Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Liebe / Allgemein / Wir

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Wir

von Hummi
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
25.08.2021
25.11.2021
4
7.212
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25.11.2021 1.671
 
Hab euch nicht vergessen, nur einfach wenig Zeit

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Gegenwart (Sie 33, Er 52)

“Guten Morgen Maya… wie war dein Wochenende?” Gut gelaunt wie immer kam Jennifer auch an diesem Montag ins Büro, stellte wie üblich eine Kuchenform auf dem kleinen Tisch neben der Kaffeemaschine ab und sah zu ihrer Chefin, die auch wie üblich vor ihr im Büro war. Mayas Vorlesungen und Seminare fanden nur zwei Mal in der Woche statt, montags und dienstags. Den Rest der Woche arbeitete sie von zu Hause und kümmerte sich um die Seminar- und Hausarbeiten ihrer Studenten oder bereitete ihre Kurse vor. “Wunderbar wirklich… mein Mann gibt sich große Mühe, dass es mir an nichts fehlt.” Maya stand auf, ihre Haare waren heute mit einem schicken Tuch gebunden, da sie sich nicht hatte aufraffen können, sie ordentlich zu kämen oder gar zu waschen. Diese Lethargie war allerdings wohl nichts Neues in der Schwangerschaft. Ihre Frauenärztin hatte sie deswegen schon vorgewarnt. Daher störte sie das auch nicht weiter. “Ich hab Kuchen mitgebracht… möchtest du ein Stück? Apfel mit Zimt…!” Maya seufzte und sah ihre Assistentin, die selbst noch Studentin war, grinsend an. “Sehen wir beiden aus als könnten wir deinem Kuchen auch nur ein einziges Mal widerstehen?” Maya erhob sich von ihrem Schreibtischstuhl und trat an den Tisch heran. Langsam hob sie den Deckel ab und schnüffelte.
“Hmm… der riecht köstlich… du verwöhnst uns fast so gut wie Jan.” “Na das ist ja wohl das Mindeste…!” Die beiden Frauen grinsten sich an und Maya bediente sich sofort am Kuchen. Jennifer kannte Jan, wusste ihn zu schätzen, aber vor allem zu respektieren, denn seit seine Frau hier als Dozentin arbeitete, war er eine der größte Spender der Universität geworden. Allerdings blieb das auf einer professionellen Ebene und hatte keinen Einfluss auf Mayas Stelle. “Soll ich dir noch bei irgendwas helfen?” “Du könntest mir eine Kanne Tee für das Seminar fertigmachen, der Rest ist schon vorbereitet,… ich wollte mir nur noch eine der Arbeiten weiter ansehen. Ich bin am Wochenende nicht wirklich zum Arbeiten gekommen.” Jennifer nickte. “Klar mach ich. Fenchel?” Sofort verzog die Schwangere das Gesicht. “Ne… Kamille bitte… oder … doch lieber Apfel… ja, Apfel.”
Jennifer nickte grinsend und machte sich an die Arbeit, während Maya an den Schreibtisch zurückkehrte. Das Seminar begann erst in einer halben Stunde. Nachdem Jennifer ihr den Tee hingestellt hatte, ging sie los und schloss den Seminarraum auf, lüftete durch, startete den Beamer und machte alles bereit für ihre Dozentin und ging auch inhaltlich noch einmal alles durch. Mit Maya zu arbeiten war angenehm, aber sie wusste auch, dass die junge Frau streng sein konnte, wenn nicht alles gut vorbereitet war. Einmal war sie zusammen gefaltet worden und das wollte Jennifer kein zweites Mal erleben. Gerade als sie noch mal ins Büro zurückkehren wollte, betrat Maya den Raum, dicht gefolgt von einigen anderen Studenten, die sich sofort einen Platz suchten.
