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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
19.05.2022
40
167.616
102
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227 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
30.12.2021 4.329
 
Kapitel 23: Entscheidungen

Manche behaupteten, dass der Tod eine Erlösung sei. Das Ende der Schmerzen, der Ungewissheit. Angst und Furcht würden verschwinden und nichts als Frieden würde zurückbleiben. Es war eine Lüge.
Oder Severus war nicht tot.
Noch nicht.

Ein weiterer Cruciatus-Fluch traf seinen Körper, setzte seine Nerven in Brand und brachte ihn einen Schritt weiter an den Rand der Erlösung. Seine Okklumentik-Kenntnisse halfen ihm, nicht den Verstand zu verlieren. Manche behaupteten sogar, dass man dadurch die Schmerzen weniger deutlich wahrnehmen würde. Wie durch einen Nebel.
Auch das war eine Lüge.

„Meine halbe Armee ist vernichtet! Und du hast das nicht verhindert! Du hast ihn nicht aufgehalten!“
Die Wut in Voldemorts Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass noch einige Cruciatus-Flüche folgen würden. In den Augen des Dunklen Lords hatte er versagt und deshalb eine Bestrafung verdient. Voldemorts Verlust war jedoch Severus‘ Gewinn. Sein Plan war aufgegangen. Dennoch war das kein Grund zur Freude. Als Preis für seinen Erfolg hatte er Evan opfern müssen. Seinen Freund, seinen langjährigen Kampfgefährten. Dafür hatte er eine Bestrafung verdient.

Voldemorts Zauberstab peitschte durch die Luft. Eine unsichtbare Hand packte Severus, zwang ihn in eine aufrechte, kniende Position. Er selbst hätte dazu keine Kraft mehr gehabt.
„Ich will es noch einmal sehen…“ Voldemort zwang seinen Kopf nach oben, um ihm direkt in die Augen blicken zu können. Ein weiteres Mal drang er gewaltsam in Severus‘ Kopf ein, suchte nach der Erinnerung, wie Evan seine Inferi auf einmal gegen die andere Hälfte der Armee gehetzt hatte. Severus hatte die Inferi nicht davon abgehalten, sich gegenseitig zu zerfleischen, weil er zu beschäftigt damit gewesen war, Evans Flüche abzuwehren. Alle anderen Erinnerungen – vor allem die Wahrheit – schirmte er sorgfältig vor dem Dunklen Lord ab, doch lange würde er dazu keine Kraft mehr haben. Er spürte jetzt schon, wie sehr es ihn anstrengte. Seine Abwehr bekam erste Risse.
„Du bist eine Enttäuschung“, zischte Voldemort voller Abscheu und wandte sich ab. Die unsichtbare Hand verschwand und Severus stürzte mit dem Kopf voran zu Boden. Für einen kurzen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Er hatte den Aufprall nicht abfedern können. Der Schmerz in seinem Kopf überlagerte kurzzeitig alles andere, doch er wurde nicht ohnmächtig. Wie immer hatte er kein Glück. Mit geschlossenen Augen blieb Severus auf dem kalten Obsidian-Boden im Palast des Dunklen Lords liegen. Regungslos verharrte Severus in dieser Position. Er wartete, lauschte und hoffte, dass er das Schlimmste tatsächlich bereits überstanden hätte.
Das Rascheln von Voldemorts Umhang war noch einige Zeit sehr nah, dann entfernte es sich.

„Mulciber!“, zischte Voldemort.
Die große Gestalt Duncans kniete sich neben Severus auf den Boden. „Ja, Herr?“
„Du wirst vollenden, was Snape angefangen hat. Geh hinunter in den Untergrund. Finde die restlichen Rebellen und töte sie… Und schaff mir Snape aus den Augen.“
„Wie Ihr befiehlt, Herr…“
Langsam schlug Severus die Augen auf. Er konnte seinen besten Freund nicht sehen, aber er spürte, wie er vorsichtig auf den Rücken gedreht wurde. Jeder Knochen in seinem Leib protestierte heftig. Severus zog scharf die Luft ein.
„Komm schon, hoch mit dir“, flüsterte Duncan und half ihm auf die Beine. Severus vermied es, zu seinen Kameraden zu schauen, als sie den Saal verließen. Die Show war vorbei. Wieder einmal war den Todessern vor Augen geführt worden, was passierte, wenn man die Befehle des Dunklen Lords nicht zu dessen Zufriedenheit ausführte. Sicherlich waren einige von ihnen enttäuscht, dass Severus trotz seines Scheiterns mit dem Leben davongekommen war.

