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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
19.05.2022
40
167.616
102
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Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.12.2021 4.331
 
Kapitel 19: Eine letzte gute Tat

Das vom Regen noch feuchte Kopfsteinpflaster in der Winkelgasse schimmerte rötlich im Licht der untergehenden Sonne. Die hell erleuchteten Schaufenster zogen Hermines Blick magisch an. Sie lief Snape hinterher, wandte den Kopf ständig von links nach rechts und wünschte sich ein zusätzliches Augenpaar, um alles sehen zu können, was es in der Einkaufsstraße der Zauberer zu bestaunen gab: Selbstumrührende Kessel, die unterschiedlichsten Zaubertrankzutaten und Bücher! So viele Bücher!
In der Auslage von Qualität für Quidditch schwebte ein Rennbesen. Es war das neueste Modell, wie das Schild über dem Besen verkündete. Selbst Hermine, die sich absolut nicht für den Lieblingssport der Zauberer und noch weniger für Besen interessierte, fand an dem glänzenden, elegant geschwungenen Stiel und dem makellosen Reisigschweif Gefallen. Für einen Moment stellte sie sich sogar vor, wie es herrlich es wäre, damit über das abendliche London zu fliegen. Das Preisschild neben dem Rennbesen holte sie jedoch sofort in die bittere Realität zurück. Niemals würde sie sich so einen Besen leisten können. Nicht mal einen Reisigzweig davon.
Der Gebrauchtwarenladen auf der anderen Straßenseite würde eher ihrem bescheidenen Budget entsprechen, doch auch an diesem Geschäft ging Snape schnurstracks vorbei. Hermine versuchte mit ihm Schritt zu halten, was ihr in den unbequemen Stöckelschuhen aber äußerst schwerfiel.

Gedämpftes Eulengeschrei drang aus einem dunklen Laden und weckte Hermines Neugierde. Sie war von den vielen Eulen in der Auslage von Eeylops Eulenkaufhaus derartig gebannt, dass sie nicht weiter auf den Weg achtete und in einen älteren Zauberer hineinlief.
„Vorsicht, mein junges Fräulein“, tadelte er sie lächelnd und schien ihr den Zusammenstoß nicht übel zu nehmen.
„Verzeiht mir, Herr“, antwortete sie sofort und senkte den Blick.
Der ältere Zauberer runzelte die Stirn. Die Anrede hatte ihn stutzig gemacht.
Bevor er noch etwas sagen konnte, griff Snape ein. „Verzeihen Sie, Sir. Sie ist ein Gast aus dem Ausland und kennt unsere Gepflogenheiten noch nicht.“
Als der weißhaarige Zauberer Snape erkannte, nahm er schnell seinen dunkelblauen Spitzhut vom Kopf und verneigte sich. „Mr. Snape, es ist mir eine Ehre.“
Snape ruckte genervt mit dem Kopf.
„Ich hätte auch besser auf den Weg achten müssen“, meinte der Zauberer lächelnd. „Ich hoffe, dem jungen Fräulein ist nichts passiert?“
Hermine schüttelte den Kopf und presste die Lippen fest aufeinander, damit ihr nicht noch eine unbedachte Äußerung entwischte.
„Dann wünsche ich Ihnen noch einen angenehmen Abend.“ Wieder verbeugte sich der Zauberer. „Und ich muss Sie für Ihre Aussprache loben, wertes Fräulein. Ich habe Ihnen gar nicht angehört, dass Sie eine Ausländerin sind.“
Hermine versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht. Zu ihrer Erleichterung setzte der ältere Zauberer seinen Weg rasch fort, warf ihnen dabei aber noch den ein oder anderen neugierigen Blick über die Schulter zu.

