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The Moonlight Story - First and Last and Always

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Mix
Ami Mizuno / Sailor Merkur Makoto Kino / Sailor Jupiter Mamoru Chiba / Tuxedo Mask / Endymion OC (Own Character) Rei Hino / Sailor Mars Usagi "Bunny" Tsukino / Sailor Moon / Serenity II
01.09.2021
04.12.2022
141
956.300
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25.09.2022 8.900
 
Das Wasser des Pools war glatt wie ein Spiegel. Nicht eine einzige Welle war darauf zu sehen, selbst die Luft schien gerade stillzustehen. Michiru lag auf einer Liege am Beckenrand, ein Hemd von Haruka über den hellblauen Badeanzug gestreift und ihre Lieblingsmuschel am Ohr. Sie hatte diese bei ihrem ersten gemeinsamen Strandspaziergang gefunden und war sofort von ihrer Perfektion eingenommen.
Jetzt hörte sie wieder das Rauschen des Meeres, schmeckte das Salz auf ihren Lippen, spürte die gleißende Sonne auf ihrer Haut. Möwen umkreisten sie majestätisch und gaben von Zeit zu Zeit ihre kreischenden Laute von sich, welche die wunderbare Atmosphäre noch untermalte.
Michiru stand gedanklich mitten im Wasser, ließ ihre Beine von dem kühlenden Nass umspülen und empfand ein tiefes Gefühl von Frieden und Geborgenheit.
„Es ist nicht fair, dass du dich in deine eigene Welt zurückziehst.“
Harukas Stimme drang wie durch Watte zu ihr und verdrängte langsam die Illusion, welcher sich Michiru nur allzu gern hingegeben hatte. Träge öffnete sie die Augen und sah direkt in das vertraute Gesicht ihrer Partnerin, die sich über das Kopfende der Liege gebeugt hatte.
„Es ist nicht fair, dass du dich in deine eigene Welt zurückziehst und mich hier allein lässt.“
Langsam verzogen sich die weich geschwungenen Lippen Michirus zu einem Lächeln. So sehr sie ihre kleinen Traumreisen auch genoss, sie waren nichts gegen die Anwesenheit der Frau, die sie liebte. Ihre Hand tastete nach oben und sie strich mit dem Zeigefinger über Harukas Kinn.
„Heute Nacht, hatte ich einen Traum.“
„Ja?“
„Ich konnte es sogar noch spüren, nachdem ich aufgewacht war. Es ist noch niemals vorher passiert.“
„Ich weiß“, erwiderte Haruka mit rauer Stimme.
Michirus Augen weiteten sich. „Du hast es also gemerkt?“
„Ja natürlich. Es gibt keinen Zweifel. Heute werden wir einen Talisman finden.“

Dieser Überzeugung war auch Eugeal, als sie das verlassene Hexenlabor betrat. Heute war eigentlich ihr freier Tag und die vier anderen rechneten wohl nicht mit dem Erscheinen ihrer Vorgesetzten. Jedenfalls war weit und breit niemand zu sehen, vermutlich wurde die Narrenfreiheit gerade für eine ausgiebige Tratscherei an anderer Stelle genutzt. Das war Eugeal aber ganz recht so. Mit dem vorangegangenen Ereignis musste sie zwar eine weitere Niederlage verzeichnen, aber hatte dafür ganz neue, interessante Erkenntnisse gewonnen. Denn vier der acht Sailorkriegerinnen waren nun enttarnt und für Eugeal würde es jetzt ein Leichtes sein, auch die anderen zu identifizieren.
Denn ihren Wagen hatte sie gestern nach dem Verlassen der Tiefgarage in der Nähe geparkt und genau beobachtet, wer von dort herauskam.
Ein paar Schnappschüsse mit ihrem Fotoapparat, mehrere Stunden in der Dunkelkammer und schon konnte die Hexe an ihrem privaten Computer die Bilder einscannen und das selbst entwickelte Programm drüber laufen lassen.
„Dann wollen wir mal sehen.“ Sie schob eine Diskette in den Schlitz und schaltete den Monitor an.
Die Identifikation dauerte einige Minuten, also goss sich Eugeal einen Kaffee aus der Filtermaschine ein. „Ist noch heiß“, murmelte sie nach dem ersten Schluck. Das bedeutete, die anderen vier waren heute zumindest schon mal hier unten gewesen.
Der Computer piepste.
Eugeal lief sofort zu ihrem Drehstuhl, ließ sich hineinfallen und drehte das Gesicht Richtung Monitor.
Bunny Tsukino, sechzehn, Schülerin - Identifikation Sailor Moon
Serena Chiba, neunzehn, Studentin -  Identifikation Sailor Titan
Ami Mizuno, fünfzehn, Schülerin - Identifikation Sailor Merkur
Rei Hino, sechzehn, Schülerin - Identifikation Sailor Mars
Makoto Kino, fünfzehn, Schülerin -  Identifikation Sailor Jupiter
Minako Aino, fünfzehn, Schülerin -  Identifikation Sailor Venus
Haruka Tenoh, siebzehn, Schülerin -   Identifikation Sailor Uranus
Michiru Kaioh, siebzehn, Schülerin - Identifikation Sailor Neptun

Halblaut las Eugeal die Daten vor und ihre Finger tippten anschließend einen neuen Befehl in die Tastatur, woraufhin die Bilder von Haruka, Michiru und Minako verschwanden.
„Na sieh mal einer an“, murmelte sie überrascht. „Bunny, Serena, Ami, Rei und Makoto sind bereits von Kaorinite auf Talismane überprüft worden und diese selbstverliebte Kuh hat nicht einmal bemerkt, dass sie unsere Feinde vor sich hatte. Zu dumm, es wäre die Gelegenheit gewesen, zumindest fünf von ihnen aus dem Weg zu räumen.“
Schnell nahm Eugeal einen weiteren Schluck Kaffee und dachte nach. Sie hatte sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen, um das bestehende Programm zu verfeinern und damit endlich die richtigen Talisman-Träger ausfindig zu machen. Dass sie nun die Identitäten der Kriegerinnen kannte, half ihr dabei ungemein. Wer mit einer zweiten Identität lebte, nur um damit für Liebe und Gerechtigkeit zu kämpfen, musste ein ausgesprochen reines Herz besitzen. Allerdings konnte Eugeal bereits sechs von ihnen definitiv ausschließen.
Sie rief die einzelnen Profile der bislang geprüften Kriegerinnen auf. Bunny Tsukino liebevoll und überaus empathisch. Serena Chiba, großzügig und sehr familienorientiert. Eugeal klickte mit einem genervten Seufzer ein kleines Fenster weg, das neben dem Bild von Serena auftauchte. „Was will ich denn mit einem Mamoru Chiba? Und weiter.“
Ami Mizuno, hochintelligent und sanftmütig. Makoto Kino selbstbewusst und setzte sich gern für Schwächere ein. Minako Aino, zielstrebig und mutig.
Alle sechs hatten interessante Eigenschaften, zeichneten sich durch Ehrlichkeit, Stärke und hoher Einsatzbereitschaft auf. Wer, wenn nicht sie, würde dann ein so reines Herz in sich tragen, dass es einem Talisman würdig war?
Nachdenklich wippte Eugeal auf dem Stuhl vor und zurück, als ihr plötzlich eine Idee kam.
„Reine Herzen erkennt man vielleicht nicht auf den ersten Blick“, meinte sie und rief den Programmschlüssel auf. „Und auch nicht immer durch positive Eigenschaften. Zweifel, Ängste, Druck durch bestimmte Aufgaben ...“
Jetzt schlug sie sich an die Stirn. „Natürlich! Das ist es doch! Ich werde den Schlüssel umkehren und nach den Menschen suchen, die sich bislang ihres reinen Herzens noch nicht bewährt haben, weil bestimmte Dinge sie davon abhalten, es zu zeigen!“
Jetzt nahm der Eifer endgültig überhand. Eugeal tippte und klickte, stellte innerhalb von dreißig Minuten den Programmschlüssel um und nahm erst wieder den Blick vom Monitor, als ihre Augen schmerzten. Zufrieden sah sie auf die unzähligen Hieroglyphen vor sich, welche gerade den neuen Suchverlauf erstellten.
Ihre Füße, die immer noch in schwarzen Ballerinas steckten, waren mittlerweile eiskalt geworden.
Nachdem das Programm noch ein paar Minuten bis zur Fertigstellung benötigen würde, entschloss sich Eugeal dazu ihren Spind aufzusuchen, um ihr Schuhwerk gegen ein paar wärmende Pantoffeln zu tauschen und etwas Schokolade aus ihrem Geheimvorrat zu naschen.
Beschwingt verließ sie das Labor, lief den Gang entlang und betrat durch eine Tür die leere Umkleidekabine der weiblichen Angestellten.
Dort angelte Eugeal ihre Pantoffeln aus dem Spind und schlüpfte gerade mit einem wohligen Seufzen hinein, als sie etwas schmerzhaft in den rechten großen Zeh stach.
„AUA! VERDAMMT!“
Verdutzt zog die Hexe einen spitzen Reißnagel aus dem weichen Plüsch hervor und betrachtete ihn mit großen Augen. „Irgendwer will meine schönen Füße ruinieren!“
Aber das sollte bei Weitem noch nicht alles gewesen sein. Denn als Eugeal sich auf den Schreck mit einem Schokoriegel beruhigen wollte und erneut in den Spind griff, wurde etwas offenbar, das sie auf den ersten Blick gar nicht bemerkt hatte.
Angelockt durch das einfallende Licht, krochen aus jedem Winkel des Spinds kleine braune Schnecken hervor. Sie klebten an den Seitenwänden, Eugeals Laborkitteln, krochen über ihre Bücher und hinterließen dort schleimige Spuren.
„IGITT!!!“ Eugeal stolperte vor Abscheu ein paar Schritte nach hinten und prallte mit dem Rücken an den gegenüberliegenden Spind. „Wie kommen denn die Versuchsschnecken in meinen Schrank?! Das ist ja eklig!“
Da erklang auf dem Flur das deutliche Gelächter mehrerer Mädchen und gleich darauf ging die zweite Tür der Umkleide auf. Eugeal duckte sich etwas zusammen und konnte hören, wie die restlichen vier Hexen den Raum betraten, deren Spinde hinter ihrem eigenen lagen.
„Habt ihr schon das Neueste gehört? Eugeal hat wieder versagt!“
Als ihr Name fiel, spitzte die Hexe erst recht ihre Ohren und lugte, so vorsichtig es ging, um die Ecke.
„Was? Das ist ja kaum zu glauben! Wie kann man nur so viele Dämonen des Doktors verschwenden?“
„Sie hält sie wohl für ihre Puppen, mit denen sie spielen kann, wie sie will.“
„Wirklich, ich wünschte, sie würde endlich abtreten!“
Eugeal konnte nicht glauben, was sie da hörte. Aber noch mehr überrascht war sie, als Mimet, ein junges Ding mit großen bernsteinfarbenen Augen und kurzen blonden Bob, offensichtlich Partei für sie ergriff. „Hör auf! Ihr solltet nicht so schlecht über eure Chefin reden!“
Doch wenn sie auch nur eine Sekunde lang an den augenscheinlich guten Willen hinter Mimets Aussage glauben würde, wäre Eugeal mit dieser Annahme auf dem Holzweg.
Denn die pfiffige Blondine, mit der runden Nickelbrille auf der Nase, hatte die Anwesenheit ihrer Vorgesetzten durchaus bemerkt, sich aber nichts weiter anmerken lassen.
„Vielleicht werde ich bald ihre Nachfolgerin“, entgegnete eine der anderen Hexen selbstbewusst.
Mimet wedelte arrogant mit ihrem Zeigefinger. „Da hab ich schlechte Nachrichten für dich. Doktor Tomoe hat vorhin angerufen und zu einem Gespräch gebeten.“
„Was?“
„So eine Gemeinheit!“
„Ich mache Schluss für heute, mir reicht´s!“
„Gute Idee.“
„Nichts gegen dich, Mimet, aber warum ausgerechnet du?“

