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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
30.06.2022
46
197.024
111
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23.06.2022 4.256
 
Kapitel 45: Ein Geschenk für den Dunklen Lord

Umso näher Hermine der Küche kam, umso langsamer und zögerlicher wurden ihre Schritte. An der Schwelle blieb sie stehen. Das einst pulsierende Herz von Snape Manor lag still und dunkel vor ihr. Kein Feuer wärmte die unterirdische Küche. Sie rieb sich die Arme und zog ihr gestricktes Tuch enger um ihre Schultern, um die Kälte zu vertreiben, die ihr bei diesem Anblick in die Glieder gekrochen war. Ohne Mrs Cole fehlte etwas.

Oft hatte sie davon geträumt, allein in der Küche zu stehen und ihre eigenen Entscheidungen treffen zu dürfen. Nun war es so weit, aber es fühlte sich anders an als erhofft.
An diesem Morgen wollte ihr nichts auf Anhieb gelingen. Aber es war niemand da, den sie um Rat fragen konnte. Ihr Zauberspruch hatte die Eier in eine undefinierbare harte Masse verwandelt. Mit einem tiefen Seufzen fegte Hermine sie vom Tisch in den Mülleimer. Die Stille in der Küche war erdrückend. Selbst das Radio über der Spüle konnte sie nicht vertreiben.
Hermine vermisste die Zeit, als es in der Küche laut und hektisch zugegangen war. Wenn sie mit Lizzy und Elsie an einem Tisch gearbeitet und im Hintergrund Mrs Cole Befehle wie ein Feldwebel auf dem Schlachtfeld erteilt hatte. So würde es nie wieder sein. Die Hermine von damals gab es nicht mehr. Zu viel war in den vergangenen Monaten passiert, Gutes wie Schlechtes.

Plötzlich schlangen sich zwei Arme von hinten um Hermines Taille. Für einen Augenblick versteifte sie sich und japste erschrocken nach Luft. Avery. Doch der verhasste Geruch von Sandelholz blieb aus, stattdessen hüllte sie Severus‘ vertraute Wärme ein. Sie lehnte sich gegen seine Brust und schloss die Augen.
„Ich habe dich schon gesucht.“
„Irgendjemand muss doch das Frühstück zubereiten.“ Ihre Anspannung verschwand allmählich, als seine Lippen in ihrem Nacken kitzelten und die empfindsame Stelle hinter ihrem Ohrläppchen liebkosten.
„Das hätte ich übernehmen können.“
Die abstruse Vorstellung, wie Severus mit einer Schürze vor dem Herd stand und Pfannkuchen in der Luft wendete, entlockte ihr ein leises Kichern. „Du?“
„Mhm… Oder traust du mir das etwa nicht zu? Mein Porridge schmeckt vorzüglich.“
Sie verzog das Gesicht. Porridge war nicht gerade ihre Lieblingsspeise. „Was kannst du sonst noch?“
„Reicht das etwa nicht?“
„Nicht, wenn du mich beeindrucken willst.“
Er lachte leise gegen ihren Hals, was ihr ein angenehmes Prickeln bescherte. „Dann muss ich mir etwas Besonderes für dich einfallen lassen.“

