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Im Spiel der Götter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Achilles OC (Own Character)
24.08.2021
17.09.2021
8
14.388
2
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Dieses Kapitel
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15.09.2021 2.437
 
Hallo zusammen.

Es tut mir leid, dass ihr gestern und am letzten Freitag kein Kapitel bekommen habt. Ich habe gerade ziemlich viel Stress und euch dabei irgendwie vergessen. Also gibt es heute ein Kapitel und dann ab Freitag dann hoffentlich wieder wie gewohnt.

Jetzt also weiter mit dem Kapitel:





Erschöpft strich sich Antheia die Strähne hinters Ohr, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatte.

Es war ein langer Tag gewesen und ihr Körper verlangte nach Schlaf. Die brennende Sonne tat ihr Übriges. Bereits seit den frühen Morgenstunden standen sie hier in dieser kleinen Seitengasse in der Nähe des Marktes, um ihre Ware anzubieten. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie herausgefunden hatten, wo sie ihren kleinen Stand aufbauen konnten, ohne von den Wächtern des Marktes entdeckt zu werden. Nachdem klar geworden war, dass die Griechen der Stadt nicht allzu bald den Rücken kehren würden, hatte sich auf den Märkten einiges geändert. Güter, die durch den Handel mit anderen Städten nach Troja gelangten, wie Farben und edle Tücher, wurden kostbarer, da es Händlern nur noch selten gelang, bis zur Stadt durchzudringen. Viel zu oft wurden sie von den Griechen abgefangen oder verkauften ihre Waren direkt an die Belagerer. Aber auch die Vielfalt der Nahrungsmittel nahm ab. War Fisch zuvor noch eine erschwingliche Mahlzeit selbst für die Ärmsten, so aßen ihn jetzt nur noch Mitglieder der reichsten Familien der Stadt, denn das Meer war blockiert und der Fang damit nahezu unmöglich. Besonders in letzter Zeit hatte sich jedoch ein weiteres Problem aufgetan. Nachdem es immer wieder kleinere und größere Gefechte vor den Mauern gegeben hatte, hatte König Priamos verkündet, nun alle Männer Trojas an der Waffe ausbilden zu lassen, um sie notfalls mit in den Kampf schicken zu können. Das jedoch bedeutete auch, dass die Männer in dieser Zeit nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen konnten und ganz langsam wurde deutlich, dass auch handwerklich gefertigte Alltagsgegenstände zur Mangelware wurden. Für Plünderer wie Kleitos und sie war dieser Umstand Gold wert – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Haushaltsgegenstände, die sie mitgehen ließen, konnten sie immer teurer verkaufen. Eine Weile lang erlebte ihr Geschäft einen gewaltigen Aufschwung. Lange jedoch ließ sich der König das nicht gefallen, schließlich waren sie alle technisch gesehen Diebe und damit Verbrecher im Auge des Gesetzes. Die Marktwächter wurden eingeführt: Bewaffnete Soldaten, die zwischen den Ständen der Händler umherschlichen und nach dem Rechten sahen. Mehr als einmal hatten ihr Bruder und sie bereits Bekanntschaft mit ihnen gemacht und das hatte sie gelehrt, sich weiter in die Seitengassen zurückzuziehen. Die Bestechung eines Marktwächters war einfach, schließlich benötigte auch seine Frau zuweilen neue Kleider, aber es war teuer genug, dass Antheia und Kleitos dazu übergegangen waren, sich von ihnen lieber nicht entdecken zu lassen. Sie hatten den Nachbarsjungen dazu abgestellt, die Wächter zu beobachten und sie zu warnen, falls die Gefahr bestand, sie könnten entdeckt werden. Zum Glück gab der Junge sich mit wenig zufrieden und war damit deutlich billiger als die Konfrontation mit den Soldaten. Ihr Diebesgut war in Windeseile verstaut und oft wechselten sie den Standort – teilweise sogar mehrmals am Tag.

Am Anfang war dieses Versteckspiel noch aufregend gewesen und sie hatte den Nervenkitzel genossen, aber jetzt war sie einfach nur müde. In der Nacht waren sie wieder einmal draußen gewesen. Immer weiter mussten sie sich inzwischen von den schützenden Mauern der Stadt entfernen, denn schon längst waren sie nicht mehr die Einzigen, die hinausgingen, und die Belagerung dauerte nun schon einige Zeit an.