Sie verließen den Saal durch eine der Türen und kamen in der schwach beleuchteten Eingangshalle an. Severus‘ Beine zitterten so heftig, dass er sich gegen die Wand lehnen musste, um nicht umzukippen.
„Hast du was dabei?“, fragte Duncan.
„Innen…tasche.“ Severus‘ Stimme war nichts weiter als ein heißeres Krächzen gewesen.
Schnell fand Duncan die Meistertasche, in der Severus immer eine Auswahl an hilfreichen Tränken bei sich trug.
„Grün“, sagte er, bevor Duncan danach fragen konnte.
„Dein Wunderzeug.“
Duncan überreichte ihm die geöffnete Phiole. Severus‘ Hände zitterten so stark, dass er Mühe hatte, den Trank an seine Lippen zu führen. Er leerte sie mit einem Zug und ignorierte den grässlichen Geschmack. So kaputt wie er sich anfühlte, würde er mehr als nur eine Phiole davon brauchen.

Der Trank entfaltete rasch seine Wirkung. Die Schmerzen ließen nach, das Zittern seiner Gliedmaßen nahm ab. Ohne Duncans Hilfe hätte Severus es trotzdem nicht bis hierher geschafft. Mit zitternden Fingern entkorkte er noch einen Stärkungstrank und stürzte ihn hinunter. Er hatte nur eine zweite Phiole Heiltrank dabei. Sie gleich zu sich zu nehmen, erschien ihm unklug. Er würde sie später vielleicht noch dringender brauchen. Sein Einsatz war noch nicht zu Ende. Mühsam stieß Severus sich von der Wand ab. Er hielt sich an Duncan fest, bis alles um ihn herum zu schwanken aufgehört hatte.
„Ich bring dich nach Hause“, sagte Duncan.
„Nein.“
„Sei nicht so verdammt stur! Du kannst ja kaum stehen.“
„Ich schaffe das.“ Er war nur einige Schritte weit gekommen, dann hatte er sich wieder an der Mauer abstützen müssen. Seine Beine zitterten, als würden sie jeden Moment unter ihm nachgeben.
„Einen Scheiß schaffst du.“ Duncan legte sich einen seiner Arme um die Schultern und stützte ihn. Gemeinsam durchquerten sie die Eingangshalle. Die Wachen öffneten ihnen die Türen. Mittlerweile hatte es zu regnen aufgehört. Die kalte Londoner Abendluft roch angenehm sauber.

Duncan schleppte ihn über den Vorplatz des Palastes, bis zu der Stelle, wo sie disapparieren konnten. „Ich kann nicht glauben, dass wir Evan verloren haben… Für einen Moment schon dachte ich, wir würden dich auch verlieren. Er war so wütend…“
Severus wusste, was er ihm eigentlich damit sagen wollte. Sein Gesicht schmerzte noch vom Aufprall auf den Boden, trotzdem versuchte er zu lächeln. „Mein Tod wäre kein großer Verlust.“
Duncan verzog das Gesicht und bedachte ihn mit einem bösen Blick. Ausgerechnet er war nicht zu Scherzen aufgelegt. „Mach mir den Gefallen und halt einmal im Leben deine verdammte Fresse.“

Bis sie Hetfield House erreicht hatten, schwieg Severus tatsächlich. Es gab nichts zu sagen und jedes weitere Wort wäre nur eine unnötige Anstrengung gewesen. Er brauchte seine Kräfte noch. Granger wartete auf ihn und er hatte ihr versprochen, zu ihr zurückzukehren. Er wusste nur noch nicht, wie er das schaffen sollte.

Duncan brachte ihn bis ins Schlafzimmer. In weiser Voraussicht hatte er auch dort einige Tränke gelagert, denn unter keinen Umständen durfte jemand von seinem Labor erfahren. Das würde zu viele unnötige Fragen aufwerfen.
Mit der Hilfe seines Freundes setzte Severus sich auf das Bett und legte seine schmutzige Kleidung ab. Der verdreckte Todesserumhang landete zusammen mit seinen Stiefeln in einer Ecke.
„Und jetzt ruhst du dich aus“, befahl Duncan in einem Ton, der keine Widerrede duldete.
„Mhm“, brummte Severus und legte sich ins Bett. Streiten war zwecklos. Außerdem sah er ein, dass er in seinem jetzigen Zustand Granger keine Hilfe wäre. Sie war bei Lily in Sicherheit. Er musste sich keine Sorgen machen. Im Moment.

Ohne genauer auf die Beschriftungen zu achten, wählte Duncan aus Gutdünken einige Heiltränke aus und hielt sie Severus auffordern hin. Sie würden ausreichen, um ihn für mehrere Stunden außer Gefecht zu setzen. Severus seufzte ergeben und trank sie alle aus.
Duncan nickte zufrieden. „Ruh dich aus. Du siehst scheiße aus… In der Zwischenzeit schnappe ich mir ein paar Leute und gehe noch mal in den Untergrund. Sie müssen für das büßen, was sie getan haben. Ich werde dafür sorgen.“
Severus wollte protestieren, doch Duncan ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Diese Wichser haben es nicht anders verdient.“
Als Duncan gehen wollte, hielt Severus ihn an seinem Umhang zurück. „Aber die Inferi! Du kannst sie nicht kontrollieren! Es ist zu gefährlich.“
„Keine Sorge, der Lord hat sie schon längst zurückgepfiffen.“
„Dann wird trotzdem niemand mehr am Leben sein… Geh nicht runter.“
„Befehl ist Befehl, Severus… Er will es, also mache ich es.“

Die Tränke begannen bereits zu wirken. Eine ungeheure Müdigkeit ließ Severus‘ Zunge schwer werden und seine Gedanken erlahmen.
„Selbst wenn er es nicht befohlen hätte, wäre ich runtergegangen. Ich muss Evan suchen. Ich will herausfinden, was da unten passiert ist. Evan hätte dich niemals angegriffen. Irgendwas ist faul an dieser Sache.“
Severus‘ Augenlider wurden schwer. Lange würde er sie nicht mehr offenhalten können. „Er… ist tot… Es ist sinnlos.“
„Vielleicht, aber irgendjemand wird dafür büßen. Ich wette, dass diese Hurensöhne ihn mit einem Imperius belegt haben. Und dafür werden sie bezahlen. Ich bin ihm das schuldig, verstehst du? Er war nicht nur unser Freund, sondern auch mein Schwager.“
„Sei vorsichtig“, nuschelte Severus. Er schloss die Augen und presste mühsam hervor: „Bist du… die neue Hand?“
„Sieht ganz danach aus. Aber mach dir darüber jetzt keine Gedanken, hörst du? Ich springe nur für dich ein, bis du wieder fit bist. Und er sich wieder beruhigt hat…

***


Seit Ron hier war, fror Hermine nicht mehr. Sein Körper strahlte eine angenehme Wärme aus. Dass er seinen Arm um ihre Schultern gelegt hatte, störte sie nicht. Im Gegenteil: Die Nähe fühlte sich gut an.
Gemeinsam hatten sie versucht, die Ereignisse der vergangenen vierundzwanzig Stunden zu rekonstruieren. Es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an, seit Hermine gemeinsam mit Snape in die Winkelgasse aufgebrochen war.
„Also ist es eigentlich deine Schuld, dass Snape und ich angegriffen wurden.“ Sie bemühte sich, nicht allzu wütend zu klingen, aber den Vorwurf konnte sie ihm nicht ersparen.
Rons Schultern sackten hinunter. „Es tut mir leid. Das wollte ich wirklich nicht.“
„Dann hättest du deinen Brüdern nicht sagen dürfen, dass sie in Hogsmeade nach Snape Ausschau halten sollen.“
„Wenn ich geahnt hätte, dass du dadurch in Schwierigkeiten gerätst…“ Er seufzte. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das tut... Sie sollten nur schauen, ob du dabei bist, aber dann haben die anderen davon erfahren, dass Snape in Hogsmeade ist und das war die Gelegenheit für sie, ihn endlich zu schnappen.“
„Und mich.“
„Nein! Ich wollte niemals, dass du in Gefahr gerätst. Ich wollte eigentlich, dass sie dich vor ihm beschützen.“
„Sie dachten, ich wäre eine Reinblüterin. Sie haben mich für seine Freundin gehalten.“
Ron machte ein finsteres Gesicht. „Das würde der schmierigen Fledermaus so passen.“
„Ach Ron…“ Sie lächelte und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
Er erwiderte ihr Lächeln. „Ich hatte Angst um dich… große Angst… Als wir gehört haben, dass der Untergrund geräumt wird, hat meine ganze Familie mitgeholfen. Gleichzeitig habe ich gehofft, dich irgendwo zu finden, aber alles war so chaotisch und unübersichtlich. Wir haben vier Rebellen-Verstecke abgeklappert, bis wir den Tipp bekommen haben, dass die Anführerin hier sein könnte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, dass wir dich endlich gefunden haben.“
Hermine lächelte. „Ich bin auch froh, dass du hier bist. Die anderen können mich nicht leiden.“ Sie blickte hinüber zum Feuer, wo die Lupin und Black sich angeregt mit Rons Brüdern unterhielten.
„Was? Nein, das glaube ich nicht. Warum sollten sie dich nicht mögen?“
Hermine zuckte mit den Achseln. „Black glaubt noch immer, dass ich irgendwas verheimliche. Er ist sehr misstrauisch.“
„Misstrauen hält einem am Leben. Das sagt Charlie immer.“ Er deutete mit dem Kopf in Richtung seines Bruders, der kleiner als er war.
„Deine Brüder scheinen nett zu sein…“
„Willst du sie kennenlernen?“
Hermine zögerte. Rons Brüder waren nicht das Problem, eher Black und Lupin.
Ron nahm ihr die Entscheidung ab. Er stand auf und streckte ihr seine Hand entgegen, um ihr beim Aufstehen zu helfen. „Komm, lass uns zu ihnen gehen.“

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend folgte Hermine Ron hinüber zum Feuer. Die Gespräche verstummten.
Rons Brüder rückten näher zusammen, um ihnen Platz zu machen. Der größere der beiden, der einen Drachenzahn als Ohrschmuck trug, lächelte Hermine freundlich an.
„Hallo. Ich bin Bill und das ist Charlie.“
Sie erwiderte das Lächeln der beiden und setzte sich zu ihnen. „Mein Name ist Hermine Granger.“
„Wissen wir“, meinte Charlie grinsend. „Ronnie-Spätzchen hat die letzten Stunden nur von dir geredet.“
„Ohne Unterlass“, ergänzte Bill.
„Hey!“, protestierte Ron und lief augenblicklich knallrot im Gesicht an.
„Tatsächlich?“ Der Gedanke machte Hermine sehr verlegen und bescherte ihr ein angenehmes Kribbeln im Bauch.
„Die zwei – glaub ihnen kein Wort! Aua!“
Bill hatte Ron mit dem Ellbogen einen schmerzhaften Hieb in die Seite versetzt. „Was mein einfältiger kleiner Bruder eigentlich sagen wollte, ist, dass wir alle sehr erleichtert sind, dass wird ich gefunden haben und dass es dir gut geht.“