Langsam wandte sie sich zu ihm um und entdeckte ein Lächeln auf seinen Lippen, das leider viel zu schnell einer ernsten Miene wich. Zärtlich strich sie über die Falten, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten, und wünschte, sie wäre so ein begnadeter Okklumentiker wie er.
„Was bedrückt dich?“, fragte sie und schmiegte ihren Kopf an seine Schulter.
„Es ist wegen Evan. Du hast auch keine Nachricht von ihm erhalten, oder?“
„Ich?“ Hermine lachte bitter auf. „Nein. Ich bin die letzte Person, der er eine Nachricht schicken würde.“
Er ließ es zu, dass sie sich aus seiner Umarmung löste. Aus den fertigen Toastscheiben suchte sie jene heraus, die nicht allzu sehr verbrannt waren, und richtete sie auf einem Teller an. Die ungenießbaren landeten bei dem Eierblock im Müll. „Ist er nicht zurückgekommen?“
„Nein. Hunter ist seiner Spur gefolgt, aber er hat sich noch nicht gemeldet.“
„Glaubst du, dass Rossier etwas passiert ist?“
„Möglicherweise… Oder es läuft alles nach Plan und Evan macht sich einen Spaß daraus, mich im Unklaren zu lassen.“
Das würde zu ihm passen, dachte sie, behielt ihre Vorbehalte gegenüber dem Todesser jedoch für sich. Sie schwang ihren Zauberstab und die fertigen Speisen schwebten auf ein großes Tablett. „Ich decke gleich den Tisch im Kleinen Esszimmer.“
„Das ist nicht notwendig“, sagte Severus rasch. Er schnappte sich das Tablett und trug es hinüber auf den großen Arbeitstisch in der Mitte der Küche. „Diese Trennung ist längst überholt.“
Hermine war von seinem Vorschlag viel zu überrascht, um ihn darauf hinzuweisen, dass das Personal einen eigenen Raum hatte, wo es für gewöhnlich die Mahlzeiten einnahm. Stattdessen deckte sie wortlos den Tisch, während Severus ihnen Tee in die Tassen einschenkte.
Was Mrs Cole dazu sagen würde, wollte Hermine sich lieber nicht vorstellen.

Nach einiger Zeit kam auch Hunter in die Küche und bestätigte das, was Hermine bereits befürchtet hatte: Seine Suche nach Rosier war erfolglos verlaufen.
„Dann solltest du nicht zu dieser Zeremonie gehen“, sagte Hermine, nachdem Hunter mit seinem Frühstück in den Personalraum verschwunden war.
„Jeder Todesser muss an den Feierlichkeiten teilnehmen. Ich habe keine andere Wahl, wenn nicht jeder gleich wissen soll, dass ich ein Verräter bin.“
„Und was ist … was ist, wenn Rosier geschnappt wurde? Und er dich verraten hat?“, fragte sie gepresst. „Dann läufst du in eine Falle.“

Ohne auf ihre Bedenken einzugehen, erhob Severus sich von seinem Stuhl. „Das Frühstück war köstlich.“
„Und der Horkrux? Was ist damit?“
„Wir müssen einen Weg finden, wie wir ihn vernichten können.“
„Gut. Ich gebe Harry Bescheid. Vielleicht hat er eine Idee.“
„Das bezweifle ich.“
Seinen höhnischen Tonfall fand Hermine äußerst unangebracht. Sie wollte nicht tatenlos herumsitzen, während er mal wieder sein Leben riskierte, deshalb zückte sie ihren Zauberstab und durchforstete ihren Kopf nach einer glücklichen Erinnerung – so, wie Harry und Remus es ihr beigebracht hatten. Einige tiefe Atemzüge später dachte sie fest an den Moment, als Severus ihr einen Zauberstab gekauft hatte, erinnerte sich an die unendliche Freude, die sie damals verspürt hatte, und rief: „Expecto Patronum!
Weißer Nebel strömte aus ihrer Zauberstabspitze, blieb jedoch nur eine silbrige, gestaltlose Wolke. Am liebsten hätte sie genervt mit dem Fuß aufgestampft. Egal, wie sehr sie sich auch bemühte, ihr Patronus nahm keine Gestalt an. Zum Übermitteln einer Nachricht reichte es zum Glück.
„Harry, ich glaube, dass wir einen … Du-weißt-schon-was gefunden haben. Ich brauche deine Hilfe.“
Kaum war sie verstummt, schwebte die Wolke durch die Mauer davon.
„Du hast mir gar nicht erzählt, dass du einen Patronus erschaffen kannst“, tadelte Severus sie sanft.
„Es ist ja auch kein richtiger Patronus. Er hat keine Gestalt.“
„Trotzdem. Du erstaunst mich immer wieder.“

