Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
12.05.2022
39
162.631
102
Alle Kapitel
225 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
09.12.2021 5.179
 
Kapitel 20: Freund oder Feind?

Snape nahm die Todesdrohung der Rebellin mit einem traurigen Lächeln zur Kenntnis. Scheinbar hatte er nichts anderes erwartet. Seine Miene wurde jedoch wieder ernst, als er sich an Hermine wandte, die in Gedanken alle Zaubersprüche durchging, die sie beherrschte und die in dieser Situation hilfreich sein könnten. Die Liste war erschreckend kurz.

„Hör zu, Granger“, flüsterte Snape und sah sie eindringlich an. „Sie wollen mich, nicht dich. Ich werde sie ablenken und du läufst raus und disapparierst. Verstanden?“
„Ich-ich kann nicht“, stammelte Hermine.
„Doch, du schaffst das. Wenn ich dir das Zeichen gebe, rennst du so schnell-“
„Ich kann nicht disapparieren. Ich habe es noch nicht gelernt.“
Snape stöhnte frustriert auf. „Was hat Weasley dir eigentlich beigebracht? Ich hätte mich um deine Ausbildung kümmern sollen… Nun, dafür ist es jetzt zu–“
Die Stimme der Rebellin unterbrach ihn: „Entweder kommst du mit erhobenen Händen raus oder es wird ungemütlich für dich, Sev.“
Snape antwortete nicht. Er dachte konzentriert nach, das konnte Hermine an den tiefen Falten auf seiner Stirn erkennen. Wahrscheinlich suchte er nach einem Ausweg, aber es gab keinen. Sie saßen in der Falle.

„Wir haben nicht viel Zeit. Holt ihn euch“, befahl Lily. Sofort schossen unzählige Flüche in ihre Richtung, die aber an einer unsichtbaren Wand abprallten. Hermine zog den Kopf ein und duckte sich, doch die Zauber richteten keinerlei Schaden an.
„Halt!“ Lily schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Netter Schildzauber, Sev. Schwarzmagische Banne und Flüche waren schon immer deine Spezialität.“
Anstatt zu antworten, suchte Snape fieberhaft nach einer Möglichkeit, doch noch lebend aus diesem Schlamassel herauszukommen. Hermine schlüpfte währenddessen aus ihren Stöckelschuhen. Ohne sie wäre sie bestimmt schneller.
Man konnte hören, wie sich die Rebellen im Raum neu verteilten und vorsichtig näherkamen.
„Aber hast du vergessen, dass ich schon in der Schule jeden davon brechen konnte?“ Lily begann eine Art Singsang, der die Barriere wie flüssiges Wasser schimmern ließ.
Snape schob den Ärmel seiner Robe nach oben und entblößte sein Dunkles Mal. „Ich wollte es nicht tun, aber uns bleibt keine andere Wahl…“, flüsterte er. Seine Finger schwebten einen Moment lang unschlüssig über der Tätowierung, dann berührte er sie.
Hermine blickte ihn fragend an.
„Ich habe den Dunklen Lord gerufen. Uns bleibt nicht viel Zeit. Die Todesser dürfen dich nicht sehen. Ich bringe dich an einen sicheren Ort, dort versteckst du dich, bis ich dich wieder abhole. Aber dafür müssen wir uns den Weg freikämpfen. Verstanden?“
Hermine schluckte. Der Plan klang äußerst riskant, aber sie hatten keine andere Wahl, wenn sie nicht von den Rebellen gefangengenommen oder getötet werden wollten. Auf der magischen Barriere waren bereits erste Risse zu sehen.
„Ich hoffe, dass Weasley dir wenigstens einige vernünftige Zaubersprüche beigebracht hat.“
„Den- den Schildzauber und den Beinklammerfluch.“
Snape verzog das Gesicht. „Und irgendwas, das nicht auch schon Erstklässler können? Irgendwas Hilfreiches?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dann bleib einfach hinter mir und – LAUF!“

In dem Moment, als sich die Barriere auflöste, schossen die nächsten Flüche über sie hinweg. Snape schleuderte den Rebellen den Tisch entgegen. Dieses Überraschungsmoment nutze er, um Hermine an der Hand zu nehmen und Richtung Ausgang zu zerren. Mit einer beachtlichen Geschwindigkeit vollführte er eine Zauberstabbewegung nach der anderen, blockte Zauber ab und griff jeden an, der sich ihnen in den Weg stellte. Selbst mit mehreren Gegnern gleichzeitig nahm er es auf. Zwei Rebellen hatte er schon ausgeschaltet.
Hermine hielt zwar ihren Zauberstab fest umklammert, doch bis jetzt war ihr noch kein Zauberspruch über die Lippen gekommen. Ein roter Lichtblitz verfehlte sie nur um Haaresbreite. Ein Zauberer mit zerzaustem schwarzem Haar hatte ihn abgefeuert. Hermines spitzer Aufschrei entlockte ihm ein Lachen, das sie an das Bellen eines Hundes erinnerte.
Sectumsempra!“, rief Snape und zielte damit auf den Schwarzhaarigen, der sich nur durch einen Hechtsprung vor dem Fluch in Sicherheit hatte bringen können.
„Schnell!“ Snape zog sie weiter Richtung Tür. Die Rebellen hatten aber seine Absicht schon längst erkannt und stellten sich ihm in den Weg. Ohne Erbarmen kämpfte sich Snape den Weg frei. Tische und Stühle erwachten plötzlich zum Leben. Wie hungrige Monster stürzten sie sich auf die die Rebellen, die vor den wildgewordenen Möbelstücken in Schach gehalten wurden.

