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Im Spiel der Götter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Achilles OC (Own Character)
24.08.2021
09.11.2021
24
40.176
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21.09.2021 1.469
 
Diese wunderschöne Gestalt. Nahezu heroisch wirkte er, wie er dort stand und der Wind sanft um seinen leichten Mantel spielte.

„Du starrst schon wieder zu diesem jungen Mann hinüber.“ Eulalie stupste sie in die Seite.

„Mache ich gar nicht“, verteidigte sich Antheia und sah demonstrativ in eine andere Richtung. Natürlich hatte sie Phileas beobachtet. Wie hätte sie es auch nicht tun können? Er zog ihren Blick förmlich an. Sooft sie Zeit fand, kam sie inzwischen zur Mauer, nur um ihn zu sehen. Manchmal war er zu beschäftigt oder sprach mit einem anderen Soldaten. Dann begnügte sie sich damit, den warmen Glanz zu bewundern, den die Sonne auf seinem schwarzen Haar und der makellosen Haut hinterließ. Sie stellte sich vor, wie sie ihn berühren würde, wie ihre Finger über die glatten Muskeln streichen würden. Noch besser jedoch waren die Tage, an denen er die Zeit fand, mit ihr zu sprechen. Sie liebte es, wenn er von seiner Familie erzählte, von seinem Vater, der Schmied war, von seinem Bruder, der es werden würde, von seiner Schwester und ihren vier Kindern. Sie lauschte seiner Stimme, sog jedes seiner Worte in sich auf und erinnerte sich an alles, worüber sie sich unterhalten hatten.

Als sie heute zur Mauer gekommen war, hatte sie gehofft, wieder mit ihm sprechen zu können, aber sie hatte nicht mit Eulalie gerechnet. In letzter Zeit war ihre Freundin der Mauer fern geblieben. Der Grund dafür war die Krankheit ihrer Mutter gewesen, wodurch sie sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern musste. Nun, da Eulalies Mutter wieder genesen war, konnte Antheia ihre Freundin schlecht abweisen. Gleichzeitig war es ihr somit allerdings nicht mehr möglich, Phileas in aller Ruhe zu beobachten, denn etwas in ihr sträubte sich dagegen, Eulalie von ihren Treffen zu erzählen. Ihre Freundin hätte sie bestimmt verstanden, schließlich erzählte sie selbst immer recht offen, mit welchem jungen Mann sie sich derzeit traf, aber Antheia konnte gut und gerne auf die neckenden Bemerkungen ihrer Freundin verzichten. Ihre Äußerungen waren gelegentlich etwas … unangemessen. Sie sprach über Dinge, über die eine junge Frau, nicht sprechen sollte, wenn es dabei nicht um ihren Verlobten ging und auch wenn Antheia sie noch nie danach gefragt hatte, ahnte sie, dass ihre Freundin sich um die Bewahrung ihrer Unberührtheit vermutlich nicht sonderlich kümmerte.

„Doch, du starrst ihn an.“ Eulalie grinste breit.

„Nein, definitiv nicht. Ich habe nur zufällig rübergesehen“, entgegnete Antheia. Ihr war bewusst, wie erbärmlich die Ausrede klang.

„Genau, rein zufällig“, lachte ihre Freundin und zwinkerte ihr schelmisch zu.

„Ja, rein zufällig. Ich meine, es gibt ja ansonsten nichts Interessantes zu sehen“.

Noch immer amüsiert schüttelte Eulalie den Kopf. „Ganz unrecht hast du nicht“, gab sie schließlich doch zu. „Man könnte meinen, die Griechen wollen uns mit Langeweile strafen. Nicht ein einziger kleiner Zweikampf hat in letzter Zeit stattgefunden – von einer wirklichen Schlacht ganz zu schweigen. Sie sind einfach dort unten und blockieren den Handel. Meine kleine Schwester kann längst sprechen und die war noch nicht einmal geboren, als sie hier angelandet sind. Langsam glaube ich wirklich, dass man die Prinzessin Helena einfach hinausschicken sollte, damit das Ganze endlich ein Ende hat.“

Antheia sah sie zweifelnd an.

„Du weißt genau, dass die Griechen nicht wegen einer schönen Frau, sondern wegen der Reichtümer Trojas hier sind. Außerdem: Wem möchtest du Helena zurückgeben? Menelaos ist tot und ich glaube kaum, dass Agamemnon die Zelte abbrechen lässt, ehe er den Tod seines Bruders gerächt hat.“

„In Ordnung. Aber trotzdem bete ich zu den Göttern, dass die Griechen endlich verschwinden. Ich will nicht, dass meine Kinder einmal so eingesperrt sein müssen, wie ich es bin.“ Sehnsucht lag in Eulalies Stimme.

„Dann hoffe ich für uns alle, dass die Götter deine Gebete erhören mögen.“

Eine andächtige Stille trat ein, ehe Eulalie wieder anfing, zu sprechen.

„Er ist hübsch“, sagte sie. Das Glitzern war in ihre Augen zurückgekehrt.

Kurz fragte sich Antheia, wen ihre Freundin meinte, aber als sie ihren Blick bemerkte, war ihr klar, dass sie von Phileas redete.

„Wenn du meinst...“ Antheia zuckte scheinbar teilnahmslos mit den Achseln. Natürlich war er hübsch! Wer das nicht bemerkte, hatte keine Augen im Kopf.

„Und du bist dir sicher, dass du kein Interesse an ihm hast?“

Antheia sah sie ungeduldig an. Konnte sie das Thema nicht einfach ruhen lassen?

„Schon gut, ich höre auf“, lachte Eulalie.

„Danke.“

Vermutlich hätte sie mit dem Wissen, das sie einige Zeit später erhalten sollte, gänzlich anders reagiert.

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Sie war auf dem Weg zur Mauer gewesen. Völlig übermüdet hatte sie sich auf den Weg gemacht. Allein das war schon keine besonders gute Idee gewesen. Sie hatte die Nacht wieder draußen verbracht. Allerdings hatten sie diesmal nicht viel gefunden. Jemand musste ihnen zuvorgekommen sein – und das, wo sie sich inzwischen so weit von den Mauern entfernten, wie es nur möglich war, wenn sie gleichzeitig noch vor der Morgendämmerung zurück sein wollten. Die näheren Ortschaften waren inzwischen vollständig leergeräumt und aufgrund ihrer mageren Ausbeute wollten sie eigentlich in der kommenden Nacht einen weiteren Ausflug unternehmen. Sie hätte sich eigentlich hinlegen sollen, um sich auszuruhen und Kraft zu sammeln. Seit einigen Tagen liefen ihre Plünderungen schon nicht mehr sonderlich gut, sodass sie der Mauer ferngeblieben war. Dennoch hatte sie ihn wiedersehen wollen. Phileas hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt. Während sie schlief, träumte sie davon, wie er sie im Arm halten würde und selbst wenn sie mit Kleitos unterwegs war, ging er ihr nicht aus dem Kopf. Sie wollte nicht nur, sie musste ihn wiedersehen, um ihre Gedanken zu beruhigen und die Unruhe loszuwerden, um das Gefühl zu haben, dass jemand sie für schön hielt, für besonders, für beachtenswert. Das jedenfalls hatte sie geglaubt, doch in diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als niemals losgegangen zu sein. Sie wünschte, sie hätte sich einfach auf ihre Matratze gelegt und von ihm geträumt – diesen wunderschönen Traum von seiner Nähe, den sie nie wieder haben würde.

Sie spürte die Wut in sich hochkochen. Schnell wandte sie sich ab und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie wollte vergessen, was sie da gerade gesehen hatte, aber je mehr sie darüber nachdachte, desto stärker manifestierte sich das Bild und grub sich in ihr Gedächtnis. Sie hätte heulen können, wenn sie nicht so wütend gewesen wäre. Sie fühlte sich verraten. Warum auch nicht? Antheia hatte nichts geahnt – woher hätte sie es auch wissen sollen? Umso wütender war sie jetzt, wenn sie an Phileas Hand dachte, die sich in die dunklen Locken der jungen Frau vor ihm gruben, an seine andere Hand,  die auf ihrer Hüfte lag und seine Lippen, die die Ihren verschlossen. Und noch viel erzürnter war sie über den seligen Ausdruck auf dem Gesicht der jungen Frau gewesen – auf Eulalies Gesicht. Sie hatte gedacht, sie könnte Phileas vertrauen, dass er sich für sie interessierte, dass sie ihm etwas bedeutete, dass er wenigstens halb so sehr in sie verliebt war, wie sie in ihn. Aber scheinbar hatte er mehr Interesse an jungen Frauen wie Eulalie, die kaum besser waren als eine Hure, vielleicht sogar schlechter und vor allem dämlicher, weil sie sich nicht für die Gefälligkeiten bezahlen ließen, die sie gierigen, selbstgefälligen Männern wie Phileas erwiesen.

Sie hätte einfach zu Hause bleiben sollen – obwohl, war es nicht vielleicht sogar besser, dass sie es erfahren hatte? Jetzt wusste sie wenigstens Bescheid. Sie hatte Klarheit darüber, wie weit her es mit Phileas' Gefühlen für sie war. Das war doch gut. Dann brauchte sie sich nicht länger Gedanken darüber machen, wann sie ihn das nächste Mal sehen würde. Sie brauchte nicht mehr ihren Schlaf und ihre Träume einem Scheinbild opfern, das sie für einen perfekten Mann gehalten hatte. Vielleicht sollte sie froh sein, dass sie die beiden entdeckt hatte. Wie lange wäre sie Phileas wohl sonst noch hinterhergelaufen? Wie lange hätte sie noch zu ihm aufgesehen wie ein Schoßhündchen zu dem, der es gedankenverloren streichelt, während er sich angeregt mit jemandem unterhält? Wenn sie recht darüber nachdachte, hatte sie sich soeben davor bewahrt, sich noch weiter lächerlich zu machen. Sicherlich waren Phileas ihre Blicke nicht entgangen und bestimmt hatte er sich darauf etwas eingebildet, dass sie, das kleine, dumme Mädchen, ihm aus der Hand fraß, während er sich mit Frauen wie Eulalie vergnügte; mit Frauen, die sich nicht um ihre Unberührtheit sorgten, die einfach so dem nächstbesten in die Arme sprangen.

Wenn sie nun selbst eine dieser Frauen gewesen wäre, hätte Phileas sich dann vielleicht mehr für sie interessiert? Sicherlich, denn das war es schließlich, worauf er und so viele andere junge Männer aus waren: Ein kurzes Abenteuer ohne die Verantwortung einer vor den Göttern geschlossenen Ehe. Angewidert verzog sie das Gesicht. Nein, sie konnte froh sein, dass sie ihn los war und sich wieder ohne Ablenkung den wichtigen Dingen widmen konnte. Jetzt  würde sie erstmal nach Hause gehen und schlafen. Die nächste Nacht würde sie gewiss auf andere Gedanken bringen.
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