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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
26.05.2022
41
172.095
104
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06.01.2022 3.477
 
Kapitel 24: Erinnerungen

Die Tränke hatten so gewirkt, wie Severus es gehofft hatte. Nach ein paar Stunden Schlaf fühlte er sich zwar noch immer so, als hätte ihn der Fahrende Ritter mit voller Absicht mehrmals überfahren, aber er konnte zumindest selbst vom Bett aufstehen. Er stürzte noch einen weiteren Stärkungstrank hinunter und etwas, das seine Schmerzen ein wenig lindern würde, während er in einen alten Umhang schlüpfte und das Schlafzimmer verließ. Jeder Schritt war eine ungeheure Anstrengung, dennoch vergaß er nicht, eine Nachricht für Mrs Cole zu hinterlassen. Neugierige Fragen und dumme Gerüchte waren das Letzte, das er im Moment gebrauchen konnte.

Bis er den Garten erreicht hatte, war er schweißgebadet. Wie eine zweite Haut klebte das schwarze Hemd an ihm. Die kalte Abendluft ließ ihn augenblicklich frösteln, doch von solchen Kleinigkeiten ließ er sich nicht aufhalten.
Das Fläschchen mit dem Vielsafttrank leerte er mit einem kräftigen Zug und verzog trotz des ekelhaften Geschmacks kaum das Gesicht. Er spürte, wie sich sein Äußeres und sein Körper veränderten und er zum blonden Adam wurde. Zu guter Letzt färbte er noch seine Kleidung braun. Dann sprach er den Zauber, der ihm erneut den Weg zu Granger weisen würde und disapparierte.

Für einen Moment dachte er tatsächlich, dass ihn der Zauber in die Irre geführt hatte. Nicht einmal Lily konnte so unverfroren sein, ausgerechnet diesen Ort als Versteck auszuwählen. Er führte den Zauber erneut aus, disapparierte und landete kaum einen Meter entfernt von jener Stelle, von der er soeben aufgebrochen war. Severus seufzte. Scheinbar war sie es doch.
Wachsam blickte er sich um. Außer einem alten Mann, der neugierig aus dem Fenster eines Wohnhauses schaute, war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Und bis auf das leise Rauschen des Flusses vor ihm war es gespenstisch ruhig in der Stadt Durham. Das war auch nicht weiter verwunderlich, schließlich war Severus es gewesen, der nach den Ausschreitungen vor knapp einer Woche eine landesweite Ausgangssperre verhängt hatte. Nur für Muggel, versteht sich. Die magische Bevölkerung war davon nicht betroffen; für sie galten eigene Regeln.

Auf der anderen Seite der Brücke thronte die alte Burg neben der Kathedrale auf dem Hügel über der Stadt. Die mittelalterliche Festung bildete das Herzstück der Universität. Besser gesagt: Dort befanden sich die Ruinen von dem, was davon übrig war. Sogar die Kathedrale hatte man dem Erdboden gleichgemacht.

Vor fast fünfzehn Jahren war Severus das letzte Mal hier gewesen. Damals, als sich die Studentinnen und Studenten hinter den uralten Burgmauern verschanzt hatten und dachten, sie könnten mit den Todessern verhandeln. Reden. Einen Kompromiss schließen. Als könne man die Frage, wer über das Land herrschen sollte, friedlich und unblutig lösen.
Es hatte in einem Massaker geendet. Den Studentinnen und Studenten in Durham war es nicht anders ergangen als jenen in den anderen Universitäten im Land. Für gebildete Muggel, die noch dazu Widerstand leisteten, hatte der Dunkle Lord keine Verwendung.

Während Severus dem teilweise im Dunkeln liegenden Weg zur Burg folgte, versuchte er nicht an jene Nacht zurückzudenken. Damals hatte er nicht daran gezweifelt, das Richtige zu tun. Immerhin hatten sie eine Neue Ordnung geschaffen. Etwas Großes, etwas Besseres. Die Zauberer hatten das natürliche Mächteverhältnis wiederhergestellt. Die toten Muggel zählten nicht. Sie waren nur Kollateralschäden.
Wie hatte er damals nur so naiv sein können? Mittlerweile schämte er sich für seine Taten. Und voll Reue dachte er daran, was er hätte verhindern können, wenn er nur den Mut dazu gehabt hätte, sich den Befehlen zu widersetzen.

