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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
19.05.2022
40
167.616
102
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
16.09.2021 3.653
 
Kapitel 7: Ein Hauch von Freiheit

Der Vorfall in der Bibliothek ließ Hermine nicht so schnell los: Nachts träumte sie von schwarzen Augen, die sie beobachteten und ihre Gedanken lesen konnten. In ihren blutigen Albträumen verlor sie mehr als nur ihre Hand. Tagsüber bewegte sie sich lautlos und nahezu unsichtbar durch das Anwesen. Ängstlich blickte sie um jede Ecke, nur um Snape nicht über den Weg zu laufen.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Hetfield House war Hermine froh, in der Küche arbeiten zu müssen. Dort ließ Snape sich nämlich niemals blicken.
Sie murrte nicht einmal, als Elsie und sie ein paar Tage später die unterirdische Küche des Anwesens putzen mussten. Nein, nicht nur putzen:
„Wenn ich zurückkomme, dann will ich mich in den Fliesen und dem Fußboden spiegeln können. Wenn ich auch nur einen Krümel oder ein Staubkörnchen finde, dann Gnade euch Merlin!“, drohte Mrs Cole, während sie in ihren schlichten grauen Umhang schlüpfte. Sie überflog noch einmal die Liste mit Dingen, die sie in der Stadt besorgen musste. Bei Frauen und Männern in Mrs Coles Alter wusste jeder, dass sie lesen konnten, trotzdem war es nicht gerne gesehen. Der Besitz von Büchern war ohnehin allen nichtmagischen Menschen und Kreaturen verboten.
„Ja, Mrs Cole“, antworteten Hermine und Elsie stumpf. Sie hatten Schere-Stein-Papier gespielt und Hermine hatte verloren, deshalb musste sie den Boden schrubben. In der Zwischenzeit wischte Elsie den Staub von den Küchenschränken und polierte das Holz am anderen Ende der Küche.
Mit einem leisen Seufzen tauchte Hermine die Bürste ein weiteres Mal in den Eimer. Ihre Arme und ihr Rücken schmerzten bereits jetzt schon.
„Mrs Cole?... Nein, macht ruhig weiter, Mädchen“, sagte Mrs Snape, als Hermine und Elsie ihre Arbeit unterbrachen und sofort Haltung annahmen, um sie zu begrüßen.
Mrs Cole blickte von der Liste auf. „Ja, Herrin?“
„Hier habe ich noch ein paar Dinge notiert, die Sie mir bitte aus der Stadt mitbringen.“
Hermine beobachtete, wie Mrs Snape der Küchenchefin noch ein Blatt Pergament in die Hand drückte. Auch sie trug bereits einen Umhang. Selbstverständlich war ihrer smaragdgrün und mit einem feinen Pelz in der gleichen Farbe besetzt.
Mrs Cole nickte, nachdem sie die Wünsche gelesen hatte und steckte auch diese Liste ein. „Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?“
„Nein. Ich komme erst am Abend zurück und Meister Snape wird wahrscheinlich erst morgen wieder hier sein. Zum Glück begleitet ihn unser Gast. Ich denke, sie wollen sich die Parade in London ansehen.“
„Ich verstehe.“
Mrs Snape lächelte leicht, als sie sich anschickte, die Küche zu verlassen. Ihr Blick streifte dabei über die zwei schuftenden Mädchen und sie blieb abrupt stehen.
„Warum arbeitest du barfuß?“, wollte sie von Hermine wissen.
„Weil meine Schuhe ein Loch haben und sonst meine Strümpfe ganz nass werden“, antwortete sie. Es stimmte. In ihrer Sohle war ein sickelgroßes Loch.
Mrs Snape seufzte. „Warum sagst du das denn nicht, Kind? Mrs Cole wird dir neue Schuhe bringen.“
„Oh, danke!“ Hermine lächelte. Endlich keine nassen Socken mehr! Das waren erfreuliche Aussichten.
„Ähm, Herrin?“, fragte Elsie vorsichtig und kletterte von den Küchenschränken. „Ich hab da auch ’n kleines Problem…“ Sie hob ihre Schuhe vom Boden auf und zeigte Mrs Snape die Stellen, an denen sich die Sohle löste.  
„Du brauchst auch ein neues Paar, dringend! Und neue Strümpfe!“, fügte sie mit einem Blick auf Elsies Zehen hinzu, die sich ihren Weg durch den Stoff gebahnt hatten und frech hervorlugten.
Mrs Cole verdrehte die Augen. So viele zusätzliche Besorgungen schienen ihr gar nicht recht zu sein, was Mrs Snape nicht entgangen war.
„Wie wäre es, wenn Sie die Mädchen mitnehmen würden?“
„Was? Ähm, ich meine, wie bitte?“ Mrs Cole sah ihre Herrin verdattert an. „Diese beiden dummen Gänse? In die Stadt mitnehmen?“
„Ja, warum denn nicht? Sie könnten Ihnen bei den Besorgungen helfen und sich neue Schuhe kaufen.“
Hermine tauschte einen aufgeregten Blick mit Elsie. Sie versuchte, ihr Grinsen zu unterdrücken, aber die Aussicht, dieses Gefängnis für ein paar Stunden zu verlassen und endlich wieder andere Menschen zu sehen, ließ Hermines Herz höherschlagen.
Doch Mrs Cole schien von dieser Idee alles andere als begeistert zu sein. „Aber, Herrin! Es gibt sehr viel zu tun. Die Küche–“
„Ist ohnehin blitzblank. Außerdem können sie weitermachen, wenn sie wieder zurück sind.“ Die fassungslose Miene der Küchenchefin entlockte ihr ein leichtes Lächeln. Dann verließ sie die Küche.
Mrs Cole machte ein verdrießliches Gesicht. Sie blickte von Hermine zu Elsie, dann seufzte sie tief. „In zehn Minuten treffen wir uns vor dem Haus. Zieht eure Umhänge an. Beeilt euch oder ich gehe ohne euch.“