Charlie und Bill schafften es, Hermine mühelos in eine lockere Plauderei zu verwickeln. Die angenehme Wärme des magischen Feuers trug dazu bei, dass sie sich schnell entspannte. Bald jedoch drehten sich die Gespräche wieder nur um den Angriff der Todesser. Neugierig lauschte sie den Neuigkeiten und hoffte, etwas über Snape zu erfahren.
„Nach allem, was wir von unseren Leuten in London wissen, sind manche beim Anblick der Inferi dann doch noch abgehauen“, erzählte Charlie. „Aber genau darauf haben die Todesser gewartet. Sie haben sie an der Oberfläche abgefangen oder ihre Portschlüssel verfolgt.“
Black schüttelte fassungslos den Kopf. „Jeder weiß doch, dass die Todesser Portschlüssel aufspüren können.“
Charlie zuckte mit den Achseln. „Sie hatten Panik. Ich kann sie verstehen. Wenn mir ein Haufen wandelnder Leichen entgegenkommen würde, hätte ich auch schleunigst das Weite gesucht.“
„Schon. Aber dadurch hätten sie beinahe die Todesser zu unserem Versteck in Wales geführt.“
„Dad versucht schon die ganze Zeit, Elphias Doge zu erreichen. Wisst ihr, wo er ist?“, fragte Bill.
Der Name sagte Hermine etwas, obwohl sie nicht wusste, wo sie ihn schon einmal gehört hatte.
Remus schüttelte mit einer bedauernden Miene den Kopf. „Er ist mit einigen Leuten unten geblieben. Sie wollten gegen die Inferi kämpfen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.“
Bill und Charlie tauschten einen vielsagenden Blick. „Dad sollte das erfahren“, meinte Bill und zückte seinen Zauberstab. Er streckte ihn in die Luft, rief „Expecto Patronum!“ und eine silberne Rauchwolke kam daraus hervor, die langsam zu Boden sank und dabei die Gestalt eines Wolfs annahm. „Doge ist im Untergrund geblieben. Keiner weiß, ob er es überlebt hat.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da flitze der Wolf auf seinen zart schimmernden Pfoten lautlos davon. Hermine starrte ihm mit offenem Mund hinterher.
„Was war das?“, fragte sie.
„Ein Patronus“, erklärte Lupin lächelnd. „Das ist eigentlich ein Schutzzauber gegen bösartige Kreaturen wie Dementoren, aber wir Ordensleute kommunizieren damit untereinander.“
„Das ist die sicherste Methode. Todesser können nämlich keinen Patronus heraufbeschwören“, erklärte Bill.
Nachdenklich legte Hermine die Stirn in Falten. Todesser waren gefährliche Zauberer, das wusste sie, aber warum sollten sie ausgerechnet an diesem Zauberspruch scheitern? „Warum nicht?“
„Weil sie selbst Monster sind und keinen Schutz vor ihresgleichen brauchen… Wie heißt es bei den Muggeln? Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“
Langsam nickte Hermine. Das ergab durchaus Sinn. Von Dementoren hatte sie schon gehört, gesehen hatte sie noch keinen. Zum Glück. Nach allem, was sie über diese Kreaturen bisher wusste, waren sie überaus gefährlich. Hermine hätte gerne mehr über den Schutzzauber erfahren, aber das gehörte wahrscheinlich zu jenen Dingen, die die Ordensleute nur ihren Mitgliedern anvertrauen würden. Mittlerweile erschien Hermine der Gedanke, bei den Rebellen bleiben zu müssen, gar nicht mehr so furchtbar wie zuvor.

So nah am Feuer schien es Bill zu warm zu sein, deshalb schlüpfte er aus seiner schwarzen Lederjacke. Weil er darunter nur ein kurzärmeliges Shirt trug, fiel Hermine die hässliche Narbe auf seinem linken Unterarm auf. Ein großes Stück Haut fehlte und schien nie richtig verheilt zu sein.
„Schaut nicht sonderlich schön aus“, meinte er plötzlich. Er hatte wohl ihren neugierigen Blick bemerkt.
„Entschuldigung“, murmelte sie, wandte beschämt den Blick ab und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
Doch Bill nahm ihr das nicht übel. „Da war mal mein Dunkles Mal.“
Hermine musste sich verhört haben. Verwirrt blickte sie zu Ron, der aber gar nicht zugehört hatte, sondern sehnsüchtig den Kessel mit dem Eintopf anstarrte.
„Du- du warst ein Todesser?“, fragte sie erstaunt.
Bill lachte freudlos auf. „Natürlich. Ich bin schließlich der Erstgeborene einer Reinblüterfamilie.“ Er sah ihr an, dass sie mit dieser Information nicht viel anfangen konnte, deshalb erklärte er: „Der Erstgeborene jeder reinblütigen Familie muss ein Todesser werden. So sieht es das Gesetz vor… Ich wollte mich weigern, aber ich wusste, was das für meine Familie bedeuten würde. Also stimmte ich zu. Nach meinem Schulabschluss habe ich mein Mal erhalten.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Wir Weasleys sind bekannt dafür, besonders muggelfreundlich zu sein, deshalb haben sie mich oft auf die Probe gestellt, damit ich ihnen meine Treue zum Dunklen Lord beweise. Eine Zeit lang schaffte ich es. Ich habe mitgemacht und getan, was sie von mir verlangt haben… Aber sie haben bald bemerkt, dass ich ihre Ansichten nicht wirklich teile. Also haben sie mich wieder auf die Probe gestellt. Ich hätte eine Frau bestrafen sollen, die sie an der Grenze geschnappt haben. Sie hatte das Land verlassen wollen. Doch ich habe mich geweigert, es zu tun. Ich bin geflohen. Und Charlie gleich mit mir, bevor sie ihm auch ein Mal verpassen konnten.“
„Das ist schrecklich…“, flüsterte Hermine schockiert.
„Schrecklich trifft’s ganz gut. Sie haben uns gesucht und unsere Familie verhört, weil sie dachten, sie wüssten, wo wir uns verstecken.“
Charlie nickte. „Wir haben so getan, als hätten wir uns ins Ausland abgesetzt, damit sie unsere Familie in Ruhe lassen… Trotzdem hat Dad seinen Job im Ministerium verloren und Ron und die anderen wurden in Hogwarts für das bestraft, was wir gemacht haben.“
Mit einem grimmigen Blick betrachtete Bill die Narbe auf seinem Unterarm. „Ich habe Zaubersprüche, Tinkturen und Zaubertränke ausprobiert, aber nichts davon hat das Dunkle Mal entfernen können. Also habe ich es mir rausgeschnitten. Wie ein Geschwür … Und jetzt trage ich diese Narbe mit Stolz, denn sie erinnert mich daran, wofür wir jeden Tag kämpfen.“

Hermine bewunderte Bill für seinen Mut. Charlie schien nicht weniger tapfer zu sein. Nun verstand sie, warum Ron und seine Geschwister in Hogwarts schikaniert worden waren. Den wahren Grund hatte er ihr nämlich bisher verheimlicht. So, wie er ihr auch nie erzählt hatte, dass seine ganze Familie zum Orden des Phönix gehörte.

„Will noch jemand Eintopf?“, fragte Remus in die Runde.
„Jaah! Ich bin am Verhungern“, sagte Ron, der die ganze Zeit schon sehnsüchtig zu dem Kessel geblickt hatte.
Lupin stand auf und reichte ihm eine Schale Eintopf.
„Ist für mich auch noch eine Portion übrig?“, fragte Hermine vorsichtig.
Lupin reichte ihr ebenfalls eine Schale mit Eintopf. „Guten Appetit“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln.
Der Eintopf schmeckte besser als erwartet. Satt und aufgewärmt störte sich Hermine nicht mehr an Blacks ernster Miene. Oder daran, dass er sich lieber mit Harry als mit den anderen unterhielt.
„Wie geht es jetzt eigentlich weiter?“, fragte Charlie. „Kehrt der Widerstand in den Untergrund zurück?“
Lupin schüttelte bedächtig den Kopf. „Vorerst nicht. Wir wissen nicht, ob die Todesser nicht genau darauf warten und uns eine Falle stellen. Das Risiko ist zu groß.“
„Verdammte Schweine.“ Bill verzog verächtlich das Gesicht. „So viele Unschuldige sind heute gestorben.“
„Es wären noch mehr gewesen, wenn Hermine uns nicht gewarnt hätte“, sagte Lupin. „Wir hätten ihr von Anfang an glauben sollen.“
Alle Blicke waren auf einmal auf Hermine gerichtet. Verlegen blickte sie auf die Schüssel in ihrer Hand hinunter. „Ich bin froh, dass so viele Menschen gerettet werden konnten.“
„Genau! Wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Der Widerstand hat überlebt. Die Todesser wollten uns alle umbringen, aber seht uns an: Wir sind noch hier. Nicht einmal eine Armee Inferi kann uns aufhalten.“ Er ließ seinen Blick durch die Runde schweifen. „Die Todesser haben uns heute einen schwerwiegenden Schlag versetzt. Sie haben diese Schlacht gewonnen. Aber sie haben uns nicht besiegt. Wir werden auferstehen. Wie der Phönix aus der Asche. Wir sind der Funke, der das Feuer entfacht. Wir sind der Orden des Phönix!“
Lupins Worte lösten lauten Jubel unter den Rebellen aus. Selbst jene, die bisher still auf ihren Plätzen gesessen oder gelegenen hatte, applaudierten.
„Rise! Rise!“, riefen einige.
Auch Hermine war von seiner Ansprache ergriffen. Sie applaudierte ebenfalls.
Noch war nicht alles verloren. Solange es noch Menschen gab, die Widerstand leisteten, gab es auch Hoffnung.

Aufgeschreckt durch den Lärm wankte Lily Potter zu ihnen. Sie quetschte sich zwischen Lupin und Black vor das Feuer. „Bravo, Remus. Die nächste öffentliche Ansprache darfst du halten.“ Sie gähnte herzhaft und rieb sich verschlafen die Augen.
„Willst du wieder einen Fernsehsender überfallen?“
„Nein, ich dachte diesmal eher an den staatlichen Radiosender.“ Sie feixte.
„Du träumst wohl noch“, spottete Black und reichte ihr eine Tasse Tee.
„Die Träume von heute können morgen schon Realität sein“, sagte sie und trank einen Schluck. Dabei fielen ihr wohl die Neuankömmlinge auf. „Bill und Charlie, was führt euch hier her? Ist das euer Bruder?“, fragte sie mit Blick auf Ron, der gierig den Eintopf hinunterschlang.
„Isch bin Ron Wischli“, schmatzte er mit vollem Mund.
„Hoch erfreut“, erwiderte Lily grinsend und prostete ihm mit ihrer Tasse zu.

Lupins Ansprache hatte Hermine an etwas erinnert. Unsicher räusperte sie sich. „Mr. Lupin, Sir, dürfte ich Ihnen eine Frage stellen? Wofür steht eigentlich das spiegelverkehrte R?“
„Oh, das ist eine ausgezeichnete Frage.“ Sein Lächeln ließ die tiefen Furchen auf seinem Gesicht für einen Moment verschwinden. „Das R steht für viele Dinge: Es bedeutet einerseits Resurrektion, also Auferstehung. Mit der Terrorherrschaft der Todesser ist die Freiheit gestorben. Die Demokratie ist tot. Sie haben uns unsere Rechte genommen, unseren freien Willen. Unsere Würde. Doch wir dürfen uns das nicht gefallen lassen. Wir müssen dagegen ankämpfen. Dann kann eine neue Gesellschaft aus den Trümmern dieser Tyrannei auferstehen. Verstehst du? Deshalb steht das R zugleich für Renaissance – Wiedergeburt. Was wird wiedergeboren? Die Antike. Und die Antike ist die Wiege der… Na?... Der Demokratie.“ Er grinste breit.  
„Wow. Das ist beeindruckend“, murmelte Hermine. Sie hätte nicht gedacht, dass dieses spiegelverkehrte R derart symbolgeladen war.
Lupin lehnte sich in ihre Richtung und flüsterte verschwörerisch. „Eigentlich soll es ausdrücken, dass ich der wahre Anführer der Rebellen bin. R steht für Remus.“ Er gluckste vergnügt, wurde dafür aber prompt von Lily mit einem Ellbogenstoß in die Seite bestraft.
„Glaub ihm kein Wort“, meinte Lily grinsend. „Er hat den Zauber verbockt. Damals, als er das Wort Rise über das halbe Parlamentsgebäude hexen sollte. Das ist alles.“
„Haben wir uns nicht darauf geeinigt, dass wir bei meiner Version bleiben?“, grummelte Lupin.
Sie gähnte herzhaft. „Nicht, solange ich die Unerwünschte Nummer eins bin.“
Black verdrehte die Augen, grinste aber dabei und strich ihr liebevoll eine Strähne ihres dunkelroten Haars hinters Ohr. „Du solltest dich noch ein wenig ausruhen.“
„Nein, ich übernehme die nächste Wache“, sagte Lily und unterdrückte ein weiteres Gähnen. „Außerdem müssen wir über ein neues Versteck nachdenken. Hier können wir nicht länger bleiben.“
„Wo sollen wir hin?“, fragte Lupin.
„Darüber muss ich in Ruhe nachdenken. Vielleicht irgendwas im Süden. Mir wird schon was einfallen. Hauptsache irgendwo, wo uns die Todesser nicht finden können.“

Hermine hatte dem Gespräch stumm gelauscht. Ein Versteck, wo die Todesser sie nicht finden konnten, würde es auch Snape unmöglich machen, sie abzuholen! Sie wusste nicht, ob sie der Gedanke erleichtern oder verängstigen sollte.
„Alles okay?“, fragte Ron leise und streichelte über ihre Hand. „Du siehst nicht gerade glücklich aus.“
Sie schüttelte leicht den Kopf und lehnte sich zu ihm, um ihm leise ins Ohr zu flüstern: „Es gibt da noch etwas, was ich dir nicht erzählt habe…“ Sie sah zu, wie Lily sich eine Decke über die Schultern warf und nach draußen ging. „Und was auch sonst niemand hier erfahren darf.“

Sie entfernten sich einige Schritte vom Feuer, um ungestört miteinander reden zu können. Hermine warf einen Blick über die Schulter. Die Ordensmitglieder waren noch in ihre Gespräche vertieft, nur Black beobachtete sie misstrauisch, doch das kümmerte sie in diesem Moment nur wenig.
„Was ist los?“, fragte Ron und musterte sie besorgt. Er hielt noch immer ihre Hand und drückte sie leicht.
„Snape! Er hat gesagt, dass er zurückkommen wird, um mich abzuholen, aber-“
„Nein.“ Ron schloss sie in seine Arme und drückte sie an sich. „Das werde ich nicht zulassen.“
„Aber-“
Beruhigend streichelte er ihr über den Rücken. „Du musst keine Angst haben. Wir gehen nicht zu Snape zurück. Ich habe nachgedacht. Im Fuchsbau, bei meinen Eltern, sind wir fürs Erste in Sicherheit. Und dann sehen wir weiter. Wir können uns dem Orden anschließen, wenn du magst. Oder auch nicht.“
Überrascht starrte Hermine ihn an. „Meinst du das ernst?“
Er nickte und lächelte unsicher. „Was immer du willst.“
Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, mit der sie nicht gerechnet hätte. Rons Vorschlag hatte sie überrumpelt. Wahrscheinlich hätte sie ihn sofort ablehnen müssen, aber ein kleiner Teil von ihr fand die Idee sogar überaus verlockend. Beim Orden würde sie richtigen Unterricht bekommen. Außerdem waren die meisten Ordensmitglieder eigentlich recht nett – Black ausgenommen.  
„Was sagst du dazu?“, wollte Ron wissen und sah sie erwartungsvoll an.
„Ich-“

Das überraschende Erscheinen einer silbernen Hirschkuh ließ alle Gespräche in der Halle verstummen und verschaffte somit auch Hermine einen Moment Bedenkzeit. Der Patronus kam durch die Mauer gelaufen und steuerte direkt auf Black zu.
„Schick Hermine zu mir nach draußen. Allein“, ertönte Lilys gebieterische Stimme und die Hirschkuh löste sich auf.
„Ich begleite dich“, meinte Ron sofort.
Hermine schüttelte den Kopf und lächelte entschuldigend. „Nein. Das ist nicht notwendig.“ Es war ja nur Lily, die irgendetwas mit ihr besprechen wollte. Möglicherweise hatte sie eine Nachricht von Snape erhalten. Bei dem Gedanken schlug Hermines Herz schneller.

„Komm, Mädchen!“, rief Black und winkte sie ungeduldig zu sich herüber. „Ich zeige dir den Weg.“

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Meine Lieben!

Ich bin glücklich und DANKBAR für alles, was ich 2021 auf fanfiktion.de erreicht habe:  
- Ich habe meine umfangreiche FF „Dunkle Jahre“ über den jungen Severus geschrieben und erfolgreich beendet.
- Verrückte Plotbunnys wurden in Oneshots verarbeitet.  
- Die „Muggeline“ begeistert viele Leser*innen und macht mir selbst unglaublich großen Spaß.
- Ich habe meine Test-/Betaleserin Marginalie kennengelernt.
- Einige meiner Geschichten sind sogar beim Harry Potter Award
nominiert.

Ohne eure Unterstützung hätte ich das alles nicht geschafft. DANKE!

Ich wünsche euch einen guten Rutsch! Möge 2022 das Jahr werden, in dem sich eure Wünsche und Träume erfüllen!

Liebe Grüße
Marie
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