Eugeal verließ so leise es ging den Raum, was aber angesichts des empörten Stimmengewirrs ohnehin unterging.
Sie huschte den Gang zurück in das Labor und ließ dort ihrer Wut freien Lauf.
„So eine Frechheit!“ Krachend landete ihre Faust auf dem Tisch. „Was glauben die eigentlich, wer sie sind? Wer hat ihnen denn diesen Job beigebracht?“
Das Bild einer süßlich lächelnden Blondine erschien vor Eugeals innerem Auge. „Und Mimet ist die Schlimmste von allen! So eine falsche Schlange! Aber euch werde ich es zeigen!“
Hart schlugen ihre Fingerkuppen auf die Tastatur ein. „Ich werde die drei Talismane finden, dann bin ich nächste Woche Direktorin und schmeiße sie alle raus! Die werden sich noch umsehen! So!“
Der letzte Ausruf wurde begleitet von einem donnernden Hieb auf die Eingabetaste und das neu modifizierte Programm begann mit seiner Arbeit.
„Jetzt werde ich ja gleich sehen, wer einen Talisman in sich trägt.“
Nervös knabberte Eugeal an ihrem Daumennagel. Wenn die Sache vorbei war, würde sie sich endlich eine anständige Maniküre gönnen. Da! Der Prozentsatz ging rasend schnell in die Höhe. 95% …. 96% …. 99% …. Für wenige Sekunden schien das System zu stocken, dann verfärbte sich die vormals rote Leiste in ein sattes Grün.
„Treffer!“
Drei verpixelte Bilder waren zu sehen, von denen sich zwei nun quälend langsam aufklarten. Offenbar hatte das Programm nur zwei Menschen mit einem Prozentsatz von einhundert gefunden, aber um den dritten würde sie sich dann eben später kümmern.
Jetzt waren Eugeals Nerven zum Zerreißen gespannt und die Stille im Labor wurde nur noch unterbrochen durch das stetige Ticken der Wanduhr.
Und mit einem Mal gab der schummrige Monitor die Antwort preis, nach der sie und auch vormals Kaorinite, seit Monaten hinterherjagten.
Mit einem Ruck fegte Eugeal ihre Kaffeetasse beiseite, stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch und starrte gebannt in das flimmernde Kunstlicht des Monitors.
„Das glaube ich einfach nicht …!“

Haruka saß an der großen Fensterfront ihres Wohnzimmers und sah hinaus in den strömenden Regen, der seit dem frühen Vormittag über der Stadt hing. Wie auch Michiru hatte sie heute beim Aufwachen gespürt, dass der große Tag gekommen war. Sie würden einen Talisman finden, davon waren sie beide überzeugt. Doch das bedeutete auch, dass die Entscheidung über Leben und Tod von mindestens einem Menschen ebenso anstand.
Ihr Magen schmerzte leicht und Haruka presste eine Hand darauf. Die ausgehende Wärme beruhigte sie nur für den Bruchteil einer Sekunde, am liebsten wäre sie aufgestanden, Kreise im Wohnzimmer gelaufen und hätte dabei laut geschrien. Jede Sekunde konnte nun etwas passieren, sie spürte es genau. Und diese Gewissheit schwebte nun wie eine schwarze Gewitterwolke über diesen Tag, sie mussten nur noch darauf warten, dass der erste Blitz einschlug.
Das Telefon klingelte, aber Haruka rührte sich keinen Millimeter. Ihr war heute ganz sicher nicht danach, mit Sponsoren Gespräche zu führen oder andere lästige Anrufer abzuwimmeln.
Nicht jetzt. Nicht heute.
Nach dreimaligem Läuten sprang der Anrufbeantworter an, Michiru hatte die Ansage beim Einzug in ihre gemeinsame Wohnung aufgenommen, denn Haruka fand, dass sie die klangvollere Stimme hatte.
„Wir sind leider nicht zu Hause. Bitte hinterlassen Sie uns eine Nachricht nach dem Signalton. Vielen Dank.“
Es piepte einmal, kurz und schrill.
„Da bin ich doch richtig bei Haruka Tenoh?“
Haruka drehte schwerfällig den Kopf und sah auf den Apparat. Sie hatte die Stimme sofort erkannt und es stellte keine Überraschung dar. Seit gestern war ihre wahre Identität kein Geheimnis mehr, es war also nur eine Frage der Zeit gewesen.
Und der Blitz schlug ein.
„Hier spricht Eugeal. Das ist eine Überraschung, was? Jetzt wo ihr enttarnt seid, könnt ihr euch nicht mehr verstecken. Ich kann euch jederzeit ganz leicht finden. Und ich habe noch eine viel größere Überraschung für euch! Ich habe endlich eine Person gefunden, die einen Talisman in sich trägt! Und jetzt werde ich gehen und ihn mir holen! Ihr habt verloren!“
Der limitierten Aufnahmezeit war es zu verdanken, dass das hämische Gelächter Eugeals nun ruckartig abriss. Haruka sah immer noch zum Telefon hinüber, während Michiru mit langsamen Schritten in das Zimmer kam. Sie trug immer noch den Badeanzug und das Hemd, in ihrer Hand ein gelbes Handtuch, mit dem sie gerade das Wasser aus ihren Haaren drückte.
Es klingelte erneut.
Keine der beiden rührte sich, als die Bandansage erneut abgespielt wurde.
„Wir sind leider nicht zu Hause. Bitte hinterlassen Sie uns eine Nachricht nach dem Signalton. Vielen Dank.“
„Hey was soll das? Eure Aufnahmezeit ist zu kurz, ich war noch gar nicht fertig! Aber egal, das Wichtigste habe ich ja schon gesagt. Wie es aussieht, sucht ihr beide auch die Talismane. Wenn es die Situation zulässt, könnt ihr mich treffen. Keine Angst, das ist nur eine Abmachung zwischen mir und euch, mein Chef weiß nichts davon. Also, wenn ihr wollt, könnt ihr mich an dem Ort treffen, den ich eingezeichnet habe. Ich schicke das Fax jetzt los. Bis später.“
Die Verbindung endete.
Michiru trat näher an das Telefon heran, welches auch ihr Faxgerät beinhaltete und das gerade ratternd ein weißes Blatt ausspuckte.
Darauf waren mehrere Straßen eingezeichnet, eine davon abgelegen. An ihrem Ende ein großes X. Der Ort war von gemalten Haken umgeben, die offenbar Wasser darstellen sollten.
„Ich glaube, dass sie die Wahrheit sagt. Sie weiß bestimmt, wo der Talisman ist.“
„Ja. Es ist so weit.“ Das war alles, was Haruka dazu zu sagen hatte. Sie hob ihre Hände und sah beklommen darauf. Konnte sie es wirklich tun? Einen Menschen opfern, um diese Welt zu retten?
„Es muss sein“, dachte sie still. „Ich werde diesen Talisman bekommen, mit fairen oder unfairen Mitteln, koste es, was es wolle. Auch wenn ich mir dabei die Hände schmutzig machen muss.“
Da stand Michiru auf einmal neben ihr und setzte sich auf die Fensterbank dazu. Ihre linke Hand suchte sich einen Platz auf Harukas Oberschenkel, ihre rechte griff nach der ihrer geliebten Freundin.
Ihre Finger verkreuzten sich sachte ineinander und Michiru lächelte Haruka so liebevoll an, dass es dieser fast das Herz zerriss. Ihre wunderschöne und kluge Freundin, die immer jene Orkane spürte, welche in ihr selbst tobten. Sie musste sich nie erklären. Michiru konnte in ihr lesen, wie in einem offenen Buch und fand auch immer die richtigen Worte, um den tosenden Sturm zum Schweigen zu bringen, damit Haruka sich selbst wieder besser hören konnte.
„Woran denkst du?“
Sie führte Michirus Fingerspitzen an ihre Lippen und hauchte einen Kuss darauf, ehe das Spiel ihrer Hände von neuem begann.
„Hab keine Angst.“ Auch auf Michirus Gesicht lag ein Ausdruck der Schwere und Melancholie, aber ihre Augen übertrafen ihn mit ihrer Gewalt an Liebe und Entschlossenheit darin. „Weißt du, mir gefallen deine Hände.“
Nur ein kleiner Satz und doch entfachte er eine große Wirkung. Was auch immer Haruka tun müsste, um den Talisman für sie beide zu erobern, Michiru würde fest an ihrer Seite bleiben. Und sie auch weiterhin lieben, egal was ihre Hände tun mussten, um einen Sieg an sich zu reißen. Für diese Welt. Für Michiru. Für ein Weiterleben in Liebe.

