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Im Spiel der Götter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Achilles OC (Own Character)
24.08.2021
22.10.2021
18
34.262
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17.09.2021 2.178
 
„Nein, das wirst du nicht tun!“ Ihre Mutter war außer sich und Antheia einfach nur froh, dass sie nicht der Grund für ihren Wutausbruch war. So aufgebracht hatte sie sie noch nie gesehen.

„Apollon hat mich gerufen.“ Polina verlagerte das Gewicht von einem Bein aufs andere. Das war der einzige Anhaltspunkt, der Antheia verriet, dass ihre Schwester vielleicht doch nicht ganz so ruhig war, wie sie nach außen hin vorgab. Die Luft im Raum war aufgeheizt mit Emotionen und doch schien Polina all das von sich abprallen zu lassen.

„Ich lasse nicht zu, dass die Götter mir auch noch meine Tochter nehmen“, schrie ihre Mutter. In ihren Augen standen Tränen.

„Das hast du nicht zu entscheiden. Der Gott hat mich gerufen. Du kannst mich IHM nicht verweigern.“

Ihre Mutter sah sie an, als hätte Polina ihr ins Gesicht geschlagen.

„Mutter, wenn Apollon wirklich zu ihr gesprochen hat, dann solltest du sie gehen lassen“, klinkte sich Lisias vorsichtig von der Seite aus mit ein.

Kleitos und er saßen noch am Tisch. Das Essen war beendet und sie hatten seit Langem einmal wieder so etwas wie familiäre Harmonie gehabt. Antheia hatte auf dem Fußboden mit Miron gespielt, während ihre Mutter und ihre Schwester abräumten und Dorea ihre Tochter Taisia stillte. Die Kleine war deutlich anstrengender, als Miron es in ihrem Alter gewesen war. Es dauerte lange, bis sie einschlief, sie schrie sehr oft und wurde häufig krank. Dann war Polina mit ihrer Entscheidung herausgerückt und der Frieden hatte sich verflüchtigt. Antheia konnte verstehen, dass ihre Mutter das Mädchen nur ungern ziehen ließ, aber wenn sie es recht bedachte, hätte jeder von ihnen es kommen sehen können. Es war nur Frage der Zeit gewesen, bis der Gott der Weisheit Polina mit ihrer Gabe der Voraussicht für sich beanspruchte. Sie würde SEINE Priesterin werden, IHM dienen und in SEINEM Haus wohnen. Das war wohl ihre Bestimmung. Nicht wenige Mädchen wurden dem Gott überantwortet und Polina wäre mit ihren elf Wintern vermutlich nicht einmal die Jüngste. Sie würde glücklich werden im Dienst an dem Gott, das wusste Antheia. Ihre Schwester war sich sicher, dass die Olympier alles zum Besten wenden würden, auch wenn die Menschen ihre Wege zunächst nicht verstanden. Sie beneidete das Mädchen beinahe für ihr bedingungsloses Vertrauen in die Götter.

„Wir alle müssen den Göttern dienen und eine ihrer Priesterinnen zu sein, ist sicherlich nicht der schlechteste Weg dafür“, bezog nun auch Kleitos Stellung.

Verzweifelt hob ihre Mutter die Arme.

„Bin ich denn nicht schon genug gestraft?“, klagte sie. „Habe ich nicht schon genug gelitten?“

„Polina wird es gut gehen im Tempel, vermutlich besser als hier. Sie wird eine angesehene Priesterin Apollons werden“, versuchte Lisias sie zu beruhigen, doch ihre Mutter ließ sich in ihrer Wut nicht bremsen.

„Das ist mir egal!“, fuhr sie ihn an. „Meine Tochter bleibt bei mir!“

Antheia sah ihren ältesten Bruder den Kopf schütteln.

