Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Curry und Gespensterkrebse

KurzgeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P12 / FemSlash
01.09.2021
01.09.2021
1
5.319
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
01.09.2021 5.319
 
Eine neue monatliche Kurzgeschichte!

Ab jetzt aus praktischen Gründen am 1. des Monats.


CN: Verletzungen (Kampf)


Gespensterkrebse! Warum ausgerechnet Gespensterkrebse? Dora atmete tief ein und entließ die Luft mit einem langen Schnauben durch ihre Nase. Sicher, ihr Dozent hatte Aufgaben verteilt, für die man bei der Recherche richtig tief graben musste. Das gehörte zum Journalismus dazu. Aber Gespensterkrebse waren gruselig! Wegen dem Krebsteil, nicht dem Gespenst. Das Internet gab keine vertrauenswürdigen Quellen her und auf frühere Artikel durften sie sich nicht stützen. Wohl oder übel musste sie sich durch wissenschaftliche Biologie-Schriften quälen oder ihre gemütliche Ecke im Café aufgeben, um in der Bibliothek dicke Fachbücher zu wälzen.
Dora blickte von dem Bildschirm ihres Laptops auf, um die Angebotstafel des Cafés zu studieren. Wenn sie sich unbedingt bemühen musste, konnte sie sich wenigstens noch einen Kaffee gönnen. Irgendwas mit Zimt und Sahne. Viel Sahne.
Die Kunden an der Bedientheke rückten vor und eine vertraut wirkende, blonde Mähne schob sich in Doras Blickfeld. Konnte das sein? Ihre Haut begann vor Spannung zu kribbeln. Sicherlich war das nicht, die Person, für die sie die Frau hielt. Dreh dich ein Stück, bat Dora in ihren Gedanken, nur ein wenig! Und tatsächlich wandte die junge Frau in der Warteschlange den Kopf, um sich in dem spärlich besuchten Raum umzusehen. Sie war es wirklich. Lilah!
Die Schlange rückte noch ein Stück voran und die Schauspielerin war an der Reihe, sich ein Getränk zu bestellen. Sollte Dora sie ansprechen? Niemand schien die junge Frau zu erkennen oder sich dafür zu interessieren, wen sie vor sich hatten. Diese Gelegenheit bekam sie vielleicht nie wieder. Seit Jahren hatte sie keinen ihrer Filme im Kino verpasst, doch noch interessanter waren die Videos, die Lilah selbst im Internet veröffentlichte. Ihr Hobby war es, verloren geglaubte Filme aufzuspüren und sie nach Jahren, oft sogar Jahrzehnten, das erste Mal wieder einem Publikum vorzustellen. Ihr selbstsicheres Auftreten hatte ihr schon den Zutritt zu manchem verborgenen Schatz gesichert.
Lilah griff sich ihren Pappbecher von der Theke und drehte sich von der Kasse weg.
Jetzt oder nie! Dora klemmte ihren zugeklappten Laptop unter den Arm, griff nach ihrer Tasche und stürmte voran.
„Entschuldigung!“, rief sie der Schauspielerin nach. „Lilah?“
Die Frau drehte sich um und für einen Moment war ihr perfektes, rundes Gesicht alles, was Dora wahrnehmen konnte. Zu spät hatte sie ihre Schritte gebremst, nun stand sie kaum eine Hand breit von dem Becher in der Hand der Schauspielerin entfernt. Sie musste den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um zu ihr auf zu sehen.
„Ja bitte?“, zwitscherte Lilah in einem Ton, den Dora weder in den Filmen, noch in ihren Videos jemals von ihr gehört hatte. Vielleicht hatte das etwas damit zu tun, dass sie nun in der Realität vor ihr stand, nicht in einer Aufnahme.
Dora hatte nicht darüber nachgedacht, was sie sagen wollte. „Äh, hallo. Ich bin Dora“, presste sie die ersten brauchbaren Wörter hervor, die ihr in den Sinn kamen.
Lilah zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte verständnislos den Kopf. „Schön, und was soll ich damit jetzt anfangen?“
Etliche Interviews hatte Dora gesehen, doch nie hatte die junge Frau so abweisend gewirkt. Hatte sie einen schlechten Zeitpunkt erwischt? „Tut mir Lied, ich wollte dir nur sagen, dass ich deine Arbeit wundervoll finde. Besonders die Suche nach verlorenen Filmen.“
Lilah kniff die Augen etwas zusammen. „Ist das so? Ah, ja. Danke. Darf ich dann in Ruhe meinen Kaffee trinken?“
„Natürlich“, setzte Dora an, um sich noch ein Mal bei der scheinbar völlig fremden Frau zu entschuldigen. Doch ein harter Stoß direkt unter ihrem Schulterblatt drückte die Luft aus ihrer Lunge und ließ sie einen Schritt vorwärts stolpern.
„Pass doch auf!“, hörte sie zwei Stimmen aus zwei verschiedenen Richtungen keifen. Der Mann, der sie angerempelt hatte, wies ihr die Schuld zu und verließ eilig das Café, bevor sie etwas Anderes behaupten konnte. Die zweite Stimme gehörte Lilah.
