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No Choice

von Lizerah
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Action / P16 / MaleSlash
Hanji Zoe Irvin / Erwin Smith Levi Ackermann / Rivaille Mike Zakarius Nanaba OC (Own Character)
24.08.2021
29.04.2022
28
107.761
14
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
24.08.2021 3.543
 
Danke an Emily 01875, jowolfo, TheRealShinnzlenator, und LeviiZ für das bisherige Feedback. Einen zusätzlichen Dank an Maya Skiba für die Social Media Empfehlung.

Im Mai pausiert. Nächstes Kapitel am 30.05.22.


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Verloren


War das hier wirklich das, wofür so viele von ihnen ihr Leben gelassen hatten?
War das hier tatsächlich der Sinn des ganzen Leids, das sie hatten ertragen müssen?

Wie hypnotisiert sah Levi dabei zu, wie der Körper des Jungen, mit dem er vor wenigen Sekunden noch gesprochen hatte, langsam zwischen den Zähnen des Ungetüms zermalmt wurde. Er hörte das Knacken seiner Knochen, während der Geruch nach Blut und verbranntem Fleisch so intensiv in seine Nase stieg, dass es ihm beinahe den Magen umdrehte.

Nahm das denn wirklich kein Ende? Hatte das Ganze überhaupt irgendeinen Sinn?

„Levi, was zur Hölle machst du da?“, drang das Gebrüll des Kommandanten an sein Ohr, doch er ignorierte ihn und starrte weiter diesem hässlichen Monster entgegen, das unter dem Felsvorsprung stand und gierig zu ihm hinaufsah.

Sie hatten die Titanen nicht kommen sehen. Sie waren plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Und das war nicht das erste Mal. Wieder und wieder und wieder waren sie in dieselbe Falle getappt. Diese Ungetüme waren so unglaublich dumm und doch schafften sie es jedes Mal, so unendlich viele Menschenleben auf so sinnlose Weise auszulöschen. Sie hatten erst vor zwei Tagen die äußere Mauer verlassen und bereits ein Drittel ihrer Leute verloren. Konnte es das wirklich schon gewesen sein? Waren Isabel und Furlan wirklich dafür gestorben? Was machte der Aufklärungstrupp für einen Sinn, wenn er nicht einmal zwei Tage hier draußen überleben konnte?

Levi hatte nie die Gelegenheit bekommen, den Namen des Jungen zu erfahren, dessen Oberkörper nur noch an seinem halb abgetrennten Arm zwischen den Zähnen des Titanen baumelte. Angewidert rümpfte er die Nase, als sich der Riese mit seinen Pranken an den Felshang klammerte und ihn mit weit aufgerissenen Maul zu erreichen versuchte.

Wieder schallte das laute Rufen des Kommandanten zu ihm hinüber. Er ignorierte es weiterhin und sah stattdessen der untergehenden Sonne entgegen, während die Gesichter derer, die bei dieser Expedition ums Leben gekommen waren, vor seinem inneren Auge vorbeizogen. Wieder sah er Furlan, wie er die Hand zu einem letzten Gruß hob, und Isabel, wie sie ihm mit ihren weit aufgerissenen toten Augen entgegenblickte.

Unter den Sohlen seiner Stiefel spürte er, wie der Fels langsam drohte, nachzugeben, doch er konnte sich einfach nicht rühren. Seine Gastanks waren leer und er besaß nur noch zwei Klingen. Es wäre zu gefährlich gewesen, sich diesem Titanen noch zu stellen, und doch konnte er den Jungen nicht einfach so dort hängen lassen.

Eine Berührung an seiner Schulter riss ihn aus seiner Trance, bevor ihn plötzlich jemand mit einem kräftigen Ruck von der Kante wegzog. Die wütende Miene des Kommandanten versperrte ihm die Sicht auf den Titanen, als dieser sich vor ihn stellte und ihm direkt ins Gesicht schrie. „Verdammt nochmal, was soll das? Willst du etwa gefressen werden?“

„Ist das etwa nicht der Sinn des Aufklärungstrupps? Gefressen zu werden und sinnlos zu sterben?“, fragte Levi in einem gleichgültigen Ton, während er an Shadis vorbei auf die Leiche im Maul des Titanen deutete. „Ist es etwa das, wofür ihr so gekämpft habt?“

„Levi, er hat recht. Komm da weg. Das ist gerade wirklich kein geeigneter Ort für eine Sinneskrise“, vernahm er nun auch Erwins Stimme und spürte, wie sich dessen Hand auf seinen Arm legte. Reflexartig versuchte er, sie abzuschütteln, doch sie krallte sich nur noch fester in den Stoff seiner Uniform.

