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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
19.05.2022
40
167.616
104
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
16.12.2021 4.625
 
Kapitel 21: Eine Frage des Vertrauens

Severus stieß die verglaste Salontür von Hetfield House so kraftvoll auf, dass dabei einige Scheiben zu Bruch gingen. Es kümmerte ihn nicht. Sein ganzes Leben war dabei, in die Brüche zu gehen. Alles hing davon ab, ob er Granger noch rechtzeitig finden würde, bevor sie seine Geheimnisse preisgeben konnte. Ein paar zerbrochene Glasscheiben spielten in Anbetracht seiner misslichen Lage keine Rolle.

Der Lärm im Salon hatte seine Mutter alarmiert. Mit gezücktem Zauberstab eilte sie ihm entgegen.
„Severus! Was-… Ist das etwa Blut auf deinem Umhang?“
„Ich habe keine Zeit, Mutter.“ Er schob sie grob aus dem Weg und schlug den Weg zur Treppe ein. Wohin sollte er gehen? Nach oben oder nach unteren? Wer war der Verräter? Mrs Cole oder Weasley?
Seine Mutter lief ihm hinterher. „Was ist los?“
„Ist Mrs Cole hier?“
„Ja. Wieso-“
„War sie die ganze Zeit hier?“
„Ja“, sagte seine Mutter nachdrücklich. „Aber was-“
Damit war klar, wer ihn verraten hatte. „Und Weasley?“
„Der Junge ist unterwegs, um Doxyzid zu kaufen. So, wie du es – So warte doch! Bleib stehen! Severus Tobias Snape, bleib stehen, wenn ich mit dir spreche!“
Widerwillig hielt er inne und drehte er sich zu ihr um. Wenn sie in diesem Ton mit ihm sprach, war es fast unmöglich, ihr nicht zu gehorchen.
„Ich bin kein Kind mehr“, schnarrte er.
„Ich verlange zu erfahren, was passiert ist! Auf der Stelle!“

Da er nicht belauscht werden wollte, zog er seine Mutter in das nahegelegene Esszimmer. Sie würde keine Ruhe geben, bevor sie nicht wusste, was geschehen war.
„Granger ist verschwunden.“
„Was? Aber-“
Eine ungeduldige Geste mit der Hand genügte und seine Mutter verstand, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für lange Erklärungen war.
„Ich war mit ihr in der Winkelgasse, um ihr einen Zauberstab zu kaufen. Anschließend waren wir noch in Hogsmeade. Dort wurden wir vom Phönix-Orden angegriffen. Jemand muss ihnen gesagt haben, dass ich dort sein werde. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es Weasley war.“
Severus‘ Mutter hatte die Hand vor den Mund geschlagen und starrte ihren Sohn fassungslos an. Mit dem Entsetzen in ihrem Blick konnte er umgehen, aber die Enttäuschung darin war wie ein Stich in die Brust.
„Ihr wurdet angegriffen? Und du hast Granger einen Zauberstab gekauft?… Ist sie … eine… Hexe?“ Sämtliche Farbe war aus ihrem Gesicht verschwunden.
Severus nickte.
Es dauerte einen Moment, bis seine Mutter diese Offenbarung verarbeitet hatte. „Wieso hast du mir das nicht gesagt?“, fragte sie leise.
„Weil ich ein Idiot bin…“ Er fuhr sich durch die Haare. „Wie es aussieht ist Granger dem Widerstand in die Hände gefallen. Zumindest nicht unserer Seite, was ein schwacher Trost ist.“
„Und jetzt?“
„Ich muss sie finden. Sie weiß zu viel.“
Mit wackeligen Schritten ging seine Mutter hinüber zu dem Esstisch und ließ sich auf einen der Stühle fallen. „Ich habe dich gewarnt“, sagte sie mit brüchiger Stimme.
„Und ich habe nicht auf dich gehört.“
„Was willst du jetzt tun?“
„Ich weiß es nicht.“ Auch er ließ sich auf einen der Stühle fallen und schloss für einen Moment die Augen. Er konnte nicht darauf vertrauen, dass Granger den Mund hielt. Selbst wenn sie ihn nicht verraten würde, auch der Orden hatte Mittel und Wege, um eine Person zum Sprechen zu bringen.

Severus öffnete die Augen. Er beugte sich zu seiner Mutter und ergriff ihre kalten Hände. „Ich will, dass du ein paar Sachen packst und dir irgendwo ein Zimmer nimmst, wo dich niemand kennt. Verwende einen falschen Namen und bleib dort, bis sich die Lage beruhigt hat. Ich werde mich bei dir melden. Aber solltest du bis morgen Abend nichts von mir hören, dann…“ Er ließ den Satz unbeendet. Sie verstand ihn auch so.
Ruckartig entzog sie ihm ihre Hände. „Ich lasse dich nicht in Stich. Nicht jetzt.“
„Wenn der Dunkle Lord erfährt, dass ich Tränke für den Widerstand gebraut habe … Dass ich eine muggelstämmige Hexe unter meinem Dach geduldet und sie sogar ausgebildet habe, bist auch du in Gefahr.“
„Dann finde das Mädchen!“
„Ich weiß aber nicht, wie!“ Voller Frust sprang Severus von dem Stuhl auf und schritt unruhig im Esszimmer auf und ab. „Ich könnte mich im Untergrund umhören, aber die Chance, sie dort unten schnell zu finden, ist gering. Eher finde ich eine Nadel im Heuhaufen.“
Seine Mutter rümpfte die Nase. „Sprich nicht wie ein gewöhnlicher Muggel. Du bist ein Zauberer, ein kluger noch dazu. Es muss eine Möglichkeit geben. Ist denn überhaupt sicher, dass sie beim Widerstand ist? Erzähle mir noch mal ganz genau, was heute passiert ist.“

Severus hielt das für pure Zeitverschwendung, trotzdem er berichtete er ihr von dem Ausflug in die Winkelgasse und ihre anschließende Einkehr in die Drei Besen. Als Grund für sein Handeln nannte er Grangers Geburtstag. Er hätte ihr eine Freude machen wollen. Den wahren Grund behielt er für sich. Noch mehr beunruhigen wollte er seine Mutter nicht.
„Und niemand hat erkannt, dass sie nur eine Muggel ist? In ihrem grauen Kleid hätte sie doch niemals auch nur einen Fuß in die Winkelgasse setzen können.“
Beschämt vermied Severus es, seiner Mutter ins Gesicht zu sehen, als er gestand: „Ich habe ihr eines deiner Kleider gegeben. Mit deinem Schmuck und deinen Schuhen sah sie wie eine richtige Reinblüterin aus.“
Plötzlich breitete sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln aus. Das war nicht die Reaktion, die Severus erwartet hatte.
„Gut, dann weiß ich jetzt, wie du sie finden kannst. Seit dem Vorfall mit der kleinen Diebin habe ich meinen Schmuck so verzaubert, dass ich ihn jederzeit orten kann.“

***


Hermine seufzte. Das Gespräch drehte sich schon die ganze Zeit im Kreis. Es war zum Verrücktwerden!
„Und was machen wir, wenn es eine Falle ist?“, fragte Tatze zum gefühlt hundertsten Mal. „Wenn die Todesser nur darauf warten, dass wir unser sicheres Versteck verlassen? Wir haben sämtliche Zugänge magisch versiegelt. Sie können uns nichts anhaben. Warum sollten wir unsere Deckung verlassen?“
„Und was machen wir, wenn es keine Falle ist?“, pflegte Moony darauf zu antworten. „Was, wenn Hermine die Wahrheit sagt und wir alle morgen um diese Uhrzeit bereits Inferi sind?“
„Für manche von uns wäre das eine optische Verbesserung.“
Im Hintergrund lachte der schwarzhaarige junge Mann mit den grünen Augen leise über den Witz, während er die Gläser seiner runden Brille an seinem geflickten Hemd putzte. Die äußerliche Ähnlichkeit und die Tatsache, dass er neben der rothaarigen Anführerin saß, die bisher kaum etwas gesagt hatte, legten für Hermine den Verdacht nahe, dass er Tatzes Sohn war. Die Anführerin war ziemlich sicher seine Mutter. Bei dem Kampf im Hogsmeade hatte sie sich eine Wunde an ihrer rechten Wange zugezogen, die eine tiefe Narbe auf ihrem eigentlich hübschen Gesicht hinterlassen hatte.
Moony hatte nicht gelacht. „Wir wissen nicht, ob unsere Banne die Inferi aufhalten. Ehrlich gesagt, möchte ich es auch nicht darauf ankommen lassen. Erinnert euch, wie es das letzte Mal war, als der Dunkle Lord seine Inferi eingesetzt hat. Es war ein Massaker. Ich will das nicht noch einmal erleben…“
Tatze schüttelte bedächtig den Kopf. „Ich verstehe dich. Mir geht es nicht anders. Aber sie ist Snapes Dienstmädchen, Vertraute, Geliebte- “, zählte er auf und ignorierte Hermines wütenden Protest an dieser Stelle. „Wie können wir ihrem Wort glauben?“ Er blickte hinüber zu der rothaarigen Anführerin, die dem Gespräch stumm gelauscht hatte. Lily hatte Snape sie genannt und mit ihr gesprochen, als würde er sie von früher kennen. Eigentlich war sie Hermines große Hoffnung gewesen. Sie hätte gedacht, dass sie ihr glauben würde, aber das schien nicht der Fall zu sein.
„Ich sage die Wahrheit. Ich lüge nicht“, beteuerte Hermine erneut. Sie hätte sich die Worte aber sparen können, denn sie bewirkten nichts. Gar nichts.
„Wie wäre es mit Veritaserum?“, schlug Moony vor.
Lily lachte freudlos auf. „Gute Idee. Hat nur leider einen Haken: Wir haben keines, schon seit einem halben Jahr nicht mehr.“
Tatze stütze sich mit den Händen auf der Tischplatte an und blickte jeden einzelnen der Reihe nach grimmig an. „Es gibt andere Möglichkeiten. Wenn es umgekehrt wäre – wenn jemand von uns in den Händen der Todesser wäre und wir vielleicht eine so wichtige Information hätten, dann würden sie auch nicht zögern… andere Methoden eine andere Vorgehensweise – anzuwenden.“
„Ja, und das ist genau der Unterschied zwischen uns und ihnen. Wir foltern keine Dienstmädchen.“
Die Blicke der anderen wanderten zu Hermines schlohweißer Haarsträhne. Sie war nicht mehr durch Snapes Zauber verborgen. Die Scham brannte auf ihrem Gesicht.

Nach Lilys Machtwort verschränkte Tatze die Hände vor der Brust und machte ein finsteres Gesicht. Er ließ sich auf die Holzkiste fallen, die als Sitzgelegenheit diente, und bedachte Hermine mit einem feindseligen Blick.
Sie starrte auf die Hände in ihrem Schoß. Irgendetwas musste sie unternehmen, sonst würden all diese Menschen hier sterben. Und sie mit ihnen und Snape vermutlich ebenso. Das durfte sie nicht zulassen!
„Ich … ich verstehe, dass Sie mir nicht glauben“, begann sie zögerlich. „Meine Geschichte klingt auch sehr … verrückt, aber Snape hat mir von diesem Plan erzählt und er hat gesagt, dass ich nach seinem Tod frei sein werde. Warum sollte er mich anlügen?“ Tatze wollte etwas sagen, deshalb sprach Hermine schnell weiter: „Snape ist nicht der, für den Sie ihn halten… Ich… ich habe noch eine Information, doch die möchte ich nur Ihnen verraten.“ Sie blickte hinüber zu Lily, die überrascht die Stirn runzelte.
„Und was soll das für eine Information sein?“, fragte Tatze misstrauisch. „Warum dürfen die nicht alle hören?“
„Sirius, lass es gut sein.“ Lily betrachtete Hermine für einen Moment nachdenklich, dann nickte sie. „Okay, Mädchen. Ich höre mir diese strenggeheime Information von dir an und dann entscheiden wir weiter. Aber lass dir eins gesagt sein: Wenn du uns anlügst oder das alles hier alles nur Teil eines gefinkelten Plans ist, dann werden wir dich in Einzelteilen an deinen heißgeliebten Meister zurückschicken.“
„Lily!“ Moony starrte sie entgeistert an.
Hermine schluckte mühsam, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Dass mit der Anführerin der Rebellen nicht zu spaßen war, hatte sie sich bereits gedacht. Man musste hart sein, wenn man in dieser Welt überleben wollte.
„Alle raus hier. Auch du, Harry“, sagte Lily an den schwarzhaarigen Jungen gewandt.
„Aber Mum, wäre es nicht besser, wenn jemand bei dir bleiben würde?“
„Geh, Schatz. Und nimm Sirius mit, bevor er mit seinem finsteren Blick noch irgendjemanden tötet.“
Sirius verdrehte die Augen, legte aber dann Harry kumpelhaft den Arm um die Schultern, als sie gemeinsam den Raum verließen und hinter ihnen die schwere Eisentür ins Schloss fiel.
„So, Missy. Was willst du mir erzählen?“, fragte Lily und setzte sich auf eine umgedrehte Bierkiste neben Hermine.
Sie holte tief Luft. Jetzt gab es kein Zurück mehr. „Snape ist gar nicht so skrupellos. Er braut Heiltränke für den Widerstand, ohne dass der Dunkle Lord etwas davon weiß. Er hilft den Menschen hier unten, weil er Mitleid mit ihnen hat. Und ich helfe ihm beim Brauen und deshalb-“
Lily brach in schallendes Gelächter aus. Sie klopfte sich sogar auf den Oberschenkel und wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln.
„Oh du … bist … süß“, schnaufte sie und versuchte wieder zu Atmen zu kommen. „Vielleicht stehst du wirklich unter einem Verwechslungszauber. Oder unter einem Imperius-Fluch… Severus Snape, der Retter der Muggel und Waisen.“ Sie schnaubte noch einmal, dann wurde sie nach und nach wieder ernst. Die freundliche Miene verschwand zusehends. Der Blick ihrer grünen Augen wurde kalt. „Heiltränke! Snape würde uns eher alle vergiften! Was kümmern ihn kranke Muggel? Ihm ist es doch egal, ob die Menschen hier unten elendig krepieren. Wir sind in den Augen der Todesser nichts anderes als Ungeziefer. Sie betrachten uns nicht einmal als Menschen… Und dir kann ich nur raten, gut nachzudenken, bevor du noch einmal deinen Mund aufmachst. Lüg mich noch einmal an und du wirst es-“
Es klopfte leise. Bevor Lily noch irgendwas hatte sagen können, schwang die Eisentür nahezu lautlos auf.
„Was soll das? Hab ich herein gesagt? Verdammt, ich will jetzt nicht gestört werden!“ Wütend sprang Lily von ihrer provisorischen Sitzgelegenheit auf. Sie riss die Tür noch weiter auf, blickte sich um, doch als sie niemanden davorstehen sah, schlug sie die Tür zu und legte noch ein paar Zauber darauf. Ihren Zauberstab knallte sie auf den Tisch, ehe sie wieder zu Hermine zurückkehrte.
„So, letzte Chance, Mädchen. Ich habe keine Lust, mir deine Lügenmärchen noch länger anzuhören!“
„Ich lüge nicht! Bitte, Sie müssen mir glauben!“, flehte Hermine und spürte, wie die Tränen in ihr aufstiegen. Sie wischte sich ihre schweißnassen Hände an dem smaragdgrünen Kleid ab. „Ich habe Snape geholfen, diese Tränke zu brauen. Er bringt sie regelmäßig in die Kanalisation und ist dabei als Muggel verkleidet. Ich war dabei. Wir waren in der King William Street. Aber an mehr kann ich mich nicht erinnern, denn er hat irgendwas mit meinen Erinnerungen gemacht… Als er erfahren hat, dass er die diese Menschen umbringen soll, da … da hatte er keine Hoffnung mehr. Er hat mit mir darüber gesprochen. Und wir haben überlegt, wie man diese Zombies – “
„Inferi“, korrigierte Lily sie.
„Diese Inferi aufhalten kann. Er hat vielleicht eine Möglichkeit gefunden, aber falls es nicht klappt, werden alle Menschen hier unten sterben. Alle müssen raus hier! Sofort!“
Lily antwortete nicht. Sie schien sich alles noch mal durch den Kopf gehen zu lassen. Die tiefen Falten auf ihrer Stirn verschwanden nicht.
„Bitte... Ich weiß, dass es seltsam klingt, aber Snape hat auch eine gute Seite.“
„Früher habe ich auch gehofft, dass Severus eine gute Seite hat. Aber nach all den Jahren bin ich mir nicht mehr sicher.“
„Er hat sie! Ich bin der beste Beweis dafür! Er hat mir erlaubt, Tränke zu brauen, er hat mir sogar einen Zauberstab gekauft. Er war immer gut zu mir…“ Und die paar Male, die er nicht gut zu ihr war, verschwieg sie absichtlich.
Lily seufzte. „Ich würde dir gerne glauben, aber es gibt keinen Beweis für deine Geschichte.“
„Fragen Sie die Leute in der King-William-Street! Irgendjemand wird sich an Snapes Tränke erinnern. Bitte!“
„Das beweist gar nichts. Hier unten wird viel mit Tränken gehandelt. Sie sind ein beliebtes Tauschmittel.“
„Aber Snapes Tränke sind die besten! So gute und reine Tränke kann bestimmt kein anderer brauen.“
Lily seufzte erneut. „Wie sehen die Tränke aus, die Snape angeblich für den Widerstand braut?“
„Es sind alle möglichen Tränke, vorwiegend Heiltränke.“
Skeptisch zog Lily ihren Augenbrauen nach oben. Diese Antwort reichte ihr offensichtlich nicht.
„Wir füllen sie meistens in Phiolen mit Korkverschluss ab. Die Etiketten haben einen goldenen Rand. Den Namen des Tranks schreibt Snape immer mit schwarzer Tinte darauf.“
Wortlos stand Lily auf und hing hinüber zu einem alten Eisenregal. Es war von oben bis unten mit den unterschiedlichsten Dingen vollgestopft. Sie zog eine kleine Box zwischen einem Stapel mit farbenfroher Kleidung hervor.
„So wie der hier?“ Sie hielt eine Phiole mit einem grünen Heiltrank in die Höhe.
„Ja! Das ist einer von unseren Tränken!“ Beim Anblick der Phiole wären Hermine beinahe die Tränen gekommen, so erleichtert war sie. Nun musste Lily ihr einfach glauben!
„Und Sie können auch Ronald Weasley fragen! Er ist Dienstjunge bei Snape und er muss auch immer mithelfen.“
„Ron Weasley? Interessant.“
„Wieso?“, fragte Hermine ängstlich. Hoffentlich hatte sie Ron nicht in Schwierigkeiten gebracht.
„Seine Brüder sind hier bei uns. Er hat uns verraten, wo wir Snape heute finden können, aber von Heiltränken hat er noch nie etwas erwähnt.“
Hermine konnte kaum glauben, dass Ron sie verraten hatte. Warum nur hatte er das getan?

In der Zwischenzeit packte Lily den Heiltrank wieder weg. „Ich kann das alles noch immer nicht glauben. All die Jahre hat Severus gegen uns gekämpft. Und jetzt plötzlich will er uns helfen?“
„Die Gründe sind doch unwichtig! Es zählt doch nur, jetzt so viele Menschen wie möglich zu retten. Sie müssen die Leute hier rausschaffen, bevor die Zom- … Inferi kommen!“
„So ist es“, bestätigte Snape und zog sich den Tarnumhang vom Kopf.

Für einen Moment starrten Hermine und Lily ihn fassungslos an, während Snape den Umhang zusammenfaltete und ihn lässig über die Schulter warf.
„Du!“, schrie Lily aufgebracht und erwachte aus ihrer Schockstarre. „Wie kommst du hierher?“
„Hast du vergessen, dass ich während unserer gemeinsamen Schulzeit jeden deiner Flüche brechen konnte?“, fragte er und wiederholte damit ihre Worte, die sie in den Drei Besen zu ihm gesagt hatte.
Sie antwortete nicht, denn ihr Blick war auf den Umhang gerichtet. „Was ist das?... Ist das etwa … Ist das der Umhang von James?“
Beschwichtigend hob Snape die Hände. „Beruhige dich und lass uns – “
„Du hast seinen Umhang! Das ist der Beweis! Du Mörder! WIE KANNST DU ES WAGEN?!“ Sie lief zum Tisch, wollte nach ihrem Zauberstab greifen, doch er war verschwunden. „Wo ist er? WO IST ER?“ Sie blickte zu Hermine, die stocksteif dasaß und das Treiben der beiden mit weit aufgerissenen Augen beobachtete.
„Beruhige dich, Lily…“ Erst jetzt bemerkte Hermine, dass der Zauberstab in seiner Hand nicht sein eigener war.
Nun sah Lily endgültig rot. Es hätte Hermine nicht überrascht, wenn Funken aus der Nase der Hexe gestoben wäre, als sie ohne eine Waffe in der Hand wie ein wildgewordener Stier auf Snape zustürmte.
Ein Knall ertönte und schon im nächsten Augenblick lag Lily gefesselt inmitten unzähliger weicher Kissen.
Snape beugte sich grinsend über sie. „Du hast dich kein bisschen verändert.“
Sie wehrte sich heftige gegen die Seile. „Du schon! Du bist fett geworden! Und alt! Mach mich sofort los oder-“
Alle weiteren Worte wurden von dem Knebel in ihrem Mund gedämpft. Schnell erkannte sie, dass es sinnlos war, sich gegen die Fesseln zu wehren, aber beruhigt hatte sie sich noch nicht. Ihr mörderischer Blick zeigte deutlich, dass es nicht ratsam wäre, den Fluch allzu schnell von ihr zu nehmen.
„Geht es dir gut, Granger?“, fragte Snape. Er ging vor Hermine in die Hocke und musterte sie besorgt. Mit dem verwischten Makeup und den zerrissenen Strümpfen sah sie bestimmt schlimmer aus, als sie sich fühlte.  
„Es geht mir gut, Herr.“ Noch nie war sie so glücklich gewesen, Snape zu sehen. Vor lauter Erleichterung fiel sie ihm, zum zweiten Mal an diesem Tag, um den Hals. Dieses Mal erwiderte er sogar kurz ihre Umarmung, ehe er sie sanft von sich schob.
„Genug der Sentimentalitäten. Wir haben Wichtigeres zu tun.“

Snape kniete sich neben Lily auf den Boden. „Hör mir jetzt ganz genau zu“, verlangte er und sah ihr direkt in die Augen: „Ich bin nicht hier, um irgendjemanden von euch weh zu tun – Black vielleicht ausgenommen. Und noch mal, Lily. Ich habe Potter nicht getötet. Erinnere dich an jenen Tag zurück, als Potter gestorben ist. Der Kampf war chaotisch und unübersichtlich. Flüche flogen kreuz und quer. Ja, ich habe gegen Potter gekämpft. Ja, ich habe ihn verwundet, aber der Todesfluch kam nicht aus meinem Zauberstab. Danach habe ich den Tarnumhang an mich genommen, bevor es jemand anderes tut. Ich weiß nicht, wer Potter getötet hat. Aber ich war es nicht, hörst du? Es ist jetzt auch nicht mehr wichtig. Das ist über zehn Jahre her. Wir haben im Moment dringlichere Probleme. Du musst mir jetzt vertrauen. Kannst du das?“
Lily reagierte nicht, dennoch musste Snape irgendetwas in ihrem Blick gelesen haben, das er als Einverständnis wertete.
„Granger hat dir bestimmt schon alles erzählt, was du wissen musst. Wenn du deine Leute nicht innerhalb der nächsten zwölf Stunden hier rausschaffst, werden alle sterben. Ich habe zwar einen Plan, wie ich die Inferi ablenken werde, aber nur Salazar weiß, ob mir das auch gelingen wird. Deshalb musst du alle hier rausschaffen, verstehst du?“ Mit einem Schlenker seines Zauberstabs verschwand der Knebel.
„Versprichst du mir, dass es keine Falle ist, Sev? Schwörst du es?“ Sie sah ihn eindringlich an.
Er nickte. „Ich schwöre es.“
„Dann mach mich los.“
Die Seile lösten sich in Luft auf. Mühsam richtete sich Lily wieder auf. Die Hand, die Snape ihr entgegenstreckte, ignorierte sie.

Kaum stand sie aufrecht vor ihm, da attackierte sie ihn auch schon. Ein Fluch löste sich aus Snapes Zauberstab und warf den Tisch um.
„Nein!“, schrie Hermine und eilten zu den beiden, doch sie kam zu spät. Schon im nächsten Augenblick ging Snape keuchend in die Knie und Lily bedrohte ihn mit seinem eigenen Zauberstab, den sie ihm blitzschnell entrissen hatte.
„Du bist nachlässig geworden“, spottete sie. „Und langsam.“
„Und du hinterhältig.“
„Lassen Sie ihn los!“, verlangte Hermine und kam langsam näher.
„Keinen Schritt weiter!“ Lily drückte den Zauberstab fester gegen Snapes Hals. „Ich glaube, ich habe jetzt die Lösung.“ Lächelnd legte sie den Kopf schief. „Was ist, wenn du nicht zurückkehrst? Warum sollte ich dich gehen lassen, wenn du doch derjenige bist, der den Angriff leitet? Ohne Severus wird es keinen Angriff geben. Problem gelöst.“
Snape ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Dann übernimmt Rosier und er hat keine Skrupel, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind hier unten umzubringen.“
„Aber du bist doch seine Hand. Was würde Voldemort ohne sein treuestes Schoßhündchen machen?“
„Sich ein neues suchen. Jeder Todesser ist ersetzbar. Es gibt genug, die nur darauf warten, meinen Platz einnehmen zu dürfen… Glaub mir, ich bin eure einzige Chance.“
Lily verzog das Gesicht. Mit einem verächtlichen Schnauben trat sie einen Schritt zurück. „Du widerst mich an.“
„Das hat sich also nicht geändert“, murmelte er und richtete sich auf.
„Der gehört Harry.“ Mit diesen Worten hob sie den Umhang vom Boden auf und streichelte zärtlich über den Stoff.
„Der Junge sieht Potter sehr ähnlich.“
„Ja, und er ist seinem Vater auch sehr ähnlich“, antwortete Lily voller Stolz und funkelte Snape herausfordernd an.
Er überging ihre Worte. „Was ist mit deiner Wange passiert?“, wollte er stattdessen wissen.
„Ein Geschenk von Avery“, meinte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Du brauchst eine Wundsalbe. Ich kann dir eine zukommen lassen.“

Hermine verfolgte das Gespräch der beiden ängstlich. Sie traute dem plötzlichen Frieden zwischen den beiden nicht. „Ähm… sollten wir nicht was tun? Sonst stehen die Zombies bald vor der Tür…“
„Inferi“, sagten Lily und Snape gleichzeitig.
Er grinste. „Dann wären wir uns ja einig. Ihr müsst mit der Evakuierung beginnen und Granger und ich müssen zurück.“

Aus der Innentasche seines Umhangs holte Snape eine Phiole mit einem braunen, zählflüssigen Zaubertrank hervor. Er stürzte den Inhalt hinunter, verzog kurz das Gesicht und verwandelte sich vor ihren Augen in einen attraktiven blonden Mann.
Das Gesicht kam Hermine vage bekannt vor, aber sie wusste nicht, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte.
„Was soll das jetzt?“, fragte Lily.
„Wie soll ich sonst ohne Tarnumhang hier rausspazieren?“ Er färbte seinen schwarzen Umhang braun. „Bring deine Leute an einen sicheren Ort. Bring sie zum Sherwood Forrest.“
„Zum Sherwood Forrest?“, wiederholte Lily, als ob sie sich verhört hätte. „Nicht dein Ernst, oder?“
„Doch! Wenn das euer geheimer Zufluchtsort ist, dann solltet ihr euch dort verstecken.“
„Aber da sind wir doch schon.“
Als Snape sie verwirrt anschaute, verdrehte sie die Augen. „Du hältst dich für so schlau, Sev, dabei hast du überhaupt keine Ahnung. Ich zeig’s dir, dann wirst du es verstehen.“

Sie öffnete Tür, spähte vorsichtig nach draußen. „Keiner da. Los jetzt.“
Um nicht mehr Verdacht als notwendig zu erregen, färbte Snape Hermines Kleid ebenfalls braun. So würde sie jeder für zwei einfache Muggel halten. Lily führte sie durch mehrere Tunnel. Sie begegneten einigen Leute, die sie neugierig musterten, aber Lilys Gegenwart schütze sie vor Fragen.
Nach wenigen Minuten wurden die Tunnel breiter und höher. Sie erinnerten nun an unterirdische Gewölbe, die von mehreren Säulen getragen wurden. Wie in den anderen Teilen des Untergrunds lebten auch hier Menschen in einfachen Behausungen. Die meisten schliefen bereits. Magische Fackeln an den rohen Ziegelwänden spendeten ein sanftes Licht. Mit jedem Schritt, den sie sich den windschiefen Hütten und Zelten näherten, veränderte sich die Umgebung. Die Luft flackerte. Auf einmal sah es so aus, als wären sie wieder an der Oberfläche.
Mit offenem Mund blickte Hermine sich verwundert um. Sie glaubte, auf einer Waldlichtung zu stehen. Die Steinsäulen hatten sich in dicke Baumstämme verwandelt. Der Boden unter ihren Füßen war mit bunten Blättern und weichen Moos bedeckt. Zwischen den Baumkronen blitze ein dunkler Nachthimmel hindurch. Über ihnen funkelten die Sterne, noch schöner als in Snapes Garten. Die magische Illusion war dermaßen überzeugend, dass Hermine fast meinte, den typischen Geruch nach feuchter Erde und Pilzen wahrzunehmen. Nichts erinnerte mehr an den trostlosen Londoner Untergrund.
„Das ist der Sherwood Forrest“, erklärte Lily. „So wie der gesamte Untergrund. Das ist der einzige Ort in diesem Land, an dem Gerechtigkeit herrscht. Hier ist jeder frei und jeder gleich.“
Snape blickte sich mit ernster Miene um. „Beeindruckend.“
„Du hast wirklich gedacht, dass wir uns in einem echten Wald verstecken? Meine Güte, ich hielt dich für schlauer…“
„Ja, das dachte ich. Wäre doch passend gewesen. Bist du nicht Robin Hood, der das Gold der Reichen stiehlt und es den Armen gibt?“
„Sozusagen.“ Sie grinste bösartig. „Wenn ich es mir recht überlege, passt zu dir die Rolle des Sheriffs von Nottingham sehr gut.“
„Wie freundlich von dir. Schon damals, als wir noch Kinder waren, wolltest du immer Robin sein, niemals Lady Marian.“
„Ich gehöre nicht zu den Frauen, die auf einen Ritter warten. Ich kämpfe lieber für mich selbst.“ Sie reckte herausfordernd das Kinn nach vorne. „Und hier trennen sich nun unsere Wege. Wenn du dem Tunnel folgst, musst du zwei Mal rechts abbiegen, bis du zu einer Leiter gelangst. Sie führt in ein heruntergekommenes Lagerhaus. Dort kannst du disapparieren.“ Sie stellte sich neben Hermine, die dem Gespräch stumm gelauscht hatte. Sie wollte nur noch in ihr Bett in der kleinen Dachkammer und den schlimmsten Geburtstag ihres Lebens so schnell wie möglich vergessen.
„Gut. Danke. Ich wünsche dir viel Glück, Lily.“
„Ich dir auch, Severus.“
„Komm, Granger.“

Hermine hatte sich kaum bewegt, da spürte sie schon eine Zauberstabspitze, die sich schmerzhaft in ihre Seite bohrte. Damit sie nicht weglaufen konnte, hielt Lily sie am Arm fest.
„Es gibt hier wohl ein kleines Missverständnis, Severus. Du kannst gehen, aber deine… Assistentin bleibt bei mir.“
„Was soll das?“, zischte Snape. „Sie kommt mit mir!“
„Nein. Ich betrachte sie als Faustpfand.“
Hermine wollte etwas sagen, doch Lily bohrte ihr den Zauberstab so fest zwischen die Rippen, dass sie schmerzerfüllt aufstöhnte.
„Ich kenne dich, Sev. Ich sehe dir an, dass du das Mädchen magst und dich um sie sorgst“, sagte Lily und klang dabei amüsiert. „Ein dummer Fehler. Aber keine Sorge, ich werde mich gut um sie kümmern.“
„Lass sie gehen“, knurrte Snape bedrohlich. „Zwing mich nicht, dir weh zu tun.“ Seine Hand bewegte sich langsam zu seiner Innentasche, wo er seinen Zauberstab aufbewahrte.
„Eine falsche Bewegung von dir, Sev, und die Kleine bekommt meinen Spezialfluch zu spüren.“
Für einen Moment sah es so aus, als wäre Snape bereit, dieses Risiko einzugehen, doch dann hob er die Hände, als würde er sich ergeben. „Lily, bitte…“
„Geh jetzt, damit ich mit der Evakuierung beginnen kann. Und wenn morgen alles glatt läuft, dann bekommst du das Mädchen heil und in einem Stück von mir zurück. Versprochen.“
Hermine konnte sehen, wie Snape mit sich rang und seine verbleibenden Optionen gegeneinander abwog. Schließlich kam er zu dem einzig rationalen Schluss.
„Ich komme zurück. Ich verspreche es. Ich komme zurück, Hermine“, sagte er mit grimmiger Miene und marschierte mit einem letzten verächtlichen Blick in Lilys Richtung davon.
Hermine blickte ihm hinterher, bis er um die Ecke verschwunden war. Noch nie im Leben war ihr elendiger zumute gewesen als in diesem Moment.

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Ich bin noch immer ganz überwältigt von den Reaktionen auf die "Social Media Empfehlung" am vergangenen Wochenende!
Vielen, vielen Dank für die vielen Sterne, Herzen und Reviews! Ich hätte nicht erwartet, dass das Interesse an der "Muggeline" so groß ist! Das hat mich wahnsinnig gefreut!
An dieser Stelle möchte ich alle neuen Leser*innen sehr herzlich begrüßen! Und bei den "alten Hasen"  bedanke ich mich für ihre Treue und Unterstützung!  :-)

Mein Dank gilt wie immer meiner Betaleserin Marginalie!

Nächsten Donnerstag geht's weiter! Und eine kleine Weihnachtsüberraschung gibt es auch ;-)

Liebe Grüße
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