Sie verspürte Erleichterung, als Kleitos ihr endlich das Zeichen zum Einpacken gab. Mit geübten Handgriffen verstaute sie die wenigen Waren, die sie heute nicht losgeworden waren. Sie nahmen nie viel auf einmal mit sich. Ihr Angebot war begrenzt und wechselte täglich. Damit konnten sie die Preise hoch halten und fielen nicht so sehr in der Menge auf, wenn sie sich mit ihrem Diebesgut durch die Straßen bewegten.

Ein ungewohntes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken, als sie sich gerade in Bewegung gesetzt hatten. Verwundert drehte sie sich zu Kleitos um. Tatsächlich. Ihr Bruder summte. Es war eine einfache Melodie ohne große Raffinesse. Seit wann hatte er das nicht mehr getan? Er wirkte richtig fröhlich, nahezu unbeschwert und sie ließ sich gerne von seiner guten Laune anstecken. Ihre Müdigkeit trat in den Hintergrund und zum ersten Mal seit langer Zeit genoss sie den Tag, den Sonnenschein, den sanften Windhauch, das bunte Treiben um sich herum. Hier diskutierte eine Gruppe junger Männer, dort sprachen zwei Frauen miteinander und ihre Kinder spielten in ihrer Nähe. Getrübt wurde die Szene jedoch durch die Anwesenheit der Bettler. Es waren mehr geworden seit die Griechen am Strand angelandet waren und jeden Tag kamen scheinbar welche hinzu. Da waren ehemalige Krieger mit schweren Verletzungen und alten Wunden, die nicht heilten, kleine Kinder, die zu Waisen geworden waren und Witwen, die ihre Familien nicht mehr ernähren konnten. Besonders ein junges Mädchen stach Antheia ins Auge. An einer Hauswand hockte sie, den angeschlagenen Tonteller vor sich stehend und sah verloren aus. Sie mochte vielleicht zehn Winter gesehen haben, so viele wie Polina. Sie gehörte nicht hierher.

Das Mädchen sah zu ihr auf, als Antheia vor ihr zum Stehen kam. In ihren Augen war eine Traurigkeit, wie sie sie selten gesehen hatte, erst recht nicht bei so einem jungen Menschen.

„Meine Mutter ist krank.“ Ein Flehen lag in der Stimme der Kleinen. „Nur Apollons Licht kann sie noch retten, haben die Priesterinnen gesagt. Doch ich habe nichts, das ich ihm opfern könnte, damit er mich erhört.“

Antheia wusste nicht, was sie antworten sollte. Konnte sie dem Kind sagen, dass sie und ihre Familie dem Gott egal waren? Dass sie nach Hause gehen sollte? Wenn Apollon der Mutter der Kleinen hätte helfen wollen, dann hätte ER SEINE Priesterinnen die Frau bereits heilen lassen können.

„Bitte“, flehte das Mädchen. „Wir haben nichts mehr zu Essen zu Hause. Meine Mutter ist Näherin, aber ihre Hände zittern zu sehr. Sie würde den Stoff ruinieren und meine Finger sind zu ungeschickt.“

Sie sah die Tränen in den Augen des Mädchens und hasste in diesem Moment den Gott dafür, dass er das Kind so sehr quälte. Fragend sah sie zu ihrem Bruder, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte. Kleitos seufzte genervt und sah das Kind abschätzend an.

„Sie ist wahrscheinlich zu jung, um sich zu verhuren. Ihre Mutter wird vermutlich sterben.“

Fassungslos sah Antheia ihren Bruder an. Sie schluckte hart.

„Warum sagst du das?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Weil ich mich um meine Familie kümmere!“ Wut flackerte in seinen Augen. „Wir kämen nicht weit, wenn wir Almosen verteilen würden.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab.

„Aber sie ist ein Kind!“, rief sie ihm hinterher. Passanten drehten sich zu ihr um.

„Sie ist nicht meine Familie“, entschied Kleitos.

Er blieb nicht stehen, ging einfach weiter; wartete nicht auf sie. Er wusste, sie würde ihm folgen. Wieder einmal. Was blieb ihr auch anderes übrig?

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Als sie den ruhigen Atem ihres Bruders endlich gleichmäßig ein- und ausströmen hörte, schnappte sie sich ihre Sachen und verließ das Zimmer. Kleitos brauchte nicht zu erfahren, wohin sie ging. Mit beiden Händen strich sie sich über das Gesicht. Die Müdigkeit saß ihr noch immer in den Gliedern. Eigentlich hatte sie schlafen wollen, aber ihre Gedanken hatten sie nicht losgelassen. Im Wohnzimmer tummelten sich Polina, Dorea mit Miron auf dem Arm und ihre Mutter. Lisias war noch nicht nach Hause gekommen. Die Frauen warfen ihr fragende Blicke zu, doch Antheia winkte ab.

