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British Note

von Ju Potter
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
OC (Own Character) Ryuk
24.08.2021
14.10.2021
6
15.066
4
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14.10.2021 1.559
 
- 6 -

Der Videobeweis




In Gedanken versunken saß Isaac auf seinem Bürostuhl und starrte in ein Glas mit Whiskey. Die Jalousien waren komplett unten, das Licht aus. Lediglich der Desktop des Laptops beleuchtete die obere Hälfte seines Körpers. Er dachte an den aktuellen Fall, welchen er mit Cruz im Moment bearbeitete. Fünf mysteriöse Tode von Teenagern und das innerhalb von zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Von Anfang an, war Cruz der festen Überzeugung gewesen, dass ein gewisser Kira hinter den Morden steckte. Isaac hingegen wollte das nicht so recht glauben und versuchte vehement gegen seine Argumente anzukämpfen.
Aber mittlerweile ...
Die Leichen sprachen für sich. An ihnen gab es keinen Hinweis auf Gewaltanwendungen von einer zweiten Person. Alle starben an Herzversagen. Er gab es nur ungern zu, aber Cruz könnte tatsächlich Recht behalten, was Kira anging. Da er allerdings wusste, dass die japanischen Kiras entweder alle tot waren oder ihr Gedächtnis verloren hatten, gab es nur eine Schlussfolgerung: In London lief ein neuer, selbsternannter Gott frei herum, der es auf Minderjährige abgesehen hatte. Mit großer Wahrscheinlichkeit war er selber einer von ihnen.
Auf einmal tauchte auf seinem Laptopbildschirm ein schwarzes L auf weißem Hintergrund auf und eine computerverzerrte Stimme sagte: »Lange nicht gesehen, Isaac.«
Isaac antwortete nicht sofort. Er leerte das Glas in einem Zug und stellte es auf dem Tisch ab. Dann sagte er: »Ich weiß, dass du es bist, Near. Lass die verzerrte Stimme und zeig dich.«
»... Bist du allein?«
»Wenn es nicht so wäre, dann hätte ich das eben nicht gesagt.« Ihm war bewusst, warum die verzerrten Stimmen und die Initialen notwendig waren, aber das hieß nicht, dass er kein Fan von dieser Geheimniskrämerei sein musste. Zumal sie im Moment wirklich unter sich waren.
Es dauerte, als würde Near zögern, aber dann verschwand der Buchstabe und das Kamerabild eines weißhaarigen jungen Mannes in ebenso weißer Kleidung erschien. Wie üblich kniete er auf dem Boden, umringt von Spielzeugen. Er hatte sich kaum verändert. Nur die Schokoladentafel war neu. So wollte er sich wohl an Mello erinnern. Isaac sprach ihn nicht darauf an.
»Warum rufst du an? Sicher nicht, um in alten Erinnerungen zu schwelgen, oder?«
»Es geht um den Fall, den ich dir anvertraut habe.« Near biss ein Stück aus der Tafel Schokolade ab. »Hast du herausgefunden, ob Kira dafür verantwortlich ist?«
»Es besteht die Möglichkeit dazu, ja.« Isaac entschied, ihm nichts von seinen anfänglichen Zweifeln zu erzählen. Mit einem Finger fuhr er über den Rand des leeren Glases. Auf der anderen Hand stützte er den Kopf ab. »Bislang beschränkt sich die Zahl der Hauptverdächtigen auf die Schüler und Schülerinnen der Cartwright Academy. Wie es aussieht, waren die Opfer allesamt intolerante Mobber. Da lag das auf der Hand.«
»Scharfsinnig wie eh und je.« Er wusste nicht, ob das sarkastisch gemeint war. Near ließ eine kleine Holz-Eisenbahn über den Teppich fahren. Wie beiläufig erwähnte er: »Ein Mitglied der japanischen Polizei hat mir heute ein Video zugespielt. Ich habe es dir per Mail weitergeleitet.«
Mit gerunzelter Stirn klickte Isaac auf das E-Mail-Icon. Als sich das Fenster dazu öffnete, fand er tatsächlich eine Mail von einem gewissen L vor und öffnete diese. Sie beinhaltete lediglich eine Video-Datei, die er anklickte. Der Media Player für die Wiedergabe öffnete sich, zusammen mit einem Ladekringel auf einem eingefrorenen Videobild. Das Video schien auf dem Dach einer Schule aufgenommen worden zu sein. Die Kamera war auf niemand geringeres als Henry R. Morgan gerichtet.
»Achte besonders auf die anderen«, riet Near ihm.
»Du brauchst mir meine Arbeit nicht zu erklären, Near«, gab Isaac zurück. Ihm waren die paar Schüler am rechten und linken Seitenrand bereits aufgefallen. Unter ihnen war auch Lionel Thompson zu sehen. Aber mit Sicherheit waren hinter der Kamera eine ganze Schar von Teenagern der Cartwright. Egal, was ihn gleich erwartete, es musste spannend genug sein, um dem Unterricht fernzubleiben.
Endlich verschwand der Ladekringel und Isaac beugte sich neugierig vor. HR hielt vor versammelter Mannschaft eine Rede, aber er hatte die Laustärke soweit heruntergedreht, dass er nicht jedes Wort davon verstand. Das brauchte er aber auch nicht. Er wollte sich voll und ganz auf die Teenager am Kamerarand konzentrieren. Nur ab und zu schnappte er Satzschnipsel auf, wie die Erwähnung Kiras, der in Wahrheit ein ganz gewöhnlicher Mensch war. Isaac hätte sich denken können, dass die Verschwiegenheit der Polizei nichts nützte. Früher oder später geriet alles in die Öffentlichkeit. Hierbei geschah es wohl durch einen Jungen namens Takumi Matsuda.
Ab einem gewissen Punkt im Video fiel sein Blick auf Lionel. Etwas an ihm war merkwürdig. Bis zu diesem Moment verhielt er sich genau wie seine Mitschüler um ihn herum und hatte den Worten HRs gelauscht. Aber just in dem Moment, wo HR genau die Dinge nannte, die Kira zum Morden benötigte, führte Lionel die rechte Hand zu seiner linken. Er senkte leicht den Kopf. Schaute er auf etwas in seiner Hand? Isaac war nicht in der Lage, es genau zu erkennen, aber dafür bemerkte er durchaus die schreibende Handbewegung des Jungen, sowie das kleine siegreiche Lächeln, als er die Hände in die Hosentaschen steckte.
Nun drehte er die Lautstärke wieder höher. Er hatte nun das, wofür Near ihm vermutlich das Video geschickt hatte. Trotzdem wollte Isaac wissen, was noch geschah.
»Von meiner Seite aus, habe ich nur noch wenige Worte übrig und die möchte ich an Kira höchstselbst richten«, sagte HR nun und kletterte auf die Mauer. Er breitete die Arme aus, sein Rücken war der Kamera zugewandt. »Lang lebe Kira!« Isaac glaubte, sein Herz würde für einen Moment stehenbleiben, als HR abrutschte und fiel. Augenblicke verstrichen, in denen Isaac glaubte, das Video sei eingefroren. Aber dann stürzten die Teenager zur Mauer. Die Kamera lugte über die Mauer hinweg, wurde auf eine bewegungslose Person gerichtet.
Isaac schloss den Media Player und lehnte sich im Drehstuhl zurück. Unruhig strich er sich durch sein dunkles Haar. Seine Mundwinkel zuckten nach oben und dann entrang seiner Kehle ein leises Lachen.
»Was ist so lustig, Isaac?«, fragte Near, dessen Videoübertragung erneut den Bildschirm für sich beanspruchte. Er wickelte sich eine Haarlocke um den Finger.
»Near ...«, sagte Isaac hörbar leise. »Als du mir das Video geschickt hast, da wusstest du doch bereits, dass sich unter ihnen Kira befindet, oder?«
»Ich habe mir das Video nicht angeguckt, wenn du das damit andeuten möchtest.« Die Antwort überraschte Isaac. Near sprach weiter: »Als meine Quelle mir das Video schickte, habe ich es ungesehen an dich weitergeleitet. Es ist nun mal dein Fall und nicht meiner. Ich werde erst eingreifen, wenn ich es für richtig halte.«
»Du meinst eher, wenn du der Meinung bist, dass ich nicht mehr in der Lage bin, den British Kira allein zu schnappen.«
Für eine Sekunde ließ Near die Locke in Ruhe und sah Isaac direkt an. »Ich meine damit, falls du aus der Reihe tanzen solltest.« Ohne sich zu verabschieden, beendete Near die Übertragung und ließ einen verdutzten Isaac zurück.
»Nicht aus der Reihe tanzen?«, wiederholte er, griff nach der Whiskeyflasche und goss sich neu ein. Mit dem abgestützten Kinn auf einer Hand blickte er in die bronzene Flüssigkeit. Ein kleines Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. »Oh, Near ... Du kannst so clever sein, wie du willst, aber die letzten Tage hast du einen Fehler begangen ...« In langsamen Kreisen bewegte er das Glas in seiner Hand, beobachtete, wie der Whiskey den Bewegungen folgte. Er führte das Glas an seine Lippen. »... und der war es, mir die Verantwortung für den Fall zu geben.« Ein Schluck und der Whiskey floss seine Kehle hinunter, während seine Gehirnzellen einen Plan schmiedeten.
Er wollte den britischen Kira aufhalten. Aber gleichzeitig wollte er auch das Death Note ganz für sich alleine haben. Und das ging nur, wenn der British Kira von der Bildfläche verschwand.

Kalt strich der Herbstwind über Isaacs Nacken. Er richtete den Kragen seines Mantels auf, schlang ihn enger um den Körper. Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen, als er einen Blick auf die Uhr warf. Die Person, auf die Isaac seit geraumer Zeit wartete, sollte jeden Augenblick auftauchen. Zum x-ten Mal holte er sein Smartphone aus der Tasche und überprüfte die anonyme Botschaft, die er vor einigen Tagen auf diversen Social Media Plattformen gepostet hatte:

Kira, ich bewundere deinen Mut, bei dem, was du in den letzten Tagen gemacht hast sehr. Dank dir traut sich kaum einer mehr, Schwächere zu tyrannisieren.
Und doch bist du ein Feigling! Das einzige, was du dafür tust, sind Namen aufzuschreiben. Der Rest erledigt die Macht des Death Notes. Du ruhst dich einfach nur auf den Lorbeeren aus und lässt dich als Helden und Gottheit feiern. Dabei wärst du ein Nichts ohne das Death Note. Du verstehst es richtig, Kira. Ich kenne dein Geheimnis und ich weiß auch, wer du in Wirklichkeit bist.
Wenn du nicht willst, dass ich damit zur Polizei gehe, dann triff mich diesen Samstag um halb drei beim Tower Hamlets Cemetery.
Sei pünktlich – I.


Die Anzahl, wie oft es geteilt wurde, überstieg nach nur wenigen Stunden bereits mehr als ein Tausend. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lionel die Botschaft nicht mitbekam, war dadurch sehr gering. Zumal er die Wahl des Tages und des Ortes nicht dem Zufall überlassen hatte. Denn heute vor einem Jahr starb jemand, den der Junge nur allzu gut kannte und auf genau diesem Friedhof begraben lag.
Und heute vor einem Jahr endete Isaacs letzter Fall als Detective Inspector des Scotland Yard.
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