Maya sah zu Jennifer, nickte ihr dankbar zu und die junge Frau beruhigte sich. Sie hatte heute keine Fehler gemacht. Jetzt konnte sie für die Zeit des Seminars Studentin sein. Erst danach würde Maya wieder ihre Hilfe brauchen. Mit großem Enthusiasmus sprach Maya nun zwei Stunden von mittelalterlichen Sprachgeschichte, beantwortete Fragen und konnte doch nicht umhin, von Zeit zu Zeit ihre Hand auf die kleine Kugel zu legen, die unter ihrem engen Shirt mehr als deutlich war. Es ging einfach nicht anders, auch wenn es unprofessionell war. Sie hatte sich früher immer geschworen, das niemals zu tun, sie hatte ihre Babykugel nicht mal so betonen wollen. Der Drang, es jetzt doch zu tun und der ganzen Welt zu zeigen, wie sehr sie sich auf ihr Kind freute und wie glücklich sie war, war einfach nicht mehr zu bändigen. Dasselbe galt für ihren Ehering, den sie, seit ihn Jan ihr angesteckt hatte, nicht mehr abgenommen hatte. Er war der Beweis für die Außenwelt, dass ihr bester Freund die Liebe ihres Lebens war. Und genau aus diesem Umstand, dass sie nämlich ihren besten Freund geheiratet hatte, wunderte es sie nur ein klein wenig, dass er nach ihrer Vorlesung in ihrem Büro saß, die Beine auf ihrem Schreibtisch gelegt und vertieft in Unterlagen, die er durchsehen musste.
Neben ihm auf ihrem Schreibtisch stand eine Tasse mit Kaffee und auf einem kleinen Teller lag ein Stück von Jennifers Kuchen. “Also ich kenne da ja schönere Büros als meines!”, grinste Maya und lehnte sich an den Türrahmen. Die Tür ihres Büros stand offen, wie üblich nach ihrem Seminar. Jan blickte auf. “Mein Büro ist so kalt und leer…  viel zu viel Platz… deins ist viel gemütlicher.” “Das stimmt, da gebe ich dir Recht.” Sie schob seine Füße vom Tisch und drängelte sich vorbei auf die Couch um sich fallen zu lassen. Nach zwei Stunden schmerzten ihre Füße gewaltig. “Was hälst du davon, wenn wir über Weihnachten irgendwo hinfahren wo es warm ist?” Jan hatte die Füße wieder hochgelegt und nun sah Maya, dass er in einem Reisekatalog blätterte. “Du willst wegfliegen?” “Hm… ich dachte an Australien... oder Singapur.” Maya seufzte. “Das wäre wunderbar… aber ich glaub meine Frauenärztin würde mich töten wenn ich ihr sage, dass ich einen Langstreckenflug machen will… im fünften Monat.” Jan ließ den Kopf hängen. “Mist… das hatte ich völlig vergessen…!” “Oh… vergessen das du Vater wirst das motiviert.” Jan legte den Kopf in den Nacken, um sie anzusehen, dann streckte er ihr die Zunge raus. Maya lachte und in diesem Moment kam Jennifer herein, “Oh… ich wusste nicht das…” Sie blieb stehen, verunsichert, wie sie sich verhalten sollte. “Mach Schluss für heute… ich schick dir nachher noch, was du für nächste Woche vorbereiten musst.” “Ich… ich hab aber nicht genug Stunden.” Jennifer sah zu Boden. Sie war eine aufgeweckte Person, aber wenn sie nicht genau wusste, was zu tun war, dann wurde sie unsicher.
Maya musterte ihre Assistentin kurz und wandte sich an ihren Mann. “Mach mal bitte am PC das Personalprogramm auf… wie viele Stunden fehlen dir noch Jennifer?” “15 mindestens… ich konnte doch nicht wegen der Klausurvorbereitung und…!” Unsicher kaute die junge Studentin auf ihrer Lippe herum und traute sich für den Moment nicht ihre Chefin anzusehen. “Jan… trag doch bitte für Jennifer 20 weitere Stunden diesen Monat ein…!” Jan tippte schnell, er kannte das Programm sehr gut, er hatte es seiner Frau empfohlen. “Was sagtest du… 25… okay erledigt.” Jennifer starte zu Maya, dann zu Jan und dann kam ihr Lächeln wieder. “Ist das wirklich okay?” “Du bringst mir jede verdammte Woche Kuchen mit… ja, es ist definitiv okay!” Maya lehnte sich wieder zurück und musterte ihre Assistentin