Die Schauspielerin blickte an sich hinab, dem Eiskaffee nach, der ihr Kleid völlig getränkt hatte und nun ihre Beine entlang auf den Boden lief. Sie gab ein frustriertes Knurren von sich, stopfte den zerknüllten Becher in einen Mülleimer und stampfte zur Tür hinaus.
„Warte!“, rief Dora ihr nach und folgte ihr nach draußen. „Ich wohne nur zwei Häuser weiter, wir können dein Kleid schnell in die Waschmaschine werfen und ich gucke, ob ich bei mir etwas finde, das dir passt.“
„Wenn die Flecken nicht mehr raus gehen, lass ich dir die Rechnung schicken“, schimpfte Lilah und band sich die blonden Locken zu einem hohen Pferdeschwanz.
„Natürlich“, lenkte Dora ein und schalt sich innerlich selbst dafür. Natürlich? Nein! Alle schienen sie als perfekten Sündenbock zu sehen, nur weil sie klein war und wehrlos wirkte.

Die beiden jungen Frauen gingen ein paar Schritte, dann zückte Dora ihren Schlüssel. „Zwei Treppen hoch, linke Tür“, informierte sie die Schauspielerin über ihr Ziel und hielt ihr die Haustür auf. Lilah stakste voran, die steinerne Treppe hinauf zu der alten Holztür, die Doras eigenes kleines Reich nur dürftig von der Außenwelt abtrennte. Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal diese Frau, die echte Lilah, in ihre Wohnung führen würde. Allerdings, überlegte sie und drehte den Schlüssel in dem störrischen Schloss, hätte sie sich so eine Begegnung ganz anders gewünscht. Weniger zickig, vor allem.
Wieder hielt sie Lilah die Tür auf und ließ sie vor sich eintreten, dann schlüpfte sie selbst durch den Spalt und zog sie hinter sich zu. Einen Moment später streckte sich ein kleines, orange getigertes Köpfchen hinter dem Türrahmen des Wohnzimmers hervor. Curry musste sich wundern, was Dora um diese Uhrzeit schon wieder zuhause zu suchen hatte.
„Du hast eine Katze?!“, kreischte Lilah plötzlich. Curry fuhr zusammen und verschwand wieder im Wohnzimmer. „Lass mich sofort raus!“, befahl die Schauspielerin Dora, die noch immer an der Wohnungstür stand. „Sofort!“
Dora wich still einen Schritt zur Seite um der wütenden Frau Platz zu machen, die an ihr vorbei nach dem Griff der Tür langte. Ihr Rücken streifte die Jacken an der Garderobe, dann spürte sie Lilahs Hand auf ihrem Schlüsselbein.
„Ich bin allergisch!“, fauchte die Frau und gab ihr einen Stoß, der sie zwischen die Jacken auf die Bank der Garderobe taumeln ließ.
Dora hörte die Tür klappern, zwei stöckelnde Schritte auf dem gefliesten Boden, ein Niesen. Dann nur noch Stille. Vorsichtig beugte sie sich zwischen einer Daunenjacke und einer Jeansweste hervor, um in den Hausflur zu blicken. Lilah hatte inne gehalten, sah an sich hinab auf das mit Kaffee verklebte Kleid, dann hob sie den Kopf. Ihr Blick streifte den Hausflur, fand die offen stehende Wohnungstür und blieb schließlich an Dora hängen.
„Wo bin ich?“, fragte die Schauspielerin, sichtbar verwirrt, aber mit der üblichen Selbstsicherheit in der Stimme. „Hast du mich entführt?“
Sachte, ohne hektische Bewegungen, wühlte Dora sich aus den aufgehängten Jacken hervor. „Du wurdest im Café mit Kaffee übergossen und ich hab dir angeboten, dein Kleid hier zu waschen. Weißt du das nicht mehr?“
Lilah legte die Arme um ihren Körper, als wäre ihr kalt. Vielleicht war ihr tatsächlich kalt, in dem nassen Kleid, oder sie suchte nach dem Gefühl von Sicherheit. „Ich erinnere mich nur, dass ich den Film von Madeline abgespielt habe, und dann.. war ich plötzlich hier.“
„Du hast Madelines Film wirklich gefunden?“, fragte Dora. Lilah hatte in ihrem letzten Video angekündigt, dass sie nach dem lange verschollenen Stück suchen würde. Sie hatte das  Rätsel lösen wollen, warum die berühmte Schauspielerin damals plötzlich verschwunden war.
„Ja“, bestätigte Lilah abwesend, dann schärfte sich ihr Blick. „Du kennst meine Videos?“
Dora nickte. „Ich hab dich unten im Café angesprochen, aber irgendwie warst du ganz anders als in den Interviews. Richtig zickig.“ Sie stoppte sich. „Entschuldigung.“
Lilah schüttelte den Kopf. „Steht das Angebot mit der Waschmaschine noch?“ Sie lüpfte ihr nasses Kleid eine Handbreit.
