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Flammen, Lust und Feder

GeschichteAbenteuer, Erotik / P18 / Mix
Elben & Elfen Kobolde & Feen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
23.08.2021
19.10.2021
7
18.483
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28.08.2021 4.575
 
„Lust ist etwas ganz Normales. Ich hab keine Ahnung, warum euer Gott euch das verbietet, aber ohne Sex gäbe es keine Kinder. Vielleicht hat Gott es euch verboten, damit nicht all seine Jünger ständig nur mehr damit beschäftigt sind, in den Betten der anderen Brüder und Schwestern zu tollen“, so hatte es Bajenka ihr vor Jahren erklärt, als Catlin sich mit ihrer Freundin über Männer unterhalten hatte. Dabei lag es bei der zweifachen Mutter selbst Jahre zurück, dass sie einen Mann an ihrer Seite hatte. Und einen anderen wollte sie nicht, obwohl ihre Heirat von ihren Eltern arrangiert gewesen war. Mit 16 wurde sie mit Kendrick verheiratet und brachte kurz darauf ihren ersten Sohn zur Welt. Nur ein Jahr später erblickte auch ihr zweites Kind das Licht der Welt. Vier Jahre waren seit damals vergangen und fast drei Jahre, seit ihr Mann in der Schlacht gefallen war.

Die beiden Frauen saßen gemeinsam am Frühstückstisch, während Aledin und Giriam am Boden spielten. Catlin dachte an die vergangene Nacht. Sie war kurz gewesen. Offenbar hatte sie fast eine Stunde in der Kammer verbracht und dabei die Zeit vergessen. Sollte sie mit ihrer besten Freundin darüber sprechen? Bajenka wusste nicht, dass sie sich nicht an die Regeln der Keuschheit hielt und von ihr hatte sie wahrscheinlich nichts zu befürchten. Dennoch, irgendetwas hinderte Catlin daran, über die vergangene Nacht zu sprechen. Die Nonne verwarf den Gedanken und aß ihren Apfel fertig. Danach trank sie ihren Minztee aus und verabschiedete sich von der Köchin. Sie verließ den Essraum und trat auf den Platz, den sie auch in der Nacht zuvor entlang gegangen war. Diesmal überquerte sie ihn und gelangte durch eine Seitentür ins Innere der riesigen Kirche. Heute wollte sie eine der Ersten sein, die sich vor dem Altar einfanden, um das Morgengebet zu sprechen. Und tatsächlich, nur Schwester Maria war schneller als sie und saß bereits auf einer der Holzbänke.

„Guten Morgen, meine Liebe!“, lächelte die leicht rundliche Frau.

„Auch dir einen schönen guten Morgen, Schwester Maria!“

„Wie ich sehe, zieht es dich heute förmlich zum Morgengebet. Du bist noch vor den anderen hier.“

„Ja, mir war danach, den Tag früh zu beginnen.“

Maria nickte ihr zu und gemeinsam setzten sie sich auf eine der Holzbänke. Der Vormittag verging ohne jegliche Vorkommnisse. Catlin hatte lange in der Kirche gebetet und danach einigen Schwestern im Garten geholfen. Nach einem leichten Mittagessen, entschloss sie sich, auf den Markt zu gehen und Gewürze aus dem Osten zu kaufen, welche sie später Bajenka bringen wollte.

Der kleine Markt hinter der Kirche war auch an diesem Nachmittag recht belebt. Etwa zwei Dutzend kleine Stände standen auf dem Platz wie Pilze im Wald. Hier wurde vieles feilgeboten. Angefangen von Gütern des alltäglichen Bedarfs, wie Lebensmittel oder Werkzeuge, bis hin zu exotischeren Dingen, wie etwa Kurkuma, Ingwer oder Chili, nach denen auch die Nonne suchte. Der Geruch von gebratenem Fleisch mischte sich mit verführerischen Düften, die von einem Blumenhändler herüberströmten. Der Markt war überraschend sauber für eine Stadt dieser Größe. Dies lag jedoch daran, dass der Markt nur alle drei Tage abgehalten wurde. In der restlichen Zeit wurde der kleine Platz, der zur Kirche gehörte, wenig genutzt. Überdies kümmerten sich die Nonnen, Brüder und übrigen Bediensteten des Klosters um die Erhaltung und Säuberung. Immerhin lag der Platz direkt an der Kirche und eine verdreckte Umgebung ziemte sich nicht für ein Gotteshaus.

Catlin hatte alles bekommen, was sie brauchte und ging bereits wieder zurück zum Kirchenhof. Einen letzten Blick warf sie hinüber zu Tumans Schmiede. Sie war leer. Wie konnte er es sich bloß erlauben, heute eine Pause zu machen, wenn doch der Statthalter auf seine Waffen wartete? Catlin zuckte mit den Schultern und setzte ihren Weg fort, gerade als sie einen eiskalten Blick in ihrem Nacken spürte.

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„Verfluchter Hurensohn“, fluchte Tuman, als er durch die engen Gassen lief, die im Zwielicht der schwindenden Sonne und der ersten angezündeten Fackeln nur spärlich beleuchtet waren. Blut tropfte ihm von der Stirn. Er hatte sich die Haare zu einem Zopf zusammengebunden, die Seiten waren abrasiert. Dadurch erkannte man einen klaffenden Riss an seiner linken Schläfe.

Noch vor wenigen Minuten saß der Schmied bei einem Krug Bier im Bordell und versuchte erneut auf andere Gedanken zu kommen. Vanessa war auch dort gewesen, doch in jener Nacht hatte Tuman kein Interesse am Stillen seiner fleischlichen Gelüste. Er wollte einfach nur etwas Trinken und die Gesellschaft von jemanden, dem er vertraute. Irgendwann hatte er die drei Kerle entdeckt, die genauso angezogen waren, wie der Trupp, den er mit seiner Empfehlung jüngst in den Süden der Stadt geschickt hatte. Schwarzes Wams und grüne Kutte. Sie waren laut gewesen, schlugen den Mädchen im Bordell genüsslich auf ihre Hintern und gaben vor ihnen mit ihren Heldentaten an. Einer von ihnen, offensichtlich der Jüngste, prustete, er habe erst kürzlich alleine einen ganzen Trupp Banditen getötet. All das ließ Tuman kalt, doch als er damit anfing, von einer neuen Mission zu sprechen, wurde der Schmied hellhörig. Irgendwann sprachen die Kerle davon, „die Schicksen im Kloster“ zu holen, da stockte Tuman der Atem. War das bloß dummes Gerede? Er dachte an die kleine Nonne, die erst kürzlich bei ihm gewesen war. Obwohl Tuman auch Huren mit Respekt behandelte, empfand er es als Beleidigung, ein unschuldiges Mädchen so zu nennen. Im Gegenzug würde er eine Prostituierte allerdings auch niemals für ihren Beruf verurteilen. Er wusste, dass das Schicksal die Menschen oft in die verrücktesten Situationen warf und er respektierte jeden, der das seine mit Würde und Hingabe annahm. Sie wie Vanessa, die einst dazu gezwungen war aus Geldnot ihren Körper zu verkaufen, aber mittlerweile ein gutes Leben hatte.

Als der Jüngere der Fremden irgendwann zu Tuman herübersah, bemerkte dieser die Blicke des Schmieds.

„Hey! Muskelprotz! Interessiert dich unser Auftrag?“, grinste er. Sein Lachen zog sich tief in die mit einzelnen Bartstoppeln bedeckten Wangen. In diesem Moment drehten sich auf die anderen beiden Männer zu ihm. Vanessa schaute besorgt von der Schank herüber.

Der dickere der drei Kerle begann zu lachen: „Kannst gern bei uns einsteigen. Einen wie dich könnten wir sicher gebrauchen. Dagomir hat stets genug Goldmünzen für einen anständigen Krieger übrig.“

Bei diesem Satz wurde Tuman übel. Er konnte nicht anders und antwortete: „Ach ja? Und was ist für euren Anführer ein anständiger Krieger? Ein Feigling, der sich an kleinen Mädchen zu schaffen macht?“

Dies brachte die Stimmung zum Kippen. Die wenigen anderen Gäste in der Stube verstummten nun endgültig und die drei Männer erhoben sich von ihren Plätzen. Nach wenigen Schritten standen sie vor Tuman. Es stank nach Schweiß und Bier.

Wieder sprach der Dicke: „Jetzt hör mal gut zu, Freundchen. Du entschuldigst dich jetzt auf der Stelle und wenn du Glück hast, vergessen wir das, was du gerade gesagt hast. Oder wir hacken dir beide Arme ab und schleifen dich anschließend zu Dagomir, damit er dich eigenhändig töten kann.“

Wut sammelte sich in Tumans Magen. Am liebsten würde er aufspringen und ihnen allen die Faust ins Gesicht rammen. Er wusste, bei einem Faustkampf einer gegen einen, konnte ihm keiner von den dreien ansatzweise das Wasser reichen.

„Hört auf damit! Hier ist kein Ort zum Kämpfen!“, brach es von Vanessa hervor.

„Aaah. Die Hure hat auch etwas zu sagen. Dann verlegen wir das einfach vor die Tür, oder Männer?“, meinte der Jüngere.

Vanessa sah befehlend herüber zu Tuman, der immer noch völlig regungslos auf seinem Platz hockte, während ihn die Fremden flankierten. Er war sich immer noch sicher, dass er sie schnell genug erledigen konnte, bevor sie ihre Schwerter gezogen hatten. Doch im Blick seiner Freundin lag noch mehr. Erst jetzt verstand er, dass sich vielleicht nicht alle drei auf ihn stürzen würden. Was, wenn einer oder sogar zwei die Mädchen oder die anderen Gäste angreifen würden. Er allein konnte nicht verhindern, dass so jemand verletzt würde. Dabei hatte er sich geschworen, nie wieder zu erlauben, dass jemanden durch seine Schuld Leid zugefügt würde. Tuman seufzte. Ruhig nahm er einen tiefen Schluck von seinem Bier und blickte dann zu dem Fetten auf. Er begann, künstlich zu lallen, gerade so, dass klang, als wäre er leicht angetrunken.

„Es, t-tut mir leid meine Herren. Ich bin nur ein einfacher Schmied und ich war frustriert, dass ich nicht mehr genug Gold hatte, um mir für heute eine Hure zu holen. Und vom Bier schwirrt mir schon der Schädel. Was verstehe ich schon von euren Angelegenheiten. Und in eurem Trupp könnt ihr mich auch nicht gebrauchen. Ich hau mir ja schon mit meinem Hammer ständig auf die Finger!“

Die Männer begannen, laut loszuprusten. Einer musste sich sogar den Bau halten.

„Klarer Fall von viel Muskeln und kein Hirn dahinter!“, sagte der jüngere Krieger: „Für seine Dummheit kann er ja nichts!“

Um seine Vorstellung abzurunden, stand Tuman auf, nur um gleich wieder zu Boden zu stürzen. Das schallende Gelächter der drei wurde unterdessen immer lauter, Tränen quellen ihnen aus den Augen hervor. Die anderen Leute im Schankraum waren immer noch vollkommen still.

Der dicke Mann streckte dem Schmied die Hand entgegen: „Wir können dich leider wirklich nicht in unserem Trupp gebrauchen. So einen Trottel würde Dagomir sicher nicht mit einer Mission beauftragen.“

Tuman griff nach der Hand im schwarzen Lederhandschuh und wurde sogleich hochgezogen. Just in diesem Moment traf ihn ein harter Schlag an der linken Schläfe. Er wurde zu Boden geschmettert und hörte Vanessas Schrei.

„Überleg dir nächstes Mal genau, mit wem du dich anlegst!“, brüllte nun endlich der Mann, der bisher still geblieben war. Er hatte Tuman mit der Scheide seines Schwertes zu Boden gestreckt. Einige Tropfen Blut klebten noch daran. Der Schmied blieb liegen und blickte nur verstohlen nach oben.

„Du solltest nach Hause gehen, wenn du diese Nacht überleben willst, Schmied“, befahl er schlussendlich: „Männer, wir brechen auf. Es ist fast Sonnenuntergang. Wir haben genug erfahren.“

Ohne weiterer Worte verschwanden die Kerle aus dem Bordell. Tuman brummte der Schädel. Er hörte Vanessas Stimme, konnte aber ihre Worte nicht verstehen. Der Schmied hatte zehn Minuten gebraucht, um sich von dem Schlag zu erholen. Inzwischen hatte er es endlich in sein Haus geschafft. Schwaches Licht schien durch die Fenster seiner kleinen Stube. Tuman nahm einen Krug und trank einen Schluck Wasser daraus. Anschließend griff er nach der doppelseitigen Axt über dem Kamin. Ihr Griff war lang und perfekt für seine Hand geeignet. Das Axtblatt glänzte matt im schwachen Licht. Er nahm sie nun in beide Hände und stürmte auf den inzwischen leeren Platz neben der Kirche. Vom Klostergebäude her hörte er die Schreie einiger Frauen.

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„S-Sie waren tot. Alle waren sie tot. Einfach abgeschlachtet“, murmelte Catlin in sich hinein. Sie kauerte hinter einem Bücherregal im ersten Stock des Kirchennebengebäudes. Ihr gesamter Körper zitterte. Nur Minuten zuvor hatten die fremden Männer alle Frauen hinaus ins Freie gezerrt und ihnen Fragen ins Gesicht geschrien. Catlin hatte das Ganze vom Fenster aus beobachtet und gesehen, wie Schwester Gishild und Schwester Berta von einem Mann mit schwarzen Haaren erbarmungslos abgestochen wurden. Schwester Maria kauerte fassungslos daneben. Auch Bajenka hatten die in schwarz und grün gekleideten Krieger gefasst. Sie wurden jedoch zusammen mit den Männern in die Essstube gesperrt.

„Verrate uns, wo die Letzte von euch steckt, oder ich köpfe dich auf der Stelle!“, schrie der unrasierte Kerl über den Platz. Wieder zuckte Catlin in ihrem Verstecken zusammen.

„Er meint mich. Sie wollen auch mich töten?! Aber warum?!“, hallte es in ihren Gedanken. Als sie Minuten zuvor am Fenster stand und das Eindringen der Fremden sah, hätte sie nicht gedacht, dass kurz darauf die meisten ihrer engsten Freundinnen einfach tot wären. Kurz hatte sie darüber nachgedacht, einfach nach draußen zu laufen und sich zu stellen. Aber würde das die anderen retten? Nachdem sie die Unbarmherzigkeit der Männer gesehen hatte, würde sie nicht darauf hoffen. Zudem wäre sie ohnehin nicht in der Lage gewesen, sich zu rühren. Ihr gesamter Körper schien wie gelähmt und es schien ihr, als wäre der Abstellraum von Eis ausgekleidet. Aber es war ohnehin egal. Längst durchsuchten die Männer die einzelnen Räume und bald schon würde ihr Versteck auffliegen. Was konnte sie auch tun? Sie war klein und leicht, hatte noch nie jemandem Leid zugefügt und diese Krieger schienen wie Bestien.

Nein. Sie konnte jetzt nicht so einfach aufgeben. Das durfte nicht ihr Tod sein. Sie würde es den Fremden heimzahlen. Irgendwie. „Die Stadtwache!“, kam es ihr plötzlich. Sie müsste nur die Stadtwache alarmieren. Die Männer in ihren stählernen Rüstungen würden leichtes Spiel mit den Fremden haben, hätten sie sie erst einmal eingekesselt. Und vielleicht konnte sie sogar noch den Tod ihrer anderen Schwestern verhindern. Mit aller Kraft erhob sich das Mädchen und schnappte erst einmal nach Luft. Schnell stellte sie sich ans Fenster, um die Lage zu überprüfen. Von unten würde man sie nicht erkennen. Es war mittlerweile Nacht geworden und die fremden Krieger hatten am Kirchplatz einige Fackeln entzündet. Im Zimmer, in dem Catlin sich versteckt hielt, war es jedoch dunkel. So konnte sie nach draußen spähen, ohne entdeckt zu werden. Immer noch stand Schwester Maria mit vier anderen Schwestern vor den Fremden. Diese waren jedoch weniger geworden. Bei ihrer Ankunft waren es etwa zehn Mann. Jetzt standen dort lediglich drei Kerle. Der Mann mit den kurzen schwarzen Haaren war wohl ihr Anführer.

„Du kannst das, Catlin“, sprach sie sich selbst zu. Sie würde still und heimlich den Seitenausgang nehmen und zur Stadtwache laufen. Dann würde ein ganzer Trupp an bestens ausgerüsteter Krieger hier einfallen und die Fremden erledigen. Ja, genau das würde sie tun. Doch just in dem Moment, in welchem sich die Nonne umdrehte, durchfuhr ein eiskalter Schnitt ihren gesamten Leib. Ihr Herz setzte aus, als sie die finstere Gestalt mit dem grünen Umhang erblickte.

„Da bist du ja, kleine Hure!“, grunzte der Mann ihr entgegen. Als er in den kleinen Raum trat, erkannte sie sein Gesicht im schwachen Licht der Fackeln, das von draußen her kam. Ein junges Gesicht, mit wenigen Bartstoppeln und langen Haaren. Es war jener Mann, der kurz zuvor die hilflose Gudrun geköpft hatte.

Catlin wich einen Schritt zurück. Der Fremde hatte sein Schwert gezogen und schritt langsam auf sie zu. Die Schwester blickte sich hastig herum. Es gab kein Entkommen. Der Mann stand vor dem einzigen Ausgang, den es hier gab. Sie stürzte herum und lief zur anderen Seite des Raums. Gerade noch rechtzeitig wich sie einem langen Schwerthieb aus. Sie spürte, wie der scharfe Stahl ihre Robe zerschnitt. Sie hörte den Kerl fluchen, als er zu einem weiteren Hieb ansetzte. Mit aller Kraft packte Catlin ein kleines Regal und warf es zu Boden. Darin befanden sich lediglich ein paar Kisten für Lebensmittel und einige Flaschen Wein. Krachend fiel das Regal zu Boden und der Krieger wich links davon zurück. Er konnte dem Regal ausweichen, doch sein Fuß fand keinen Halt am Boden. Stattdessen trat er mit seiner Linken auf eine Flasche, die den Sturz überlebt hatte.

Fluchend klappte er vorne über und fiel geradewegs in den mit Scherben und Wein gepflasterten Boden. Mit aller Wucht knallte sein Schädel dabei gegen die Kante des Regals. Catlin beobachtete das Spektakel regungslos, als sie sich gegen die Wand presste. Einige Augenblicke lag der Mann völlig regungslos vor ihr und sie dachte schon, er wäre tot gewesen. Doch dann richtete er sich zitternd auf. Seine rechte Hand stützte er dabei auf den Knauf des Schwertes, welches er wie einen Gehstock hielt. Mit der Linken tastete er über seine Wunde. Ein Gemisch aus Blut und Wein floss in feinen Rinnsalen über sein Gesicht.

„Elende Dreckshure“, murmelte er und wollte sich gerade vollends aufrichten, als ihn etwas Hartes an der Schläfe traf. Catlin hatte ihm ein Stück Holz ins Gesicht geschmettert. Der Balken wog schwer in ihrer zitternden Hand. Er musste sich aus dem Regal gelöst haben, als sie es zu Boden geworfen hatte.

Der Krieger Catlin ihr fiel erneut zu Boden. Diesmal blieb er jedoch nicht sofort regungslos liegen. Er wand sich und sein Körper krümmte sich vor Schmerzen. Doch sie wusste, der Kerl würde bald wieder aufstehen. Als der Mann blutend vor ihr lag, musste sie an ihre Schwestern denken, die unnötig gestorben waren. Ja sie wusste noch nicht einmal, weshalb sie hatten sterben müssen.

„Warum?“, brüllte sie jetzt: „Warum in Gottes Namen habt ihr das getan?!“

Gerade, als der Krieger sich auf beide Hände stützte, schmetterte sie ihm das Stück Holz mit all ihrer Kraft auf den Hinterkopf. Catlin legte die gesamte Kraft ihres kleinen Körpers in das Brett und schlug wieder und wieder auf ihn ein. Heiße Tränen flossen über ihre Wangen, als der Fremde endlich leblos vor ihr liegen blieb. Ihr Herz pochte nun mit der dreifachen Geschwindigkeit und ihr war, als würde es jederzeit aus ihrer Brust springen. Ein leises Wimmern gefolgt von einem Schrei erfüllte den Raum. Dann glitt das Holz aus ihrer Hand und für einige Sekunden stand sie vollkommen still da.

Als sie endlich wieder Luft bekam und ihr Herzschlag sich etwas normalisiert hatte, blickte sie auf das leblose Stück Fleisch vor ihr. Ihr wurde schlecht. Schnell stürzte die Nonne nach draußen auf den Flur und sank auf die Knie. Ihr Magen zog sich erst zusammen und drehte sich danach über. Catlin übergab sich auf den Steinboden und ihr wurde wieder eiskalt.

Völlig durchgeschwitzt konnte sie sich erst eine halbe Minute später wieder erheben. Da hörte sie bereits Schreie von unten kommen. Ohne Frage war ihr Kampf mit dem Mann von den anderen gehört worden. Sie musste hier weg. Mit wackeligen, aber schnellen Schritten bahnte Catlin sich ihren Weg in die entgegengesetzte Richtung. Dort gab es eine zweite Treppe ins Erdgeschoss, die etwas versteckt hinter einem Kamin lag. Die Nonne tastete sich in den dunklen Gängen nach unten und erreichte schließlich eine kleine Stube. Von dort aus trat sie in einen Flur, an den auch die Haupttreppe grenzte. Sie hörte den Krawall der Männer, der von oben her drang und lief nach draußen. Auch wenn sie dort direkt auf den Kirchplatz kommen würde, aber einen anderen Weg gab es nicht.

Als sie nach draußen ins Mondlicht trat, wurde ihr auch noch die letzte Hoffnung genommen. Zwar schien der Anführer der Truppe verschwunden zu sein, und vor der Kirche erblickte sie auch keinen der anderen Fremden, doch lagen vor ihr nun auch die Leichen der anderen Schwestern. Mit langsamen Schritten ging sie auf den Haufen an leblosen Körpern zu. Maria, Gishild und all die anderen. Alle abgeschlachtet wie Vieh. Sie lagen in einer Lache aus Blut und Catlin spürte, wie sich ihr erneut der Magen krümmte. Übergeben konnte sie sich allerdings nicht. In diesem Moment waren ihr Lebenswille und ihr Plan zur Flucht erloschen. Wie erstarrt stand sie vor den Leichen ihrer Freundinnen. Als sie die Männer hörte, die hinter ihr wieder aus dem Gebäude traten, tat sie nichts. Die Flüche der Kerle und ihre triumphalen Rufe prallten einfach an ihr ab. Das war es also. Das Ende.

Doch es kam nicht. Keine Hand dies sie packte. Kein Schwert, das ihren Leib durchstoßen sollte. Nichts. Als Catlin sich umdrehte, sah sie, wie drei Männer ihr den Rücken zudrehten. Einer von ihnen fiel wie ein Sack Mehl zu Boden. Irgendetwas hatte ihm den Kopf von hinten gespalten. Seine Kumpanen schrien und zogen ihre Schwerter. Erst jetzt bemerkte die Nonne eine weitere Gestalt weiter hinten. Sie war etwas größer als die Fremden und trug ein einfaches Leinenhemd. In ihrer Rechten trug sie eine doppelseitige Axt, dessen Blatt im Mondschein glänzte.

„Ihr seid doch nicht mehr, als ein Haufen Scheiße. Solche miesen Feiglinge!“, fluchte Tuman.  Immer wieder wich er knapp den Hieben der Schwerter aus. Abwechselnd griffen die Männer in den grünen Kutten den Schmied an. Dabei trafen sie ihn ein, zwei Mal leicht am Bein, doch er schien den Schmerz nicht zu spüren. Catlin faltete die Hände und begann zu beten. Sollte das ihre Rettung sein?

Tuman wich erneut zurück. Die feindliche Klinge schnitt ein paar Härchen seines Kinnbartes ab und er holte weit aus. Einen weiteren Schlag seines Gegners parierte er dadurch, indem er mit der linken das Schwert zur Seite schlug, während deine Axt ohne Widerstand in den Körper seines Feindes drang. Scheinbar mühelos durchdrang das mächtige Axtblatt das Lederwams und das Blut floss über Tumans Hände hinab zum Boden. Gerade noch rechtzeitig konnte der Schmied sich vor dem Angriff des verbleibenden Mannes zurückziehen. Er nahm den langen Stiel seiner Waffe in beide Hände und stürmte auf den Kuttenträger zu. Auch dieser holte zu einem weiten Angriff aus. Tuman warf die Axt nach oben und ließ sie auf den Fremden niederfahren. Das Stahlschwert zerbrach unter der Last der Axt. Tuman versenkte seine Waffe tief im Fleisch seines Gegners zwischen Hals und Schulter. Der Stahl drang Handbreit in den Körper des Mannes ein und die Splitter des Schwertes fielen klirrend auf den blutigen Stein des Kirchplatzes. Als er die Axt herauszog, spritzte ein Schwall Blut auf den Schmied und färbte seine Kleider tiefrot.

Als Catlin aufblickte und den blutbefleckten Schmied sah, erfüllte sie erneut eine Angst, wie sie sie nicht gekannt hatte. Sie wusste, dass er ihre Rettung war. Und doch erweckte seine animalische Wildheit in ihr ein Beben, das sie nicht zuordnen konnte. Eine Furcht, die anders war, als vor der eiskalten Brutalität der Fremden.

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Tuman hatte daraufhin die Tür zum Speisesaal aufgebrochen und die Gefangenen befreit. Unter ihnen befanden sich neben zahlreichen Klosterbrüdern auch Pater Michael und Bajenka mit ihren beiden Söhnen. Allesamt waren sie unverletzt. Die Fremden mussten einen genauen Plan haben, wen sie angriffen und wen sie verschonten, es handelte sich also nicht um einen simplen Überfall.

Catlin hatte Bajenka lange in ihre zitternden Arme geschlossen und der Schmied hatte sich kurz mit dem Pater beraten. Offenbar hatte er gehört, wie die Fremden ihre Pläne besprochen hatten. Laut Michael hatten die Krieger es lediglich auf ledige Frauen im Heiratsalter abgesehen. Offenbar zählten sie dazu auch die Huren der Stadt.

„Wir sind gleich da!“, flüsterte Tuman nach hinten. In der rechten Hand lag seine schwere Axt, während die linke das zarte Handgelenk der Nonne umklammerte. Er zog sie hinter sich her, um sie in den finsteren Gassen nicht zu verlieren. Er war der Einzige in dieser Stadt, der sie jetzt beschützen konnte. Wo zur Hölle waren nur die ganzen Stadtwachen geblieben?

Als die beiden immer weiter nach Norden kamen, vernahmen sie irgendwann den Geruch von verbranntem Holz. Tuman und Catlin traten aus der schmalen Seitengasse und erblickten ein Gebäude, das lichterloh in Flammen stand. Dem Schmied stockte der Atem. Noch vor einer Stunde hatte er in der Stube nur genüsslich ein Bier trinken wollen.

„Verfluchte Scheiße“, drang es aus ihm hervor: „Vanessa!“

Er ließ Catlins Hand los und rannte dem Feuer entgegen. Mit jedem Schritt spürte er die Hitze mehr und mehr. Die orangen Flammen züngelten hoch in die finstere Nacht und dicke Rauchschwaden verloren sich in den sternenlosen Himmel. Er stand nun vor einer großen Holztür, die in den Schankraum führte. Seine Finger zischten, als er an den metallenen Griff fasste. Er fluchte, doch es half nichts. Er musste da hinein. Mit einigen Schritten Anlauf sprang er der Tür entgegen und rammte seine Schulter gegen das glimmende Holz. Von hinten hörte er Catlins Stimme etwas rufen, doch er konnte ihr keine Worte zuordnen. Seine gesamte Konzentration lag jetzt darauf, seine Freundin zu retten. Denn er würde es nicht zulassen, dass dies hier genauso endete wie der Albtraum, den er jede Nacht hatte.

Im Inneren angekommen, musste der Schmied stark husten. Alles war von Rauch durchzogen und die Hitze war unerträglich. Hastig blickte er umher. Am Boden lagen zerbrochene Gläser und Flaschen, hinter der Schank erkannte er eines der anderen Mädchen. Sie war tot. Ein sauberer Schnitt hatte ihr die Kehle zerteilt. Auf einem der Tische lag einer der Männer mit dem grünen Umhang. Auch er lebte nicht mehr. Am Boden daneben jedoch, sah er die nackten Füße einer Frau. Sie lag halb unter dem Tisch und Blut strömte über ihren linken Oberarm. Ihre Haare leuchteten wie Feuer.

„Vanessa!“, schrie er und bereute es sogleich, denn der Rauch zog sich in seine Lungen. Sie rührte sich nicht. Schnell hastete er zu ihr hinüber. Er wollte sich hinab beuge, als er ein heiseres Keuchen zu seiner Linken vernahm.

„Verfluuuchte Nutten“, keuchte der Mann am Tisch. Seine Hand umklammerte Tumans Arm. Der Schmied blickte erst den Kerl an und dann nach unten. An Vanessas Oberarm sah er eine tiefe Fleischwunde. Hass durchzog seinen Körper und mit einem kräftigen Hieb zerteilte seine Axt den Schädel des Fremden. Als er das Blut danach am grünen Umhang abgewischt hatte, steckte er seine Axt in seinen Gürtel. Behutsam schob er beide Arme unter Vanessas Körper und hob sie hoch. Sie war vollkommen nackt. Ihre zarte Haut war von Ruß bedeckt und Blut troff von ihren Fingerspitzen. Ein blutiger Dolch glitt ihr aus der Hand.

Über ihm knackte es heftig. Ein Balken fiel nur wenige Schritt neben ihm zu Boden. Sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb. Der Weg durch die Tür, war inzwischen von Flammen versperrt, doch der Hinterausgang lag unter einem Holzbalken begraben. Tuman unterdrückte den Reflex, tief Luft zu holen, und sprintete darauf los. Mit einem Satz sprang er durch die Flammen und endlich spürte er die Kühle der Nachtluft. Catlin rannte ihm entgegen und legte ebenfalls die Arme unter Vanessas nackten Körper.

„Komm, wir legen sie da hinten ins Gras!“, befahl er. Die beiden trugen die Rothaarige in die Seitengasse, aus der sie gekommen war. Nur wenige Schritt hinein, gab es eine kleine Fläche Rasen. Behutsam bettete er seine Freundin auf das kühle Grün. Immer noch pochte sein Herz ihm bis zum Hals. Doch er hatte sich etwas beruhigt, nachdem er Vanessas Puls gefühlt hatte. Noch während er seine Hände auf ihr kaltes Gesicht legte, zog Catlin ihre Kutte aus. Nur in Unterkleid und Strümpfen, legte die Nonne ihr Kleid als Decke auf Vanessa.

Es vergingen nur wenige Minuten, als ein angestrengtes Husten die Nacht durchschnitt.

„T-Tuman?“

„Vanessa! Himmel sei dank, du lebst!“

Die Prostituierte setzte sich hoch und bemerkte, wie ihr der Stoff von den Brüsten rutschte. Erst jetzt sah sie die Schwester neben sich stehen.

„Ihr. Ihr habt mich gerettet?“

„Was ist passiert“, fragte Tuman, als er sie an den Schultern packte.

„Die Männer mit den grünen Umhängen. Sie. Sie kamen wieder. Ich hatte gerade einen Kunden und war oben, als ich Schreie hörte. Als ich nach unten kam, stand bereits alles in Flammen.“

Tränen schossen ihr in die Augen und sie begann zu zittern. Catlin legte ihr eine Hand um die Schultern und zog den Stoff hoch. Vanessa fuhr fort.

„Sie hatten sie alle getötet. Einer von ihnen schlitzte Mirja gerade den Hals auf. Da packte ich ein Messer und griff ihn an. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Erst, als ich hier im Gras wieder aufgewacht bin. T-Tuman. Wer sind diese Kerle? Was haben sie vor?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das weiß ich nicht genau, aber sie haben es auf junge Frauen in der Stadt abgesehen und töten alle, die sie finden können. Wir müssen verschwinden.“

„Aber wohin, fragte Catlin plötzlich“

„Erst mal raus aus Holstheim. Wir gehen nach Norden in den Wald. Dahinter gibt es einen Berg. Dort werden wir uns verstecken, bis sich die Lage gelegt hat. Ich würde gerne noch Proviant und Ausrüstung holen, aber wir sollten weg, solange sie uns nicht entdeckt haben. Die Nacht wird und Schutz geben.“

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Die Story geht nun also endlich richtig los und bald schon wird sich offenbaren, was es mit den Geheimnissen auf sich hat. Bitte um Reviews zur bisherigen Geschichte und zum Schreibstil. Vielen lieben Dank schon mal! <3
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