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Im Spiel der Götter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Achilles OC (Own Character)
24.08.2021
09.11.2021
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40.176
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24.08.2021 1.966
 
Apollons goldene Sonne brannte unbarmherzig auf sie herab. Es war Markttag vor den Mauern der Stadt und an diesem Tag hörte Antheia zum ersten Mal das Geräusch, das ihr in den kommenden Jahren fürchterlich vertraut werden sollte.

Sie stand vor dem Marktstand eines Mannes, der feine Stoffe verkaufte. Sie hatten gute Qualität, das musste sie zugeben. Dennoch war ihr der Preis zu hoch, den der Mann dafür verlangte.

„Bedenkt nur, welch hübsches Kleid man daraus nähen könnte. Es wäre sogar der Prinzessin Helena angemessen“, pries der Händler seine Ware an.

Antheia lächelte amüsiert. Sie hatte die Prinzessin mit eigenen Augen gesehen, als Prinz Paris mit ihr aus Griechenland heimgekehrt war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine so schöne Frau gesehen. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass Helena von Troja einen Stoff wie diesen tragen würde. Die Gewänder für die königliche Familie wurden nur aus den feinsten Fasern gefertigt, da war sie sich sicher. Und dieser war vielleicht für sie wunderbar, doch was wäre er wohl in den Augen jener Schönheit?

Ein weiteres Mal strich ihre Hand über das vor ihr ausgebreitete Material. Es fühlte sich kühl an auf ihrer Haut und war so leicht, dass es sich sogar in dem leisen Windhauch bewegte, der in unregelmäßigen Abständen leicht um ihr Gesicht strich.

„Antheia.“ Die kleine Hand zupfte an ihrem Rock.

„Was ist denn Polina?“ Bedauernd zog sie ihre Hand von dem herrlichen Stoff zurück und beugte sich zu ihrer Schwester hinab.

„Was sind das für Zelte dort am Strand?“, fragte das Mädchen und deutete hinunter zum Meer, in dessen klaren Fluten sich die Sonne spiegelte.

Antheia runzelte die Stirn.

„Ist das ein Spiel?“, fragte sie, doch Polina schüttelte den Kopf.

„Die Zelte. Die Männer. Wer sind sie?“, wollte das Mädchen wissen.

Antheia folgte der ausgestreckten Hand ihrer jüngeren Schwester mit den Augen, doch die einzigen Zelte, die sie erkannte, waren die Stände der Händler in ihrer Umgebung. Vor vielen von ihnen standen Männer. Besonders vor der Auslage eines Schmiedes hatten sich viele von ihnen versammelt, darunter auch Kleitos, ihr Bruder. Trotzdem er mit seinen fünfzehn Wintern nur einen einzigen Winter mehr gesehen hatte als sie, überragte er inzwischen viele der um ihn Stehenden. Er lachte und schien mit dem jungen Mann neben ihm über die zum Verkauf angebotenen Waffen zu sprechen, doch Antheia wusste es besser. Er war nicht an den Waren des Schmiedes interessiert, sondern sondern an den Mädchen, die sich an den angrenzenden Ständen angeregt unterhielten und in regelmäßigen Abständen einen Blick auf die jungen Männer warfen. Sie selbst hatte auch schon dort gestanden und die stählernen Körper der Krieger bewundert, aber das wagte sie nicht, wenn ihre Mutter in der Nähe war. Die schalt sie, es sei nicht schicklich, wenn sie Antheias Neugier entdeckte.

Doch Polina hatte nicht die Marktstände gemeint. Sie hatte von Zelten am Strand gesprochen. Aber so weit sie sehen konnte, entdeckte Antheia nichts, was die Aufmerksamkeit des Mädchens erregt haben könnte. Auf den Fluten glitzerten die Sonnenstrahlen und nur ganz weit am Horizont konnte sie einen leichten Schatten ausmachen. Ein Schiff. Ein weiterer Händler.

„Da sind keine Zelte“, sagte Antheia und richtete sich wieder auf.

„Aber...“ Ihre Schwester protestierte, verstummte dann jedoch. „Du hast recht. Jetzt sind sie weg.“

Antheia warf ihrer Schwester einen strengen Blick zu. Hatte sie selbst als Kind auch solche Dinge erfunden? Wohl kaum. Sie wandte sich wieder der Auslage des Stoffhändlers zu, musste jedoch feststellen, dass dieser bereits eine andere Interessentin in ein Gespräch verwickelt hatte. So blieb ihr nichts anderes übrig, als die Tücher aus etwas Entfernung zu bewundern. Wie gern hätte sie noch einmal ihre Hand darin vergraben.

Wieder spürte sie das Zupfen an ihrem Rock. Genervt sah sie zu Polina hinab.

„Was ist denn nun wieder?“, fragte sie etwas unwirsch.

„Ich glaube, Mutter möchte, dass wir zu ihr kommen.“

Antheia sah auf und tatsächlich blickte ihre Mutter am Stand gegenüber auffordernd in ihre Richtung. Ihre Miene war leicht angesäuert und verriet, dass sie sich beeilen sollten. Antheia ergriff die Hand ihrer Schwester und folgte der unausgesprochenen Aufforderung.

„Polina, meine Sonne.“ Ihre Mutter strich dem Mädchen über das Haar, als sie sie erreicht hatten. Dann griff sie hinter sich auf den Tisch des Händlers und hielt der Kleinen ein Paar Schuhe entgegen.

„Sieh her, diese Sandalen würden wunderschön an dir aussehen, denkst du nicht?“

Antheia betrachtete die Schuhe. Sie waren gut geschnitten. Das Leder sah hochwertig aus. Und dennoch war sie nicht zufrieden mit der Situation.

„Polinas Sandalen sind erst ein Jahr alt. Sie sind noch nicht kaputt und sie passen ihr noch“, gab sie zu bedenken.

Ihre Mutter sah sie finster an.

„Sei nicht neidisch, Antheia. Das mögen die Götter nicht.“

„Die Götter oder du?“, murmelte sie, wagte jedoch nicht, es laut auszusprechen. Einmal hatte ihre Mutter sie für einen ähnlichen Kommentar geschlagen. Sie hatte gesagt, sie solle die Götter nicht mit ihrem kindischen Gehabe verärgern.

Also stand sie stillschweigend daneben, während ihre Schwester die Schuhe anprobierte. Die Sonne brannte auf ihrer Haut und Strähnen ihres dunklen Haares klebten ihr im Nacken. Ein leichter Windhauch wehte vom Meer zu ihr hinüber und Antheia streckte ihm genießerisch das Gesicht entgegen. Doch viel zu schnell war die kleine Erfrischung vorüber. Bedauernd öffnete sie die Augen. Die Fluten glitzerten herrlich blau dort draußen in sanftem Auf und Ab und das Schiff, das sie zuvor gesehen hatte, hatte sich bereits weiter der Küste genähert. Es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis der Händler seine Waren im Hafen abladen konnte. Doch etwas störte sie. Sie kniff die Augen zusammen und ließ ihren Blick erneut in die Ferne gleiten. Da waren Schatten am Horizont. Schiffe – zu viele Schiffe! Erneut fasste sie das einzelne Boot ins Auge, das weiterhin auf die Küste zusteuerte. Welcher Händler hatte ein schwarzes Segel?

In diesem Augenblick hörte sie es. Das Geräusch, das den Tod ankündigte.

Der Ton war dumpf. Die Männer, die die Glocken läuteten, mussten den Holzblock mit voller Wucht gegen das Metall schlagen, um ihn ihm zu entlocken. Als sie so alt war wie Polina, hatte sie einmal neben einer dieser Warnvorrichtungen gestanden. Sie erinnerte sich an die Hitze, die sie gespürt hatte, als sie damals die Hand auf die glatte Oberfläche legte. Das komme von Ares' heißem  Blut, wenn er die Krieger zur Schlacht riefe, sagte man ihr damals. Natürlich wusste sie heute, dass das Metall die Hitze der Sonne aufsog und eine Zeit lang bewahrte wie auch Stein und Sand es taten. Und dennoch: Die Glocke war der Aufruf an die Soldaten, sich zu sammeln. Sie warnte vor Gefahr.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

„Zieh die Sandalen aus!“, schrie ihre Mutter Polina panisch an.

„Mutter?“ Das Mädchen sah ängstlich auf.

„Zieh die Sandalen aus!“

„Dafür ist keine Zeit.“ Antheia packte ihre Mutter fest am Arm, als sie sich mit zitternden Händen an Polinas Schuhwerk zu schaffen machte. Ihre Mutter sah sie böse an.

„Ich stehle nicht“, entgegnete sie harsch, machte sich los und wandte sich wieder den Sandalen ihrer Tochter zu.

„Antheia!“ Jemand rief ihren Namen. In der Menge der Marktbesucher, die bereits hektisch auf das Stadttor zustürmten, erkannte sie ihren Bruder.

„Kleitos!“, schrie sie, streckte den Arm in die Höhe und winkte ihm in der Hoffnung zu, er würde sie bemerken. Erleichterung überflutete sie, als sein Blick den ihren traf.

„Wir müssen los!“, rief ihr Bruder, als er sie endlich erreicht hatte.

„Ich weiß, aber...“ Antheia deutete hilflos auf ihre Mutter, die inzwischen mit Polinas zweiter Sandale beschäftigt war.

Kleitos stellte sich zwischen die beiden.

„Bei den Göttern, Mutter, wir müssen los!“, schrie er sie an, doch ihre Mutter schüttelte energisch den Kopf.

„Ich stehle nicht“, beharrte sie.

Antheia raufte sich die Haare. Verstand ihre Mutter denn nicht, dass sie in Gefahr waren? Diese Schuhe waren doch vollkommen egal! Der Händler würde sie nicht aufhalten, wenn sie einfach verschwänden. Er hatte genug damit zu tun, die übrigen Waren schnellstmöglich auf seinem Karren zu verstauen, um ebenfalls das Weite zu suchen. Weshalb nur trödelten sie so lange herum?

„Mutter!“ Kleitos nahm die Hände ihrer Mutter in seine und hielt sie fest. „Wir müssen hier weg!“

Als sie nun von ihrem Vorhaben abließ und aufblickte, erkannte Antheia Tränen in den Augen ihrer Mutter.

„Ich stehle nicht.“ Ihre Stimme klang brüchig.

„Ich weiß“, erwiderte Kleitos.

Ihre Mutter leistete keinen Widerstand, als er sie in seine Arme schloss und sie vorsichtig, aber bestimmt in Richtung der übrigen Fliehenden schob.

„Komm Polina!“ Antheia streckte die Hand nach dem Mädchen aus.

„Aber ich habe nur eine Sandale an“, beschwerte ihre Schwester sich.

Antheia verlor die Geduld.

„Dann ziehst du die andere eben wieder an!“, schrie sie.

Verschreckt sah Polina zu ihr auf. Sie hatte sie noch nie angeschrien.

„Bitte.“ Sie versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Bitte zieh die andere Sandale wieder an, ja?“

Ihre Finger nestelten unruhig an ihrem Kleid herum, während sie darauf wartete, dass Polina endlich fertig wurde. Mehr Menschen stürmten an ihr vorbei.

Etwas zu hart ergriff sie die Hand ihrer Schwester, als sie sich unter die Fliehenden mischten.
„Du tust mir weh“, beklagte sich das Mädchen.

„Entschuldigung.“ Antheia lockerte ihren Griff ein wenig, war jedoch darauf bedacht, das Kind nicht in der Menge zu verlieren.

„Oh Götter, sie haben den Strand erreicht!“, hörte sie vor sich eine Frau rufen.

Sie konnte dem Drang nicht widerstehen. Im Laufen sah sie sich um. Tatsächlich. Das Schiff, das sie fälschlich für einen Händler gehalten hatte, stieß in den hellen Sand und spuckte Krieger an Land. Aus der Entfernung sahen sie aus wie kleine, schwarze Käfer.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorn. Sie mussten das Stadttor erreichen. Reiter stürmten an ihnen vorbei. Berittene Krieger. Sie würden den Feinden die Stirn bieten. Antheia konnte ihr Ziel bereits sehen, doch je weiter sie in seine Nähe gelangten, desto langsamer kamen sie voran. Der rasche Lauf bergauf erschöpfte sie. Ihr Atem ging flacher und in ihrer Seite machte sich ein schmerzhaftes Stechen breit. Polina neben ihr begann zu stolpern.

„Halte durch“, wies sie ihre Schwester und sich selbst gleichermaßen an.

Links und rechts von ihr begannen die Menschen, sie zu überholen. Sie waren zu langsam.

„Nicht aufgeben“, motivierte sie sie beide immer wieder.

Sie mussten weiter. Und weiter. Und noch einen Schritt tun.

Dann hatten sie das Tor erreicht. Davor hatte sich eine gewaltige Menschentraube gebildet. Sie alle drängten darauf, in die Stadt zu gelangen und noch ehe Antheia etwas dagegen unternehmen konnte, befanden sie sich eingekeilt zwischen den anderen Flüchtenden. Eilig zog sie Polina näher zu sich, um sie in dem Gedränge nicht zu verlieren. Sie spürte, wie von hinten und von den Seiten aus Druck ausgeübt wurde. Sie konnte nichts anderes tun, als ihm zu folgen. Der Ellenbogen einer Frau links von ihr traf sie in die Seite und sie wurde gegen ihren Vordermann gepresst, als sie weiter nach vorn gelangten und die Enge zunahm. Menschen. Überall waren Menschen. Von allen Seiten wurde sie bedrängt. Sie bekam kaum noch Luft. Nicht mehr ihr eigener Wille trieb sie voran, sondern der der Masse. Der Masse vor ihr, hinter ihr und neben ihr. Sie sah nicht mehr, wohin sie geschoben wurde. Wohin sie auch blickte, ragten Köpfe auf, versperrten ihr die Sicht. Nur über sich sah sie das strahlende Blau des Himmels. Schweiß klebte auf ihrer Haut. Nicht nur ihr eigener, sondern auch der all jener Menschen, denen sie in den letzten Augenblicken unangenehm nah gekommen war, die gegen sie gepresst wurden, die mit den Armen wild um sich schlagend versuchten, sich mehr Platz zu verschaffen, die wie sie sich willenlos von der Masse nach vorne drängen ließen, weil ihnen nichts anderes übrig blieb, als dem Druck zu folgen. Es wurde dunkel über ihr und der Himmel verschwand aus ihrem Blickfeld, wurde ersetzt durch dunklen Stein. Dann war sie frei. Die Enge ließ nach. Sie hatten es geschafft.
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