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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
02.12.2021
19
64.626
48
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25.11.2021 3.937
 
Kapitel 18: Kleider machen Leute

Der 19. September war für die Bewohnerinnen und Bewohner von Snape Manor ein Tag wie jeder andere, nur mit dem Unterschied, dass es ein Samstag war und deshalb das Personal eine Stunde länger schlafen durfte. Auch Hermine erwartete von jenem Tag nichts Besonderes, obwohl es ihr Geburtstag war.

Als sie kurz vor sechs Uhr morgens die Küche betrat, überraschte es sie nicht, dass ihr keiner gratulierte, denn sie hatte niemandem von ihrem Geburtstag erzählt.
„Guten Morgen, Mrs Co-“ Weiter kam Hermine mit ihrer üblichen Begrüßung nicht, denn die strenge Küchenchefin legte den Zeigefinger an die Lippen und wies mit dem Kochlöffel in ihrer anderen Hand auf das Radio über der Spüle.
„Pssst! Sei still, du dumme Gans!“ Die Geste war unmissverständlich.
Nur wenige Sekunden später ertönte aus dem Gerät ein langgezogener Gong und anschließend die Stimme der Moderatorin:
Guten Morgen, meine verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer! Heute ist der 19. September, mein Name ist May Donovan und das sind die Nachrichten des Tages:
Neuesten Informationen zufolge war der Terroranschlag auf den Fernsehsender BBC am vergangenen Montag nur ein Ablenkungsmanöver. Wie der Leiter der Magischen Polizeibrigade Alvin Avery gestern Abend bekanntgab, gibt es Hinweise darauf, dass die Terror-Organisation Orden des Phönix einen Gift-Anschlag auf die Londoner Wasserversorgung geplant hat. Laut Kommandant Avery konnten mehrere Fässer mit hochgiftigen Substanzen beschlagnahmt werden. Für die rund sieben Millionen Einwohner Londons bestehe derzeit keine Gefahr mehr. Dennoch mahnt Avery zu erhöhter Vorsicht. Zum Schutz vor weiteren gewalttätigen Ausschreitungen bleibt deshalb die landesweite Ausgangssperre für Muggel vorerst aufrecht.
Der Premier für Muggel-Angelegenheiten Tony Blair begrüßt diese Vorsichtsmaßnahme und verurteilt zugleich die Ausschreitungen und Demonstrationen der vergangenen Tage aufs Schärfste. Er ruft alle Muggel dazu auf, sich von den Lügen der Terroristen nicht blenden zu lassen. Einmal mehr habe die Zaubererschaft die nichtmagische Bevölkerung gerettet und vor Schlimmeren bewahrt, so Blair. Und nun zu den Ergebnissen der gestrigen Quid-“
„Verlogenes Pack!“, schimpfte Mrs Cole. Ob sie damit die Zauberer oder die Ordensmitglieder meinte, behielt sie für sich. Für Hermine stand jedoch fest, dass die Todesser die Lügner waren. Nach allem, was Ron ihr bisher über den Orden des Phönix erzählt hatte, würden diese Menschen nicht den Tod von so vielen Unschuldigen in Kauf nehmen. Hingegen war es den Zauberern egal, wenn Muggel starben. Je mehr, desto besser.

Hermine hatte vorerst keine Zeit, sich weiter Gedanken über die Nachrichtenmeldung zu machen, denn Mrs Cole halste ihr jede Menge Arbeit auf. Zur Feier des Tages durfte sie sich um die dreckige Wäsche kümmern. Welch wundervolles Geburtstagsgeschenk.
Beim Anblick der riesigen Wäschebergs wurde Hermine einmal mehr bewusst, dass sie noch viel zu lernen hatte, denn mit Sicherheit gab es Haushaltszauber, mit deren Hilfe die Schmutzwäsche im Handumdrehen sauber wäre. Leider kannte sie so einen Zauber nicht. Aus diesem Grund beschränkte sich ihr Einsatz von Magie auf ein paar nützliche Schwebe- und Reinigungszauber, die ihr zumindest das Schleppen der schweren Körbe und das Bürsten der stark verschmutzen Wäschestücke ersparten.

Während Hermine in der dunstigen Luft der Waschküche schuftete, dachte sie an ihre letzte Geburtstagsfeier als freier Muggel zurück. Eine Ewigkeit schien seither vergangen zu sein. Es war ihr sechszehnter Geburtstag gewesen und ihre Mutter hatte sie mit einer zuckerreduzierten Torte überrascht. Mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen erinnerte sich Hermine, wie sie im Wohnzimmer ausgelassen zur Musik aus dem Radio getanzt hatten. Zu diesem besonderen Anlass hatte ihr Vater ihr ein Notizbuch mit kurzen Nacherzählungen von besonders lesenswerten Büchern geschenkt. Für einige Zeit war dieses Büchlein Hermines größter Schatz gewesen. Bis ihre ersten Herrschaften es entdeckt und in den Kamin geworfen hatten – zusammen mit dem einzigen Familienfoto, das sie besessen hatte.
Mehr als zwei Jahre waren seither vergangen, trotzdem ärgerte sie sich noch immer über diese Gemeinheit. Und es machte sie traurig, weil sie ihre Eltern schmerzlich vermisste und es keine Möglichkeit gab, sie zu kontaktieren. Muggel durften keine Briefe schreiben und Snape besaß kein Telefon. Dabei gab es so viel, das sie ihnen erzählten wollte.

Das Einzige, das Hermine an diesem Tag aufgemuntert hätte, wäre das Brauen eines Zaubertranks gewesen, aber Snape hatte seit dem Überfall der Rebellen so viel zu tun, dass sie ihn kaum zu Gesicht bekam. Auch Ron war ständig unterwegs – in Snapes Auftrag, wie er ihr in einem kurzen Gespräch zwischen Tür und Angel zugeflüstert hatte.

Bis zum späten Nachmittag war Hermine mit der Wäsche beschäftigt. Als das letzte Wäschestück endlich zum Trocknen an der Leine im Garten hing, begutachtete Mrs Cole Hermines Tagewerk misstrauisch. Dafür, dass sie allein gearbeitet hatte, war sie überraschend schnell fertig geworden.
„Wie hast du das geschafft?“, fragte die Küchenchefin und suchte ein weißes Tischtuch nach verbliebenen Flecken ab, doch es war strahlend weiß. „Das ist ja fast wie...“
Hermine grinste. „Zauberei?“
„Hmpf!“, machte Mrs Cole. „Noch so eine freche Antwort und du darfst gleich in der Küche weiterarbeiten!“
„Entschuldigung“, sagte Hermine schnell.
Die Küchenchefin betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Geh auf dein Zimmer. Bis zum Abendessen will ich dich nicht mehr sehen.“
Was wie eine Strafe klang, waren in Wahrheit ein paar Stunden geschenkte Freizeit, von der es in Snape Manor nie viel gab. Mit einem Grinsen im Gesicht lief Hermine die Dienstbotentreppe nach oben bis zu ihrem Zimmer auf dem Dachboden. Sie freute sich darauf, in Snapes Buch weiterzulesen. Der Abschnitt über Gifte und Gegengifte faszinierte sie besonders.

Vorsorglich schloss sie die Tür ab und holte das alte Zaubertränke-Schulbuch aus dem Versteck hinter dem Kleiderschrank hervor. In dem Moment, als sie es sich damit auf ihrem Bett gemütlich machen wollte, ertönte eine leises Plopp und Snape höchstpersönlich stand mitten in ihrem Zimmer. Hermine stieß vor Schreck einen spitzen Schrei aus.
„Na na, Granger. Ich bin’s doch nur.“ Er grinste schief.
Hermine brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen. Ihr Herz schlug wie wild gegen ihre Brust. „Ihr habt mich erschreckt, Herr.“
„Das war nicht meine Absicht. Ehrlich nicht“, fügte er hinzu, weil sie ungläubig die Brauen hob. „Du fragst dich bestimmt, warum ich hier bin.“ Er setzte sich auf Elsies Bett. „Deshalb komme ich gleich zum Punkt: Zieh dich aus, Granger.“

***


Severus hatte nicht viele Freunde. Alvin Avery und Duncan Mulciber kannte er schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit; ihnen vertraute er am meisten, trotzdem waren nicht sie es, die er am Nachmittag jenes 19. Septembers aufsuchte. Es war Evan Rosier, in dessen Wintergarten er saß und schweigend eine Teetasse in Händen hielt.