„Na klar.“ Dora deutete mit einer einladenden Geste ihres Arms in die Wohnung. „Aber stört dich mein Kater nicht?“
Die Schauspielerin machte große Augen. „Was? Nein! Ich liebe Katzen!“

„Selbst meine größten Sachen sind dir vielleicht zu klein.“ sagte Dora in den Schrank, während sie nach etwas suchte, das Lilah anziehen konnte. Sie drehte sich mit einem Arm voll Stoff zu der Schauspielerin um. „Hier ist ein Hoodie, den ich zuhause manchmal als Kleid anziehe, und eine Jogginghose von meiner Ex. Tut mir Leid, dass ich nichts hübscheres für dich hab.“
Lilah zuckte mit den Schultern. „Perfekt.“
Mit einem Nicken ließ Dora die junge Frau alleine in ihrem Schlafzimmer, damit sie sich in Ruhe von ihrem Kaffeekleid befreien konnte.
Drei Minuten später hatte Dora den Stubentisch mit Tee und Keksen gedeckt und beobachtete die Schauspielerin, wie sie sich ihr gegenüber auf das Sofa fallen ließ. Ihre blonden Locken fielen wieder frei über ihre Schultern, der blaue Hoodie passte ihr wie angegossen. Sie wirkte nun viel mehr wie die Frau, die Dora aus den Videos und Interviews kannte.
Lilah beugte sich vor und stützte den Kopf in die Hände. „Okay. Dann erzähl mir mal, was du weißt.“
Dora erkannte einen merkwürdigen Glanz in den Augen der jungen Frau. Es war das selbe Funkeln, das sie bekamen, wenn sie einem weiteren verschwundenen Film auf der Spur war. „Wie gesagt, ich kenne deine Videos aus dem Internet“, fing Dora an. Leicht untertrieben. „Und dann hab ich dich im Café gesehen und dachte mir, die Chance bekomme ich nie wieder.“
Lilah nickte verstehend. „Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich hab auf dem Wecker im Bad das Datum gesehen. Wie es aussieht, weiß ich seit gestern Nachmittag gar nichts mehr.“
„Du wirktest schlecht gelaunt“, fuhr Dora fort, ohne darauf einzugehen, dass Lilah zu gelassen für ihre Situation wirkte. Sie wollte nicht riskieren, dass sie junge Frau doch noch in Panik verfiel. „Dann wurde ich gegen dich gestoßen und dabei ist das mit dem Kaffee passiert.“
Die Schauspielerin ging dazu über, den Teller mit Keksen zu erforschen. „Und dann hast zu mich mit hoch genommen, und irgendwie bin ich jetzt…“ Mit einem Schokokeks zog sie vage erklärende Kreise durch die Luft.
„Du bist plötzlich ausgeflippt, als du Curry gesehen hast.“ Dora deutete auf den Kater, der Lilah von seinem Platz auf der Sofalehne skeptisch beäugte. „Dann bist du aus der Wohnung gerannt, weil du angeblich allergisch gegen Katzen bist, hast geniest, und seitdem bist du.. naja.. netter.“
„Vorher war ich also nicht ich selbst?“, fragte die junge Frau und zog die Beine an. Curry interpretierte den Schneidersitz als Einladung und ließ sich auf dem Schoß seines Gastes nieder. „Du kennst meine Videos ziemlich gut, oder?“, sprach Lilah zu dem Kater hinab, doch Dora war klar, dass sie nicht ihn gemeint hatte.
„Äh, naja..“, antwortete Dora und kratzte sich nervös hinter dem Ohr.
Die Schauspielerin hob den Kopf gerade genug, um Dora in die Augen blicken zu können, und zog neckisch eine Augenbraue in die Höhe. Ihre Mundwinkel zuckten. Ein vages Gefühl beschlich Dora, dass die Schauspielerin sie foppte.
„Weißt du“, begann Lilah und brach damit den Blickkontakt, „Madeline hatte eine Katzenallergie.“
Dora fasste ihre Teetasse mit beiden Händen, um ihren ruhelosen Fingern einen Zweck zu geben. „Du meinst, das könnte etwas mit dieser Situation zu tun haben?“
„Ich meine“, erklärte Lilah, „lach mich nicht aus. Aber vielleicht bin ich von Madeline besessen?“
„Es ist ein spannender Fall, ja. Aber besessen? Denkst du, du hast dich so sehr in ihre damalige Lage versetzt, dass du irgendwie als Madeline geschlafwandelt bist?“ Dora zog die Augenbrauen zusammen.
Lilah schüttelte den Kopf und ihre Locken wippten wie ein sanfter Rahmen um ihr Gesicht. „Nein, wirklich besessen. Horrormäßig. Du glaubst nicht, was ich an Filmsets schon alles erlebt hab. Da spukt es überall.“
„Okay.“ Dora legte den Kopf schief. „Jetzt veräppelst du mich.“
„Überleg doch mal!“, forderte die Schauspielerin sie auf und richtete sich wieder etwas gerader auf, ohne dabei den schnurrenden Curry zu stören. „Madeline ist beim Dreh von dem Film verschwunden, den ich gesucht und gestern gefunden habe. Was, wenn ihr Geist an der Filmrolle hing und sich auf mich übertragen hat, als ich ihn abgespielt habe?“
Dora hätte die Stirn gerunzelt, wenn sie das nicht schon gewesen wäre. „Du weißt aber schon, dass das hier die Realität ist und nicht eine deiner Serien?“
Nachdenklich massierte Lilah dem Kater auf ihrem Schoß die Ohren. „Wenn dir was Besseres einfällt, immer her damit.“
„Es klingt einfach so abwegig“, erklärte Dora. „Es muss eine logischere Erklärung geben.“
„Lass dich doch wenigstens für einen Moment auf meine Idee ein. Schadet ja nichts“, bat die Schauspielerin.
Dora stellte ihre Teetasse vor sich ab und hob kapitulierend die Handflächen. „Gut, gehen wir mal davon aus, dass du wirklich von Madelines Geist besessen bist. Was machen wir dagegen?“
„Keine Ahnung“, gab Lilah zu. „Ich jage Geister nur im Fernsehen.“
Schweigend zog Dora ihr Handy hervor und suchte im Internet nach einem kurzen Video, das einen Ausschnitt von Lilahs Geisterserie zeigte. Sie hielt es der Schauspielerin vor. „Bei dir heißt es in solchen Fällen immer, man muss das Objekt verbrennen, an dem der Geist hängt.“
Lilah verzog missbilligend den Mund. „Aber manchmal gibt es auch andere Lösungen.“
„Willst du Madeline nicht schnell wieder los werden?“, fragte Dora und steckte ihr Handy wieder ein. „Wer weiß, was sie in deiner Gestalt anstellt, wenn sie die Gelegenheit dazu bekommt.“
Die Schauspielerin sah unschlüssig auf Curry hinab. „Es ist wahrscheinlich das einzige Exemplar dieses Films, ich möchte es wirklich nicht zerstören.“ Sie seufzte. „Aber mal eine andere Frage: Hast du eine Idee, warum ich jetzt ich selbst bin?“
Doras folgte mit ihrem Blick Lilahs Hand, die dem Kater immer wieder durchs Fell fuhr. „Nun ja, mit dem Niesen war Madeline plötzlich weg. Vielleicht liegt es an ihrer Allergie?“
„So könnten wir sie im Zaum halten“, schlug Lilah vor. „Solang ich voller Katzenhaare bin, können wir einen Weg suchen, wie ich Madeline ohne Feuer los werde.“
„Ich hab auch schon eine Idee, wo wir mehr Informationen darüber finden.“ Wieder tippte Dora auf ihr Handy, diesmal suchte sie die Öffnungszeiten der Stadtbücherei. „Wenn wir uns jetzt auf den Weg machen“, erklärte sie, „haben wir noch genug Zeit, um in der okkulten Abteilung der Bibliothek etwas zu finden.“
Lilah stimmte zu. „Das ist eine gute Idee. Aber vorher will ich noch mal ins Filmarchiv und die Rolle von Madelines Film holen. Für alle Fälle.“
„Klar“, sagte Dora. „Da können wir ja zuerst vorbeifahren.“
„Das kostet zu viel Zeit“, widersprach Lilah. „Ich weiß ja, was ich suche, also bin ich da ganz schnell fertig. Es ist sinnvoller, wenn du in der Zeit schon mal in der okkulten Abteilung nach ersten Anhaltspunkten suchst.“
Dora drückte sich schwungvoll vom Sofa hoch und umrundete den Tisch. Sie fühlte sich beinahe entblößt und stakste unter den Blicken der Schauspielerin auf sie zu. „Wenn du dich mit Curry noch ein bisschen vollfusselst…“, schlug sie vor und deutete dabei mit der Hand eine wischende Bewegung vor ihrem Oberkörper an.
Lilah hob den Kater auf ihre Arme, dann ließ sie den Kopf sinken. Ihre Nase bettete sich in seinem Fell. Einen Augenblick hielt sie in der Position inne, dann wuschelte sie mit dem ganzen Gesicht durch ihr flauschiges Kissen. Curry sah zu Dora auf, die sich sicher war, dass ihr Ausdruck nicht weniger verdutzt war als seiner.
Schließlich richtete Lilah sich wieder auf. „Bin bereit“, verkündete sie und pustete sich ein Katzenhaar von den sanft geschwungenen Lippen.
„Gut, äh..“, fing Dora an und blinzelte „Ähm. Vielleicht sollte wir unsere Nummern tauschen, falls unterwegs was passiert oder du mich in der Bibliothek nicht findest oder so.“

Lilahs Nummer! Der Bus in Richtung der Stadtbücherei ratterte über löchrigen Asphalt und baufällige Straßenbahnschienen, während Dora auf den Bildschirm ihres Handys starrte. Sie hatte Lilahs Nummer in ihrer Kontaktliste! Der Tag hatte mit Gespensterkrebsen begonnen und kurz vor seinem Ende hatte sie den Kopf voll mit Bildern ihrer Lieblingsschauspielerin. Je weiter sie sich von zuhause entfernte, desto mehr kam es ihr vor wie ein Traum. Nur die Nummer in ihrem Handy war ein untrügliches Zeichen dafür, dass dieser Tag wirklich so passiert war.
