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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
23.06.2022
45
191.509
111
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
22.08.2021 1.469
 
Kapitel 2: Ihre einzige Hoffnung


Sie hätte gedacht, dass sie sich eines Tages daran gewöhnen würde: An die Schmerzen, die Erniedrigungen und den Platz, den ihr das Schicksal zugewiesen hatte.
Nein, nicht das Schicksal. Die Zauberer.
Sie verachtete die Zauberstabträger zutiefst. Nur, weil sie Magie im Blut hatten, hielten sie sich für etwas Besseres. Dabei waren sie nichts weiter als verabscheuungswürdige Sadisten. „Traue niemals einem Zauberer!“ hatten ihre Eltern immer gesagt. Sie hatten Recht behalten.

Mit letzter Kraft kroch die Muggelfrau hinter den Verkaufstresen und lehnte sich mit den Rücken gegen das Holz. Der Cruciatus-Fluch war auch so eine Sache, an die man sich nicht gewöhnen konnte. Die Schmerzen waren jedes Mal aufs Neue schier unerträglich. Vorsichtig atmete die Frau tief ein. Ein Stechen in ihrer Brust verriet ihr, dass Borgin ihr mit seinem Tritt vermutlich eine Rippe angeknackst hatte. Mal wieder. Ins Gesicht hatte er sie noch nie geschlagen, das wäre vermutlich schlecht fürs Geschäft. Niemand kaufte beschädigte Ware.

Doch das wäre jetzt auch schon egal. Sie zweifelte nicht daran, dass er seine Drohung wahrmachen und sie an die Singende Sirene verkaufen würde. Dafür kannte sie Borgin zu gut. Er hielt sein Wort. Das war das einzig Positive, das man über diesen Zauberer sagen konnte.
Trotzdem musste sie irgendwie versuchen, ihn umzustimmen. Sie wollte dort nicht hin, lieber würde sie in einer der Fabriken arbeiten. Oder in den sogenannten Kolonien. Irgendwo, Hauptsache, nicht in der Sirene. Sie musste nur noch zwei Jahre durchhalten und dann wäre sie wieder frei. Zwei Jahre und dann wären die Schulden endlich abgearbeitet. Zwei Jahre und sie würde ihre Familie wiedersehen. Aber zwei Jahre in der Sirene würde sie nicht überstehen.
Sie könnte auch versuchen zu fliehen. Aber wenn man sie schnappen würde, was sogar ziemlich sicher der Fall wäre, würde man sie an der Mauer aufknüpfen. Sie wäre dann eine weitere Leiche, die alle daran erinnern sollte, dass es kein Entrinnen gab. Zumindest wäre dieses Ende weniger schrecklich als alles, was sie bisher über die Sirene gehört hatte.

Während sie über die ihr verbleibenden Optionen nachdachte, kam sie nicht umhin, das Gespräch zwischen Borgin und dem Kunden zu belauschen.
Borgins Tonfall war noch schleimiger als sonst, wenn er mit einem Kunden sprach. „Es ist mir eine Ehre, Sir, eine außerordentliche Ehre! Womit kann ich Euch dienen?“
„Ich suche einen Gehilfen, vorzugsweise männlich, mit magischem Blut. Lesen sollte er können. Ich brauche ihn für Botengänge und einfache Besorgungen. Außerdem sollte er mir beim Brauen von Zaubertränken zur Hand gehen können. Haben Sie so jemanden?“ Die Stimme des Kunden klang kalt. Er sprach leise, aber trotzdem verstand man jedes Wort.
„Selbstverständlich, Sir! Ich habe erst gestern eine neue Lieferung erhalten. Ein Reinblüter, ausgebildet in Hogwarts. Kaum 19 Jahre alt.“
„Ein Reinblüter sogar?“
„Ja, Sir. Aus einer Blutsverräter-Familie.“
„Verstehe. Nun gut, ich möchte ihn sehen.“
„Selbstverständlich, Sir! Sofort! Ich werde ihn sofort für Sie holen, Sir. Währenddessen können Sie noch einen Blick in mein reichhaltiges Angebot werfen. Vielleicht haben Sie ja Bedarf an weiterem Personal. Alles erstklassige Ware.“

Die Frau konnte hören, wie Borgin den schweren Katalog auf den Tresen legte, um dem Kunden sein umfangreiches Sortiment zu präsentieren. Irgendwo darin war auch ein Blatt mit ihrem Namen und ihrem Foto. Er hatte es aufgenommen, kurz nachdem sie ihre Familie hatte verlassen müssen. Als sie noch gedacht hatte, dass sie in wenigen Monaten die Schulden abgearbeitet hätte und zu ihren Eltern zurückkehren könnte.

„Ich benötige kein weiteres Personal. Nur einen Gehilfen.“
„Jawohl, Sir, selbstverständlich. Ich bin sofort wieder zurück. Einen winzigen Augenblick Geduld, Sir.“
Borgin hastete davon. Wenn er so übertrieben freundlich mit Kunden sprach, hoffte er wahrscheinlich auf ein gutes Geschäft.

Vorsichtig reckte die Muggel den Kopf und versuchte einen Blick auf den Kunden zu werfen. Er hatte schulterlanges schwarzes Haar, ein schmales, blasses Gesicht und eine sehr große Hakennase. Seine dunklen Augen huschten gelangweilt über die Bilder im Katalog. Wahrscheinlich blätterte er ihn nur durch, um sich die Wartezeit zu vertreiben.
Seiner schwarzen Kleidung nach zu urteilen, gehörte er zur Oberschicht. Nur die wichtigsten und reichsten Zauberer trugen diese schwarzen Umhänge.
Als hätte er ihr neugieriges Starren bemerkt, hielt er kurz inne und legte den Kopf schief. Flüchtig streifte sie sein Blick, nur um im nächsten Augenblick schon wieder im Katalog zu blättern.

Die Frau hatte einen Entschluss gefasst. Die Idee war zwar hirnrissig und gefährlich, jedoch musste sie dieses Risiko eingehen, wenn sie nicht in der Sirene enden wollte.
„Ich kann lesen, Herr.“ Sie sprach mit leiser Stimme, denn Borgin durfte unter keinen Umständen etwas von diesem Gespräch mitbekommen.
Der schwarzhaarige Zauberer reagierte nicht. Stattdessen betrachtete er ein Foto eingehender, bevor er die Seite umblätterte.
Sie räusperte sich und wagte es, ein wenig die Stimme zu heben. „Ich kann lesen.“
Wieder ließ sich der Zauberer nicht anmerken, ob er sie überhaupt gehört hatte.
„Ihr sucht doch jemanden, der lesen kann, Herr. Ich kann es.“
Ohne von dem Katalog aufzuschauen, sagte er: „Du lügst.“
„Ich lüge nicht.“
„Du bist doch nur ein Muggel…“
Sie verzog das Gesicht. War ihr das so deutlich anzusehen? Oder hatte er das eingebrannte „M“ auf ihrem Handgelenk gesehen, das sie als unfreien Muggel kennzeichnete? Schnell zog sie den Ärmel darüber.
Ihre Reaktion entlockte ihm ein abfälliges Schnauben. „Weißt du, wie Lügen bei Muggeln bestraft werden?“
Selbstverständlich wusste sie das. Jeder Muggelgeborene kannte die sadistischen, menschenverachtenden Strafen, die die Hand des Dunklen Lords eingeführt hatte. Manche behaupteten, dass dieser Mann grausamer als Du-weißt-schon-wer selbst wäre.
Sie schluckte. „Man schneidet ihnen die Zunge heraus.“
„Richtig.“
Damit schien für den Zauberer das Gespräch beendet zu sein, doch so schnell gab sie nicht auf.
„Ich kann wirklich lesen“, beharrte sie.
„Muggeln ist es aber nicht erlaubt, das Lesen zu erlernen. Wer hat es dir beigebracht?“
Sie zögerte, denn sie durfte ihren Vater nicht in noch größere Schwierigkeiten bringen. „Niemand. Ich habe es mir selbst beigebracht.“
„Kennst du auch die Strafe, die auf dieses Verbrechen steht?“
„Man schneidet ihnen einen Finger ab“, murmelte sie kleinlaut.
„Also, was willst du verlieren? Einen Finger oder deine Zunge?“
Sie antwortete nicht. Es wäre besser gewesen, wenn sie den Mund gehalten hätte.

Der Zauberer betrachtete sie mit einem bösartigen Grinsen auf seinen dünnen Lippen. Er blätterte im Katalog zurück, nahm ein Blatt heraus und ging zu ihr.
„Lies mir das vor“, forderte er.
Er schüchterte sie ein, als er vor ihr stand und hämisch auf sie herabblickte. Würde er sie für ihre vorlaute Art bestrafen? Bei einem Zauberer musste man immer mit dem Schlimmsten rechnen.

Sie streckte ihre zitternde Hand aus und nahm das Blatt entgegen. Es wäre ihr beinahe aus der Hand geglitten, als sie das Foto darauf erkannt hatte. Das war sie selbst! Sie konnte den Anblick jedoch kaum ertragen. Mit dem jungen Mädchen auf dem Foto hatte sie nichts mehr gemein. Ihre Wangen waren in den letzten Jahren hohl geworden, ihre Haare noch widerspenstiger. Wenn sie jetzt in den Spiegel blickte, starrte ihr ein Geist entgegen. Das Mädchen auf dem Foto hingegen hatte noch Träume und Ziele gehabt. Damals war sie dumm gewesen, weil sie gedacht hatte, dass diese Welt etwas anderes als Erniedrigungen und Schmerzen für eine Muggel wie sie bereithalten würde.
„Wenn du angeblich lesen kannst, dann beweise es… Lies!“
Vor lauter Angst verschwamm ihr Blick und die Buchstaben tanzten auf dem Pergament. Stockend begann sie vorzulesen: „Her-hermine Jean Granger… ge-geboren am 19. September 1979… Blu-blutstatus: Muggel… Eltern: Muggel… Beruf: Muggel-Heiler (Zähne), später Fa-fabrik-fabrikarbeiter…“

Hermine schaute zu dem Zauberer hoch, der sich nicht anmerken ließ, was er dachte.
„Lies das vor, was am Rand steht. Was Borgin ergänzt hat.“
Die Handschrift war schwierig zu entziffern. „Cha-Charakter-eigen…scha-schaften: Wi-widerspenstig, frech, vorlaut…“ Mit jedem Wort war sie leiser geworden, bis sie schließlich verstummt war.

Der Zauberer nahm ihr das Blatt aus der Hand und gab es in den Katalog zurück.
„Ein Muggel kann mir beim Zaubertrankbrauen nicht assistieren.“
Hermine nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Bitte… Er will mich an die Sirene verkaufen.“
Der Zauberer reagierte nicht auf ihre Worte oder ignorierte sie absichtlich. „Deine Zunge kannst du behalten. Aber ob du wirklich zehn Finger brauchst, muss ich mir noch überlegen.“

Voller Verzweiflung schloss Hermine die Augen. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Hatte sie wirklich gedacht, dass dieser Zauberer ihr helfen würde? Mit etwas Glück würde er Borgin nichts von diesem Gespräch oder ihrem kleinen Geheimnis erzählen. Aber sonst hatte sie keine Hilfe von ihm zu erwarten.
Borgin kam zurück. „Es ist nun alles bereit, Sir. Bitte folgen Sie mir, Sir.“

Die Zauberer ließen Hermine allein zurück. Sie machten sich nicht einmal die Mühe, die Tür abzusperren oder sie sonst irgendwie an einer Flucht zu hindern, denn jeder wusste, dass es keinen Ort gab, an den sie sich retten konnte. Weil sie nirgendwo in Sicherheit wäre.
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