Kaum hatte sie die Küche verlassen, da hüpften und quietschten Hermine und Elsie vor Freude. Ein Ausflug in die Stadt – das war etwas Besonderes und das konnte ihnen nicht einmal die Anwesenheit von Mrs Cole verderben.

***


Um der strengen Küchenchefin keinen Grund zur Beschwerde zu geben, beeilten die Mädchen sich und standen bereits acht Minuten später vor dem Eingang.
„Euer Glück“, knurrte Mrs Cole und ging voraus. Hermine und Elsie folgten ihr, beide grinsten bis über beide Ohren.

Bis zur nächsten Ortschaft, in der es auch eine Bahnstation gab, war es nicht sehr weit. Hermine genoss die Strahlen der Frühlingssonne in ihrem Gesicht. Sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal so etwas wie einen freien Tag gehabt hatte. Die Landschaft rund um sie herum erwachte langsam aus dem Winterschlaf. Der Frühling stand eindeutig vor der Tür, immerhin war es bereits Mitte März.

Auf dem Bahnsteig warteten ein paar Muggel. Einfache, aber freie Muggel, ihrer braunen Kleidung nach zu urteilen. Hermine hatte sich schon oft gefragt, ob die Zauberer die braune Farbe gewählt hatten, weil alle Muggel Dreck in ihren Augen waren. Das würde sie den Zauberstabträgern zutrauen.
Im Zug mussten Hermine und die anderen stehen. Die Sitzplätze waren den anderen – höhergestellten – Passagieren vorbehalten. Doch weder davon noch von den geringschätzigen Blicken einiger Muggel ließ sie sich ihre Freude verderben.

Fünf Stationen später hatten sie ihr Ziel erreicht. Mrs Cole gab ihnen zu verstehen, dass sie aussteigen sollten und führte sie dann durch das Gedränge des Bahnhofs hinaus auf eine breite Straße. Hier mischten sich in das eintönige Braun sogar ein paar andere Farben. Ein blutroter Umhang gehörte zweifellos einem Mitglied der Magischen Polizeibrigade. Mit strenger Miene ließ der Zauberer seinen Blick über die Menschenmasse schweifen.
„Weiter, geht weiter!“, drängte Mrs Cole, als der Zauberer auffällig lange in ihre Richtung sah.
Hermine glaubte zwischen den vielen hellbraun und dunkelbraunen Umhängen und Mänteln sogar einen limonengrünen Heilerumhang erblickt zu haben. Diese Farbe hatten Hermines Eltern auch für eine kurze Zeit tragen dürfen, doch dann waren die Zauberer zu dem Entschluss gekommen, dass Muggel keine besondere medizinische Behandlung verdient hatten. Wer krank wurde, hatte Pech gehabt. In den Augen der Zauberer gab es ohnehin zu viele Muggel.
Für ihre Eltern hatte das den finanziellen Ruin und einen sozialen Abstieg bedeutet. Hermine erinnerte sich noch dunkel daran, dass ihre Eltern trotzdem die Praxis im Geheimen weitergeführt hatten, bis sie jemand verraten hatte. Damals hatte sie gedacht, es könnte nicht schlimmer kommen. Wie naiv sie doch gewesen war! Das war damals erst der Anfang eines scheinbar nie enden wollenden Albtraums gewesen.

„Warum hängen hier überall Fahnen?“, fragte Elsie leise und riss Hermine aus ihren trüben Gedanken.
Erst jetzt fielen ihr die Girlanden in den Schaufenstern und die Fahnen an den Straßenlaternen auf. Die Stadt war hübsch herausgeputzt. Aber wofür? An jedem Haus hing mindestens eine Flagge in den Farben Dunkelgrün, Hellgrün und Silber. Früher, so wusste Hermine, hatte man diese Flagge Union Jack genannt und sie hatte andere Farben gehabt. Rot, Blau und Weiß, wenn sie sich recht erinnerte. Aber das war vor langer Zeit, vor der Herrschaft der Zauberer, gewesen. Hermine sah sich die Fahnen genauer an. Das Dunkle Mal in der Mitte erinnerte sie an etwas und beantwortete Elsies Frage.
„Heute muss der 17. März sein. Der St.-Salazar-Day.“
„Ah, dann wird heute der Himmel wieder grün gefärbt?“ Sie blickte erwartungsvoll nach oben, aber über ihnen erstreckte sich ein hellblaues Firmament.
„Hmm… Wahrscheinlich schon. Das machen doch die Zauberer jedes Jahr, um den Ahnherrn des Dunklen Lords zu feiern. Du weißt schon, Salazar Slytherin.“
Elsie starrte sie mit offenem Mund an. „Was du alles weißt!“
„Und der Gründer ihrer ach so tollen Zaubererschule war er ja auch“, erklärte Hermine.
Einer der Gründer“, mischte sich Mrs Cole leise ein. „Hogwarts wurde von vier Hexen und Zauberern gegründet. Slytherin war nur einer von ihnen, aber über die anderen spricht man nicht mehr.“
„Können Sie uns mehr darüber erzählen?“, fragte Hermine sofort.
Mrs Cole schüttelte den Kopf und sah sich vorsichtig um. „Nein.“
„Bitte?“
„Jaaaa, bitteeee, Mrs Cole“, bettelte Elsie. „Wir erzählen es auch niemandem weiter.“
Die Küchenchefin drehte sich mit zusammengezogenen Augenbrauen zu ihnen um. „Es reicht! Wollt ihr, dass wir Schwierigkeiten bekommen? Nein? Dann seid endlich still, ihr dummen Gänse!“

Hermine schluckte jede weitere Frage, die ihr auf der Zunge brannte, mühsam hinunter. Mit einer wütenden Mrs Cole sollte man sich besser nicht anlegen. Diese Frau war ohnehin leicht reizbar.
Sie setzten ihre Besorgungen schweigend fort. Den ersten Halt legten sie bei einer Apotheke ein. Mrs Cole setzte sich über das „Zutritt nur für Zauberer!“-Schild hinweg und öffnete die Tür. Für Analphabeten waren zusätzlich Piktogramme angebracht. Ein durchgestrichenes graues und braunes Pärchen zeigte, dass nur magische Personen erwünscht waren.
Gemeinsam betraten sie das verwinkelte Geschäft, in dem sie für Snape allerhand Zaubertrankzutaten bestellen mussten. Für seine Mutter kaufte Mrs Cole einige kleine Fläschchen mit wohlriechendem Inhalt und einige Tuben, die wahrscheinlich verschiedene Cremen enthielten. Hermine sah sich neugierig in der Apotheke um. Sie war von ihren vorherigen Herrschaften schon einmal zum Einkaufen mitgenommen worden, doch sie hatte immer vor den Geschäften warten müssen.
Neugierig las sie die Beschriftungen auf den verschiedenen Gläsern, Fässern und Kartons und atmete tief den Duft der getrockneten Kräuter ein, die von der Decke hingen. Nur schwerlich gelang es ihr, den Wunsch zu unterdrücken, mit ihren Fingerspitzen den Bund Einhornhaar zu berühren oder einen Blick in das Fass mit den lebendigen Wellhornschnecken zu werfen. Mrs Cole hatte ihnen verboten, irgendetwas anzufassen.
Doch Mrs Cole war beschäftigt, während Elsie gelangweilt Löcher in die Luft starrte. Deshalb entfernte Hermine sich unbemerkt von den beiden, schlenderte zwischen den Regalen hindurch und gelangte in jenen Teil der Apotheke, in der auch fertige Tränke verkauft wurden. Neugierig las sie die Etiketten. Diese Zaubertränke versprachen gegen Krankheiten zu wirken, von denen Hermine noch nie etwas gehört hatte. Und sogar Liebestränke gab es zu kaufen! Hermine schüttelte leicht den Kopf. Zauberer waren schon ein seltsames Völkchen.
„Was willst du hier? Suchst du einen Trank?“
Erschrocken fuhr Hermine auf dem Absatz herum. Hinter ihr stand offensichtlich ein Verkäufer, denn an seinem dunkelblauen Umhang war ein Namensschild befestigt. Dunkelblau. Ein Magier, aber nur ein Halbblut, sonst wäre sein Umhang smaragdgrün.
Hermine schüttelte den Kopf und wich dem Blick dieser blauen Augen aus, die sie feindselig musterten.
„Dachte ich’s mir doch. Es gibt nämlich keinen Trank, der dein dreckiges Muggelblut reinigen könnte.“
Und offensichtlich auch keinen Trank gegen Arroganz und Dummheit, hätte sie gerne gesagt, doch sie presste die Lippen fest aufeinander und erwiderte mutig den Blick dieses Widerlings, der kaum älter als sie selbst zu sein schien. Sie setzte eine überhebliche Miene auf. Beleidigungen war sie gewohnt. Sie verletzten sie nicht mehr, zumindest nicht mehr so sehr wie früher. Als Muggel musste man in der Welt der Zauberer eine dicke Haut haben.
Mit einem letzten verächtlichen Blick auf den Jungen drehte Hermine ihm den Rücken zu, was leider notwendig war, um schnell zu Mrs Cole zurückkehren zu können.
Doch der Zauberer packte sie am Arm und hielt sie fest. Mit der anderen Hand griff er in die Innentasche seines Umhangs. Für einen Moment dachte Hermine, dass er seinen Zauberstab zücken würde, jedoch er holte nur ein unscheinbares Fläschchen mit einer glasklaren Flüssigkeit heraus. „Tränen des Todes“, stand auf dem Etikett, das er ihr direkt vors Gesicht hielt.
„Das ist der einzige Trank für Abschaum wie dich: Gift.“
Hermine riss sich von ihm los, aber sie wich nicht zurück. Ihre Wut ließ sie ihre Angst vergessen und machte sie mutiger, als es gut für sie war.
„Wenn die Reinblüter erst alle Muggel und Muggelstämmigen getötet haben, dann werdet ihr Halbblüter die Nächsten sein. Schon mal daran gedacht?“, zischte sie.
Noch bevor der Zauberer seinen Stab zücken konnte, war Hermine davongelaufen. Nicht, weil sie feige war, sondern weil es aussichtslos war, sich einem Zauberer in den Weg zu stellen. Und gefährlich. Und unsagbar dämlich.
Dumm! Du bist so dumm!
Es war töricht von ihr gewesen, sich provozieren zu lassen. Und noch dämlicher, die Kontrolle zu verlieren. Das durfte ihr nicht noch einmal passieren. Hätte sie den Zauberer beleidigt oder gar angegriffen, hätte man sie ins Gefängnis geschmissen. Oder Schlimmeres mit ihr gemacht.

Hermine erreichte Mrs Cole genau in dem Moment, als diese sich nach ihr umsah, weil sie die Apotheke verlassen wollte. Hermines gerötetes Gesicht und ihre Kurzatmigkeit entgingen der Küchenchefin nicht.
„Was ist passiert?“, fragte sie scharf.
„Nichts“, murmelte Hermine und hielt die Eingangstür für sie und Elsie auf. Nichts, was Hermine nicht schon einmal erlebt hätte. Nichts, was sich mit Sicherheit nicht irgendwann wiederholen würde.

Pergament, Tinte und Kerzen standen als Nächstes auf ihrer Einkaufsliste. Diesmal entfernte Hermine sich nicht, sondern wartete zusammen mit Elsie vor dem Geschäft auf Mrs Cole.
Ein paar Muggel in grauen Ganzkörperanzügen reinigten die Straße und zeigten Hermine deutlich, wo sie landen würde, wenn sie sich noch einmal von einem Zauberer provozieren ließe. Die Verbrecher wurden von den meisten Passanten ignoriert, einige machten einen großen Bogen um sie und warfen ihnen angewiderte Blicke zu. Eine Hexe in einem smaragdgrünen Umhang hielt sich sogar ein spitzenbesetztes Taschentuch vor die Nase, als sie mit ihrer kleinen Tochter im Schlepptau an den Gefängnisinsassen vorbeieilte.
„Was sind das für Menschen, Mami?“, fragte die Kleine und musterte die Verbrecher neugierig.
Ihre Mutter zog sie rasch weiter. „Das sind keine Menschen, Mäuschen. Das sind Muggel.“
„Blöde Kuh“, murmelte Elsie, als die Hexe außer Hörweite war.
Hermine nickte zustimmend. Auch nach all den Jahren verstand sie noch immer nicht, warum Zauberer Muggel so sehr hassten. Sie hatten ihnen doch nichts getan. Selbst wenn, was hatten sie schon von Muggeln zu befürchten? Dass sie ihnen unterlegen waren, wusste jedes Kind, aber dafür musste man sie doch nicht hassen, oder?

Überraschenderweise gingen sie danach nicht in das nächste Geschäft, sondern sie legten eine kleine Pause ein. In einem kleinen Café bekamen sie den schäbigsten Tisch in der hintersten Ecke zugewiesen, wo den anderen Gästen ihr Anblick erspart blieb, aber das störte sie nicht. Mrs Cole spendierte ihnen ein Mittagessen und sogar ein Eis zur Nachspeise. Als Hermine sich dafür bedanken wollte, grinste Mrs Cole vergnügt.
„Das geht auf Rechnung der Snapes. Und ich finde, das haben wir uns auch mal verdient, nicht wahr?“

Gestärkt und mit zu viel Zucker im Blut setzten sie ihren Einkauf fort. Mrs Cole gab im Supermarkt ihre allwöchentliche Bestellung ab, die noch am gleichen Tag in Snape Manor eintreffen würde. Zum Glück mussten sie die vielen bestellten Lebensmittel nicht selbst nach Hause bringen.

Bevor sie sich auf den Heimweg machten, gingen sie noch in ein Schuhgeschäft. Das war der Moment, auf den Hermine und Elsie sich die ganze Zeit schon gefreut hatten. Und selbst Mrs Cole amüsierte sich prächtig, als Hermine in hochhakigen braunen Schuhen ein paar wackelige Schritte machte. Elsie hatte sie dazu angestiftet und lachte bei dem Anblick so laut, dass eine der Verkäuferinnen auf sie aufmerksam wurde.
„Ich freue mich, wenn ihr Spaß habt, aber meine Chefin darf das nicht mitbekommen“, flüsterte sie verschwörerisch. „Die grauen Schuhe sind da hinten.“ Sie zeigte ihnen verschiedene Modelle. „Wenn das die Zauberer zahlen, für die ihr arbeitet, würde ich aber die teuersten nehmen.“
„Als ob man von einem Zauberer irgendwas geschenkt bekommt…“, murmelte Mrs Cole. Sie gab Hermine und Elsie einige gute Ratschläge und am Ende hatten sie jeweils zwei Paar neue Schuhe gefunden. Leichte für die Innenräume und den Sommer, feste Arbeitsschuhe für den Winter und die Arbeit im Garten.
„Wir Muggel müssen zusammenhalten“, sagte die Verkäuferin und steckte ihnen noch jeweils eine Handvoll kostenloser Süßigkeiten in die Tragetaschen.

