Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
19.05.2022
40
167.616
103
Alle Kapitel
227 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
20.01.2022 6.052
 
Kapitel 26: Rettung in letzter Sekunde

Stickig und schwül war die Luft im Londoner Untergrund. Das Licht ihrer Zauberstabspitzen tanzte unruhig über die nackten Tunnelwände. Dort, wo es früher vor Muggeln und Rebellen nur so gewimmelt hatte, war es nun totenstill.

Ungelenk kletterte Joshua Goldhorn über die Überreste einer weiteren provisorischen Barrikade. Alte Möbel und Holzlatten hatten die Inferi nicht aufhalten können. Seine Heilertasche war dabei eher hinderlich, doch er legte sie nicht aus der Hand, um sie im Notfall griffbereit zu haben. Bis jetzt hatte er sie noch nicht gebraucht. Nichts als Tod und Zerstörung hatten die Todesser zurückgelassen. Hier unten schien es niemanden mehr zu geben, dem er helfen konnte.

Auf der anderen Seite des Hindernisses wischte Joshua sich mit der freien Hand den Schweiß von der Stirn und kämpfte gegen die Übelkeit an, die ihm die für seinen Geschmack viel zu niedrigen Tunnelwände bescherten. Mit jedem Schritt nahm das Engegefühl in seiner Brust zu. Nur die Erinnerung an seinen Eid, den er als Heiler geschworen hatte, ließ ihn nicht Hals über Kopf die Flucht ergreifen. Irgendwo hier gab es Menschen, die seine Hilfe brauchten. Er musste sie nur finden.
Seine Begleiter suchten währenddessen unter den Trümmern nach Überlebenden. Ihre gemurmelten „Homenum revelio“-Zauber blieben jedoch ohne Erfolg.

„Es ist sinnlos. Kehren wir um.“ Cleo, die Anführerin ihrer kleinen Truppe, klang genauso frustriert, wie Joshua sich fühlte.
„Gute Idee. Hauen wir ab“, stimmte der Zauberer zu, der von allen nur „Little John“ gerufen wurde. Dessen echten Namen kannte Joshua nicht. „Da vorne gibt’s einen alten Notausgang. Wenn wir den nehmen, sind wir schnell wieder draußen.“
„Nein, wir sollten lieber zurückgehen.“
„Was? Das ist doch ein Umweg.“
„Wieso Umweg?“

Während die zwei darüber diskutierten, welches Vorgehen sicherer war, erkundete Joshua die Umgebung. Er wollte nur noch zurück an die Oberfläche, wie sie das anstellten, war ihm egal.
Ohne große Hoffnung sagte er „Homenum revelio!“ und erstarrte, als der Zauber ihm plötzlich die Position eines Überlebenden anzeigte.
„Hier ist jemand!“, rief er aufgeregt und lief zu der markierten Stelle. Cleo und Little John folgten ihm.

Begraben unter Schutt und Mauerresten fanden sie einen schwerverletzten Mann, dessen linker Unterarm fehlte. Sein Puls war schwach und sein Atem ging flach. Er war bewusstlos und reagierte nicht.
„Kannst du den noch zusammenflicken?“, fragte Little John.
Joshua antwortete nicht, denn er war zu beschäftigt damit, sich einen Überblick über die dringlichsten Verletzungen zu verschaffen und die ersten Heilzauber zu sprechen.
„Wer ist das?“, wollte Cleo wissen. „Kennt ihr ihn?“
Little John leuchtete mit dem Zauberstab in das blasse, deformierte Gesicht des Unbekannten. Ein tiefer Schnitt auf seiner Wange war blutverkrustet. Unter der dicken Staubschicht waren weder seine Haarfarbe noch die Farbe seiner zerfetzten Kleidung eindeutig zu erkennen. Auch seine unzähligen Tätowierungen auf dessen Armen wurden von dem Schmutz nahezu vollständig bedeckt.
„Puhhh… schwierig. Der ist übel zugerichtet.“, meinte Little John.

Joshua interessierte nicht, wie der Mann hieß. Er war mehr tot als lebendig und brauchte dringend Hilfe. Nur das zählte im Moment. Aus seiner Heilertasche holte Joshua einen Heiltrank und flößte dem Verletzten ein paar Tropfen davon vorsichtig ein. Er hatte nicht viele Tränke und musste mit jedem davon sparsam umgehen.
„Lohnt sich das überhaupt?“ So kaltherzig Cleos Frage auch klang, sie war berechtigt. Heiltränke waren teuer. Joshua arbeitete zwar im St. Mungo, aber er durfte nicht zu viele Tränke mitgehen lassen, um keinen Verdacht zu erregen.
„Ein schneller Tod wäre die bessere Lösung.“
„Nein“, widersprach Joshua. Er war nicht eine Stunde mit den Rebellen durch dieses verfluchte, enge Labyrinth geirrt, um den einzigen Überlebenden sterben zu lassen, den sie bisher gefunden hatten. Er musste zumindest versuchen, ihn zu retten.
Cleo seufzte. „Na schön, du bist der Heiler…“

Wie Joshua befürchtet hatte, waren die paar Tropfen Heiltrank nicht genug gewesen, um die anhaltende Blutung aus dem Armstumpf zu stillen. Ihm blieb keine andere Wahl, als die Wunde zu kauterisieren - eine Muggel-Methode, die in seinen Augen effizient und barbarisch zugleich war. In dem Moment, als er sich mit der glühend heißen Zauberstabspitze der Wunder näherte, erfüllte plötzlich ein sanfter Lichtschein den Tunnel. Er stammte von einem kleinen Meerschweinchen-Patronus, der wesentlich flinker als seine echten Artgenossen, geradewegs auf sie zulief.
„Sie kommen!“, lautete die Nachricht des Patronus und versetzte die Rebellen in Angst.

Cleo und Little John hoben ihre Zauberstäbe und blickten sich hektisch um.
„Mach schon, Mann! Wir müssen sofort weg!“
Joshua hielt es für unklug und gefährlich, seinen Patienten in diesem Zustand zu transportieren, vom Apparieren ganz zu schweigen, doch er hatte keine Wahl und beschwor eine schwebende Trage herauf.
„Du willst ihn doch nicht ernsthaft mitnehmen? Er ist schon so gut wie tot!“ Cleos schrille Stimme hallte in dem Tunnel wider.
„Und wir sind es auch, wenn wir noch länger trödeln! Los jetzt!“ Little John lief voran und die anderen folgten ihm.

Sie nahmen den gleichen Weg, den sie gekommen waren. Mit der schwebenden Trage war die Barrikade noch schwieriger zu erklimmen. Joshua hatte große Mühe, seinen Patienten möglichst heil und sanft über das Hindernis zu manövrieren, was dazu führte, dass er nur langsam vorankam und Cleo und Little John ihn nach kurzer Zeit abgehängt hatten.
„Wartet auf mich!“, rief er ihnen noch hinterher, doch sie waren längst verschwunden.

Laut fluchend blieb er stehen und blickte sich ängstlich um. Er gehörte noch nicht so lange zum Widerstand, deshalb war er erst zwei Mal im Untergrund gewesen und beide Male hatte ihn jemand begleitet, der sich hier unten auskannte. Joshua hatte die Orientierung verloren und sich auf seine Begleiter verlassen. Ein Fehler, wie er nun feststellen musste. Bevor er sich entscheiden konnte, was er nun tun sollte, ertönten aus dem Tunnel vor ihm leise Schreie und der dumpfe Knall einer Explosion. Damit war klar, wohin er nicht laufen würde. Er schlug den Weg ein, in der sich angeblich dieser Notausgang befand. Neben ihm schwebte der bewusstlose Verletzte.
„Ich hol dich hier raus“, versprach Joshua. „Irgendwie schaffen wir das.“

***


Die Verletzungen und Strapazen der letzten Tage machten sich deutlich bemerkbar, als Severus hinter Black herlief. Bereits nach wenigen Metern rang er nach Luft. Tapfer ignorierte er den stechenden Schmerz in seiner Brust.
Bevor der Dunkle Lord mit den Todessern auftauchen würde, mussten sie von hier verschwunden sein. Sonst wären die stechenden Schmerzen Severus‘ geringstes Problem.

Die älteren Weasley-Brüder disapparierten soeben mit einem Ehepaar, als Severus und Black die Halle betraten.
Die meisten Rebellen hatten sich bereits in Sicherheit gebracht. Lily packte gemeinsam mit ihrem Sohn die liegengebliebenen Habseligkeiten ein, während Lupin alle Spuren ihrer Anwesenheit beseitigte.
Somit waren nur noch eine Handvoll fähige Kämpfer übrig, abgesehen von Granger und dem Weasley-Jungen, die sich den wahrlich ungünstigsten Moment für einen Beziehungsstreit ausgesucht hatten.
„Ich will zurück nach Snape Manor!“, verlangte Granger.
„Im Fuchsbau sind wir aber viel sicherer!“, widersprach der Junge und schaute sie verärgert an. Mit seiner Starrköpfigkeit gefährdete der Dummkopf ihr beider Leben.
„Bring sie irgendwohin, aber nur endlich weg von hier!“, herrschte Severus ihn an. Aufgrund seines lädierten Zustands fehlte seiner Stimme jedoch die übliche Schärfe.
„Snape Manor“, verlangte Granger und legte ihre Hand auf Weasleys Unterarm.
Der Junge nickte, warf einen letzten mürrischen Blick in Severus‘ Richtung und disapparierte.

Severus spürte, wie eine unsichtbare Last von ihm abfiel, denn nun war Granger in Sicherheit. Erleichtert atmete er auf, was ihn sofort schmerzerfüllt zusammenzucken ließ. Auch für ihn war es an der Zeit, von hier zu verschwinden. Das Gleiche galt für den kläglichen Rest des Ordens. Severus eilte hinüber zu Lily, die alles zusammengepackt und magisch verkleinert hatte. Sie steckte das federleichte Gepäck in ihre Jackentasche und winkte ihren Sohn ungeduldig zu sich.
„Wohin geht ihr jetzt?“
„Sag’s ihm nicht“, raunte Black so laut, dass Severus keine Mühe hatte, ihn zu verstehen.
„Wahrscheinlich St. Peter’s Seminary… Schottland“, fügte sie hinzu, weil sie den verwirrten Blick auf Severus‘ Gesicht richtig erkannt hatte. „Fürs Erste. Ist zumindest ein Dach über den Kopf und dann sehen wir-“
Sie verstummte schlagartig, denn ein zartes blaues Licht drang von draußen in die Halle.
Severus zückte seinen Zauberstab. „Sie können unmöglich schon hier sein!“

Das bläuliche Schimmern des Anti-Disapparier-Netzes, das sich kuppelförmig über der Halle erstreckte, tauchte alles um sie herum in ein gespenstisches Licht. Für einen Moment weiteten Lilys grüne Augen sich vor Schreck, doch dann trat ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit auf ihr Gesicht.
„Kannst du den Zauber brechen?“, fragte Lily ihn.
Severus schüttelte den Kopf. Das konnte niemand.
„Dann kämpfen wir uns den Weg raus.“ Sie zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und verbarg darunter ihr rotes Haar.
Einmal mehr bewunderte Severus sie für ihren Mut. Sie war eine echte Gryffindor durch und durch.
Um es ihren Gegnern nicht allzu leicht zu machen, belegte Severus den einzigen Eingang der Halle mit allerhand Flüchen und Bannen. Das sollte ihnen ein paar Minuten Zeit verschaffen.