***


Selbst das Wetter ließ Severus in Stich. Dunkle, dichte Wolken hätten zu seiner Stimmung gepasst, doch der Himmel über London war glasklar und strahlend blau. Zu Ehren des Dunklen Lords lachte die Sonne über dem sonst verregneten London. Und über ihn.
Mit schnellen Schritten eilte er auf das Gelände des ehemaligen Green Parks zu. Jeder Atemstoß erzeugte eine frostige Wolke in der bitterkalten Luft. Drei Monate war es her, dass er dort neben Evan im Regen gestanden und sie die Inferi unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Drei Monate, die sich wie die Erinnerung an ein anderes Leben anfühlten. Damals hatte er Evans Tod willentlich in Kauf genommen, um seinen Plan verwirklichen zu können. Heute wurde er das Gefühl nicht los, dass sein Leben in Evans Hand lag.

Bereits von weitem erkannte Severus, dass die Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich erhöht worden waren. Mehrere Brigadisten in roten Umhängen standen vor dem Tor und kontrollierten jeden Todesser mit einer Seriositäts-Sonde. Sogar die Zauberstäbe wurden überprüft. Wahrscheinlich wollten sie so verhindern, dass sich jemand mit Hilfe eines Vielsafttranks unter die Todesser mischte.
Auch Severus musste diese Prozedur über sich ergehen lassen. Als er fertig war, riss er dem Brigadisten unwirsch seinen Zauberstab aus der Hand und verstaute ihn wieder in seinem Ärmel. Über den gesamten Platz erstreckte sich ein kuppelförmiges Anti-Disapparier-Netz. Alvin hatte an alles gedacht.  
Die strengen Sicherheitsvorkehrungen mochten für den Dunklen Lord gut sein, für Evans und Severus‘ Plan waren sie mehr als hinderlich. Auf seinem Weg durch die Reihen der bereits wartenden Todesser blickte Severus sich verstohlen um. Er entdeckte viele bekannte Gesichter, ein paar Neulinge, an deren Namen er sich nicht erinnern konnte, aber nichts Ungewöhnliches. Falls Evan sich bereits unter die Todesser gemischt hatte, würde er bestimmt keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sein Moment war noch nicht gekommen.

Severus steuerte geradewegs auf die mit schwarzem Samt bespannte Tribüne zu. Davor standen die jungen Rekruten in Reih und Glied, die heute ihr Dunkles Mal erhalten würden. Er hielt nach Edwinas langen blonden Pferdeschwanz Ausschau, doch die Rekruten hatten ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und hielten die Köpfe gesenkt, als wären sie in ein stilles Gebet vertieft.
Den Mittelpunkt der Tribüne bildete der legendäre Thron, auf dem jeder britische Monarch seit dem 14. Jahrhundert gekrönt worden war. Voldemort hatte dem Krönungsstuhl nach seinen Wünschen umgestalten lassen. Statt der vier Löwen, die früher die Stuhlbeine gebildet hatten, trugen nun ein Mann, eine Frau, ein Zentaur und ein Hauself die Sitzfläche auf ihren Schultern. Jeder war dem Dunklen Lord untertan. Der Stuhl sollte sie alle daran erinnern – als ob das irgendjemand vergessen könnte.
Bisher hatte Severus bei jeder Zeremonie rechts neben Voldemort gestanden. Diese Ehre würde ihm bestimmt nicht mehr zuteilwerden, doch unmittelbar hinter dem Thron standen für gewöhnlich die Leiter der wichtigsten Ministeriumsabteilungen. Dazu zählte Severus zweifellos, deshalb war ihm ein Platz in Voldemorts unmittelbarer Nähe sicher. Daran zeigte sich, wie hoch man in der Gunst des Dunklen Lords stand. Umso näher, umso besser.