Der rettende Ausgang war nur noch wenige Meter entfernt, da zuckte Snape kurz zusammen. „Er kommt“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Zuerst wusste Hermine nicht, wen er meinte, doch dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag: Der Dunkle Lord war auf dem Weg zu ihnen und mit ihm seine Todesser. Sie hätte nie gedacht, dass sie sich jemals über diese Nachricht freuen würde.

Als der schwarzhaarige Rebell erneut seinen Zauberstab hob, war Snape gerade damit beschäftigt, die Flüche von zwei anderen Zauberern abzuwehren. Hermine reagierte instinktiv und blockte den Fluch durch ihren Schildzauber ab. Ihr blieb aber keine Gelegenheit, sich über den Erfolg zu freuen, denn die Rebellen hatten sie umzingelt. Sie waren zäh und gaben nicht so schnell auf. Insgeheim bewunderte Hermine sie für ihren Mut.
„Gib auf, Schniefelus!“
Doch Snape dachte gar nicht daran. Mit einer ruckartigen Bewegung richtete er seinen Zauberstab nach oben Richtung Decke. Ein ohrenbetäubender Knall wie ein Kanonenschuss ertönte und der halbe erste Stock stürzte auf die Rebellen hinunter. Wer nicht schnell genug beiseite gesprungen war, wurde unter den herabstürzenden Trümmern begraben.
Der aufgewirbelte Staub und Schutt raubten Hermine für einen Moment die Sicht. Blind und hustend zog Snape sie durch das Chaos. Verschiedenfarbige Lichtblitze schossen an ihnen vorbei. Ohne zu zielen, schleuderte Hermine ihren Angreifern ebenfalls einen Fluch entgegen, während Snape die Tür aufriss und sie hinaus in die kühle Abendluft zog. Sofort verschloss er die Tür mit einigen Zauberbannen, die offensichtlich nicht so leicht zu lösen waren, denn durch das Holz drangen wütende Schreie.

Zum Verschnaufen blieb aber keine Zeit. Draußen erwartete sie bereits eine rothaarige Hexe. Völlig entspannt lehnte sie an der gegenüberliegenden Hausmauer und musterte Snape und Hermine mit ihren grünen Augen, die unter ihrer schwarzen Maske hervorblitzten.
„Bravo, Sev“, sagte sie und schlenderte gemächlich auf sie zu, als wäre das ein vergnügliches Aufeinandertreffen alter Freunde. Nur der Zauberstab in ihrer Hand, den sie bedrohlich auf Snape richtete, passte nicht dazu.
„Ihr müsst sofort von hier verschwinden, Lily, der Dunkle Lord ist auf dem Weg. Er wird jeden Augenblick hier sein.“ Snape sah sie eindringlich an, doch sie grinste nur.
„Bis er hier ist, bist du tot.“ Sie zielte auf sein Herz.
Hermine hatte nicht verstanden, warum er die Rebellin gewarnt hatte, doch jetzt hob er sogar noch die Hände, als wolle er sich ergeben.
„Du hast allen Grund, wütend auf mich zu sein, Lily. Aber ich habe Potter nicht getötet.“
„Du wagst es, den Mord an James zu leugnen, obwohl es Zeugen dafür gibt?“
„Was auch immer sie gesehen haben wollen, ich war es nicht. Obwohl ich mir immer gewünscht habe, derjenige zu sein, der ihn tötet.“
„Ich falle nicht mehr auf deine Lügen rein.“
„Wenn du mir nicht glaubst, dann tu es. Töte mich.“
„Nein!“, rief Hermine, doch niemand beachtete sie.
„Das werde ich.“
Avada Kedavra!“
Ein grüner Lichtblitz flog durch die Luft. Aber er war nicht für Snape bestimmt, sondern für die Rebellin, die im letzten Moment ausgewichen war.

Unbemerkt waren die Truppen des Dunklen Lord erschienen. Die komplett in Schwarz gekleideten Zauberer und Hexen zielten mit ihren Zauberstäben auf die Rebellin.
„Lily Potter, im Namen des Dunklen Lords verhafte ich Sie wegen Landfriedensbruch“, verkündete einer der Zauberer. In seinem blutroten Umhang hob er sich deutlich von den anderen ab.
Lily lachte überheblich. „Versucht es doch.“

In dem Moment, als die Todesser angreifen wollten, öffnete sich die Tür des Pubs und die Rebellen stürmten mutig heraus. Sie wären den Dienern des Dunklen Lords zahlenmäßig weit unterlegen gewesen, hätten sie nicht unerwartet Unterstützung bekommen. Unzählige Plops ertönten. Hexen und Zauberer in farbenfroher Kleidung griffen die Todesser an, die nun von zwei Seiten in die Zange genommen wurden. Grüne Todesflüche flogen zwischen den beiden Seiten hin und her. Für beide Parteien war es ein Kampf auf Leben und Tod. Niemand schien Gefangene nehmen zu wollen.

Befehle wurden gebrüllt. Auf beiden Seiten waren die ersten Opfer zu beklagen, trotzdem dachte niemand daran, aufzugeben.
Inmitten der gebrüllten Befehle, der ersten Kämpfer, die bewusstlos oder tot zu Boden gingen, nahm Snape Hermine an der Hand. Er zog sie hinter sich her, suchte einen Weg aus dem Kampfgetümmel, um sie beide unbeschadet von hier wegbringen zu können.

Sie waren erst wenige Schritte gelaufen, da sackte Snape leblos in sich zusammen. Zwei Flüche hatten ihn an der Seite getroffen.
Für einen Moment war Hermine wie versteinert. Sie blickte in Snapes starres Gesicht, erkannte den Ausdruck von Überraschung darin, bevor ihr Überlebensinstinkt wieder die Kontrolle übernahm und sie mit unsicheren Schritten von Snape zurückwich und Hals über Kopf die Flucht ergriff.

„Rückzug! Rückzug!“
Das war auch für Hermine das Signal. Sie musste weg von den Kämpfern, egal zu welcher Seite sie gehörten. Noch im Laufen wehrte sie einen Fluch mit einem Schildzauber ab. Panisch suchte ihr Blick nach einem Weg aus dem Kampfgetümmel oder zumindest nach einem Versteck.
Der Todesser mit dem blutroten Umhang stellte sich ihr in den Weg. Er schenkte ihr ein Lächeln, das zusammen mit dem lasziven Blick aus seinen halb geöffneten Augen wahrscheinlich beruhigend auf sie hätte wirken sollen, aber in Hermine nichts als blanke Panik auslöste.
„Haben Sie keine Angst, Miss. Jetzt sind Sie in Sicherheit. Ich werde Sie beschü-“
Hermine duckte sich unter seinen ausgebreiteten Armen weg und lief so schnell sie ihre Beine trugen weiter. Die Schreie hinter ihr wurden leiser, als sie die Hauptstraße verließ und in eine schmale Seitengasse einbog. Ohne sich umzudrehen, lief sie immer weiter, ignorierte das schmerzhafte Stechen in ihrer Brust und in ihren Füßen. Wenn sie überleben wollte, musste sie weiterlaufen. Und das machte sie auch.
Erst, als sie keine Schreie mehr hörte, wurde sie langsamer, ihre Bewegungen unkoordinierter. Bei jedem Schritt bohrten sich die Steine schmerzhaft in ihre bloßen Fußsohlen. Vor lauter Erschöpfung strauchelte Hermine und fiel hin. Bei ihrem Sturz schürfte sie sich die Handflächen und die Knie auf. Mit letzter Kraft gelang es ihr noch, sich hinter eine Mülltonne zu schleppen, wo man sie hoffentlich nicht sofort entdecken würde. Mühsam rang sie nach Luft. Ihr Körper zitterte unkontrolliert. Tränen verschleierten ihre Sicht. Was waren das für Flüche gewesen, die Snape getroffen hatten? Hätte sie bei ihm bleiben sollen? Nein, denn sie hätte ihm ohnehin nicht helfen können und er selbst hatte ihr gesagt, dass sie die Todesser nicht erwischen durften.
Mit dem Handrücken wischte sich Hermine die Tränen aus dem Gesicht. Sie brauchte einen Plan, aber die Gedanken rasten durch ihren Kopf, vermischten sich mit den Bildern der letzten Minuten und ließen nichts als Chaos und Angst in ihr zurück. Um sich zu beruhigen, schloss sie für einen Moment die Augen, atmete tief durch und redete sich selbst Mut zu.
Als Hermine die Augen wieder öffnete, sah sie gerade noch den roten Lichtblitz, der auf sie zu schoss, bevor alles um sie herum in Dunkelheit versank.

***


„Ich muss zurück nach Hogsmeade!“ Severus setzte sich abrupt auf. Ein fürchterlicher Schmerz durchzuckte seine Seite. Das spärlich eingerichtete Behandlungszimmer im St. Mungo-Hospital drehte sich und schwankte bedrohlich vor seinen Augen, trotzdem hielt er nicht inne, sondern biss die Zähne zusammen und schwang die Beine über die Kante der Behandlungsliege.
„Nein, du bleibst hier, bis sich ein Heiler deine Wunde angesehen hat.“ Mit ungeheurer Leichtigkeit drückte Duncan ihn wieder zurück auf die Liege.
„Es geht mir gut-“
„So siehst du aber nicht aus. Eher wie ein abgestochenes Schwein kurz vor dem Krepieren. Dein ganzer Umhang ist voller Blut.“
Severus betrachtete seinen Freund mit einem vernichtenden Blick. „Ich brauche keinen Heiler! Nur einen schmerzstillenden Trank.“ Noch einmal versuchte er sich aufzurichten, doch Duncan drückte seinen Oberkörper wieder nach unten. Severus fehlte die Kraft, um sich dagegen zu wehren.
„Sei doch vernünftig, Mann! Jugson hat dich in Hogsmeade nur notdürftig zusammengeflickt… Und warum willst du unbedingt zurück? Die Terroristen sind längst über alle Berge. Alvin kümmert sich mit seinen Leuten um die Ermittlungen. Alles ist unter Kontrolle, glaub mir.“
Nein, nichts war unter Kontrolle! Gar nichts! Irgendwo in Hogsmeade irrte Granger herum. Hoffentlich war sie intelligent genug, um einen Kamin zu benutzen, um schnellstmöglich nach Hause zurückzukehren, bevor sie irgendjemand aufgreifen konnte. Aber wahrscheinlich hatte sie sich irgendwo versteckt und wartete darauf, dass er sie holte, so wie er es versprochen hatte. Deshalb durfte er hier nicht tatenlos herumliegen. Er musste sie finden und wieder nach Hause bringen. Nicht auszudenken, wenn sie den Todessern in die Hände fallen würde. Granger wusste zu viel. Sie kannte einige seiner Geheimnisse und jedes davon wäre ausreichend, um ihn als Verräter hinzurichten. Und sie gleich dazu. Severus starrte an die weiße Decke. Er hätte sie niemals in die Winkelgasse mitnehmen dürfen. Wie hatte er nur so töricht sein können?
„Was wolltest du eigentlich in Hogsmeade?“, fragte Duncan.
„Ein Butterbier trinken.“
„Wie alt bist du? Vierzehn?“ Duncan lachte dröhnend.

Bevor Severus etwas erwidern konnte, ging die Tür auf. Wieder einmal erlaubte sich das Schicksal einen bösen Scherz mit ihm.
„Mr. Snape! Wir geht es Ihnen? Ich bin sofort hergekommen, als ich gehört habe, dass Sie verletzt sind“, erzählte Serena Selwyn atemlos. Sie musterte ihn mit ihren grauen Augen besorgt. Auch in einem limonengrünen Heilerumhang sah Serena umwerfend aus.
Severus stöhnte genervt auf. Serena hatte ihm gerade noch gefehlt. Seit jenem Samstag, an dem seine Mutter sie zum Tee eingeladen hatte, war er ihr nicht mehr begegnet. Und so hätte es auch für immer bleiben können.
„Bitte legen Sie Ihren Umhang ab, Sir, damit ich mir die Wunde ansehen kann.“
„Na komm schon, Severus. Mach, was die Heilerin sagt.“ Duncan starrte Serena mit einem dämlichen Grinsen im Gesicht an. Severus kannte diesen Blick. So schaute er immer drein, bevor er eine Dummheit beging.

Widerwillig ließ er sich von Duncan aus seinem Todesserumhang und aus seinem Gehrock helfen.
„Das Hemd bitte auch noch.“
Duncan feixte. „Wie lange ist es eigentlich her, dass dir eine Frau an die Wäsche wollte?“
Severus ignorierte Duncans Worte und köpfte sein Hemd auf. Er wollte diese Untersuchung so schnell wie möglich hinter sich bringen.
„Sie können draußen warten“, meinte Serena an Duncan gewandt. „Mr. Snape ist bei mir in den besten Händen.“
„Das glaube ich Ihnen aufs Wort.“ Wenig überraschend rührte sich Duncan nicht vom Fleck, sondern ließ seinen Blick erneut über Serenas weibliche Rundungen schweifen, was sie jedoch nicht zu bemerken schien, denn sie war zu sehr damit beschäftigt, allerlei Diagnosezauber über Severus zu sprechen. Ihre warmen Hände tasteten vorsichtig seinen Bauch ab.
„Keine inneren Verletzungen“, murmelte sie. „Salazar sei Dank!“
„Unseren Severus bringt nichts so schnell um.“ Duncan klopfte ihm unnötig fest auf die Schulter, sodass Severus schmerzerfüllt zusammenzuckte.
Verärgert zog Serena die Brauen zusammen. „Es wäre wirklich besser, wenn Sie draußen warten würden, Sir.
„Nein, Duncan bleibt.“
„Wie Sie wünschen.“ Serena schwang Ihren Zauberstab und aus dem Medikamentenschränkchen kamen einige Fläschchen geflogen. „Bitte trinken Sie diese Tränke.“
Misstrauisch begutachtete Severus die Heiltränke. Schon auf den ersten Blick erkannte er, dass sie nicht seinen Qualitätsansprüchen genügten. Ihre Konsistenz war zu zähflüssig und die trübe Färbung war ein weiteres Zeichen dafür, dass der Brauer kein Meister auf seinem Gebiet gewesen war. Trotzdem entkorkte er die Fläschchen und stürzte deren Inhalt hinunter. Wenn er Granger finden wollte, musste er wieder zu Kräften kommen.

In der Zwischenzeit versorgte Serena seine Verletzung, von der nur noch eine feine Narbe zu sehen war. Mit kreisenden Bewegungen verteilte sie eine Heilsalbe darauf.
„Was kann ich noch für sie tun, Severus?“, hauchte sie und blickte ihm fest in die Augen.
„Nichts!“, knurrte Severus und rutschte von ihr weg, doch Serena machte einfach weiter.
„Vielleicht sollten Sie heute Nacht hierbleiben. Zur Beobachtung.“
„Sicher nicht. Ich fühle mich schon wesentlich besser. Außerdem ruft die Pflicht.“
Wie zur Bestätigung seiner Worte klopfte es an der Tür und Alvin steckte den Kopf ins Zimmer.
„Kann ich reinkommen? Severus, ich muss dringend mit dir sprechen.“
„Ich muss doch sehr bitten! Das hier ist ein Behandlungszimmer! Mr. Snape muss sich ausruhen!“, empörte sich Serena, doch die Todesser ignorierten ihren Einwand.

Alvin, der wie immer seinen blutroten Umhang trug, um alle daran zu erinnern, dass er der Leiter der magischen Polizeibrigade war, schloss die Tür hinter sich und musterte Severus besorgt.
„Alles in Ordnung?“
„Jaja“, antwortete er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Was ist so dringend?“
„Es geht um die Frau, die bei dir war.“
Severus‘ Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen. Die Angst um Granger ließ sein Herz schneller schlagen. „Was ist mit ihr? Habt ihr sie gefunden? Aua!“ Serena hatte ihn mit ihren langen Fingernägeln gekratzt.
„Pardon!“, fauchte sie. Warum sie ein beleidigtes Gesicht machte, interessierte Severus im Moment herzlich wenig.
„Nein, sie ist uns entwischt. Deshalb musst du uns ihren Namen sagen. Wir brauchen ihre Zeugenaussage.“
Die Tatsache, dass Granger nicht den Todessern in die Hände gefallen war, beruhigte Severus ungemein. Wahrscheinlich versteckte sie sich irgendwo und wartete bereits ungeduldig auf ihn. Oder die Rebellen… Nein, daran wollte er gar nicht denken.
„Habt ihr alles durchsucht?“, fragte er mit bemüht ruhiger Stimme.
„Ja, haben wir. Also, wie heißt sie?“
„Ich kenne ihren Namen nicht.“
„Wie?“
„Ich habe sie erst kurz vorher kennengelernt.“
„Und du bist mit ihr gleich in die Drei Besen gegangen?“
„Ja. Ist das so ungewöhnlich?“
Alvin kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Nein, ungewöhnlich nicht, aber sehr merkwürdig. Sie könnte es gewesen sein, die den Terroristen verraten hat, dass du in Hogsmeade bist.… Wir befragen gerade Madame Rosmerta, aber bis jetzt hat sie geleugnet, irgendwas mit dem Orden zu tun zu haben…“
„Sie hat sicherlich nichts damit zu tun.“
„Wieso bist du dir da so sicher? Wer wusste sonst noch, dass du in Hogsmeade bist?“
Severus zögerte. Zuerst hätte er „Niemand!“ antworten wollen, doch das stimmte nicht. Er hatte seine Mutter angelogen und behauptet, dass er nach Hogsmeade wolle. Und Weasley und Mrs. Cole hatten das ebenfalls gehört…
Duncan lachte dröhnend. „Da gabelt Severus einmal ein Weib auf und dann ist es eine Rebellin! Ich fass es nicht! Du Pechvogel! Und statt zum Schuss zu kommen, gehst du fast drauf!“
Alvin hatte zumindest so viel Anstand, seine Schadenfreude nicht ganz so offen zu zeigen. Das breite Grinsen hätte ihm Severus trotzdem gerne aus dem Gesicht gehext.
„Da meine Anwesenheit nicht länger von Nöten zu sein scheint, gehe ich jetzt“, verkündete Serena und stürmte hocherhobenen Hauptes aus dem Behandlungszimmer.
Verwundert blickte Alvin ihr hinterher. „Was hat die für ein Problem?“
„Die stört wohl, dass Severus mit einer Wildfremden auf ein Butterbier geht und nicht mit ihr.“
„Miss Selwyn interessiert mich nicht.“
„Weil du ein Idiot bist.“ Duncan blickte zu der Tür, durch die Serena vor wenigen Sekunden verschwunden war. „Was für eine Frau! Ich steh drauf, wenn sie so groß sind.“
„Du bist verheiratet“, erinnerte Alvin ihn.
Duncan tat so, als hätte er diese Erinnerung überhört oder ignorierte sie. „Beim nächsten Kampf werde ich mir ein oder zwei Flüche einfangen. Dann darf Heilerin Selwyn, alles mit mir machen, was sie will.“
„Hoffentlich fängst du dir einen Todesfluch, denn dann ersparst du dir den Ärger mit deiner Frau. Ich glaube nicht, dass Cat erfreut sein wird, wenn sie erfährt, dass du neuerdings auf Heilerspiele stehst“, höhnte Alvin und grinste.
„Halt die Fresse, Avery! Es kann nicht jeder eine Shafiq zu Hause haben… Halt, Severus! Wo willst du hin?“
Während die beiden sich unterhalten hatten, hatte Severus sich wieder angezogen. Seine Hand ruhte bereits auf der Klinke, als er sich widerwillig zu Duncan umdrehte. Er durfte keine Zeit verlieren. Entweder war Granger bereits wieder zu Hause und in Sicherheit oder sie versteckte sich irgendwo. So oder so – er musste sie schleunigst finden.
„Ich will noch mal zurück nach Hogsmeade. Ohne euch!“, fügte er hinzu, als Alvin den Mund aufmachte, und verließ das Behandlungszimmer.

***


Langsam kam Hermine wieder zu Bewusstsein. Ihr Schädel brummte. Die Erinnerungen an den Kampf und ihre Flucht kehrten zurück. Ängstlich schlug sie die Augen auf, doch alles um sie herum blieb schwarz. Man hatte ihr die Augen verbunden. Und sie gefesselt, denn sie konnte sich kaum bewegen.
Voller Panik kämpfte Hermine gegen ihre Fesseln an. Schnell erkannte sie jedoch, dass es sinnlos war und dass sich die Seile oder was auch immer nur tiefer in ihr Fleisch bohrten, umso heftiger sie daran zerrte. Sie war eine Gefangene. Fragte sich nur, von welcher Seite.
„Ah, sie ist wach.“
Hermine erstarrte. Wenn sie nicht alles täuschte, gehörte die Stimme dem schwarzhaarigen Widerstandskämpfer. Dann war sie also in den Händen der Rebellen gelandet. Die Erkenntnis beruhigte sie ein wenig. Hätten die Todesser sie geschnappt, wäre das bestimmt ihr Ende gewesen.

Die Augenbinde verschwand. Ein grelles Licht blendete sie. Hermine kniff sofort die Augen zusammen und drehte den Kopf weg. Auf der Innenseite ihrer geschlossenen Lider tanzten für einen Moment noch die grellen Lichtpunkte. Als sie vorsichtig zwischen ihren Wimpern hindurchblinzelte, war das helle Licht verschwunden und dem sanften Schein einiger schwebender Kerzen gewichen. Es dauerte trotzdem einen Moment, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Ihr Blick war von den Tränen leicht verschwommen, während sie sich vorsichtig umsah. Der kahle, dunkle Raum lieferte ihr keine Anhaltspunkte, wo sie sich befand. Eine Tür oder Fenster konnte sie nirgendwo erkennen. Direkt ihr gegenüber saß der schwarzhaarige Rebell verkehrt auf einem Sessel. Den Zauberstab hielt er locker in der Hand. Er hatte das Kinn in die Hand gestützt und beobachtete Hermine mit einem leichten Grinsen. Unter anderen Umständen hätte Hermine ihn vielleicht sogar attraktiv gefunden, aber im Moment machte er ihr einfach nur Angst.
„Bitte, Herr, ich habe nichts getan… Lasst mich gehen…“, flehte sie mit zittriger Stimme.
„Das habe nicht ich zu entscheiden, Schätzchen. Aber wenn du kooperierst und alle Fragen wahrheitsgetreu beantwortest, stehen deine Chancen nicht schlecht, dass wir dich bald wieder laufen lassen.“
Hermine nickte langsam. Sie hatte ohnehin keine andere Wahl.
„Beginnen wir mit einer einfachen Frage. Wie heißt du?“
„Hermine Granger, Herr.“
Er runzelte die Stirn. „Spar dir dieses unterwürfige ⸴Herr‘… Wen willst du damit beeindrucken? Die Masche zieht bei mir nicht. Verstanden?“
„Ja, He- … Sir.“
„Granger“, wiederholte er nachdenklich. „Der Name sagt mir nichts. Dir, Moony?“ Er wandte den Kopf und erst jetzt bemerkte Hermine den Mann, der hinter ihm im Schatten stand.
„Nein. Ich kenne keinen Todesser, der so heißt. Wahrscheinlich irgendwelche Reinblüter, die sich im Dienst für den Dunklen Lord hochgearbeitet haben.“
Reinblüter? Hermine blickte die Männer verwirrt an.
„Ich bin keine Reinblüterin.“
Der Schwarzhaarige lachte. „Ja klar, Schätzchen.“
Hermine sah ihn irritiert an. Warum glaubte er ihr nicht? Als sie unruhig auf dem unbequemen Holzstuhl hin und her rutschte, fiel ihr Blick auf das smaragdgrüne Kleid, das sie noch immer trug. Deshalb glaubten sie ihr nicht.
„Ich bin keine Reinblüterin, ich bin nur ein Muggel.“
Der Schwarzhaarige seufzte und kratzte sich mit dem Zauberstab am Kopf. „Dein Kleid sagt was anderes…“ Erst jetzt fiel Hermine auf, dass es ihr neuer Zauberstab war, den er in Händen hielt. Dieser gemeine Dieb!
„Das ist mein Zauberstab!“
Er grinste. „Ich dachte, du bist nur ein Muggel?“
„Ich bin eine muggelstämmige Hexe und ich will meinen Zauberstab zurück!“
Bestimmt um sie zu ärgern, begutachtete er den Stab ausführlich und ignorierte ihre Forderung. „Ein schönes Stück. Sieht aus wie neu.“
„Er ist auch neu. Ich habe ihn heute erst bekommen.“
„Aber nur reinblütige Hexen dürfen einen Zauberstab besitzen. Also…“
„Nur weil ich ein smaragdgrünes Kleid trage, bin ich noch lange keine Reinblüterin!“
„Da hat sie Recht, Tatze“, meldete sich der Mann im Schatten zu Wort.
„Aber sie war mit Schniefelus unterwegs. Der Hand des Dunklen Lords. Irgendetwas ist hier faul.“
„Bitte, ich kann beweisen, dass ich keine Reinblüterin bin. Ich trage das Zeichen. Ich bin eine unfreie Muggel.“
Tatze stieß ein bellendes Lachen aus. „Was bist du noch alles, Schätzchen? Muggel, Hexe, Dienstmädchen? Todesserin vielleicht auch noch?“

