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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
26.05.2022
41
172.095
104
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232 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
13.01.2022 4.499
 
Kapitel 25: Eine schwerwiegende Entscheidung


„Eine Prophezeiung?“, fragte Lily ungläubig und zog die Brauen zusammen. Ihre grünen Augen musterten Severus abschätzig. Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. „Sprich!“
„Es war im Sommer 1980. Anfang Juni, wenn ich mich recht erinnere. Ich habe in Mulpeppers Apotheke in der Nokturngasse als Zaubertrankbrauer gearbeitet, aber die Bezahlung war ziemlich mies, deshalb habe ich mir einen lukrativen Nebenverdienst aufgebaut. Ich habe Tränke für die Todesser gebraut. Verbotene Tränke und schwarzmagische Elixiere, die das Ministerium sofort beschlagnahmt hätte, wenn-“
Lily drückte Severus den Zauberstab noch fester gegen die Kehle. „Deine illegalen Machenschaften interessieren mich herzlich wenig. Komm zum Wesentlichen, Sev!“
„Schon gut!... Ich werde mich kurzfassen!“ Er seufzte, dachte kurz nach, und fuhr dann mit seiner Erzählung fort: „Evan hat mir dabei geholfen. Wir wollten uns an jenem Abend eigentlich im Wyvern in der Nokturngasse treffen, aber wir haben uns dann doch für den Eberkopf in Hogsmeade entschieden. Das erschien uns unauffälliger.“
„Es gibt nichts Auffälligeres als ein unauffälliges Treffen im Eberkopf.“
Severus überging ihre spöttische Bemerkung. „Evan war jedoch noch nicht da, also bestellte ich mir einen Feuerwhisky und wartete. Irgendwann wurde ich von einer Frau angeredet.“ Lilys Augenbrauen wanderten nach oben und der ungläubige Blick auf ihrem Gesicht gefiel Severus gar nicht. „Es war nicht so, wie du denkst. Sie war ziemlich lästig. Und nicht mein Typ. Sie wollte mir weismachen, dass sie eine echte Seherin ist und hat mir angeboten, einen Blick in meine Zukunft zu werfen. Außerdem hat sie ständig behauptet, dass uns das Schicksal an jenem Abend zusammengeführt hätte. Ich habe versucht, sie loszuwerden, aber es ist mir nicht gelungen.“
Das höhnische Grinsen auf Lilys Gesicht machte es ihm schwer, sich an die genauen Geschehnisse in jener Nacht zurückzuerinnern. „Ich habe ihr klipp und klar gesagt, was ich von Wahrsagerei halte. Ein Wort ergab das andere und irgendwann hat mir das verrückte Weib großspurig erzählt, dass sie die neue Lehrerin für Wahrsagerei in Hogwarts ist. Oder bessergesagt, sein wird. Weil sie an diesem Abend ein Vorstellungsgespräch mit Dumbledore haben wird und ihr die Sterne oder die Teeblätter oder was weiß ich was verraten haben, dass sie die Stelle bekommt... Das habe ich ihr nicht geglaubt. Ich habe ihr ins Gesicht gelacht. In meinen Augen war sie völlig übergeschnappt, doch da tauchte plötzlich Dumbledore im Eberkopf auf.“
„Ich verstehe noch immer nicht, was das alles mit dem Dunklen Lord und der Möglichkeit, wie man ihn vernichte kann, zu tun haben soll.“
„Würdest du mich nicht ständig unterbrechen, wüsstest du es bereits.“
„Vorsicht, Sev. Ich könnte dich jederzeit ins Jenseits befördern…“
„Und doch hast du es noch nicht getan.“
„Was nicht ist…“ Sie grinste bösartig.
Severus wäre ein Narr gewesen, hätte er ihre Drohung nicht ernstgenommen. Zu viel war in den letzten Jahren zwischen ihnen vorgefallen. Das war nicht mehr die Lily von früher, die ihm niemals ein Haar gekrümmt hätte. Diese Lily war die Anführerin des Phönix-Ordens und die erklärte Feindin des Dunklen Lords und aller Todesser. Sein Leben lag in ihrer Hand.
Er räusperte sich. „Du musst wissen, dass der Dunkle Lord damals unbedingt wollte, dass ich der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste in Hogwarts werde. Ich sollte Dumbledore für ihn ausspionieren, deshalb hat er mir befohlen, mich zu bewerben und auch ich habe eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalten… Was?“, frage er genervt, weil Lily plötzlich ein mädchenhaftes Kichern ausgestoßen hatte. Wie früher, wenn ihr ein amüsanter Gedanke gekommen war.
Sie winkte ab. „Ach nichts. Ich habe mir nur gerade deine erste Unterrichtsstunde vorgestellt. Du und Kinder.“ Sie gluckste vergnügt.
Nun war es Severus, der verärgert die Stirn runzelte. „Wie dem auch sei… Das verrückte Weib hatte also ihr Vorstellungsgespräch mit Dumbledore und ich bin den beiden hinterher, um sie zu belauschen. Ich habe gehofft, ein paar nützliche Hinweise für mein eigenes Vorstellungsgespräch zu bekommen. Mein Leben hing davon ab, diese Stelle in Hogwarts zu bekommen.“
„Wie dramatisch.“
„Nein, es war tatsächlich so. Der Dunkle Lord war unzufrieden mit mir, weil ich einen seiner Aufträge nicht erfüllt habe. Er war enttäuscht von mir. Deshalb durfte ich nicht versagen. Ich musste diese Stelle bekommen. Also schlich ich hinauf in den ersten Stock und lauschte an der Tür. Und da hörte ich es.“
„Was hast du gehört? Mach’s nicht so spannend.“