„Ich habe noch etwas zu erledigen“, teilte sie ihnen mit und verließ dann das Haus.

Eilig lief sie die Straßen entlang. Das hier sollte nicht allzu lange dauern. Sie brauchte ihren Schlaf. Schon nach den ersten Schritten fragte sie sich, was sie hier überhaupt tat. Sie sollte jetzt auf ihrer Matratze liegen und sich ausruhen. Das hatte sie sich verdient. Stattdessen suchte sie nun nach dem kleinen Mädchen. Nach einem von vielen. Kleitos hatte recht. Es gab so viele Kinder in der Stadt, denen es schlecht ging und die kaum überlebten. Sah man nur richtig hin, erkannte man an jeder zweiten Straßenecke ein ausgemergeltes Gesichtchen. Wenn sie ihnen allen helfen wollte, würde sie sich selbst und ihre Familie damit gefährden. Warum also lief sie nun zurück?

Erleichtert stieß sie den Atem aus, als sie das Mädchen noch an genau der selben Stelle vorfand, an der sie es in Erinnerung gehabt hatte. Hoffnungsvoll sah die Kleine zu ihr auf, als sie sie erkannte.

„Bring mich zu deiner Mutter“, befahl Antheia dem Kind. Sofort sprang das Mädchen auf und lief los.
„Du hast etwas vergessen!“ Antheia bückte sich und hob den Tonteller auf, den die Kleine vor sich stehen gehabt hatte. Ein kleines, trauriges Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, als sie das Zeichen auf der Unterseite erkannte: Zwei sich überlappende Kreise, durchzogen von einer geraden Linie. Sie wusste, wofür sie es tat, als sie dem Mädchen den Teller in die Hand drückte und der Kleinen durch das Gewirr der Straßen folgte. Vor einem Haus kurz vor den Mauern blieb dass Kind schließlich stehen. Es sah sich unsicher zu Antheia um, ehe es die Tür öffnete und ihr bedeutete, einzutreten.

Im Inneren war es deutlich dunkler und ihre Augen brauchten einige Momente, um sich an die geänderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen, ehe sie sich umsehen konnte.

Die Einrichtung war spärlich. Nur das nötigste Geschirr lag neben der Kochstelle. Dass es hier einmal mehr Möbel gegeben haben musste, erkannte sie an den dunkleren Stellen auf dem Boden, die das Sonnenlicht, das durch die Fenster schien, noch nicht ausgeblichen hatte, aber jetzt gab es nicht einmal mehr einen Esstisch. Auf dem staubigen Boden saßen zwei weitere Mädchen, vielleicht fünf und sieben Winter alt. Seit einer ganzen Weile hatte hier niemand mehr sauber gemacht.

Die ältere Schwester der zwei Kleinen öffnete eine der beiden Türen, die an den Wohnraum angrenzten und ließ Antheia in die kleine Kammer treten. Der Geruch nach Krankheit schlug ihr entgegen. Auch in diesem Raum fehlten die Möbel. Die Matratze, auf der die Kranke ruhte, lag auf dem bloßen Boden. Mit einem Blick auf die Mutter des Mädchens wurde Antheia klar, dass sie die Frau kannte. Mit zusammengekniffenen Augen sah sie sie an und dachte angestrengt nach. Ihr Gedächtnis ließ sie nicht im Stich. Sie erinnerte sich an eine Zeit, die ihr vorkam, als sei sie schon ewig lange her. Sie sah sich selbst als vierzehn Winter altes Mädchen auf der Mauer stehen, neben sich Polina und Eulalie. Kaum zu glauben, dass sie damals noch gedacht hatten, die Griechen würden rasch wieder verschwinden. Jetzt war bereits zum dritten Mal nach ihrer Ankunft das Sommergetreide auf den Feldern ausgebracht worden. Sie erinnerte sich an den Zweikampf vor den Mauern, als Paris und Menelaos um Helena kämpften. Und sie erinnerte sich an die Kommentare der Frau. Die Schwarzseherin hatten sie sie damals genannt. Sie hatte sie als verbittert in Erinnerung, aber nun, hier vor ihr, sah sie hilflos aus, gebrochen und traurig.

„Lass uns allein“, wies sie das Mädchen an, das hastig nickte und im Hinausgehen die Tür hinter sich schloss.

„Apollon wird Euch nicht helfen“, wandte sie sich an die Frau.