„Kannst du dich nicht für Polina freuen? Sie wurde von Apollon gerufen! Sie wurde ausgewählt. Sie muss gehen und ihm folgen. Warum machst du es ihr so schwer? Du solltest ein Fest veranstalten, um deine Dankbarkeit zu zeigen. Stattdessen hältst du an ihr fest. Wie soll sie sich nun über ihre Ehrung freuen, wenn sie weiß, dass ihre Mutter ihre Entscheidung nicht anerkennt?“ Seine Gesichtszüge wurden weich. „Beruhige dich und wünsche ihr Glück.“

Antheia wollte bereits aufatmen, als ihre Mutter tatsächlich die Arme sinken ließ und ihrem Sohn nicht widersprach, dann jedoch spürte sie ihren stechenden Blick auf sich ruhen.

„Das ist alles deine Schuld!“, zischte ihre Mutter sie an.

Der Schock fuhr durch Antheias Glieder. Was hatte sie falsch gemacht? Sie war doch nicht dafür verantwortlich, dass Polina die Entscheidung getroffen hatte, eine Priesterin zu werden.

„Mutter, bitte beruhige dich endlich“, forderte Lisias sie auf, aber ihre Mutter ignorierte ihn.

„Es ist alles deine Schuld. Deinetwegen bestraft SIE mich. Weil ich dich hasse. Und dafür hasse ich dich noch mehr.“ Kalt sah sie zu Antheia hinunter.

„Mutter. Das dulde ich nicht in meinem Haus.“ Am Rand ihrer Wahrnehmung bekam Antheia mit, dass ihr Bruder aufgesprungen war, aber nichts nahm ihre Aufmerksamkeit so sehr gefangen wie der feindselige Blick ihrer Mutter. Sie meinte, was sie sagte.

„Weißt du, ich habe versucht, dich nicht zu hassen. Ich habe es wirklich versucht.“ Ihr Gesicht kam näher. „Aber als er dich zu mir brachte, da habe ich dich gehasst. Ich habe immer versucht, eine gute Ehefrau zu sein, aber nie hätte ich damit gerechnet, dass mein Mann mit dem Kind einer anderen zu mir kommen würde. SIE wacht über die Ehe, sagen die Menschen, aber sie erzählen einem nicht, dass SIE sie auch zerstört.“ Freudlos lachte ihre Mutter auf. „Ich habe dich gehasst, als er dich mir in den Arm legte. Wenn ich dich ansehe, denke ich an seinen Verrat. Und dafür hat SIE mich bestraft. Immer wieder.“ Antheia schloss schmerzlich die Augen. Sie ahnte, worauf das hier hinauslaufen würde. „Fünf Kinder habe ich tot geboren. SIE hat mir meine Kinder genommen, weil ich dich hasse, weil ich IHRE Tochter hasse.“

„Mutter, es reicht.“ Die Stimme kam von weit her.

„Oh, ich habe um Vergebung gebettelt. Wie oft habe ich gefleht und SIE hat mich verhöhnt! Ich hasse dich! Und ich hasse deine Mutter!“.

„Du bist meine Mutter.“ Antheias Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.

„Ich bin nicht deine Mutter!“ schrie die Frau ihr gegenüber sie an. Sie spürte ihren heißen Atem auf dem Gesicht. Tränen rannen an ihren Wangen hinab.

„Und du bist nicht meine Tochter! Polina ist meine Tochter. Und bei ihrer Geburt, als ich ihr Schreien hörte, als ich wusste, dass sie lebte, da dachte ich, SIE hätte mir vergeben und ich habe nicht verstanden, warum der Sohn, den ich danach gebar, bereits verstorben war. Aber nun weiß ich es. SIE hat mir Polina nur gegeben, um sie mir wieder zu nehmen. Noch immer ist SIE rachsüchtig und zänkisch. Hera, falls du mich hörst: Ich spucke auf dich und deinesgleichen!“

Polina und Dorea schraken gleichermaßen zusammen und Lisias presste die Hand auf den Mund seiner Mutter.

„Ich will nie wieder etwas Derartiges in meinem Haus hören“, brachte er mühsam zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Antheia ertrug die Blicke der anderen nicht mehr. Eilig stand sie auf und verließ den Raum.

War sie zu Anfang noch gerannt, so verlangsamten sich ihre Schritte allmählich. Die frische Luft zu atmen, tat ihr gut. Sie beruhigte ihre Gedanken und kühlte die Hitze ihrer Tränen. Natürlich hatte sie gewusst, dass die Frau, die sie großgezogen hatte, nicht wirklich ihre Mutter war und sie hatte auch mitbekommen, dass sie anders behandelt wurde als ihre Geschwister. Aber ihr Vater, ihre Brüder und ihre Schwester hatten ihr dennoch immer das Gefühl gegeben, dazuzugehören. Ihre Mutter hatte sich bisher nie um sie gekümmert. Bis auf das eine Mal im vergangenen Sommer hatte sie sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Das war gar nicht nötig gewesen, schließlich hatte sie ihre Familie. Aber die zerbrach immer mehr. Wieder kamen die Tränen. Doch diesmal drängte sie sie zurück. Sie wollte nicht wieder weinen. Ihre eigene Schwäche enttäuschte sie. Sie hätte etwas sagen sollen. Mit einer Erwiderung hätte sie die Mutter ihrer Geschwister sicherlich zum Schweigen gebracht. Stattdessen hatte sie auf dem Boden gesessen, als hätte Medusas Blick sie getroffen. Sie hatte zugelassen, dass diese Frau mit ihren Worten Gift säte. Das Gesagte konnte nicht zurückgenommen werden. Sie selbst hatte einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen, dass es so schlimm geworden war, indem sie nichts tat. Warum nur konnte sie nicht einmal gegen das Unrecht aufstehen und den Menschen um sich herum sagen, was sie dachte – was sie wirklich dachte? War das wirklich so schwer? Nun, scheinbar war sie bei Weitem nicht so stark, wie sie es sich wünschte.

Wie gerne hätte sie in diesem Moment gegen dieses Steinchen getreten und dabei zugesehen, wie es über die Straße hüpfte. Vielleicht hätte das sie etwas beruhigt, schließlich hatte diese Methode schon früher Wirkung gezeigt, aber bei den Göttern, sie war eben kein Kind mehr. Außerdem hätte jemand sie sehen können, immerhin war sie recht nah an der Mauer. Sie fühlte sich schon unwohl, wenn sie daran dachte, dass jemand von dort oben gesehen haben könnte, wie sie durch die Straßen gerannt war, als wäre Kerberos hinter ihr her. Nein, sie musste vernünftig bleiben. Was geschehen war, war geschehen. Jetzt musste sie entscheiden, wie sie damit umgehen sollte. Dass sie diese Frau niemals wieder ihre Mutter nennen würde, war klar. Sie selbst hatte gesagt, dass sie nicht ihre Tochter sei.

Zwei Soldaten liefen an ihr vorbei. Sie stand immer noch auf der Straße. Das ging nicht. Man würde sie für seltsam halten, wenn sie sich nicht allmählich in Bewegung setzte. Doch wohin sollte sie gehen? Nach Hause war keine Option und somit ging sie dorthin, wo es jeden hinzog, der kein Ziel hatte: Zur Mauer.

Der Tag war fast vorüber und der Himmel begann bereits, sich rötlich zu färben. Zu dieser Tageszeit konnte Antheia nicht mehr hoffen, Eulalie hier oben anzutreffen. Einerseits war es schade, denn sie genoss die Gesellschaft ihrer Freundin sehr, andererseits jedoch gab ihr das Schweigen Zeit, ihre Gedanken zu sortieren. Sie beobachtete die Gestalten unten auf der Ebene, wie sie zwischen den Zelten umherliefen wie Ameisen auf ihrem Nest. Wirr und ungeordnet kamen ihr ihre Feinde vor. Sie konnte nicht verstehen, warum die Götter diese gierigen Räuber nicht abziehen ließen. Warum stiegen die Griechen nicht auf ihre Schiffe und verschwanden endlich? Hatten sie nicht bemerkt, dass sie Troja nicht einnehmen konnten?

„Langsam beginnen sie wirklich, Ärger zu machen.“ Antheia fuhr zusammen. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie der junge Soldat sich zu ihr gesellt hatte.

„Vor einigen Tagen haben wir von einem Boten erfahren, dass die Griechen Thebe geplündert haben.“

Überrascht sah sie zu dem jungen Mann auf. Die Stadt lag mehrere Tagesreisen von Troja entfernt. Sie hätte nicht gedacht, dass ihre Feinde sich so weit von ihrem Lager entfernen würden. Außerdem war Thebe keine direkte Gefahr. Falls König Eetion, Herrscher über die Stadt und Vater der Prinzessin Andromache, Troja hätte Verstärkung schicken wollen, wären seine Männer wohl niemals auch nur in die Nähe der Stadt gekommen. Gegen das gesamte griechische Heer könnten seine Aufgebote niemals bestehen.

„Wird König Priamos dagegen vorgehen?“, fragte Antheia und Neugier mischte sich in ihre Stimme, die nicht allein dem Thema, sondern auch ihrem Gesprächspartner galt. Er hatte markante Gesichtszüge, dichtes, lockiges Haar und so dunkle, tiefe Augen, dass sie glaubte, sich darin verlieren zu können.

„Ich glaube kaum, dass er auf die Provokation der Feinde eingehen wird.“

Sie nickte. Die eintretende Stille war ihr unangenehm. Sie sollte etwas sagen. Nur was? Irgendetwas musste ihr doch einfallen. Was sagte man, wenn man nichts mehr wahrnahm als diese wunderschönen Augen? Noch nie hatte sie Aphrodites Macht so sehr gespürt wie in diesem Augenblick. Natürlich hatte sie schon auf den einen oder anderen jungen Mann ein Auge geworfen, aber noch nie hatte sie diese Intensität der Verbindung gespürt. Dabei hatte sie kaum ein paar Worte mit ihm gewechselt. War es dieses Gefühl, das Helena in Sparta empfunden hatte, als sie auf Paris getroffen war? War es dieses Gefühl, das Anlass für einen Krieg sein konnte?

Ihr Gegenüber lächelte und ihr schien es, als würde ihr Herz ins Stolpern geraten. Götter, noch nie hatte sie ein solch hübsches Lächeln bei einem Mann gesehen.

„Ich bin übrigens Phileas“, stellte er sich ihr vor. Was für ein schöner Name.

Fragend sah er sie an. Es dauerte einen kleinen Moment, ehe sie begriff.

„Antheia“, sagte sie und lächelte.

Er sah wirklich gut aus, stellte sie erneut fest. Vermutlich war er der schönste Mann, den sie bisher gesehen hatte – abgesehen von Prinz Paris vielleicht, aber der war nun wirklich außerhalb dessen, was sich ein junges Mädchen, eine Plünderin noch dazu, erhoffen konnte. Und dann war er auch noch ein Soldat, ein Krieger im Namen des Königs.

Ihr wurde bewusst, dass sie ihn anstarrte. Das ging nicht. Hastig unterbrach sie den Blickkontakt und strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Gut. Jetzt sollte sie noch etwas sagen.

„Ich muss nach Hause“, brachte sie heraus.

Oh warum gerade das? Ja, sie wollte die Situation weniger unangenehm machen, aber sie wollte nicht gehen. Sie wollte ihn weiter betrachten und seine Geheimnisse ergründen.

Er blickte hinauf in den dunkler werdenden Himmel.

„Vermutlich hast du recht. Schöne Frauen sollten im Dunkeln nicht allein unterwegs sein und leider kann ich dich nicht begleiten.“ Er hob entschuldigend die Schultern.

Was hatte er da gerade gesagt? Hatte er sie „schön“ genannt? Er? Sie? Sie sollte etwas antworten.

Ein „Ja“ war schließlich alles, was sie zustande brachte. Götter, warum konnte sie sich nicht normal verhalten?

Wieder lächelte er. Wunderschön.

„Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder“, verabschiedete er sich von ihr und sie glaubte, seinen Blick noch in ihrem Rücken zu spüren, als sie schon die Stufen hinabstieg. Dennoch wagte sie es nicht, sich umzudrehen. Sie hatte genug damit zu tun, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne zu stolpern und sich damit lächerlich zu machen. Ein warmes Gefühl machte sich in ihr breit. Er wollte sie wiedersehen!
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