dann. “Jan und ich sind gerade dabei zu planen, was wir über Weihnachten machen… wo wir grad schon dabei sind… weißt du schon, ob du an Weihnachten frei haben möchtest?” “Naja… eigentlich gar nicht… wenn du nicht da bist, dann… muss doch das Büro besetzt sein.” “Nein, muss es nicht. Also?” “Ich würde schon mal gerne wieder zu meiner Familie fahren über die Feiertage…!” “Gut… dann abgemacht. Du machst zeitgleich mit mir frei… offiziell sind ja sowieso keine Studenten hier bis zum 6. Januar. Und du hast dir Urlaub wirklich redlich verdient.” Dazu konnte Jennifer nicht mehr Nein sagen und murmelte ein schüchternes “Danke”, da in diesem Moment hinter ihr zwei Studenten aus dem Seminar auftauchten und an die noch immer offen stehende Bürotür klopften. Widerwillig nahm Jan dem Anstand wegen die Füße vom Tisch und tauschte mit Maya den Platz zu gehen kam für ihn gar nicht infrage, dafür war er viel zu gerne in ihrem kleinen kuscheligen Büro.
Jennifer strahlte die beiden an, nahm schnell ihre Tasche und die Kuchenform, ehe sie in ihren Feierabend verschwand, dankbar für die Großzügigkeit ihrer Chefin. Jan beobachtete seine Frau im Stillen, während diese die Fragen der beiden Studenten beantwortete, sich dann wieder von ihnen verabschiedete, die Tür schloss und sich wenig später neben Jan auf die Couch fallen ließ. “Wird wirklich Zeit, dass Weihnachten wird…!” Jan legte den Kopf an ihre Schulter. “Was machen wir jetzt mit unseren Urlaubsplänen? Ich würde dich so gern noch mal so richtig verwöhnen, bevor wir zu dritt sind.” Maya schloss die Augen, dachte nach. “Du willst mich verwöhnen, hast du gesagt,… wir könnten doch in die Sauna gehen,…. ich meine so richtig nicht in unsere eigene. Ein richtiger Wellnesstag.” “Das ist nicht dasselbe,… das könnten wir jetzt am Wochenende schon machen…!” Jan wurde quengelig. Es gefiel ihm nicht, dass sein Plan nicht aufging. Maya liebte es, wenn er quengelig wurde, das zeigte ihr wieder, dass er ihr bester Freund war, und das gab ihm die Berechtigung, ihr auf die Nerven zu gehen. Maya fuhr ihm durch die Haare, verwuschelte sie, weshalb er anfing zu knurren, schließlich musste er wieder ins Büro. “Ich überlege mir was in Ordnung? Etwas, das Kathrin erlaubt und was uns beiden… ” Sie erstarrte. Jan drehte den Kopf. “Maus?” Ohne etwas zu sagen, griff sie nach seiner Hand und legte sie auf ihren Bauch. “Fühl mal”, flüsterte sie leise und ihre Augen strahlten ihn an. Jan wusste erst nicht, was sie meinte, bis er es spürte. “Er bewegt sich… er… da… schon wieder… ein kleiner Stupser.” Auch Jans Augen fingen an zu strahlen. “Er will uns sagen, dass er da ist…!” ”Scheiße, ich glaub das jetzt können wir es wirklich mehr leugnen,… wir haben einen Hosenscheißer an der Backe.” Maya prustete los und lachte sogar richtig laut, als Jan sie zu kitzeln begann.
Er war 52, ein gestandener Mann, aber er war sich nicht zu schade, mir ihre blöden Witze zu machen. Dafür war er ihr bester Freund und dafür liebte Maya diesen Mann nur noch mehr. Er nahm das Leben ernst, aber eben niemals zu ernst und er war sich tatsächlich für gar nichts zu schade. Auch nicht dafür, sich in Jeans und ausgeleierten Pullover in das Büro seiner Frau zu fläzen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt als angesehener Geschäftsmann und mit Millionen auf dem Konto. “Ich liebe dich Jan!” meinte sie plötzlich sehr ernst und lächelte das weiche, sanfte Lächeln, das immer nur ihm gegolten hatte.
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