Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Jocke im Chaos

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Sabaton
27.08.2021
27.08.2021
4
4.464
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
27.08.2021 1.581
 
Krankenbesuch

Der Flieger hob ab.

Die letzten Wochen waren stressig gewesen. Ihre Mutter mischte sich nach wie vor in alles ein, was sie tat und ließ und hatte ihr diese Reise unbedingt ausreden wollen. Sonja fragte sich, was ihr Problem damit war. Sie hat dich dort nicht unter Kontrolle, machte sich ihre innere Stimme bemerkbar. Michael, ihr Ex, hatte täglich angerufen und lamentiert, sie solle doch zu ihm zurückkommen – worauf sie überhaupt keine Lust hatte. Dass ihre Mutter ebenfalls dieser Ansicht war, half da auch nicht gerade. Ich werde mir wohl doch eine Fangschaltung legen lassen müssen, dachte sie mürrisch.

Dann – ja, dann war der Anruf gekommen, wegen dem sie jetzt im Flieger saß. Sonja war fast hintenübergekippt vor Überraschung, als sich der späte Anrufer als Pär Sundström vorgestellt hatte.

„Joakim geht es nicht gut“, hatte er gesagt, „du weißt ja, dass er sich vor einiger Zeit von seiner Freundin getrennt hat, weil die ihn betrogen hat. Jetzt legt sie es wohl drauf an, ihn in den Wahnsinn zu treiben. Jocke sitzt von früh bis spät zu Hause, sieht fern, raucht und trinkt. Das ganze Haus stinkt danach, und er erst recht.“

„Und wo komme ich ins Spiel?“, fragte Sonja vorsichtig.

„Dazu komme ich jetzt. Jocke und du habt doch zusammen das Endzeit-Shooting gemacht, und er schaut sich immer wieder die Bilder an. Wir haben schon alles versucht, nichts hat geholfen. Vielleicht tut es ihm ja gut, dich zu sehen.“

„Ich soll also nach Falun kommen. Das kann ich machen, nur – was machen wir, wenn er irritiert ist über mein Auftauchen? Vielleicht will er mich ja gar nicht sehen…“

„Dann lassen wir uns was einfallen. Wann kannst du kommen? Ich buch den Flug.“

Sonja hatte gepackt, war zwei Stunden vor Abflug am Terminal gewesen, hatte die Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen. Dann hatte sie endlich ins Flugzeug gedurft. Sie suchte ihren Platz und schnallte sich an. Wenig später war ein Steward nach vorne getreten und hatte die Bordeinweisung gemacht, vielmehr: diese war vom Band gekommen, und der Mann hatte vorgeführt, was zu tun war, damit es auch der letzte Depp kapierte.

Den Rest des Fluges verschlief sie. In Arlanda holte sie ihr Gepäck vom Band; als sie aus dem Flughafengebäude trat, sah sie einen großen, schweren Mann mit langem braunem Haar und Vollbart auf sich zukommen.

„Hallo, du musst Sonja sein“, begrüßte er sie auf Englisch, „ich bin Chris. - Komm mit, ich stehe da drüben“, damit nahm er ihren Koffer und setzte sich in Bewegung.

„Wie geht es Jocke?“ erkundigte sich Sonja.

„Seine Ex war bei ihm, hat sich an mich rangeschmissen…“

„Nicht dein Ernst!“

„Doch. Naja, mir war es egal, ich bin schwul, aber Jocke nicht. Der war weiß wie die Wand. Ich hab die Tussi dann rausgeworfen. Mann, war ich sauer…“

„Denk ich mir. Und weiter?“

„Ich bin irgendwann gegangen, Jocke muss dann angefangen haben, zu saufen. Aktuell liegt er mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Ich will gar nicht wissen, was und wieviel er in sich reingekippt hat… Ich mach mir solche Vorwürfe. Warum zum Henker hab ich ihn allein gelassen? Ich hab doch gesehen, in was für einem Zustand er war!“ Spontan legte ihm Sonja die Hand auf den Unterarm und Chris entspannte sich ein wenig.