Sie beobachtete, wie die Schwarzseherin schmerzerfüllt die Augen schloss. Ihr Atem war flach und ihre Stimme zitterte, wenn sie sprach.

„Meine Söhne und mein Mann...“ Sie unterbrach sich. Eine Träne rann aus ihrem Augenwinkel. „Am Strand. Sie sind...“ Wieder eine Pause.

Dann öffnete sie die Augen und sah Antheia an. „Sie sind tot.“ Der Blick der Frau sprach von so viel mehr, als sie mühsam herausbekam. Da war der Schmerz über den Verlust, die Sorge um ihre Töchter, die Wut auf die trojanische Armee, die ihre Liebsten nicht hatte schützen können und auf die Götter, die es nicht gewollt hatten. Und da war ein Flehen. Und dieses Flehen richtete sich an sie. Nur an sie.

„Apollon wird Euch nicht helfen“, wiederholte Antheia. Ihre Stimme klang belegt.

Dann ging sie, so nahe sie es sich traute, an die Kranke heran.

„Aber Ihr werdet es.“

Die Augen der Frau wurden groß.

„Ihr werdet gesund werden. Ihr werdet der Krankheit und dem Tod widerstehen. Nur weil es einfacher ist, werdet Ihr Euch dem Dunkel nicht hingeben. Ihr werdet leben. Für Eure Töchter.“

Antheia sah die Frau eindringlich an. Sie wollte sicher gehen, dass die Kranke begriff, was sie ihr sagen wollte.

„Doch dafür braucht Ihr Hilfe. Ihr müsst stark werden und stark bleiben. Ihr müsst essen.“

Sie sah sich um, aber da sie keine Oberfläche fand, legte sie die mitgebrachten Lebensmittel auf den Boden, wo die Frau sie sehen konnte. Wenn das überhaupt möglich war, wurden die Augen der Kranken noch größer.

„Ich werde jeden Tag kommen“, erklärte Antheia, „bis Ihr gesund seid. Danach werden meine Besuche aufhören und solltet Ihr sterben, werde ich ebenfalls nicht mehr hierher kommen.“ Wieder blickte sie die Schwarzseherin fest an. Sie wollte so sehr, dass die Frau verstand. Sie hatte nicht die Möglichkeiten, der Familie über längere Zeit hinweg zu helfen. Würde die Mutter sterben, waren auch ihre Kinder zum Tode verurteilt. Aber sie würde der Kranken und ihren Töchtern eine Chance bieten.

Mit einem Mal schien die Frau zu wachsen und Antheia glaubte, ein Leuchten ginge von ihr aus. Das war nicht mehr nur die Schwarzseherin, die dort auf der Matratze lag.

„Danke, mein Kind“, sagte die Göttin mit der Stimme der Kranken, aber sie klang so viel dunkler und gleichzeitig heller und hatte an Festigkeit gewonnen.

Antheia begriff.

„Es war nicht meine Entscheidung“, sagte sie knapp. Die Göttin lächelte.

Es war nicht einfach für Antheia, sich von IHREM Antlitz und IHRER Nähe loszureißen, aber schließlich gelang es ihr doch, sich abzuwenden. Als sie die Tür hinter sich schloss, atmete sie tief durch. Sie zitterte am ganzen Körper. Deshalb also war ihr das Mädchen zwischen den vielen anderen aufgefallen. Die Göttin hatte es ihr gezeigt. SIE hatte gewollt, dass sie herkam, um zu helfen. Wenn sie darüber nachdachte, war auch nicht schwer zu erraten, welche Göttin ihr dort drinnen begegnet war. Es musste Hera sein. Wer sonst sollte sich um die Belange einer einfachen Frau kümmern? Schließlich war SIE die Schutzherrin der Frauen. Wenn irgendeine Gottheit – aus welchem Grund auch immer – Interesse an dem Schicksal der Kranken zeigen würde, dann SIE.

Erst jetzt bemerkte sie die ängstlichen Blicke, die die drei Mädchen ihr zuwarfen. Mühsam versuchte sie, ihren Körper wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Wie heißt du?“, fragte sie die Älteste.

Das Mädchen sah sie unsicher an und zögerte kurz, ehe es antwortete: „Ellena“.

Antheias Atmung hatte sich inzwischen wieder etwas beruhigt.

„Deine Mutter wird wieder gesund, Ellena“, eröffnete sie der Kleinen. „Die Göttin hält IHRE schützende Hand über sie.“

Dann verließ sie das Haus.
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