„Nun, was kann ich für dich tun?“, fragte Evan. Er musterte sein Gegenüber mit einem leichten Grinsen im Gesicht und hatte die Beine lässig übereinandergeschlagen.
Severus ließ sich mit seiner Antwort Zeit und nahm noch einen Schluck Tee. Er blickte durch die Verglasung hinaus in den Garten. Das Wetter war herrlich und passte nicht zu seiner trübseligen Stimmung. Während er hier saß, lief ihm die Zeit davon. Sie rann ihm durch die Finger wie feiner Sand. Innerlich war er zum Zerreißen gespannt, obwohl es nicht den Anschein hatte.
„Kann man einem alten Freund nicht einfach so einen Besuch abstatten? Ohne gleich etwas zu wollen?“ Severus blickte zu Evan, der keine Miene verzog. Selbst nach all den Jahren sah er noch wie der waghalsige Draufgänger aus, der er früher gewesen war: Evans schwarzen Locken hätten vielleicht mal wieder gekürzt gehört, doch sie passten hervorragend zu seinem Dreitagebart, der ebenso wie seine Locken von ersten grauen Strähnen durchzogen wurde. Seine lässig hochgekrempelten Ärmel gaben den Blick auf seine unzähligen Tätowierungen frei. Das Dunkle Mal auf seinem linken Unterarm stach deutlich hervor.
„Es muss etwas Ernstes sein, wenn du zu mir kommst und nicht zu Mulciber oder Avery… Sag schon, was ist los? Wie kann ich dir helfen?“
Severus holte tief Luft. „Erinnerst du dich an das Tunnelsystem unter London? Die alten Abwasserkanäle und die geschlossenen U-Bahn-Stationen, in denen Muggel leben?“
„Erinnere mich bloß nicht an diese Kloake! Wir waren doch gemeinsam da unten. Kurz nach Weihnachten, wenn ich mich recht erinnere. War nicht sonderlich schön. In dem Dreck habe ich mir meine Lieblingsstiefel ruiniert. Feinstes Tebo-Leder. Handgearbeitet. Wenn ich es recht bedenke, schuldest du mir eigentlich noch ein Paar Stiefel… Aber deshalb bist du bestimmt nicht hier. Also, was ist mit dieser stinkenden Kloake?“
„Ich soll eine Säuberung des Untergrunds durchführen.“
„Lass mich raten: Damit ist nicht Putzen gemeint.“
„Nein.“
Evan lächelte schmallippig. „Verstehe.“
„Der Lord glaubt, dass sich dort unten das Hauptquartier des Phönix-Ordens befindet. Ich glaube, er irrt sich... Es stimmt zwar, dass in dem Tunnelsystem einige Muggel hausen, doch das kommt mir nicht wie ihr Hauptquartier vor. Der Lord ist davon jedoch überzeugt. Deshalb schickt er seine Inferi hinunter. Und er hat mir die Leitung des Einsatzes übertragen.“
„Was für eine Ehre.“ Evan prostete ihm mit seiner Teetasse zu. „Dann verstehe ich erst recht nicht, warum du hier bist und nicht bei General Mulciber.“
„Weil die Sache noch strenggeheim ist. Von dem Auftrag wissen im Moment nur drei Leute. Der Lord will diesmal kein Risiko eingehen, deshalb bist du die erste Person, die davon erfährt. Und Duncan… er würde mich nicht verstehen.“
„Er würde nicht verstehen, warum du bei dem Gedanken an ein Gemetzel nicht genauso geil wirst wie er?“
Severus verzog das Gesicht. „Treffend formuliert.“
Evan grinste. „Ich habe schon oft genug an seiner Seite gekämpft. Und an deiner. Deshalb merke ich, dass dir irgendetwas Sorgen bereitet.“
Severus antwortete nicht sofort. Um ein wenig Zeit zu gewinnen, trank er seinen Tee aus und suchte nach den richtigen Worten. „Ich war gestern nochmal im Tunnelsystem. Es gibt eine Sache, die der Dunkle Lord nicht weiß: Die Muggel und Abtrünnigen sind durch starke magische Banne geschützt. Es wird nicht reichen, nur die Inferi heraufzubeschwören. Jemand muss da runter und die Banne lösen.“
„Und dieser Jemand bist du.“
„Ja.“
„Dann begleite ich dich.“
„Nein!“ Severus sah ihn erschrocken an. „Das wäre Selbstmord! Denk an deine Familie! Du hast zu viel zu verlieren.“
Evan legte den Kopf schief. „Und was ist mit dir?“
Severus machte eine wegwerfende Handbewegung. „Auf mich wartet niemand.“
„Dann solltest du erst recht am Leben bleiben, um diesen Umstand zu ändern.“
„Evan…“
„Ich fürchte den Tod nicht. Dann könnte ich endlich Will wiedersehen.“
Severus zögerte, dieses Thema anzusprechen. „Denkst du noch oft an ihn?“
„Jeden Tag.“
„Du bist nicht schuld, dass er gestorben ist.“
„Es fühlt sich aber noch immer so an.“
„Du hast sein Kind aufgezogen, als wäre es dein eigenes. Selbst seine Frau hat bei dir ein neues Heim gefunden. Glaubst du wirklich, dass du ihm noch irgendwas schuldest?“
„Und glaubst du wirklich, dass Wilkes damit einverstanden wäre, dass ich nach seinem Tod mit seiner Frau geschlafen habe?“
„Wieso? Hast du das nicht schon getan, als er noch lebte?“
Sie stimmten gemeinsam in ein dünnes Lachen ein. Ein Lachen, das rasch erstarb, weil es ihnen die schmerzlichen Verluste der letzten Jahre deutlich vor Augen führte.
„Ich kann das nicht von dir verlangen“, sagte Severus nach einer langen Pause.
„Das tust du ja auch nicht. Ich biete es dir freiwillig an. Zu zweit lassen sich die Inferi leichter lenken. Zwei Gruppen, die gleichzeitig angreifen. Wir kesseln die Muggel ein.“
„Du willst die Inferi aufteilen? Du… du weißt, was das bedeutet?“
„Ja, dass du mir im Anschluss zwei Paar Stiefel schuldest.“
Nicht einmal die Aussicht, die Toten zu beschwören und somit die dunkelste Magie einzusetzen, vertrieb das Lächeln von Evans Lippen.

***


Snape machte für gewöhnlich keine Scherze. Aber das musste eine Ausnahme sein. Oder sie hatte sich verhört. Jedenfalls konnte er seine Aufforderung nicht ernst gemeint haben.
„Na los, Granger. Runter mit dem grauen Fummel. Wir haben nicht viel Zeit.“
Ein paar Mal blinzelte Hermine verwirrt, fragte sich, ob das nur ein böser Traum war oder ob die Dämpfe des Waschmittels Halluzinationen auslösen konnten.
„Wie bitte?“, flüsterte sie mit bebender Stimme und starrte ihn an. Bisher hätte sie nicht gedacht, dass Snape zu dieser Sorte Mann gehörte, aber offensichtlich hatte sie sich in ihm getäuscht. Ihre Hand bewegte sich langsam in Richtung Zauberstab, der vor ihr auf der Bettdecke lag. Eine falsche Bewegung von diesem Mistkerl und sie würde ihm den heftigsten Fluch auf den Hals zu jagen, den sie kannte. Dummerweise hatte sie nur die Auswahl zwischen dem Beinklammer- und den Kitzlefluch.

Snape seufzte tief. Mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er ein smaragdgrünes Kleid auf ihrem Bett erscheinen. Es sah den Kleidern von Mrs Snape zum Verwechseln ähnlich.
„Zieh es an… Ach ja, du brauchst wahrscheinlich noch…“ Erneut schwang er seinen Zauberstab durch die Luft. Einen Augenblick später lagen ein Paar smaragdgrüne Stöckelschuhe und einige Tuben und Cremen lagen auf ihrem Bett.
Zutiefst verwirrt betrachtete Hermine die Gegenstände und verstand nun gar nichts mehr. Dieses Verhalten war sogar für Snapes Verhältnisse äußerst merkwürdig.
„Ich soll das Kleid anziehen? Wieso?“
„Auch wenn es dir schwerfällt: Stell keine Fragen, sondern vertrau mir einfach mal, Granger.“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Vertrauen?“, wiederholte sie, als wäre ihr das Wort fremd. „Und was dann? Verändert Ihr wieder meine Erinnerung und behauptet, ich hätte es so gewollt?“
Für einen kurzen Moment war Snape überrascht, doch dann grinste er. „Du bist klüger, als gut für dich ist.“
„Ich wusste es!“, rief sie wütend. „Ihr habt mich angelogen.“
„Und es tut mir auch ach so furchtbar leid. Ziehst du dich jetzt endlich um?“
Als sie noch immer keine Anstalten machte, in das Kleid zu schlüpfen, seufzte er ungeduldig. „Ich habe deine Erinnerungen manipuliert, weil ich keine andere Wahl hatte. Es musste sein.“
„Und das habt Ihr einfach so entschieden. Und mich angelogen.“
„Ja, weil es das Beste war. Für dich und für mich.“
Sie schnaubte. „Eher nur für Euch, meint Ihr wohl.“
„Granger…“, knurrte er warnend. „Meine Geduld ist begrenzt. Entweder ziehst du dich jetzt um und begleitest mich in die Winkelgasse oder du bleibst hier.“
„Wir gehen in die Winkelgasse?“
Er nickte. „Da aber nur Reinblüter und Halbblüter die Winkelgasse betreten dürfen, kann ich dich so“, er machte eine abfällige Handbewegung in ihre Richtung, „nicht mitnehmen.“
Hermine überlegte kurz. Ron hatte ihr schon einiges über die Winkelgasse erzählt. Zu gern würde sie Flourish & Plotts, Ollivanders oder Gringotts mit eigenen Augen sehen. Misstrauisch blickte sie hinüber zu Snape, der ungewohnt angespannt wirkte. Warum sollte er sie in die Winkelgasse mitnehmen? Was hatte er davon? Snape nahm sie sicher nicht mit, um ihr eine Freude zu machen. Irgendetwas führte er bestimmt im Schilde. Sie durfte diesem Mann nicht trauen.
„Dann eben nicht“, sagte Snape und stand auf.
„Nein! Wartet!“ Hermine sprang aus dem Bett. „Ich komme mit.“
Snape schnaubte. „Deine Neugierde ist deine größte Schwäche, Granger.“
Sie ignorierte seine Bemerkung und hielt das Kleid hoch. Es gehörte definitiv Mrs Snape. Die Rüschen am Saum und an den Ärmeln entsprachen genau ihrem Geschmack.
Hermine räusperte sich. „Würdet Ihr bitte…“ Sie zeigte auf die Tür.
Snape stand zwar auf und drehte ihr den Rücken zu, aber er verließ den Raum nicht. „Ich kann wohl kaum vor deiner Tür warten, bis du endlich fertig bist. Wenn uns jemand sieht, würde das zu viele unangenehme Fragen aufwerfen.“
Sich auszuziehen, obwohl Snape im gleichen Raum war, wäre Hermine niemals in den Sinn gekommen, aber sie hatte keine andere Wahl, wenn sie in die Winkelgasse wollte. Sie drehte ihm den Rücken zu, warf noch einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass er sie nicht heimlich beobachtete, und zog sich schnell um. Das smaragdgrüne Seidenkleid war ihr ein wenig zu groß, doch der Stoff fühlte sich angenehm kühl und zart auf ihrer Haut an. Danach begutachtete Hermine die Tuben und Cremen auf ihrem Bett. Mit einigen davon wusste sie nichts anzufangen, denn sie hatte sich noch nie geschminkt. Früher hatte sie sich nicht dafür interessiert und Dienstmädchen war es ohnehin verboten, Make-up zu tragen. Hermine beschränkte sich deshalb auf eine Creme, die angeblich ein ebenmäßiges Hautbild zauberte und trug ein wenig Lippenstift auf.
„Und mach was mit deinen Haaren“, verlangte Snape.
Hermine verdrehte die Augen. Ihre braune Mähne war normalerweise kaum zu bändigen. Was sollte sie also tun? Unter den Tuben war auch ein Fläschchen Seidenglatts Haargel. Sie verteilte es großzügig auf ihrem Haar. Überraschenderweise ließ sich ihre Mähne schon im nächsten Moment leichter kämmen und zu einem halbwegs ordentlichen Dutt hochstecken.

Mit einem letzten Blick in den kleinen runden Spiegel an der Wand überprüfte Hermine ihr Äußeres. Sie fühlte sich unwohl. Das war alles zu viel: Die roten Lippen, der ebenmäßige Teint und die gebändigten Haare. Sie erkannte sich kaum wieder.
„Können wir endlich gehen?“, fragte Snape ungeduldig. Er hatte sich unbemerkt zu ihr umgedreht. Hermine spürte, wie sein Blick sie von oben bis unten musterte. Überraschenderweise sagte er nichts. Hermine schlüpfte in die Schuhe mit den hohen Absätzen und durchquerte die Dachkammer mit wackeligen Schritten.

Snapes Lippen kräuselten sich zu einem höhnischen Lächeln. „Du besitzt die Grazie eines betrunkenen Höhlentrolls.“
Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. „Ich kann mit diesen Schuhen nicht laufen.“
„Musst du auch nicht. Gehen reicht.“
„Sie sind mir zu klein und zu hoch.“
Snape bedachte sie mit einem Blick, der deutlich zeigte, wie sehr sie ihn nervte und dass er seinen Vorschlag, sie in die Winkelgasse mitzunehmen, bereits zutiefst bereute. Dennoch ging er vor Hermine in die Hocke, stupste mit seinem Zauberstab gegen die Schuhe und murmelte ein paar Zaubersprüche. Sogleich fühlten sich die Schuhe bequemer an, aber zu hoch waren sie noch immer.
„Zieh deinen Umhang an.“
Folgsam schlüpfte Hermine in ihren grauen Umhang und achtete darauf, dass nichts von dem grünen Kleid zu sehen war.
„Gut.“ Snape nickte anerkennend. „Wir werden in die Winkelgasse apparieren. Das Flohnetzwerk wird nämlich überwacht und ich will keine Spuren hinterlassen.“
Er hielt ihr den Arm entgegen und sie apparieren hinunter in sein Arbeitszimmer. Von dort musste sie nur noch hinaus in den Garten gelangen, um zu disapparieren. Warum man den Umweg über den Garten machen musste, verstand Hermine nicht. Ron hatte das als gängige Schutzmaßnahme bezeichnet, die auch das Apparieren ins Haus unmöglich machte und einen so vor ungebetenen Gästen schützte, aber Hermine kam dieses Vorgehen äußerst umständlich vor.

Wie zwei Diebe schlichen sie auf Zehenspitzen den Flur entlang. Hermine hatte noch immer Probleme mit den Schuhen. Sie wäre beinahe umgeknickt, hätte Snape sie nicht festgehalten.
„Vorsicht“, flüsterte er. Seine Hand lag noch auf ihrer Hüfte, als sich plötzlich laute Stimmen näherten.
„Doxys! In den Vorhängen der Bibliothek! Das ist unerhört, Mrs Cole!“
„Ich bin ebenfalls äußerst bestürzt, Mrs Snape. Aber es wundert mich nicht. In so einem großen Haus fällt viel Arbeit an. Aber es ist zu wenig Personal dafür da.“
„Zu wenig Personal? Was soll das heißen?“
„Abgesehen von den Küchenmädchen gibt es seit Rileys Weggang eigentlich nur noch Granger. Aber sie ist zu beschäftigt damit, Meister Snape zu helfen. Wobei auch immer.“
Snape zog Hermine hastig weiter. Sie waren nur noch wenige Schritte vom Salon entfernt.
„Sie putzt“, antwortete Mrs Snape spitz. „Und erledigt einfache Arbeiten im Labor.“
Die zwei Frauen mit Ron im Schlepptau bogen um die Ecke. Snape öffnete schnell die Tür zum Salon und stieß Hermine hinein. Er wollte ihr folgen, doch seine Mutter hatte ihn schon längst gesehen.
„Severus! Wie gut, dass du da bist. Hast du einen Moment?“
Im Salon presste Hermine ihr Ohr gegen die Tür und belauschte das Gespräch.
„Also eigentlich bin ich in Eile…“
„Einen Moment wirst du ja wohl haben. Es ist dringend.“
„Na schön. Was ist so wichtig, Mutter?“
„Mrs Cole ist der Meinung, dass wir mehr Personal einstellen sollten.“
„Wieso das denn?“
„Herr, es gibt einen Doxy-Befall in der Bibliothek.“
„Darum soll sich Weasley kümmern.“
„Ich weiß aber nicht, wie…“
„Das glaube ich Ihnen aufs Wort, Weasley“, spottete Snape.
„Herr, wir brauchen Doxyzid. Dann kann ich dem Jungen zeigen, wie man am besten gegen diese lästigen Plagegeister vorgeht.“
„Ja, machen Sie das, Mrs Cole.“
„Trotzdem brauchen wir mehr Personal.“
„Das besprechen wir ein anderes Mal. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr.“
„Wo musst du denn hin, Severus?“
„Nach Hogsemeade.“
„Wunderbar. Dann kannst du gleich das Doxyzid mitnehmen“, schlug Mrs Snape vor.
„Dafür habe ich keine Zeit.“
„Dann soll Weasley dich begleiten.“
„Nein!“, sagte Snape nachdrücklich. „Das geht nicht.“
„Aber wieso denn nicht?“
„Weil… Weil ich im Auftrag seiner Lordschaft unterwegs bin.“
„Ich verstehe. Verzeih mir, Severus… Nun, Mrs Cole, kommen Sie mit in mein Arbeitszimmer. Dann können wir gemeinsam überlegen, was wir wegen des Personalmangels unternehmen können. Vielleicht könnte ja eines der Küchenmädchen einige Zeit als Dienstmädchen aushelfen.“
„Aber Herrin! Wir kommen in der Küche jetzt schon kaum hinterher…“

Die Stimmen wurden leiser und entfernten sich. Hermine rechnete schon jeden Moment damit, dass Snape in den Salon kam, doch Ron war noch da.
„Ist Hermine bei Ihnen, Sir?“, fragte er.
„Wovon redest du, Weasley?“
„Ich habe jemanden im Salon verschwinden gesehen. War das Hermine? Ich bin mir sicher, dass sie es war.“
„Du irrst dich. Und selbst wenn: Was geht es dich an?“
„Ich- ich mache mir Sorgen um sie.“
„Rührend, Weasley. Überaus herzzerreißend.“
Die Türklinke wurde hinuntergedrückt.
„Hermine darf nicht nach Hogsmeade. Wenn Sie wegen Ihnen in Schwierigkeiten gerät, dann...“
Snape ließ die Klinke los. Seine Stimme nahm einen bedrohlichen Unterton an. „Was dann, Weasley? Drohst du mir etwa? Du vergisst, wer vor dir steht. Du vergisst, dass dein Schicksal und das deiner Familie in meinen Händen liegt.“
Ron nuschelte eine verlegene Antwort, die Hermine nicht hören konnte, aber es musste etwas Dummes gewesen sein, denn Snape lachte laut und kalt.
„Das ist für jeden offensichtlich, der Augen im Kopf hat.“ Er schnaubte abfällig. „Ich wiederhole mich nur ungern, Weasley, aber in deinem Fall scheint es notwendig zu sein, damit die Botschaft ankommt: Sie ist nicht bei mir. Sie ist oben, in ihrem Zimmer und beschäftigt sich mit Giften und Gegengiften. Du solltest sie nicht dabei stören, sondern irgendwas gegen die Doxys in der Bibliothek unternehmen.“
„Ja, Sir.“
Als Rons Schritte nicht mehr zu hören waren, kam Snape in den Salon. Wortlos zückte er seinen Zauberstab und schlug Hermine damit auf den Kopf.
Erschrocken zuckte sie zusammen und hob abwehrend die Hände, doch Snape war schon bei der Terrassentür. Von der Stelle, wo sie der Zauberstab getroffen hatte, breitete sich ein kühles Gefühl aus, als hätte jemand ein Ei auf ihrem Kopf aufgeschlagen, das nun über ihren Körper hinunterlief.
„Nur ein Desillusionierungszauber, falls uns jemand beobachtet.  Komm“, forderte Snape und hielt ihr die Tür auf.
Hermine blickte fasziniert und erschrocken zugleich an sich hinab. Ihr Körper war nun fast unsichtbar und verschmolz nahezu perfekt mit der Umgebung.
Hermine folgte Snape hinaus in den Garten. Hinter einer Hecke, die sie vor neugierigen Blicken aus dem Anwesen schützte, nahm er den Zauber wieder von ihr und färbte ihren Umhang smaragdgrün.
„Wir apparieren in die Winkelgasse“, sagte Snape und hielt ihr auffordernden seinen Arm hin.
„Aber Ihr habt gerade gesagt, dass Ihr nach Hogsemeade-“
„Es muss nicht jeder wissen, wo ich bin“, erklärte er knapp.
Voller Unsicherheit biss Hermine sich auf die Unterlippe. „Was ist, wenn jemand bemerkt, dass ich keine Reinblüterin bin?“, fragte sie und griff zögerlich nach Snapes Arm.
„Warum sollte das jemand erkennen? Kleider machen Leute, Granger. Du siehst aus wie eine Reinblüterin und du bist mit mir unterwegs. Niemand wird auch nur eine Sekunde daran zweifeln, dass du eine echte Hexe bist.“
Sie nickte langsam.
„Keine Sorge. Es wird dir gefallen.“
Hermine versuchte zu lächeln, doch als sie den Sog des Apparierens spürte, wich ihre Vorfreude einer dumpfen Vorahnung, dass dieser Ausflug kein gutes Ende nehmen würde.

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Ich möchte einfach mal DANKE sagen, für all die netten Reviews, die unzähligen Klicks, die vielen Favoriteneinträge und die Empfehlungssternchen. Ihr macht mich damit sehr, sehr glücklich :-) Ich habe die besten Leser*innen!

Mehr von dem Ausflug in die Winkelgasse gibt's nächsten Donnerstag ;-)
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