Severus zögerte. So lange trug er nun schon dieses Geheimnis mit sich herum, ohne irgendjemanden davon erzählt zu haben. Aber Lily wollte es wissen und sie hatte eigentlich sogar das Recht darauf, es zu erfahren.
„Die Seherin hat vor Dumbledore eine echte Prophezeiung gemacht – über den Dunklen Lord und den Einen, der die Macht hat, ihn zu besiegen… Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran. Jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt… So lautet die Prophezeiung.“

Erwartungsvoll sah Severus Lily an, doch sie blieb – überraschenderweise – stumm. Ihre Stirn hatte sie in tiefe Falten gelegt. Sie sah nicht so aus, als würde sie ihm auch nur ein Wort glauben.
„Der Wirt hat mich beim Lauschen erwischt. Durch den Tumult vor der Tür hat auch Dumbledore mitbekommen, was los ist. Ich habe zwar behauptet, dass ich nichts gehört habe, doch er hat mir nicht geglaubt… Der Wirt hat mich aus dem Lokal geschmissen und ich war kurz davor, den Dunklen Lord zu rufen, um ihm zu erzählen, was ich gehört habe, doch ich habe es mir anders überlegt. Ich wusste, dass ihm die Prophezeiung allein nicht viel nützen würde. Er brauchte den Namen des Kindes und von dessen Eltern. Wenn ich ihm diese Informationen beschaffen könnte, würde er mich belohnen wie noch keinen Todesser zuvor. So habe ich es mir damals vorgestellt, also behielt ich die Prophezeiung vorerst für mich. Und wartete. Ich versuchte herauszufinden, auf wen sich die Prophezeiung beziehen könnte. Es gab schließlich nicht viele Hexen und Zauberer, die dem Dunklen Lord drei Mal die Stirn geboten hatten, das auch überlebt hatten und noch dazu ein Kind Ende Juli erwarteten. Genau genommen gab es nur zwei Paare. Die Longbottoms und…“
„James und mich“, antwortete Lily leise.
Severus nickte. „Ja. Ihr wart die einzigen Paare, die in Frage kamen. Ich kannte den Lord schon damals gut genug, um zu wissen, wie er sich entscheiden würde. Er würde kein Risiko eingehen und die Eltern und das Kind töten… Also behielt ich die Prophezeiung für mich.“