Der Mann namens Moony löste sich aus dem Schatten. Graue Strähnen durchzogen sein hellbraunes Haar. Die tiefen Narben auf seinem Gesicht wirkten im Schein der Kerzen besonders bedrohlich. Unwillkürlich zuckte Hermine vor ihm zurück.
„Hab keine Angst. Ich werde dir nicht weh tun“, sagte er mit sanfter Stimme. Er löste zuerst die Fessel von Hermines linker Hand, knöpfte ihren Ärmel auf und schob den Stoff nach oben.
„Todesserin ist sie schon mal keine…“, stellte er mit einem Blick auf ihren nackten Unterarm trocken fest. Er erneuerte die Fesseln um ihr linkes Handgelenk und wiederholte die Prozedur auf der rechten Seite. Die Überraschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, als er das eingebrannte M auf ihrem Unterarm entdeckte. Stirnrunzelnd betrachtete er das Zeichen, tippte sogar mit seinem Zauberstab dagegen, was Hermine ein schmerzhaftes Keuchen entlockte.
„Das solltest du dir ansehen…“
Tatze betrachtete das Mal ebenfalls. Er stieß einen leisen Pfiff durch seine Zähne aus und tauschte einen verdutzten Blick mit Moony.
„Also, auf diese Story bin ich echt schon gespannt.“ Er setzte er sich wieder verkehrt auf den Sessel und sah Hermine erwartungsvoll an.
„Könnte ich… könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?“, fragte sie, um Zeit zu schinden. Sie musste ihre nächsten Worte sorgfältig wählen. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass es nicht ratsam wäre, die beiden Zauberer anzulügen. Nichtsdestotrotz wollte sie Snape nicht in Schwierigkeiten bringen.

Hermines Hand zitterte leicht, als sie das Glas von Moony entgegennahm. Ein paar Wassertropfen fielen auf ihr Kleid, doch es kümmerte sie nicht. Wasserflecken auf ihrer Kleidung waren im Moment ihr geringstes Problem. Nachdem sie ein paar Schlucke gemacht hatte, nahm er ihr das Glas wieder ab. Vermutlich wollten sie ihr keine potenzielle Waffe in die Hand drücken, aber immerhin erneuerte er ihre Fessel nicht.

Jedes Wort sorgfältig abwiegend begann Hermine zu erzählen. Sie berichtete, wie sie zu einem Dienstmädchen geworden und schließlich bei Snape gelandet war. Sie blickte hinunter auf ihre löchrigen Strümpfe, als sie davon erzählte, dass Snape ihr magisches Talent entdeckt hatte. Die genaueren Umstände erwähnte sie nicht, außerdem verschwieg sie, dass Snape den Widerstand mit Tränken versorgte. In den falschen Händen würde diese Information Snape in große Schwierigkeiten bringen.
„Und weil heute mein Geburtstag ist, wollte Meister Snape mir ein besonderes Geschenk machen und hat mich in die Winkelgasse mitgenommen, um mir einen Zauberstab zu kaufen.“
„Und dann habt ihr noch gemütlich ein Butterbier in den Drei Besen getrunken“, ergänzte Tatze. „Meister Schniefelus und du.“
Hermine nickte. „Ja, so war es…“
Tatze legte den Kopf schief. „Irgendwas verheimlichst du uns doch.“
„Nein! Ich sage die Wahrheit!“ Hermine erwiderte den Blick seiner grauen Augen und hoffte innständig, dass er ihre Lügen nicht so schnell wie Snape durchschauen konnte.  
„So ein fetthaariger Schleimbeutel wie Schniefelus kauft einer muggelstämmigen Hexe doch keinen Zauberstab, ohne irgendwas damit zu bezwecken.“
„Er… er war immer sehr freundlich zu mir“, log sie und verdrängte dabei seine Drohungen, seinen Spott und die Tatsache, dass er ihre Erinnerungen manipuliert und sie sogar einmal gefoltert hatte.
Moony räusperte sich. „Nun, er wäre nicht der erste Todesser, der an seinen Dienstmädchen Gefallen findet…“
Empört öffnete Hermine den Mund. „So ist er nicht! Ich glaube nicht einmal, dass er mich wirklich mag. Er findet mich lästig. Ich bin ihm viel zu neugierig. Und viel zu vorlaut.“
„Und trotzdem kauft er dir einen Zauberstab?“
„Ja, weil er bemerkt hat, dass ich gut–“ Sie verstummte und biss sich auf die Zunge. Beinahe hätte sie sich verplappert.
„Gut was?“
„Ich kann gut putzen.“

Tatze und Moony wechselten einen vielsagenden Blick. „Na schön, Hermine. Bis du bereit bist, uns die Wahrheit zu sagen, bleibst du unser Gast.“
„Was? Nein! Bitte, lassen Sie mich gehen! Ich habe doch nichts gemacht!“
„Das haben nicht wir zu entscheiden. Außer, du möchtest uns noch etwas erzählen…?“
Hermine biss sich auf die Lippen. „Nein, ich will einfach nur nach Hause.“
Moony betrachtete sie nachdenklich. „Nach Hause? Zu Snape?“
Sie nickte.
Tatze tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe, Moony schüttelte langsam den Kopf. „Nein, ich denke eher, dass sie unter einem Imperius-Fluch steht.“
„Ich stehe unter keinem Fluch!“
„Das würde jemand, der unter einem Imperius-Fluch steht, auch behaupten, Schätzchen.“
„Bitte, lassen Sie mich gehen“, flehte Hermine noch einmal.
Mit einem Grinsen löste Tatze ihre Fesseln. „Komm, wir zeigen dir das Gästezimmer.“

Moony ging voran. Hermine folgte ihm widerwillig hinaus auf den schwach beleuchteten Flur. Oder war das etwa ein Tunnel? Verwirrt blickte sich um. Der röhrenförmige Gang mit den groben Steinwänden ließ keinen Zweifel daran. Sie mussten sich tief unter der Erde befinden. Hermines Puls raste. Sie hatte das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein und konnte sich dennoch nicht daran erinnern.
„Geh weiter.“ Tatze bohrte ihr die Spitze seines Zauberstabs in den Rücken. Meines Zauberstabs, dachte ich sie verärgert.
„Wo sind wir hier?“, fragte Hermine.
Die Männer antworteten nicht, sondern führten sie weiter. Die schwüle Luft und der süßliche Geruch der Fäulnis nahmen zu. Bei jedem Schritt stachen Hermine die spitzen Steine zwischen den alten Gleisen in die bloßen Fußsohlen, doch sie achtete kaum darauf. Ihre Gedanken drehten sich einzig und allein um die Frage, ob dieses Déjà-vu auf einer realen Begebenheit basierte oder ob ihr ihre Fantasie einen Streich spielte.
„Wo sind wir hier?“, fragte sie erneut.
Wieder schwiegen die Männer.
Einzelne, verschwommene Bilder tauchten in Hermines Erinnerung auf: Der Blick durch eine runde Öffnung hinauf auf den Sternenhimmel. Ratten. Ein Mann mit blondem Haar – unbekannt und doch so vertraut. Eine verzweifelte Frau mit einem Baby auf dem Arm. Die Botschaft „Яise!“ an den Wänden…

Nein, das waren kleine Traumbilder oder Fantasiegespinste. Das waren Bruchstücke jener Erinnerung, die Snape ihr genommen hatte! Hermine dachte angestrengt nach, versuchte, sich noch an mehr davon zu erinnern. Doch umso mehr sie sich konzentrierte, umso schneller verblassten die Bilder. Ihr Blick war starr auf die Gleise zu ihren Füßen gerichtet. Bahngleise. Nein, alte U-Bahn-Gleise. Das Bild eines abgeblätterten Email-Schilds in einer verlassenen U-Bahn-Station erschien vor ihrem geistigen Auge.
„King William Street“, murmelte Hermine.
„Was hast du gesagt?“, fragte Tatze scharf.
„Ni-nichts.“
Tatze hatte sie so schnell gepackt und gegen die Mauer gedrückt, dass Hermine kaum Zeit gehabt hatte, sich zu wehren. Schmerzhaft drückte er ihr den Zauberstab gegen die Kehle.
„Wiederhole, was du gesagt hast!“, zischte er.
„Tatze! Was soll das?“
Angsterfüllt blickte Hermine in die grauen Augen, die sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Verachtung anstarrten.
„Snapes Spielzeug weiß mehr, als sie uns verraten will. Wiederhole, was du gesagt hast, oder ich schwöre bei Merlin, dass ich dich zum Sprechen bringen werde!“
„Ki-king W-william S-street.“
„Woher kennst du diesen Namen?“ Nun war auch aus Moonys Gesicht alle Freundlichkeit verschwunden.
„I-ich war schon mal hier. Mit – mit einem Freund… Adam.“
„Wovon sprichst du?“
„Wir sind in der Kanalisation, im Untergrund… unter London, nicht wahr? Hier leben Muggel.“
„Richtig, aber woher weißt du das? Woher weiß ausgerechnet Snapes Dienstmädchen das?“, herrschte er sie an.
Sie ging auf seine Frage nicht ein. „Wir müssen sofort von hier verschwinden! Morgen werden die Todesser angreifen und alle töten, die sich im Untergrund befinden! Niemand wird das überleben!“

--------------------------

Das Kapitel ist ziemlich lang geworden. Ich wollte aber noch aufklären, dass Hermine bei den Rebellen gelandet ist, deshalb war diese Szene noch in diesem Kapitel enthalten. Diesmal wollte ich euch nicht ganz so schlimm auf die Folter spannen ;-)
Mein Dank gilt wie immer meiner Betaleserin Marginalie!

Liebe Grüße
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast