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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
12.05.2022
39
162.631
102
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23.12.2021 4.001
 
Kapitel 22: Wenn die Toten sich erheben

Severus‘ Faszination für die Dunklen Künste reichte weit in die Vergangenheit zurück. Bereits vor seiner Schulzeit hatten jene Bücher seine Neugierde geweckt, die seine Mutter vor ihm versteckt hatte. Das Verbotene war von Natur aus reizvoller als alles andere.
Im Laufe der Jahre hatte Severus immer mehr erkannt, dass die Linie zwischen Gut und Böse, Hell und Dunkel, kaum existent war. Die Trennung schien willkürlich.
Mit seinem ersten Imperius-Fluch hatte Severus seinen betrunkenen Vater davon abgehalten, seine Mutter tot zu prügeln. Was war daran böse gewesen? Die folgenden Wochen hatten zu den friedvollsten seiner gesamten Jugend gehört. Bis sein Vater den Fluch hatte abschütteln können und er sich an ihnen gerächt hatte. Seine Mutter hatte mit seinem Zauberstab den Todesfluch gesprochen, der sie für immer von diesem Tyrannen befreit hatte. War der Fluch, der Tobias Snape getötet hatte, tatsächlich unverzeihlich gewesen oder das, was er seiner Frau und seinem Kind jahrelang angetan hatte?
So, wie man die Dunklen Künste – nach Severus‘ Meinung – für einen guten Zweck einsetzen konnte, so konnte man auch Böses mit den harmlosesten Zaubersprüchen anstellen. Ein Incendio entflammte nicht nur den Docht einer Kerze, man konnte damit auch einen Menschen in eine lebendige Fackel verwandeln.

Trotz seiner recht nachsichtigen Einstellung zu den Dunklen Künsten gab es eine Linie, die Severus nie freiwillig übertreten hätte: Nekromantie.
Er fürchtete weder den Tod noch die Toten, aber er wusste, was ein Heer dieser Geschöpfe anrichten konnte. Sie waren kaum aufzuhalten. Ihr Anblick jagte selbst den hartgesottensten Kämpfern einen Schauer über den Rücken. Nur das das Gerücht, diese Armee zu haben, reichte meistens aus, den Widerstand bröckeln zu lassen.
Bei Nekromantie bestand kein Zweifel, wie bösartig und dunkel diese Form der Magie war. Und dass kein halbwegs anständiger Zauberer sie freiwillig einsetzen sollte.

Von Freiwilligkeit konnte auch keine Rede sein. Severus hatte es sich nicht ausgesucht, an jenem Nachmittag im kalten Regen Londons zu stehen und auf den Dunklen Lord zu warten. Der Impervius-Zauber schütze ihn vor der Nässe, nicht aber vor der Kälte, die ihn frösteln ließ. Er hatte schon einen Wärmezauber über sich gelegt – erfolglos. Die Kälte kam nämlich nicht von außen. Es war die Angst vor dem Scheitern, die ihn zittern ließ. Sie kroch durch seine Adern und lähmte seine Gedanken. Unzählige Menschenleben lagen in seiner Hand. Er durfte nicht versagen.
Erneut warf Severus einen Blick über die Schulter. Hinter ihm hatten sich die Todesser in Reih und Glied aufgestellt. Bei diesem Spektakel mussten alle dabei sein. Es war ein Beweis ihrer Stärke, ihrer Überlegenheit. Niemand durfte fehlen. An die zweihundert Todesser standen hinter ihm; für Severus zählte aber nur der Todesser an seiner rechten Seite. Evan Rosier zog noch einmal an seiner Zigarette, bevor er den Stummel fallen ließ und ihn mit seinem Stiefel ausdrückte. Es hätte gereicht, ihn fallen zu lassen, denn der Asphalt unter ihren Stiefeln hatte sich in den letzten Minuten in eine einzige riesige Wasserpfütze verwandelt.
„Größe elf“, sagte Evan plötzlich und grinste.
„Was?“, fragte Severus verwirrt.
„Meine Schuhgröße. Elf. Wenn das hier vorbei ist, schuldest du mir zwei Paar Stiefel, schon vergessen?“
Severus wollte lachen, doch seine Lippen waren wie versiegelt. Stattdessen nickte er nur. Sollten sie den heutigen Tag überleben, würde er ihm mehr als nur zwei Paar Stiefel schulden.
Evan erwiderte Severus‘ Blick, lächelte leicht, ehe er sich die Kapuze noch tiefer ins Gesicht zog. Masken trugen sie keine mehr. Die Zeiten, in denen sie sich verstecken mussten, waren längst vorbei. Auch Evan war nervös. Severus kannte ihn lange genug, um die Zeichen richtig zu deuten.

Den Blick nach links vermied Severus. Dort, auf der Fläche des ehemaligen Green Parks, standen die Frauen der Todesser. Der Wind zerrte an ihren smaragdgrünen Umhängen. Im Augenwinkel waren sie nichts weiter als ein Meer aus sich wiegenden Grashalmen. Mit etwas Glück würde er diesmal keine von ihnen zur Witwe machen. Unter den Frauen hätte auch seine Mutter sein müssen – aber eine leichte Form der Drachenpocken fesselte sie ans Bett. Diese Lüge hatte Severus seinen Kameraden erzählt. Sie bewahrte ihn vor lästigen Fragen und war die perfekte Erklärung für ihr Fernbleiben. Er hoffte, dass sie in der Zwischenzeit eine sichere Unterkunft gefunden hatte. Das wünschte er sich auch für Granger. Weasley war noch immer nicht zurückgekehrt. Er mochte den Jungen viel zu wenig, um sich Sorgen um ihn zu machen.

Das leise Plopp, das Voldemort beim Apparieren gemacht hatte, war vom prasselnden Regen verschluckt worden. Das Geräusch von gut zweihundert Todessern, die nahezu gleichzeitig auf die Knie fielen, war wesentlich lauter gewesen.
Auch Severus und Evan vollführten diese Geste der Demut und Unterwerfung. Sie knieten auf dem nassen Boden, hielten den Blick gesenkt und warteten auf ihre Befehle.
Voldemort sagte nichts. Eine Ansprache war nicht von Nöten, denn jeder wusste, was dieser Moment zu bedeuten hatte. Es war der Tag, an dem sie den Orden des Phönix endgültig vernichten würden.

Vorsichtig hob Severus den Kopf. Voldemort stand mit dem Rücken zu ihm. Er hatte die bleichen Arme ausgebreitet und den Kopf in den Nacken gelegt. Der Regen schien ihn nicht zu stören. Er lief in feinen Linien die blasse, haarlose Haut hinunter.
Dann begann es. Mit den ersten Silben jener uralten und fremden Sprache schien sich eine eiskalte Faust um Severus‘ Herz zu schließen. Voldemort rezitierte die Verse mit klarer, tragender Stimme. Jedes Wort lastete bleischwer in der Luft, verklang nicht, sondern legte sich über sie wie ein Mantel aus Dunkelheit und Schrecken, unter dem sie zu ersticken drohten.
Silben, Wörter, Sätze – sie alle waren durchtränkt von der bösartigsten Magie. Nur sie war im Stande, die Toten heraufzubeschwören.

Kein Laut kam Severus über die Lippen, als die ersten Hände aus dem Boden wuchsen. Manche von ihnen schienen unversehrt zu sein, andere zeigten Kampfspuren oder die verschiedensten Stadien der Verwesung. Die Toten erhoben sich. Wie Blumen wuchsen sie langsam aus der Erde. Dutzende. Hunderte. Tausende. Severus versuchte gar nicht erst, sie zu zählen. Er wollte nicht wissen, wie viele es waren. Zu viele. Zu viele Tote, die dieses Regime bereits gefordert hatte.
Noch bevor Voldemort verstummte, sprachen Severus und Evan eine ähnliche Zauberformel. Damit mussten sich die Kreaturen ihrem Willen unterwerfen und ihre Befehle ausführen. Voldemort hatte sie nur heraufbeschworen. Die Drecksarbeit durften nun sie erledigen.

Mit jedem Wort nahm die Kälte in Severus‘ Körper zu. Er verstand nicht, was die Wörter bedeuteten, doch er fühlte, wie sie die Kraft aus ihm saugten und ihn ein Stück weit in die Kreaturen verwandelten, die nun an ihn gebunden waren.
Nach dem letzten Wort richteten die Inferi ihre milchigen kalten Augen auf Evan und Severus. Wie gehorsame Soldaten warteten sie auf ihre Befehle.

Voldemort lächelte zufrieden. „Tötet sie. Tötet sie alle. Lasst niemanden vom Orden des Phönix entkommen.“
„Ja, Herr“, antworteten Severus und Evan.
„Fangt an.“

Während Voldemort nach hinten zu den wartenden Todessern ging, tauschten Severus und Evan noch einen letzten Blick.
„Wir sehen uns auf der anderen Seite. Viel Glück“, sagte Evan und Severus war sich nicht sicher, ob er den Untergrund oder das Himmelreich meinte.
„Wir werden mehr als nur Glück brauchen“, murmelte Severus und schritt geradewegs auf die Inferi zu, die ihn hungrig aus ihren toten Augen anstarrten.

***


Hermine schlang die muffige Decke enger um ihre Schultern. Ihr war kalt und sie war müde, aber an Schlaf war nicht zu denken. Die ganze Nacht hatte sie dabei zugesehen, wie der Untergrund evakuiert worden war. Die Verteilung der vielen Menschen hatte sich äußerst schwierig gestaltet. Um keinen Verdacht zu erregen, hatten sie immer nur kleine Gruppen an die Oberfläche geschickt. Magische Transportmittel konnten sie kaum benutzen, weil die Todesser Portschlüssel und das Flohnetzwerk überwachten. Deshalb waren manche Hexen und Zauberer die ganze Nacht damit beschäftigt gewesen, mit den Bewohnern das Untergrunds zu sicheren Verstecken im ganzen Land zu apparieren.

Dank der langwierigen, unnötigen Diskussionen im Vorfeld hatte die Zeit nicht mehr ausgereicht, um den gesamten Untergrund zu räumen. Manche Bewohner hatten sich sogar geweigert, ihren sicheren Unterschlupf zu verlassen und ihr ohnehin bescheidenes Hab und Gut aufzugeben. Selbst das gute Zureden der Ordensmitglieder hatte nichts an ihrer Entscheidung geändert. Andere wiederum hatten beschlossen, im Untergrund zu bleiben, um gegen die Inferi zu kämpfen. Sie errichteten eine Reihe von magischen und nicht magischen Barrikaden und bewaffneten sich mit allem, was sie auf die Schnelle finden konnten. Ob das bewundernswerter Heldenmut oder Dummheit war, vermochte Hermine nicht zu entscheiden.

Ein halber Tag war vergangen, seit Snape sie beim Orden zurückgelassen hatte. Bei Leuten, von denen sie früher immer gedacht hätte, dass sie ihr freundlich gesinnt wären, weil sie auf der gleichen Seite standen. Doch dem war nicht so. Hermine hatte sich noch immer nicht an die misstrauischen Blicke oder an das Getuschel hinter ihrem Rücken gewöhnt. Viele hielten sie für eine Verräterin, weil sie glaubten, dass sie freiwillig für die Todesser arbeiten würde. Hatte sie denn jemals eine Wahl gehabt?

Weil Hermine durstig war, streckte sie ihre zitternden Finger nach dem Becher aus. Er war leer. Vorsichtig hob sie den Kopf und blickte hinüber zu dem prasselnden Feuer in der Mitte des Raumes. Dort war der Kessel mit herrlich warmem Tee, aber dort saßen auch Tatze, Moony und Potter. Black und Lupin, korrigierte sie sich selbst.
Die Rebellen unterhielten sich leise. Rund um das Feuer schlief eine kleine Gruppe Ordensmitglieder am Boden. Zwei Männer hielten vor den Türen Wache.
Hermine saß ein wenig abseits von den Ordensleuten. Sie hatte sich den Platz selbst ausgesucht, um den argwöhnischen Blicken zu entgehen. Hier hinten ließ man sie in Ruhe, aber dafür spürte sie nichts mehr von dem warmen Feuer.
Noch einmal zog Hermine die Decke enger um sich. Sie befanden sich an einem äußerst merkwürdigen Ort, der sie am ehesten an eine alte Kirche erinnerte. Die hohen Fenster und Wände sprachen dafür, aber sonst gab es keine heiligen Symbole. Der Raum wirkte leicht verfallen, als hätte ihn jahrelang niemand mehr betreten. Hier her, weit weg von London, hatte sich eine kleine Gruppe des Widerstands zurückgezogen. Die Anspannung war deutlich spürbar.
Mit geschlossenen Augen lehnte Hermine sich gegen die Holzvertäfelung. Sie hoffte, dass Snape überleben und sein Versprechen einhalten würde. Im Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als nach Snape Manor zurückzukehren. Selbst Mrs Coles schlechte Laune vermisste sie bereits.

„Willst du noch etwas Tee?“
Überrascht schlug Hermine die Augen auf. Vor ihr stand der schwarzhaarige Sohn der Anführerin. Harry - wenn sie sich nicht irrte. Er hielt ihr einen dampfenden Becher Tee hin.
„Danke.“ Hermine schloss ihre kalten Hände um den Becher.
Damit war für sie das Gespräch beendet, doch Harry blieb bei ihr stehen.
„Willst du nicht näher ans Feuer kommen?“, fragte er.
„Es geht schon.“ Sie nippte vorsichtig an dem heißen Tee.
„Du zitterst.“
Sie blickte hinüber zum Feuer. Black und Lupin beobachteten das Gespräch stirnrunzelnd.
„Nein. Ich bleibe hier.“
„Dann iss wenigstens was. Es ist noch Eintopf da.“
Hermine schüttelte den Kopf. Die wässrige braune Brühe hätte Mrs Cole niemals als Eintopf durchgehen lassen.
„Ich habe keinen Hunger.“ Dass sie ihr Magen dabei Lügen strafte und laut knurrte, hatte Harry hoffentlich überhört. Zumindest ließ er sich nichts anmerken.
„Probier ihn mal. Nur ein paar Löffel. Der Eintopf schmeckt besser, als er aussieht. Glaub mir.“
Noch einmal schüttelte sie den Kopf.
Black lachte. „Das Essen ist ihr wahrscheinlich nicht fein genug. Was gibt es denn bei Snape? Lachs und Kaviar?“
„Hör nicht auf ihn. Und dass Rattenfleisch im Eintopf ist, war auch nur einer seiner Scherze“, meinte Harry und ging hinüber zum Feuer. Was er zu Black sagte, konnte Hermine nicht hören, aber das abfällige Schnauben war Antwort genug.

Mit einer Scheibe Brot in der Hand kam er zurück. „Hier. Du musst was essen. Wenn wir weiterziehen, könnte es dauern, bis es wieder was zu essen gibt.“
Lustlos zupfte Hermine kleine Stücke vom Brot und steckte sie sich in den Mund. Es schmeckte langweilig und schien beim Kauen im Mund immer mehr zu werden. Mühsam würgte sie es hinunter.
„Na also.“ Harry nickte zufrieden.
Hermine spülte den Rest mit einem Schluck Tee hinunter. Dabei blickte sie unbewusst zu Black, der feindselig in ihre Richtung starrte.
„Warum hasst er mich? Ich habe ihm doch nichts getan…“
Ein flüchtiger Blick über die Schulter reichte Harry, um zu verstehen, wen sie meinte. Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sirius hasst dich nicht. Es ist Snape, den er nicht leiden kann. Und alle anderen Todesser. Allen voran seine Cousine Bellatrix Black.“ Er setzte sich neben Hermine auf den Boden. „Snape und er kennen sich noch aus ihrer Schulzeit. Sie waren alle gemeinsam in Hogwarts: Sirius, Remus, meine Mum, mein Dad und auch Snape.“
„Das wusste ich nicht.“ Hermine aß noch ein Stück Brot. Es schmeckte ihr zwar nicht, aber sie hatte großen Hunger.
„Sirius ist misstrauisch, weil du irgendwas zu meiner Mum gesagt hast, was ihre Meinung komplett geändert hat. Er denkt, dass du irgendwelche geheimen Informationen hast.“
„Die habe ich nicht. Wirklich nicht.“ Sie sah ihn argwöhnisch an. „Und da kannst du auch noch so nett zu mir sein, ich werde dir nicht verraten, was ich deiner Mutter gesagt habe. Wenn sie es dir nicht sagt, wirst du es von mir bestimmt nicht erfahren.“
Er hob abwehrend die Hände. „Was? Nein! Ich wollte doch gar nicht-“
„Wer’s glaubt…“, murmelte Hermine verächtlich und wandte sich demonstrativ von ihm ab. Für einen kurzen Moment hatte sie tatsächlich geglaubt, dass Harry einfach nur freundlich sein wollte. Zum Glück hatte sie seine wahren Absichten rasch durchschaut.
„Ich wollte dich nicht aushorchen oder so. Ich wollte nur nach dir sehen. Mum hat gesagt, dass wir auf dich aufpassen sollen.“
Aufpassen… Mich bewachen meinst du wohl, damit ich nicht weglaufen kann.“
„Weglaufen? Wohin denn?“
Hermine biss sich auf die Unterlippe. Beinahe hätte sie die falsche Antwort gegeben. „Nach Hause“, antwortete sie ausweichend.
„Zu deinen Eltern? Das kann ich gut verstehen. Aber das ist gefährlich. Dort werden sie dich zuerst suchen. Und damit bringst du dann auch deine Eltern in Schwierigkeiten.“
„Ich weiß.“ Hermine hatte in den vergangenen Jahren schon oft mit dem Gedanken gespielt. Sie wusste, welche Konsequenzen es haben würde, wenn sie ihren Dienst vorzeitig abbrechen würde.
„Du gehörst jetzt zu uns. Wenn wir ein neues Versteck gefunden haben, bist du dort in Sicherheit und du wirst sehen, dass es bei uns gar nicht so schlecht ist.“
Hermine schluckte die sarkastische Bemerkung hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Sie beschränkte sich auf einen ungläubigen Blick, den sie Harry schenkte, nachdem sie sich wieder zu ihm umgedreht hatte.
„Ja, wir hatten keinen so guten Start, aber das wird schon. Sirius ist eigentlich in Ordnung und das sage ich nicht, weil er mein Pate ist… Bei uns bist du frei. Du kannst tun und machen, was du willst. Na gut, fast alles. Ein paar Regeln haben wir auch.“ Als Hermine keinerlei Reaktion zeigte, erzählte er weiter: „Hier sind alle gleichwertig. Muggel, Muggelgeborene, Halbblüter und Reinblüter – das macht für uns keinen Unterschied. Wir sind alle Menschen, nur das zählt. Und dafür kämpfen wir auch.“
Das klang alles zu schön, um wahr zu sein. Aus diesem Grund weckten seine Worte Hermines Misstrauen. Eines hatte sie in den vergangenen Jahren gelernt: Wenn etwas so verheißungsvoll klang, hatte die Sache meistens einen Haken, einen riesengroßen noch dazu.
„Bei uns bekommst du auch Unterricht“, erzählte Harry. „Außerdem könntest du einen Beruf erlernen. Heiler brauchen wir dringend…“
„Was meinst du mit Unterricht?“, fragte Hermine bemüht beiläufig.
Er grinste, weil er sie durchschaut hatte. „Alle Kinder, die nicht nach Hogwarts gehen können oder dürfen, werden von uns unterrichtet. Ein paar Jugendliche sind auch dabei. Remus und ein paar andere unterrichten Verteidigung gegen die dunklen Künste. Sirius ist echt gut in Verwandlung. Wenn Mum Zeit hat, bietet sie auch Duelliertraining an. Früher hat sie gezeigt, wie man Zaubertränke braut, aber seit die Zutaten so teuer geworden sind, ist das nicht mehr möglich. Hast du Interesse? Du hättest sogar einen Vorteil, weil du einen eigenen Zauberstab hast…Ich kann dir auch ein paar Verteidigungs- und Angriffszauber beibringen, wenn du willst. Wie klingt das?“
Um sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen, zuckte Hermine nur mit den Achseln. Echter Unterricht! Keine heimlichen Treffen im Garten mehr! Ihr Herz machte einen Hüpfer. Das wünschte sie sich schon so lange!
Harry stand auf. „Überleg’s dir einfach mal. Wir können jeden Zauberstab gebrauchen.“

***


Schreie. Explosionen. Leichen. Chaos. Wohin Severus auch blickte, ihm bot sich ein schreckliches Bild. Seine Hoffnung, den Londoner Untergrund verlassen vorzufinden, hatte sich nicht erfüllt. Hier unten waren noch immer Menschen. Mutig kämpften sie gegen die Inferi, doch sie hatten keine Chance gegen sie. Die schiere Masse der Inferi überrannte jede Barrikade mühelos. Die Kämpfer, die sich dahinter verschanzt hatten, wurden innerhalb kürzester Zeit neue Soldaten in der Armee der Toten. Mit ihrem Heldenmut hatten sie die Inferi nicht gestoppt, sondern sie durch ihre Dummheit noch stärker gemacht. Warum hatte Lily nicht auf ihn gehört?

Severus konnte es nicht länger ertragen. Wie in Trance lief er durch die verzweigten Gänge des Londoner Untergrunds. Inmitten der Toten. Schon längste zuckte er nicht mehr zurück, wenn ihre kalten Leiber gegen ihn stießen. Wie eine Welle schwappten sie durch die Tunnel, zerstörten alles, was sich ihnen in den Weg stellte, und ließen nichts als den Tod zurück.
An einer Weggabelung hatte er Evan aus den Augen verloren. Dabei brauchte er ihn. Er war der Einzige, der ihm jetzt noch helfen konnte. Der diesen Wahnsinn beenden konnte.
„Evan! Wo bist du?“, rief er laut. Seine Stimme klang, trotz des Chaos um ihn herum und der Verzweiflung in ihm, noch immer überraschend ruhig. So viel Selbstbeherrschung musste sein.
Das Licht seiner Zauberstabspitze tanzte unruhig über die rauen Tunnelwände. Die Generatoren waren ausgefallen. Ob vor Stunden oder Minuten konnte er nicht sagen. Hier unten hatte er sämtliches Zeitgefühl verloren.
Obwohl es sinnlos war, sprengte er zwei Inferi vor ihm aus dem Weg, die eine am Boden liegende Frau angreifen wollten. Die Inferi, oder das, was von ihnen übrig war, klatschten gegen die Tunnelwand. Achtlos lief Severus weiter. Hinter ihm schlurften bereits die nächsten Toten auf die Frau zu. Sie witterten ihren schwachen Herzschlag. Ihr Tod war unvermeidlich. Niemand würde überleben.

Der alte U-Bahn-Tunnel führte Severus zu einer aufgelassenen Station. An diesen Abschnitt konnte er sich nicht erinnern. Er war sich sicher, noch niemals hier gewesen zu sein. Orientierungslos drehte er sich im Kreis. Sollte er weiterlaufen? Oder lieber zurückgehen und den gleichen Weg wie Evan einschlagen? Sie hätten sich niemals trennen dürfen!
Aus dem Tunnel vor ihm hörte er ferne Schreie. Severus lief weiter. Er durfte nicht aufgeben.

***


Irgendwann war Hermine doch vom Schlaf übermannt worden. In ihrem Traum griffen tote, kalte Hände nach ihr, die sie nicht abschütteln konnte, so schnell sie auch rannte. Eine Stimme rief ihren Namen. Dann packten die Toten sie, zogen sie unter die Erde und –

„Angeblich sind’s tausende.“
„Das ist unmöglich! Eine solche Armee kann es nicht geben.“
„Aber wenn ich’s doch sage! Sie haben’s selbst gesehen! Das wird niemand überleben.“
„Merlin steh uns bei.“

Mit offenen Augen blickte Hermine hinauf zu der dunklen Decke und belauschte das Gespräch, während sich ihr Herzschlag langsam wieder normalisierte und die Erinnerung an ihren Albtraum verblasste. Durch die hohen Fenster drang kein Licht mehr. Die Sonne war bereits untergegangen. Zweifellos hatten sich die Ordensmitglieder über den Angriff auf den Untergrund unterhalten.
Tausende Inferi. Und Snape irgendwo dazwischen. Lily hatte recht gehabt: Er würde nicht zurückkehren.

„Habt ihr irgendwas von unseren Leuten gehört? Irgendein Lebenzeichen?“
„Nein. Nichts.“
„Sie hätten nicht unten bleiben dürfen.“
„Es war ihre Entscheidung.“

Voller Verzweiflung schloss Hermine die Augen. Heiße Tränen liefen ihr übers Gesicht. Snape war ein fähiger Zauberer. Er hatte ihr versprochen, zurückzukommen. Und er hielt sein Wort! Aber selbst er konnte doch nicht gegen tausende Inferi kämpfen. Wie sollte er das überleben?
Hermine unterdrückte ihr Schluchzen und rollte sich unter ihrer Decke zusammen. Was sollte sie nur ohne Snape machen? Ohne seinen Schutz blieb ihr gar nichts anderes übrig, als sich den Rebellen anzuschließen. Kein anderer Zauberer würde ihr jemals erlauben, ihre magischen Fähigkeiten einzusetzen. Wie ein Muggel wollte sie hingegen auch nicht mehr leben. Sie hatte noch eine Option: Eine Flucht aufs Festland oder zumindest nach Irland. Doch ohne fremde Hilfe standen ihre Chancen so schlecht, dass sie diese Möglichkeit sofort wieder ausschloss.

„Hermine? Hermine?“
Sie reagierte nicht. War das wieder die Stimme aus ihrem Alptraum? Sie wusste es nicht. Vielleicht träumte sie noch immer. Vielleicht war doch noch nicht alle Hoffnung verloren. Vielleicht war Snape noch am Leben!
„Lasst mich los! Loslassen, hab ich gesagt! Ich will zu meiner-“
„Beruhig dich, Bursche!“

Sie erkannte die Stimme. Es war Ron! Schnell setzte sich Hermine auf und blickte sich um. An der Tür entdeckte sie Ron, der sich an den Wachleuten vorbeidrängen wollte.
Bei seinem Anblick machte ihr Herz vor Freude einen Hüpfer. Er war es tatsächlich! Sie sprang von ihrem provisorischen Lager auf, lief zu ihm und umarmte ihn so stürmisch, dass sie ihn fast umgerissen hätte.
„Endlich habe ich dich gefunden!“ Ron drückte sie fest an sich. „Ich dachte schon…“
„Ich bin so froh, dich zu sehen“, gestand sie leise. Diesmal weinte sie vor Freude und Erleichterung. Mit Ron an ihrer Seite fühlte sie sich nicht mehr verloren und einsam.

„Ich störe das junge Glück nur ungern, aber ich würde gerne wissen, was hier vor sich geht.“ Die Missbilligung in Blacks Stimme war unüberhörbar.
Hermine ließ Ron los und trat einen Schritt zurück. Erst jetzt bemerkte sie die zwei rothaarigen Männer, die breit grinsend die überschwängliche Begrüßung beobachtet hatten. Die Ähnlichkeit der beiden mit Ron war nicht von der Hand zu weisen.
„Siehst du das nicht, Sirius? Wir haben unserem Bruder geholfen, sein Mädchen zu finden“, antwortete der größere der beiden. Er hatte sein langes rotes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden.
„Ach, dann ist das euer Bruder Ron?“ Black musterte ihn. „Hab schon viel von dir gehört.“
„Jup, das ist unser Ronnie-Spätzchen.“ Obwohl er kleiner als Ron war, verstrubbelte er ihm dessen rotes Haar.
„Lass das, Charlie!“ Ron duckte sich unter der Hand seines Bruders weg.
Black blickte noch einmal zu Hermine, dann steckte er seinen Zauberstab endgültig weg und lächelte. „Jeder Weasley ist willkommen. Kommt, setzt euch zu uns ans Feuer.“

Die drei gingen zum Feuer, nur Ron und Hermine blieben bei der Tür stehen.
„Es war nicht leicht, dich zu finden“, sagte Ron. Mit einem schüchternen Lächeln im Gesicht nahm er ihre Hand. „Aber ich bin froh, dass wir es geschafft haben.“
Hermine erwiderte sein Lächeln und drückte sanft seine Hand. „Ich auch.“
„Was ist überhaupt passiert? Was wollte Snape von dir?“
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Hermine und führte Ron zu ihrem Schlafplatz, um sich ungestört mit ihm unterhalten zu können.

***


„Verdammt, Severus, was machst du hier? Wollten wir sie nicht von zwei Seiten einkesseln? Und wo ist dieser verdammte Widerstand? Warum sind hier kaum Leute?“
Schwer atmend stützte Evan sich mit einer Hand an der Tunnelmauer ab. Er hatte soeben ein Duell gegen zwei Zauberer für sich entschieden. Den blutenden Schnitt auf seiner Wange schien er zu ignorieren.
Severus umklammerte seinen Zauberstab fester. „Zu viele sind gestorben. Wir müssen das beenden. Sofort.“
„Was? Wovon redest du?“
„Es tut mir leid, alter Freund, aber ich habe keine andere Wahl.“ Er zielte mit dem Zauberstab auf Evan.
„Severus, was soll-“
„Verzeih mir…Imperio!“

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Meine lieben Leserinnen und Leser!

Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest! Feiert schön mit euren Liebsten oder macht es euch allein so richtig gemütlich!

Als kleines Weihnachtsgeschenk gibt es von mir einen kurzen Einblick in Kapitel 30 (?). Eine Sneak Preview, sozusagen. Aber Achtung: Das ist natürlich ein massiver Spoiler. Ihr nehmt euch selbst ein bisschen die Spannung in den nächsten Kapiteln, wenn ihr dort einen Blick reinwerft.
Trotzdem glaube ich, dass diese Szene vielen von euch gut gefallen könnte Lasst es mich wissen, wenn dem so ist… Oder auch nicht Sie bleibt auf jeden Fall mal bis nächsten Donnerstag online, dann muss sie dem neuen Kapitel Platz machen.

Mein Dank gilt wie immer der unvergleichlichen Marginalie! Sie ist meine Testleserin, meine Betaleserin und zugleich mein Schreibbuddy! DANKE!
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