Dieses positive Erlebnis hatte Hermine so hoffnungsvoll gestimmt, dass sie es nur halb so schlimm fand, wie man sie anschließend in dem Bekleidungsgeschäft behandelte. Dort bediente man sie erst zum Schluss, obwohl sie vor den zwei anderen Kundschaften im Geschäft gewesen waren. Aber diese hatten elegante braune Mäntel getragen und nicht nur einfache Strümpfe gekaufte, so wie Hermine und Elsie.
Dafür hatten die Mädchen und Mrs Cole die Wartezeit genutzt, um einen Ausflug in die Unterwäsche-Abteilung zu unternehmen. Die dort ausgestellten hauchzarten Dessous hatten Mrs Coles Wangen rot gefärbt und sie hatte die Mädchen schnell wieder weggescheucht, bevor die zwei überhaupt die Gelegenheit gehabt hatten, sich umzusehen.

Auf dem Rückweg nach Snape Manor überlegte Hermine, was sie das letzte Mal so glücklich gewesen war. Mit Sicherheit war das schon einige Jahre her, denn seit sie für die Zauberer arbeiten musste, hatte sie kaum einen Grund gehabt, glücklich zu sein.
Selbst Mrs Cole schien überraschend gute Laune zu haben. Das brachte Hermine auf eine Idee. Sie beschleunigte ihre Schritte, bis sie die Küchenchefin eingeholt hatte.
„Könnten Sie uns jetzt etwas über Hogwarts erzählen? Bitte?“
Die Idee gefiel auch Elsie. „Bitteeee!“

Mrs Cole antwortete nicht gleich. Sie verlangsamte ihr Tempo, blickte sich rasch um und vergewisserte sich mit einem bangen Blick über die Schulter, dass sie die einzigen Personen weit und breit auf der Straße waren.
„Versprecht mir, Mädchen, dass ihr alles, was ich euch jetzt erzähle, für euch behalten werdet. Und ihr werdet niemals, unter keinen Umständen erzählen, dass ihr diese Informationen von mir habt. Versprochen?“
„Großes Indianer-Ehrenwort“, sagte Elsie sofort.
„Ich schwöre es“, versprach Hermine.
Noch einmal blickte Mrs Cole sich um. „Ich muss verrückt geworden sein“, murmelte sie, dann straffte sie die Schultern und begann mit leiser Stimme zu erzählen:
„Hogwarts ist eine der besten Zaubererschulen weltweit. Sie wurde vor über tausend Jahren gegründet. Bevor die Todesser die Macht im Jahr 1982 übernommen haben, gab es viel mehr Schüler in Hogwarts, denn auch muggelstämmige Hexen und Zauberer wurden aufgenommen. Die Kinder mit magischen Fähigkeiten wurden auf vier Häuser verteilt: Slytherin, das es jetzt noch gibt, Hufflepuff, Ravenclaw und Gryffindor. Das war mein altes Haus. Jedes Haus repräsentierte bestimmte Eigenschaften. Tapferkeit und Mut sind typisch für Gryffindor.“ Sie lächelte stolz. „Aber die Todesser wollten nicht, dass muggelstämmige Kinder in Hogwarts ausgebildet werden, deshalb haben sie die anderen Häuser verboten. Seitdem werden dort nur noch Halbblüter und Reinblüter ausgebildet.“
„Und was ist mit den muggelstämmigen Kindern?“
„Es heißt, dass der Sprechende Hut zerstört –“
„Der was?“, fragte Elsie verwirrt.
„Der Sprechende Hut. Er hat die Kinder auf die Häuser aufgeteilt - Nein, unterbrich mich nicht schon wieder! - Man sagt, er sei zerstört worden, ebenso die Magische Feder, die die Namen jener magischen Kinder notiert, die eine Einladung nach Hogwarts bekommen sollen.“
„Dann gibt‘s also keine muggelstämmigen Hexen und Zauberer mehr?“
Mrs Cole lachte freudlos auf. „Hast du mir nicht zugehört? Natürlich gibt es sie noch, aber sie werden nie eine Einladung nach Hogwarts bekommen. Sie werden nie lernen, ihre Magie zu gebrauchen. Und manche werden vielleicht nie erfahren, dass sie Hexen und Zauberer sind.“
Elsie bückte sie und hob einen kurzen Zweig auf. Sie schwang ihn wie einen Zauberstab durch die Luft. „Vielleicht bin ich auch 'ne Hexe und weiß es nur nicht.“
„Du bist eine dumme Gans, das weiß ich mit Sicherheit.“ Mrs Coles Worten fehlte die übliche Schärfe. „Wirf das Stöckchen weg. Schon allein dafür könnte man dich auspeitschen.“
Hermine hatte dem Gespräch stumm gelauscht. Während Elsie noch vergnügt mit dem Zweig spielte und sinnlose Fantasiewörter vor sich hinmurmelte, fragte Hermine: „Warum hassen die Zauberer uns Muggel so?“
Mrs Cole seufzte tief und ließ sich mit ihrer Antwort Zeit: „Es gab schon immer Zauberer, denen die Reinheit des Blutes besonders wichtig war. Muggelstämmige Hexen und Zauberer sind in ihren Augen minderwertig und Muggel, die über gar keine magischen Fähigkeiten verfügen, sind ihrer Meinung nach nicht besser als Tiere.“
„Aber sind wir nicht alle Menschen?“
Mrs Cole schenkte ihr ein trauriges Lächeln. „Nicht in ihren Augen.“
„Ich verstehe es nicht… Es gibt doch viel mehr Muggel als Zauberer. Warum kämpfen–“
„Sei still, das ist Anstiftung zum Aufruhr! Dafür knüpft man dich an der Mauer auf!“
„Aber–“
„Nein, Granger!“, sagte Mrs Cole nachdrücklich. „Du bist nicht die Erste und wirst auch nicht die Letzte sein, die so denkt. Aber es ist sinnlos, hörst du?“ Sie packte Hermine an den Schultern und sah sie eindringlich an. „Wir können nichts ändern. Wir müssen uns damit abfinden. Wir können diesen Kampf nicht gewinnen! Verstehst du?“
Hermine nickte widerwillig.
Die Küchenchefin seufzte. „Du glaubst mir nicht…“ Sie ließ sie los. „Weil du nicht dabei warst… Du bist zu jung. Du weißt nicht, wie es damals war, als die Todesser die Macht ergriffen haben. So viele Tote… überall Tote auf den Straßen. Leichenberge, soweit das Auge reichte. Jeder, der sich ihnen in den Weg gestellt hat, wurde ermordet. Aber nicht nur von ihnen, sondern auch von den Muggeln selbst. Die Todesser hatten die Regierung und das Militär unter ihre Kontrolle gebracht. Und jeder noch so kleine Widerstand wurde gewaltsam niedergeschlagen… Es war so schrecklich.“ Ihre Stimme brach.
„Dann sollen wir einfach akzeptieren, wie die Zauberer mit uns umgehen?“
„Ja, Granger. Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe damals gegen sie gekämpft. Ich war im Orden des Phönix. So wie mein Verlobter. Er war ein mutiger Mann. Es waren fünf Todesser nötig, um ihn und seinen Bruder zu töten. Und dann haben sie Jagd auf uns gemacht. Sie haben ein Ordensmitglied nach dem anderen abgeschlachtet… Ich habe damals alles verloren. Und deshalb weiß ich: Es gibt keine Hoffnung mehr.“

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Nächsten Donnerstag geht's weiter :-) Das nächste Kapitel ist etwas länger- vielleicht teile ich es auf und poste Do und Mo einen Teil.

Liebe Grüße
Marie
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