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Der Stylit

von IrishTea
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
21.08.2021
21.08.2021
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Der Stylit

Kalt und brüchig. So fühlte sich Silas‘ Herz plötzlich an. Wie Blitzeis rann es ihm über die Haut und in die Magengrube. Als sei er dadurch festgefroren, stand er bewegungslos vor der offenen Tür der Bäckerei Gundel, den Geldbeutel bereits in der Hand und starrte mit offenem Mund nach links in Richtung der Mensa, wo sich die Studenten lautstark um die Drehtür drängten. Zum Glück bemerkte es niemand, nur die zwei Kundinnen, die den Laden verlassen wollten; zwei stark geschminkte junge Frauen mit dickem schwarzgefärbtem Haar und bauchfreien Tops drängten sich mit neugierigen Blicken an ihm vorbei. Auch sonst hätte Silas sie höchstens eines herablassenden Lächelns gewürdigt. Doch in diesem Moment sah und bemerkte Silas nur eines.

Noch vor wenigen Tagen hatte Silas sich mit seiner Schwester und zwei gemeinsamen Freunden aus Kindertagen getroffen, Lennie (eigentlich Leonard) und Gretchen, deren Eltern amerikanischer Abstammung waren und in Deutschland an der Universität Regensburg Lehraufträge innehatten. Mittlerweile war Lennie in die Fußstapfen seiner Mutter getreten und unterrichtete kulturelle Anthropologie in Norddeutschland, während Gretchen bewegte Zwanziger auf abenteuerlichen Reisen in Australien, Neuseeland und Kanada verbrachte, und zwar mit monatlich wechselnden männlichen Begleitern, bis sie sich überstürzt an einen schwerkatholischen Deutschen kettete, selbst konvertierte, drei Kinder bekam und überraschend ihr Psychologiestudium nachholte. Erst letztes Jahr hatte sie ihre eigene Praxis eröffnet, wenige Tage nach dem fünften Geburtstag ihrer jüngsten Tochter Chiara. Vierunddreißig war sie jetzt, zwei Jahre jünger als Silas, doch seit dieser sie kurz nach der Geburt von Chiara, einem hastigen Notkaiserschnitt, getroffen hatte – blass, aufgequollen, tiefe Falten zwischen den Brauen und um den Mund – wirkte sie auf ihn immer alt, egal wie wenig man ihr die damalige gesundheitliche Krise noch ansah.

Mila, Silas‘ Schwester, die das Treffen wie immer eingefädelt hatte, sagte später, auf dem Nachhauseweg zu Silas: „Gut sieht Gretchen aus! Richtig glücklich. Und hast du gesehen, wie gut diese Seidenbluse auf den neuen Ring abgestimmt war? Saphirblau, wie ihre Augen. Das ist schwierig, zu diesem schönen Blau einen passenden Stein zu finden.“ Silas wusste nichts darauf zu erwidern, und unwillkürlich wanderten seine Gedanken zurück an Gretchen im Wochenbett, und die tiefen Schatten unter ihren blauen Augen. „Ich muss sagen, Thomas überrascht mich wirklich. Nach jedem Kind schenkt er ihr so einen schönen Ring. Hätte nie gedacht, dass Gretchen so lange bei einem Mann bleibt, und dann auch noch bei so einem. Weißt du, ich habe immer befürchtet, Männer wie der, die sind doch verklemmt und lassen die Frauen Kinder kriegen und schuften.“ Wieder sagte Silas nichts und stellte stattdessen die Heizung im Auto höher. Kalt war es, um diese Jahreszeit. Er spürte, wie seine Schwester ihm einen vielsagenden Blick zuwarf. Sie hatte dunkelbraune Augen, wie der Vater, und hatte auch dessen dunkle Locken geerbt. Eine beeindruckende Kombination mit ihrer blassen Haut, die sie hervorhob, indem sie ihre Lippen dunkelrot schminkte.