Die Ruine der ehemaligen Burg lag nun direkt vor ihm, trotzdem konnte er nicht viel erkennen. Die meisten Straßenlaternen waren kaputt. Um nicht von Weiten auf sich aufmerksam zu machen, verzichtete Severus auf das Licht seines Zauberstabs, deshalb kam er nur langsam voran, doch es störte ihn nicht. Das Stechen in seiner Brust machte jede schnelle Bewegung ohnehin unmöglich.

Teilweise hatte sich die Natur das Burgareal zurückerobert. Zwischen den Überresten der ehemaligen Burggebäude wuchsen Bäume und Büsche. Die Kieswege waren kaum mehr zu erkennen. Severus musste über einige Trümmer klettern, was in seinem Zustand keine leichte Aufgabe war und ihn mehr anstrengte, als er sich eingestehen wollte.
Immer wieder blieb er stehen – nicht nur, weil er Luft schöpfen musste und dabei jeder tiefe Atemzug schmerzte, sondern auch, um die Umgebung auf andere Menschen und Zauberbanne zu überprüfen. In der Nähe eines der wenigen noch intakten Gebäude vibrierte auf einmal der Zauberstab in seiner Hand. Hätte er den Zauber nicht rechtzeitig bemerkt, hätte er einen Alarm ausgelöst. Ohne große Mühe setzte er den Alarmzauber außer Kraft und ging weiter.

Die Rebellen hatte ihren Unterschlupf gut geschützt. Weitere Banne und Hexereien mussten von Severus überwunden werden, um sich dem Versteck ungehindert nähern zu können. Severus war sich sicher, dass einige der raffinierteren Zauber von Lily stammten. Schon bald hatte er das Gebäude erreicht, in dem sich zweifellos die Rebellen aufhielten.
Ein sanftes Licht drang durch die Überreste der bunten Bleiglasfenster. Noch einmal überprüfte er die Umgebung auf weitere Hexereien. Diesmal blieb der Zauberstab in seiner Hand ruhig. Die Gefahr war gebannt.

In dem Moment, als er zu einem der Fenster schleichen wollte, um einen Blick ins Innere zu werfen, bohrte sich eine Zauberstabspitze zwischen seine Schulterblätter.
„Du wirst nachlässig“, tadelte Lily ihn. „Früher hättest du meinen zweiten Alarmzauber nicht übersehen… Wie konntest du uns überhaupt finden?“
Er hob langsam die Hände. Dieses Wiedersehen hatte er sich zwar anders vorgestellt, aber er war erleichtert, dass er ihr offensichtlich gut gin. „Ich komme nicht als Feind.“
„Sondern?“ Sie verstärkte den Druck ihres Zauberstabes, weil er nicht sofort antwortete.
„Ich komme, um das zu holen-“
„Was dir gehört?“, beendete sie den Satz für ihn. „Das Mädchen ist kein Gegenstand, Severus. Sie gehört dir nicht. Sie ist ein Mensch. Sie hat Gefühle und einen eigenen Willen. Aber natürlich nicht in den Augen eines Todessers – ich vergaß. Wie dumm von mir.“
„Lily…“, seufzte Severus. „Du weißt genau, dass ich nicht so denke.“
„Nicht? Warum bist du dann zurückgekehrt? Es war töricht von dir, überhaupt hierher zu kommen. Und riskant. Wofür das alles?“
Mit erhobenen Händen drehte Severus sich langsam um. Lily stand vor ihm, die Zauberstabspitze war auf sein Herz gerichtet. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ihr schneidender Tonfall ließ keinen Zweifel daran, wie wütend sie war.
„Ich habe es versprochen und ich halte meine Versprechen.“
Lily lachte abfällig. „Das Wort eines Todessers ist nichts wert.“
„Und doch stehe ich hier.“
„Leider.“
Irritiert von ihrem Verhalten runzelte Severus die Stirn. „Wäre es dir lieber, wenn ich tot wäre? Wenn mich die Inferi getötet hätten? Oder der Dunkle Lord?“
Sie gab ihm keine Antwort, sondern fragte stattdessen: „Warum willst du das Mädchen zurückholen?“
„Weil sie meine Assistentin ist. Sie hilft mir beim Brauen der Heiltränke.“
„Glaubst du etwa, dass wir nach allem, was heute geschehen ist, noch deine Heiltränke wollen? Glaubst du, wir wollen dein Mitleid?“, zischte sie und machte bedrohlich einen Schritt auf ihn zu. „Wir haben heute alles verloren, was wir uns in den letzten Jahren aufgebaut haben. Der Untergrund war unser Zuhause! Ein sicherer Zufluchtsort von so vielen von uns und du hast ihn zerstört. Wir haben so gut wie nichts mehr. So viele Menschen sind heute gestorben. Tapfere Frauen und Männer, die ihr Leben unserer Sache gewidmet haben… Aber Hauptsache du stehst putzmunter vor mir und willst so weitermachen, als ob nichts geschehen wäre… Nein, Severus. Ich muss dich enttäuschen. Du musst einen anderen Weg finden, um dein schlechtes Gewissen zu beruhigen.“
„Du solltest meine Hilfe nicht aus falschem Stolz ablehnen.“
„Stolz? Das hat nichts mit Stolz zu tun. Eher etwas mit Selbstachtung. Ich will keine Almosen von dem Mann, der für den Tod von so vielen von uns verantwortlich ist.“
„Ich…“ Er verstummte, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. „Es tut mir leid.“
„Spar dir das. Wir wissen beide, dass du es nicht so meinst… Und nun verschwinde. Deine Warnung hat viele unserer Leute vor dem Tod bewahrt. Dafür bin ich dir dankbar und deshalb werde ich dich nicht töten. Aber nun geh, bevor ich es mir anders überlege.“
„Und Granger?“
„Du wirst dir in Zukunft deinen Tee selbst servieren und deine Unterhosen selbst waschen müssen. Das Mädchen bleibt. Sie gehört zu uns. Sie gehört hierher. Bei uns ist sie frei.“
„Seltsam, dass ausgerechnet du von ihrem freien Willen sprichst, nur um dann über sie zu bestimmen.“
„Glaubst du etwa, dass sie freiwillig zu dir zurückkehren würde? Ausgerechnet zu dir?“, höhnte sie.
„Vielleicht sollten wir sie das entscheiden lassen…“
Lily überlegte einen Moment. „Na schön. Von mir aus.“ Sie reckte ihren Zauberstab in die Luft. Weißer Nebel brach daraus hervor, der sich sogleich verdichtete und zu einer silbrig weißen Hirschkuh wurde. Ihre Hufe hinterließen keine Abdrücke im Gras. „Schick Hermine zu mir nach draußen. Allein“, befahl Lily und die Hirschkuh lief davon, durch das Gemäuer hindurch.
„Beeindruckend. Ich fand eure Art zu kommunizieren, schon immer faszinierend.“
„Besser als seine Anhänger wie Vieh zu brandmarken.“
Severus ignorierte ihre Bemerkung und ließ sich auf einem Stein nieder, den er erst auf dem zweiten Blick als herabgestürzten Mauerteil erkannte. Das Gespräch hatte ihn angestrengt. Jeder Atemzug schmerzte.
„Machst du schon schlapp? Was ist los?“, fragte Lily. Sonderlich besorgt klang sie jedoch nicht.
„Nichts.“
„Hast du Schmerzen?“
„Ja.“
„Gut. Hoffentlich tut es richtig weh.“
Severus verzog das Gesicht. „Seit wann bist du so… so kaltherzig?“ Die Beleidigung, die ihm eigentlich auf der Zunge lag, behielt er für sich.
„Hmm… Lass mich überlegen“, meinte sie und kratzte sich gespielt nachdenklich am Kinn. „Könnte es vielleicht daran liegen, dass ich seit Jahren von den Todessern gejagt werde? Dass deine Leute mich töten wollen? Dass ihr meinen Mann getötet habt? Meine Freunde?... Wundert es dich dann wirklich, dass ich für dich, meinen Feind, kein Mitleid empfinden kann?“
„Ich bin nicht dein Feind.“
„Was dann?“
Er zögerte. „Ein Freund.“
„Nein. Nein, Sev“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Die Zeiten sind vorbei. Du hast deinen Weg gewählt und ich den meinen. Es gibt kein Zurück mehr.“
„Wir haben einander geschworen, dass wir immer Freunde bleiben…“
„Das ist lange her. Wir sind keine Kinder mehr. Du bist nicht mehr der einsame Spinner von Spinner’s End und ich nicht mehr das Mädchen, das einen Freund braucht, der ihr die magische Welt erklärt. Wir sind Feinde, Sev. Du hast es so gewollt.“
„Ich wollte niemals, dass wir Feinde werden!“, widersprach er.
„Dann hättest du diesen Weg nicht einschlagen dürfen. Als du ein Todesser geworden bist, hast du dich gegen mich entschieden. Du hast dich für Avery und Mulciber entschieden und gegen das wertlose Schlammblut.“
„Das ist nicht wahr! Erinnerst du dich nicht mehr? Ich bin zu dir gekommen. Ich wollte mit dir fliehen. Kurz, nachdem wir das Ministerium gestürzt hatten, da habe ich dir angeboten, mit mir wegzugehen. Wir hätten fliehen und irgendwo neu anfangen können…“
„Und meinen Sohn und meinen Mann hätte ich zurücklassen sollen? Oder hätte ich Harry und James mitnehmen dürfen? Hättest du sie auch gerettet?“ Severus schwieg und Lily lachte kalt. „Dachte ich’s mir doch. Und auch dein zweites ach so großzügiges Angebot habe ich nicht vergessen. Wie hättest du mich beschützen wollen? Hm? Hättest du mich in ein graues Kleidchen gesteckt und bei dir zu Hause eingesperrt? Ohne Zauberstab? Ohne Rechte? Hm?“ Sie sah ihn herausfordernd an.
„So wäre es nicht gewesen…“, widersprach er. „Viele von euch sind zu uns übergelaufen, als wir gesiegt haben. Oder hast du das schon verdrängt? Pettigrew-“
„Peter war ein verdammter Feigling und Verräter!“
„Und der Lord hat ihn trotzdem aufgenommen. Du und Potter, ihr hättet euch uns anschließen können. Aber das hast du wahrscheinlich niemals auch nur in Erwägung gezogen…“
„Natürlich nicht! Als Blutsverräter und Schlammblut hätten wir nicht lange in den Reihen der Todesser überlebt, oder?“
„Du wärst überrascht, wie viele Blutsverräter und… Muggelgeborene sich unter den Todessern befinden. Mit der richtigen Gesinnung kann man diesen Makel ausgleichen.“ Und mit gefälschten Stammbäumen, aber das sprach er nicht laut aus.
„Ihr seid so ein… ein…“, sie suchte händeringend nach dem richtigen Wort, „widerwärtiger und verlogener Haufen!“
„Außerdem hätte ich dich beschützt, wenn du dich uns angeschlossen hättest. So wie ich dich jetzt beschützt habe. All die Jahre.“
„Tatsächlich? Hat sich aber nicht so angefühlt.“
„Ohne mich wärst du schon längst tot.“
Sie überging seine letzte Bemerkung. „Vielleicht willst du genau das. Ein Schlammblut, dass sich dir unterwerfen muss. Ist es das, was dir an dem Mädchen so gefällt? Turnt es dich an, wenn sie dich Herr nennt? Macht dich das scharf? Das ist doch bestimmt der feuchte Traum eines jeden Todessers.“
„Denkst du das wirklich? Denkst du wirklich so schlecht von mir?“
Sie grinste. „Hab ich etwa einen Nerv getroffen? Tut mir wahnsinnig leid… Wo bleibt deine kleine Lust-Sklavin eigentlich?“

Als hätte sie nur auf dieses Stichwort gewartet, tauchte Granger zwischen den Trümmern auf. Mit ihrem Zauberstab beleuchtete sie den Weg. Daran, wie unruhig das Licht über den Boden tanzte, erkannte Severus, dass ihre Hand stark zitterte. Sie hatte Angst. Aber wovor? Kurz hob sie den Zauberstab, blendete damit unabsichtlich Severus, der nicht rechtzeitig genug den Kopf abgewandt hatte, und ließ mit einem gemurmelten „Nox!“ den Zauberstab erlöschen. Den schwarzen Schatten, den er hinter ihr vorbeihuschen sah, tat er als Irritation seiner Augen ab.
„Hallo Adam“, begrüßte sie ihn mit zittriger Stimme. „Schön, dich zu sehen.“
Severus zog eine Augenbraue hoch. Diese merkwürdige Begrüßung zusammen mit ihrem seltsamen Verhalten irritierte ihn. „Alles in Ordnung?“
Sie nickte, ohne ihn dabei anzusehen. Irgendetwas schien sie abzulenken. Oder vielleicht, so dachte Severus, hatten sie die Ereignisse der vergangenen Stunden so sehr mitgenommen.
„Ich habe versprochen, dass ich dich holen komme. Wie du siehst, bin ich nun hier.“
Sie schnitt eine Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte. Ganz sicher war er sich nicht, dafür war es zu dunkel. „Oh, das freut mich sehr. Wir sollten gleich aufbrechen. Deine Frau macht sich sonst Sorgen.“
„Meine-? Hast du einen Schlag auf den Kopf bekommen, Granger? Was habt ihr mit ihr gemacht?“, fragte er Lily vorwurfsvoll.
Bevor Lily etwas antworten konnte, war Granger zu ihm gelaufen. Sie nahm ihn an der Hand. „Es geht mir gut, Adam. Und nun lass uns gehen. Schnell.“
„Du gehst wirklich zurück?“, fragte Lily fassungslos. „Freiwillig? Zu ihm? Weißt du, was das bedeutet? Bei uns könntest du frei sein. Du müsstest nicht mehr dienen.“
Granger zog kräftig an Severus‘ Arm. „Lass uns gehen. Bitte.“
Er lächelte. Es rührte und freute ihn, dass sie zu ihm zurückkehren wollte und es scheinbar gar nicht mehr erwarten konnte, wieder in Hetfield House zu sein. Sanft streichelte er über ihre Wange.
„Ich verspreche dir, dass jetzt alles anders wird. Ich werde mich besser um dich kümmern. Vor allem um deine Ausbildung. Deshalb will ich nicht mehr, dass du mich Herr nennst. Verstehst du, Hermine?“

Bevor sie etwas antworten konnte, wurde Severus von einem Lichtblitz getroffen und von den Füßen gerissen. Sein Zauberstab flog ihm aus der Hand und landete irgendwo in der Dunkelheit. Voller Entsetzen schrie Hermine auf und wollte zu ihm rennen, doch Lily schlang ihre Arme um sie und hielt sie zurück. Aus seinem Versteck kam Black hervor. Sein Zauberstab zeigte drohend auf Severus, der sich mühsam hochrappelte.
„Ich wusste es! Was macht Schniefelus hier?“, fragte Black wütend. Blanker Hass verwandelte sein Gesicht in eine beängstigende Fratze. „Und warum ist er noch nicht tot?“ Ohne zu zögern, hob er seinen Zauberstab, um diesen Umstand sofort zu ändern.
„Sirius - nicht!“
„Nein!“, rief Hermine. Sie wehrte sich so verbissen gegen Lilys Umklammerung, dass dieses sie gehen lassen musste. Schnell lief sie zu Severus und stellte sich schützend vor ihn.
„Tu das nicht…“, murmelte Severus schwach und versuchte, sie wegzuschieben. Erfolglos.
Ihren Zauberstab richtete sie auf Sirius, was ihm ein Lachen entlockte.
„Wenn du dich für Schniefelus opfern möchtest, nur zu.“
Seinen Schockzauber konnte Hermine noch gut abwehren. Black war jedoch ein ausgezeichneter Duellant. Seine nächsten Flüche schossen so schnell auf sie zu, dass sie sich nicht rechtzeitig hinter einem Schildzauber in Sicherheit bringen konnte. Der Zauberstab flog ihr aus der Hand. Mit einer nahezu lässigen Bewegung fing Black ihn auf.
„Und nun tritt beiseite, Mädchen.“
Hermine rührte sich nicht von der Stelle. Noch immer versperrte sie Black den Weg.
„Letzte Warnung!“, zischte er. Als sie sich nicht bewegte, belegte er sie kurzerhand mit einer Ganzkörperklammer. Sie kippte nach hinten um und blieb regungslos neben Severus liegen. Dessen wütender Aufschrei änderte nichts mehr daran. Hermine konnte sich nicht mehr bewegen, nur ihre Pupillen huschten ängstlich hin und her.

Vorsichtig machte Lily einen Schritt auf Black zu. „Hör zu, Sirius. Wir könnten die beiden gehen lassen-“
Black ließ sie nicht ausreden. „Nein! Er ist die Hand des Dunklen Lords! Wenn wir ihn ausschalten-“
„Kommt ein anderer und wir haben trotzdem nicht den Krieg gewonnen!“, fiel sie ihm ins Wort.
„Ich bin nicht mehr seine Hand. Mulciber ist es“, meldete sich Severus zu Wort.
„Auch gut. Ich töte dich trotzdem. Hauptsache einer weniger von euch.“ Er hob seinen Zauberstab, doch Lily hielt sein Handgelenk fest.
„Was soll das?“, zischte er. „Stellst du dich auf seine Seite?“
„Nein, aber vielleicht… vielleicht sollten wir ihn nicht töten.“
Nun schien es mit Blacks Selbstbeherrschung endgültig vorbei zu sein. „ER HAT JAMES UMGEBRACHT!“ Grob stieß er Lily von sich. Dabei fiel ihr der Zauberstab aus der Hand und landete irgendwo im dunklen Gras. Sie taumelte ein paar Schritte zur Seite, konnte aber einen Sturz verhindern und lief sogleich wieder Black hinterher, der bedrohlich auf Severus zuschritt.
„Hat er nicht, Sirius! Er war es nicht!“ Erneut versuchte Lily ihn aufzuhalten. Er schob sie zur Seite und es sah nicht so aus, als würde er sich ihre Einmischung noch länger gefallen lassen. Der Wunsch nach Rache war alles, was im Moment für Black zählte.
„Hat er das behauptet? Ich glaube ihm kein Wort. Ich war selbst dabei.“

Severus bettelte nicht um sein Leben. Das war unter seiner Würde. Er hatte schon vor Tagen mit seinem Leben abgeschlossen. Er fürchtete den Tod nicht. Aber es ärgerte ihn, dass es ausgerechnet Black war, der ihn töten würde. So unspektakulär und demütigend hatte er sich seinen Tod nicht vorgestellt.
„Wenn du dabei warst, dann hast du ja gesehen, dass es nicht mein Todesfluch war, der Potter ins Jenseits befördert hat.“
„Ich glaube dir kein Wort!“
„Dann töte mich jetzt und räche deinen geliebten Potter.“ Severus breitete die Arme aus. „Töte mich jetzt und ihr werdet nie erfahren, wie man den Dunklen Lord besiegen kann.“

Seine Worte hatten sowohl Lily als auch Black für einen Moment erstarren lassen. Severus verkniff sich ein triumphierendes Grinsen, denn das wäre mehr als unangebracht in dieser Situation. Er hatte geschworen, dieses Geheimnis auf Ewig für sich zu behalten. Nun, dieses Versprechen musste er leider brechen.
„Du bluffst“, behauptete Black abfällig.
„Das wirst du nie herausfinden, wenn du mich jetzt tötest. Also? Willst du es hören? Ja? Dann verlange ich im Gegenzug, dass du uns unbehelligt gehen lässt. Das Mädchen zuerst. Nimm den Fluch von Granger und lass sie gehen. Jetzt.“
„Du bist nicht in der Position, mir Befehle zu erteilen.“
„Dann wirst du von mir nichts hören und ihr könnt euren Krieg gegen den Dunklen Lord noch jahrelang erfolglos weiterführen. Bis keiner von euch mehr übrig ist…“ Er zuckte gleichgültig mit den Schultern.
Black zögerte eine Sekunde zu lang. Die Zeit hatte für Lily gereicht, in der Dunkelheit nach ihrem Zauberstab zu suchen. Sie konnte ihn nicht finden, stattdessen ertastete ihre Finger einen Stein, mit dem sie Black einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf verpasste. Er taumelte ein paar Schritte vorwärts, bis er auf die Knie fiel und bewusstlos im Gras liegen blieb.
„Scheiße“, murmelte Lily und stütze sich für einen Moment mit den Händen auf den Knien ab. Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. „Was hab ich nur getan?“, murmelte sie und kniete sich neben Black ins Gras. Sie fühlte seinen Puls und atmete erleichtert auf. Dann hob sie Blacks Zauberstab auf und schritt damit auf Severus zu. Sie drückte ihm die Spitze gegen den Hals.
„Ich schwöre dir, dass ich dich eigenhändig umbringen werde, wenn du geblufft hast. Also, wie kann man den Dunklen Lord besiegen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, meinte Severus und erinnerte sich an jene schicksalsträchtige Nacht vor mehr als neunzehn Jahren zurück. Die Nacht, in der er sich eines schweren Verbrechens gegenüber dem Dunklen Lord schuldig gemacht hatte, weil er ihm eine wichtige Information verschwiegen hatte.
„Hoffentlich ist es eine gute Geschichte…“, sagte Lily und musterte ihn misstrauisch.
Er grinste. „Kommt darauf an. Glaubst du an Prophezeiungen?“, fragte er.


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Huhu!

Ich hoffe, ihr habt den Jahreswechsel gut überstanden!

Durham gibt's wirklich und ist wunderschön! Die Kathedrale wurde auch als Drehort für die HP-Filme verwendet ;-)
Hier könnt ihr die nachlesen, wie ich mir den Abend vorstelle, an dem Severus die Prophezeiung belauscht. Die Szene passt zum Kanon. In der Muggeline läuft das ein bisschen anders ab...
Marginalie war wie immer die Test- und Betaleserin dieses Kapitels!

Bis nächsten Donnerstag :-)

Liebe Grüße
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