„Wir ziehen uns zurück. Das hier ist kein Spiel“, wurde der Ton in seiner Stimme sofort schärfer, doch Levi dachte nicht einmal im Traum daran, seinem Befehl zu gehorchen. Mit einem kräftigen Ruck riss er sich von Erwin los und rannte, ohne auf ihn oder den noch vor ihm stehenden Kommandanten zu achten, auf die Felskante zu.

„Levi!“

Ihre lauten Rufe hallten in seinen Ohren, als er seine letzten beiden Klingen zog und mit einer Hand zum Wurf ausholte. Die Halbklinge löste sich vom Heft des Schwertes und bohrte sich wie ein Pfeil tief in das linke Auge des Ungetüms. Noch während der Titan damit beschäftigt war, überhaupt zu begreifen, was geschehen war, ließ sich Levi mit dem verbliebenen Schwert in beiden Händen von der Felskante hinabrutschen. Er hatte die Wucht seines Falls dazu nutzen wollen, auch das rechte Auge zu treffen, doch der Riese drehte sich so plötzlich nach oben, dass sich das Schwert stattdessen in dessen Wange stach und sie bis zur Oberlippe hinab aufriss. Levi klammerte sich mit einer Hand an den Griff der noch im Fleisch feststeckenden Waffe, und versuchte mit der anderen, so schnell er konnte, nach dem Leichnam des Jungen zu angeln.

„Du solltest echt an deiner Zahnhygiene arbeiten. Du stinkst aus dem Maul“, murmelte er spöttisch, um der Panik Herr zu werden, die beim Anblick des riesigen Schlunds in ihm aufkeimte.

Er zuckte heftig zusammen und stieß sich mit seiner ganzen Muskelkraft am Unterkiefer des Monsters ab, als er hörte, wie die Klinge unter seinem Gewicht zerbrach. Nur in letzter Sekunde sprang er mit einem Satz zurück und riss dabei den Körper des Jungen mit sich. Er starrte wie hypnotisiert auf den abgerissenen Arm in seiner Hand und spürte nur beiläufig, wie die Zähne des Ungetüms sein Bein nur knapp verfehlten.

Ein stechender Schmerz zog durch seine Muskeln, als er, abgelenkt vom Anblick des Arms, direkt vor den Füßen des Titanen auf den felsigen Untergrund krachte. Nur noch am Rande nahm er wahr, wie der Körper des Jungen neben ihm im Dreck landete, und er richtete sich eilig wieder auf, um die Orientierung wieder zu finden.

Der Boden dröhnte unter den Schritten des Riesen, als dieser versuchte, ihn dabei mit seinen Füßen zu zerquetschen. So schnell er konnte, rannte Levi auf eine der etlichen am Boden liegenden Leichen zu und ließ sich neben einem seiner toten Kameraden auf die Knie fallen. Er beugte sich über ihn und vermied es, den zerfetzten Körper länger als nötig anzusehen, während er ihm eilig zwei seiner Klingen abnahm und an seiner eigenen Ausrüstung befestigte.

Der Atem des Titanen kitzelte bereits seinen Nacken, als Levi, ohne sich noch einmal in seine Richtung zu drehen, wieder dazu ansetzte, sich den Felsvorsprung hinaufzuziehen. Bemüht darum, sich von der Pranke, die nach ihm griff, nicht beirren zu lassen, stieß er sich an der Felswand ab und landete in einer halben Umdrehung auf dem Unterarm des Riesen.

Sofort versuchte das Ungetüm, ihn mit der anderen Hand zu packen, doch Levi war schneller. Da er kein Gas mehr hatte, nutzte er den Arm des Titanen als Rampe und rannte zu dessen Schulter hinauf. Die Haken seiner Ausrüstung bohrten sich in das Fleisch des Riesen, bevor Levi mit der letzten Kraft, die noch in seinen Muskeln steckte, von der Schulter des Titanen absprang. Er nutzte die Kraft seines Schwungs, um die beiden Klingen in seinen Händen tief in den Nacken des Ungetüms zu treiben und ihm so endlich den Garaus zu machen. Der Titan sackte in sich zusammen, und noch, bevor sein Maul den Erdboden küsste, stieß Levi sich ab und landete diesmal mit den Füßen voran auf dem Boden.

Mit einem lauten Fluchen auf den Lippen sah er sich um und wischte sich das stinkende Blut aus dem Gesicht. Zielstrebig ging er auf den Jungen zu, dessen Körper er dem Maul des Titanen entrissen hatte, und ließ sich, ohne auf das erneute Gebrüll des Kommandanten zu achten, neben der Leiche nieder. Er wusste nicht einmal seinen Namen und doch hatte er beobachten können, wie der Junge etwas bei sich getragen hatte. In einer schnellen Bewegung riss er ihm die Kette mit der Brosche vom Hals, bevor er sich aufrichtete und mithilfe seiner Ausrüstung und eigener Muskelkraft auf den Felsvorsprung zurückzog.

„Dafür könnten wir dich beim Kriegsgericht anklagen“, begrüßte ihn Erwin mit überraschend gefasster Stimme, während er direkt an der Kante kniete und ihm die Hand entgegenstreckte. Levi ignorierte sie und zog sich mit eigener Kraft hoch, während er den anhaltenden Tiraden von Kommandant Shadis lauschte. Dieser sprang einige Meter hinter Erwin im Dreieck und konnte nur durch Hanji und mit Hilfe eines weiteren Aufklärers davon abgehalten werden, Levi direkt wieder von der Kante zu stoßen.

„Tut, was ihr nicht lassen könnt“, richtete Levi seine Aufmerksamkeit wieder auf Erwin und legte ihm etwas in die immer noch ausgestreckte Hand.

Verdutzt sah Erwin ihm entgegen, als er die Kette zwischen seinen Fingern bemerkte, doch Levi wich seinem Blick aus und wischte stattdessen das Blut von der noch ihm verbliebenen Klinge. „Aber vorher musst du den Eltern des Jungen erklären, wofür er überhaupt gestorben ist. Denn ich kann es nicht“, sagte er schließlich und sah wieder auf.

„Ich verstehe deine Intention, doch wir können nicht jeden ...“ Erwin hielt plötzlich mitten im Satz inne und seufzte. „Wir können nicht jeden wieder nach Hause bringen. Von vielen bleibt nicht einmal mehr das hier übrig.“ Bei diesen Worten ließ er die Kette von einer Hand in die andere gleiten.

Levi gab nur ein genervtes Stöhnen von sich und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung des aufgebrachten Kommandanten. „Der ist richtig sackig, oder?“

Erwin sah ihn nicht an, sondern blickte nachdenklich auf den Riesen am Boden der kleinen Schlucht hinab, dessen Überreste bereits begonnen hatten, sich in Rauch aufzulösen. „Er hat auch allen Grund dazu, wenn du dich Hals über Kopf in das Maul eines Titanen stürzt.“

„Ist ja schließlich meine Sache, was ich mache.“

„Das ist es nicht. Du bist jetzt ein Soldat und Soldaten befolgen Befehle.“

Levi stand vom Boden auf und sah auf ihn hinab. „Wer sagt, dass ich nach dem hier noch zu euch gehöre?“

Erwin hob den Blick und bedachte ihn mit einer finsteren Miene. „Das wäre Desertation und du weißt, was die Folge wäre.“

„Dann hätte ich dich vorhin wohl besser gleich getötet. Dann würde es sich wenigstens lohnen“, entgegnete Levi und schob sich einfach an ihm vorbei. Auch den Kommandanten, der versuchte, sich ihm im Vorbeigehen in den Weg zu stellen, ignorierte er und lief geradewegs zu den Pferden hinüber.

Kurz bevor er sie erreichte, spürte er wieder eine Hand an seinem Arm.

„Ich weiß, du trauerst. Aber du kannst nicht einfach ...“

Mit einem kräftigen Ruck entriss er Erwin seinen Arm und bemerkte, wie der Hüne dabei schmerzvoll das Gesicht verzog. Offenbar bereitete ihm die Wunde, die Levi ihm heute Morgen in seiner Rage zugefügt hatte, ziemliche Schmerzen. Doch das war ihm egal. Schließlich hatte er es nicht anders gewollt. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, stieg er auf sein Pferd und trieb es zu einem Sprint in Richtung der Flanke an, an der sich sein Trupp befand. Sofern man diejenigen, die davon noch übrig waren, noch als solchen bezeichnen konnte. Das alles hier war einfach nur ein sinnloses Selbstmordkommando und sobald sie zurückgekehrt waren, würde er diesem auf jedem Fall so schnell wie möglich den Rücken kehren, auch wenn es bedeutete, dass er dafür in die Dunkelheit des Untergrunds zurückkehren müsste.

•••


Obwohl sie so einen heftigen Rückschlag erlitten hatten, hatte es noch viele qualvolle Stunden gedauert, bis der Kommandant und die Offiziere es endlich eingesehen hatten, dass die Expedition gescheitert war. Eine nur um wenige Stunden hinausgezögerte Entscheidung hatte genügt, um weiteren Soldaten auf so sinnlose Weise das Leben zu kosten. Als sie noch am selben Abend wieder zu den Ruinen zurückkehrten, in denen sie die erste Nacht ihrer Expedition verbracht hatten, bestand der Trupp nur noch aus der Hälfte seiner ursprünglichen Stärke.

Regungslos starrte Levi in die Flammen des Lagerfeuers, an dessen Rand er saß, und versuchte immer noch, zu verstehen, was überhaupt geschehen war und an welcher Stelle alles so verdammt schief gelaufen war.

Hatte es etwa schon damit begonnen, als sie die Ausrüstung des Aufklärungstrupps gestohlen hatten? Oder war es der Moment gewesen, in dem sie den Auftrag dieses reichen Fatzken angenommen hatten? Sie hatten doch nichts anderes gewollt, als ein Leben an der Oberfläche zu führen und aus diesem Loch zu entkommen.

Es war ursprünglich Furlans Idee gewesen, die 3D-Manöver-Apparate, die sie einer Gruppe von ermordeten Soldaten abgenommen hatten, für ihre Diebeszüge zu nutzen. Mehrere Wochen hatten sie damit zugebracht, deren Handhabung auf eigene Faust zu erlernen. Doch sie waren einfach zu leichtsinnig gewesen und hatten zu schnell die Aufmerksamkeit des Militärs auf sich gezogen. Normalerweise mieden die Soldaten den Untergrund genauso wie die Begegnung mit einem Titanen. Was im Untergrund geschah, blieb auch dort und interessierte sie meistens nicht. Zumindest bis zu jenem Tag, an dem plötzlich dieser blonde Hüne aufgetaucht war und sie in die Enge getrieben hatte.

Und obwohl sie durch einen ihrer Auftraggeber darüber gewarnt worden waren, dass ein Offizier des Aufklärungstrupps es auf sie abgesehen hatte, hatten sie den erfahrenen Soldaten im direkten Kampf nichts entgegensetzen können.

Selbst wenn sie nicht zufällig kurz vorher den Auftrag erhalten hätten, sich in das Regiment zu schmuggeln und Erwin dieses verdammte Dokument abzunehmen, hätten sie keine andere Wahl gehabt, als sein Ultimatum anzunehmen und dem Trupp in Austausch gegen ihre Unversehrtheit beizutreten.

Levi entfuhr ein verächtliches Lachen, als er daran dachte, mit was für einem selbstgefälligen Blick Erwin auf ihn hinabgesehen hatte, als er ihm diesen Vorschlag unterbreitete, während er im gleichen Zuge damit gedroht hatte, sie zu töten, sofern sie sein Angebot nicht annahmen. Als hätten sie jemals die Wahl gehabt.

Umso länger Levi mit diesem selbstgefälligen Typen zu tun gehabt hatte, umso mehr hatte er ihn einfach nur tot sehen wollen. Das Unwetter, das heute Morgen beim Testlauf der neuen Aufklärungsformation über sie hereingebrochen war, war die perfekte Gelegenheit dazu gewesen.

Angestrengt rieb sich Levi mit beiden Händen über das Gesicht, als die verdrängte Erinnerung wieder in sein Bewusstsein trat.

Wie er seine Freunde allein gelassen hatte, nur um zu Erwins Trupp zu gelangen.

Wie er schließlich doch noch umgedreht war, als er in der Ferne die Schreie von Isabel und Furlan gehört hatte und wie er nur noch dabei hatte zusehen können, wie sie starben. Wäre er nicht so fixiert darauf gewesen, Erwin zu töten und ihm das Dokument abzunehmen, wären sie vielleicht noch am Leben.

Er holte tief Luft, um der unendlichen Wut, die sich ihren Weg nach oben bahnte, Einhalt zu gebieten. Er hätte am liebsten geschrien, nur um nicht darüber nachzudenken. Er wollte nicht, dass die Verzweiflung seinen Verstand zerfraß.

Nur mit großer Mühe verdrängte er den Gedanken daran, wie er noch am letzten Abend mit Furlan und Isabel hier zusammen gesessen hatte. Wie Isabel herumgealbert und Furlan sie zur Ruhe ermahnt hatte.

Scheiße. Warum war er nur nicht bei ihnen geblieben? Warum war er so fixiert darauf gewesen, Erwin nachzujagen und einer Mission zu folgen, die schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war? Wieso hatte ...?

Ein plötzliches Geräusch riss ihn schlagartig in die Gegenwart zurück. Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung in der Dunkelheit wahr und seine Hände legten sich sofort auf die Griffe seiner Waffen. Angestrengt kniff er die vom Lagerfeuer geblendeten Augen zusammen, um in der dunklen Nacht etwas zu erkennen.

„Es war wirklich nicht einfach, Levi. Aber ich glaube, ich konnte den Kommandanten davon überzeugen, dich nicht an den nächstbesten Titanen zu verfüttern“, sprach auf einmal eine bekannte Stimme aus der Schwärze zu ihm und ließ ihn unwillkürlich zusammenzucken, bevor er den blonden Schopf des Offiziers im Schein des Feuers erkannte. Abrupt blieb Erwin im Halbschatten stehen, als er Levis angespannte Haltung bemerkte.

Da war er, der perfekte Moment, um dem Leben dieses kaltschnäuzigen Soziopathen endlich ein Ende zu setzen. Es machte ihn fast wahnsinnig, diesen Mann noch lebendig vor sich stehen zu sehen, während seine Freunde wegen ihm ihr Leben ließen. Mit nur einer Bewegung hätte er ihm einfach die Kehle aufschlitzen und Isabel und Furlan rächen können, doch er konnte sich nicht rühren. Und er wusste nicht einmal, warum.

Erwin hatte für ihn nichts anderes übrig als ein genervtes Seufzen. „Willst du mich noch weiter so hasserfüllt anstarren, oder darf ich mich endlich rühren?“

„Ich würde es bevorzugen, dich weiter anzustarren. In der Hoffnung, dass du irgendwann einfach tot umkippst“, fauchte Levi zurück, während der Griff um seine Waffe nur noch fester wurde. Nur ein Schlag. Mehr hätte es nicht gebraucht. Warum konnte er es nicht?

Erwin schien ziemlich unbeeindruckt von seiner Drohung und trat einige Schritte auf ihn zu. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, ließ er sich auf dem Baumstamm nieder, auf dem bis eben noch Levi gesessen hatte. Er sah zu ihm auf, doch Levi wandte seinen Blick ab und starrte angespannt in die Dunkelheit.

„Auch wenn du mich heute morgen noch umbringen wolltest und es vielleicht auch immer noch tun willst, wollte ich dich nicht einfach dir selbst überlassen. Es ist nicht gut, wenn man mit solchen Gefühlen allein ist.“

Verächtlich spuckte Levi ihm vor die Füße und sah mit einem wütenden Blick auf ihn herab. „Als ob dich das in irgendeiner Weise kümmern würde. Am Ende sind wir für dich alle nur das Mittel zum Zweck. Titanenfutter, mehr nicht.“

„Da liegst du falsch.“

Levi setzte einen Fuß nach vorn und deutete in einer ausladenden Geste in die Dunkelheit. „Sag das denjenigen, die heute gestorben sind. Sag das meinen Freunden.“

„Sie wussten, was auf sie zukommen würde. Das Risiko war ihnen bekannt. Was hätte ich denn davon, sie sterben sehen zu wollen?“

Levi schwieg und knirschte angespannt mit den Zähnen. Wie dieser Kerl auch noch so tat, als ginge es ihn nichts an. Als sei es nicht seine Schuld.

Er wusste selbst nicht, warum er noch zögerte. Er sollte es hier und jetzt einfach beenden. Das Schlimmste, was ihn passieren konnte, war der Tod. Doch das war es ihm wert. Oder etwa nicht?

„Auch ich habe heute meine Freunde und Kameraden sterben sehen, doch ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ihr Tod uns der Wahrheit einen Schritt nähergebracht hat“, laberte der Blondschopf einfach unbeirrt weiter.

„Wir haben überhaupt nichts erreicht“, widersprach Levi lautstark, bevor ihm die Stimme versagte und er nur noch ein Krächzen hervorbrachte. „Die meisten sind heute einfach nur qualvoll gestorben.“

Erwin seufzte nur und bedachte ihn mit einem eindringlichen Blick. „Die Verzweiflung steht dir nicht, Levi.“

Levi konnte regelrecht spüren, wie es ihm bei diesen Worten den Hals zuschnürte. Seine Hand begann zu zittern, als er sich nur mit großer Anstrengung davon abhielt, diesem Typen sofort den Garaus zu machen. Warum konnte er es nicht einfach beenden? Was hielt ihn noch zurück?

Erwin starrte auf Levis Hand und schien seinen inneren Kampf sehr wohl zu bemerken. Trotzdem hielt ihn das nicht davon ab, einfach schwülstig weiterzureden. „Du hast immer noch die Option, in den Untergrund zurückzukehren und dort weiter wie eine Ratte zu leben, die nie aus ihrem Käfig entkommen und auch nie erfahren wird, wie die Welt da draußen überhaupt aussieht.“ Er hielt kurz inne und atmete hörbar aus. „Jedoch würde ich dies sehr bedauern. Mit deinen Fähigkeiten hätten wir endlich die Chance, wirklich etwas zu erreichen. So jemanden werden wir wahrscheinlich nie wieder finden. Und es wäre sicher auch nicht im Sinne deiner Freunde, dass du dir diese Chance entgehen lässt.“

„Wag es noch einmal, mir erklären zu wollen, was sie gewollt hätten.“

„Scheinbar muss ich dich ja doch daran erinnern, nachdem du erst mich angegriffen und dich kurz darauf, nur ein paar Stunden später, wie ein Wahnsinniger mit nur einem Satz Schwerter und leerem Gastank in das Maul eines Titanen gestürzt hast.“

„Ich ...“, setzte Levi zu einem weiteren Widerspruch an, doch seine Stimme brach. Nur mit Mühe hielt er die Verzweiflung zurück, die sich ihren Weg nach oben bahnte, als ihm seine Situation erneut bewusst wurde. Was sollte er jetzt tun? Er hasste diesen Mann so sehr und gleichzeitig war dieser Dreckskerl das Einzige, was ihm jetzt noch blieb. Und er hatte auch noch recht. Er musste weiterkämpfen, für Isabel, für Furlan, und um all diesem Leid, das ihnen zugefügt worden war, einen Sinn zu geben.

Wieder sah er ihre Gesichter vor sich. Wie sie noch vor wenigen Stunden mit ihm hier am Feuer gesessen hatten. Wie sie gemeinsam gehofft hatten, dass das hier ihre große Chance wäre. Er spürte, wie der Kloß in seinem Hals immer größer wurde, als die Gewissheit, dass er sie nie wieder sehen würde, sich ihren Weg in sein Bewusstsein bahnte. Ohne Erwin auch nur noch eines weiteren Blickes zu würdigen, ließ er sich kraftlos auf dem Baumstamm sinken und vergrub das Gesicht in seinen verschränkten Armen.

„Es tut mir leid für deine Freunde. Ich hatte wirklich keinen Groll gegen sie und auch nicht gegen dich. Im Gegenteil“, vernahm er Erwins Stimme nur noch wie aus weiter Ferne und spürte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, sie von sich zu schieben. Er wollte sich einfach nur noch in Luft auflösen.

Eine Weile lang saßen sie einfach nur da, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft und Levi wusste im Nachhinein nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, bis Erwin plötzlich aufstand und ihm auf die Schultern klopfte und damit zusammen mit dem entfernten Wiehern der Pferde den Aufbruch zurück nach Hause verkündete.

Ein zu Hause, das nun leer war und ihm somit nichts mehr bedeutete. Hätte er vielleicht besser mit ihnen sterben sollen? Er wusste es nicht und er wusste auch nicht, ob er es jemals noch herausfinden würde.
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