Lily hatte schon vor einiger Zeit den Zauberstab sinken lassen. Nun stand sie regungslos vor Severus, schaute an ihm vorbei in die dunkle Nacht und schien angestrengt nachzudenken. Das wäre für ihn die Gelegenheit gewesen, sie zu überwältigen und ihr den Zauberstab zu entreißen, doch Severus tat nichts dergleichen. Er blieb auf dem Trümmerteil sitzen, blickte hinüber zu Granger, um sich zu vergewissern, dass es ihr trotz ihrer misslichen Lage gut ging, und wartete darauf, dass Lily etwas sagte. Da sie jedoch stumm blieb, ergänzte Severus noch etwas: „Mein Schweigen war auch der Grund, warum Dumbledore mir vertraut hat und mir den Job in Hogwarts gegeben hat. Oder er wollte mich im Auge behalten... Jedenfalls habe ich ihm geschworen, dass ich dem Dunklen Lord niemals etwas von der Prophezeiung verraten werde. Dafür hat er mir zugesichert, dass er mir helfen wird, diejenigen zu beschützen, die mir wichtig sind. Er hat verstanden, dass ich dich damit schützen wollte. Weil du mir wichtig warst. Und es noch immer bist.“
„Und das soll ich dir glauben?“, fragte Lily leise und blickte ihm direkt in die Augen. „Du hast Dumbledore verraten. Du hast geholfen, ihn zu ermorden.“
„Lily, ich -“
„Ich glaube nicht an Prophezeiungen. Was soll das überhaupt bedeuten? Willst du damit sagen, dass Harry… dass ausgerechnet er den Dunklen Lord besiegen kann?“
Bedächtig nickte Severus. Den zweiten Teil der Prophezeiung, den Dumbledore ihm kurz vor dessen Tod verraten hatte, behielt er für sich. Es war nicht ratsam, all seine Trümpfe gleichzeitig auszuspielen.
„Das ist absurd, Severus!“
„Das dachte ich auch. Anfangs. Aber du warst selbst dabei, als der Dunkle Lord von einem Todesfluch getroffen wurde und es überlebt hat. Erinnerst du dich? Du hast es selbst gesehen.“
„Und Harry soll ihn töten können? Warum ausgerechnet er? Warum mein Sohn? Nur, weil irgendeine Seherin eine Prophezeiung gemacht hat? Warum nicht Neville? Frank und Alice haben genauso tapfer gekämpft, bevor ihr sie umgebracht habt. Ihr Sohn ist genauso mutig wie sie. Er ist einer unserer besten Kämpfer-“
„Und trotzdem ist er tot.“
„Was? Neville ist…?“
„Er ist vor einigen Tagen gestorben.“
Für einen Moment hatte es Lily die Sprache verschlagen. Ungläubig starrte sie Severus an, unfähig, diese schreckliche Nachricht zu verarbeiten. Ein verräterisches Schimmern trat in ihre Augen. „Sag, dass das nicht wahr ist“, flehte sie mit brüchiger Stimme. „Zuerst Alice und Frank. Und jetzt auch noch Neville.“
„Es tut mir leid. Der Junge war… tapfer. Er wurde vom Lord persönlich getötet… Und deshalb kann er nicht derjenige sein, auf den sich die Prophezeiung bezieht, verstehst du? Der Lord hätte den… den Einen, den Auserwählten, niemals so leicht töten können.“
Sie drehte ihm den Rücken zu, um ihre Tränen vor ihm zu verbergen, und schluchzte leise.
„Es tut mir wirklich leid…“ Zögerlich streckte Severus seine Hand nach ihr aus, doch sie schüttelte sie ab, kaum, dass er sie berührt hatte.
„Fass mich nicht an!“, zischte sie und wich vor ihm zurück, als würde sie sich vor ihm ekeln. „Spar dir dein falsches Mitleid. Ich glaube dir kein Wort!“
„Ich sage die Wahrheit.“
„Wo ist der Beweis? Wo ist der Beweis, dass du dir das alles nicht nur ausgedacht hast? Dass das nicht nur eine Falle ist!“ Sie wischte sich wenig damenhaft mit dem Ärmel über ihre Augen und über ihre Nase.
„Wieso sollte ich dir eine Falle stellen? Wenn ich deinen Tod wollte, wärst du schon längst tot.“
„Du willst, dass ich dir vertraue, indem du mir drohst?“
„Ich drohe dir nicht. Das ist nur die Wahrheit. Ich habe dich in der Vergangenheit oft genug beschützt, ohne dass du es bemerkt hast. Ich habe mein eigenes Leben riskiert, um dich zu beschützen.“
„Und dafür soll ich dir jetzt dankbar sein, oder was?“
Seiner Meinung nach wäre das mehr als angebracht, doch diese Antwort behielt er wohlweislich für sich. „Ich will nur, dass du mir vertraust.“
„So wie Dumbledore? Die Personen, die dir vertrauen, leben nicht sonderlich lange.“
„Ich bereue Dumbledores Tod. Wirklich. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich all die Fehler der vergangenen Jahre bereue. Ich schäme mich für die Dinge, die ich getan habe. Ich habe nicht vor, diese Fehler zu wiederholen, deshalb kannst du mir vertrauen.“
„Und dann?“
„Was und dann?“, fragte er.
„Was ist dann? Nehmen wir für einen kurzen Moment an, ich wäre so verrückt und würde dir vertrauen. Was geschieht dann? Du bist weiterhin der treue Todesser und ich die gefährliche Terroristin? Wie lange willst du mich noch vor deinen Leuten beschützen?“
„Ich verstehe nicht, was du von mir willst.“
„Ich will, dass du dich entscheidest, Severus. Wer bist du? Du kannst nicht ein treuer Todesser sein und gleichzeitig die Anführerin der Rebellen beschützen und“, sie zeigte mit der Hand auf Granger, „deine eigenen Gesetze unterwandern, indem du eine muggelstämmige Hexe unter deinem Dach duldest.“ Sie fasste ihn scharf ins Auge. „Du kannst nicht weiterhin Tränke für Muggel brauen und gleichzeitig mithelfen, ihre Rechte noch weiter einzuschränken. Du kannst nicht beides haben. Du musst dich entscheiden, auf welcher Seite du stehst.“ Sie hob den Zauberstab und zielte auf sein Herz. „Mit uns oder gegen uns.“
Severus hob die Hände. „Egal, wie ich mich entscheide, es würde meinen Tod bedeuten.“
„Nur, wenn du dich für ihn entscheidest. Wenn du dich für die falsche Seite entscheidest.“
„Du weißt, was mit Verrätern geschieht. Und mit ihren Familien.“
Sie verzog angewidert das Gesicht. „Ich habe dich für einen mutigeren Mann gehalten.“
„Mut und Dummheit sind zwei verschiedene Dinge. Wenn ich mich offen zum Orden des Phönix bekenne, bin ich innerhalb kürzester Zeit tot. Und tot bin ich niemandem von großem Nutzen.“
„Dann bleibst du also ein Todesser?“ Sie umklammerte den Zauberstab fester.
„Nein! Schon allein die Tatsache, dass ich zurückgekehrt bin, sollte dir zeigen, auf wessen Seite ich tatsächlich stehe. Dass ich Tränke für den Widerstand gebraut habe. Ich habe die Hälfte der Inferi getötet. Ich habe dafür sogar Evan geopfert. Begreifst du das nicht? Ich habe einen meiner besten Freunde zum Sterben zurückgelassen, um dem Orden zu helfen. Reicht dir das nicht als Beweis? Verdammt, Lily, was willst du noch?“

Sie starrten einander an. Severus war wütend, weil keines seiner Argumente sie bisher überzeugen konnte. Mittlerweile hatte er schon den Verdacht, dass sie ihm nicht glauben wollte und kein Versprechen, keine Beteuerung, nichts irgendwas daran ändern würde. Er verschwendete hier nur seine Zeit.
Doch plötzlich nickte Lily. „Ich- ich glaube dir… Aber das bedeutet auch, dass du so nicht weitermachen kannst.“
„Sondern?“
„Wir müssen etwas ändern, Severus. Die Herrschaft der Todesser muss enden. Hilf mir, gegen sie zu kämpfen. Hilf mir, den Dunklen Lord zu besiegen. Mit deiner Hilfe können wir es schaffen.“ Das fanatische Glühen ihrer Augen machte Severus deutlich, dass sie nicht eher ruhen würde, bis der Dunkle Lord vernichtet war. Und dass sie gewillt war, alles zu tun, um dieses Ziel zu erreichen. Lily steckte den Zauberstab weg und streckte ihm stattdessen ihre Hand entgegen. „Gemeinsam können wir es schaffen.“
Dass sie ihm endlich glaubte, erleichterte ihn sehr. Schon lange verspürte Severus das Bedürfnis, etwas aktiv zu ändern. Nicht länger tatenlos dabei zusehen zu müssen, wie das Leid, das die Herrschaft der Todesser über das Land gebracht hatte, von Tag zu Tag größer wurde. Er allein konnte nichts ändern. Aber er könnte den Orden mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten unterstützen und ihnen damit bei der Vernichtung des Dunklen Lords behilflich sein.

Severus ergriff ihre Hand. „Wir werden ihn besiegen.“
Lily lächelte. „Und den Frieden-“ Sie verstummte und drehte sich um. Black kam langsam wieder zu sich. Er stöhnte leise.
„Schade. Ich habe eigentlich gehofft, dass du ihn doch umgebracht hast.“
„Severus!“, ermahnte sie ihn streng und eilte zu Black, der soeben die Augen aufgeschlagen hatte. „Schht, alles wird gut, Sirius. Bleib einfach liegen…“
„Wa-was ist passiert?“, fragte er verwirrt und wollte sich aufsetzen, doch Lily drückte seine Schultern wieder nach unten. „Das ist eine ziemlich lange Geschichte.“ Sie blickte hinüber zu Severus, der sich in der Zwischenzeit um die noch immer verzauberte Hermine kümmerte. „Und ich glaube nicht, dass sie dir sonderlich gefallen wird.“
„Ich hatte einen irren Traum“, murmelte Black. „Schniefelus war hier, aber er war blond. Und du hast mich niedergeschlagen…Warum tut mein Kopf so weh?“
„Weil das kein Traum war.“

Während Lily Black auf den neuersten Stand brachte, hob Severus seinen Zauberstab vom Boden auf und nahm den Fluch von Granger. Kaum hatte er den Gegenzauber gesprochen, war sie schon wieder auf den Beinen.  
„Es tut mir leid, Herr! Ich wollte Euch warnen, dass Black hinter mir ist, aber-“
„Ist schon in Ordnung. Ich hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmt.“
„WAS? Du glaubst diesem… diesem… verlogenen Mörder?“, rief Black aufgebracht. „Bist du übergeschnappt, Lily?“
Severus seufzte. Das fing ja schon mal gut an.
„Wo ist mein Zauberstab? Gib mir meinen Zauberstab, damit ich ihn töten kann!“

Granger schaute erschrocken zu Lily, die alle Mühe hatte, Black davon abzuhalten, sich mit bloßen Händen auf Severus zu stürzen.
Vielleicht hätte ihn diese Situation beunruhigen müssen, doch er war viel zu müde und erschöpft, um sich darüber Sorgen zu machen. „Nimm deinen tollwütigen Köter an die Leine“, schnarrte er verächtlich.
„Halt die Klappe, Sev! Und du, Sirius, beruhig dich, verdammt noch mal. Und hör mir zu!“

„Ist alles in Ordnung bei dir?“, fragte Severus und zog damit Grangers Aufmerksamkeit wieder auf sich.
Sie nickte. „Ja. Es geht mir gut.“
„Du hast alles gehört?“ Es war eher eine Feststellung als eine Frage.
„Ja… Und ich bin froh, dass Ihr Euch entschieden habt, dem Phönix-Orden zu helfen.“
Severus erwiderte nichts. Nachdenklich blickte er hinüber zu Black und Lily, die so laut miteinander stritten, dass man sie ohne seinen Zauber wahrscheinlich bis London gehört hätte. Ob er in dieser Nacht die richtige Entscheidung getroffen hatte, würde sich erst zeigen. Sein Verstand sagte ihm, dass er sich für die richtige Seite entschieden hatte, dennoch lastete die Schuld des Verrats schwer auf seinen Schultern. Er dachte dabei nicht an den Dunklen Lord, sondern an seine Freunde. Eines Tages würden sie einander als Feinde gegenüberstehen. Bei dieser Vorstellung wurde ihm flau im Magen.

„Sollten wir nicht langsam gehen, Herr?“, fragte Granger.
Erstaunt blickte er sie an. „Du willst wirklich zurück?“ Zu mir, fügte er in Gedanken hinzu.
Sie nickte.
„Aber hast du dir das gut überlegt?“
„Wenn ich mich jetzt dem Orden anschließe, bin ich eine Gesetzlose. Die Polizei würde mich suchen und ich müsste mich die ganze Zeit verstecken. Ich könnte vielleicht niemals zu meinen Eltern zurück. Das will ich nicht… Außerdem gibt es noch einige Zaubertränke, die ich gerne erlernen würde.“ Sie lächelte zaghaft.
Severus blieb ernst. Das war nicht ihr Kampf. Er sollte sie nicht mit hineinziehen. Eine Unterschrift von ihm würde genügen, um sie aus seinem Dienst zu entlassen und ihr ein ruhiges Leben zu ermöglichen, doch etwas in ihm sträubte sich gegen den Gedanken, sie gehen zu lassen.

Mühsam erhob Severus sich von dem Trümmerteil. Der Schmerzlinderungstrank hatte zu wirken aufgehört. Jeder Muskel und jeder Knochen schmerzte bei der kleinsten Bewegung. Severus zog scharf die Luft ein, als er sich aufrichtete und seinen geschundenen Rücken durchdrückte.
„Seid Ihr verletzt?“, fragte Granger besorgt.
„Es ging mir schon mal besser.“
„Ihr braucht einen Heiltrank.“
„Und wieder ein Punkt für die Muggeline“, scherzte er, obwohl ihm danach gar nicht zumute war. Vom langen Sitzen waren seine Glieder steif geworden. Seine ersten Schritte waren wackelig, was nicht zuletzt an seinen Schmerzen lag, doch Granger legte ungefragt seinen Arm um ihre Schultern und stützte ihn.
„Es ist mir egal, was du sagst. Ich werde ihm niemals vertrauen“, zischte Black und spuckte Severus vor die Füße. „Ich kann ihm nicht verzeihen, was er uns allen angetan hat.“
„Keiner verlangt, dass du ihm verzeihst oder irgendwas davon vergisst. Das werde ich auch nicht. Aber Severus bereut, was er getan hat. Er will uns helfen. Er hat diese Chance verdient. Und vielleicht können wir mit seiner Hilfe endlich den Dunklen Lord besiegen. Überleg doch mal, welche Vorteile es haben könnte, mit ihm zusammenzuarbeiten. All die Insiderinformationen!“
„Oder es ist nur ein Trick. Und wenn wir ihm jetzt vertrauen, dann laufen wir blindlings in eine Falle und er und sein Meister schaffen endlich das, wovon sie schon seit Jahren träumen: Sie vernichten uns alle.“
„Glaub, was du willst, Black“, sagte Severus verächtlich. „Aber warum sollte ich mir diese Mühe machen? Wenn ich euch alle hätte töten wollen, warum hätte ich euch dann gewarnt?“
„Sie hat uns gewarnt“, widersprach er und deutete mit dem Kopf in Hermines Richtung. „Nicht du.“
Lily stellte sich zwischen Severus und Black, um die beiden vor weiteren verbalen oder physischen Auseinandersetzungen abzuhalten. „Sev sagt die Wahrheit. Kurz vor der Evakuierung war er bei mir. Er hat mich davon überzeugt, auf Hermine zu hören.“
„Was? Das hast du mir verheimlicht! Warum hast du mir das nicht erzählt? Uns allen?“
„Weil ich dich kenne und keine Lust auf diese Diskussionen hatte.“ Sie verdrehte die Augen. „Also, Sirius, erkennst du jetzt, dass Severus-“

Weiter kam sie nicht. Ein leises Klingeln ertönte. Alle erstarrten.
„Der Alarmzauber!“, keuchte Lily. „Sie haben uns gefunden!“
Severus zückte seinen Zauberstab. „Schnell. Bring deine Leute in Sicherheit! Und du gehst mit ihnen“, sagte er an Hermine gewandt und schob sie von sich. „Beeilt euch. Ich halte sie auf.“ Er war der Einzige von ihnen, der wie ein Muggel gekleidet war. Noch dazu verhinderte der Vielsafttrank, dass ihn irgendjemand erkennen würde.
„Was? Nein!“, widersprach Granger.
„Spiel jetzt nicht den Helden, Sev, du kannst ja kaum stehen.“
Irgendwie hatte es Black geschafft, seinen Zauberstab im Gras zu finden. Er zielte damit auf Severus. „Du hast sie hergeführt, nicht wahr? Ich wusste, dass man dir nicht vertrauen kann!“
„Ich habe niemanden hergeführt! Keine Ahnung, wie-“ Er verstummte schlagartig, als ihm der Mann am Fenster wieder in den Sinn kam. Dieser verdammte Spitzel! Die Todesser zahlten gut für wichtige Informationen. Aus Goldgier waren manche sogar bereit, ihre besten Freunde zu verpfeifen. „Ich wurde gesehen“, gestand Severus zähneknirschend. „Vermutlich ist es nur ein einzelner Brigadist. Ihr müsst trotzdem verschwinden! LOS!“
Lily und Black tauschten einen vielsagenden Blick. „Verschafft uns ein wenig Zeit.“ Sie griff nach Grangers Arm und zog sie mit sich. „Komm, wir müssen die anderen warnen und verschwinden!“
Sie liefen zur Halle zurück, aus der in dem Moment Weasley mit zwei anderen Rotschöpfen herausspazierte. „Wo warst du so lange? Was ist los?“, fragte er Hermine.
Das war jedoch nicht der richtige Moment für lange Erklärungen. „Wir müssen von hier weg, Ron! Sofort!“

In der Dunkelheit sah Severus langsam das Licht einer einsamen Zauberstabspitze auf sie zukommen. Wer auch immer sie gefunden hatte, schien sich keine Mühe zu machen, seine Anwesenheit zu verheimlichen. Das war entweder äußerst mutig oder unheimlich dumm.
„I-ist da je-jemand?“, rief der Zauberer mit zittriger Stimme und stolperte langsam näher. Er bewegte seinen Zauberstab so schnell hin und her, dass einem vom Zusehen schwindlig wurde.
Sehr zu Severus‘ Missfallen stellte sich Black direkt neben ihn und beobachtete ebenfalls das Zauberstablicht. „Solltest du nicht lieber den anderen helfen?“, zischte er.
„Lily kommt klar, aber jemand muss dich im Auge behalten. Falls das doch eine Falle ist und du hier auf deine Kumpel wartest, um uns alle ans Messer zu liefern.“
Severus schnaubte abfällig. „Hätte ich euch alle töten wollen, hätte ich heute Nacht schon genug Gelegenheiten gehabt.“
„Bereust du es schon, es nicht getan zu haben?“
„Bisher noch nicht. Aber wenn du mir noch weiter auf die Nerven gehst, kann ich für nichts garantieren.“
Black grinste zufrieden. „Es ist mir egal, was Lily sagt. Für mich bleibst du ein Mörder und Todesser… Gib mir nur einen Grund, Schniefelus, und glaub mir, ich werde dich mit Freuden töten.“
„Träum weiter.“ Severus kniff die Augen zusammen und spähte in Richtung ihres ungebetenen Gasts. Wie er es sich gedacht hatte, näherte sich ein einsamer Brigadist in einem blutroten Umhang. Erleichtert atmete er auf. Dieser Kerl stellte für sie keine Gefahr dar.
„Ich erledige das, Black“, sagte Severus und ließ seinen Zauberstab in seinem Ärmel verschwinden. „Du solltest besser zu den anderen gehen. Auf deine arrogante Visage ist immerhin ein Kopfgeld ausgesetzt.“
„Ich lasse dich nicht aus den Augen…“ Black schlenderte demonstrativ gemächlich in Richtung Halle zurück. Noch waren sie durch die Zauberbanne vor den Blicken des Brigadisten geschützt. Der einfältige Bursche, er schien kaum älter als Weasley zu sein, kam nicht einmal auf die Idee, die Umgebung nach Bannen oder Flüchen abzusuchen, sondern marschierte geradewegs auf sie zu und durch sie hindurch, ohne zu merken, dass er einen Alarm nach dem nächsten auslöste. Hätte Severus die mächtigsten Flüche nicht vorher gebrochen, wäre der Bursche niemals so weit gekommen.
„I-ist da je-jemand?“, fragte er nochmals.
„Ja, hier“, antwortete Severus und löste den letzten Zauber.
Sofort richtete der Brigadist seinen Zauberstab auf Severus, der von dem Licht an der Spitze geblendet wurde. Er hob die Hände und kniff die Augen zusammen.
„Wa-was machst d-du hier, d-du dreckiger Mu-muggel?“
„Verzeihen Sie, Sir. Ich konnte nicht schlafen-“
Mit einem Schlenker seines Zauberstabs hatte ihm der Brigadist mit einer unsichtbaren Hand einen Schlag in den Magen verpasst, der ihn beinahe von den Füßen gerissen hätte. Severus krümmte sich vor Schmerzen und schnappte nach Luft.
„D-du dummer Mu-Muggel! Es gibt ‘ne Au-ausgangsschp-sperre!“
Severus richtete sich mühsam wieder auf. Er musste sich sehr zusammenreißen, nicht aus der Rolle zufallen, und dem dummen Jungen eine Abreibung zu verpassen.
„Ach ja, stimmt! Verzeihen Sie mir, Sir, darauf habe ich ja ganz vergessen… Ich gehe gleich nach Hause.“
„Ha-halt! So leicht k-kommst du mir n-nich davon. H-hier is doch wa-was faul.“ So dumm der Stotterer auch zu sein schien, er hatte sich von Severus‘ fadenscheiniger Ausrede nicht überzeugen lassen und blickte sich misstrauisch um. „Wa-warum b-bist du a-ausgere-rechnet h-hierher ge-gekommen?“
Bevor Severus etwas sagen konnte, sprang ein riesiger Hund mit schwarzem, glänzendem Fell aus dem Gebüsch. Er umkreiste Severus, bellte einmal laut und wedelte vergnügt mit dem Schwanz.
„Mein Hund musste raus.“ Severus wollte den Kopf des Hundes tätscheln, der jedoch fing zu knurren an und stellte das Fell auf. Das war ihm nur recht. Black hatte seiner Meinung nach ohnehin eher eine Tracht Prügel als eine Streicheleinheit verdient.
Verdutzt betrachtete der Brigadist den Hund, wie er seinem eigenen Schwanz nachjagte.
„Wa-was’n das für’n Vieh?“
„Keine Ahnung. Irgendeine Straßenkötermischung.“
„Ko-kommt mir i-irgendwie be-bekannt vor.“
Aufgrund seiner maßlosen Überheblichkeit oder seiner grenzenlosen Dummheit – bei Black war Severus sich nie sicher gewesen, was davon zutraf – bellte er den Brigadisten an und knurrte bedrohlich.
Der Junge erschrak so heftig, dass er einen Schritt nach hinten stolperte und Funken aus seinem Zauberstab sprühten.
„Aus! Sitz, Struppi!“
„Na-na warte, d-du M-Mistvieh!“ Der Brigadist machte sich zum Angriff auf Black bereit, doch Severus hatte schon damit gerechnet. Er schüttelte den Zauberstab aus seinem Ärmel und blockte den Zauber ab, ehe er Schaden anrichten konnte. Schockiert starrte der Junge ihn mit großen Augen an. Ein Muggel mit einem Zauberstab – damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet. In dem Moment, als Severus den Brigadisten endgültig außer Gefecht setzen wollte, disapparierte dieser.

Verächtlich verzog Severus das Gesicht. So ein feiges Verhalten war ihm noch nie untergekommen. Er nahm sich vor, mit Avery ein ernstes Wörtchen über die Neulinge in dessen Abteilung zu sprechen, bevor ihm wieder einfiel, dass er nicht mehr die Hand des Dunklen Lords war.
„Black, du hirnloser Idiot! Jeder weiß, dass du ein Animagus bist und wie du als Hund aussiehst! Was, wenn der Brigadist dich erkannt hat?“, herrschte er den Vierbeiner an. „Wir müssen sofort verschwinden, bevor er Verstärkung holt und zurückkommt.“
Neben ihm verwandelte sich Black soeben wieder in einen Menschen zurück. Severus war sich nicht sicher, in welcher Gestalt er ihn weniger ausstehen konnte.

Gemeinsam eilten sie zum Unterschlupf zurück, um sich zu vergewissern, dass die Mitglieder des Phönix-Ordens bereit zum Aufbruch waren, als ein stechender Schmerz Severus‘ linken Unterarm durchzuckte. Er blieb abrupt stehen.
„Was?“, fragte Black.
„Jemand hat den Dunklen Lord gerufen!“ Dass dieser Jemand vermutlich der Brigadist gewesen war und sie alle in großer Gefahr schwebten, musste er nicht erwähnen. Black verstand ihn auch so.

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Ein spannendes Kapitel kommt noch, dann wird es wieder etwas ruhiger! Dann haben wir ja auch schon fast Weihnachten in der Geschichte. ;-)
Ich muss mich mal wieder bei allen von euch für die vielen Favoriteneinträge und Empfehlungen bedanken! Vielen Dank dafür! Und an alle neuen Leserinnen und Leser: Herzlich willkommen!
Marginalie hatte wie immer die Ehre, als erste Person dieses Kapitel zu lesen und mir Feedback zu geben. Vielen Dank für deine Unterstützung. *umarme*

Liebe Grüße
Marie
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