Der Bus hielt vor der Bibliothek und Dora trat zielstrebig ihren Weg in den Bereich an, der die wertvolleren und und nicht für alle Augen bestimmten Werke beherbergte. Von mittelalterlichen Handschriften bis hin zu privaten Familienchroniken, die den Bibliothekaren zur schonenden Aufbewahrung anvertraut worden waren, ließ sich hier viel finden, das in den öffentlichen Bereichen nicht zur Verfügung stand. Auch Dora hatte keinen unbeschränkten Eintritt in diesen Flügel des Gebäudes, doch für die Abteilung mit okkulten und religiösen Handschriften genügten ihre Befugnisse als angehende Journalistin. Sie hob ihren Ausweis und wurde ohne Widerspruch eingelassen.

Es hätte nur eine halbe Stunde dauern dürfen, bis Lilah aus dem Filmarchiv nach kam. Doch auch eine Viertelstunde später war sie immer noch nicht bei Dora angekommen. Vielleicht hatte etwas sie aufgehalten, ein Stau oder die Auslage einer echt guten Bäckerei. Dora blickte auf ihr Handy, doch das Display zeigte keine neuen Nachrichten an.
Auch nach einer ganzen Stunde war noch nichts von der jungen Schauspielerin zu sehen. Keine Nachricht, kein Anruf. Hatte ihr Bus einen Unfall? Hatten die Katzenhaare doch nicht funktioniert und Madeline hatte Lilahs Körper wieder übernommen? Unschlüssig sah Dora auf ihr Handy hinab. Sie konnte nachfragen. „Alles in Ordnung?“, tippte sie, löschte es wieder. Wenn es das wäre, dann hätte sie keine Verzögerung bei der Suche nach einer Lösung zugelassen. Wenn etwas passiert war, dann konnte sie wahrscheinlich ohnehin nicht an ihr Handy gehen.
Die wahrscheinlichste Antwort war, dass Lilah sie versetzt hatte. Dora stützte das Kinn in ihre Hände und starrte auf die Übersetzung eines alten Buches über Dämonenaustreibung hinunter, die vor ihr auf dem Tisch lag. Natürlich, deshalb hatte sie auch darauf bestanden, dass sie unterschiedliche Busse nahmen. Lilah hatte sie für eine verrückte Entführerin gehalten, die ganze Situation mitgespielt und eine Ausrede gefunden, um von ihr weg zu kommen. Dora vergrub das Gesicht in ihren Handflächen. Wahrscheinlich war auch die Handynummer nicht echt.
„Na, kein Erfolg?“, fragte eine gedämpfte Stimme dicht an Doras Ohr.
„Scheiße!“ Dora zuckte zusammen, doch ihre Unterarme steckten als Säulen zwischen ihrem Kopf und der Tischplatte. Die ruckartige Bewegung drückte die Schneidezähne in ihre Unterlippe, einen Augenblick später erkannte sie den metallischen Geschmack ihres eigenen Blutes.
Lilah hatte einen Satz zurück gemacht, nun ließ sie sich auf einem Stuhl neben Dora nieder. „Oh verdammt“, flüsterte sie und wühlte kurz in der Umhängetasche, die sie in Doras Wohnung noch nicht dabei gehabt hatte. Sie zog ein Paket Taschentücher hervor und hielt es Dora hin. „Hier. Für deine Lippe. Tut mir Leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Du bist doch noch gekommen“, nuschelte Dora durch das Taschentuch, das sie sich auf die Unterlippe drückte. Es klang gemeiner als beabsichtigt, ein bisschen bitter. Doch heimlich war sie nur erleichtert.
Lilah wirkte ehrlich bedauernd. „Die Rolle war nicht da, nur meine Tasche. Ich hab überall gesucht, aber Madeline muss sie mitgenommen und versteckt haben.“
„So ein Mist“, stellte Dora fest. „Und ich dachte schon…“
Die Schauspielerin legte den Kopf schief und blickte auf die Kopie vor Dora. „Was dachtest du?“
„Ach, egal.“

Einer der Bibliothekare hatte viel Geduld mit ihnen gehabt und sie noch recherchieren lassen, so lang er die letzten Aufräumarbeiten erledigte. Doch irgendwann musste er das Gebäude schließen, also trieb er die beiden jungen Frauen wie frustrierte Schafe vor sich her aus der Tür. Erst auf dem beleuchteten Vorplatz bemerkten sie, wie spät es geworden war.
„Jetzt sind wir genau so schlau wie vorher“, maulte Lilah und ließ sich auf einen dekorativen Betonklotz sinken.
Dora tippte nachdenklich mit der Schuhspitze gegen den Sockel des Sitzplatzes. „Dann müssen wir den Film wohl doch verbrennen.“
„Ich möchte das nicht tun“, brachte die Schauspielerin hervor und schüttelte die blonden Locken. „Außerdem wissen wir eh nicht, wo der abgeblieben ist.“
„Das ist wirklich ein Problem“, gab Dora zu und schnaubte. „Und im Filmarchiv kann ich dir nicht suchen helfen, dafür hab ich keinen Ausweis.“
Lilah runzelte die Stirn. Doras Aussage schien etwas in ihr ausgelöst zu haben. „Sag mal“, begann sie und musterte ihr Gegenüber, „wieso hast du eigentlich Zutritt in die beschränkten Bereiche der Bibliothek?“
Dora zuckte mit den Schultern. „Ich bin Journalistin. Also, fast.“
„Oh“, sagte Lilah.
„Oh?“, wiederholte Dora, die sich nicht sicher war, wie sie die Reaktion der Schauspielerin deuten sollte.
„Oh. Das erklärt alles“, führte Lilah aus, und Dora erklärte es überhaupt nichts. „Darum machst du das alles mit“, fuhr die Schauspielerin fort. „Oder du hast mir was in den Kaffee getan und deshalb weiß ich nichts mehr.“
Dora starrte die junge Frau an. „Was?“
„Besessen von Madeline, so ein Stuss.“ Lilah stand auf. „Auf so eine Idee konnte ich ja nur kommen, weil deine Drogen oder was auch immer noch wirkten. Jetzt kapier ich’s.“
„Lilah“, begann Dora und es fühlte sich seltsam an, die Frau so persönlich anzusprechen. „Ich hab wirklich nichts mit der Sache zu tun.“
Die Schauspielerin hielt ihre Tasche vor ihrem Bauch. „Ich hätte es wissen müssen.“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Dass ich darauf noch reinfalle. Natürlich, ich bin nur eine tolle Story für dich.“
Dora atmete tief ein und machte einen Schritt auf Lilah zu. „Nein! Das stimmt doch überhaupt nicht.“
„Spar’s dir“, wandte Lilah ein und trat um den Betonblock. „Ich bin weg“, verkündete sie und ließ Dora sprachlos vor der Bibliothek im Neonlicht der Straßenlaterne stehen.
Es hatte keinen Zweck, der jungen Frau hinterher zu laufen. Im besten Fall hätte das alles nur noch schlimmer gemacht. Dora ließ sich nun selbst auf dem Betonklotz nieder und starrte noch eine Weile in die Richtung, in der Lilah verschwunden war. Es war ein unwirklicher Tag gewesen, fast hätte sie wieder an einen Traum geglaubt. Erst war die Frau in ihr Leben getreten, dann hatte sie sich als die falsche Person im richtigen Körper herausgestellt. Dann war sie in ihre Wohnung getreten und es hatte sich gezeigt, dass sie doch die Richtige war. Und nachdem die Schauspielerin erst verschwunden und dann doch wieder aufgetaucht war, hatte ein Missverständnis ihre Wege am Ende doch wieder getrennt.

Dora hätte mit vielen Dingen gerechnet, jedoch nicht damit, von der Titelmelodie der Serie geweckt zu werden, in der Lilah die Hauptrolle spielte. Vor Jahren hatte sie das Stück als Alarm eingerichtet, der immer dann auf ihrem Handy ertönte, wenn die Schauspielerin ein neues Video veröffentlichte. Mit von Schlaf und unterdrückten Tränen verquollenen Augen wühlte sie sich unter ihrer Bettdecke hervor, um nach dem Störenfried zu greifen. Neben dem Kopfkissen fand sie Curry, der sich friedlich schlummernd eingerollt hatte. Oben auf dem Display des Handys leuchtete ein kleines Symbol auf, das sie direkt auf das neue Video führen würde, wenn sie darauf tippte.
Ein neues Video, nachdem sie am Vorabend so schlecht auseinander gegangen waren, konnte nichts Gutes bedeuten. Vielleicht würde die junge Schauspielerin über die böse Journalistin reden, die ihr einen üblen Streich gespielt hatte. Oder sie hatte doch noch etwas herausgefunden und ihren Fehler eingesehen. Eine Entschuldigung wäre schon nicht schlecht. Wollte sie es wissen?
Die Neugier siegte und Dora lehnte ihr Handy an den schlafenden Kater. Sie tippte auf das Video und Lilahs vertrautes Gesicht erschien in dem kleinen, leuchtenden Rechteck. Ein paar Grußworte, eine Ankündigung, überzogen betonte Silben. Mit jedem Wort, das die junge Frau sprach, wurde Dora unruhiger. Fassungslos las sie die Kommentare der anderen Zuschauer, um sich davon zu überzeugen, dass sie nicht zu viel in das Video hinein las. Und tatsächlich fand sie in den Reaktionen die Bestätigung für das, was sie befürchtet hatte: Lilah hatte sich verändert. Viele waren empört über die Ankündigung, dass es statt historischer Filme von nun an um Kosmetik und Kleidung gehen sollte. Einige Leute unterstützten die Schauspielerin in ihrer Entscheidung, einen neuen Weg einzuschlagen. Alle hatten die Veränderung der Frau gemerkt, doch nur Dora kannte den Ursprung. Madeline! Der Schutz durch Currys Haare musste verloren gegangen sein.
Dora kämpfte sich aus ihrer Bettdecke frei und beschloss, dass die Klamotten von gestern reichen mussten, auch wenn sie nach dem ereignisreichen Tag schon ein bisschen müffelten. Lilah wollte sie nicht mehr sehen, das hatte sie ihr deutlich zu verstehen gegeben. Doch sie konnte nicht zulassen, dass eine tote Schauspielerin das Leben der jungen Frau zerstörte. Egal, wie groß das Missverständnis zwischen ihnen war. Selbst wenn Lilah sie hasste.
Ohne Frühstück und nur gerade eben orentlich genug, um sich in der Öffentlichkeit sehen zu lassen, war Dora in den Bus zur Bibliothek gestiegen. Sie hatten keine Lösung ohne Feuer gefunden, also musste der Film brennen. Alles, was sie jetzt in den alten Aufzeichnungen suchte, war ein Hinweis auf Madelines Versteck. Die Tote hatte den Film, an dem ihr Geist hing, in Sicherheit gebracht. Jetzt war es an Dora herauszufinden, wo eine seit Jahrzehnten tote Frau ihren Anker in der Welt sicher unterbringen würde.
Trotz ihrer wilden Erscheinung fand der Pförtner keinen Grund, Dora nicht in den eingeschränkten Teil der Bibliothek zu lassen. Sie zwang sich, nicht zu den Regalen zu rennen, in denen die persönlichen Aufzeichnungen, Papiere und Archivalien über bekannte Persönlichkeiten der Stadt aufbewahrt wurden. Zu ihrem Erstaunen war Madeline nur ein ganz schmaler Bereich auf einem Regalbrett gewidmet, gerade eine Hand breit. Nur zwei Stücke standen dort: Ein Ordner mit Zeitungsausschnitten über die junge Schauspielerin, von ihren Durchbruch bis zu ihren Verschwinden, und ihr Tagebuch.
Dora folgte ihren Bauchgefühl und griff nach dem schmalen Buch, das mit einem kleinen Riegel versehen war. Es befand sich kein Schloss mehr am Buchdeckel, der sich widerstandslos aufschlagen ließ und ihr alle Gedanken der Schauspielerin offen darlegte.
Für einen Augenblick fühlte Dora sich schlecht dabei, die Geheimnisse der jungen Frau zu lesen. In Tagebücher schrieb man private Gedanken, die oft nicht einmal die engsten Angehörigen kannten. Doch Madeline war tot und eine Bedrohung für eine Frau, die im Gegensatz zu ihr noch sehr lebendig war. Dora ließ die alten Seiten, von Hinten angefangen, unter ihrem Daumen hindurch gleiten. Auf der Suche nach einem deutlichen Anhaltspunkt entdeckte sie kleine Kritzeleien, mit Bleistift gezeichnete Herzen, schnörkelige Buchstaben. Ganz normale Einträge für ein Buch aus glücklichen Kindertagen. Noch ein Mal blätterte sie um. Auf der nächsten Seite war ein schwarz-weißes Foto von einem alten Haus eingeklebt, vor dem eine Gruppe von Menschen verschiedener Altersstufen aufgereiht stand. Ein Familienfoto. Madelines Elternhaus.
Das Bild brachte Dora auf eine Idee. Auch sie hatte viele Jahre lang Tagebuch geschrieben und in jedem der Bücher und Hefte hatte sie allem Einträgen voran ihre Adresse auf das Vorsatzblatt geschrieben.
„Danke!“, flüsterte Dora, als ob die zehnjährige Madeline es hören könnte. Auch sie hatte dafür gesorgt, dass das Buch seinen Weg zu ihr zurück fand, sollte es jemals verloren gehen. Eine kurze Suche im Internet förderte Satellitenbilder von der Adresse zutage. Das Haus existierte noch, und das große Loch im Dach sagte Dora, dass es sein vielen Jahren leer stehen musste. Das musste das Versteck sein!
Schon eine Stunde später stand Dora auf der zugewucherten Eingangtreppe des alten Hauses und kam sich albern dabei vor, an der Tür zu klopfen. Sie schwang unter ihrer Berührung auf. „Hallo?“, rief die junge Frau in den verfallenen Raum hinein. Niemand antwortete. Bevor sie jemand sehen und zwielichtiger Machenschaften verdächtigen konnte, schlüpfte Dora durch die Tür und schloss sie hinter sich, so gut es ging. Sie atmete ein Mal tief ein und wünschte sich, sie hätte eine Atemschutzmaske dabei gehabt. Im Halbdunkel sah sie sich um und überlegte, wo die Schauspielerin den Film verstecken würde. Ihr eigenes Zimmer war bestimmt der Raum, der sich am sichersten für sie anfühlte. An der linken Seite des Raums entdeckte Dora eine Treppe. Es war in dieser Gegend üblich, dass die Kinderzimmer sich oben befanden. Allmählich gewöhnten ihre Augen sich an die Dunkelheit und schwach konnte sie im Staub der Jahrzehnte frische Fußspuren erkennen, die sich vom Eingang die Treppe hinauf erstreckten. Dora folgte der Spur in ein kleines Zimmer, in dem nur ein Schrank, ein Bett und ein kleiner Nachttisch standen. Sie öffnete die Schublade des Schränkchens, doch sie war leer. Unter dem Bett war nur Staub, unter dem Kopfkissen ließ sich noch das ursprüngliche Weiß der vergilbten Laken erkennen. Zuletzt schlug Dora die ordentlich ausgebreitete Decke hoch. Dort lag der Film, eine unscheinbare Rolle, die nichts über ihre Bedeutung verriet.