„Was Verliebtsein nicht alles mit Männern machen kann, nicht wahr, Silas?“„Nach sieben Jahren Ehe kann man doch wohl kaum noch von Verliebtsein reden.“ antwortete Silas wie geistesabwesend. Mila lächelte bloß wissend.

„Du lässt dich ja nie blicken, wenn Thomas da ist. Wie er sie anbetet! – das geht tiefer als Verliebtsein, das ist wahre Liebe.“ Jetzt seufzte sie sehnsuchtsvoll. „Ich kenne das, das weißt du ja. Ein verliebter Mann, es gibt wirklich beinahe nichts Verführerisches für eine Frau. Oder etwas Gefährlicheres. Ich glaube ja, ein Junge wird erst dann zum Mann, wenn er sich einmal verliebt hat.“

Silas spürte verärgert, wie sie wieder ihren Blick auf ihm ruhen ließ.

„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“ sagte er kühl. „Oder soll ich dir eine Liste von den Frauen machen, die ich schon nach Hause gebracht habe, als wir noch im gleichen Haus gelebt haben? Das hat wohl kaum aufgehört, seit ich ausgezogen bin.“ Er umklammerte das Lenkrad etwas fester.

„Außerdem muss ich mich wohl kaum vor dir rechtfertigen. Was interessiert dich das überhaupt?“ fügte er mit ruhigerer Stimme hinzu. Mila zuckte mit den Achseln. Als Silas kurz einen Blick hinüberwarf, schaute sie ausdruckslos aus dem Fenster, ihr Gesicht steif wie eine Maske.

Schon früher hatte Mila auf ähnliche Weise nachgebohrt. Sogar als junges Mädchen hatte sie ihn so erwartungsvoll angeschaut und gefragt: „Und? Bist du schon verliebt?“ Für Mila war das Verlieben so natürlich und selbstverständlich wie für andere das Lesen und Schreiben, es war ihr wie eine zweite Haut. Mit zehn Jahren hatte sie allen Jungen in der Nachbarschaft den Kopf verdreht, und kam mit ihrem Charme sogar bei Erwachsenen mit jeder Menge Streiche durch. Silas hatte das alles nie wirklich begreifen können. Er fand es albern, wie die Jungs vor der Tür herumhingen und warteten, bis Mila vom Gesangsunterricht nach Hause kam, wie sie sich eifersüchtig um sie prügelten oder sich Gel in die Haare oder Zigaretten in den Mund steckten, um sie zu beeindrucken.

Es stimmte, was Silas sagte. Mädchen hatte er genug mit nach Hause gebracht. Und gar nicht mal so üble. Da war Sandra, die extrovertierte Volleyballkapitänin der Schulmannschaft, um die ihn alle beneidet hatten. Dann Jacqueline, eine wunderschöne französische Austauschschülerin, leider etwas prüde. Später Julia, die war damals schon im dritten Semester an der Uni, als Silas sich gerade aufs Abitur vorbereitete. Erfolgreiche Eroberungen waren das alle gewesen, Neid und Bewunderung hatte es ihm eingebracht. So richtig wunderte das aber niemanden: Silas war groß, dunkelhaarig wie sein Vater, hatte aber die grauen Augen und die scharfen, eleganten Gesichtszüge seiner Mutter geerbt. Außerdem war er intelligent, sodass ihm auch später im Studium eigentlich alle Optionen offenstanden.