In der Zwischenzeit spähten die anderen vorsichtig aus dem Fenster und sahen, wie die Mitglieder der magischen Polizeibrigade, die sich ebenfalls unter der Kuppel befanden, das Gebäude umstellten. Darunter waren aber nicht nur Magier, wie sie anhand der blutroten Mäntel erkennen konnten. Manche schienen nur einfache Muggel zu sein. Das war ihre Chance!

Mit einem mächtigen „Bombarda!“ sprengte Black ihnen den Weg frei. Die Scherben des zersprungenen Fensters verwandelte Lily sogleich mit einem Schwung ihres Zauberstabs in unzählige spitze Dolche, die auf die Polizisten zuflogen. Die Rebellen kletterten ins Freie und Severus folgte ihnen.

Offensichtlich hatten die Polizisten nicht damit gerechnet, dass sie sich freiwillig aus ihrer sicheren Deckung wagen würden. Sie schafften es kaum, den Angriff der Rebellen abzuwehren, obwohl sie eigentlich in der Überzahl waren.
Innerhalb von wenigen Sekunden gelang es Severus, zwei Polizisten außer Gefecht zu setzten. Ob es sich dabei um Muggel oder Zauberer handelte, kümmerte ihn nicht. Ein dritter war töricht genug, einen Cruciatus-Fluch in seine Richtung zu schicken. Die Antwort in Form eines Sectumsempra-Fluchs folgte postwendend und riss den Dummkopf von den Füßen.

Für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als würde ihnen die Flucht gelingen. Die Kuppelwand kam in greifbare Nähe. Nur noch wenige Meter trennten sie von der anderen Seite, auf der sie ungehindert disapparieren konnten. Severus schöpfte neue Hoffnung.
„Lauft!“, rief Lily und setzte zum Spurt durch das Netz an. Severus schoss noch einige Flüche auf ihre Verfolger, gab ihnen damit ein paar Sekunden Vorsprung und lief dann den Rebellen hinterher. Er blickte durch das feine, bläuliche Netz in die vermeintliche Freiheit und hatte plötzlich das Gefühl, als hätte sich eine eiskalte Faust um sein Herz geschlossen.
„Stopp! Lily, STOPP!“, schrie Severus.

Auf der anderen Seite warteten bereits die Todesser auf sie. Wie eine schwarze Mauer standen sie regungslos nebeneinander. Es waren zwar nur zehn oder höchstens fünfzehn von ihnen, aber sie würden sie nicht so leicht wie die Muggel-Polizisten ausschalten können.

Nun blickten auch die anderen durch das Netz und erkannten, in welcher Gefahr sie schwebten. Knapp vor der Barriere blieben die Rebellen stehen.
Lupin hob seinen Zauberstab. Silbriger Nebel brach aus der Spitze hervor und nahm die Form eines Wolfs an. „Wir brauchen Hilfe!“, sagte er an seinen Patronus gewandt. Das silbrig leuchtende Tier nickte und lief geradewegs auf die Barriere zu. Doch anstatt mühelos hindurchzuschlüpfen, blieb der Wolf stehen und lief danach, auf der Suche nach einem Ausweg, an der Innenseite der Kuppel entlang. Nicht einmal ihr Hilferuf schaffte es durch die Barriere. Sie waren auf sich allein gestellt.
Einer der Todesser hob den Zauberstab und schickte einen Fluch in ihre Richtung. Das Anti-Disapparier-Netz knisterte, als der Lichtblitz ohne einen Schaden zu hinterlassen, die Barriere durchdrang und über ihre Köpfe hinwegflog. Damit bestätigte er, was Severus schon längst wusste: Das Netz ließ keinen Zauber nach draußen, hinein aber schon. Nur nutzte ihnen dieses Wissen nichts.

„Wir sitzen in der Falle!“, stellte Black überflüssiger Weise fest.
„Scharfsinnig erkannt“, knurrte Severus. Er kannte diese Taktik. Die Todesser würden erst aktiv eingreifen, wenn die Rebellen es wagen würden, die Barriere zu durchbrechen. Bis dahin sollten die Polizisten die Drecksarbeit erledigen. Und die Todesser würden die Rebellen von der anderen Seite des Netzes mit ihren Flüchen in Schach halten – ein todsicherer Plan, der bis jetzt immer aufgegangen war und den gewünschten Effekt gehabt hatte. Diesmal hoffte Severus jedoch, dass es nicht so wäre.

Hinter ihnen formierten sich die Polizisten zu einem neuen Angriff. Gleich würden sie von beiden Seiten unter Beschuss stehen.
„Zurück zur Halle!“, befahl Severus und überraschenderweise machten alle, was er sagte. Nun waren sie zwar fast wieder dort, wo sie angefangen hatten, aber zumindest bot die dicke Steinmauer in ihrem Rücken ein wenig Schutz.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Lupin.
„Wir haben keine andere Wahl. Sie würden uns so oder so töten, also werden wir kämpfen. Wir müssen es nur auf die andere Seite schaffen, dann können wir sofort disapparieren. Bleib hinter mir, Harry, und versteck dich unter dem Tarnumhang“, bat Lily.
„Mum…“
„Mach das, was deine Mutter sagt.“ Black gefiel sich offensichtlich in der Rolle des Ersatzvaters, sonst hätte er diesen Moment nicht genutzt, um dem Jungen die Hand auf die Schulter zu legen und sie in einer Geste voller Zuneigung zu drücken.

Severus wandte leicht angewidert den Blick ab. Viel interessanter als dieses sentimentale Schauspiel war das Verhalten der Todesser auf der anderen Seite der Kuppel. Sie hatten eine Lücke gebildet, durch die eine einzelne Person getreten war. Severus musste erst gar nicht ihr Gesicht sehen, um zu erkennen, wer dem Kampf höchstpersönlich beiwohnte. Er konnte Voldemorts Präsenz deutlich spüren.
„Der Dunkle Lord ist hier.“
Damit war es nun nahezu unwahrscheinlich, diesen Kampf zu überleben. Sie brauchten ein Wunder. Doch Wunder gab es nicht. Das hatte Severus im Laufe seines Lebens immer wieder feststellen müssen. Menschen mussten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, wenn sie etwas verändern wollten.
Die Erkenntnis traf Severus wie ein Schlag. Das hier war vielleicht die Gelegenheit, den Dunklen Lord zu vernichten! Vielleicht war es ihr aller Schicksal, das sich heute nach hier erfüllen sollte.
Severus wandte sich an den schwarzhaarigen Jungen, der seinem nichtsnutzigen Vater leider sehr ähnlichsah. „Du musst den Dunklen Lord töten.“
„Was?“, fragte er verwirrt. Er trug bereits den Tarnumhang, weshalb sein Kopf in der Luft zu schweben schien.
„Nein, Severus!“, mischte sich Lily ein, doch er ignorierte sie. Stattdessen legte er seine Hände auf Harrys unsichtbare Schultern und sah ihn eindringlich an. „Es ist dein Schicksal, Junge. Du musst den Dunklen Lord töten. Nur du kannst es. Nur du-“
Severus verstummte, als Black ihn von dem Jungen wegriss. Lily hatte den Zauberstab drohend auf ihn gerichtet. Sie war so wütend, dass Funken daraus hervortraten.
„Mum, was-?“
„Nichts, Schatz. Vergiss das sofort wieder. Es ist eine Lüge.“
„Es ist keine Lüge! Er ist der Auserwählte! Es ist seine Bestimmung!“
„Ist es nicht!“, schrie Lily. „Ich werde nicht zulassen, dass mein Sohn sein Leben riskiert, nur weil irgendwer irgendeine abstruse Prophezeiung gemacht hat!“
„Dumbledore hat daran geglaubt!“
„Dumbledore ist tot! Dank deiner Hilfe!“
Die roten Flecken auf Lilys Gesicht und ihre geballten Fäuste waren ein deutliches Zeichen dafür, wie wütend sie war. Severus konnte darauf jedoch keine Rücksicht nehmen. Der Dunkle Lord war hier. Ihre Chance, ihn endgültig zu vernichten, war zum Greifen nah. So eine Gelegenheit würde sich ihnen nicht so schnell bieten.
„Wer ist das eigentlich?“, fragte Remus und musterte Severus stirnrunzelnd. Die Wirkung des Vielsafttranks hatte zum Glück noch nicht nachgelassen.
„Ein Idiot!“, meinte Lily kurz angebunden.
Black feixte. „Besser bekannt unter den Namen Schniffelus Snape.“

Severus setzte erneut zum Sprechen an, doch in diesem Moment griffen die Polizisten von beiden Seiten an, sodass ihnen eigentlich nur noch die Flucht nach vorne blieb, direkt auf das Netz zu, dem sich nun auch die Todesser langsam näherten.
„Wir müssen es nur über die Linie schaffen und dann sofort disapparieren!“, rief Lily. Mutig lief sie voran, ihr unsichtbarer Sohn war vermutlich dicht hinter ihr.

Lupin kämpfte gegen die Polizisten auf der rechten Seite, Severus schützte ihre linke Flanke. Nun kam Bewegung in die Todesser. Teilweise liefen sie ihnen entgegen, teilweise apparierten sie nahe an die Kuppel, um ihnen den Weg abzuschneiden und sie am Disapparieren zu hindern.
„Wir müssen uns aufteilen!“, rief Severus.
„Nein! Bleibt zusammen!“, widersprach Lily.

Wenige Augenblicke später musste auch Lily einsehen, dass sie als Gruppe keine Chance hatten. Deshalb teilten sie sich auf und zwangen dadurch auch die Todesser, ihre Formation aufzugeben. Lupin gegen zwei Polizisten gleichzeitig, bekam dabei Rückendeckung von Black, der die Flüche von den Todessern auf der anderen Seite der Kuppel abwehrte. Lily und ihr Sohn waren ein ebenso hervorragendes Team, nur Severus war auf sich allein gestellt. Das erkannten auch die Todesser und drängten ihn immer mehr von den Rebellen ab.

So sehr er sich auch bemühte, nicht in die Gesichter seiner Kameraden zu blicken, so erkannte er dennoch die meisten von ihnen auf Anhieb. Es fühlte sich wie Verrat an, sie anzugreifen, obwohl er wusste, dass er für die richtige Seite kämpfte und für Schuldgefühle kein Platz war.
Ein paar Todesser waren dumm genug gewesen, zu ihnen unter die Kuppel zu kommen. Severus kümmerte sich um sie. Travers schleuderte er mit einem gut gezielten Fluch einige Meter nach hinten. Der hochmütige Ausdruck auf Yaxleys Gesicht war dank Severus‘ „Impendimenta“-Zaubers wie festgefroren und würde für die nächste Zeit auch nicht von dort verschwinden. Dank seines Vielsaft-Tranks erkannten seine Kameraden Severus nicht, aber er wusste nicht, wie lange die Wirkung noch anhalten würde. Und wie lange er noch durchhalten würde. Jede Bewegung schmerzte und Severus spürte, wie seine Verteidigung immer durchlässiger wurde. Die Kämpfe der letzten Tage hatten ihm viel abverlangt. Deshalb zögerte er nicht, als er die Lücke zwischen den Todessern erkannte. Er rannte auf die Barriere zu.

Das war seine Gelegenheit, von hier zu verschwinden. Granger war schon in Sicherheit und ihn trennten nur noch wenige Meter von der Freiheit. Lupin und Black hatten es mittlerweile auf die andere Seite geschafft. Sie waren aber noch nicht disappariert, sondern lenkten die Aufmerksamkeit auf sich, um auch den anderen die Flucht zu ermöglichen.
Severus warf einen flüchtigen Blick hinüber zu Lily, die gut zwanzig Meter von ihm entfernt war. Gemeinsam mit ihrem Sohn kämpfte sie gegen die Todesser, von denen nun immer mehr die Barriere überschritten. Dabei rutschte ihr die Kapuze vom Kopf.
„Es ist das Schlammblut! Das Schlammblut ist hier!“

Noch im Laufen brachte Severus den Todesser zum Schweigen, der sich daraufhin an die Kehle griff und heftig würgte. Sein Geschrei war leider nicht ungehört geblieben. Die restlichen Todesser konzentrierten ihre Angriffe nun auf Lily. Sie waren im Begriff, sie zu umzingeln.
Severus zögerte nicht. Anstatt sich selbst in Sicherheit zu bringen, lief er hinüber zu Lily und ihrem Sohn, unterstützte sie dabei, sich gegen die heftigen Angriffe zu wehren.
Doch noch jemand hatte das Geschrei gehört. Jemand, der bis jetzt nur regungslos den Kampf beobachtete hatte. Der Dunkle Lord verließ seinen Beobachtungsposten. Unheilvoll schritt er näher. Die Aussicht, seine langjährige Widersacherin ein für alle Mal aus dem Weg zu räumen, ließ ihn bösartig lächeln. Lily Potter sollte durch seine Hand sterben. Diesen Wunsch hatte er Severus mehrmals anvertraut. Und er wusste, dass Voldemort nicht eher ruhen würde, bevor er sie nicht getötet hatte.
„Lauf! Er kommt!“, schrie Severus und deutete mit seiner freien Hand in Voldemorts Richtung.

Mit einem besonders kraftvollen Fluch sprengte Lily sich den Weg frei. Sie stürmte mit ihrem Sohn geradewegs auf die Barriere zu, schlug dabei aber auch immer wieder Haken, um ihre Feinde zu verwirren. Auch Severus setzte zu einem letzten Sprint an. Sie mussten es einfach schaffen.
Auf der anderen Seite wartete Voldemort auf sie. Lupin und Black versuchten ihn abzulenken, doch jeden ihrer Versuche bestrafte der Dunkel Lord mit einem Todesfluch. Black schickte einen Feuerregen in Voldemorts Richtung, den der Dunkle Lord mit einem Schlenker seines Zauberstabs in spitze Eiskristalle verwandelte und sie zu ihm zurückschickte. Einer davon traf Black in die Brust und er sank zu Boden. Was danach passierte, konnte Severus nicht genau erkennen, jedenfalls waren die beiden im nächsten Moment verschwunden.
Lily hatte den Kampf ebenfalls beobachtet.
„Sirius!“ Ihr verzweifelter Schrei entlockte den Todessern nur ein höhnisches Lachen.

Diesen Moment der Unachtsamkeit nutzte der Dunkle Lord aus und schickte einen Todesfluch in Lilys Richtung. Er hatte sie auch getroffen, hätte Harry sie nicht im letzten Moment aus dem Weg gestoßen. Beinahe wäre Lily gestolpert, aber sie konnte einen Sturz verhindern und schaffte es über die Barriere. Sogleich streckte sie ihre Hand nach ihrem Sohn aus, um mit ihm zu disapparieren, doch er war zu weit weg. Der Tarnumhang verbarg ihn nicht mehr vor den Blicken der Todesser, sondern war ihm vom Kopf gerutscht.

In dem Augenblick, als Voldemort erneut seinen Zauberstab hob, schickte Harry einen Todesfluch gegen den Dunklen Lord. Severus, der soeben aus dem Kampf gegen einen der Selwyn-Brüder als Sieger hervorgegangen war, hielt unwillkürlich den Atem an. Wie in Zeitlupe sah er, wie der grüne Lichtblitz Voldemorts Brust traf. Die Wucht des Aufpralls riss den Dunklen Lord von den Füßen. Zugleich passierte aber etwas Merkwürdiges: Anstatt in der Brust zu verschwinden, prallte der Lichtblitz an ihm ab und wurde zurück auf Harry geschleudert, der nicht rechtzeitig ausweichen konnte und getroffen wurde.
Mit einem erstickten Schrei rannte Lily zu ihrem regungslos am Boden liegenden Sohn. Die Todesser ignorierten sie für den Moment, denn sie scharrten sich besorgt um ihren Anführer.
„Es geht mir gut… Kümmert euch nicht um mich, bringt mir lieber das Schlammblut!“, befahl Voldemort. Die Todesser, die ihn noch immer umringten, waren offensichtlich zu verwirrt von den Geschehnissen, deshalb dauerte es länger als sonst, bis sie den Befehlen ihres Herrn Folge leisteten.

Diese Chance nutzte Severus. Er überbrückte die letzten Meter, die ihn von Lily und ihrem Sohn trennten, packte die beiden und disapparierte mit ihnen.

***


„Lass uns reingehen…“, bat Ron zum gefühlt einhundertsten Mal. Hermine ignorierte ihn, wie die neunundneunzig Male zuvor, und starrte weiter auf den dunklen Garten von Snape Manor hinaus, der von einigen magischen Fackeln spärlich beleuchtet wurde. Sie saß auf den Treppenstufen der Terrasse und wartete ungeduldig auf Snapes Rückkehr.
Ihr Gefühl sagte ihr, dass irgendetwas schiefgelaufen war. Warum sonst war er noch nicht hier? Was hatte ihn aufgehalten? Oder bessergesagt, wer?
Ron weigerte sich jedoch, mit ihr nach Durham zurückzukehren und nachzusehen, was geschehen war. Den Grund dafür konnte sie sich denken. Er drückte sich vor einer direkten Konfrontation mit Snape, schließlich war Ron derjenige gewesen, der ihn an die Rebellen verraten und somit die Ereignisse der letzten Tage ins Rollen gebracht hatte.

Die Nacht war für Ende September schon recht kühl. Hermine rieb sich über ihre Oberarme, um die Kälte aus ihrem Körper zu vertreiben. Das dünne Seidenkleid, das sie noch immer trug und das eigentlich Mrs. Snape gehörte, wärmte sie kaum. Trotzdem weigerte sie sich, ins Haus zu gehen, solange Snape noch nicht zurück war.

Mit einem resignierenden Seufzen zog Ron seinen grauen Pullover aus und hielt ihn Hermine hin. „Mach dir keine Sorgen. Der Orden hat geheime Verstecke übers ganze Land verteilt. Sie werden zu einem davon appariert sein und dort besprechen, wie es nun weitergeht. Zumindest hat Charlie gemeint, dass sie das in den nächsten Tagen tun werden.“
Hermine schlüpfte in den kuschelig warmen Pullover. „Wenn du so viel über den Orden weißt, warum hast du früher nie etwas davon erzählt?“
Er antwortete nicht sofort, sondern machte damit weiter, kleine Kieselsteine von der Terrasse ins Gras zu kicken. „Das Risiko war zu groß. Meine Familie steckt ohnehin schon in großen Schwierigkeiten… Wenn Snape erfahren hätte, dass meine Brüder gar nicht das Land verlassen haben, sondern noch hier sind und für den Orden kämpfen, dann wären wir alle in Askaban gelandet … Oder Schlimmeres.“
Irritiert zog Hermine die Brauen zusammen und blickte zu ihm. „Von mir hätte Snape das niemals erfahren.“
„Jaah, weiß ich doch… Aber Snape … Er kann Legilimentik. Das ist so ne Art Gedankenlesen. Man muss in seiner Gegenwart echt aufpassen, was man denkt… Charlie hat mir beigebracht, wie man das verhindern kann. Ist gar nicht so leicht. Bill behauptet immer, dass ich ein dummes Gesicht mache, wenn ich meinen Geist verschließe.“
Hermine grinste. „Ist mir noch nicht aufgefallen.“
„Bei dir muss ich nicht aufpassen, was ich denke…“
„Sicher? Vielleicht hat Snape mir ja beigebracht, wie man Gedanken liest.“
Ron erwiderte ihr Grinsen und setzte sich zu ihr auf die Stufen. „Na gut, dann sag mir, was ich gerade denke.“
„Hmm… Du denkst bestimmt ans Essen.“
Er lachte verlegen. „Nein, im Moment gerade nicht.“
„An deine Familie? Ob es ihnen gut geht?“
„Immer.“
Wie in der Halle in Durham legte er seinen Arm um ihre Schultern und zog sie zu sich. Hermine genoss seine Wärme und die Geborgenheit, die seine Nähe in ihr auslöste. Es fühlte sich gut an, wenn er sie so hielt, und ließ sie ihre Sorgen vergessen.
„Aber im Moment denke ich nur an eine Person… Eine Person, die mir … die ich … ähm… na ja… die mir wichtig ist. So richtig wichtig.“
Unwillkürlich schlug Hermines Herz schneller. „Hast du diese Person gern?“
Er nickte. „Ja. Sehr sogar. Ich weiß nur nicht, ob sie…“ Er seufzte tief und verstummte.
„Ob sie dich auch mag?“, fragte Hermine vorsichtig und hob den Kopf. Sie sah Ron abwartend an, der in der Zwischenzeit knallrote Ohren bekommen hatte, und es nicht schaffte, ihren Blick zu erwidern.
Er nickte erneut. „Oder ich mich zum Affen mache…“, gestand er kleinlaut.
Hermine drehte sich zu ihm. Das Kribbeln in ihrem Bauch wurde immer stärker, als sie zögerlich ihre Hand auf Rons Oberschenkel legte. Überrascht hob er den Kopf und sah ihr in die Augen. „Sie mag dich auch“, gestand Hermine leise.
Die Unsicherheit verschwand aus Rons Blick. Ein breites Lächeln erhellte seine Züge und ließ ihn strahlen. Er legte seine Hand auf die ihre und drückte sie leicht.
„Ich hab dich wirklich gern.“
„Ich weiß. Ich habe es in deinen Gedanken gelesen“, scherzte sie.
„Hmm… Dann muss ich wohl in Zukunft aufpassen, was ich in deiner Gegenwart denke.“
„Besser wäre es.“ Sie hob den Zeigefinger und ahmte Snapes strengen Tonfall nach: „Behalten Sie Ihre unanständigen Gedanken für sich, Weasley.“
Er lachte kurz auf, wandte dann aber peinlich berührt den Blick ab.
Seine Reaktion kam Hermine seltsam vor. „Woran hast du denn gedacht?“
Statt ihr zu antworten, drehte er seinen Oberkörper zu ihr. Seine Hand lag nun nicht mir um ihre Schultern, sondern auf ihrer Taille. Mit der anderen Hand strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er lächelte leicht, während sein Blick auf ihren Lippen ruhte.
„Sag du es mir“, verlangte er.
Vor Aufregung brachte Hermine kein Wort heraus. Was er wollte, war klar. Unwillkürlich leckte sie sich über die Lippen. Ihr letzter Kuss war schon viel zu lange her! Ihr letzter freiwilliger Kuss, korrigierte sie sich selbst. Beim Gedanken an die widerlichen Annäherungsversuche ihres ehemaligen Meisters überkam sie ein leichter Ekel. Doch das hier war anders. Das war Ron. Er mochte sie und sie mochte ihn. Sie sah in seine blauen Augen und das Ziehen in ihrer Magengrube wurde immer stärker. Aber mochte sie ihn so sehr?
Ohne ihre Antwort abzuwarten, lehnte er sich langsam in Hermines Richtung und neigte seinen Kopf.

Mit angehaltenem Atem sah sie seine Lippen näherkommen. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als Hermine ebenfalls den Kopf neigte und die Augen schloss.

Doch anstatt Rons weiche Lippen zu spüren, wurde sie von einem lauten Plopp aufgeschreckt. Sie zuckte zusammen und wandte rasch den Kopf. Im Garten war soeben Snape erschienen, jedoch war er nicht allein.
Hermine sprang von den Stufen auf und lief sofort zu ihnen. Ron folgte ihr, aber wesentlich langsamer und nicht ohne vorher ein frustriertes Grollen ausgestoßen zu haben. Wahrscheinlich nahm er Snape die Störung übel.

Schon nach wenigen Schritten erkannte Hermine, wen Snape mitgenommen hatte. Lily umklammerte ihren Sohn, der regungslos in ihren Armen lag, und schluchzte herzzerreißend. Snape saß regungslos daneben. Sein Gesicht war aschfahl und starr wie eine Totenmaske.
„Was ist passiert?“, fragte Hermine, doch Snape blieb stumm und Lily schien sie gar nicht zu hören. „Ist er…?“
Vorsichtig machte sie einen Schritt auf Lily zu. Dank der magischen Fackeln konnte sie Harrys Gesicht erkennen. Vor Schreck stolperte Hermine einen Schritt zurück und schlug die Hand vor den Mund. Über Harrys Gesicht zog sich ein tiefer, blutiger Schnitt. Und sein Auge… Voller Entsetzen wandte sie den Blick an und schluckte die Magensäure hinunter, die sich in ihrem Mund gesammelt hatte. Ron hatte ebenfalls Mühe, den Anblick zu ertragen. Er fluchte laut und verzog das Gesicht.
So schrecklich die Situation auch war, Hermine konnte nicht tatenlos herumstehen.
„Ich-ich hole Heiltränke.“
„Zu spät“, presste Snape mühsam hervor, ohne sie dabei anzusehen. „Ein Todesfluch…“
Lily stieß einen Klagelaut aus, der Hermine durch Mark und Bein ging. Sie drückte den leblosen Körper ihres Sohnes an sich, wippte dabei mit dem Oberkörper vor und zurück.
Hermine wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Harry war als erster Rebell freundlich zu ihr gewesen. Er war ihr auf Anhieb sympathisch gewesen und nun war er tot. Ihr fiel nichts ein, womit sie Lily hätte trösten können. Es gab keine Worte, die den Schmerz einer Mutter lindern konnten, die soeben ihren Sohn verloren hatte. Deshalb blieb sie stumm und kniete sich neben Lily ins Gras. Behutsam ließ die Anführerin der Rebellen den Körper ihres Sohnes ins Gras sinken, klammerte sich an ihn und schmiegte ihre Wange an seine Brust.
„Wieso… wieso?“ Auf einmal hob sie den Kopf und blickte in Snapes Richtung. „Mörder!“, zischte sie. „Du bist schuld! Du hast ihm gesagt, dass-“

Mit einem wütenden Schrei und schneller, als Hermine hätte reagieren können, ging Lily auf Snape los. Wie von Sinnen schlug sie mit ihren Fäusten auf ihn ein, wollte ihm den Schmerz zufügen, den sie in diesem Moment erdulden musste. Er hatte große Mühe, sie zu überwältigen, doch irgendwie schaffte er es, ihre Hände festzuhalten.
„Es tut mir so leid“, flüsterte er unablässig. „Ich wollte das nicht.“
Nach und nach wurde Lilys Wehklagen leiser und sie wehrte sich nicht mehr gegen Snape, weshalb er ihr behutsam über den Rücken streicheln konnte.

Hermine senkte den Kopf. Sie weigerte sich zu glauben, dass Snape für Harrys Tod verantwortlich war. Es musste eine andere Erklärung dafür geben.
Sie griff nach Harrys lebloser Hand und hatte dadurch unfreiwillig wieder einen guten Blick auf die Wunde, aus der noch immer frisches Blut sickerte. Der Anblick war schrecklich, dennoch konnte sie die Augen nicht abwenden und entdeckte dabei etwas, das sie scharf die Luft einsaugen ließ.
Sie rutschte näher an Harry heran und tastete nach der Halsschlagader. Schwach aber doch konnte sie seinen Puls unter ihren Fingern spüren.
„Er lebt… Er lebt!“, rief sie freudig und stand eilig auf.

Nun kam auch Leben in Snape. „Unmöglich…“ Er ließ Lily los, rutschte näher an Harry heran und zückte seinen Zauberstab. Lily wollte nicht zulassen, dass er ihren Sohn berührte, doch ihre kläglichen Versuche hielten ihn nicht auf. Ein gemurmelter Zauberspruch bestätigte Hermines Entdeckung. „Bei Salazar… Er lebt!“
Während Lily ungläubig ihren Sohn anstarrte und Snape die ersten Heilzauber sprach, rannte Hermine schnell zum Haus. Ron folgte ihr. Gemeinsam holten sie so viele verschiedene Heiltränke, wie sie tragen konnten, und liefen damit wieder in den Garten.

In der Zwischenzeit hatte Lily auch ihren Zauberstab gezückt und schien Snape beim Heilen helfen zu wollen, doch ihre Hände zitterten so stark, dass sie es dann doch sein ließ. Stattdessen hielt sie Harrys Hand, streichelte sanft darüber und flüsterte beruhigend auf ihn ein.

Zaubertrank um Zaubertrank flößte Snape ihm ein, während er zugleich einen Heilzauber nach dem anderen sprach. Manche Formeln erinnerten Hermine an ein Lied, weil Snape sie mehr zu singen als zu sprechen schien. Trotzdem veränderte sich der Zustand der Wunde nicht, was auch Snape nicht entgangen war.
Schweißperlen traten auf seine Stirn, als er es mit einem anderen Heilzauber versuchte und dabei Harry einen weiteren Heiltrank verabreichte. Fasziniert sah Hermine dabei zu, wie er diesmal den Trank direkt auf die Wunde auftrug. Wie unter großen Schmerzen zuckte Harry zusammen, trotzdem machte Snape mit der Behandlung weiter. Der erste Erfolg war, dass die Blutung aufhörte. Langsam veränderten sich die Ränder der Wunde. Das Fleisch wuchs wieder zusammen. Drei weitere Heiltränke waren notwendig, bis sich die Wunde größtenteils geschlossen hatte, doch rund um Harrys Auge klaffte die Haut noch immer auseinander.
Snape träufelte ein wenig Diptam-Essenz auf die Verletzung und schützte sie mit einem Verband.

„Mehr kann ich im Moment nicht tun“, meinte er und sank erschöpft ins Gras.
„Wird er es überleben?“, fragte Lily, ohne Snape dabei anzuschauen.
„Ja, ich glaube schon. Er ist kräftig. Ein richtiger Kämpfer. Wie sein Vater. Aber er muss sich ausruhen.“
Lily nickte. Schwerfällig kämpfte sie sich auf die Beine, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und hob ihren Zauberstab.
„Was wird das?“, fragte Snape scharf.
„Ein Schwebezauber, damit-“
„Er ist zu geschwächt für eine Reise! Du musst heute Nacht hierbleiben.“
Mit einem energischen Kopfschütteln lehnte sie sein Angebot ab.
„Sei vernünftig, Lily! Euch wird nichts geschehen. Ihr seid bei mir in Sicherheit. Und ich habe genug Gästezimmer.“
Lily rang sichtlich mit sich selbst, schließlich gab sie sich geschlagen. „Eine Nacht. Aber nicht länger.“
Sie hob erneut den Zauberstab, um einen Schwebezauber zu sprechen, doch Ron war schneller. „Warten Sie, ich helfe Ihnen…“ Er murmelte den Zauberspruch und Harry wurde sanft in die Höhe gehoben und schwebte gut einen halben Meter über dem Boden.
„Bring Sie in das rote Gästezimmer“, wies Snape Ron an.
„Ja, Sir.“
Ron und Lily flankierten Harry und brachten ihn vorsichtig ins Haus.

Snape und Hermine blickten ihnen hinterher, dann erhob auch er sich mühevoll vom Boden. Er hatte die Hände auf die Knie gestützt, atmete vorsichtig aus und ein und verzog dabei schmerzvoll das Gesicht.
„Geht es?“, fragte Hermine besorgt.
„Alles bestens.“ Seine gebückte Körperhaltung und seine wackeligen Schritte sagten etwas anderes. Hermine fragte nicht weiter. Sie wusste, dass er zu stolz war, um seine Schmerzen zuzugeben.
„Wie geht es dir?“, fragte er, während sie gemeinsam zum Haus zurückgingen.
„Gut.“ Auch das war eine Lüge und die Art und Weise, wie er seine Augenbraue ungläubig nach oben zog, zeigte deutlich, dass er sie wieder einmal sofort durchschaut hatte.
„Ich bin froh, wieder hier zu sein“, gestand sie und blickte zu dem dunklen Herrenhaus. Ihr Zuhause. Sie war wieder zu Hause.

Hermine blickte zu Snape, weil er nichts erwiderte. Das zufriedene Lächeln auf seinen Lippen war Antwort genug.
Mit jedem Schritt verlor der Vielsafttrank seine Wirkung. Die blonden Haare verschwanden, wurden wieder schwarz und glatt. Das hübsche Gesicht wich Snapes strengen Zügen. Als sie das Haus betraten, war Adam vollends verschwunden.

An der großen Treppe trennten sich ihre Wege.
„Ich nehme an, dass alle Heiltränke aufgebraucht sind?“, erkundigte sich Snape bemüht beiläufig.
„Ja“, sagte sie.
Er verzog das Gesicht. Das war nicht die Antwort, die er hören wollte.
„Das heißt, fast alle.“ Aus der Tasche ihres Kleides zog sie eine Phiole mit Snapes grünem Heiltrank. „Die habe ich für Euch aufgehoben. Ich dachte, Ihr könntet sie vielleicht brauchen.“
Er nahm die Phiole entgegen und betrachtete sie für einen Moment sprachlos. „Danke“, sagte er schließlich.
Hermine konnte sich nicht daran erinnern, dass er sich jemals zuvor bei ihr bedankt hatte. Sie schob diesen überraschenden Umstand auf seinen lädierten Gesundheitszustand.
„Ihr habt heute so viele Leben gerettet. Aber irgendjemand muss auch Euch retten“, sagte sie mit einem Lächeln. „Gute Nacht.“

Die Dämmerung setzte bereits ein. Hermine freute sich auf ihr weiches Bett, auch wenn es nur eine kurze Nacht werden würde. Endlich war sie wieder zu Hause. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal einen anderen Ort als ihr Elternhaus als Zuhause betrachten würde.
Kurz bevor sie durch die versteckte Tür schlüpfte, die zur Dienstbotentreppe führte, warf sie einen Blick über die Schulter zurück. Snape stand am Fuße der großen Treppe und starrte ihr hinterher. Ihre Blicke trafen sich. Für einen kurzen Moment ließ er seine Maske fallen. Deutlich wie nie zuvor erkannte sie seine innere Zerrissenheit, bevor er sich abrupt abwandte und die Stufen in den ersten Stock hochstieg. Da wurde ihr schlagartig bewusst: Zuhause war der Ort, an dem sich das Herz wohlfühlte.

------

Ich hoffe, dieses lange Kapitel hat euch gefallen. Darin ist ziemlich viel passiert...

Vielen Dank für eure zahlreichen Rückmeldungen und das positive Feedback in Form von Favoriteneinträgen und Empfehlungen! Ihr macht mich damit unbeschreiblich glücklich!

Meine kritische Testleserin war wie immer Marginalie!

Nächsten Donnerstag geht’s weiter!

Liebe Grüße
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast