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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
11.08.2022
51
227.631
117
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Dieses Kapitel
5 Reviews
 
26.08.2021 2.115
 
Kapitel 3: Ein neues Zuhause


Als die zwei uniformierten Männer am Abend die schäbige Kammer betraten, die Hermine sich mit anderen Muggel-Frauen teilen musste, wusste sie sofort, dass sie ihretwegen gekommen waren.
Grob zerrten sie Hermine auf die Beine, ließen sie kaum nach dem Bündel greifen, das ihre wenigen Habseligkeiten enthielt, und schleiften sie nach draußen. Borgin folgte ihnen mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. Bei jedem Schritt klimperte das Gold in seinen Taschen.

Hermine zitterte am ganzen Körper, doch ihr Frösteln hatte nichts mit der kalten Januar-Luft zu tun. Borgin hatte seine Drohung wahr gemacht und sie an die Sirene verkauft. Dieser Schock saß Hermine so tief in den Knochen, dass sie zuerst kaum Widerstand leistete, doch als sich das ungleiche Dreiergespann dem dunklen Wagen vor dem Geschäft näherte, erwachte sie aus ihrer Trance. Wäre sie erst einmal in dem Auto, gäbe es kein Entrinnen mehr.
„Nein!“, keuchte Hermine entsetzt. Sie wollte sich von den Uniformierten losreißen, wehrte sich mit Händen und Füßen gegen deren eisernen Griff. Ja, sie trat einem der Männer sogar gegen das Schienbein und biss den anderen in die Hand, doch durch seine Handschuhe schienen er nichts zu bemerken.
Dann geschah es. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus, das immer stärker wurde. Ihr wurde plötzlich so heiß, dass sie schon fürchtete, von innen heraus verbrennen zu müssen. Auf einmal lockerten die Männer ihren Griff. Mit einem lauten Schmerzensschrei ließ der eine Uniformierte Hermine los und sie nutze sogleich die Chance. Sie rannte davon, doch sie kam nicht weit, denn sie hatte vergessen, dass Borgin sie begleitet hatte.
Stupor!“, rief er und Hermine spürte nur noch, wie der Fluch sie in den Rücken traf, ehe es dunkel um sie wurde.

***


„So ein dürres Klappergestell.“
Nur mit viel Anstrengung schaffte Hermine es, ihre Augen zu öffnen. Sie rappelte sich mühsam von dem kalten Steinboden auf und blickte sich verwirrt um. Dem Anschein nach befand sie sich in einem kleinen Büro, denn hinter einem Schreibtisch saß eine streng aussehende Frau mit einer ausgeprägten Adlernase, die jede Bewegung Hermines mit einem mürrischen Gesichtsausdruck beobachtete. Graue Strähnen durchzogen ihr schwarzes Haar. Das smaragdgrüne Kleid wies die Frau als reinblütiges Mitglied der Oberschicht aus. Eine Hexe.

Die Erinnerung an ihren Abtransport kehrte mit aller Macht zurück. Hermine schloss für einen kurzen Moment die Augen. Das war also der Anfang von ihrem Ende.
„Steh auf, Mädchen. Wie heißt du?“
Sie erhob sich vom Boden und blieb unsicher vor dem Schreibtisch stehen. „Her-hermine Granger… Herrin“, fügte sie noch schnell hinzu.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn, Herrin.“
„Muggel?“
„Ja.“

Die Frau betrachtete sie mit einem Blick, wie man einen Kaugummi ansehen würde, den man auf seiner Schuhsohle entdeckt hatte. Dann seufzte sie tief.
„Ich werde schon eine Aufgabe für dich finden. Hast du schon einmal in so einem großen Haus gearbeitet?“
Hermine schüttelte den Kopf. Zum Glück hatte sie noch nie in so einem Etablissement arbeiten müssen! Doch das Glück hatte sie offensichtlich endgültig verlassen.
„Hast du irgendwelche besonderen Fähigkeiten? Kannst du irgendetwas besonders gut?“
Erneut schüttelte Hermine den Kopf und senkte den Blick.
„Nichts? Willst du mir erzählen, dass du völlig unerfahren bist?“
„Nein, das bin ich nicht… Ich weiß schon… einige… Dinge…“ Hermine wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
Mit einem theatralischen Seufzen erhob sich die Hexe. „Dann wird es wohl das Beste sein, wenn du am Anfang nur den anderen Mädchen zuschaust und ihnen zur Hand gehst, wenn sie Hilfe brauchen.“
Das war alles so entwürdigend! Das Brennen in Hermines Kehle und in ihren Augen wurde immer stärker. Sie musste sich zusammenreißen, denn sie hatte sich geschworen, tapfer zu sein, egal wie aussichtslos ihre Lage auch sein würde.
„Lass dich mal genauer ansehen.“ Die Hexe kam hinter ihrem Schreibtisch hervor. Sie legte einen Finger unter Hermines Kinn und hob deren Kopf, um ihr ins Gesicht blicken zu können. „Du hast schöne Augen. Warm. Wissbegierig und klug.“
Die Augen der Hexe waren im Gegensatz dazu fast schwarz. Sie lächelte, was die Falten um ihre Augen deutlich hervortreten ließ.
„Du brauchst dringend ein neues Kleid. So kann ich dich hier nicht herumlaufen lassen“, meinte sie mit einem Blick auf das zerschlissene graue Etwas, das lose an Hermines Körper hing.

Die Hexe schwang ihren Zauberstab und mit einem leisen Klick öffnete sich ein Kleiderschrank in der Ecke.
„Ich habe bestimmt etwas in deiner Größe für dich.“
Sie ging hinüber, öffnete die Türen und versperrte Hermine dadurch den Blick auf den Inhalt. Dennoch konnte Hermine sich lebhaft vorstellen, was sich darin befand, vor allem, welche Farbe darin vorherrschend wäre: Gelb. Nicht die Farbe der Freude, sondern der Freudenmädchen.
Hermine hatte keine Erinnerungen an jene Zeit, als man noch die Farben tragen durfte, die man wollte. Als man noch eine Wahl gehabt hatte. Seit der Dunkle Lord an der Macht war, musste jeder die Farbe tragen, die seinem Stand oder seinem Beruf entsprach. Braun für die gewöhnlichen Muggel. Grau für die unfreien Muggel, Blutsverräter und Verbrecher. Gelb für die Huren. Mit nur einem Blick würde man Hermine ansehen, wie tief sie gesunken war.
„Ah ja, das könnte passen“, meinte die Hexe und hielt ein schlichtes graues Kleid in die Höhe.
Grau? Hermine traute ihren Augen nicht.
Die Hexe kam zu ihr und hielt ihr das Kleid an. „Ja, das passt. Du kannst dieses scheußliche Ding gleich ausziehen… Na los, hop hop.“

Noch immer verwirrt wandte Hermine der Hexe den Rücken zu und schlüpfte aus ihrem Kleid. Hinter ihr sog die Hexe scharf die Luft ein, als sie die Narben und blauen Flecken auf Hermines Haut entdeckte, deshalb zog sie schnell das neue Kleid an. Es passte ihr besser als das alte, denn die Ärmel waren länger und der Saum reichte diesmal sogar bis zur Mitte ihrer Waden. Auch der Stoff war angenehmer und kratzte sich nicht so schrecklich auf ihrer Haut.
Ohne die Verletzungen zu erwähnen, reichte ihr die Hexe noch eine weiße Haube. „Die musst du bei der Arbeit tragen.“
„Danke, Herrin.“ Sie flocht ihr Haar schnell zu einem Zopf, setzte die Haube auf und stopfte die losen Haarsträhnen darunter, damit sie ihr nicht mehr ins Gesicht fielen.
„Gut. Und nun zeige ich dir, wo du schlafen wirst. Folge mir.“

Die Hexe führte Hermine durch enge, verwinkelte Gänge mit vielen Türen. „Die Männer schlafen unten“, erklärte sie und führte Hermine zu einer schmalen Treppe. „Die Frauen oben.“
Sie stiegen die Treppe hinauf. Hermine war schon bald außer Puste und hielt sich ihre schmerzenden Rippen, doch endlich hatten sie den Dachboden erreicht. Auch hier gab es einen Flur mit vielen Türen. Die letzte Türe auf der rechten Seite öffnete die Hexe.
„Du teilst dir das Zimmer mit einem anderen Mädchen. Elizabeth Riley. Sie ist schon länger hier, sie wird dir alles erklären.“
In dem Zimmer gab es nur zwei Betten, eine Kommode dazwischen und einen Kleiderschrank. Durch ein kleines, rundes Fenster konnte man den Nachthimmel sehen. Im Vergleich zu den Zimmern, in denen Hermine vorher hatte schlafen müssen, kam diese enge Dachkammer einem Paradies gleich.
Aber das passte alles nicht zu dem, was Hermine über die Sirene gehört hatte. Das beunruhigte sie sehr.

Als die Hexe schon das Zimmer verlassen wollte, fragte Hermine zögerlich: „Wo bin ich hier eigentlich?“
Überrascht wandte sich die Hexe zu ihr um. „Das weißt du gar nicht? Du weißt nicht, wer dich gekauft hat?“
„Nein… Borgin – Ich meine, Meister Borgin meinte, er würde mich an… die Sirene verkaufen.“
Die Hexe lachte kurz auf. „Du dachtest also, das hier wäre ein Bordell?“ Die Vorstellung schien sie zu amüsieren. Diese Reaktion verunsicherte Hermine noch zusätzlich.
„Ja, ich dachte…“
„Nein, nein, mein liebes Täubchen. Das hier ist Hetfield House. Es gehört meinem Sohn. Er ist des zweitwichtigsten Mannes in unserem Staat. Dein neuer Herr ist der engste Vertraute des Dunklen Lords, seine sogenannte ‚Hand‘. Bestimmt hast du schon von ihm gehört. Sein Name ist Severus Snape.“

***


Nachdem Mrs Snape die Dachkammer verlassen hatte, ließ Hermine sich auf dem Bett nieder und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie war nicht in der Singenden Sirene. Das wäre eigentlich ein Grund zur Freude gewesen, aber stattdessen gehörte sie nun dem wahrscheinlich schrecklichsten Zauberer Großbritanniens.
Nein, korrigierte sie sich. Sie gehörte niemandem – nur sich selbst. Sie war keine Ware, auch keine Sklavin, sie war ein Mensch. Zauberer sahen das vielleicht anders, die Gesetze sagten mit Sicherheit etwas anderes, aber sie wusste es besser. Hermine durfte diese Gedanken in ihrem Kopf nicht zulassen. Die Zauberer herrschten über sie, aber sie würde sich von ihnen nicht beherrschen lassen. Niemals.

Um sich ein wenig von ihrer trostlosen Situation abzulenken, sah Hermine sich in der Kammer um. An der Wand über dem linken Bett hingen Fotos. Sie bewegten sich nicht, deshalb war sie sich sicher, dass ihre Zimmergenossin auch ein Muggel war. Neugierig betrachtete sie die Fotos. Darauf war eine glückliche Familie zu sehen. Vater, Mutter und drei hübsche Kinder mit blonden Haaren. Die älteste Tochter hatte ihre Arme um die zwei jüngeren Geschwister geschlungen. Der kleine Junge war davon nicht sonderlich begeistert, die etwas ältere Schwester schon.

Hermine wurde das Herz schwer, als sie an ihre eigenen Eltern dachte. Sie vermisste sie sehr und hoffte inständig, dass es ihnen gut ging. Es musste einfach so sein. Nur der Gedanke, dass es ihnen gut ging, ließ sie nicht verzweifeln und gab ihr die Kraft, weiterzumachen und durchzuhalten. Zwei Jahre noch. Dann würde sie ihre Eltern endlich wiedersehen.

Auf einmal ging die Tür auf und das ältere blonde Mädchen von den Fotos betrat die Dachkammer. Sie lächelte freundlich.
„Hallo! Du bist Hermine, nicht wahr?“ Mit ihren großen braunen Augen musterte sie ihre neue Zimmergenossin neugierig und erzählte, ohne Luft zu holen: „Ich bin Elisabeth Riley, aber jeder sagt Elsie zu mir. Na ja, jeder außer Mrs Snape. Und Mr Snape. Die sagen nur Riley. Und Mrs Cole, die nennt mich immer dumme Gans. Ich nenn sie dafür Küchendrache, aber das darf sie natürlich nicht hören, sonst würde sie mich“, sie strich sich mit dem Finger quer über die Kehle, „aber keine Sorge, das würde sie nicht wirklich tun – hoffe ich zumindest.“
Elsie schien kaum älter als sie selbst zu sein. Zögerlich erwiderte Hermine ihr Lächeln, was das andere Mädchen als Einladung missverstand, sich zu ihr aufs Bett zu setzen.
„Also, Hermine, erzähl mal. Warum bist du hier?“
„Aus dem gleichen Grund wie du, schätze ich.“
„Wirklich? Dann hast du auch versucht, 'nen Todesser mit 'nem Auto zu überfahren?“
Hermine sah sie entgeistert an. „Du hast was?“
Elsies Lachen erinnerte Hermine an eine Robbe. Dass sie sich dabei noch auf die Schenkel klatschte, verstärkte den Eindruck sogar noch. „Oh Mann, dein Gesicht!“ Sie grinste verschlagen. „Nee, hab ich nicht, hätte ich aber gerne. Ich hätte gerne den Zauberer überfahren, dem ich das hier zu verdanken habe.“ Sie schob den Ärmel hoch und deutete auf das „M“, das in ihren rechten Unterarm eingebrannt war. „Ich war Verkäuferin und da war dieser Stammkunde, ein Zauberer, der immer sehr nett“, sie zeichnete mit ihren Zeigefingern Anführungszeichen in die Luft, „zu mir war. Ich dachte, er mag mich wirklich. Also bin ich mit ihm in seine Wohnung und wir haben, na ja, du weißt schon. Aber irgendein Arsch hat uns verpfiffen. Hat 'ne Anzeige wegen Verstoß gegen die Blutgesetze gegeben und dann hat er doch tatsächlich behauptet, dass ich IHM 'nen Liebestrank untergejubelt hätte. Dieser notgeile Wi- äh Winzling. Ich hatte die Wahl zwischen Gefängnis oder 'nem Jahr Sklaverei äh Dienstbarkeit. Und so bin ich hier gelandet. Und du?“
Elsie hatte offensichtlich trotz ihrer Jugend schon viel erlebt. Hermine zögerte, ihr die ganze Wahrheit zu erzählen, obwohl das Mädchen sehr nett zu sein schien. In den letzten Jahren hatte Hermine gelernt, dass es nicht klug war, fremden Menschen schnell zu vertrauen.  
„Meine Eltern hatten Schulden, die sie nicht bezahlen konnten. Deshalb hätte mein Vater ins Gefängnis müssen, aber er ist krank. Und deswegen habe ich seine Strafe übernommen.“
„Du bist 'ne gute Tochter, ehrlich. Und wie lange hast du noch?“
„Zwei Jahre. Und du?“
Elsie sprang vom Bett auf und zog aus der unteren Schublade der Kommode ein Schneidermaßband heraus, von dem bereits einige Zentimeter fehlten. „78 Tage! Dann bin ich endlich wieder frei!“
Sie ließ sich auf ihr Bett fallen, drückte das Maßband gegen ihre Brust und seufzte glücklich.

Freiheit.
Gibt es die überhaupt?, fragte Hermine sich. Seit der Dunkle Lord an der Macht war, hatte das Wort einen bitteren Beigeschmack bekommen, denn wirklich frei war man nie.

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Vielen Dank für die vielen Favoriteneinträge und Empfehlungen!
Wer wissen möchte, wie es früher, vor Voldemorts Herrschaft,  in der Singenden Sirene war, kann das hier nachlesen. ;-)
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