Bunny und ihre Freundinnen fanden heute, an diesem trübseligen Tag, nicht zusammen. Jede von ihnen hing ihren eigenen Gedanken nach und wollte diese ganz mit sich selbst ausmachen. So etwas war in ihrer nunmehr zwei Jahren andauernden Freundschaft noch nie vorgekommen.
Ami hatte sich in die Stadtbücherei zurückgezogen und versuchte sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Aber ihre Gedanken drehten sich nur um eines. „Ich frage mich, was diese Talismane genau sind?“
„Wir müssen die Talismane finden.“

Makoto stand auf jener Brücke in der Innenstadt, wo Bunny und Minako sich damals versteckt haben, als sie Haruka verfolgten. Das Flussbett führte mittlerweile wieder Wasser und die herabfallenden Regentropfen malten fleißig ihre Kreise darauf.
In ihrer Hand hielt sie das Halstuch von Haruka, welches sich immer noch in ihrem Besitz befand. Und in ihrem Kopf rauschten die Fragen ebenso wild umher.
„Auch wenn Menschen darunter leiden müssen?“
„Ja, wir haben keine andere Wahl.“

Rei hatte gerade die Hühner gefüttert und stand nun wie angewachsen unter dem Vordach ihrer Meditationshütte. Die Arme fest um ihren Oberkörper geschlungen, sah sie in den eisgrauen Himmel und dachte an ihre Frage, die sie Neptun gestern noch nachgerufen hatte:
„Können wir uns denn nicht vertragen?“
„Nein. Ihr könntet unsere Feinde werden.“

Minako suchte Ablenkung im Crown und fuhr gerade das sechste Autorennen, an genau dem Automaten, wo sie damals Haruka kennenlernte.
Sie hatte sich gestern der Frage von Mars angeschlossen, was aber dann von Uranus beantwortet wurde.
„Obwohl ihr Sailorkriegerinnen seid, wie wir?“
„Vergiss es. Wir haben völlig unterschiedliche Ziele.“


Bunny war zu Hause und hatte sich auf ihrem Bett in Embryostellung zusammengekauert. Luna war bei Artemis, Chibiusa und Shingo saßen vor dem Fernseher, ihre Eltern waren bei Bekannten. Im Haus herrschte eine unheimliche Stille und doch dröhnte es in ihrem Kopf, als sie an die letzten Sätze von Uranus und Neptun dachte.
„Wir werden vor keinem Opfer zurückschrecken, wer auch immer es sein mag.“
„Selbst wenn es das Leben eines Menschen bedeutet.“
Ergeben schloss Bunny die Augen und versuchte ihre Tränen hinunterzuschlucken. Sie war so unendlich enttäuscht. Auf Haruka und Michiru hatte sie so große Stücke gehalten, die beiden waren mittlerweile fast so etwas wie Vorbilder geworden. Und nun würden sie als Uranus und Neptun eiskalt das Leben dreier Menschen opfern, obwohl das gegen alles sprach, wofür eine Sailorkriegerin stand. Aber die beiden waren offenbar aus einem anderen Holz geschnitzt und je länger Bunny darüber nachdachte, desto mehr wurde ihr klar, dass nicht alle Sailorkriegerinnen gleich waren. Und diesen Punkt müsste sie eigentlich akzeptieren, aber alles in ihr schrie dagegen an, Uranus und Neptun als kaltlächelnde Mörderinnen zu betrachten.
Abgesehen davon, war es bislang noch nicht zum Äußersten gekommen. Noch nicht.
Plötzlich ging ihre Zimmertür auf und Shingo streckte einen Kopf durch den Spalt. „Sag mal, hörst du das Telefon nicht? Irgendein Mädchen ist für dich dran, Haruka oder so“, bemerkte er, deutlich genervt darüber, dass er sich an den Apparat bequemen musste.
Mit einem Schlag saß Bunny aufrecht und lief mit schnellen Schritten zum Telefon.
Sie bemerkte nicht, dass sich Chibiusa im Flur herumdrückte und unauffällig dem Gespräch lauschte.
„Haruka? Was? Ja … Ja, das Sumida Aquarium kenne ich. Wann, jetzt? In Ordnung. Ich gehe gleich los, aber eine halbe Stunde werde ich schon brauchen. Gut. Bis dann.“
Bunny legte auf und ging zurück in ihr Zimmer, um sich eine Jacke zu holen.
Chibiusa lugte schnell ins Wohnzimmer, aber Shingo war immer noch mit seinem Film beschäftigt.
„Ich gehe zu einer Freundin spielen, ja?“
„Mir doch egal“, lautete die mürrische Antwort ihres „Cousins.“
So leise es ging, schlüpfte Chibiusa in ihre Schuhe, zog eine Jacke über und flitzte aus dem Haus.
Draußen lief sie einige Meter geradeaus und bog dann um die nächste Ecke. Dort nahm die Kleine Luna P zwischen ihre Hände und versuchte sich zu konzentrieren. Die Nase des Katzenballs diente als Rufknopf für die Kommunikatoren von Bunny und den anderen. Einmal drücken, ging der Ruf an alle. Zweimal Bunny, dreimal Serena, viermal Mamoru. So hatten es Luna und Artemis hinterlegt.
Chibiusa atmete durch und drückte die kleine rosa Nase viermal. Es dauerte nur zwei Sekunden, ehe Mamorus Stimme aus dem verbauten Mikrofon in Luna Ps rechtem Ohr erklang.
„Chibiusa? Ist alles in Ordnung?“
„Hallo Mamoru.“ Chibiusa zögerte etwas mit ihrer Antwort. „Ja noch ist alles in Ordnung. Aber ich muss dringend mit dir reden. Allein und sofort.“
„Ich bin gerade in der Innenstadt. Wir treffen uns vor dem Crown, okay?“
„Ist gut.“ Chibiusa beendete die Verbindung und rannte los.

Die beiden trafen sich genau in dem Moment, als ein Taxi vor dem Sumida Aquarium in Tokyo hielt, welchem Bunny entstieg.
Sie war etwas nervös, denn Haruka hatte um eine Unterredung gebeten und explizit angewiesen, dass Bunny allein kommen sollte.
Unruhig berichtete Chibiusa Mamoru davon.
„Haruka und Michiru haben Bunny zu Hause angerufen und wollen sich mit ihr treffen?“ Er rieb sich nachdenklich das Kinn. „Immerhin sind die beiden Uranus und Neptun, die sich bislang immer gegen einen Zusammenschluss mit den anderen Kriegerinnen gestellt haben.
Chibiusa sah bedrückt auf Luna P. „Ich glaube aber nicht, dass die beiden Bunny irgendwas antun wollen.“
Ihr Blick wanderte zu den vorbeilaufenden Passanten und verfing sich an einer Frau. Graues Kostüm, lange grünlich schimmernde Haare. Für einen Moment glaubte Chibiusa, sie zu kennen. Aber nur ein Wimpernschlag später, war die Fremde wieder in der Menschenmasse untergetaucht.
„Hast du was?“, erkundigte sich Mamoru besorgt.
Schnell schüttelte die Kleine den Kopf. „Nein, gar nichts.“
„Was hältst du davon, wenn wir jetzt erstmal einen Kakao trinken? Na komm.“ Aufmunternd hielt Mamoru ihr seine große Hand entgegen und Chibiusa schlug zögerlich ein.
Es war besser, mit ihm auf Bunny zu warten, allein konnte sie ohnehin nichts unternehmen.

Bunny war derweil im obersten Stockwerk angekommen und wurde von Sekunde zu Sekunde unruhiger. Als der Fahrstuhl die Ankunft in Etage Fünfzig verkündete und seine Türen öffnete, war ihr mittlerweile speiübel vor Aufregung.
Neugierig betrat sie den Raum, der vom Boden bis zur Decke verglast war. Dahinter befand sich ringsum das Aquarium, in dem sich unzählige bunte Fische tummelten.
Der hellblaue Schein des Wassers tauchte die gesamte Umgebung in ein beruhigendes Licht und mit einem Schlag fühlte Bunny sich besser, auch wenn ein leichtes, gleichmäßiges Dröhnen sie kurz irritierte. Aber die Wasserpumpen arbeiteten vermutlich etwas lauter, bei diesem Umfang. Sie sah Haruka und Michiru an einer der Glasscheiben stehen, beide starrten wie festgefroren hinein.
„Hallo.“
Michiru sah betreten auf die Seite, Haruka erwiderte den Gruß mit einem kurzen Nicken.
„Das ist ja traumhaft schön hier, ich wusste gar nicht, dass das Aquarium über die Decke hinweggeht!“
Staunend drehte sich Bunny einmal um die eigene Achse. „Darf ich das nächste Mal die anderen auch mitbringen? Darf ich?“
„Du darfst dich nie wieder vor uns verwandeln.“
Harukas harte Stimme ließ Bunny inmitten der Drehung beinah stolpern.
„Was?“
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie sich ganz allein an diesem Ort befanden. Kein anderer Besucher war zu sehen, nicht einmal ein Angestellter. Siedend heiß fiel Bunny auch ein, warum sie dieses Aquarium noch nie besucht hatte. Es war der Privatbesitz eines hohen Investors und sie erinnerte sich dunkel daran, das Logo seines Unternehmens auf Harukas Rennfahrerjacke gesehen zu haben.
Dieser Ort war also abgeschieden und deswegen hatte ihr Haruka auch telefonisch einen Fahrstuhlcode durchgegeben, mit dem sie bis in das oberste Stockwerk gelangen konnte.
Ob sie nun vor den beiden Angst haben musste?
Harukas Blick und ihre schweren Schritte, als sie sich Bunny näherte, sprachen jedenfalls dafür. Und sie hatte nicht einmal ihren Kommunikator, mit dem sie ihre Freundinnen rufen könnte.
Doch vielleicht ließen die beiden ja mit sich reden und alles würde gut werden.
„Aber wir haben doch alle das gleiche Schicksal, wir sind Sailorkriegerinnen! Können wir nicht gemeinsam für das Gute eintreten?“
Bunny ärgerte sich im Stillen darüber, wie piepsig und unsicher ihre Stimme klang.
Jetzt stand Haruka genau vor ihr. „Das ist kein Spiel. Wir können nicht länger zulassen, dass du unsere Mission behinderst.“
Schnell schoss ihre linke Hand nach vorne und umklammerte Bunnys Brosche, die erschrocken aufschrie. „Was machst du da?! NEIN!!!“
Sie umklammerte Harukas Arm mit beiden Händen, aber diese nahm ihre Rechte zu Hilfe und stieß Bunny damit grob auf den Boden, wodurch das Schmuckstück von der Schleife ihrer Schuluniform abriss.
Hart landete Bunny auf ihrem Rücken und rang nach Luft.
„Ich werde das vorerst behalten.“ Haruka drehte sich um und ging langsam zu Michiru zurück, deren Gesicht von Ausdruckslosigkeit zeugte.
„Wartet!“ Bunny rappelte sich auf. „Warum wollt ihr unbedingt den Menschen ihr Herz stehlen?!“
„Ich warne dich“, erwiderte Haruka scharf. „Wenn du uns noch einmal in die Quere kommst und unsere Mission behinderst …. wirst du bestraft! URANUS PLANET POWER – MAKE UP!!!“
„NEPTUN PLANET POWER – MAKE UP!!!“

Schockiert sah Bunny dabei zu, wie sich Haruka und Michiru vor ihren Augen in Uranus und Neptun verwandelten. Sie konnte immer noch nicht glauben, was da gerade passiert war. Ihr Körper, ihr Geist, alles befand sich in einer lähmenden Starre, selbst ihre Stimme schien gerade im Sumpf der Fassungslosigkeit zu versickern.
„Wir suchen die Talismane, die in den reinen Herzen der Menschen verborgen sind. Wir brauchen drei Stück davon, sonst wird der Heilige Gral nicht erscheinen“, erklärte Uranus schroff.
„Die Stille bedroht die Welt, die Zeit der Zerstörung rückt näher und näher“, schloss sich Neptun an. „Nur der Messias ist in der Lage, sie abzuwenden.“
„Messias? Heiliger Gral?“, wiederholte Bunny, nachdem ihre Stimme wieder zu gewohnter Kraft gefunden hatte.
Plötzlich öffneten sich hinter den beiden Kriegerinnen zwei schwere Stahltüren, welche auf das Vordach hinaus führten. Und nun konnte Bunny auch das seltsame Dröhnen identifizieren. Da stand doch wahrhaftig ein kleiner Helikopter mit laufenden Rotorblättern auf dem Dach!
„Es ist besser, wenn du dich raushältst.“
Mit diesen Worten drehte sich Uranus um und lief mit Neptun an ihrer Seite auf den Helikopter zu. Die großgewachsene Kriegerin nahm wie selbstverständlich auf dem Pilotensitz Platz und Neptun bezog Position auf dem Sitz neben ihr.
Bunny kam noch bis zur Tür, als der Wind zunahm, ausgelöst durch die immer schneller schlagenden Rotorblätter. Sie hielt sich verkrampft am Rahmen fest und schützte ihre Augen mit einer Hand vor den aufgewirbelten Blättern und kleinen Steinen, die quer durch die Umgebung geschossen wurden.
Erst als das Dröhnen sich entfernte und die aufgepeitschte Luft sich beruhigte, wagte sie es wieder ihre Lider zu öffnen und starrte fassungslos dem kleinen schwarzen Punkt am Himmel hinterher.
Jetzt saß sie wirklich in der Klemme.

„Willst du sie nicht retten?“
Die Stimme kam aus dem Nichts, begleitet von dem Klacken hoher Absätze.
Überrascht drehte sich Bunny um und sah eine Frau, die sich hinter ihr aus der Dunkelheit des Raumes hervor schälte. Sie kam ihr merkwürdig bekannt vor. Diese langen grün schimmernden Haare, die rötlichen Augen. Ihre Gestalt strahlte Ruhe und Besonnenheit aus, aber der Ausdruck auf ihrem Gesicht zeigte tiefe Besorgnis.
„Sie stellen sich einer Bedrohung, die ihnen ihr Schicksal auferlegt hat und der sie sich nicht entziehen können. Dieses Mal ist ihr Leben wirklich in Gefahr.“
„Wer sind Sie?“, presste Bunny angespannt hervor, woraufhin die Fremde leicht den Kopf senkte.
„Mein Name ist Setsuna Meioh. Sagen wir, ich bin eine alte Bekannte von den beiden.“
„Stimmt das? Ist ihr Leben wirklich in Gefahr?“ Für eine Sekunde stellte sich in Bunny die Frage, woher eine offenbar zivile Person Uranus und Neptun kannte. Aber das spielte angesichts der derzeitigen Situation gerade keine Rolle mehr. Sie musste den beiden hinterher, das war ihre Pflicht.
Ganz gleich, was Uranus ihr zuvor angedroht hatte.
„Willst du ihnen helfen? Jetzt, wo du dich nicht mehr in Sailor Moon verwandeln kannst, könntest du selbst in Gefahr geraten“, erwiderte Setsuna leise.
Bunny ballte die Fäuste. „Das ist mir egal! Wenn Sie wissen, wo die beiden hin sind, sagen Sie es mir!“
Ein leichtes Lächeln zog sich über das Gesicht Setsunas. Genau diese Reaktion hatte sie erwartet.

Nachdem Bunny eilig wieder ins Erdgeschoss gelangt war, um von dort aus die Verfolgung von Uranus und Neptun aufzunehmen, verließ auch Setsuna das Gebäude.
Sie überquerte mit schnellen Schritten die Straße und stieg in den schwarzen Wagen ein, der das Logo der Autovermietung Haneda trug.
Serena tippelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. „Bunny ist vor ein paar Minuten rausgestürmt und in ein Taxi gestiegen! Warum sollte ich hierbleiben? Was ist mit Haruka und Michiru?“ Ihre Fragen prasselten ungebremst auf Setsuna ein.
„Bitte beruhigt euch, Hoheit.“
„Nochmal, nenn mich bitte nicht so. Also, was ist passiert?“ Serenas Geduld war allmählich am Ende. Erst wurde sie am Flughafen von Setsuna abgepasst, die sich zu ihrer großen Überraschung als eine alte Bekannte entpuppte. Und diese hatte mehr als nur eine Ankündigung im Gepäck, es riss der Schwarzhaarigen regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Es hatte Setsuna einige Mühe gekostet, sie von unüberlegten Handlungen abzuhalten. Der Flug nach Shanghai startete ohne Serena an Bord, welche die gesamte Nacht mit Setsuna in einem nahegelegenen Hotel verbrachte und sich dort mit immer größer werdenden Augen, die ganze Geschichte angehört hatte.
Nicht einmal Mamoru besaß Kenntnis darüber, dass seine Schwester Tokyo nie verlassen hatte.
„Wir müssen Bunny hinterher. Uranus und Neptun sind bereits mit dem Helikopter vorausgeflogen, um der fragwürdigen Einladung Eugeals zu folgen. Uranus hat Bunnys Brosche an sich genommen, sie kann sich also nicht in Sailor Moon verwandeln.“
„URANUS HAT WAS?“, kreischte Serena auf. „Und das hast du einfach zugelassen?! Verdammt nochmal! Wir hätten gleich den anderen Bescheid geben sollen! Dann hätten wir alle drei von diesem gefährlichen Vorhaben abbringen können!“
„Nein“, bestimmte Setsuna ruhig. „Uranus und Neptun müssen auf Eugeal treffen, denn so hart es auch klingt, sie ist die Einzige, welche den Talisman zum Vorschein bringen kann. Und es ist ebenso wichtig, dass auch ihre Majestät, die zukünftige Königin oder auch Sailor Moon, vor Ort ist. Dass Uranus ihr die Brosche abnimmt, konnte ich nicht vorhersehen, aber zu ihrer Verteidigung – Uranus hat noch keine Ahnung davon, wer Sailor Moon eigentlich ist.“
Setsuna legte bittend ihre Hand auf Serenas. „Hoh … ich meine Reena. Meine erste Aufgabe, nach meinem Eintreffen hier lautete, euch ausfindig zu machen. Bitte vertraut mir und bleibt an meiner Seite. Ich bin mir sicher, dass wir die Dinge zum Guten wenden können. Aber nun sollten wir uns auf den Weg machen.“
Serena seufzte. Diesen Tag würde sie so schnell nicht vergessen. Zusammen mit Setsuna war sie in Harukas und Michirus Wohnung eingebrochen, hatte die Nachrichten Eugeals auf dem Anrufbeantworter abgehört und das zerrissene Fax aus dem Papierkorb gefischt. Zu ihrem Glück waren die beiden derart schnell aufgebrochen, dass sie die Spuren des Anrufs nur halbherzig beseitigt haben.
Zumindest wussten sie schon mal, wo Eugeal die beiden treffen wollte und um was es dabei gehen würde. Eine Falle, soviel stand sowohl für Setsuna als auch Serena fest. Mit dem Kommunikator an Setsunas Handgelenk, war es ihnen möglich, Haruka und Michiru bis zum Aquarium zu verfolgen.
Und dann tauchte überraschend Bunny dort auf, weshalb sich auch Setsuna Zugang in den obersten Stock verschaffte. Dieses Gelingen war dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass auch Serena und Mamoru zu dem erlauchten Kreis der registrierten Besucher gehörten.  
Nun mussten sie auf schnellstem Weg zum Ort des Geschehens, aber Setsuna äußerte nun eine weitere Bitte.
„Reena, du solltest jetzt die anderen informieren. Wir werden jede Unterstützung brauchen.“
„Natürlich.“
Serena aktivierte sofort ihren Kommunikator. „Das ist ein Notruf! Uranus und Neptun haben Bunny die Brosche abgenommen und sind auf den Weg zur Marinenkathedrale am Hafen der Odaiba Area. Sie wollen dort mit Eugeal um einen Talisman kämpfen, Bunny ist ihnen nach, aber sie kann sich nicht verwandeln. Kommt so schnell es geht, wir treffen uns dort.“
„Reena? Wo zum Teufel bist du?“
„WAS? URANUS HAT BUNNYS BROSCHE?!“
„Warum will sie immer alles allein regeln! Verdammt!“

Wir sind unterwegs! Luna, Artemis, habt ihr mitgehört?!“
„Geht ohne uns, wir halten hier die Stellung!“
„Nehmt alle ein Taxi zum Hafen, das geht am schnellsten!“

Die Stimmen von Mamoru und den anderen Mädchen fegten aus dem Mikrofron quer durch den Wagen, als Serena den Motor startete.
Sie steuerte aus der Parklücke heraus und gab Gas. Auf einen Strafzettel mehr oder weniger kam es nun auch nicht an.
„Warum bist du denn vorhin noch in die Fußgängerzone rüber gelaufen?“, fragte Serena, während ihre Augen konzentriert nach vorne sahen.
Setsuna lächelte schüchtern. „Ich habe zufällig die Kleine Lady gesehen und wollte nur sichergehen, dass bei ihr alles in Ordnung ist …“

Während sich Rei, Ami, Makoto und Minako sich überstürzt auf den Weg machten, Mamoru Chibiusa schnappte und mit ihr in seinen Wagen stieg, saß Bunny unruhig auf der Rückbank des Taxis, das sich durch den Verkehr fädelte.
Jetzt erst kamen in ihr verschiedene Fragen auf. Woher wusste diese Setsuna, dass sie Sailor Moon war? Und woher kannte sie die Beweggründe von Uranus und Neptun, geschweige denn ihr Ziel? Aber für die Suche nach Antworten blieb jetzt keine Zeit mehr. Sie musste Uranus und Neptun helfen, ob als Sailor Moon oder als Bunny.
„Dieses Mal ist ihr Leben wirklich in Gefahr.“
Setsunas Worte hallten durch Bunnys Kopf. Sie kannte diese Frau nicht, aber etwas sagte ihr, dass sie ihr vertrauen konnte.

Vertrauen. Ein Gefühl, das auch Neptun empfand, als Uranus den Helikopter unweit vom Ort des Geschehens landete. Die Investition ihrer Gagen in ein solches Fluggerät, hatte sich bezahlt gemacht. Und auch das Aquarium war als Treffpunkt nicht zufällig gewählt, denn das Dach war ein genehmigter Abstellplatz, seitens des Investors, für „Tenoh I“, wie sie ihre fliegende Libelle liebevoll getauft hatten.
Vor ihnen erstreckte sich nun das gewaltige Gotteshaus, welches noch nie in Betrieb genommen war und hoheitsvoll auf einem mächtigen Hügel inmitten des Wassers stand. Die verzierten Spitzen der unzähligen Türme ragten in den rot glühenden Abendhimmel hinein, das ganze Gebilde wirkte wie ein fremdartiges Schloss, das von allen vier Seiten vom Meer umspült wurde. Nur eine einzige Straße, die vom entlegenen Teil des Hafens aus über das glitzernde Wasser führte, gewährte Zufahrt zu diesem architektonischen Meisterwerk.
„Das ist sie also.“ Uranus stand neben ihr und sah nach vorne. „Die Marinenkathedrale.“
„Sie befindet sich seit Jahren im Bau, es fehlen gewaltige Summen, um sie fertigzustellen. Die Stadt hat sich damit übernommen und Fehler bei der Planung gemacht“, erwiderte Neptun leise. „Der letzte Tsunami hatte alle anderen Zufahrtswege zerstört. Es gibt nur diese eine Straße. Ein abgeschiedener Ort, niemand kommt hierher.“
„Jetzt endlich werden wir sehen, wer den Talisman in sich trägt.“
„Uranus.“ Neptun berührte zärtlich die Finger ihrer Partnerin mit der Hand. „Egal was passiert, wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen diesen Talisman bekommen. Von diesem Moment an, dürfen wir uns nicht mehr trennen, keine Alleingänge. Und wir müssen aufeinander aufpassen.“
„Das brauchst du mir nicht zu sagen.“
„Du weißt es ja selbst.“
Mit einem kräftigen Ruck stieß Uranus die beiden Seiten der massiven Holztür auf. Rotgoldendes Licht fiel in das Innere, der Geruch von Weihrauch und kühlem Stein, der schon Jahre in diesem Gemäuer festhing, stieg ihnen in die Nase.
Das weitläufige Kirchenschiff war völlig leergeräumt, es gab weder Bänke noch einen Altar. Die einzige Verzierung bestand aus den bizarren Mustern, welches das einfallende Licht durch die unzähligen Buntglasfenster verteilte, die nichts von ihrer Schönheit verloren hatten.
Langsam schritten die beiden voran.
„Sie hat uns eingeladen, aber sie empfängt uns nicht“, bemerkte Uranus kritisch.
Neptun sah nach links und rechts. Sie hatte sich schon einmal mit der Marinenkathedrale beschäftigt und verschiedene Bilder gesehen, aber an die unzähligen Tafeln auf beiden Seiten, konnte sie sich nicht erinnern. Diese waren in einem grässlichen Rotton gehalten und pausbäckige Engel mit Pfeil und Bogen waren darauf abgebildet. Es waren insgesamt bestimmt mehr als vierzig Stück. Sie wirkten irgendwie völlig fehl am Platz.
„Neptun, was hast du?“ Uranus sah sie aufmerksam an, als ein Knarzen ertönte.
„URANUS!“
Neptuns Aufschrei ging in dem Krach unter, als sich sämtliche Tafeln wie von Geisterhand von den Wänden lösten.
Sofort stellten sich die beiden Kriegerinnen Rücken an Rücken, während sich die Gebilde wie Dominosteine vor jeder von ihnen aufreihten.
„Hab ich es mir doch gleich gedacht“, zischte Uranus alarmiert. „Eine Falle!“
„Natürlich! Und ihr seid auch voll drauf reingefallen!“, schallte Eugeals Stimme aus dem Nichts herab.

Die Hexe hatte sich in einem anderen Raum vor einem großen Tischkicker platziert, mit dem sie die Bewegungen ihrer Tafeln steuern konnte. Die beiden Figuren auf dem Feld stellten Uranus und Neptun dar und sollten die Funktion von Fußbällen einnehmen. Zeit, ihre Mannschaft auf den Platz zu schicken.
„Daaaaaaas Spiel beginnt!!!“
Wie eine Wilde riss Eugeal die Kickerstangen vor und zurück, woraufhin sich die Tafeln vor Uranus und Neptun in Bewegung setzten.
Mit rasender Geschwindigkeit schoss nun eine nach der anderen auf die Kriegerinnen zu, die ihr Möglichstes taten, um den Geschossen auszuweichen.
„Jetzt zeigt mal wie schön ihr Tanzen könnt!“, schrie Eugeal hysterisch und verstärkte die Geschwindigkeit. „Los tanzt! Tanzt!“
Uranus und Neptun brach der Schweiß aus. Sie wechselten von einer Seite zur anderen, duckten sich, sprangen über die fliegenden Tafeln hinweg, aber Eugeal schien einen unermüdlichen Nachschub zu haben. Lange konnten sie dieses Tempo nicht mehr durchhalten, also entschieden sie beide innerhalb weniger Sekunden zum gleichzeitigen Gegenschlag.
„WORLD SHAKING!!!“
„DEEP SUBMERGE!!!“
Die Energiekugeln von Uranus und Neptun durchschlugen Eugeals Waffen mit brachialer Gewalt und zerlegten die Tafeln in ihre Einzelteile.
Augenblicklich kehrte wieder Ruhe ein und Uranus atmete auf. „Ha! Na also!“
Aber sie hatte nicht mit Eugeals Heimtücke gerechnet. Denn umgehend hatten sich neue Tafeln an den Wänden gebildet und die erste war gerade dabei Uranus anzuvisieren und sich loszulösen.
Neptun erkannte blitzschnell die Gefahr, in der ihre Geliebte schwebte und dachte nun keine Sekunde mehr an ihr eigenes Leben.
„Uranus! URANUS!!!“
Die Tafel schoss wie eine Kanonenkugel auf die völlig überrumpelte Kriegerin zu, als diese zwei zarte Hände auf ihrer Brust spürte, ehe sie ruckartig nach hinten geworfen wurde.
Neptun hatte sich im letzten Moment zwischen sie und die fliegende Tafel gestellt und Uranus mit einem kräftigen Stoß aus der Schusslinie gebracht.
Das wurde ihr zum Verhängnis. Die Tafel schlug ungebremst auf Neptun ein und schleuderte sie an die gegenüberliegende Wand, wo ein weiteres Exemplar dieser teuflischen Waffe die Kriegerin in Empfang nahm.
Uranus konnte gar nicht so schnell reagieren, wie die Tafel sich mit der gefangenen Neptun einmal drehte und anschließend mit der Wand verschmolz.
„NEPTUUUUN!!!“
Sie rannte zu dem Mauerwerk, das jene Frau verschluckt hatte, die ihr ganzes Leben war. Verzweifelte hämmerte Uranus mit den Fäusten dagegen, als eine schauerliche Orgelmusik das gesamte Gebäude erzittern ließ und ihre aufflammende Verzweiflung verhöhnte. Konsterniert riss sie den Blick nach oben und ließ ihn an der Decke entlang schweifen, aber die Herkunft dieser Todesmusik war nicht auszumachen. Nun erklang wieder Eugeals Stimme, arrogant und triumphierend.
„Sailor Uranus! Der Träger des Talismans ist jetzt in meiner Hand!“
„WAS SOLL DAS HEISSEN?!“, schrie Uranus gegen die Musik an. Ein eiskalter Schauer überkam ihren Körper, als ihr die Bedeutung von Eugeals Worten bewusst wurde. Sie log! Eindeutig! Es konnte nicht sein! Es DURFTE nicht sein!
„Ich habe lange gebraucht, um es herauszufinden. Aber nicht einmal du hast es bemerkt, kein Wunder“, tönte es von der Hexe zurück.
„Wovon redest du, Eugeal?!“
Uranus gab sich ahnungslos, aber sie musste es von Eugeal selbst hören.
„Ich werde es dir verraten. Die Trägerin des Talismans, ist deine Partnerin, Sailor Neptun! Ich werde mir jetzt den Talisman von Neptun holen! Wenn du dabei zusehen willst, geh geradeaus bis zum Ende.“
Sofort setzten sich Uranus Beine in Bewegung und sie rannte durch das Kirchenschiff. Die verhängnisvollen Tafeln saßen ruhig in der Wand und griffen nicht weiter an, allerdings schienen die Augen der pausbäckigen Engel den Lauf der Kriegerin zu verfolgen.
„Neptun soll einen Talisman in sich tragen?“, schoss es Uranus durch den Kopf und sofort zog sich ihr Magen bei diesem Gedanken zusammen. „Das kann nicht sein! Das glaube ich einfach nicht!“
Aber im selben Atemzug setzte ihr Verstand all jene wunderbaren Eigenschaften zusammen, die sie an Neptun so sehr liebte. Sie war großherzig, sanft, stark, mutig, entschlossen. Und sie begegnete Uranus mit einer so tiefen Liebe und Gefühl, dass diese sich nicht einmal ansatzweise mehr vorstellen konnte, auch nur einen einzigen Tag ohne sie leben zu können. Würde das Schicksal wirklich eine so grausame Entscheidung von ihr verlangen? Neptuns Leben zu opfern, für den Schutz dieser Welt?
Was wäre diese Welt für Uranus noch wert, wenn sie darin ohne ihre Geliebte weiterleben müsste?
Endlich hatte sie die Strecke überwunden und stieß eine weitere, kunstvoll geschnitzte Doppeltür mit dem Fuß auf. Die Orgelmusik schwängerte jetzt lautstark die gesamte Umgebung und prallte empfindlich auf ihr Gehör.
In diesem Raum hatte der Bau der Kathedrale eindeutig seinen Abbruch gefunden, links und rechts klafften riesige Lücken im Boden, über ihnen angebrachte Pendelzüge, die unweigerlich in die Tiefe führten. Nur ein einziger, breiter Weg, führte quer durch die ganze Szenerie bis zum Ende des Raumes, wo er in eine gewaltige Empore mündete.
Dort saß Eugeal, ungerührt und entlockte diese Töne augenscheinlich der dort aufgestellten monströsen und vergoldeten Pfeifenorgel. Sie schien keinerlei Notiz von Uranus zu nehmen, aber das war dieser gerade gleichgültig.
Ihre Augen waren auf die große rote Tafel gerichtet, die sich hinter der Hexe befand.
Dornige Schlingen hatten sich um die zarten Arme und Beine ihres Opfers geschlungen und hielten es unbarmherzig gefangen. Der Kopf war nach unten auf die Brust gesackt und es war keinerlei Regung mehr zu erkennen.
„NEPTUN!!!“
Uranus zögerte keine Sekunde mehr. Sie hatte zwar die restlichen Tafeln registriert, welche parallel zu dieser Brücke aufgebaut waren, sah auch die kleinen runden Öffnungen in den Seitenrändern.
Aber alles in ihr war auf Neptun ausgerichtet und jegliche Vorsicht wurde über Bord geworfen.
„NEPTUUUUN!!!!“
Sie stolperte voran, fing sich sofort wieder und rannte los, als plötzlich knallende Geräusche die Musik übertönten. Es klang wie ein Schusshagel und ehe Uranus sich wieder der Notwendigkeit ihrer Eigensicherung bewusst wurde, wurde ihr Körper von allen Seiten mit harten Energieschlägen malträtiert. Gnadenlos schlugen sie auf die Gestalt der Kriegerin ein, die sich nicht lange darunter halten konnte und rückwärts auf den Boden fiel.
Eugeal begann schallend zu lachen. „Hab ich dich endlich.“
Sie drückte die Stopptaste des Kassettenrekorders, der sich neben ihr auf der gepolsterten Bank befand und sofort ebbte die Musik ab. Die Hexe schulterte das geladene Energiegewehr und schlenderte amüsiert auf Uranus zu.
„Das war leichtsinnig. Wenn jemand außer mir diese Brücke überquert, wird er vom Himmel bestraft.“
„Bestraft? Vom Himmel?“, brachte Uranus schmerzerfüllt hervor und hob mit großer Mühe den Kopf.
Jetzt erst sah sie, wie kleine Rauchschwaden aus den rundlichen Öffnungen der Tafeln hervorkamen.
„Keine Sorge, ich habe Sailor Neptun noch nichts getan, sie hat ihr Herz noch. Zuerst einmal, werde ich mir ein anderes Herz holen“, verkündete Eugeal.
„Ein anderes Herz?“, wiederholte Uranus mit schwerer Zunge, als die Hexe schon direkt über ihr stand und das Gewehr auf die gelbe Schleife ihres Fukus richtete.
„Und zwar deins. Ein reines Herz, das es nicht einmal fertigbringt, sich die eigenen Hände schmutzig zu machen. Du willst die Talismane finden, aber hast eine Heidenangst davor, damit einem Menschen zu schaden. Deine Schale ist rau, aber in deinem tiefsten Inneren, weißt du selbst, dass du nicht dazu imstande wärst, jemand anderem das Leben zu stehlen.“

In diesem Augenblick öffnete Neptun schwerfällig die Augen und versuchte durch Blinzeln die verschwommene Umgebung wieder klar zu bekommen. Ihr Körper schien schwer wie Blei an etwas festzuhängen, die über dem Kopf gefesselten Arme brannten wie Feuer. Aber nichts schmerzte Neptun so sehr, wie die Szene, welche sie nun deutlich vor sich sah.
Uranus lag mit dem Rücken auf dem Boden, die Unterarme abgestützt, offenbar verletzt. Eugeal stand mit dem geladenen Gewehr über ihr und zielte damit direkt auf die Brust der Kriegerin.
„Ura .. nus ..“
Ihre Stimme war kaum mehr ein Hauchen, aber Neptuns Kräfte erwachten beim Anblick der drohenden Gefahr für ihre Partnerin, wieder zum Leben. Sie bewegte vorsichtig ihre Hände und konzentrierte sich darauf, die benötigte Muskelkraft in Arme und Beine zu lenken, um sich von den Schlingen loszureißen.
Uranus hingegen konnte nicht glauben, was Eugeal da gerade von sich gegeben hatte.
„Ha“, meinte sie fast verächtlich. „Die Talismane sind nur in den reinsten aller Herzen verborgen, es ist unmöglich, dass gerade ich einen besitzen soll.“
„Das werden wir ja gleich sehen.“ Eugeal positionierte ihren Zeigefinger auf dem Abzug. „Oh Verzeihung! ICH werde es sehen, du natürlich nicht mehr.“
„URANUS!!!“
Der schrille Schrei Neptuns schleuderte durch den Raum wie eine Kanonenkugel. Eugeal wirbelte herum und sah mit großen Augen, wie sich die Kriegerin gewaltsam von ihrer Fesselung losriss und nach vorne stolperte.
„BLEIB STEHEN!!!“
Uranus Warnung kam zu spät. Kaum hatten die Füße Neptuns die unheilvolle Brücke berührt, setzte erneut ein gewaltiger Hagel an Energieschüssen ein. Von beiden Seiten erfassten sie die zierliche Person und peitschten sie hemmungslos zu Boden.
„Wie dumm kann man denn nur sein?“, fluchte Eugeal, als die Schüsse endeten und Neptun auf ihre Knie sank. Aber sie war zäher, als ihr zarter Körper es vermuten ließ und nicht einmal eine Sekunde später, hatte sich Neptun wieder hochgestemmt und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
Den Blick starr auf Uranus gerichtet, schleppte sie sich weiter voran.
„Ich … werde … dir … helfen!“
„NEIN NEPTUN! BLEIB STEHEN!!!“, schrie Uranus und spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Ihr Aufschrei ging in einem weiteren Hagel an quälenden Schüssen unter, die über Neptun hereinbrachen.
Aber selbst die zweite Auflage dieses heimtückischen und niederträchtigen Angriffs konnte nicht den eisernen Willen Neptuns brechen, für den Menschen zu kämpfen, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebte. „U-Uranus …“
„Unglaublich“, entfuhr es Eugeal, als die sichtlich geschwächte und verletzte Kriegerin nun schon fast bei ihr angelangt war. Jetzt geriet die Situation außer Kontrolle, sie musste schnell handeln, ehe ihr auch nur ein Talisman durch die Lappen ging.
Eugeal riss ihr Gewehr herum, just in diesem Augenblick, als Neptun nach vorne fiel und es ihr entreißen wollte. Die Mündung landete genau auf ihrem Brustkorb und sofort drückte die Hexe den Abzug durch.
Alles um sie herum wurde mit einem scharfen weißen Blitz erhellt, als der Energieschuss Neptun durchschlug und den Kristall ihres Herzens auf der Rückseite ihres Körpers zwischen den Schulterblättern hinausstieß.
Uranus Welt brach in sich zusammen. Ihre Finger verkrampften sich und das eigene Herz schien gerade in der Mitte durchzureißen. Splitter schienen ihre Lunge innerlich zu zerschneiden, so sehr schmerzen die gepressten Atemzüge, während die blauen Augen in aufgelösten Tränen schwammen. Sie sah Michirus schönes Gesicht vor sich, das anmutige Lächeln, die Zuversicht in ihren Augen, in Erwartung eines langersehnten Erfolgserlebnisses, welche sie heute Morgen beide noch hegten.
Ihr Gefühl hatte Recht behalten und Uranus verfluchte es jetzt stumm dafür. Glühender Hass stieg in ihr auf, für die Aufgabe, welche ihnen das Schicksal auferlegt hatte. Sie waren ihm in guter Absicht gefolgt und wurden jetzt mit einer derartigen Grausamkeit bestraft, die nicht in Worte zu fassen war.
Neptun fiel mit dem Gesicht voran auf den Boden, der funkelnde Kristall schwebte unbehelligt über ihr. Für den Bruchteil einer Sekunde wuchs in Uranus die Hoffnung heran, dass Eugeal sich geirrt hatte. Aber diese wurde mit einem kräftigen Hieb zerschlagen, als der sanfte Schein des Kristalls langsam einen prächtigen Spiegel preisgab. Entstanden aus den schönsten Farben der Ozeane, umrandet von wertvollem Gold.  Auf seiner Rückseite das Zeichen der Meereskriegerin.
Sailor Neptun.
„Tatsächlich. Ein Talisman.“ Uranus verfiel in eine tiefe Schockstarre. Wenn Neptun die Trägerin des ersten Talismans war, dann bestand nunmehr kein Zweifel. Sie trug den zweiten in sich, auch wenn die Reinheit ihres eigenen Herzens anzuzweifeln war. Aber das Schicksal nutzte ganz eindeutig andere Maßstäbe.
Auch Eugeal hatte das Erscheinen des ersten Talismans mit einem ehrfürchtigen Staunen zur Kenntnis genommen und wäre am liebsten vor Freude umher getanzt. Aber sie hatte ja noch ein weiteres Opfer, um das sie sich zuerst kümmern wollte.
„Als Nächstes hole ich mir dein Herz.“ Sie wandte sich wieder Uranus zu, die flehentlich nach oben starrte.
Die Abendsonne gab nochmal alles und schien kraftvoll durch eingelassene Buntglasfenster in der Decke, welches einen großen Schmetterling symbolisierte.
„Wenn man drei Talismane zusammen hat, erscheint der Heilige Gral“, weinte Uranus stumm. „Sag mir, Messias, haben wir das wirklich verdient?“
Die einzige Antwort, die darauf folgte, waren die schnalzenden Geräusche des Gewehrs, welches Eugeal nun erneut durchlud.

„HALT!!!“
Uranus drehte den Kopf und erstarrte. Dort, wo der einfallende Lichtstrahl auf den Boden traf, stand eine Gestalt. Obwohl die ihre Kontur weich in einem feinen Nebel verschwamm, konnte sie die ausladenden Flügel erkennen, das lange Haar, welches den schmalen Körper wie ein Fächer umspielte. Schimmernde Lichtperlen flogen wie winzige Glühwürmchen umher und in ihrem schmerzenden Herz, kehrte ein nie zuvor empfundener Friede ein.
„Messias“, flüsterten ihre trockenen Lippen voller Ehrfurcht.
„WAS? DU?!“
Eugeals verdutzter Schrei riss Uranus augenblicklich von dieser Illusion in die Wirklichkeit zurück und sie erkannte Bunny, die wutentbrannt auf die Hexe zustürmte.
Völlig überrumpelt sah Eugeal das Mädchen auf sich zukommen und ehe sie überhaupt zu irgendeiner Gegenwehr fähig war, rammte Bunny ihr mit voller Wucht den Ellenbogen in die Magengrube.
Das Gewehr fiel polternd zu Boden und Eugeals Füße taumelten gefährlich nahe an den Rand der Brücke. Sie ruderte heftig mit ihren Armen, erkannte aber blitzschnell, dass sie ihr Gleichgewicht nicht mehr wiederfinden würde.
Mit letzter Kraft setzte sie zu einem gewaltigen Sprung an und erwischte den von der Decke baumelnden Pendelzug, welcher sich unter ihrem Gewicht sofort in Bewegung setzte und nach unten raste.
„ABWÄÄÄÄÄÄÄÄÄRTS!!!“
Keuchend kniete Bunny am Rand und sah in die Tiefe, welche Eugeal gerade in sich verschluckte.
„Die wäre erstmal aus dem Weg.“
Sie drehte sich zu Uranus, die völlig lethargisch neben Neptun saß und ihr mit steifen Fingern über das totenbleiche Gesicht strich.
Auch wenn Bunny oftmals nicht die Schnellste war, wenn es darum ging Zusammenhänge zu begreifen, erschloss sich ihr die Lage hier sofort.
Neptun wurde das Herz geraubt und auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie einer der drei Talismane aussah, der Anblick des funkelnden Spiegels war ihr Antwort genug.
Uranus sah zwischen ihren aufgestellten Beinen auf das Gewehr hinab, als Bunny vorsichtig ihre Hände um den Spiegel legte.
„Bitte Talisman! Verwandle dich zurück in Michirus Herz! Bitte!“
„Lass das.“
Die Kälte, welche von Uranus Stimme ausging, brachte die Raumtemperatur gefühlt weiter zum Sinken. „Der erste Talisman ist gefunden und das ist gut so.“
„Was?“ Bunny konnte diese Aussage nicht fassen. Es war ganz offensichtlich, wie sehr Uranus und Neptun sich liebten. Aber nun saß die Kriegerin teilnahmslos daneben und der Fund des Talismans war alles, woran sie dachte, während ihre Partnerin mit dem Tod kämpfte?
„Wie kannst du sowas sagen! Ist dir Neptun völlig egal?!“
Uranus Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. „Es ist nicht fair von dir, Michiru, dass du dich in deine eigene Welt zurückziehst.“
Ihre Hand wanderte langsam unter den blauen Kragen und zog die Brosche hervor, welche sie Bunny achtlos hinwarf. „Hier, das gehört dir.“
Bunny griff danach und sah dann entsetzt, wie Uranus nach dem Hexengewehr griff.
„Was hast du vor? NEIN!!!“
Sie stürzte sich auf die Kriegerin und wollte ihr die todbringende Waffe entreißen, wodurch eine heftige Rangelei zwischen den beiden entstand.
„Lass los! Ich trage einen weiteren Talisman in mir!“, zeterte Uranus und versuchte Bunnys Finger von ihrem Arm zu lösen.
„Bitte nicht! Wir können die Welt genauso gut ohne Talismane retten! Glaub mir! Gemeinsam können wir es schaffen!“, beschwor Bunny sie unter Tränen.
Uranus hielt inne und ihre Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. „Merkwürdig. Aber wenn du das so sagst Mondgesicht, könnte man fast meinen, dass du Recht hast. Als du gekommen bist, habe ich dich einen Moment lang für den Messias gehalten, auch wenn ich nicht gerade viel Vertrauen in deine Fähigkeiten habe.“
„Haruka …!“
Bunny wollte erneut an dem Gewehr ziehen, doch Uranus holte mit ihrem rechten Arm aus und schlug sie mit einem kräftigen Hieb von sich. Das kräftemäßig deutlich unterlegene Mädchen fiel nach hinten auf den Rücken und schlitterte ein paar Meter über den Boden.
Schnell stellte Uranus die Waffe verkehrt herum auf und presste die Mündung auf ihren eigenen Brustkorb. Ein letztes Lächeln entschuldigend und doch beschwörend.
„Sailor Moon, ich bitte dich … finde den dritten Talisman für mich.“
„NEIN! TU DAS NICHT! NEIN!!!“ , schrie Bunny entgeistert, aber der Zeigefinger von Uranus drückte den Abzug durch.

Erneut flammte ein Licht auf, das die Umgebung weiß erhellte.
Ein leises Poltern, als Uranus Körper nach rechts kippte und der Kristall ihm entstieg.
Laufende Schritte waren zu hören, die abrupt abbremsten. Ohne den Blick zu heben, spürte Bunny die Anwesenheit ihrer Sailorkriegerinnen, die leider nicht rechtzeitig kamen, um das Schlimmste zu verhindern.
Sie konnte ihren Blick nicht von Uranus abwenden, die nun Seite an Seite mit Neptun auf dem kalten Boden lag. Ihr Kristall offenbarte ein prachtvolles Schwert, mit goldenem Griff und Juwelen verzierter Scheide.
Es gab keinerlei Zweifel mehr. Uranus und Neptun waren die lang gesuchten Träger der Talismane und hatten nun das eigene Leben für ihre Suche geopfert.

Merkur, Mars, Jupiter und Venus standen fassungslos unter dem Rahmen des Tores und waren zu keinerlei Regung fähig. Ihre Augen wanderten von den Talismanen hinunter zu den leblosen Körpern jener Kriegerinnen und keine wagte auch nur ein Wort zu sagen. Auch sie brauchten einige Sekunden für sich, um das Grauen zu verarbeiten. Niemand bemerkte, dass zwei weitere Personen die Kathedrale mittlerweile erreicht hatten und sich im Hintergrund hielten.
Serena hatte sich vor Entsetzen die Hand auf den Mund gepresst, um nicht zu schreien, als sie durch die Beine, der vor ihr befindlichen Kriegerinnen, auf Uranus und Neptun sah.
Auch auf Setsunas Gesicht war unverkennbarer Schmerz gezeichnet, doch sie nahm Serena stumm am Arm und deutete an, ihr zu folgen.
Niemand hörte ihre Schritte, als die beiden wieder verschwanden.

Es waren nur Bunnys gequälte Tränen, ihr immer lauter werdendes Weinen, das die Herzlosigkeit eines Schicksals beklagte, dem zwei so herzensgute Menschen nun zum Opfer fielen.

„Haruka …! Michiru …!“








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Schlussmelodie Anime:
https://www.youtube.com/watch?v=2_ndb4skVlI

"Eugeals" Orgelspiel Toccata and Fugue / Bach
https://www.youtube.com/watch?v=ho9rZjlsyYY&t=29s
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