Ohne weiter nachzudenken schnappte Dore sich den Film und lief die Treppe wieder hinab. Es lief alles zu gut. Sie wollte ihr Glück nicht ausreizen und aus Versehen das ganze Haus abfackeln.
Doch ihr Glück schien sie schon verlassen zu haben, als sie den Film in die Hand genommen hatte. Die Haustür stand offen und in ihrem Rahmen, vom rosigen Licht der Morgensonne erleuchtet, war Lilahs Silhouette zu erkennen. Geblendet von den  Sonnenstrahlen konnte Dora das Gesicht der Schauspielerin nicht sehen, doch ein Kreischen erklärte ihr alles, was sie wissen musste.
„Nein!“, fauchte Madeline und sprang auf Dora zu. „Ich dachte nicht, dass du das Haus so schnell findest!“
Dora reagierte schnell und lief weiter in den Raum am Fuß der Treppe hinein. Ein Kamin, eine Wanne, irgend etwas Feuerfestes. Es musste hier doch eine Stelle geben, an der sie die Rolle verbrennen konnte, ohne sich in Gefahr zu bringen. Oder die Schauspielerin, die tatsächlich in den Körper gehörte, der nun wie ein tollwütiges Tier hinter ihr her sprang.
Das Waschbecken! Dora warf sich in Richtung der staubigen Küchenzeile, auf der noch immer altes Geschirr lag. Doch schon war Madeline bei ihr und versuchte, ihr die Filmrolle zu entreißen.
„Gib mir den Film!“, schrie sie. „Oder ich bring dich um!“
Dora schaffte es, sich zwischen der wild gewordenen Frau und dem Waschbecken umzudrehen. Es überraschte sie selbst, wie ruhig sie blieb. Sie fand sogar die Zeit darüber nachzudenken, dass sie es in anderen Situationen eher begrüßen würde, von Lilah an die Küchenzeile gedrückt zu werden. Über das Becken gebeugt schirmte sie den Film von Madeline ab, während sie mit einer Hand nach dem Feuerzeug in ihrer Hosentasche tastete. Die Schauspielerin bemerkte das kleine Objekt in ihrer Hand und zog an ihrem Arm. Adrenalin und unbändige Wut verliehen der jungen Frau genug Kraft, um Doras Arm schmerzhaft auf ihren Rücken zu drehen. Gerade rechtzeitig schaffte Dora es, mit der andere Hand nach dem Feuerzeug zu greifen. Fast blind vor Schmerz stützte sie sich in das Becken, tastete nach der Rolle und hoffte, dass sie es mit der Linken schaffen würde, das kleine Rad unter ihrem Daumen zu drehen. Madeline zerrte an ihr, doch die Bodendielen boten Dora genug Halt, um sich gegen sie zu stemmen. Funken verbrannten ihren Zeigefinger, weil sie das Feuerzeug nicht richtig halten konnte. Der dritte Versuch, der fünfte. Madeline biss in ihre Schulter, doch die Schmerzen im verdrehten Arm waren so groß, dass die Zähne beinahe eine willkommene Abwechslung darstellten. Eine Flamme biss nach Doras Hand und ein unmenschlicher Schrei an ihrem Ohr bestätigte ihr, dass die Filmrolle Feuer gefangen hatte.

Es mochten Minuten oder Stunden gewesen sein, seitdem Dora am Küchenschrank herab gesunken war. Sie hatte den Kopf der zusammengebrochenen Frau auf ihrem Schoß gebettet und nur für einen Moment vor Erschöpfung die Augen geschlossen. Eine kühle Hand an ihrer Wange holte sie nun zurück aus ihren Schlummer.
Lilahs perfektes Gesicht war erhellt von einem Sonnenstrahl, der durch ein Fenster über der Küchenzeile in den Raum drang.
„Ich glaube dir, dass du mich nicht entführt hast“, erklärte Lilah. Die echte Lilah. „Madeline hat mich sehen lassen, was sie dir antut. Aus Rache oder so.“
Dora lehnte den Kopf aufrecht an die Schranktür hinter sich. „Ich hatte nie vor, einen Artikel aus dir zu machen.“ Ihre Stimme klang hohl, kratzig.
„Es tut mir Leid. Danke, dass du mich gerettet hast.“ Lilah sah hinab auf die verdrehte und die gebissene Schulter. „Tut es sehr weh?“
Schmerzen, oh ja. Im Körper, im Herzen, im Geist. Es waren zwei anstrengende Tage gewesen. Unweigerlich stahl sich ein Grinsen auf ihre Lippen. „Ja.“
„Also, äh“, begann Lilah und es war das erste Mal, dass sie nicht vollkommen selbstsicher wirkte. „Wir kümmern uns um deine Verletzungen. Und wenn es dir wieder besser geht...“, sie wich Doras Blick aus, räusperte sich. „Würdest du mit mir mal einen Kaffee trinken gehen?“
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast