzugreifen und wir haben keinerlei Einfluss darauf, was am Ende wirklich geschehen wird.“
„Das hast du damals auch gesagt“, erinnerte sich Titanya fieberhaft. „Du kannst den Lebensfaden des Bösen nicht zerstören, da keiner existiert! Die absolute Vernichtung von ihm, kann deshalb nur durch die Hand einer Kriegerin erfolgen, welche durch ihre göttliche Abstammung und die Bestimmung des Schicksals dazu berechtigt ist. Der mächtige Saturn, Planet der Zerstörung, hat mein Kind als seine Kriegerin auserwählt! Sie sollte deine Hand in dieser Welt werden, um das Ende zu bringen!“
Nun stieg eine heiße Welle der Fassungslosigkeit in ihr auf.
„Uranus, Neptun und Pluto hatten Unrecht! Sailor Saturn bringt die Vernichtung, aber die unserer Feinde! Nicht unserer Welt! Sie steht auf unserer Seite!“
Jetzt lächelte Atropos endlich wieder und nickte.
„So ist es, mein Kind. Durch ihre Bestimmung und ihre Geburt machte Sailor Saturn dich zu Mater Mortem, der Mutter des Todes. Nun kennst du deine Wahrheit.“
Immer mehr verschüttete Erinnerungen drangen aus Titanyas Gedächtnis an die Oberfläche und sie riss überwältigt die Augen weiter auf.
„Deswegen wuchs meine Fee so schnell heran. Man drehte sich kaum um, schon war sie wieder etwas größer geworden. Dies geschah …!“„Dies geschah, da eine jede Sailorkriegerin in einem bestimmten Lebensalter zu vollen Kräften erwachen kann“, vollendete Atropos den Satz. „Wenn Körper und Geist im Einklang und soweit ausgereift sind, dass sie die ihr zugedachten Kräfte beherrschen und weise einsetzen.“
Jetzt wurde der Blick der Moire finster. „Doch für die Dunkelheit war solch eine außergewöhnliche Kriegerin von besonderem Interesse. Auf ihrer Seite stehend, könnte Sailor Saturn mit einem einzigen Schlag ihre Pläne Wirklichkeit werden lassen und eine gesamte Welt vernichten. Um den Schutz deiner Tochter bis zu ihrem Erwachen zu wahren, versiegelten wir das Wissen um ihre Bestimmung mit unserem Schweigen. Nur deine Eltern, dein Bruder Endymion und natürlich Prinz Diamond waren eingeweiht. Was zu allem Unglück das Misstrauen von Königin Serenity erweckte und zum Bruch zwischen den Reichen führte.“
Fast hätte Titanya aufgeschrien, denn diese Erkenntnis war nun völlig neu für sie. Bislang war sie davon ausgegangen, dass sie und ihr ominöses Schicksal der Grund dafür waren, dass ihr Bruder und Prinzessin Serenity sich nicht lieben durften.
Atropos schien ihre Gedanken erraten zu haben und schüttelte den Kopf. „Auch die Königin des Mondes hatte aufgrund ihrer göttlichen Kräfte die Fähigkeit, bestimmte Dinge vorherzusehen. Wenn auch nicht in jener Klarheit, die allein den Schicksalsmoiren vorbehalten ist. Da Celeste über dich und Tarya Stillschweigen behielt, so wie es ihre Pflicht war, verlor Königin Serenity das Vertrauen in sie und wollte aufgrund ihrer Vorahnungen das eigene Reich schützen. Kein Bewohner der Erde sollte je wieder den Mond betreten, doch dein Bruder brach diese Regel aus Liebe zu ihrer Tochter.
In der Stunde der Vernichtung durch Metallia, erkannte Serenity ihren Irrtum, als du und Endymion euer Leben verloren habt. Tarya war noch zu jung und sie hatte keine Chance zu erwachen, um euch allen zu Hilfe zu eilen.
Es war eine grausame Fügung und wir standen dieser völlig machtlos gegenüber.
Als Königin Serenity sich selbst opferte, indem sie den Silberkristall gepaart mit der Macht der Heiligen Drei anrief, erfuhr sie selbst die Wahrheit über dich und Tarya und erkannte auch die immerwährende Liebe zwischen ihrer Tochter und Endymion. Ihre Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft erstreckte sich als Dank über alle verlorenen Leben der beiden Reiche und schenkte ihnen in einer fernen Zukunft die Wiedergeburt.“
Atropos hielt kurz inne und atmete tief durch. Titanya konnte nur ahnen, was als Nächstes folgen würde.
„Das Pendel des Schicksals behielt seinen Takt, aber bekam erneut eine andere Richtung. Ihr solltet alle im zwanzigsten Jahrhundert wieder miteinander vereint werden. Du würdest deine Liebe wiederfinden und Tarya durch euch erneut geboren werden.“
Titanya spürte Atropos tiefes Bedauern und hörte die Brüchigkeit in ihrer Stimme.
„Ja, es kam alles anders. Da Diamonds Seele abgefangen und in der Zukunft für böse Zwecke missbraucht wurde, ehe er starb, war es für Tarya schier unmöglich geworden, auf dem vorgezeichneten Weg zu dir zurückzufinden. Nur die Tatsache, dass sie auch die mächtige Kriegerin des Saturn war, brachte ihre Seele zur Wiedergeburt. Nur in einem Wesen, welches dafür nicht vorgesehen war.“
„Hotaru“, brachte die Prinzessin hervor. „Jetzt verstehe ich. Eigentlich sollte ich mein Kind mit Diamond in dieser Zeit erneut auf die Welt bringen. Aber sein Geist war in die Zukunft entführt worden, auf Nemesis weiter beeinflusst … seiner Erinnerungen beraubt.“
„Wie du weißt, hatte Diamond keine Chance daraus zu entfliehen und so seid ihr euch erst wieder begegnet, als die Familie des schwarzen Mondes auch das zwanzigste Jahrhundert angriff. Und währenddessen war Tarya schon längst wiedergeboren, in der kleinen Hotaru Tomoe. Denn die Welt brauchte die Kraft von Sailor Saturn und in dieser Identität konnte sie unbeschadet heranwachsen, bis der Zeitpunkt ihres Erwachens gekommen war. Doch leider bedeutete es auch, dass ihr beide voneinander getrennt wurdet.“
Haltlos liefen die Tränen über Titanyas Gesicht. Wie ungerecht und grausam das alles doch war! Sie hätte mit Diamond und Tarya ein neues Leben in dieser Zeit haben können, genau wie Bunny und Mamoru, die sich ebenfalls wiederfanden. Doch die Machtgier ihrer schier unerschöpflichen Gegner, seien es das Phantom der Macht oder nun der Pharao, hat all dies verhindert.
„Es waren die Death Busters, welche das Labor von Soichi Tomoe damals zur Explosion brachten“, offenbarte Atropos schließlich. „Auch das Böse ist nicht unwissend und hat die Kenntnis gewonnen, dass Hotaru Tomoe mit dem Geist von Sailor Saturn geboren wurde. Unsere mächtige Kriegerin erschien ihnen als die beste Wahl, um die Dämonisierung Mistress 9 in Hotarus Körper einzubringen, damit diese sich mit Saturn zu einer unendlichen Macht vereinen konnte und ihre Kräfte für die absolute Vernichtung nutzen. So erpressten sie auch den teuflischen Handel mit Hotarus Vater, indem sie zunächst das Leben seiner Tochter beendeten. In seiner unendlichen Trauer und voller Verzweiflung, stimmte er dem zu.“
„Was ich vermutlich auch getan hätte“, dachte Titanya still. Doch ihr brannte noch eine weitere Frage auf der Zunge und auch wenn Atropos versichert hatte, dass nur wenige Sekunden in der Realität vergehen würden, spürte sie die Zeit in ihrem Nacken.
„Aber was habe ich damit zu tun? Mistress 9 wollte mich täuschen, damit ich sie als Tochter anerkenne und damit auch mein Schicksal als Mater Mortem. So würde sie die Unsterblichkeit erlangen und könnte niemals vernichtet werden! Aber jetzt wo ich die Wahrheit kenne … ich meine … ich habe doch keinerlei Verwendung!“, rief sie bestürzt aus. „Ich bin Mater Mortem, die Mutter des Todes. Weil ich seiner Kriegerin das Leben geschenkt habe. Und damit ist meine Bestimmung doch erfüllt oder etwa nicht?“
Atropos blaugrüne Augen funkelten geheimnisvoll. Behutsam glitt ihre rechte Hand nach vorn und zog das Emerald Cross an seiner Kette hervor, die um Titanyas Hals hing.
„Auch für dich, hatte das Schicksal eine weitaus größere Bestimmung, mein Kind. Doch da du zum Schutz deines wahren Ichs, genau wie Serenity, in dieser Zeit als Kriegerin geboren wurdest, musstest du dich den drei Bewährungen stellen, um ihm zu beweisen, dass du ihr gewachsen bist.“
„Bestimmung?“ Titanya fiel es langsam wie Schuppen von den Augen. Ihre unaufhörliche Suche nach einer Erfüllung. Das Zurücktreten der ihres zukünftigen Ichs von der Thronfolge, deren Gründe sich dort niemand wirklich erklären konnte. Hatte die zukünftige Titanya doch mehr Wissen, als sie selbst? Es muss mehr hinter Mater Mortem stecken.
Sie sollte ihre Kräfte Mistress 9 übergeben, damit diese unsterblich wurde …
Ihre Tochter wäre geschützt, solange sie selbst am Leben bliebe …
Der Titan, ihr Schutzplanet, welcher sie nach der Wiedergeburt auserkor, um die Identität Titanyas zu verschleiern….Die Kraft des Saturn … ein Teil davon war auch in ihr ….
Das Emerald Cross und seine wahre Macht …
Bruchteile von allem, was sie je über sich selbst gehört hatte, schleuderten durch ihre Gedanken und zwangen die Prinzessin beinahe in die Knie, hätte Atropos sie nicht aufgefangen.
Die Moire hielt sie sanft, aber bestimmt fest.
„Nun hör gut zu mein Kind. Ich weiß du hast noch viele Fragen, doch die Antworten darauf wird erst die Zeit mit sich bringen. Ruf die Kraft des Titans zu dir und kehre damit in deine Welt zurück, wo nur ein Wimpernschlag vergangen ist. Dort wirst du die wahrhafte Berufung der Mater Mortem erfahren …!“
Atropos berührte sacht das kalte Metall des Kreuzes, woraufhin es zu glimmen begann.
Nur wenige Sekunden später erschien eine schimmernde Lichtkugel, die den vermissten Verwandlungsstab in sich trug.
Titanya hätte in diesem Augenblick am Liebsten aufgestöhnt. Dass sie darauf nicht selbst gekommen war, dabei war es doch so naheliegend. Schnell griff sie danach, ehe eine letzte Frage über ihre Lippen kam:
„Aber wie genau finde ich diese Bestimmung heraus? Wir haben doch keine Zeit mehr …!“
Atropos strich sich das lange Haar zurück und offenbarte dort den Goldstern, welcher auch ihre Stirn schmückte, ehe ihre Gestalt zu flirren begann und sich langsam auflöste.
Der Nebel wurde stärker und verschluckte immer mehr ihre Kontur, doch die Stimme der Moire hallte noch klar und deutlich durch die Weite der Schicksalswelt.“
„Vertrau auf deine Tochter. Vertrau auf Sailor Saturn. Sie kennt deine Bestimmung. Sie kannte sie … die ganze Zeit …!“
Und damit war sie endgültig verschwunden. Titanya fühlte sich, als hätte ihr Körper einen reißenden Fluss voller Erinnerungen durchschwommen, die nun von allen Seiten an ihr zerrten. Aber sie musste vertrauen. Es war augenblicklich keine Zeit mehr, weitere Fragen über all das Gehörte zu stellen. Die Antworten mussten von allein kommen, denn jetzt zählte nur eines.
Sie mussten das Böse aus dieser Welt verjagen.
Und ihre Bestimmung sollte ihr dabei helfen.
Wie auch immer diese aussah.


„TITAN PLANET POWER – MAKE UP!!!“
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