Mittlerweile waren seine dunklen Haare an den Schläfen ergraut. Die Jahre im Bürostuhl hatten seine Schultern nach vorne geneigt und seine Gliedmaßen ausgezehrt, sodass sein Kopf im Vergleich zu seinem Körper vergrößert wirkte. Seine Stimme hatte selbst abseits von der Arbeit einen neutralen, apathischen Tonfall angenommen; so, wie er den Firmenvertretern, die er in rechtlichen Fragen beriet, sachlich ihre Optionen darlegte, bestellte er Kaffee, unterhielt er sich mit den Nachbarn, telefonierte er mit der verwitweten Mutter. Dabei war er nicht humorlos, doch selbst seine persönlicheren Gespräche und meist trockenen Scherze klangen mittelbar, wie aus weiter Ferne übertragen. Silas hatte viele Interessen, aber keine Leidenschaften. Er war politisch: wählte, las Zeitung, aber stets mit einem zynischen Lächeln um die Mundwinkel. Ihn interessierte Kunst: Gelegentlich besuchte er Museen, Konzerte und Ausstellungen, doch in seiner Wohnung hing kein einziges Bild, außer einem nichtssagenden Designdruck vom Vormieter in Himmelblau. Es erinnerte Silas an einen Traum, der er schon als kleiner Junge gehabt hatte. Darin stand er auf einer Säule, hoch in den Wolken, wie ein Stylit, der die Menschen beobachtete, weit unten, klein und kopflos geschäftig wie Ameisen; verständnislos lächelnd blickte Silas auf sie herab und pflückte manchmal, wenn er wollte, eine der kleinen Ameisen aus der Menge auf und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger am Genick empor, während der kleine Mensch panisch mit Armen und Beinen ruderte. Das war sein Leitmotiv; das kalte Himmelblau, das Grau der Zementsäule und das kleine, warme, pulsierende Leben, das sich zwischen seinen zwischen seinen Fingerspitzen wand.

Silas hielt an der Bordsteinkante der St. Anna-Gasse. Mila löste den Gurt und sammelte den samtigen Stoff ihres Wollmantels in ihren Händen, um auszusteigen. Sie schien seinen Blick zunächst zu meiden, doch bevor sie die Autotür zuschlug, hielt sie inne. Silas schaute fragend zurück.

„Du weißt es doch, oder?“ fragte Mila. Ihre Stimme war seltsam.

„Was weiß ich?“ fragte Silas irritiert zurück.

„Gretchen. Schon als kleines Mädchen war sie unsterblich in dich verknallt. Alle ihre Eskapaden waren deinetwegen. Weil du damals zu ihr gesagt hast, sie sei langweilig.“

Silas wartete. Gewöhnlich füllte Mila jede Stille, doch nicht heute. Für einen Moment füllten sich ihre Augen mit Tränen, ihr Gesicht verzog sich in eine Fratze aus Trauer und Wut, und sie knallte die Autotür laut zu. Ohne sich noch einmal umzudrehen, marschierte sie auf ihren hohen Absätzen ins Hotel. Silas fuhr nach Hause, wusch sich und ging zu Bett. Doch ihn plagten ganz untypische Kopfschmerzen, die ihn vom Schlafen abhielten. Seine Gedanken wanderten stattdessen zum Gespräch mit Mila. Hatte er damals wirklich zu Gretchen gesagt, sie sei langweilig? Er wusste es nicht mehr. Eine Lüge wäre es wohl kaum gewesen. In seinen Erinnerungen war Gretchen nichts als eine mehr oder weniger angenehme Nebenmelodie, ein steter Schatten seines besten Freundes Lennie oder seiner eigenen Schwester. Still, blass, uninteressant, ganz anders als Mila, die sie immer in irgendein Abenteuer stürzte, oder Lennie, der zwar die gleiche ruhige Natur wie Gretchen hatte, aber eben auch ein Junge war: Man konnte mit ihm still durch den Wald streifen, Fußball und Videoshooter spielen und über Lehrer herziehen. Irgendwann schlief Silas ein, doch in der Nacht träumte er von Lennies vierundzwanzigstem Geburtstag; Gretchen war extra dafür aus Australien zurückgekehrt, ihre Haare weißblond und ihre Haut goldgebrannt von der Sonne, in einem kurzen weißen Minirock und einem türkisfarbenem Top; weil unter den Trägern keine blassen Stellen zurückblieben, wusste Silas, dass sie sich nackt sonnte, vielleicht nackt schwamm, irgendwo an der australischen Küste, zwischen Korallen. Ihre Oberschenkel waren unrasiert, die kurzen Härchen lagen fast unsichtbar wie der Flaum eines Pfirsichs über ihrer Haut. Sie sah ihn mit ihren blauen Augen an und lächelte, unschuldig und verführerisch. Silas streckte die Hand aus und berührte ihr Knie. Die Wärme ihrer Haut elektrisierte ihn. Plötzlich hörte er Mila schreien, eine Hand packte ihn und drückte ihn fest an die Wand. Er dachte, dass es Lennie sei, der ihn würgte, doch dessen Gesicht verwandelte sich erst in Milas, dann in Gretchens, dann in sein eigenes; hasserfüllt stierten seine eigenen grauen Augen ihn an, während er nach Luft schnappte. Nach Atem ringend wachte er auf. Nachdem er sich beruhigt hatte, war er ärgerlich. Was konnte er dafür, dass Gretchen sich so in eine Obsession für ihn hineinsteigerte? Sicher hatte er sich dafür nichts zuschulden kommen lassen. Er nahm ein Aspirin und entschloss sich, die ganze Sache zu vergessen.

Silas schaffte es auch, seinen Entschluss durchzuhalten. Bis er an jenem Mittwochmorgen vor der Bäckerei innehielt; irgendwas brachte ihn dazu, nach links zu schauen, einer der anfahrenden Busse vielleicht, der unachtsame Studenten anhupte. Dort saßen Gäste der Bäckerei auf Stühlen, die man unter den Kastanien, die bereits ihre stachligen Früchte abwarfen, aufgestellt hatte, und dort saß auch sie.

Er kannte sie. Hatte sie schon hundertmal gesehen, im Vorbeigehen, ohne sie zu bemerken. Wie hatte das geschehen können? Um ihn herum verschwammen Bilder, Farben und Geräusche zu einem Kaleidoskop, die sich um ihr Gesicht brachen. Es war die Art, wie sie ihren Nacken über eine Tasse geneigt hatte, um den Artikel, den sie las, besser erkennen zu können. Eine honigfarbene Haarsträhne hatte sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst, und bildete einen Kringel an ihrem Hals. Ein junger Baum, der sich an Erdbrocken und Felsen klammert; so ragten ihre schmalen Schultern und zarten Arme aus dem schweren braunen Pullover. Ihre Lippen waren matt und beerenfarben, aber ihre hellen Wimpern ungeschminkt, ihre Haut fast die gleiche Farbe wie ihre Haaren, karamellbraun. Wieder schien es Silas, als müsse er nach Luft schnappen, als würge ihn eine unsichtbare Kraft. Plötzlich, als habe das Mädchen seinen Blick gespürt, wandte sie ihren Kopf zu ihm und schaute ihn direkt an mit hellen, klaren, blauen Augen, für einen Moment erschrocken, dann wurde sie rot und schaute wieder auf ihre Zeitung. Aber es war keine Geste der Verlegenheit oder der Freude. Es war eine Geste des Mitleids.

Kalt und brüchig. So fühlte sich Silas‘ Herz plötzlich an. Wie Blitzeis rann es ihm über die Haut und in die Magengrube. Eben noch glaubte er sich fallend, den Himmel an sich vorbeirasend spürend – hier war der Aufschlag. Seine Knie zitterten, nun waren auch die Kopfschmerzen wieder da. Er drehte sich um und ging. Doch etwas war anders. Es hatte mit den Frauen zu tun, die er vorbeigehen sah, sie alle schienen seinen Blick auf die gleiche Weise zu meiden, peinlich berührt, mitleidig – der Bann war gebrochen, seine Säule zerschmettert, er seiner Größe beraubt, etwas war aus ihm hervorgebrochen, das sie alle sehen konnten, denn der Himmel war zu einem Meer aus blauen Augen geworden, die ihn durchbohrten und ihn aus sich hervorquellen ließen, dazwischen ragten Kirchtürme auf. Lass‘ mich, betete er, als er auf einer Parkbank zusammensank, lass‘ mich ihre Schönheit trotzdem noch einmal sehen.
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