Kaum war Severus die sieben Stufen zur Tribüne hochgestiegen, stellte Alvin sich ihm in den Weg.
„Ich glaube, du hast dich verlaufen“, sagte er mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht, das vom gestrigen Kampf noch leicht geschwollen war.
Severus widerstand dem Drang, ihm die geheilte Nase erneut zu brechen und zog lediglich eine Augenbraue nach oben.
„Dein Platz ist da unten“, erklärte Alvin und deutete mit dem Kopf auf die große Menge der schwarzgekleideten Todesser.
„Ich bin der Leiter der Abteilung für-“
„Wer weiß, wie lange noch“, unterbrach er ihn kalt und machte einen Schritt auf ihn zu. Alvin war sich bewusst, dass sie von vielen Todessern neugierig beobachtet wurden, deshalb lächelte er noch immer freundlich, als er Severus ins Ohr wisperte: „Der Dunkle Lord war gar nicht begeistert, als ich ihm von Mary erzählt habe. Er erwartet dich nach der Zeremonie in seinen Gemächern.“
„Was hast du ihm erzählt?“, zischte Severus.
„Ich habe lediglich meine Sorge darüber zum Ausdruck gebracht, dass man dich jahrelang hinters Licht geführt hat, ohne dass du es bemerkt hast. Jemand, der so leicht zu täuschen ist, erscheint mir ungeeignet für die Verhandlungen mit dem MAKUSA. Außerdem schadet es deinem Ruf.“
„Deine Sorge um mich ist rührend.“
Alvin legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Dafür sind Freunde doch da. Übrigens ist Duncan ganz meiner Meinung. Auch er hat das Gefühl, dass du in letzter Zeit neben dir stehst. Wir erkennen dich nicht wieder.“
„Worauf willst du hinaus?“, fragte Severus zunehmend ungehalten.
„Wir fragen uns, wem deine Loyalität gilt.“
„Dem Dunklen Lord. Nur ihm. Bis in den Tod.“
„Ich wusste, dass du das sagen würdest.“ Alvin tätschelte ihm die Schulter. „Dann hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ich deine kleine Muggelhure verhöre, oder? Vielleicht hat Mary ihr ja irgendwas erzählt.“
Gleichgültig zuckte Severus mit den Achseln. „Wenn du deine Zeit mit einem einfältigen Muggel vergeuden willst, bitte.“
„Wunderbar.“ Alvin lächelte und tauschte einen Blick mit Duncan, der soeben die Tribüne betreten hatte.
„Gibt es ein Problem?“, wollte dieser wissen.
„Nein, nein. Unser lieber Freund Severus zeigt sich äußerst kooperativ.“
„Ist auch besser so für ihn“, sagte Duncan ohne Severus eines Blickes zu würdigen. „Nehmt eure Plätze ein, es geht los.“

Severus wandte ihnen den Rücken zu und stieg die Stufen hinab. Seine Knie zitterten dabei so heftig, dass er sich am Geländer anhalten musste, um nicht zu stolpern. Ein Teil von ihm hatte befürchtet, dass Marys Tod unangenehme Konsequenzen haben würde. Dass Alvin aber auch Hermine befragen wollte, musste er um jeden Preis verhindern.
Wie betäubt wanderte er durch die Reihen der Todesser auf der Suche nach einem freien Platz. Er spürte die hämischen Blicke in seinem Rücken und ignorierte das schadenfrohe Grinsen in ihren Gesichtern, denn er hatte wichtigere Probleme.
In dem Gespräch nach der Zeremonie musste er Voldemort von seiner Treue überzeugen. Es durfte keinen Zweifel daran geben, dass er ein überzeugter Todesser war. Leider hatte er keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Seine Sorge um Hermine verdrängte jeden anderen Gedanken in seinem Kopf. Es gab nur eine Person, die ihm jetzt noch helfen konnte: Evan.

In der dritten Reihe fand er einen Platz und war froh, so weit entfernt von Alvin und Duncan zu stehen, die den Krönungsstuhl flankierten und dabei selbstgefällig grinsten. In dem blutroten Umhang stach Alvin besonders hervor und so wie Severus ihn einschätzte, war ihm das nur recht.
Eine Fanfare ertönte und alle Todesser fielen auf die Knie. Demütig neigte auch Severus sein Haupt, dennoch blickte er sich verstohlen um. Jetzt war der perfekte Zeitpunkt für einen Angriff. Gespannt hielt Severus den Atem an. Er lauschte angestrengt, ließ seinen Zauberstab ein Stückchen aus dem Ärmel gleiten, um im Notfall rasch eingreifen zu können, doch nichts geschah.