Hermine schaute zu Snape, der sich um eine neutrale Miene bemühte, aber seine schwarzen Augen erdolchten sie förmlich.
„Noch mehr Aufsehen hättest du nicht erregen können“, zischte er.
„Es tut mir leid.“
„Das sollte es auch!“

Mit den hohen Absätzen glich jeder nasse Pflasterstein für Hermine einer Stolperfalle. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und schwankte bedrohlich, als ob sie betrunken wäre. Snape, der nun neben ihr ging, um sie besser im Blick behalten zu können, seufzte genervt und bot ihr seinen Arm an. Sie hakte sich bei ihm unter.
„Schultern nach hinten, Kopf nach oben“, flüsterte er. „Nicht vergessen, du bist eine stolze Reinblüterin.“
Hermine nickte und versuchte das berücksichtigen, was Snape ihr sagte, obwohl es genau das Gegenteil von dem war, wonach ihr der Sinn stand. Am liebsten hätte sie sich die Kapuze ihres Umhangs tief ins Gesicht gezogen und wäre mit gesenktem Blick an den einkaufenden Hexen und Zauberern möglichst unauffällig vorbeimarschiert.
Bestimmten spielten ihr ihre flatternden Nerven nur einen Streich, denn sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihnen die anderen Besucherinnen und Besucher der Winkelgasse neugierige Blicke zuwarfen. Möglicherweise war Snapes schwarzer Umhang schuld daran, der sich deutlich von den smaragdgrünen und dunkelblauen der übrigen Passanten abhob.

Hermine fühlte sich von Minute zu Minute unwohler. Sie hatte Angst, dass man sie entdeckte. Wenn ihr Umhang wieder seine graue Farbe annehmen würde oder der Zauber auf ihrer weißen Haarsträhne nachließe, dann wäre es um sie geschehen. Ängstlich drängte sie sich näher an Snape.
„Keine Sorge“, murmelte er. „Sie starren in erster Linie mich an. Ich bin schließlich die Hand des Dunklen Lords. Und dann erst fragen sie sich, wer die hübsche Hexe an meiner Seite ist.“
Hermine blickte Snape verdattert an. Hatte er ihr eben indirekt ein Kompliment gemacht oder war das nur ein gemeiner Scherz? Bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, hatten sie ihr Ziel erreicht. Sie hielten vor einer staubigen Auslage an, in der auf einem purpurroten Kissen ein Zauberstab lag.
Das Ladenschild verkündete stolz in abblätternden goldfarbenen Buchstaben, dass der Laden seit dem Jahr 382 v. Chr. beste Zauberstäbe aus eigener Herstellung anbot.
Hermines Finger krallten sich in Snapes Arm. Bedeutete das etwa…?
Snape schmunzelte. „Das ist der Grund unseres Ausflugs. Komm.“

Zwei monströse Gestalten mit fahlgrauer Haut flankierten die Eingangstür. Hermine versuchte sie nicht anzustarren, denn sie hatte gelesen, dass Trolle das nicht mochten, dennoch fiel es ihr schwer, den Blick von ihren unförmigen Körpern und vor allem von den gewaltigen Keulen in ihren Pranken abzuwenden. Mit ihren dunklen Augen musterten sie Hermine und Snape argwöhnisch.
„Die tun uns nichts. Das sind Sicherheitstrolle. Sie sollen die Rebellen vor weiteren Raubüberfällen abhalten“, erklärte Snape.
Er öffnete die Tür und das helle Läuten eines kleinen Glöckchens ertönte. Mit pochenden Herzen und mit wackeligen Schritten betrat Hermine den ziemlich dunklen Innenraum. Alles darin wirkte sehr alt, eng und karg. Die einzigen Einrichtungsgegenstände waren ein storchenbeiniger Stuhl und dutzende von Regalen an den Wänden, die vom Boden bis zur Decke mit länglichen Schachteln gefüllt waren. Nervös sah Hermine sich um.
„Guten Abend!“, wünschte eine sanfte Stimme und ein noch recht junger Zauberer kam zwischen den Regalen hervor. Das blonde Haar stand in alle Richtungen ab. Mit seinen großen blasssilbernen Augen musterte der Zauberer seine Kundschaft aufmerksam. Seine Augen weiteten sich, als er Snape erkannte.
„Guten Abend, Mr. Ollivander. Ich möchte einen Zauberstab kaufen.“
„Nun, da sind Sie bei mir genau richtig. Sind Sie mit dem alten nicht mehr zufrieden, Sir?“
„Doch, doch.“ Snape holte seinen Stab hervor. „Den hat noch Ihr Vater gemacht. Er funktioniert tadellos.“
Mr. Ollivander kniff die Augen zusammen. „Schwarznuss, 11 Zoll, Drachenherzfaser?“
„Korrekt.“
„Und nun möchten Sie einen zweiten?“
„Nein, nicht für mich. Für diese junge Dame hier.“
Mr. Ollivander deutete eine Verbeugung an. „Dürfte ich Ihren Zauberstab kurz sehen, Miss?“
Hermine blickte erschrocken zu Snape, der jedoch lächelte.
„Zeig ihm ruhig deinen Zauberstab“, meinte er sanft. „In ihrer Familie war es Brauch, den Zauberstab weiterzugeben… Aber sehen Sie selbst.“
Mit zitternden Händen holte Hermine ihren kurzen Zauberstab hervor. Sie gab ihn nur ungern aus der Hand. Ein letztes Mal streichelte sie zärtlich darüber. Obwohl er an manchen Stellen bereits so kaputt und abgegriffen war, dass sie sich einen Schiefer eingezogen hatte, war er doch ihr größter Schatz.
„Tannenholz, 7 Zoll und… du meine Güte, Kelpie-Haar!“ Mr. Ollivander verzog das Gesicht und betrachtete den Zauberstab voller Verachtung. „Ein ausgesprochen minderwertiges Produkt. Kein echter Ollivander. Haben Sie damit überhaupt jemals einen anständigen Zauber hervorgebracht?“
Hermine zuckte mit den Achseln.
„Nun, da finden wir etwas Besseres für Sie.“ Ollivander schnippte mit den Fingern und ein Maßband flog auf Hermine zu und begann alles Mögliche an ihr auszumessen. Selbst der Abstand zwischen ihren Ohren und die Länge und Breite ihrer Augenbrauen wurde vermessen.
Ollivander schnippte erneut. Das Maßband rollte sich zusammen und flog an seinen angestammten Platz zurück. Danach drückte er Hermine den ersten Zauberstab in die Hand, den sie durch die Luft schwingen sollte. Sie blickte verunsichert zu Snape. Was, wenn der Zauberstab nicht funktionieren würde? Was, wenn der Zauberstab einer muggelstämmigen Hexe nicht gehorchte?
„Na los, probier ihn aus“, meinte Snape.
Hermines Herz raste, als sie den ersten Zauberstab durch die Luft schwang und sich ihre schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten schienen. Nichts geschah.
„Mhm… Dachte ich mir schon. Probieren Sie den hier.“ Ollivander drückte ihr den nächsten Stab in die Hand, der ihr einen elektrischen Schlag versetzte.
„Aua!“ Hermine zog scharf die Luft ein. Hilfesuchend blickte sie zu Snape, der vergnügt grinste.
„Oh, das war eindeutig die falsche Wahl. Aber ich glaube, dieser hier könnte zu Ihnen passen.“
Mit spitzen Fingern nahm Hermine den eleganten Stab aus der Schachtel. Sofort breitete sich ein angenehm warmes Gefühl in ihren Fingern aus. Ein Kribbeln durchströmte ihren gesamten Körper.
„Aaaah“, machte Ollivander und strahlte über das ganze Gesicht. „Weinrebe, fast 11 Zoll lang mit einem Kern aus Drachenherzfasern.“
„Er ist wunderschön“, hauchte Hermine überwältigt.
„Ja, in der Tat. Und mächtig noch dazu.“
„Danke“, sagte Hermine an Snape gewandt. Mehr Worte brachte sie nicht heraus. Sie versuchte, die Tränen aus ihren Augenwinkeln wegzublinzeln. Snape nickte und schenkte ihr ein bei ihm seltenes Lächeln.
„Nun, das macht dann zweihundert Galleonen, Sir.“
Angesichts dieses enormen Preises erschrak Hermine, doch Snape nannte mit gleichgültiger Miene die Nummer seines Verlieses bei Gringotts.

Draußen vor dem Geschäft konnte Hermine sich nicht länger zurückhalten. Sie fiel Snape um den Hals. „Danke, danke, danke!“ Sie ließ ihn aber sofort wieder los, als ihr bewusst wurde, wen sie da eigentlich soeben umarmt hatte.
„Jetzt ist es aber genug, Granger!“ Er vergrößerte sofort den Abstand zwischen ihnen.
„Entschuldigung.“
„Schon gut. Lass uns zurückgehen.“
„Das ist da beste Geburtstagsgeschenk“, flüsterte sie aufgeregt. Sie hakte sich wieder bei Snape ein. Ihre andere Hand hielt den Zauberstab in der Tasche ihres Umhangs umklammert. Sie konnte es kaum erwarten, ihn auszuprobieren.
„Du hast heute Geburtstag?“, fragte er sichtlich überrascht.
„Ja. Ich dachte, das wüsstet Ihr und deshalb… Warum hättet Ihr mir sonst etwas schenken sollen?“
Snape wartete ab, bis eine Hexe an ihnen vorübergegangen war, dann flüsterte er: „Eine letzte gute Tat.“
„Das verstehe ich nicht. Was soll das heißen?“
Doch diesmal antwortete er nicht. Deshalb blieb Hermine stehen. „Eine letzte gute Tat, bevor was passiert?“ Sie sah ihn verunsichert an.
„Wir müssen zurück nach Hause.“
„Was meint Ihr damit? Warum sagt Ihr mir nicht, was los ist?“
Snape erwiderte stumm ihren flehentlichen Blick. „Bitte“, hauchte sie und sah ihn besorgt an.
„Du musst immer alles wissen, oder?“
„So bin ich eben.“
Er ging weiter und zog sie mit sich.
Doch so schnell gab Hermine nicht auf. „Hat es etwas mit unserem… Kräuterpflücken im Wald zu tun? Oder mit den Rebellen? Mit dem Überfall auf den Fernsehsender? Geht es um den Orden des Phönix?“
„Sei still, Granger! Über solche Dinge spricht man nicht auf offener Straße.“ Er blickte sich um. Nur wenige Meter vor ihnen befand sich der Tropfende Kessel, wie ein Schild über der Tür verriet. An der Mauer des Pubs klebten unzählige Fahndungsplakate. Von mehreren Bildern grinste ihnen das gleiche Bild einer hübschen Frau mit rotem Haar und grünen Augen spitzbübisch entgegen. Sie war die Unerwünschte Nr. 1, wie das Plakat in großen Lettern verkündete.
Hermine achtete jedoch kaum auf die Plakate. Viel wichtiger war es für sie herauszufinden, was Snape mit seiner Andeutung gemeint hatte. „Eine letzte gute Tat… Das klingt so, als – als würde etwas Schreckliches passieren. Als müsstet Ihr… sterben.“
„Die Chancen stehen nicht schlecht.“
Fassungslos blieb sie stehen. Snape versuchte sie weiterzuziehen, doch ihre Finger krallten sich in seinen Arm und sie rührte sich nicht vom Fleck. „Das ist ein Scherz, nicht wahr? Ihr meint das nicht ernst?“
„Sehe ich so aus, als würde ich Scherze machen?“
„Sagt mir die Wahrheit!“, forderte sie und bemühte sich nicht die Stimme zu senken. Ein Zauberer blickte neugierig in ihre Richtung.

Für einen Moment starrte Snape sie wütend an. Seine Zauberstabhand bewegte sich in Richtung seines Umhangs. Hermine rechnete fest damit, dass er sie für ihre Widerworte und ihren Ungehorsam bestrafen würde, aber es war ihr egal.
„Ich will wissen, was los ist“, flüsterte sie eindringlich und blickte ihm mutig in die schwarzen Augen. Wut lag in seinem Blick, aber auch eine unendliche Traurigkeit, die sie sehr bestürzte. Das war nicht der grausame Todesser, den sie kenngelernt hatte. Vor ihr stand ein Mann, der Angst hatte und es nicht zugeben wollte. Etwas hatte sich zwischen ihnen geändert. Etwas, das sie nie für möglich gehalten hätte: Trotz seiner unverzeihlichen Taten, die ihr und so vielen anderen Menschen schreckliches Leid zugefügt hatten, war sie besorgt um ihn.  

Snape wandte als Erster den Blick ab. „Du hast also heute Geburtstag? Hm… Du hast jetzt zwar einen guten Zauberstab, aber eine Sache fehlt noch, um aus dir eine echte Hexe zu machen. Hast du schon mal Butterbier getrunken?“
„Nein.“
„Dann lass uns auf deinen Geburtstag anstoßen. Und ich werde dir deine Fragen beantworten“, versprach Snape.

Hermine nickte. Das klang nach einer fairen Abmachung. Sie setzten ihren Weg zum Tropfenden Kessel fort. Als Snape die Tür des Pubs öffnete, schlug ihnen ein lautes, ausgelassenes Stimmengewirr entgegen. Das Lokal war an jenem Samstag gut besucht.
Snape machte auf der Stelle kehrt und ließ die Tür wieder ins Schloss fallen. „Hier ist mir zu viel los. Ich weiß einen Ort, wo es ruhiger ist“, meinte er und apparierte mit ihr nach Hogsmeade zu den Drei Besen.

Auch über Hogsmeade hatte ihr Ron schon einiges erzählt. Hier war Hermine als muggelstämmige Hexe genauso unerwünscht wie in der Winkelgasse, trotzdem hätte sie das Dorf gerne ein wenig erkundet. Ron hatte ihr mit seiner Schwärmerei von den Süßigkeiten im Honigtopf den Mund wässrig gemacht. Außerdem hätte sie zu gern einen Abstecher in Zonkos Scherzartikelladen gemacht. Sie hatte zwar nicht vor, dort etwas zu kaufen, wahrscheinlich hätte ihr Gold dafür ohnehin nicht gereicht, aber sie hätte sich in dem Laden gerne umgesehen. Laut Rons Erzählung waren seine Brüder Fred und George dort Stammkunden, obwohl sie für ihre Scherze bereits mehrmals grausam bestraft worden waren.

Snape apparierte mit ihr jedoch direkt vor den Eingang des Pubs und hielt ihr die Tür auf. In dem gepflegten Gastraum waren Hermine und er an jenem Abend die einzigen Gäste.
Hinter der Theke kam sogleich eine attraktive Wirtin auf hohen Absätzen hervor. Auch sie erkannte Snape auf Anhieb, setzte zu einer demütigen Begrüßung an, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Zwei Butterbier“, sagte er ohne Umschweife. „Und wir wollen nicht gestört werden.“
Die Wirtin ging sofort die bestellten Getränke holen, während Snape mit Hermine auf einen Tisch in einer Ecke zusteuerte, wo sie vor neugierigen Blicken geschützt wären – falls sich an diesen Abend noch jemand in dieses Pub verirren würde. Entweder waren alle Schülerinnen und Schüler bereits nach Hogwarts zurückgekehrt oder dieser Samstag gehörte nicht zu den Wochenenden, an denen sie ins Dorf gehen durften. Hermine war ein wenig enttäuscht. Sie hätte gerne mehr von Hogsmeade gesehen. Wenn es stimmte, was Ron ihr erzählt hatte, dann war Hogwarts nicht weit entfernt, doch sie bezweifelte, dass Snape ihr das Schloss zeigen würde. Er war bisher – für seine Verhältnisse – ausgesprochenen nett zu ihr gewesen. Sie sollte ihr Glück besser nicht herausfordern.

Kaum hatten sie Platz genommen, da brachte die Wirtin schon zwei dampfende Gläser und stellte sie vor ihnen auf den Tisch. Misstrauisch schnupperte Hermine daran.
„Das solltest sogar du vertragen, immerhin trinken das sogar minderjährige Hogwarts-Schüler“, spottete Snape.
Da er sich schon zu oft auf ihre Kosten amüsiert hatte, nippte Hermine nur vorsichtig an ihrem Glas. Das Butterbier schmeckte überraschend gut und wärmte sie von innen. Begeistert nahm sie noch einen großen Schluck und seufzte danach genüsslich. Ron hatte nicht gelogen. Das Beste an Hogsmeade war eindeutig das Butterbier.
„Hübscher Schnurbart.“
Schnell wischte Hermine den Schaum von den Lippen. „Es schmeckt köstlich.“
„Freut mich.“ Er hob sein Glas und postete ihr damit zu. „Alles Gute, Granger. Endlich volljährig, oder?“
„Ich bin neunzehn, aber danke.“ Sie senkte die Stimme. „Also, warum habt Ihr mir einen Zauberstab gekauft?“
„Du bist ziemlich hartnäckig.“ Snape nahm noch einen Schluck von seinem Glas. „Oder lästig, mit anderen Worten.“
Hermine verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr habt versprochen, mir meine Fragen zu beantworten. Steht Ihr zu Eurem Wort oder nicht?“
„Appellierst du an meine Ehre als Gentleman? Da muss ich dich leider enttäuschen…“
Snape gab der Wirtin ein Handzeichen und zwei weitere Gläser erschienen vor ihnen.
„Nein, für dieses Gespräch brauche ich was anderes…“ Er winkte die Wirtin herbei, die ihm anschließend ein Glas Feuerwhisky brachte. Er schob die zwei noch unberührten Gläser Butterbier in Hermines Richtung. „Trink, Mädchen.“
„Danke, aber ich behalte lieber einen klaren Kopf.“
„Dein Pech.“

Nachdem Snape die Hälfte seines Glases mit nur einem Zug geleert hatte, sprach er noch einen Zauber, der es anderen unmöglich machte, ihr Gespräch zu belauschen. Erst dann begann er zu erzählen. Seine Geschichte fing damit an, wie er letzten Dezember auf eigene Faust die Kanalisation erkundet und dabei das Leid der unterirdisch lebenden Muggel entdeckt hatte. Schon lange zuvor hatte er den Wunsch verspürt, etwas an der Situation der Muggel im Land zu ändern, doch das Elend dieser Menschen hatte ihm die Augen geöffnet und seinen Entschluss besiegelt.
„Deshalb ging ich zu Borgin, um mir einen Assistenten zu besorgen, der für mich die Zaubertränke braut. Dabei habe ich dich getroffen… Ich könnte jetzt behaupteten, dass ich sofort bemerkt habe, dass du mehr als nur ein gewöhnlicher Muggel bist, aber das wäre gelogen. Du hast mir leid getan und ich wollte dir die Singende Sirene ersparen.“
Hermine hatte die Hände um ihr noch warmes Glas geschlungen. „Ich bin froh, dass sich unsere Wege damals gekreuzt haben. Obwohl ich zuerst große Angst hatte.“
„Vor mir?“
„Ja“, antwortete sie aufrichtig.
„Schade, dass du sie so schnell verloren hast.“
„Wer sagt, dass ich keine Angst mehr habe?“
„Deine Augen, Granger. Dabei solltest du dich fürchten.“
„Vor Euch.“
„Ja. Ich habe unzählige Menschen getötet und keine Reue verspürt. Ich habe Frauen und Männer zu Tode gefoltert. Ich habe dich gefoltert“, fügte er mit einem Blick auf ihre gefärbte Haarsträhne hinzu. „Meine Gesetze haben unsagbares Leid über die Muggel gebracht. Und morgen werde ich die Muggel töten, die ich seit Monaten beschütze und am Leben erhalte. Die Leute, für die wir die Tränke brauen. Du hast sie gesehen, Granger, aber du erinnerst dich nicht mehr daran … Ich wollte ihnen helfen, doch ich habe versagt. Nun muss ich sie töten. So hat es der Dunkle Lord befohlen.“
Hermine starrte ihn an. Trotz des warmen Butterbiers in ihren Händen breitete sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper aus. Snapes emotionslose Worte hatten ihre einen kalten Schauer über den Rücken gejagt. An seiner Miene erkannte sie, dass er nicht gelogen hatte.  
„Du wolltest die Wahrheit, Granger, und da hast du sie. Ich habe dir einen Zauberstab gekauft, weil ich nicht glaube, dass ich von meiner morgigen Mission zurückkehren werde. Sollte dies der Fall sein, so habe ich Anweisungen hinterlassen. Das Personal in Hetfield House ist nach meinem Tod freizulassen. Mehr noch – eure Schulden sollen euch erlassen werden und jeder von euch bekommt ein wenig Gold von mir. Wenn ich sterbe, bist du frei. Du kannst zu deinen Eltern zurückkehren. Aber wenn du klug bist – und das bist du zweifellos – dann verlässt du das Land. Hier hast du als muggelstämmige Hexe keine Zukunft, verstehst du? Du hast jetzt einen ordentlichen Zauberstab, das macht es leichter… Ich sage es nur ungern, aber Weasley ist ein anständiger Kerl. Und er mag dich, obwohl er weiß, dass ihr nicht zusammen sein dürft. Ob er dich glücklich machen kann, weiß ich nicht, aber er kann dir zumindest bei der Flucht helfen.“ Snape trank seinen Whisky aus und stierte in das leere Glas in seiner Hand.
„Nein“, war alles, was Hermine herausbrachte. „Nein.“ Sie starrte Snape fassungslos an. Erst nach und nach wurde ihr bewusst, was seine Worte zu bedeuten hatten.
Er lächelte spöttisch. „Warum machst du so ein Gesicht? In spätestens vierundzwanzig Stunden bist du frei. Ist das nicht ein Grund zu feiern?“
Hermine öffnete den Mund, um ihn zu widersprechen, doch die Worte wollten ihr nicht über die Lippen kommen. Frei sein. Seit Jahren war das ihr einziges Ziel gewesen. Morgen schon könnte es so weit sein. Sie würde endlich ihre Eltern wiedersehen. Der Gedanke war verlockend, doch der Preis dafür war eindeutig zu hoch.
„Ich will nicht, dass Ihr sterbt.“ Ihre Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
Snape, der seinen Blick durch den Schankraum hatte schweifen lassen, runzelte irritiert die Stirn.
„Hast du mir nicht zugehört? Mein Tod ist kein Verlust für diese Welt. Und du bist dann endlich wieder frei. Du solltest dich freuen.“
„Es muss einen anderen Weg geben… Wer sagt denn, dass Ihr sterben werdet?“
Er wich ihrem Blick aus. „Ich will mit dieser Schuld nicht leben. Es klebt schon zu viel Blut an meinen Händen.“
„Dann wollt Ihr also sterben.“
Ihr schockierter Tonfall ließ ihn lächeln. „Wie gesagt: Kein großer Verlust.“
„Es muss einen anderen Weg geben“, beharrte sie. „Was ist, wenn Ihr euch einfach weigert, die Befehle des Dunklen Lords auszuführen? Dann muss niemand sterben.“
Snape verzog das Gesicht. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie grausam die Bestrafung für einen solchen Verrat wäre. Nein, danke. Außerdem muss ich auch an meine Mutter denken. Man würde auch sie für meinen Verrat bestrafen. Und dich und die anderen würde man nach meinem Tod nicht einfach so freilassen.“
Hermine dachte angestrengt nach. Es musste eine Möglichkeit geben. Sie verstand zwar, dass er mit dieser Schuld nicht weiterleben wollte, aber damit war auch klar, was er tun musste. „Ihr müsst dafür sorgen, dass diese Muggel nicht sterben!“
„Und wie stellst du dir das vor?“
„Ich weiß nicht… Warnt sie! Dann können sie noch rechtzeitig fliehen.“
Snape seufzte. „Wenn ich sie warne, weiß der Dunkle Lord doch sofort, dass ich ihn verraten habe. Außerdem ist das nicht möglich. Nach den Ereignissen der letzten Tage haben sie die meisten Zugänge magisch versiegelt. Sie glauben tatsächlich, dass sie sich mit Bannen und Flüchen schützen können.“
„Und wenn Ihr nur so tut, als ob Ihr angreifen würdet?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich führe diese Mission nicht allein durch. Ein anderer Todesser wird mich dabei unterstützen. Wir werden gemeinsam die Inferi-Armee befehligen. Sind die Inferi erst einmal heraufbeschworen, stürzen sie sich auf alles, was lebt und töten es… Sie selbst sind nahezu unverwundbar. Niemand kann ihnen entkommen… Inferi sind ungefähr das, was du dir unter einem Zombie vorstellst“, erklärte er, als er ihren fragenden Blick bemerkt hatte.
„Es muss einen Ausweg geben!“
Snape hatte sich scheinbar mit seinem Tod abgefunden und das ärgerte Hermine unbeschreiblich. Sie griff nach dem nächsten Glas Butterbier und nahm ein paar große Schlucke. Er betrachtete ihre grimmige Miene belustigt.
„Von dem Zeug bekommst du keinen Rausch. Dir wird höchstens schlecht.“
„Das kann Euch egal sein. So wie Euch alles egal ist. Eurer Leben zum Beispiel.“
„Wirst du jetzt dramatisch, Granger?“
„Nein, ich kann nur nicht verstehen, wie jemand die Hoffnung aufgeben kann… Snape.“ Sie blickte ihn herausfordernd an.
Er zog eine Augenbraue nach oben. „Im Angesicht meines nahen Todes vergreifst du dich ganz schön im Ton.“
„Auch das kann Eu- Ihnen jetzt schon egal sein.“
„Ist es auch.“ Er hob sein leeres Glas und prostete ihr damit zu. „Trinken wir auf deinen Geburtstag, Hermine. Auf die Muggeline.“

Ihren Namen aus seinem Mund zu hören, fühlte sich ungewohnt und falsch an. Hermine überging seinen Toast und beobachtete stattdessen die Hexen und Zauberer, die soeben das Pub betreten hatten. Sie alle trugen smaragdgrüne Umhänge und setzten sich an verschiedene Tische. Manche von ihnen blickten kurz in ihre Richtung und wandten dann aber rasch wieder den Kopf. Hogsmeade war doch nicht so ruhig und ausgestorben, wie es den Anschein gehabt hatte. Hermine achtete nicht weiter auf die Neuankömmlinge. Ihr Interesse galt einzig und allein Snape, den sie irgendwie davon abhalten musste, morgen sein Leben wegzuwerfen.
„Wir sollten lieber überlegen, wie man Zombies töten kann.“
„Inferi“, korrigierte er sie.
„Ist das nicht dasselbe?“
„Nein. Zombies gibt es nicht, Inferi schon. Ihre toten Körper werden durch Magie am Leben erhalten – falls man das in Zusammenhang mit einem Inferi überhaupt so sagen kann.“
„Kann man sie erschießen? Mit Gewehren?“
Er schnaubte abfällig. „Du bist eine Hexe, also hör auf, wie ein Muggel zu denken! Gewehre… Dagegen sind sie nahezu immun.“
„Was ist mit dem Todesfluch?“
„Es sind erstens zu viele Inferi und zweitens wirken Flüche bei ihnen nicht.“
„Aber irgendeinen Schwachpunkt müssen sie doch haben!“
„Sie fürchten nur Feuer.“
Hermine grinste. „Na dann…“
„Ein Feuer in einem unterirdischen Tunnelsystem? Das wäre das Ende der Inferi und der Muggel.“
„Schön! Dann sollen sich die Inferi einfach gegenseitig umbringen!“
Snape öffnete den Mund, um ihren Vorschlag mit einer spöttischen Bemerkung abzuschmettern, doch er hielt überrascht inne. „Das ist gar nicht so dumm.“ Er legte den Finger an die Lippen und dachte angestrengt nach. „Das ist äußerst riskant, aber vielleicht–“

Snape verstummte abrupt. Er hatte nur kurz zu den anderen Gästen geblickt und dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig: Er stieß den Tisch um und zog Hermine dahinter. Butterbier und Gläser flogen in alle Richtungen. Schon im nächsten Augenblick schossen Flüche über sie hinweg, die in der Mauer hinter ihnen einschlugen und kleine Krater hinterließen. Mit einem erstickten Schrei kauerte Hermine sich hinter dem Tisch zusammen, während Snape seinen Zauberstab gezogen hatte und Beschwörungen murmelte, die die Luft um sie herum flirren ließ. Vor Angst zitterte Hermine am ganzen Leib. Trotzdem zückte sie ihren Zauberstab. Sie wollte etwas sagen, doch Snape legte seinen Finger an die Lippen.
„Hallo Schniefelus. Lang nicht mehr gesehen. Bist ganz schön fett geworden. Die viele Büroarbeit bekommt dir nicht gut, was?“
Snape verzog abfällig das Gesicht. „Black. Ich hätte gehofft, dass du schon längst tot bist.“
„Unkraut vergeht nicht. Sieht man ja bei dir.“
„Na na na, meine Herren“, tadelte eine weibliche Stimme. „Was sind denn das für Umgangsformen? Wollen wir nicht alle freundlich miteinander sprechen?“
Aus Snapes Gesicht war jegliche Farbe verschwunden. „Guten Abend, Lily.“
„Hi Sev. Ich habe mich schon lange auf ein Wiedersehen mit dir gefreut.“
„Tatsächlich?“, fragte er ungläubig.
„Ja, damit ich dich endlich töten kann.“

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Die Todesser kennen wir ja schon. Wird also Zeit, den Orden näher kennenzulernen, oder? ;-)

Mein Dank gilt wie immer meiner Betaleserin Marginalie, die immer genau weiß, was dem Kapitel noch fehlt :-)
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