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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
30.06.2022
46
197.024
111
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Dieses Kapitel
6 Reviews
 
05.05.2022 4.161
 
Kapitel 38: Gefunden und verloren

Der Raum, in dem die Rebellen ihre Bücher aufbewahrten, war einst tatsächlich eine Bibliothek gewesen. Die Überreste der alten Regale und Möbel erinnerten an bessere Zeiten, als dieser Teil des St. Peter’s Seminary noch ein Ort der Stille und des Lernens gewesen war. Nun hatten die Rebellen den Raum abgeteilt, um zusätzliche Schlafplätze zu schaffen.

Bisher war Hermine stets die einzige Besucherin in dem unterirdischen Raum gewesen. Auch an jenem Nachmittag Ende Dezember war die Bibliothek wie ausgestorben. Das kam Hermine, Ron und Harry sehr gelegen, denn so mussten sie bei der Suche nach Informationen über die Horkruxe keine Angst haben, dass sie jemand belauschte.

Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs sprangen die alten Leuchtstoffröhren über ihnen flackernd an und tauchten die Bibliothek in ein helles Licht. Die Luft war abgestanden und der unverkennbare Geruch nach Staub und alten Büchern lag darin.
Hermine hatte die Standorte der verschiedenen Themenbereiche im Kopf und führte sie zielstrebig durch die Regalreihen, bis sie in der hintersten Ecke ihr Ziel erreicht hatten. Dort befanden sich nicht nur die Bücher über dunkle Magie, sondern auch allerhand Säcke und Kisten, weil die Rebellen diese Ecke als Lagerplatz verwendeten.

Viele Bücher über die dunklen Künste beherbergte die Bibliothek nicht. Hermine hatte die meisten davon bereits durchgeblättert. In Snape Manor hielt Severus sie so gut es ging von diesem Zweig der Magie fern. Sie ahnte, dass er es nur gut meinte, aber sie wollte wissen, womit sie es zu tun hatte. Wie sollte man einen Feind besiegen, den man nicht kannte?

„Wenn wir uns die Bücher aufteilen, dann kommen wir schneller voran“, schlug Harry vor.
Sie machten sich mit Feuereifer an die Arbeit, ließen die Bücher aus den Regalen schweben und durchsuchten sie nach Hinweisen. Die Ernüchterung trat jedoch rasch ein.
„Nichts… Kein Wort über Horkruxe“, stellte Harry enttäuscht fest. Er hatte sein Glück in der Encyclopaedia Magica versucht, deren unzählige Bände ein ganzes Regal einnahmen.
„So kommen wir nicht weiter“, seufzte Hermine und schlug angewidert das Buch vor ihr auf dem Tisch zu. Die grausigen Abbildungen darin würde sie nur schwer wieder vergessen können. Sie wedelte mit ihrem Zauberstab und das Buch schwebte ins Regal zurück. „Wir brauchen eine größere Bibliothek.“
„In Hogwarts gibt’s viele Bücher…“, meinte Ron nachdenklich.
„Toll. Hilft uns aber leider nicht weiter“, sagte Harry und putze seine Brille mit dem Zipfel seines Hemdes.
Hermine dachte angestrengt nach. In Snape Manor gab es kein Buch über Horkruxe, sonst hätte Severus mehr darüber gewusst. Eine andere Lösung musste her. „Man kann doch Bücher kaufen. In der Winkelgasse. Bei Flourish & Blotts…“
„Jaah… Aber Bücher über sowas bekommst du eher in der Nokturngasse“, gab Ron zu bedenken.
Harry setzte sich seine Brille wieder auf. „Manche Bücher dürfen gar nicht verkauft werden. Oder sie stehen auf einem Index und wer sie kauft, bekommt danach gleich Besuch von der Magischen Polizeibrigade… Ich könnte mir vorstellen, dass ein Buch über dieses Thema nicht so leicht zu bekommen ist.“
„Dann müssen wir jemanden fragen, der viele schwarzmagische Bücher besitzt.“
„Ich kann Severus fragen, ob ihm jemand einfällt… Ich denke, irgendein Todesser hat sicher ein Buch darüber zu Hause. Nur wie soll er danach fragen, ohne sich verdächtig zu machen?“
Ron schnitt eine Grimasse. „Severus? Echt jetzt?“
Hermine setzte zu einer Erwiderung an, doch Harry, dessen Gesicht sich schlagartig aufgehellt hatte, fiel ihr ins Wort: „Ich wette, ein Todesser wie Malfoy besitzt ein Buch über Horkruxe!“
„Schön für Malfoy“, spottete Ron. „Wir können ihn ja schlecht fragen, ob er es uns ausleiht.“
„Müssen wir gar nicht“, sagte Harry und sprang auf. Er lief zu der Ecke, in der einige braune Säcke und Kisten standen. „Malfoys Bibliothek ist schon hier.“

Aus dieser Aussage wurde Hermine nicht klug. Sie tauschte einen Blick mit Ron, der ebenso ahnungslos mit den Achseln zuckte. Irgendwas schien Harry zwischen all den Säcken und Kisten zu suchen.
„Da ist er!“, rief er und zog einen Sack hervor, der sich auf den ersten Blick kaum von den anderen unterschied. Als er ihn unter den anderen hervorzog, ertönte ein lautes Rumpeln darin. Er schleifte ihn zu Ron und Hermine, die nicht verstanden, warum ihn ein dreckiger Kartoffelsack derart in Hochstimmung versetzte.
„Tadaaa! Die Bibliothek der Malfoys!“, verkündete er stolz und öffnete den Sack.
Ron runzelte die Stirn. „Wie viele Bücher sind das? Zehn? Das würde zumindest einiges erklären…“
Harry hörte ihm gar nicht zu, denn er hatte sich tief in den Sack gebeugt und nahm seine leuchtende Zauberstabspitze zur Hilfe, um darin etwas erkennen zu können. Hermine verstand auf Anhieb, womit sie es hier zu tun hatten.
„Ein unaufspürbarer Ausdehnungszauber!“, rief sie begeistert und kam neugierig näher. Darüber hatte sie schon einiges gelesen. Sie hätte diesen Zauber auch gerne ausprobiert, um ihre Dachkammer ein wenig geräumiger zu machen, doch diese Zaubersprüche galten als äußerst knifflig.
„Aber wie kommt der Orden zu Malfoys Bibliothek?... Oh… Ich verstehe.“ Ihre abweisende Miene machte deutlich, was sie davon hielt, dass der Orden sein Überleben mithilfe von Diebstählen und Überfällen finanzierte. Bei Lebensmitteln hatte sie fast noch Verständnis dafür – wie sonst sollte man so viele Rebellen mit Essen versorgen. Aber Bücher? Und wer weiß, was sonst noch alles? Das fand sie nicht richtig.
„Die Malfoys sind so reich, die können das verschmerzen… Verdammt… Das ist das reinste Chaos…“ Harrys Worte hallten, als würde er sich in einem riesigen Raum befinden. Er tauchte mit einem Buch in der Hand aus dem Sack wieder auf, blickte kurz auf den Titel – Abstecher mit Vampiren von Gilderoy Lockhart – und warf es achtlos beiseite.
„Kommt, wir müssen die Bücher ausräumen!“

Hermine und Ron halfen tatkräftig mit. Kurze Zeit später waren sie von unzähligen Büchern umgeben, nur leider waren keine darunter, die ihnen weiterhalfen. Manche davon waren sogar verzaubert, dass sich die Bilder darin bewegten. Was auch immer Harry und Ron in dem Buch Amouröse Abenteuer einer hemmungslosen Hexe entdeckten, es bescherte ihnen beim Durchblättern rote Köpfe. Sie ließen es schnell verschwinden, als Hermine einen Blick hineinwerfen wollte.

Nach einer Weile fragte Ron überrascht: „Was ist das?“ Er hielt ein Buch in die Höhe. Auf den ersten Blick war daran nichts Ungewöhnliches festzustellen, doch als er es bewegte, hörte es sich so an, als wäre es hohl und etwas darin verborgen. Es war in Wahrheit ein Kästchen, das nur wie ein Buch aussah.
„Los, mach es auf!“, forderte Harry.
So sehr sich Ron auch bemühte, die Seiten auseinanderzubekommen oder den ledernen Buchdeckel zu öffnen, es gelang ihm nicht. Deshalb richtete er seinen Zauberstab darauf und sagte: „Alohomora!“. Nichts geschah. Auch ein scharfer Hieb mit dem Zauberstab und der Befehl „Enthülle deine Geheimnisse!“ bewirkten nichts.

Ratlos blickte Ron zu Harry. „Soll ich’s mit einem Sprengfluch probieren?“
„Nein, bloß nicht. Damit machst du das, was darin ist, vielleicht kaputt!“, warnte Hermine ihn.
Harry umrundete das Kästchen und begutachtete es kritisch. „Mum ist echt gut darin, solche Banne und Flüche zu lösen. Mal sehen, ob mir das auch gelingt…“
Er schob die Ärmel seines karierten Hemds nach oben. „Geht lieber einen Schritt zurück“, warnte er die beiden.
„Sei vorsichtig, Harry“, bat Hermine und beobachtete gespannt, wie er einen Zauber nach den anderen sprach. Zuerst passierte gar nichts, dann jedoch begann das Kästchen heftig zu rütteln und zittern. Fast so, als würde es sich gegen Harrys Zaubersprüche sträuben.
Zunehmend aufgeregt beobachtete Hermine Harrys Versuche, den Zauberbann zu knacken. In dem Kästchen musste sich etwas Wertvolles befinden, denn sonst hätte sich bestimmt niemand die Mühe gemacht, es so gut zu schützen.

Die Aufgabe war anstrengend. Harry wischte sich den Schweiß von der Stirn, biss die Zähne zusammen und dachte gar nicht daran, aufzugeben. Immer heftiger zitterte das Kästchen und ein schwaches Glühen ging davon aus. Mit seinem Zauberstab vollführte Harry eine ausholende Armbewegung und ließ ihn auf das Kästchen niedersausen. Das Holz knackste und fast hätte Hermine gedacht, dass sein Zauberstab zu Bruch gegangen war, dabei hatte sich das Kästchen geöffnet.
„Was ist drinnen?“, fragte sie atemlos und stellte sich auf die Zehenspitzen, um hineinschauen zu können. Sie machte sogar einen Schritt darauf zu, doch Ron zog sie zurück und schüttelte den Kopf.
„Es gehört den Malfoys. Es könnte verflucht sein.“

Das musste sich auch Harry gedacht haben, denn er fasste den Inhalt nicht an, sondern stupste mit der Spitze seines Zauberstabes dagegen.
„Hmm… Scheint nicht verflucht zu sein“, meinte er ein paar Zaubersprüche später. Er zog seinen Hemdsärmel bis über seine Hand hinunter, um den Inhalt nicht mit seiner bloßen Haut zu berühren, und griff in das Kästchen.

Hermine hätte auf Gold oder Juwelen, zumindest irgendetwas von Wert getippt, doch Harry hielt nur ein kleines schwarzes Büchlein in die Höhe.
„Das ist alles?“, fragte Ron. Auch er hatte auf etwas Spektakuläreres gehofft.
Ratlos betrachtete Harry das Büchlein von allen Seiten. „Das ist von 1943 … aus der Londoner Vauxhall Road.“
Er legte es auf den Tisch, um darin zu blättern.
„Sei vorsichtig, Mann!“, warnte Ron ihn.
„Es ist nur ein Buch. Davor muss man keine Angst haben“, spottete Hermine.
„Ach ja? Mein Dad hat mir von Büchern erzählt, die einem in die Nase beißen oder dir die Augen ausbrennen. Es gibt auch welche, die Treiben dich in den Wahnsinn oder lassen dich nur noch in Limericks sprechen.“
„Okay, schon verstanden…“ Vorsichtig blätterte Harry es mit seinem Zauberstab auf. „Gehörte einem T. V. Riddle… Und es ist … ein wahnsinnig gefährlicher Taschenkalender… Noch dazu ein unbeschriebener.“
„Riddle?“ Ron runzelte die Stirn. „Den Namen hab ich schon mal gehört… glaub ich.“
„Sicher, dass er leer ist?“ Hermine trat näher und richtete ihren Zauberstab auf den Kalender. „Revelio!“
Harry blätterte die unbeschriebenen Seiten mit seinen bloßen Händen um. „Da steht nichts drin.“
„Warum sollte jemand einen leeren Kalender mit so einem großen Aufwand schützen?“, gab Hermine zu bedenken. Irgendetwas an der Sache machte sie misstrauisch.
Ron zuckte die Achseln. „Weil Malfoy ein Arsch ist. Vielleicht wollte er, dass jeder glaubt, dass sich in dem Kästchen etwas Wertvolles befindet. Dabei ist es nur Müll.“
„Es hilft uns jedenfalls nicht weiter bei unserer Suche nach den Horkruxen.“ Er wollte es schon zu den anderen Büchern auf den Boden schmeißen, doch Hermine nahm es ihm aus der Hand.
„Bevor du es wegschmeißt, würde ich es gerne als Notizheft verwenden.“
„Klar“, meinte Harry gleichgültig. „Nimm es ruhig. Es ist sowieso wertlos.“
Hermine steckte es in die Tasche ihres Mantels. Sie nahm sich vor, es Severus zu zeigen. Vielleicht enthielt es doch irgendwelche Geheimnisse.

Sie suchten noch gut eine Stunde weiter nach Hinweisen, bis sie hüfthoch in einem Meer aus Büchern standen. Hermine hatte überraschend Glück. In einem abgegriffenen Exemplar von Gar böse Zauberey stieß sie in der Einleitung auf den Begriff „Horkrux“.
„Schaut mal her!“, rief sie und Ron und Harry eilten an ihre Seite. „Da steht was…von dem Horkrux, der ruchlosesten von allen magischen Erfindungen, wollen wir schweigen und auch keinen Fingerzeig geben… Ernsthaft? Ich meine, warum erwähnen sie ihn dann überhaupt?“, fragte sie ungehalten und knallte das alte Buch zu; es ließ ein gespenstisches Wehklagen ertönen. „Ach, halt die Klappe“, fauchte sie aufgebracht und warf es zu den anderen.
Harry schüttelte bedächtig den Kopf. „So kommen wir nicht weiter. Wir müssen uns was anderes einfallen lassen.“
Sie verfielen in nachdenkliches Schweigen, das von Hermines lautem Magenknurren beendeten wurde. Es was ihr schrecklich peinlich war, doch Harry grinste nur. „Wir sollten eine Pause einlegen.“

Während Hermine den beiden half, die bereits begutachteten Bücher in die leeren Regale schweben zu lassen, ging sie im Kopf die verbleibenden Optionen durch. Wenn sie Lily überzeugen wollten, brauchten sie mehr Informationen über die Horkruxe. Aber woher sollten sie die bekommen? Hermine war ratlos. Vielleicht hatte Severus eine Idee. Die einzige Person, die vermutlich mehr über Horkruxe wusste, konnte sie nicht fragen: Rosier würde ihr sicherlich nicht helfen. Bei dem Gedanken, mit diesem schrecklichen Menschen auch nur noch ein Wort zu wechseln, wurde ihr flau im Magen. Während der Suche nach den Hinweisen hatte sie Rosier und das, was er zu ihr gesagt hatte, für kurze Zeit vergessen. Nun kehrten seine Worte mit aller Macht zurück.

„Alles okay?“, fragte Ron, der offenbar ihren traurigen Blick bemerkt hatte.
„Nicht wirklich“, antwortete sie und erzählte ihm von Rosier.
Zuerst war sämtliche Farbe aus Rons Gesicht verschwunden, doch dann, als sie ihm von seinen Gemeinheiten in der Küche berichtete, lief sein Kopf vor Wut rot an. „Ich begleite dich zurück. Und wenn der Kerl es noch einmal wagen sollte, dich zu beleidigen, dann… dann…“
Seine Reaktion entlockte Hermine ein leichtes Lächeln. „Das ist wirklich lieb von dir, aber das ist nicht notwendig… Ich schaffe das schon … Er ist ja bald weg.“ Hoffentlich, fügte sie in Gedanken hinzu.
„Außerdem kannst du nicht weg. Du musst doch meine Mum für Snape ausspionieren“, meinte Harry grinsend.
Ron machte eine säuerliche Miene. „Sie ist mir schon wieder entwischt.“
„Tja, wenn du meine Mum ausspionieren willst, musst du dir schon mehr Mühe geben“, ärgerte Harry ihn.
„Wann kommt sie denn wieder zurück?“, fragte Hermine.
„Keine Ahnung… Weiß ich wirklich nicht“, beteuerte er, weil Ron misstrauisch die Stirn gerunzelt hatte.

Nachdem sie das größte Chaos beseitigt hatten, führte Harry sie in die Kantine. Dort hielten sich die meisten Rebellen auf, denn hier gab es immer etwas zu essen, auch wenn es meistens nur eine Suppe oder ein Eintopf war. Der große Raum mit den fielen bunt zusammengewürfelten Tischen und Stühlen war auch der ideale Ort, um die neuesten Nachrichten auszutauschen.
Harry grüßte einige Leute im Vorbeigehen, blieb hin und wieder kurz stehen, um mit den Ordensmitgliedern ein paar Worte zu wechseln, während Hermine und Ron nach einem freien Tisch suchten.

Das darauffolgende Schweigen zwischen ihnen empfand Hermine als äußerst unangenehm. Umso erleichterter war sie deshalb, dass Harry schon bald mit drei schwebenden Tellern Suppe zu ihnen zurückkehrte.
„Soll ich euch etwas wirklich Tolles zeigen?“, fragte er, als sie mit dem Essen fertig waren.
„Ja… Gerne.“ Hermine war für ein bisschen Ablenkung dankbar. Und für jede Ausrede, noch nicht nach Hause und damit zu Rosier zurückkehren zu müssen.
„Kommt mit, das müsst ihr euch unbedingt ansehen… Ich hoffe, es funktioniert.“

Er führte sie zu einer Art Schrank auf Rollen, der mit einem weißen Leintuch bedeckt war. Mit einem Ruck zog Harry es herunter und ein großer, massiger Fernseher auf einem Rollwagen kam zum Vorschein. Er positionierte ihn so, dass auch die anwesenden Rebellen einen guten Blick auf den Bildschirm hatten.
„Na, was sagt ihr?“
„Funktioniert denn der?“, fragte Ron skeptisch, trat aber neugierig näher.
„Na ja… Sirius hat irgendwie ein Händchen dafür, den zum Laufen zu bringen. Die viele Magie in der Luft stört den Empfang und weil wir ja keinen Strom haben, läuft der mit Magie, was wiederum den Empfang stört… Aber Mum wollte den unbedingt haben. Sie meint, dass es wichtig ist, damit wir über alles informiert sind.“
Er stupste den riesigen schwarzen Kasten mit seinem Zauberstab an. Erst flackerte der Bildschirm, dann war ein schwarz-weißes Schneegestöber zu sehen.
„Ah ja… Das passiert schon mal…Aber jetzt sollte es gleich funktionieren…“ Er montierte zwei lange Metallstäbe auf dem Fernseher, die wohl als Antenne dienen sollten. Er drehte sie behutsam in verschiedene Richtungen. Das Schneegestöber wurde dadurch mal schwächer, mal stärker, aber Empfang hatten sie keinen.
„Das gibt’s doch nicht…“, murmelte er und schlug verärgert gegen das Gehäuse.
„Ist ja nicht so schlimm. Die Idee-“ Hermine verstummte, als plötzlich das verzerrte Bild einer Nachrichtensprecherin in einem beigen Kostüm zu sehen war.
„Ha!“ Harry grinste breit und bewegte die Antennen nur sehr vorsichtig, um den Empfang zu verbessern. Es gelang ihm tatsächlich, ein halbwegs ordentliches Bild und sogar Ton zu empfangen.
„-in London. Das Projekt ist die Idee von Madame Snape. Sie hat mit der Arbeit an dem Frauenhaus begonnen, als ihr Sohn Severus Snape noch die Hand seiner Lordschaft gewesen ist.

Immer mehr Rebellen scharrten sich neugierig um den Fernseher. Hermine konnte kaum glauben, dass Madame Snapes Wohltätigkeits-Projekt so wichtig war, dass sogar im Fernsehen darüber berichtet wurde. Doch sie freute sich für die alte Dame, weil sie so viel Zeit und Herzblut in dieses Projekt gesteckt hatte.
Im Fernsehen wurde ein einfaches, mehrstöckiges Wohnhaus gezeigt. Mrs Snape stand davor und durchtrennte mit ihrem Zauberstab eine große rote Schleife am Eingang.
Die offizielle Eröffnung fand erst heute statt, obwohl bereits vier Frauen mit ihren Kindern dort ein vorübergehendes Zuhause gefunden haben“, erzählte die Stimme aus dem Off.
Wir schalten nun live nach London, zu einem Interview mit der Schirmherrin“, verkündete die Sprecherin.
Der Bildschirm wurde geteilt. Rechts sah man die Nachrichtensprecherin, links den Reporter im dunkelbraunen Mantel und Mrs Snape in Großaufnahme. Sie lächelte gezwungen in die Kamera.
Madame Snape, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen, um ein paar Fragen zu beantworten. Können Sie unseren Zuschauerinnen und Zuschauern etwas über das Projekt erzählen?“, fragte der Reporter.
Sehr gerne“, antwortete Mrs Snape. „Dieses Haus ist ein Zufluchtsort für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Sie können mit ihren Kindern hierherkommen. Das Haus ist rund um die Uhr bewacht und es sind immer Heiler anwesend, die sich mit solchen Fällen auskennen. Es muss keiner Frau, egal ob Hexe oder Muggel, peinlich sein, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen. Ich weiß, dass Betroffene oft nicht den Mut haben, ihren Mann zu verlassen“, ihre Stimme wurde für einen Moment brüchig, doch sie räusperte sich und fuhr rasch fort, „aber hier kann man ihnen helfen. Kostenlos. Und einen Ausweg finden, selbst wenn man das Gefühl hat, dass es keinen gibt.“
Vielen Dank, Madame Snape. Und hier ist noch der Bürgermeister…
Mit einem knappen Kopfnicken verabschiedete sie sich. Im Hintergrund warteten einige andere Reinblüterinnen. Zuerst sah es so aus, als würde Mrs Snape zu ihnen gehen, doch dann machte sie abrupt kehrt und eilte zum Frauenhaus auf der anderen Straßenseite zurück. Man konnte noch erkennen, wie sie durch die Tür verschwand, während der Bürgermeister das Projekt überschwänglich lobte.

Alles sah friedlich aus. Aus dem Fenster im ersten Stock winkte ein kleines Kind auf dem Arm seiner Mutter in die Kamera. Es hielt einen Cupcake in der Hand. Die Frau lächelte glücklich. Erleichtert. Wer wusste schon, was sie zuvor durchgemacht hatte.

Im nächsten Moment explodierte das Haus.

Die Druckwelle der Detonation erfasste die Kamera und schleuderte sie zu Boden. Für einen Augenblick war die Übertragung abgerissen. Danach war kaum etwas zu erkennen, weil der Staub ihnen die Sicht raubte.
Ein erstickter Schrei löste sich aus Hermines Kehle, bevor sie die Hände vor den Mund schlug. Wie betäubt starrte sie den Fernseher an und versuchte zu begreifen, was soeben geschehen war, doch ihr Kopf war wie leergefegt.
Verfluchte Scheiße!“, hörte man den Reporter rufen. „Was war das?“
Die Nachrichtensprecherin schien das gleiche zu denken, versuchte aber ihre Professionalität zu wahren. „Wie es aussieht, gibt es technische Schwierigkeiten… Deshalb beenden wir die Live-Schaltung nach London…? Nicht? Aber…“ Sie blickte zunehmend verwirrt über die Kamera hinweg, zu den Personen, die dahinter standen und offensichtlich verlangten, dass sie mit dem Bericht weitermachte.
Nun… Meine sehr verehrten Zuschauerinnen und Zuschauer… Wie Sie anhand dieser Live-Bilder sehen können, gab es soeben einen… ähm… tragischen Zwischenfall. Jeff, kannst du näher rangehen?“, fragte sie den Kameramann.
Das Bild verschwamm, als Jeff die Kamera hochhob. Der Reporter kam hustend ins Bild. Sein dunkelbrauner Mantel war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Im Hintergrund waren bereits die Sirenen der Einsatzkräfte zu hören und Stimmen, die wild durcheinanderschrien.
Das war eine Explosion!“, erzählte der Reporter aufgeregt und wandte der Kamera den Rücken zu, um zu erkennen, wie das Haus hinter ihm nun aussah. „Mein Gott, es ist alles zerstört… die Frauen und Kinder… Was ist das?
Er hob den Kopf und die Kamera folgte seinem Blick. Das Bild wurde unscharf, bis der Zoom das eingefangen hatte, was der Reporter trotz des Staubs in der Luft entdeckt hatte. Über dem Unglücksort flogen mehrere Gestalten auf Besen.
Es sieht so aus, als wären die Brigadisten bereits hier…Moment mal… Das sind keine Brigadisten!
Die Kamera zoomte an die fliegenden Gestalten heran. Die bunten Umhänge gehörten auf keinen Fall zu den Ministeriumsleuten.
„Sind das unsere Leute?“, fragte jemand von den Rebellen.
Unmittelbar in der Nähe der Kamera landeten die Personen. Eine von ihnen, mit einem lilafarbenen Umhang, näherte sich der Kamera. Sie hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und trug noch dazu eine Maske um die Augen.
Bleib drauf, Jeff!“, wies der Reporter den Kameramann an, wich aber selbst ein paar Schritte zurück.

Beim Näherkommen schlug die Person ihre Kapuze zurück und zeigte ihre dunkelroten Locken. Als sie fast direkt vor der Kamera stand, nahm sie die Maske ab. Ihre grünen Augen leuchteten.
Neben Hermine keuchte Harry entsetzt auf.
Das ist diese verrückte Terroristin!“, japste der Reporter.
Tot allen Reinblütern!“, rief Lily in die Kamera und streckte die Faust in die Luft. „Das war erst der Anfang! Ihr wolltet Krieg – da habt ihr ihn! Und wer sich uns in den Weg stellt, wird genauso sterben!
Sie lachte. Bösartig. Kalt. Wahnsinnig.
Ihr werdet alle sterben!

Plötzlich wurde das Bild schwarz. Der sichtlich mitgenommenen Nachrichtensprecherin fehlten für einen Moment die Worte.
Das… das war ein Live-Bericht aus London, wo vor wenigen Minuten“, sie änderte ihre Blickrichtung und man hörte deutlich, dass sie nun eine Botschaft vorlas und nicht mehr versuchte, die Geschehnisse in eigene Worte zu fassen, „ein weiterer Terroranschlag stattgefunden hat. Das Ziel dieses heimtückischen und feigen Gewaltakts waren unbewaffnete Frauen und Kinder in einer karikativen Einrichtung. Wie ich soeben gehört habe, gibt es gleich ein Statement von-“

Der Zauberstab in Harrys Hand zitterte heftig, trotzdem hatte er es geschafft, den Fernseher auszuschalten.
Die Stille in der Kantine hielt aber nur einen Augenblick an. Das aufgeregte Getuschel der Rebellen schwoll immer mehr an. Einzelne Rufe wurden laut.
„War das wirklich Lily?“
„Warum hat sie das gemacht?“
„Das waren die Todesser! Nicht unsere Leute!“
„Lüge!“
Harry stand vor ihnen und schwankte sichtbar, befeuchtete sich die Lippen und betrachtete seine Mitstreiter und ihre teils fassungslosen, teils wütenden Gesichter wie benommen. Es dauerte einen Moment, bis er imstande war, auf die Vorwürfe einzugehen. „Das war nicht meine Mutter“, beteuerte er, zuerst leise, dann immer lauter werdend. „Wie kann auch nur einer von euch denken, dass sie zu so etwas fähig wäre?“

Bestürzt beobachtete Hermine, dass einige Rebellen aufstanden und hastig den Saal verließen. Die Blicke, die sie dabei Harry zuwarfen, versetzten ihr einen Stich. Mit ein paar wackeligen Schritten eilte sie an Harrys Seite.
„Lily war das nicht!“, rief sie und wünschte sich zugleich eine viel lautere Stimme, um das Gerede zu übertönen. „Ich bin mir sicher, dass… das Vielsafttrank gewesen ist! Oder-“
„Wo ist sie? Wo ist unsere Anführerin?“, fragte ein Mann aufgebracht.
„Ich-ich weiß es nicht“, gestand Harry.
Nun stellte sich auch Ron neben Harry, um ihm den Rücken zu stärken. „Wie könnt ihr das glauben?“, fragte er. „Seid ihr bescheuert?“

Was sie auch sagten, die Leute hörten ihnen nicht zu.
„Wir müssen meine Mum suchen!“, drängte Harry und wollte davonstürmen, doch Hermine hielt ihn zurück.
„Wo willst du sie suchen, wenn du nicht weißt, wo sie ist? Du musst hierbleiben und auf sie warten.“
„Und wenn sie mich braucht? Was, wenn sie unter dem Imperius-Fluch steht?“
Hermine sah ihn eindringlich an. „Sie war das nicht! Wir dürfen nicht zulassen, dass ihre Lügen bei uns wirken. Das ist doch genau das, was die Todesser wollen. Uns entzweien.“
Ein kurzer Seitenblick genügte, um ihre Vermutung zu bestätigen: Weitere Rebellen hatten in der Zwischenzeit die Kantine verlassen.
Harry nickte fahrig. „Ja… Ja, du hast recht. Ich werde warten…“
„Ron, bleib bei ihm, ja?“, bat Hermine.
Er nickte. „Und was machst du?“
„Ich kehre nach Snape Manor zurück. Vielleicht … vielleicht weiß Severus etwas.“ Ob er bereits erfahren hatte, dass seine Mutter…?
Nein, ermahnte Hermine sich streng. Noch bestand Hoffnung, dass sie die Explosion überlebt hatte. Die alte Dame war zäh. Immer wieder überlebten Menschen die gefährlichsten Situationen nahezu unverletzt. Alles, was sie brauchte, war nur ein bisschen Glück.

Hermine hörte nicht hin, was Ron und Harry ihr nachriefen. Sie achtete nicht darauf, wohin ihre Füße sie trugen. . Erst, als sie vor dem Versteck stand und ihr ein kalter Wind ins Gesicht wehte, schreckte sie auf. Sie atmete ein paar Mal tief durch und schluckte, doch die Enge in ihrer Kehle verschwand nicht. Tränen brannten in ihren Augen.
Vor ein paar Stunden hatte sie noch gedacht, dass Rosiers Gemeinheiten das Schlimmste wären, was ihr an diesem Tag widerfahren würde. Und sie hatte Angst gehabt, beim Apparier-Training zu versagen. Wie lächerlich und unbedeutend ihre Sorgen gewesen waren.
Alles hatte sich schlagartig verändert. Nichts würde mehr so sein, wie es gewesen war.

Hermine hatte sich davor gefürchtet, dass es zu einem Krieg kommen würde. Auch diese Befürchtung war nun überflüssig.
Der Krieg ist schon da, dachte sie, konzentrierte sich auf Snape Manor und disapparierte.

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*versteckt sich schnell*

Anmerkung: Manche Dialogteile stammen diesmal direkt aus  "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" und "Harry Potter und der Halbblutprinz"... Passen sie nicht perfekt?

Mein Dank gilt wie immer meinem phänomenalen Schreibbuddy Marginalie!

Nächsten Donnerstag geht's weiter!
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