Unbehelligt schritt Voldemort durch die Menge seiner Gefolgsleute. Ein gütiges Lächeln umspielte den lippenlosen Mund, während der Blick seiner roten Augen emotionslos über seine Anhänger schweifte. Manche von ihnen waren so überwältigt, dass sie die Hände nach ihm ausstreckten, nur um seine blütenweiße Robe zu berühren. „Mein Herr“, murmelten sie ehrfürchtig, während er an ihnen vorüberging, als wären sie Luft.

Nachdem der Dunkle Lord auf dem Thron Platz genommen hatte, wurde Duncan und Alvin die Ehre zu teil, den Saum seiner Robe zu küssen. Erst dann gab Voldemort das Zeichen, dass sich seine Gefolgsleute erheben durften.
Erneut ließ Severus seinen Blick durch die Menge schweifen. Soweit er das von hier unten beurteilen konnte, war alles ruhig. Aber sein Blickfeld war eigeschränkt. Ein Platz auf der Tribüne hätte ihm einen wesentlich besseren Überblick verschafft.  

Voldemorts magisch verstärkte Stimme wehte über Severus hinweg, jedoch hörte er kaum hin, sondern behielt die Umgebung im Auge. Mit jeder verstrichenen Minute stieg seine Anspannung. Wenn er wüsste, worauf er achten sollte, wäre es ihm leichter gefallen, ruhig zu bleiben, aber so zuckte er bei jedem noch so kleinen Geräusch innerlich zusammen. Sein Atem ging heftig, während seine Pupillen unruhig hin und her zuckten.
Jemand hustete. Sogleich schnellte sein Kopf in die Richtung. Wieder nur falscher Alarm. Die erkältete Todesserin mit der roten Schnupfennase bemerkte sein Starren und zog die Stirn kraus, ehe sie wieder gebannt zur Tribüne schaute. Severus folgte ihrem Blick. Die goldenen Runen auf Voldemorts weißer Robe funkelten im Sonnenlicht. Geblendet wandte Severus den Kopf ab. In dem Moment verkündete der Dunkle Lord:
„Wir werden unsere Feinde und jeden, der es wagt, sich uns in den Weg zu stellen, zerschmettern! Zeigt keine Gnade!“
Widerwillig stimmte Severus in die Jubelrufe der anderen mit ein. Fäuste wurden in die Luft gestreckt und an den grimmigen Mienen um ihn herum erkannte er, dass sie alle bereit waren, diese Worte in die Tat umzusetzen.
Kaum merklich hob Voldemort die Hand. Sofort verstummten die Todesser und warteten gespannt auf die nächsten Worte.
„Der heutige Tag ist ein Tag der Freude. Vor mir stehen junge Zauberer und Hexen, die ihr Leben unserer gerechten Sache widmen wollen.“

Nun kam Bewegung in die Rekruten. Duncan trat vor, entrollte eine Liste und rief sie der Reihe nach auf.
„Bones, Susan!“, war die erste auf der Liste. Die junge Hexe mit den blonden Haaren stieg mit wankenden Schritten die Stufen hoch und fiel vor dem Thron auf die Knie. Der Treueschwur kam ihr ein wenig stockend über die Lippen, dennoch brannte ihr Voldemort das Dunkle Mal auf ihren entblößten linken Unterarm ein, den sie ihm bereitwillig entgegenstreckte. Zum Abschluss küsste sie den Saum seiner Robe und wankte dann die Treppe auf der anderen Seite hinunter.
So ging es mit den anderen Rekruten weiter.
Als Malone Roger an der Reihe war, holte Severus ein paar Mal tief Luft, um sich zu beruhigen. Trotz der Kälte in seinen Fingern spürte er, wie seine Handflächen feucht wurden. Edwina war als nächste an der Reihe. Sie wartete vor der Treppe und wirkte, anders als der Großteil der Neulinge, vollkommen gelassen.

„Rosier, Edwina!“, rief Duncan und beobachtete zufrieden grinsend, wie seine Nichte selbstsicher die Stufen überwand und sich vor dem Dunklen Lord hinkniete.
Nun würde es geschehen. Der Moment, den Evan so versessen zu verhindern versuchte, war gekommen. Severus‘ Puls raste. War da eine Bewegung in der Menge? Ein Aufschrei? War es nur der Wind, der die Samtbespannung bewegte, oder war jemand unter der Tribüne?
„-schwöre ich, Euch mit meinem Leben oder meinem Tod gehorsam zu dienen“, verkündete Edwina mit fester Stimme und streckte ihren linken Arm aus.
Zunehmend panisch huschte Severus‘ Blick über die Anwesenden. Wo war Evan? Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als Voldemorts Zauberstabspitze Edwinas Unterarm berührte. Unwillkürlich hielt er die Luft an, doch sie zuckte nicht einmal, trotz der Schmerzen, die diese Prozedur verursachte.
Unfähig auch nur einen Muskel zu regen, sah Severus dabei zu, wie sie Voldemorts Umhang küsste und dann freudestrahlend von Duncan in die Arme geschlossen wurde. Sie war nun eine Todesserin.
Dann war ihre Ernennung vorbei und Duncan rief den nächsten Neuling auf.
Wie betäubt stand Severus da und starrte auf die Tribüne, ohne etwas tatsächlich wahrzunehmen.
Evan war nicht gekommen.
Ihr Plan war gescheitert.
Severus‘ Hoffnung stürzte schlagartig in sich zusammen.
Alles umsonst.

Er war zu beschäftigt damit, seine Enttäuschung zu verarbeiten, sonst hätte er den Tumult am Tor viel früher bemerkt.
Immer mehr Köpfe wandten sich in diese Richtung. Ein Gemurmel ging durch die Menge.
Severus blickte erst auf, als ein Brigadist zur Tribüne stürmte und mit hektischen Gesten Alvin zu sich herunterlockte. Gemeinsam liefen sie zum Tor zurück. Währenddessen setzte Voldemort die Angelobung seiner neuen Todesser ungerührt fort. Erst, als Alvin zurückkehrte und ihm etwas zuflüsterte, unterbrach er die Zeremonie.
„Bringt ihn her!“, befahl er.
„Herr, ich glaube nicht, dass das eine gute-“
„Ich habe dich aber nicht nach deiner Meinung gefragt, Avery. Bring ihn her!“

Nach einer hastigen Verbeugung eilte Alvin davon. Severus war nicht der Einzige, der sich auf die Zehenspitzen stellte, um ihm hinterher zu blicken. Es dauerte nicht lang, da kehrte er in Begleitung einer Person zurück. Sie hatte einen Sack über dem Kopf und war mit einer überdimensionalen dunkelgrünen Schleife um den Brustkorb gefesselt. An ihrem Hals baumelte ein Schild, dessen Aufschrift Severus nicht lesen konnte. Doch das brauchte er auch gar nicht. Der fehlende linke Unterarm war Hinweis genug. Der Anblick versetzte Severus den nächsten Schock. Alles in ihm zog sich zusammen. Er wankte und schaffte es nur mit großer Willensanstrengung, aufrecht stehen zu bleiben.
Er wusste nicht, ob das eine Inszenierung der Todesser war oder zu Evans Plan gehörte. Er tendierte zur ersten Option, obwohl vieles dagegensprach. Weil er sich aber nicht sicher war, musste er tatenlos mitansehen, wie Evan auf die Tribüne gezerrt und von Alvin auf die Knie gezwungen wurde.

In der Zwischenzeit hatte sich Voldemort von seinem Thron erhoben.
Ein Geschenk für den Dunklen Lord“, las er laut vor. Die roten Augen blickten mitleidslos auf die vor ihm kauernde Gestalt. „Ist er es wirklich?“
Alvin riss ihm den Sack von Kopf. Einige der Todesser in der ersten Reihe japsten nach Luft. Sie hatten das bleiche Gesicht sofort erkannt.
„Wie ist das möglich?“, fragte Voldemort.
Die gleiche Frage schienen sich auch einige andere Todesser zu stellen. Sie warfen Severus teils verwirrte, teils hämische Blicke zu. Schließlich war er es gewesen, der nach der Säuberung des Untergrunds behauptet hatte, dass Evan tot sei. Seine Rückkehr ließ berechtigte Zweifel an Severus‘ Version der Ereignisse aufkommen.
„Lügner!“, zischte jemand ganz in seiner Nähe.

„Ich-ich kann das erklären“, presste Severus mühsam hervor, ohne den Blick von Evan abwenden zu können, der mit teilnahmsloser Miene und leeren Augen in die Luft stierte. Etwas stimmte nicht. Wenn das alles zu dessen Plan gehörte, warum unternahm er dann nichts? Voldemort stand direkt vor ihm!

Dann passierten mehrere Sachen gleichzeitig. Duncan trat vor und packte Evan an den Schultern. „Bist du es wirklich?“, fragte er und schüttelte ihn ungeduldig, weil er beharrlich schwieg. „Wir dachten, du seist tot! Was ist im Untergrund passiert?“
Als Evan dann doch den Mund öffnete, erbrach er sich auf der Tribüne und verteilte seinen Mageninhalt direkt vor dem Dunklen Lord, der angewidert zurückwich und den Zauberstab hob. Das bleiche Gesicht war zu einer wütenden Fratze verzerrt.

Währenddessen hatte Alvin auf der Suche nach Severus seinen Blick über die Menge schweifen lassen. Ein wahrlich bösartiges Grinsen umspielte seine Lippen, als er ihn gefunden hatte, und mit gezücktem Zauberstab von der Bühne stürmte.
Das nahm Severus jedoch nur am Rande war, weil Edwina in diesem Moment auf die Bühne zu ihrem Vater lief. Ihr herzzerreißendes Schluchzen wurde erst leiser, nachdem Duncan sie abgefangen hatte und an seine Brust drückte, um sie zu trösten. Er hatte große Mühe, die junge Hexe von der Tribüne zu bringen. „Dad!“, rief sie verzweifelt und streckte ihre Hände nach Evan aus, der nicht einmal den Kopf in ihre Richtung bewegte.
Im gleichen Augenblick kämpfte Alvin sich rücksichtslos zu Severus vor. Wer ihm nicht Platz machte, wurde zur Seite gestoßen.
Er hatte ihn schon fast erreicht, da hob Voldemort seinen Zauberstab und richtete ihn auf Evan.
„Antworte mir endlich! Crucio!“

Was genau in dem Moment geschah, als der Folterfluch Evans Brust traf, bekam Severus nicht mit, weil er Alvins Schockzauber abwehren musste. Ein Knall übertönte alle Geräusche. Das Nächste, was Severus spürte, war eine Hitzewelle, die über ihn hinwegfegte und ihn von den Füßen riss. Sein gesamter Körper schmerzte von dem Aufprall. In seinen Ohren vermischte sich sein galoppierender Herzschlag mit einem hohen Klingeln, dennoch versuchte er wieder auf die Beine zu kommen. Severus rang nach Atem und bereute es sofort. Ein ekelhafter Gestank lag in der Luft und ließ ihn husten.
Hektisch sah er sich um. Die Explosion, oder was auch immer das gewesen war, hatte auch die anderen Todesser umgeworfen. Die Samtbespannung der Bühne brannte lichterloh. Aber nicht nur sie. Einige Todesser wälzten sich schreiend am Boden, versuchten so das Feuer auf ihren Umhängen zu ersticken oder liefen wie lebendige Fackeln durch die Gegend. Wen oder was sie berührten, fing ebenfalls sofort Feuer.
Panik breitete sich unter den Anhängern des Dunklen Lords aus. Wer unverletzt war oder sich zumindest auf den Beinen halten konnte, stürmte auf das Tor zu. Niemand achtete dabei auf die Verletzten am Boden.
Manche versuchten das Feuer mit Wasser aus ihren Zauberstäben zu löschen, doch anstatt es damit zu ersticken, bäumte es sich auf und brannte noch heller.

Trotz des Chaos um ihn herum, trotz der Schreie und der Toten ergriff eine beängstigende Ruhe von Severus Besitz. Sein Ziel war nicht das Tor, sondern die Tribüne. Er legte den linken Arm schützend vors Gesicht, während er mit seinem Zauberstab kleine Kreise in die Luft zeichnete. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen.
„Halt! Du bist verhaftet!“, rief Alvin plötzlich und zielte mit dem Zauberstab auf ihn. Sein blutroter Umhang wies große Brandlöcher auf. Ein heftiger Hustenanfall erfasste ihn, sodass er sich mit den Händen auf den Knien abstützen musste.
„Wir müssen den Dunklen Lord retten!“, rief Severus und wies mit der linken Hand auf die in Flammen stehende Tribüne.
Vor Schreck weiteten sich Alvins Augen. Sein Blick zuckte zwischen der brennenden Tribüne und Severus hin und her. Endlich ließ er den Zauberstab sinken und nickte.
Als hätte es diese Unterbrechung niemals gegeben, zeichnete Severus wieder Kreise in die Luft. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Jeder Windstoß blies ihm eine unerträgliche Hitze ins Gesicht. Es wäre vernünftiger gewesen, ebenfalls zum Tor zu laufen, doch er musste Gewissheit haben.
Unter ihm bebte die Erde. Risse durchzogen den Asphalt und er platzte auf wie eine reife Frucht. Aus dem Inneren kroch Erde hervor, legte sich wie ein Teppich über die Flammen und begrub sie unter sich. Ein Rumpeln war zu hören, als die Überreste der Tribüne in die Erde sanken. Zischend erloschen die Flammen.

Severus‘ Schritte wurden immer schneller. Auf dem Boden links von der Tribüne regte sich etwas. Das schmerzerfüllte Stöhnen klang ganz nach Duncan, aber Severus lief achtlos an ihm vorbei. Von der hölzernen Unterkonstruktion der Tribüne war kaum mehr etwas übrig, ebenso vom Krönungsstuhl.  
Mit angehaltenem Atem näherte er sich dem Ausgangspunkt der Katastrophe. Er machte sich auf den Anblick von Evans verkohltem Leichnam gefasst, doch da lag nur eine Person. Oder das, was davon übrig war. Das Feuer hatte ihm das Gesicht geschmolzen und eine neue, groteske Form verliehen. Die ehemals bleiche Haut war entweder verkohlt oder rot und aufgeplatzt. Nur die schneeweiße Robe mit den Runen war auf magische Weise unversehrt geblieben.
„Ist er…?“, fragte Alvin und klammerte sich so fest an Severus, dass es schmerzte.

Eine tiefe Genugtuung breitete sich in Severus aus, erfüllte jede Pore seines Seins. Es war mehr als nur ein Glücksgefühl. Es war die Erkenntnis, dass sich all die Strapazen und das Leid ausgezahlt hatten. Dass die Gefahr gebannt und nun bessere Zeiten vor ihnen lagen.

Was ihn dazu trieb, wusste er nicht, doch Severus ging vor Voldemort in die Knie und streckte seine Hand aus. Er musste ihn berühren. Musste das verbrannte Fleisch unter seinen Fingerspitzen fühlen, damit er sicher sein konnte, dass das hier kein Traum war.
Seine zitternden Finger hatten kaum die heiße, rissige Haut berührt, da schlug Voldemort die Augen auf und röchelte nach Luft. In den roten Augen brannte das Feuer noch immer. Es war ein Feuer, das sie alle vernichten würde.


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RIP Evan

Auch diesmal war wieder die einzigartige Marginalie die Betaleserin dieses Kapitels :-) Danke für deine Unterstützung!

Ich plan bzw. arbeite schon fleißig am Ende der "Muggeline"!
Vor fast einem Jahr hatte ich diese Idee und ich hätte niemals gedacht, dass es so ein großes und umfangreiches Projekt werden würde. Ich danke allen, die mich seit dem ersten Kapitel begleiten :-) <3

Nächsten Donnerstag geht's weiter :-)

Liebe Grüße
Marie
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