Unterdessen waren sie in Falun angekommen.

„Gleich zum Krankenhaus?“ fragte er und Sonja nickte.



Sie klopfte and die Tür des Zimmers, in dem laut Anmeldung Joakim lag.

„Herein“, hörte sie eine vertraute Stimme, allerdings schwächer als gewohnt.

Vorsichtig drückte Sonja die Klinke herunter und öffnete die Tür. Joakim lag im Bett, fast ebenso weiß wie das Bettzeug. Er war wach. Sie beugte sich über ihn.

Er lächelte, überrascht und erfreut: „Hej, bra det du är här.4Damit hob er die Hand (beziehungsweise die Baggerschaufel, er hatte riesige Hände) und legte sie an Sonjas Wange.

„Mensch, was machst du für Sachen?“

Jocke stellte das Kopfende seines Betts hoch: „Meine Ex war bei mir. Nach zwei Monaten Funkstille. Ich hatte sie rausgeworfen.“ Seine Stimme verlor sich. Sonja beschloss, ihn reden zu lassen. Sie setzte sich auf den Bettrand und nahm seine Rechte in ihre Hände.

„Chris war an dem Tag bei mir“, fuhr er fort, „sie hat sich vor meinen Augen an ihn rangeschmissen. Ich war schon überfordert damit, dass sie überhaupt vor der Tür stand, ich wusste echt nicht, was ich machen sollte... Chris hat dann das Rauswerfen übernommen. Nachdem er gegangen war, wusste ich nicht mehr weiter und hab einfach nur noch gesoffen. Tja, und dann bin ich gestern hier aufgewacht. Pär hat mich gefunden. Sie haben mir den Magen ausgepumpt.“ Kurz fragte sich Sonja, ob sie überhaupt wissen wollte, was und wie viel der sonst sehr trinkfeste Joakim in sich hinein geschüttet hatte.

Betroffen fragte sie: „Also, ich verstehe, dass die Sache mit Chris wohl die Rache für den Rausschmiss war. Aber warum hast du sie rausgeworfen?“

„Sie hat mich betrogen, anscheinend seit über einem Jahr schon. Ich hatte Indizien, mehr aber auch nicht und hab das Ganze dann auf sich beruhen lassen. Ich meine, ich war ja fast immer irgendwo unterwegs und dachte, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Irgendwann konnte ich es dann nicht mehr ignorieren und hab sie vor etwa 2 Monaten drauf angesprochen. Ich hasse Konflikte, deshalb hab ich so lang gebraucht... Lina wurde zur Furie und... hat mich übel beschimpft. Meine Männlichkeit in Zweifel gezogen, meine Integrität in Frage gestellt... schließlich hatte sie mich so weit, dass ich fast ausgerastet wäre. Ich hab ihr gesagt, sie soll abhauen, sonst vergesse ich mich. Da bekam sie, glaub ich, das erste Mal Angst....“

„Kann ich mir vorstellen. Ich will dich bestimmt nicht wütend erleben, du bist mir so schon beeindruckend genug.“

„Danke für die Blumen“, Jocke grinste schwach, „das hat der Rest der Band auch gesagt... die haben zwar keine Angst, aber dass ich beeindruckend bin, sagt so ziemlich jeder... Nachdem mich Lina nur fassungslos anstarrte, hab ich meine Bühnenstimme ausgepackt und sie angebrüllt. Ich frage mich immer noch, was passiert wäre, wenn sie nicht gegangen wäre, und der Gedanke setzt mir richtig zu...“

„Kann ich mir vorstellen“ erwiderte Sonja teilnahmsvoll, „irgendeine Ahnung, warum sie sich zwei Monate Zeit gelassen hat?“

„Nee. Versteh einer die Frauen...“, er seufzte, „aber da laber ich dich die ganze Zeit voll und frag nicht mal, wie es dir geht.“

„Meine Mutter nervt, mein Ex nervt, aber das ist kein Vergleich zu dem, was du hier erlebst.“

„Was wollen sie denn von dir?“

„Meine Mutter traut mir nichts zu und würde am liebsten mein Leben für mich führen. Mein Ex will, dass ich zu ihm zurück komme. Er ruft dauernd an und stand auch schon einige Male unangemeldet vor meiner Tür. Ich hab ihm gesagt, wenn das nochmal vorkommt, zeig ich ihn an.“

„Tu das auf jeden Fall“, riet ihr Joakim, „meinst du, er ist dir hierher nachgereist?“

„Ich weiß es wirklich nicht. Ich hoffe nicht.“

„Ich hoffe es auch nicht – für ihn“, knurrte er. Es entging ihm nicht, dass Sonja ob dieser Reaktion verblüfft, fast schon konsterniert war.

„Lieb von dir, dass du mich beschützen willst. Aber...“

„Wenn es um meine Freunde geht, versteh ich halt keinen Spaß“, Jocke zuckte die Achseln und fuhr fast drohend fort, „und sag jetzt nichts: du bist hier, bist 1700 Kilometer weit gereist, du bist eine Freundin. Und, ja, ich weiß, dass du dich verteidigen kannst. Aber lass mir doch wenigstens die Illusion, dass ich dich beschützen kann!“

„Sie hat dich wirklich getroffen, oder?“

„Merkt man das?“

„Allerdings. Auf mich hast du nach dem Shooting aber einen sehr männlichen Eindruck gemacht.“ Frech grinste Sonja ihn an. Statt einer Antwort zog Joakim ihren Kopf zu sich und küsste sie, um sein dümmliches Grinsen zu verbergen. Und weil er sie einfach küssen wollte.

Danach saß Sonja nachdenklich auf dem Bettrand. Joakim hatte anscheinend einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt. Ihr inneres Höhlenweibchen freute sich, die moderne Frau dagegen war zwar angetan, aber auch skeptisch und wollte sich nicht einengen lassen. Erst recht nicht nach der Erfahrung mit dem Klammeraffen Michael.

Joakim hatte sie als Freundin bezeichnet. Das nahm sie ihm ab. Aber wenn er mehr von ihr wollte, und das wollte er anscheinend, sonst hätte er sie nicht geküsst: war seine Ex der Grund? War er ernsthaft in sie verliebt? Oder war es, was wahrscheinlicher war, eine Mischung aus beidem? Oder wollte er nur Sex? Sie hatte zwar nichts dagegen, im Gegenteil, aber wollte sie gegebenenfalls mehr von ihm? Und was, wenn er das nicht wollte?

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als Jocke ihr einen zarten Nasenstüber gab.

„Erde an Sonja!“, scherzte er und fragte: „Weiß dein Ex eigentlich, dass wir...?“

„Ich hab da so 'ne Ahnung. Im Spionieren ist er gut. Auch, wenn es mich eigentlich nicht interessiert. Das geht den 'nen Scheißdreck an!“

„Hey, mich musst du nicht anschreien!“

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich, „es ist nur... jeder meint, sich, in welcher Form auch immer, in mein Leben einmischen zu müssen. Meine Mutter, mein Ex, dessen Familie... ich sitz zwischen allen Stühlen und bin völlig am Ende, einfach fix und alle...“ Ihre Stimme verlor sich, eine Träne tropfte auf Joakims Bettdecke.

„Hey, Süße“, seine Stimme war sanft, „so schlimm?“ Sonja vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und fing jetzt richtig an zu weinen.

„Lass alles raus, ich pass jetzt auf dich auf“, der sonst so laute Jocke, die Rampensau mit dem donnernden Bariton, klang jetzt sanft, fast liebevoll.

„Lieb von dir. Ich glaub, das brauch ich jetzt auch...“


Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast