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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
30.06.2022
46
197.024
111
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12.05.2022 5.548
 
Kapitel 39: Ein Licht in der Dunkelheit

Eine unnatürliche Stille hatte sich über den Flur im St. Mungo gelegt. Kein Laut drang zu Severus durch, als wäre er hinter einer unsichtbaren Wand gefangen, die jedes Geräusch verschluckte. Die Welt war verstummt.
Keine quietschenden Sohlen umherlaufender Heiler.
Keine knarrenden Türen und ächzende Stühle.
Kein Jammern und Klagen der Kranken.
Stille.
Er sah nur, wie sich Serena Selwyns geschwungene Lippen bewegten und Worte formten, die nicht bis in sein Bewusstsein vordrangen. Ihre strahlend weißen Zähne erinnerten ihn an die makellosen Perlen auf der Kette, die seine Mutter am Morgen beim Frühstück getragen hatte. Severus hatte sie ihr geschenkt, als sie nach Hetfield House gezogen waren. Als sich das Leben für sie beide zum Besseren gewendet hatte.
Hatte er ihr eigentlich jemals gesagt, dass ihr die Kette gut stand? Wahrscheinlich nicht. Und jetzt hatte er keine Gelegenheit mehr dazu.

Für einen Moment hatte Severus das Gefühl zu ersticken. Wie ein eisernes Band legte sich der Schmerz um seine Brust und raubte ihm die Luft zum Atmen. Er wollte es nicht glauben. Er durfte es nicht glauben. Wenn er glaubte, was Serena sagte, dann gab es keine Hoffnung mehr.
Verzweifelt rang er nach Luft. Er spürte, wie ihm die Gesichtszüge entglitten und er die Kontrolle verlor.

Serena musterte ihn besorgt. Ihre Lippen bewegten sich nicht mehr. Sie schien auf eine Antwort oder zumindest auf eine Reaktion zu warten. Doch Severus war wie gelähmt. Der Kampf in ihm erforderte seine ganze Willenskraft. Wie lange würde es ihm gelingen, seine Maske aufrechtzuerhalten? Das, was er dahinter verbarg, durfte niemand sehen. Er holte tief Luft, zwang sich, seine Emotionen zu kontrollieren.

Behutsam legte die Heilerin ihre Hand auf seinen Unterarm. Die Berührung reichte aus, um die Wand niederzureißen. Mit einem Schlag waren die Geräusche zurückgekehrt. Die Stimmen, der Lärm. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten, denn die Stille war weniger schmerzhaft gewesen.
„Haben Sie verstanden, was ich Ihnen gesagt habe?“, fragte Serena.
War das Mitleid in ihrem Blick? Er brauchte ihr Mitleid nicht. Er wollte es nicht.
„Ja“, antwortete er knapp.
„Falls Sie mit jemanden sprechen wollen… Wir haben speziell geschulte Heiler für solche Fälle…“
„Es geht mir gut.“ Er stand auf und versuchte sich dabei nicht anmerken zu lassen, wie zittrig er sich fühlte.
Serena erhob sich ebenfalls. „Sie sollten nach Hause gehen. Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert? Der Ihnen beisteht?“
„Es geht mir gut“, wiederholte Severus mit so viel Nachdruck in der Stimme, wie er im Moment aufbringen konnte.
„Pardon, ich wollte nicht-“
„Schon gut. Ich… ich würde…“ Severus räusperte sich. Warum fiel es ihm so schwer, diesen Wunsch auszusprechen? „Ich würde sie gerne noch einmal sehen.“
Nun war es Serena, die Mühe hatte, die richtigen Worte zu finden. „Das ist keine gute Idee, Severus. Die Explosion und der Hauseinsturz ... Sie … sie ist nicht unversehrt geblieben, verstehen Sie? Aber wenn Sie darauf bestehen...“
„Nein, schon gut“, sagte er schwach und kämpfte gegen die Verzweiflung an, die ihre Worte in ihm ausgelöst hatten. Er hielt sich für einen Augenblick an einem der Stühle fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Hat Sie gelitten?“
„Nein. Soweit wir das im Moment sagen können, war sie auf der Stelle tot.“
„Gut.“

Damit war für Severus alles gesagt. Seine ersten Schritte waren wackelig, doch er biss die Zähne zusammen und setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen. Er hielt es keine Sekunde länger im St. Mungo aus.
„Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, dann sagen Sie mir Bescheid“, bat Serena und lief neben ihm her. „Ich habe mir erlaubt, Mrs Mintumble bereits zu informieren, um Ihnen wenigstens diese Arbeit abzunehmen.“
„Wen?“
„Eira Mintumble. Von E.L.M & Zauberer in der Nokturngasse“, fügte sie hinzu, weil ihr Severus‘ verwirrte Miene nicht verborgen geblieben war. Sie kramte in den vielen verborgenen Taschen ihres limonengrünen Heilerumhangs, bis sie schließlich ein schwarzes Visitenkärtchen mit goldenen Buchstaben fand und es Severus überreichte. „Die Bestatterin. Sie wird sich bei Ihnen melden, um über die Details der Beerdigung zu sprechen.“
Er nahm das Kärtchen entgegen und steckte es, ohne einen Blick darauf zu werfen, in seine Tasche.
„Wollen Sie nicht doch den Kamin benutzen? Oder zumindest einen Schlaftrank mitnehmen?“
Gegen den Trank hatte er nichts einzuwenden. Er nahm das Fläschchen entgegen und setzte seinen Weg fort. Serena lief ihm bis zum Ausgang des Krankenhauses hinterher. Ob sie tatsächlich besorgt oder einfach nur lästig war, machte für ihn keinen Unterschied. Er wollte sie so schnell wie möglich loswerden und dann… Was eigentlich? Nach Hause gehen? Ins Ministerium zurückkehren? Sich hemmungslos im Eberkopf volllaufen lassen und diesen furchtbaren Tag mit Hilfe von viel Alkohol aus seinen Erinnerungen tilgen?
Die dritte Option klang bei genauerer Betrachtung äußerst verlockend und vielleicht hätte sein Abend tatsächlich diesen Verlauf genommen, wenn Duncan nicht umringt von einigen grimmig aussehenden Leibwächtern und mit einer Horde Reporter im Schlepptau das St. Mungo betreten hätte. Dessen abschätziger Blick schweifte über die kranken Hexen und Zauberer im Wartebereich und fand sogleich Severus, der bei dessen Erscheinen– im Gegensatz zu Serena - nicht schnell genug das Weite gesucht hatte.
„Mein Freund!“, dröhnte er und breitete seine Arme aus. Bevor Severus noch recht wusste, wie ihm geschieht, hatte Duncan ihn in eine Umarmung gezogen, die von mehreren Fotoapparaten festgehalten wurde. Dicker, violetter Rauch raubte Severus für einen Moment die Sicht.
„Keine Fotos!“, zischte Duncan und die Reporter senkten sofort ihre Kameras. „Das hier ist privat.“
Die Leibwächter schirmten Severus und ihn von den neugierigen Journalisten ab, die das Aufeinandertreffen der aktuellen Hand mit dem Vorgänger neugierig beobachteten und sicherlich auf eine gute Story hofften. Um sich ungestört unterhalten zu können, legte Duncan Severus seinen massigen Arm wie einen Schraubstock um die Schultern und führte ihn von den Reportern weg.
„Mein Beileid zu deinem Verlust“, sagte Duncan leise und wirkte dabei überraschend aufrichtig. „Ich wollte schon früher mit dir sprechen, aber du kannst dir ja denken, was los war. Kann ich irgendwas für dich tun?“
„Es geht mir gut“, antwortete Severus und versuchte die Hand abzuschütteln, doch Duncans Griff um seine Schulter war eisern und hielt ihn an Ort und Stelle.

Severus‘ Nerven lagen blank. Stundenlang hatte er gebangt und gehofft, dass man seine Mutter doch noch lebendig aus dem eingestürzten Haus bergen würde. Vergebens. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, hätte sich am liebsten irgendwo verkrochen und dort gewartet, bis dieser Albtraum endlich ein Ende hatte. Und wäre das alles nicht schlimm genug, stand nun Duncan vor ihm und mimte den besorgten Freund.
„Hör zu“, wisperte Duncan und vergewisserte sich mit einem raschen Blick über die Schulter, dass sie nicht belauscht wurden. „Der Tod deiner Mutter war ein tragischer Unfall. Vergessen wir, was zwischen uns-“
Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Von einer Sekunde auf die andere brodelte ein unbändiger Zorn in Severus hoch, der ihn alle Vorsicht vergessen ließ.
„Unfall?“, wiederholte er und machte sich dabei nicht die Mühe, seine Stimme zu senken. Im Gegenteil, seine Stimme schwoll bei jedem Wort noch mehr an: „Das war kein Unfall! Das warst du! Du und Alvin! Ihr habt meine Mutter ermordet!“, schrie er außer sich vor Zorn.
Neugierig reckten die Reporter ihre Hälse, hoben ihre Kameras über die Köpfe und hofften den Streit auf einem Foto festhalten zu können.
„Was sagst du da?“, fragte Duncan und versuchte ein möglichst mitfühlendes Gesicht zu machen und die Situation irgendwie noch zu retten. „Du stehst unter Schock. Da redet man schon mal wirres Zeug.“ Er blickte hinüber zu den Reportern, die jedes Wort eifrig mitschrieben.
Severus lachte kalt. „Der ganze Angriff war doch fingiert! Der Orden würde niemals Unschuldige töten! Gib doch zu, dass du dahintersteckst. Es ist eine Lüge!“
Duncan zückte seinen Zauberstab und schon im nächsten Moment schirmte eine dichte Nebelwand sie von den Reportern ab und ließ kein Geräusch mehr zu ihnen durchdringen und mit Sicherheit auch nicht hinaus.

Etwas Bedrohliches lag in Duncans Blick, als er sich vor Severus aufbaute und verächtlich auf ihn herabblickte. Mit kalter Stimme sagte er: „Was sollte das? Bist du übergeschnappt?“
„Mörder!“, schrie Severus. In seiner blinden Wut war er kurz davor, sich auf Duncan zu stürzen. Sollte dieser auch nur ein falsches Wort sagen, wäre es mit dem letzten Rest von Severus brüchiger Selbstbeherrschung endgültig vorbei.
Duncan tat den Vorwurf mit einem gleichgültigen Schulterzucken ab. „Was machst du für ein Theater? Waren doch nur Muggelfotzen und ihre Bälger – wen juckt‘s?“
„Und meine Mutter?“
„Das war ja offensichtlich ein Unfall. Wäre sie nicht zurückgelaufen-“
„Dann ist sie also selber schuld?“, fragte er schrill. „Gib zu, dass du dahintersteckst!“
Bevor Severus‘ Zauberstabhand auch nur gezuckt hatte, zielte Duncan schon mit seinem Stab auf sein Herz.
„Vorsicht, mein Freund. Überleg dir gut, was du jetzt machst… Nicht, dass du so viele Optionen hast…“
Wie kochend heiße Lava floss der Hass durch Severus‘ Venen. Jedes Wort aus dem Mund dieses Mörders dröhnte in seinen Ohren und machte ihn noch wütender. Er presste so fest die Zähne aufeinander, dass sie bedrohlich knirschten. Mit geballten Fäusten starrte er ihn an und konnte sich nur mit Mühe selbst davon abhalten, mit bloßen Händen auf ihn einzuprügeln.
„Du kannst natürlich den Reportern da draußen erzählen, was du für die Wahrheit hältst. Aber dann steht dein Wort gegen meines. Und wem wird man glauben? Dir, dem Gift und Galle spuckenden armen Irren, der nicht nur seinen Job, sondern jetzt auch noch seine Mutter verloren hat? Der behauptet, dass diese Terrororganisation nichts Böses im Schilde führt? Obwohl man die lachende Schlammblut-Schlampe in Großaufnahme vor dem zerstörten Frauenhaus gesehen hat? Oder wird man der Hand seiner Lordschaft glauben, die alles dafür tun wird, damit dieser Konflikt möglichst unblutig beendet wird? Hm? Sieh es ein, Severus: Keiner wird dir glauben, selbst wenn du die Wahrheit erzählst… Probier’s aus, wenn du willst. Aber dann mach ich dir dein beschissenes Leben zur Hölle und liefere dich persönlich in Askaban ab.“

Einen kurzen Moment gab Severus sich der Vorstellung hin, den Reportern alles zu erzählen. Aber wozu? Es gab schon seit Jahren keine unabhängige Berichterstattung mehr, folglich würde die Wahrheit niemals an die Öffentlichkeit gelangen. Die Konsequenzen seiner törichten Handlung wären jedoch verheerend und so schluckte er notgedrungen die Erwiderung hinunter, die ihm bereits auf der Zunge lag. Er zweifelte nämlich keinen Moment daran, dass Duncan seine Drohung wahrmachen würde, wenn er ihm auch nur den geringsten Vorwand liefern würde. Es war nicht die Sorge um sein eigenes Leben, die ihn seine Wut zügeln ließ, sondern seine Sorge um Hermine. In Askaban konnte er sie nicht beschützen.

Duncan schien zu ahnen, was in ihm vorging. „Na sieh mal einer an, wer da plötzlich den Schwanz einzieht. Dachte ich’s mir doch. Dann merk dir eines: Der Tod deiner Mutter war ein tragischer Unfall. Aber die einzige Person, die du dafür verantwortlich machen kannst, ist dein geliebtes Schlammblut. Sie hat diesen Krieg provoziert, nicht wir. Ihr ist doch jedes Mittel recht, um das zu erreichen, was sie will. Oder hätte sie sonst den MAKUSA eingeschaltet? Denk doch mal nach, wie viele Muggel-Leben auf dem Spiel stehen… Nicht, dass mich das kümmern würde – gibt eh viel zu viele von denen – aber denk mal darüber nach.“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause, wahrscheinlich um Severus Zeit zu geben, seine Worte sacken zu lassen. „Deine Mutter ist tot. Das ist scheiße, denn das wollte eigentlich niemand. Aber daran kann man nichts mehr ändern. Deshalb kannst du jetzt nur eines machen: Geh nach Hause und trauere um sie, wie es sich für einen anständigen Sohn gehört. Nimm dir morgen frei und wenn du wieder klar denken kannst, schaffst du mir den MAKUSA vom Hals.“

Severus nickte widerwillig und Duncan lächelte zufrieden. „Dann wäre das ja geklärt.“ Zeitgleich mit einem letzten, vermutlich mitfühlend gemeinten, Tätscheln auf Severus‘ leidgeplagte Schulter löste er den Zauber und die Nebelwand verschwand.
Die Reporter, überrascht von ihrer plötzlichen Rückkehr, schlossen sogleich unzählige Fotos. Duncan drückte Severus an sich, um allen zu zeigen, dass der Streit zwischen ihnen beigelegt war. Das Licht der Blitze blendete Severus. Er kniff die Augen zusammen und drehte den Kopf zu Seite. Es war ihm egal, wie er auf den Fotos aussah. Duncan lächelte tapfer und flüsterte aus dem Mundwinkel: „Geh nach Hause. Ich würde dich ja am liebsten selbst dort abliefern, damit du keine Dummheiten machst, aber ich muss weiter, hab noch ein paar Termine. Ein Foto mit diesem dreckigen Muggel-Balg, das die Explosion überlebt hat. Dass wir das hier behandeln, ist eine Schande. Aber was tut man nicht alles, um diesem Abschaum das Gefühl zu geben, doch wichtig zu sein? Sei’s drum. Und verpass ja meine Ansprache nicht.“

Mit einem selbstgefälligen Grinsen spazierte Duncan zu seiner Entourage zurück, die ungeduldig auf dessen Rückkehr gewartet hatte und nun in Richtung der Aufzüge davonmarschierte.
Severus zog es in die entgegengesetzte Richtung. Schwungvoll stieß er die Tür auf und atmete gierig die kalte, klare Luft Londons ein, als er endlich das Krankenhaus hinter sich gelassen hatte. Ohne einen Blick auf das prächtige Eingangsportal zurückzuwerfen, marschierte er davon. Die Zeiten, in denen die Zauberer ihr Krankenhaus verstecken mussten, waren längst vorbei. Nun war es der prächtigste Bau in der näheren Umgebung.

Ziellos irrte Severus durch die Straßen Londons. Der eisige Wind brannte auf seiner Haut wie tausende kleine Nadelstiche. Bereits nach wenigen Schritten war er durchgefroren, denn seinen Winterumhang hatte er im Ministerium vergessen.
Die Kälte tat weh, trotzdem konnte sie den Schmerz in seinem Innersten nicht überlagern. Die Wut war verflogen. Eine ungeheure Leere war an ihre Stelle getreten, hatte von ihm Besitz ergriffen und fraß ihn langsam von innen heraus auf. Unablässig stellte er sich die Frage, wie er jetzt weitermachen sollte, doch seine wirren und unsteten Gedanken ließen ihn keine Antwort finden.

Severus achtete kaum darauf, wohin ihn seine Füße trugen. Erst ein schmerzhafter Zusammenstoß mit einem Muggel riss ihn aus seiner Trance. Er blickte sich verwirrt um, als wäre er soeben aus einem Traum erwacht, und es dauerte einen Moment, bis er die Umgebung wiedererkannte. Die Winkelgasse war nicht mehr weit entfernt. Zwei oder drei Straßen trennten ihn von der Einkaufsstraße der Zauberer.
Bis dorthin würde er es aber nicht mehr schaffen, denn er bibberte vor Kälte und klapperte bereits mit den Zähnen. Obwohl er sich nicht bereit fühlte, nach Hause zurückzukehren, wo ihn alles an seine Mutter erinnern würde, so wusste er, dass es die einzig vernünftige Entscheidung wäre.
Mit letzter Kraft bereitete er sich aufs Apparieren vor, versuchte seine wirren Gedanken auf sein Ziel zu fokussieren, als ihm ein heller, flackernder Lichtschein vor ihm auffiel, der aus der Auslage eines Elektronikgeschäfts kam. Grelle, bunte Bilder wechselten sich in schwindelerregender Geschwindigkeit ab, sodass Severus bereits vom Zusehen übel wurde. Er hätte beinahe den Blick von den vielen Fernsehern im Schaufenster abgewendet, hätte er nicht ein vertrautes Gesicht darauf entdeckt. Da er sämtliches Zeitgefühl verloren hatte, war er überrascht, als die Abendnachrichten über den Bildschirm flimmerten. Ohne Ton wusste er nicht, was die Moderatoren sagten, ihre ernsten Mienen sprachen jedoch für sich. Die Einblendungen zeigten ihm, was er bisher nur von den Leuten im Ministerium gehört hatte: die feierliche Eröffnung, die Explosion und „Lilys“ lachendes Gesicht in Großaufnahme. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er sofort gedacht, dass sie es war, ohne jeden Zweifel. Und doch… Duncan hatte die Tat weder zugegeben noch geleugnet. Wenn er nicht selbst dahintersteckte, dann spielte ihm dieser Anschlag in die Karten. Für den Orden war das jedoch ein Desaster. Warum hätte Lily das tun sollen?

Severus drückte sich fast die Nase an der Scheibe platt, nur um irgendetwas zu entdecken, das Lilys Unschuld bewies. Doch das war eindeutig sie, die ihm von unzähligen Bildschirmen entgegenstarrte. Die smaragdfarbenen Mandelaugen und die Sommersprossen rund um die Nase ließen keinen Zweifel daran aufkommen. Oder war die Frau auf den Fernsehbildschirmen nur das Ergebnis eines gelungenen Vielsafttranks?
Er fühlte sich wie benommen und wandte den Blick ab. Die Bilder des eingestürzten Hauses, in dessen Trümmern die Einsatzkräfte nach Überlebenden suchten, wurden eingeblendet, aber Severus sah nicht mehr hin.
Ein Teil von ihm sträubte sich dagegen, Lily die Schuld am Tod seiner Mutter zu geben, auch wenn die Bilder etwas anderes sagten. Hin- und hergerissen von seinen Zweifeln stand er regungslos da und überlegte, bis er schließlich zu dem einzig logischen Schluss kam: Im Grunde genommen war es nebensächlich, ob Lily oder Duncan hinter dem Anschlag steckte, denn es änderte nichts an der Tatsache, dass seine Mutter tot war. Doch eines war gewiss: Früher oder später würde er den wahren Drahtzieher finden und dann würde er ihn für den Tod an seiner Mutter zur Rechenschaft ziehen. Koste es, was es wolle.



Einige Stunden später stolperte Severus wenig elegant aus dem Kamin in seinem Arbeitszimmer. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich an seinem Schreibtisch fest, bis sich der Schwindel und der Drang, seinen Mageninhalt auf dem Teppich zu verteilen, gelegt hatten. Aus der kurzen Rast zum Aufwärmen im Tropfenden Kessel war schließlich ein längerer Aufenthalt geworden, denn mit jedem weiteren Glas Feuerwhisky war sein Leid ein wenig erträglicher geworden.
„Na endlich! Wo warst du so lange?“, fragte Evan im vorwurfsvollen Tonfall einer nervigen Ehefrau.
Severus öffnete die Augen und hatte Mühe, Evan zu fokussieren. Er stand vor ihm, mustere ihn halb besorgt, halb angewidert. Bestimmt hatte er Severus‘ Fahne sofort bemerkt. Die Sorge schien jedoch zu überwiegen, sonst hätte er nicht hier auf ihn gewartet. Schweigend legte Evan ihm seine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. Sein mitfühlender Blick sagte mehr, als Worte es vermochten.
Severus nickte dankbar. Er hatte keine Lust über das zu sprechen, was geschehen war. Eigentlich hatte er sogar gehofft, dass bei seiner späten Rückkehr bereits alle schliefen, um von lästigen Fragen verschont zu bleiben. Doch wie immer war ihm das Glück nicht hold.
„Ich verstehe es nicht… Diese Explosion… Wieso hat es ausgerechnet deine Mutter erwischt?“, wollte Evan wissen.

Um nicht gleich antworten zu müssen, stützte er sich mit den Händen auf der Tischplatte ab und starrte auf die vielen ungeöffneten Nachrichten hinunter, die seit dem Nachmittag in Hetfield House eingetroffen waren. Die ersten Briefe waren auf normalem Pergament geschrieben worden. Die späteren Nachrichten hatten einen schwarzen Rand - Kondolenzschreiben, die wahrscheinlich allesamt die gleichen, abgedroschenen Phrasen und leeren Worthülsen enthielten. Geheucheltes Mitleid, das nicht einmal das Pergament wert war, auf dem es geschrieben stand. Hermine musste sie geordnet haben, so fein säuberlich aufgereiht wie sie vor ihm lagen. Aber wo war sie? Warum war sie nicht hier bei ihm?
„Er behauptet, es wäre ein Unfall gewesen“, antwortete Severus schließlich.
„Wer?“
„Duncan.“
„Hmm… Also ist sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?“
„Ja, so was in der Art.“
„Hmm…“, machte Evan erneut und strich sich nachdenklich über das Kinn. „Das ergibt Sinn. Duncan hätte deine Mutter niemals absichtlich getötet.“
Überrascht blickte Severus von den Briefen auf. „Du glaubst auch, dass er dahintersteckt?“
„Wer denn sonst? Das Schlammblut tötet doch keine Frauen und Kinder. Sie ist doch eine der Guten.“
„Lily würde alles tun, um ihr Ziel zu erreichen.“
Mit einer wegwerfenden Handbewegung wischte Evan seinen Einwand beiseite. „Dieser Anschlag trägt eindeutig Duncans Handschrift. Es ist doch fast schon ein Geniestreich.“
„Dieser Geniestreich, wie du es nennst, hat meiner Mutter das Leben gekostet“, zischte Severus bedrohlich.
„Das ist traurig und das hat bestimmt niemand beabsichtigt… Aber du musst zugeben, dass Duncan sich damit selbst übertroffen hat. Das war ein gerissener Schachzug. So kann sie keine Unterstützung von der Bevölkerung erwarten, die sie aber brauchen würde. Und beim MAKUSA gerät sie durch diese Aktion sicherlich auch in Misskredit… Wie raffiniert! Das mag ich so an Duncans Planungen: Sie sind so herrlich geradlinig.“
Über so viel Bewunderung für Duncans kaltblütigen Mordanschlag konnte Severus nur den Kopf schütteln. „Und die Todesser sind die Unschuldigen.“
„Selbstverständlich. Überleg doch mal: Dass deine Mutter dabei ums Leben gekommen ist, spielt Duncan sogar noch in die Hände, weil dann bei dem Anschlag nicht nur Muggel unter den Opfern sind.“
Voller Wut fegte Severus mit einer einzigen, schwungvollen Bewegung die Briefe vom Tisch. „Ich werde nicht zulassen, dass Duncan den Tod meiner Mutter medial ausschlachtet und für seine Zwecke missbraucht! Oder dass er Lügen über sie erzählt! Dafür wird er mir büßen!“
Den Wutausbruch nahm Evan gelassen hin. „Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit. Das solltest du mittlerweile wissen.“
„Aber-“
„Nein, Severus. Du hörst mir jetzt zu. Du hast genau zwei Möglichkeiten: Du versinkst in Selbstmitleid, weil die Welt ein so böser und ungerechter Ort ist und lässt dich volllaufen wie dein wertloser Muggelvater. Oder-“, er hob die Stimme, weil Severus ihm ins Wort fallen wollte, „du reißt dich zusammen. Du wirst mitspielen müssen, wenn du nicht als Verräter an der Mauer aufgeknüpft werden willst.“

Mit einem verächtlichen Schnauben wandte er Evan den Rücken zu und schaute hinaus in den dunklen Garten. Sein Spiegelbild in der Fensterscheibe sah genauso jämmerlich aus, wie er sich fühlte. Er war müde, körperlich und seelisch. Evans Worte hatte ihn zwar wachgerüttelt, aber auf diese Belehrungen konnte er trotzdem gut und gerne verzichten. Er wusste selbst, was er zu tun hatte.
„Vergleiche mich nie wieder mit meinem Erzeuger…“, drohte Severus.
„Dann verhalte dich nicht wie er. Wir sind besser als unsere Väter.“
Severus nickte grimmig. Der Hass auf ihre Väter war ihre erste Gemeinsamkeit gewesen, bevor sie noch viele weitere entdeckt hatten.
„Wo ist Hermine?“
Um seine Missbilligung einmal mehr zu verdeutlichen, verzog Evan das Gesicht. „Was willst du von der? Ich habe das Schlammblut weggeschickt.“
„Nenn sie nicht so. Sie heißt Hermine.“
„Und sie ist dennoch ein Schlammblut. Nur weil du einen Narren an ihr gefressen hast, muss ich deine Begeisterung für sie nicht teilen.“
„Das erwarte ich nicht. Aber ich verlange, dass du höflich zu ihr bist und sie nicht beleidigst, solange du noch mein Gast in meinem Haus bist.“
„Was hoffentlich nicht mehr lange der Fall sein wird.“

Erst hatte Severus Evans‘ Abreise herbeigesehnt, nun fürchtete er sich vor diesem Moment. „Ich könnte deine Hilfe gebrauchen… Ich könnte einen Freund gebrauchen.“
Evan ließ sich nicht anmerken, was die leisen Worte tatsächlich in ihm auslösten.
„Ich habe genug gekämpft“, sagte er, ohne Severus dabei anzusehen. „Alles, was ich will, ist meine Familie in Sicherheit bringen und den Rest meines Lebens in Frieden genießen.“
„Und was aus den anderen wird, ist dir egal?“
„Jeder ist sich selbst der Nächste. Das ist doch auch deine Devise, nicht wahr? Sonst hättest du mich nicht umbringen wollen, für deinen eigenen Vorteil, oder?“
„Ich habe viele Fehler gemacht.“
„Und du machst sie weiterhin! Solange du glaubst, dass du irgendetwas gegen den Dunklen Lord ausrichten kannst.“
„Eigentlich haben wir doch die gleichen Ziele. Wir wollen die Herrschaft des Dunklen Lords beenden und die beschützen, die wir lieben. Warum arbeiten wir nicht zusammen?“
Evan machte ein zweifelndes Gesicht. „Unsere Ziele könnten nicht unterschiedlicher sein. Und mir gefallen die Leute nicht, mit denen-“ Er verstummte abrupt, als im Kamin die Flammen smaragdgrün aufloderten.

„Severus? Bist du da?“, flüsterte Lily. Trotz er tief in die Stirn gezogenen Kapuze hatte er ihre Stimme sofort erkannt.
„Na, wenn man vom Grimm spricht…“, spottete Evan.
Severus seufzte tief. Er hatte keine Lust auf ein Gespräch mit Lily. Wenn es nach ihm ginge, hätte er sich schon längst in seinem Bett verkrochen.
„Severus?“
„Ja… ich bin da.“
Lily zog sich die Kapuze vom Kopf und kniff die Augen zusammen, um mehr erkennen zu können. Ein Zauber machte es ihr unmöglich, in das Arbeitszimmer zu blicken.
Severus wartete, bis Evan in Deckung gegangen war, erst dann hob er den Zauber auf. Anders als sonst kniete er sich nicht vor den Kamin, sondern blieb stehen. Er wollte dieses Gespräch möglichst kurzhalten.
„Was willst du?“, fragte er kalt. „Hast du vergessen, dass das Flohnetzwerk überwacht wird?“
„Ich muss doch irgendwie mit dir sprechen, denn ich war das nicht! Bitte, glaub mir! Ich hätte Eileen niemals etwas angetan. Und diesen Frauen und Kindern doch auch nicht! Das musst du mir glauben!“, flehte sie.
Er verschränkte die Arme vor der Brust. Evan hatte ihn eigentlich bereits davon überzeugt, dass Lily nichts mit dem Anschlag zu tun hatte, aber das musste sie ja nicht wissen. Sie hatte es verdient, dass er sie ein wenig zappeln ließ. Und vielleicht wusste sie mehr, als sie zugeben wollte.
„Wieso sollte ich dir glauben? Die Frau hat dir verblüffend ähnlichgesehen. Wo warst du denn, als das Frauenhaus in die Luft gesprengt wurde?“
„Ich kann dir das alles erklären!“
Unbeeindruckt blickte er hinüber zu der Standuhr. „Ich gebe dir drei Minuten. Dann beende ich das Gespräch, bevor irgendjemand etwas davon mitbekommt.“
„Es ist alles eine Lüge!“, rief sie aufgewühlt. „Und mich haben sie in die Falle gelockt! Mit der Einladung. Es war eine Fälschung, verstehst du?“
„Ich verstehe kein Wort.“
„Walter Sinclair! Vom MAKUSA! Er hatte heute einen Termin im Ministerium, doch er wollte sich vorher mit mir treffen. Deshalb hat er mir eine Eule mit einem Portschlüssel geschickt. Sirius, Remus und ich haben, wie schon ein paar Mal davor, den Portschlüssel genommen… aber … aber Walter war nicht da! Da wussten wir, dass etwas nicht stimmt. Bevor wir disapparieren konnten, wurden wir angegriffen. Die Todesser haben uns gefesselt. Als wir uns endlich befreien konnten, war es aber schon zu spät. Und jetzt denkt jeder, dass ich hinter dem Anschlag stecke, aber ich war das nicht! Bitte, Sev! Glaub mir!“
Von ihrem Flehen und Bitten ließ er sich nicht beeindrucken. Ungerührt setzte er sein Schauspiel fort. „Ich soll dir also glauben, dass Duncan oder Alvin sich die Chance entgehen haben lassen, dich zu töten? Lächerlich.“
„So war es aber! Und wenn du mir nicht glauben willst, dann gib mir Veritaserum oder folter mich, aber ich sage die Wahrheit!“
„Wer war dann die Frau im Fernsehen?“
„Woher soll ich das wissen? Ich war eine Zeitlang bewusstlos. Wahrscheinlich haben sie Vielsafttrank verwendet.“
„Und du erinnerst dich an nichts mehr. Wie praktisch. Für dich.“
„Hörst du mir eigentlich zu? Es war eine Falle! Wir dachten, wir müssen sterben. Und danach konnte ich kaum glauben, dass wir es lebendig da wieder rausgeschafft haben.“
„Ja, das kann ich auch nicht glauben.“
„Ich schon. Hätten sie uns getötet, dann hätte das dem MAKUSA einen Grund geliefert, die Drohungen ernst zu machen. Aber so stehe ich jetzt als Kindermörderin und Terroristin da. Selbst im Orden glauben einige, dass ich hinter dem Anschlag stecke. Ihr Plan ist aufgegangen. Die Todesser haben erreicht, was sie wollten“, schloss sie bitter.
Severus hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt und tat so, als müsste er angestrengt über etwas nachdenken. „Ich hätte heute mit Walter Sinclair sprechen sollen, doch das Treffen wurde verschoben.“
„Du? Was geht dich der MAKUSA an?“
„Ich bin der neue Leiter der Abteilung für Internationale magische Zusammenarbeit“, erklärte er stolz, dennoch wollte er nicht weiter darüber sprechen. Außerdem war es Zeit, Lily die Wahrheit zu sagen – ob sie diese Behandlung verdient hatte, war eine andere Frage. „Ich weiß, dass du nicht hinter dem Anschlag steckst. Es war Duncan.“
„Mulciber? Ist der nicht zu dumm dafür?“
Lächelnd schüttelte Severus den Kopf. „Du solltest ihn nicht unterschätzen, den Fehler habe ich auch gemacht.“
„Selbst wenn er es war, na wenn schon? Wichtiger ist doch die Frage, was wir jetzt machen. Der MAKUSA-“
Du machst jetzt gar nichts und hältst zur Abwechslung mal wirklich die Füße still. Wir müssen abwarten, was die Todesser als Nächstes planen.“
„Nichts tun? Abwarten? Das geht nicht! Die Leute denken, dass ich eine verrückte Terroristin bin! Dagegen muss ich etwas unternehmen!“
„Das haben viele vorher auch schon gedacht. Ohne Beweise wirst du daran nichts ändern können, deshalb musst du auf den richtigen Moment warten.“
„Aber-“
„Nein, Lily! Wenn du jetzt etwas unternimmst, machst du es nur schlimmer. Willst du das Vertrauen der Muggel endgültig verlieren? Es ist am besten, wenn du im Moment gar nichts tust… Und vergiss nicht, dass auf deinen Kopf eine Million Galleonen ausgesetzt sind. Du musst vorsichtig sein. Glaub mir. Hör dieses eine Mal auf mich.“
Sie rang einen Moment mit sich selbst. „Na schön.“
„Das gilt für dich und den gesamten Orden.“ Er blickte auf die Uhr. „Mach keine Dummheiten“, warnte er sie und beendete die Verbindung. Dann seufzte er tief und schüttelte leicht den Kopf. „Als ob sie jemals auf mich hören würde…“, murmelte er.

Evan kratzte sich an der Wange und fragte beiläufig: „Weißt du eigentlich, wo sich das Schlammblut versteckt?“
„Wieso? Willst du sie besuchen?“
„Nein, aber das Kopfgeld klingt verlockend. Dafür würde ich sogar von den Toten auferstehen.“ Er grinste und seine grauen Augen funkelten vergnügt. Severus wusste, dass er nur einen Scherz machte, dennoch war ihm nicht zum Lachen zumute.
„Ich gehe jetzt ins Bett. Mein Bedarf an Schlammblütern ist gedeckt“, meinte Evan und gähnte laut. „Du solltest auch schlafen gehen. Der Orden des Phönix wird heute Nacht nicht untergehen – leider.“ Er winkte ihm mit seiner verbliebenen Hand zu und verließ das Zimmer.

Severus wusste, dass sein Freund recht hatte, auch wenn er sich sicher war, dass er diese Nacht keinen Schlaf finden würde. Ein Schlenker seines Zauberstabs löschte die Kerzen im Arbeitszimmer und er machte sich auf den Weg zu seinem Schlafzimmer. Aus Gewohnheit lauschte er, ob irgendwo die gedämpften Schritte seiner Mutter zu hören waren, bevor ihm einfiel, dass er dieses typische Tap-Tap ihrer Samtpantoffel nie wieder vernehmen würde. Nie wieder.

Die Erkenntnis traf ihn mit solcher Wucht, dass er ins Schwanken geriet und er sich für einen Moment haltsuchend an der Wandvertäfelung im Flur abstützen musste. Er kniff die brennenden Augen zusammen und atmete tief durch, auch wenn er kaum Luft bekam. Die Trauer lag schwer auf seiner Brust. Aber Männer weinten nicht. Diese Botschaft hatte ihm sein Erzeuger im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt.
Deshalb richtete Severus sich wieder auf, setzte einen Fuß vor den anderen und hatte das Gefühl, dass ihm der Weg in sein Schlafzimmer noch nie so lang und beschwerlich vorgekommen war.

Weil es so dunkel auf dem Flur war, entdeckte er den schwachen Lichtschein unter seiner Tür sofort. Doch er zückte weder seinen Zauberstab noch hatte er Angst vor dem, was dort drinnen auf ihn warten würde. Nicht, weil er so furchtlos war. Ihm fehlte schlichtweg die Kraft dazu, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen.
Zum Glück war seine Sorge vollkommen unbegründet. In dem bequemen Sessel neben dem Fenster saß Hermine und schlief. Ihre ruhigen Atemzüge waren das einzige Geräusch im Zimmer.
Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, schlich Severus näher. Er ging vor ihr in die Hocke und überlegte, was er nun tun sollte. Offensichtlich hatte sie die ganze Zeit auf ihn gewartet. Nun bereute er es, dass er sich absichtlich so viel Zeit damit gelassen hatte, nach Hause zu kommen. Der Gedanke, dass jemand anderer als seine Mutter auf ihn wartete und sich Sorgen um ihn machte, war neu und ungewohnt. Aber etwas, woran er sich gewöhnen könnte. Obwohl er es nicht verdient hatte.

Wie friedlich und wunderschön sie aussah. Sachte strich er ihr die weiße Haarsträhne aus der Stirn, die ihn stets daran erinnerte, was auf dem Spiel stand, sollte er versagen.
Obwohl er sie kaum berührt hatte, regte sich Hermine plötzlich. „Severus? Bist du es?“, nuschelte sie im Halbschlaf.
„Ja. Ich bin zurück.“
Sie lächelte mit geschlossenen Augen und streckte ihre Hände nach ihm aus. „Merlin sei Dank.“
Er ließ zu, dass sie ihre Arme um seinen Hals schlang. Behutsam erwiderte er ihre Umarmung. Sie gab ihm den Halt, den er so dringend brauchte.

Ein ungesagter Zauber half ihm dabei, sie hinüber in sein Bett zu tragen, ohne sie dabei vollends aufzuwecken. Nachdem er sie zugedeckt hatte, schlüpfte er nur schnell aus seinem Gehrock. Das kleine Fläschchen mit dem Schlaftrank nahm er heraus, dann ließ er das Kleidungsstück achtlos auf den Boden fallen. Severus setzte sich auf seine Seite des Bettes, entkorkte das Fläschchen und stürzte den Trank hinunter. Ein traumloser Schlaf war im Moment alles, was er wollte.
Sofort befiel ihn eine ungeheure Müdigkeit, deshalb legte er sich ins Bett. Seine Gliedmaßen wurden schwer und es erforderte sehr viel Kraft, nach dem Zauberstab zu greifen, um die Kerze am Fenster zu löschen.
„Nicht“, bat Hermine und legte ihre Hand auf seinen Zauberstabarm.
Seine Gedanken waren bereits so fahrig, dass es einen Moment dauerte, bis ihm bewusstwurde, dass Hermine wach war und ihn wahrscheinlich in den letzten Minuten beobachtet hatte.
„Feuer… ist gefährlich…“, brummte Severus.
„Aber die Kerze ist für deine Mutter. Damit sie das Haus findet.“
Er war schon so schläfrig, dass er irgendetwas an ihren Worten missverstanden haben musste. „Hmm?“
Hermine rückte näher zu ihm. Sie setzte sich auf und sah ihm in die Augen, die er kaum noch offenhalten konnte.
„Als meine Nana starb, hat meine Mum auch eine Kerze ins Fenster gestellt. Damit Nana, wenn sie vom Himmel runtersieht, unser Haus schneller findet und weiß, dass wir an sie denken und dass wir sie vermissen. So wie deine Mutter.“

Severus sagte nichts, sondern zog Hermine in seine Arme und drückte sie fest an sich. Worte waren nicht notwendig, denn sie verstand bestimmt auch so, dass ihre Nähe das Einzige war, was ihm in dieser Nacht ein wenig Trost spenden konnte.


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RIP Eileen Snape :-(

Mein Dank gilt wie immer Marginalie! Dank ihrer Kritik hat Duncan diese klaren Worte finden können!

Und vielen, vielen Dank an euch, meine liebenen Leser*innen! Euer Feedback ist überwältigend! Schaffen wir auch noch 100 Sterne? ;-)

Wir lesen uns nächsten Donnerstag!

Liebe Grüße
Marie
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