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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
23.06.2022
45
191.509
111
Alle Kapitel
254 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
18.11.2021 4.250
 
*** Warnung: Der Moment, in dem der Junge nach dem Messer greift, ist vielleicht nichts für schwache Nerven. Den Absatz sollte man dann vielleicht auslassen. ***



Kapitel 17: Das Herz der Finsternis

Petunia Dursleys Einstellung zur Zauberei hatte sich im Laufe der vergangenen Jahre mehrmals gewandelt: In ihrer Jugend hatte sie ihre Schwester um deren Zauberkräfte beneidet. Was hätte sie damals dafür gegeben, auch nach Hogwarts gehen zu dürfen! Nur einmal, ein einziges Mal, sollten sie ihre Eltern mit dem gleichen Blick voller Stolz und Bewunderung ansehen! Aber nein. Petunia war das gewöhnliche Kind, ihre ach so tolle Schwester war dagegen etwas Besonderes. Die Eifersucht auf ihre vermaledeite Schwester hatte schließlich zum Zerwürfnis der beiden geführt, was Petunia bisher noch nie bereut hatte.

Für Petunia hätte dies der Beginn eines normalen Lebens sein können: Ein guter Ehemann (Bloß kein Zauberer – Gott bewahre!), ein schickes Haus in einem spießbürgerlichen Vorort und zur Krönung dieser vermeintlichen Idylle: ein durch und durch nichtmagisches Kind.
Aber dann war etwas geschehen. Die beschauliche Welt der Dursleys, in der Magie keinen Platz gehabt hatte, war auf den Kopf gestellt worden. Plötzlich regierten die Zauberer. Für einen kurzen Moment war Petunia so naiv gewesen zu glauben, dass es nun von Vorteil wäre, eine Hexe in der Familie zu haben. Dass sie irgendwie von ihrer Schwester profitieren könnte. Weit gefehlt. In den Augen der Reinblüter waren muggelstämmige Hexen und Zauberer eine widernatürliche Abnormität, eine Perversion der Natur, die es auszurotten und vom Angesicht der Erde zu tilgen galt.
Also verheimlichte Petunia die Existenz ihrer Schwester aufs Neue. Diesmal agierte sie jedoch aus Furcht vor den Zauberern und fügte sich zähneknirschend den neuen Machthabern. Sie hatte ohnehin keine andere Wahl, wenn sie und ihre Familie überleben wollten. Im Grunde genommen war es fast schon egal, ob ein Premierminister oder ein Zauberer das Land regierte – korrupt waren wahrscheinlich beide. Königin oder Dunkler Lord? Fast dasselbe. Anfangs hatte es sogar so ausgesehen, als wären die Zauberer ihre Rettung und Magie die Lösung für all ihrer Probleme. Diese Hoffnung hatte sich bald als Trugschluss herausgestellt. Die Zauberer waren weder ihre Erlöser noch ihre Freunde. Sie waren ihre neuen Herren und Gebieter.
Petunia und ihre Familie hatten sich den neuen Umständen angepasst, sich ihrem Schicksal gefügt. Und so lebten die Dursleys noch immer in dem schicken Haus in dem spießigen Vorort, trugen braune Kleidung und lebten von dem, was die Bohrmaschinen-Firma abwarf, denn Magie hin oder her – Löcher bohrten sich nicht von selbst in die Wand.

Petunias Wunsch nach einem normalen Leben war in gewisser Weise in Erfüllung gegangen. Deshalb war es kaum verwunderlich, dass sie an diesem äußerst gewöhnlichen Septemberabend mit einem zufriedenen Lächeln ihren Tee schlürfte. Sie strich ihr braunes Tweed-Kostüm zurecht, nachdem sie sich auf das Sofa gesetzt hatte, und schaltete den Fernseher an. Um diese Uhrzeit lief ihre Lieblingsserie, die gespickt mit Intrigen, Eifersucht und jeder Menge Drama, eine willkommene Ablenkung bot. Aber nicht nur ihr: Die Serie gehörte zu den beliebtesten Sendungen des staatlichen TV-Senders und erzielte regelmäßig neue Rekorde bei den Einschaltquoten.
Während Petunia darüber nachdachte, ob der Butler tatsächlich das Collier der alten Gräfin gestohlen hatte, um seine Tochter aus dem Gefängnis zu holen, die dort nur eingesperrt war, weil sie die Schuld für ein Verbrechen auf sich genommen hatte, das eigentlich ihre geheime Liebe begangen hatte, wurde die Titelmelodie plötzlich unterbrochen und das Bild fror ein.
Verärgert zog Petunia die Augenbrauen zusammen. Ausgerechnet bei ihrer Lieblingsserie musste es eine Störung geben! Als sie nach der Fernbedienung greifen wollte, um zur Kontrolle auf einen anderen Sender umzuschalten, flackerte das Bild erneut. Nun war ein roter Hintergrund zu sehen.
Bürgerinnen und Bürger Großbritanniens, wacht auf!“, schallte es plötzlich aus dem Lautsprecher und Petunia zuckte überrascht zusammen.
Ein Banner mit der Botschaft „ЯISE!“ wurde im Hintergrund ausgerollt, dann trat eine rothaarige Frau in farbenfroher Kleidung vor die Kamera. In der Hand hielt sie einen Zettel. Sie trug zwar eine schwarze Maske um die hellgrünen Augen, doch Petunia hatte sie sofort erkannt. Das war ihre Schwester! Die Teetasse rutschte ihr aus den Fingern, ohne dass sie es bemerkte.
Zu lange lassen wir uns schon von den reinblütigen Fanatikern unterdrücken, weil wir Angst haben. Zu lange haben wir tatenlos zugesehen, wie sie uns unsere Rechte, unsere Freiheit und unsere Würde genommen haben. Zu lange haben wir nichts unternommen und ihre Lügen geglaubt. Doch damit ist jetzt Schluss! WACHT AUF, Bürgerinnen und Bürger Britanniens! Verschließt nicht länger die Augen vor der Realität! Wir werden ständig belogen! Die Nachrichten sind manipuliert! Die Wahrheit wird vertuscht und verdreht! Die Oberschicht und allen voran die Todesser sind unsere wahren Feinde! Wir dürfen uns nicht länger von ihnen unterdrücken lassen, denn wir sind in der Überzahl. WIR HABEN DIE MACHT! Gemeinsam können wir sie stürzen und-“
Aus dem Hintergrund ertönten Rufe und dumpfe Detonationen. Die Sprecherin blickte kurz zur Seite, dann fuhr sie mit ihrer Botschaft fort, doch sie wirkte angespannt und las nun schneller: „Und unser geliebtes Heimatland wieder zu dem Land machen, das es vor Voldemorts Terrorherrschaft gewesen war. Ein Land des Friedens, des Wohlstands und der Toleranz. WACHT AUF! Und ihr werdet sehen, dass die Reinblüter die wahren Terroristen sind. ERHEBT EUCH! Und ihr werdet sehen, dass wir-“
Beeil dich! Sie kommen!“, schrie eine Stimme.
Dass wir zusammenhalten müssen, wenn wir sie besiegen wollen. Unterstützt den Orden des Phönix! Damit wir und unsere Kinder eine Zukunft haben! STEHT AUF UND KÄMPFT!
Die rothaarige Sprecherin zückte ihren Zauberstab und stürmte aus dem Bild. Zurück blieb nur der rote Hintergrund mit der Botschaft „ЯISE!“. Es handelte sich jedoch nicht um ein Standbild, sondern um eine Live-Schaltung, denn der Ton wurde noch immer aus dem Studio übertragen. Petunia rückte vor Spannung bis an die Sofakante vor. Sie hörte Schreie, verzweifelte Rufe. Ein Lichtblitz traf das rote Banner und ließ es in Flammen aufgehen.
Tötet das verdammte Schlammblut! Tötet sie! Und schaltet endlich die Kameras aus!
Kaum hatte eine männliche Stimme den Befehl gebrüllt, wurde der Bildschirm schwarz. Petunia stieß einen erstickten Schrei aus und schlug die Hände vor den Mund. Es dauerte ein paar Sekunden, dann wurde am unteren Bildschirmrand die Meldung „Technische Störung!“ eingeblendet und für die steigende Zahl an Analphabeten im Land ein schwarzumrandetes Dreieck mit gelber Fläche und einem schwarzen Ausrufezeichen in der Mitte.
Jedoch achtete Petunia nicht darauf. In Gedanken war sie bei ihrer Schwester, die sie nach so langer Zeit unverhofft wiedergesehen hatte. Diese mutige, verrückte Frau, die ihr Leben aufs Spiel setzte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. So war sie schon immer gewesen. Das war so typisch für Lily, dachte Petunia voller Bewunderung und Stolz.

***


In den Tagen nach Lilys TV-Auftritt kam Severus kaum zum Schlafen. Er hetzte von einer Besprechung zur anderen, eine Krisensitzung jagte die nächste, und keine davon brachte sie einen Schritt weiter. Der Orden des Phönix hatte mit dieser Aktion das Land über Nacht ins Chaos gestürzt. In den größeren Städten, allen voran in London, war es zu Demonstrationen gekommen. Die Muggel waren auf die Straße gegangen, hatten ihre Rechte eingefordert und waren dabei nicht vor Gewalt zurückgeschreckt.

Severus wollte sich selbst ein Bild von den Verwüstungen machen. Er saß auf der Rückbank einer schwarzen Limousine und starrte aus dem Fenster, während die menschenleeren Straßen Londons an ihm vorüberzogen. Die Stadt war wie ausgestorben. Der Grund dafür war der dichte, weiße Nebel, der sich wie ein Schleier über die Stadt gelegt hatte.
Die geplünderten Geschäfte, deren eingeschlagene Auslagen mit Brettern notdürftig vernagelt waren, ließen erahnen, was sich hier in den vergangenen Tagen ereignet hatte. Sie fuhren an niedergebrannten Häusern und beschmierten Regierungsgebäuden vorbei. „WACHT AUF!“ und „TÖTET DIE ZAUBERER!“ hatten die Demonstranten mit Farbe auf die Fassaden geschmiert. Die prägnante Forderung „ЯISE!“ war am häufigsten zu lesen, oder nur das spiegelverkehrte R.
Sie kamen an einer Gruppe Brigadisten in blutroten Umhängen vorbei, die einige Muggel dazu nötigten, die Botschaften und das Blut von der Straße zu waschen. Die Männer und Frauen knieten auf dem Bürgersteig und schrubbten voller Angst den Asphalt, während die Gesetzeshüter sie anbrüllten und drohend ihre Zauberstäbe in der Hand hielten.
Der Anblick erinnerte Severus an andere dunkle Zeiten. Die Menschheit lernte nicht aus ihren Fehlern.
„Ich habe genug gesehen. Fahren Sie mich zum Palast“, befahl er.
Hunter nickte. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment im Rückspiegel. „Jawohl, Sir.“

Vor dem Fenster wurde der Nebel immer dichter. Die Kälte der Dementoren kroch Severus in die Glieder. Er hätte diese Kreaturen nicht herbeirufen dürfen. Die aufgekochte Stimmung in der Stadt hatte die Dementoren angelockt wie Motten das Licht. Sie hatten sich an den Seelen der Demonstranten sattgefressen und nun brüteten sie ihre widerwärtige Nachkommenschaft im Nebel der Verzweiflung aus. Unwillkürlich erschauderte Severus. Ihm war kein anderer Ausweg eingefallen, um die Demonstrationen möglichst unblutig zu beenden. Doch zu welchem Preis?

„Wir sind gleich da, Sir.“
Hunters tiefe Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Trotz des Nebels konnte Severus bereits die Umrisse des Buckingham Palace erkennen – beziehungsweise von dem riesigen Palast, der nun an dessen Stelle stand.

Nichts erinnerte mehr an den Palast, den Severus vor so vielen Jahren mit offenem Mund bestaunt hatte. Damals war er sieben oder acht Jahre alt gewesen. Tagelang hatte er auf seine Mutter eingeredet, bis sie schließlich eingewilligt hatte, mit ihm zum Buckingham Palace zu apparieren, weil er die anmutige Königin mit eigenen Augen sehen wollte. Er erinnerte sich noch daran, wie beeindruckt er von dem prachtvollen Bauwerk und den Garde-Soldaten in ihren roten Jacken und den lustigen schwarzen Bärenfellmützen gewesen war. Die Queen hatte er zwar nicht gesehen, aber der kleine Severus war trotzdem mit einem Gefühl tiefster Ergriffenheit nach Hause zurückgekehrt. Umso mehr hatte es ihn geschmerzt, bei der Ermordung der königlichen Familie vor 16 Jahren dabei sein zu müssen.

Wenn er nun aus dem Autofenster schaute, löste der Anblick des monströsen Palastes aus Obsidian ganz andere Gefühle in ihm aus als damals. Schwarzer, glänzender Stein soweit das Auge reichte, erschaffen durch dunkle Magie und einem bösen Willen, der nur ein Ziel kannte: die Unterwerfung aller. Der Palast überragte sämtliche Gebäude in der Umgebung und schien ähnlich einem schwarzen Loch alles um ihn herum zu absorbieren. Noch nie hatte auch nur ein einziger Sonnenstrahl die Fassade erreicht. Über dem Palast versteckte sich die Sonne immer hinter dichten Wolken.
Severus erschauderte. Die Kälte, die ihm in die Glieder kroch und sich in ihm ausbreitete, hatte nichts mit den Dementoren zu tun. Auch nicht mit den Leichen, die an der hohen Palastmauer hingen und die Bevölkerung daran erinnern sollten, was passierte, wenn man sich nicht an die Gesetze hielt. Und dass eine Flucht aus diesem Land unmöglich war.
Severus fröstelte, weil er wusste, was ihn innerhalb dieser Mauern erwarten würde.

Vor dem Haupteingang hielt Hunter den Wagen an. Severus stieg aus. Die Wachen vor dem Tor nahmen Haltung an und salutierten, als sie ihn erkannten. Trotzdem musste er seinen Zauberstab überprüfen lassen. Jedem anderen Besucher hätten die Wachleute zusätzlich noch mit einer Seriositätssonde überprüft, doch Severus‘ Blick zeigte den Wachleuten deutlich, dass es für sie unerfreuliche Konsequenzen hätte, wenn sie ihm mit dem Ding zu nahe kämen.

Mit zügigen Schritten durchquerte die düstere Eingangshalle. Mehrere gleichaussehende Türen waren in den schwarzen Stein eingelassen. Die Fackeln an den Wänden tauchten die Halle in ein gespenstisches Zwielicht. Anders als die Außenfassade waren die Wände im Palast roh und unbehauen. Fast könnte man meinen, in einer unterirdischen Höhle zu sein. Vielleicht nannten viele Todesser den Palast deshalb auch das Herz der Finsternis.
Severus schritt wahllos auf eine der Türen zu. Er hob seine Hand, um damit über den rauen Stein zu streichen, als eine der Türen in seiner Nähe aufflog und zwei Todesser herausmarschierten. Sie begleiteten einen dritten Mann, dessen lebloser Körper nur wenige Zentimeter über den Boden schwebte. Das blutverschmierte Gesicht war schwer zu erkennen.
„Halt!“, befahl Severus und die Todesser stoppten abrupt. „Was geht hier vor?“
Sofort drehten sich die beiden zu ihm um und salutierten, als sie ihn erkannten.
Einer von ihnen war Amycus Carrow. Der stämmige, rotblonde Todesser grinste. „Wir entsorgen den Müll“, meinte er und der andere, irgendein speichelleckender Emporkömmling mit zweifelhaftem Blutstatus, gluckste amüsiert.
Ein kalter Blick von Severus genügte, um ihn zum Schweigen zu bringen. Neugierig trat er näher und betrachtete die Leiche. Nach dem Zustand seines Gesichts und seines Körpers zu schließen, war er nicht nur mit dem Cruciatus-Fluch gefoltert worden.
„Asher Raywood“, beantwortete Amycus seine unausgesprochene Frage. „Keiner von uns, aber trotzdem treu und loyal – dachten wir zumindest.“
Nun erkannte ihn Severus. „Er arbeitet in der Abteilung für magische Strafverfolgung… Hat gearbeitet.“
„Und in seiner Freizeit für den Phönix-Orden spioniert.“
Severus betrachtete die Leiche stirnrunzelnd. So hätte er Raywood nicht eingeschätzt. Aber wahrscheinlich machte genau das einen guten Spion aus. „Welche Informationen hat er weitergegeben?“
„Er hat den Orden vor dem Angriff auf Salisbury gewarnt. Deshalb haben wir keinen von ihnen erwischt“, zischte Amycus und verpasste der Leiche einen Tritt. Nicht den ersten, so wie Raywood aussah.
„Dann hat er den Tod verdient“, sagte Severus und wandte sich ab.
„Jap. Und damit jeder sieht, was mit Verrätern passiert, knüpfen wir seine Leiche an der Mauer auf.“

Ohne weiter auf die beiden zu achten, die mit der Leiche im Schlepptau die Eingangshalle durchquerten, stellte Severus sich wieder vor eine der Türen. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und sammelte sich. Er verdrängte jeden Gedanken an Raywood aus seinem Kopf. Das war nicht der erste tote Verräter, den er gesehen hatte, und würde bestimmt auch nicht der letzte sein. Ungewöhnlich war daran nur, dass der Dunkle Lord den Verräter nicht im Beisein seiner Todesser bestraft hatte, um ein abschreckendes Exempel zu statuieren. Sollte Voldemort jemals dahinterkommen, dass Severus Tränke für den Widerstand braute, konnte er mit so einem diskreten Tod nicht rechnen. Für ihn würde sich der Dunkle Lord etwas Besonderes einfallen lassen. Aber darüber wollte er gar nicht erst genauer nachdenken.

Mit seiner Hand strich er über den rauen Stein daneben. Er zuckte kaum, als der scharfkantige Felsen seine Haut aufritzte und er das Blutopfer gab, das ihm Zutritt zu Voldemorts Gemächern verschaffen würde.
„Severus Snape erbittet ein Gespräch mit dem Dunklen Lord.“
Die Tür öffnete sich geräuschlos und er schritt hindurch. Selbst nach all den Jahren hatte er noch nicht den Zauber durchschaut, der es möglich machte, im Erdgeschoß durch die Tür zu treten und dort im Palast herauszukommen, wo auch immer der Dunkle Lord sich im Moment befand.

Der magische Durchgang brachte Severus in den höchsten Turm. Der kreisrunde Raum mit seinen vielen Fenstern bot einen atemberaubenden Ausblick. Selbst bei einem so trüben Wetter wie an jenem Tag hatte man das Gefühl, über den Dingen zu stehen. Die Stadt und ihre Bewohner waren winzig klein. Und unbedeutend. Nicht mehr als Ameisen, die über den Boden krabbelten und keinerlei Beachtung verdient hatten.
In der Mitte des Raums stand ein riesiger Tisch, der die Form Großbritanniens hatte. Der Kartentisch war in der Vergangenheit hilfreich gewesen, wenn die Todesser Einsätze und das beste strategische Vorgehen besprochen hatten. An jenem Tag kauerte ein braunhaariger Junge mit eingefallenen Wangen darunter – möglicherweise ein junger Rekrut. Er schluchzte leise und murmelte vor sich hin, während sein ängstlicher Blick durch den Raum huschte.
„Sie sind überall. Überall… Sie sind überall“, flüsterte er unablässig. Sein Verhalten erinnerte Severus an ein gehetztes Tier. Das braune Haar und die blaugrauen Augen kamen ihm vage bekannt vor, aber Severus konnte den Jungen auf die Schnelle keiner Familie zuordnen, deshalb ignorierte er ihn vorerst.

Der Dunkle Lord stand vor einem dieser Fenster. Er hatte Severus den Rücken zugewandt, drehte sich jedoch um, als dieser demütig auf die Knie sank und den Kopf beugte. Wie immer in der Gegenwart seines Herrn versteckte Severus seine Erinnerungen hinter den dicken Mauern seiner Okklumentik. In seinem Kopf gab es Vieles, von dem Voldemort nichts erfahren durfte.
„Herr.“
„Ah, Severus… Ich hoffe, du bringst gute Neuigkeiten?“
Weiße, spinnenartige Finger gaben Severus das Zeichen, sich vom schwarzen Boden zu erheben. Der Dunkle Lord musterte ihn mit seinen blutunterlaufenen, roten Augen aufmerksam. Severus blickte in das bleiche Gesicht, das bei jeder ihrer Begegnungen ein wenig mehr von seiner Menschlichkeit verlor. Von den ersten Todessern wusste Severus, dass der Lord einst ein attraktiver Mann gewesen war. Schwer vorstellbar, bei dem entstellten Gesicht und den kalten Augen, deren Blick jedes Mitgefühl vermissen ließ. Voldemorts Kopf glich mehr denn je einem Totenschädel.
„Die Lage ist wieder unter Kontrolle, Herr. Auf den Straßen ist es ruhig.“
Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen blickte Voldemort erneut aus dem Fenster. Von hier oben war der Nebelschleier der Dementoren über der Stadt deutlich zu erkennen. Der kreisrunde Raum befand sich mehrere Meter darüber.
„Es war eine gute Idee von dir, die Dementoren zu rufen.“
Severus neigte leicht den Kopf, um eine Verbeugung anzudeuten. „Eurer Lob ehrt mich, Herr.“
„Aber ich frage mich, ob das reichen wird?“
„Nun… Die Demonstrationen sind vorbei. Wir haben den Aufstand erfolgreich niedergeschlagen. Außerdem drückt die Anwesenheit der Dementoren auf die Stimmung. Die Muggel werden nicht so schnell wieder auf die Straße gehen.“
Voldemort drehte sich zu ihm um. Das bleiche Gesicht zeigte einen Hauch von Überraschung, die roten Augen verengten sich jedoch in einem Anflug von Ärger. „Und das reicht deiner Meinung nach?“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Nein, Severus, das wird es nicht. Der Phönix-Orden hat sich eines schweren –unverzeihlichen – Verbrechens schuldig gemacht… Sie haben den Leuten Hoffnung gegeben. Die falsche Hoffnung, dass sie etwas an ihrer Lage ändern könnten. Und schlimmer noch: Die wahnwitzige Hoffnung, dass sie uns besiegen können. Sag mir, Severus, was können wir tun, um diesen Irrglauben wieder aus den Köpfen der Muggel zu entfernen?“
Severus schluckte. Er dachte für einen Moment nach, dann sagte er: „Wir müssen unsere Stärke demonstrieren, Herr.“
Voldemorts lippenloser Mund verzog sich zu einem kalten Lächeln. „Richtig. Wir müssen ihnen zeigen, dass ihre Hoffnung vergebens ist. Sie müssen sehen, was passiert, wenn man sich mir und der Neuen Ordnung widersetzt.“
„Jawohl, Herr.“
„Ich habe schon eine Idee. Avery hat eine Vermutung, wo sich das Hauptquartier des Phönix-Orden befinden könnte.“
Severus verzog sein Gesicht. „Ich weiß. Er hat mir davon erzählt. Avery glaubt, dass sich das Hauptquartier im Sherwood Forrest befindet.“
„Und du bist anderer Meinung?“
„Ja, Herr. Es könnte eine falsche Fährte sein, um uns absichtlich in die Irre zu führen. Oder eine Falle. Ich glaube nicht, dass der Orden des Phönix sich in einem Wald versteckt. Man darf schließlich nicht vergessen, dass sich in den letzten Jahren immer mehr Muggel dieser Gruppierung angeschlossen haben. Wie sollen sie unbemerkt in den Wald gelangen?“
„Du bist ein kluger Mann, Severus. Was denkst du, wo sich das Hauptquartier befindet?“
„Ich denke, dass es sich eher an einem zentralen Ort befindet, der leicht zugänglich ist und vor allem unauffällig betreten werden kann. Selbst von Muggeln. Und es muss ein großer Ort sein, der vielen Menschen Platz bietet. Egal, bei welchem Wetter.“
„Vortrefflich analysiert. Das sehe ich genauso. Deshalb gibt es nur eine logische Möglichkeit, wo sich das Hauptquartier befindet: Hier in London, direkt in unserer Nähe.“
Severus ließ sich seinen Schock nicht anmerken. Seine Maske saß perfekt. „In London“, wiederholte er gespielt nachdenklich. „Das könnte gut möglich sein… Aber ich frage mich, wie groß dieses Hauptquartier sein muss, um all die Rebellen aufnehmen zu können. So ein großes Gebäude wäre uns bestimmt aufgefallen.“
Voldemort lächelte bösartig. „Es sei denn, es liegt unterirdisch. Und es handelt sich dabei nicht um ein Gebäude, sondern um ein ausgeklügeltes Tunnelsystem, das so verzweigt und umfangreich ist, dass es bisher kaum kartografiert werden konnte. Du selbst hast vor einiger Zeit diese Tunnel erwähnt. Ich habe es nicht vergessen.“
Severus erstarrte. Kalter Schweiß brach ihm aus allen Poren. Jetzt musste er alle weiteren Worte weise wählen. „Das ist richtig, Herr… Und ich habe mich dort unten umgesehen. Dort leben tatsächlich Muggel. Frauen, Kinder, Alte und Kranke.“
„Abtrünnige meinst du wohl. Verbrecher, die sich vor dem Gesetz verstecken.“
„Auch, aber nicht viele.“
Voldemort lachte kalt. „Es scheint, als hätten wir ein Ratten-Problem in der Kanalisation.“
„Herr?“
„Wir werden die Kanalisation säubern, bis keine einzige Ratte mehr übrig ist.“
„Wir sollten vorsichtig sein, Herr. Wir wissen nicht, was uns dort unten erwartet. Es ist ihr Gebiet, nicht unseres. Was, wenn es eine Falle ist? Wir können uns keine Verluste erlauben.“
„Das stimmt. Jeder Tropfen magischen Blutes ist kostbar. Deshalb werden wir meine Inferi unten schicken.“
Schon einmal hatte Voldemort seine Armee der Untoten eingesetzt. Nur bei der Erinnerung daran erschauderte Severus. Wochenlang hatte er von blassen Körpern mit verschleierten Augen geträumt, denen nichts und niemand etwas anhaben konnte. Severus konnte seine Bestürzung kaum verbergen. Voldemort bemerkte dies und lächelte spöttisch.
„Meine Inferi werden sie töten. Einen nach dem anderen. Und wenn der Untergrund gereinigt ist, wird meine Armee noch größer sein.“
„E-ein vortrefflicher Plan, Herr“, lobte Severus und schluckte mühsam die Magensäure hinunter, die bei dem Gedanken an dieses Massaker in seinem Hals hochstieg. „Wann wollt Ihr angreifen?“
„Sehr bald. Jedes Zögern kann uns als Schwäche ausgelegt werden. Wir werden ihnen zeigen, was mit Aufständischen passiert… Und mit Blutsverrätern.“

Unheilverkündend schritt er auf den Jungen zu, der die Arme um die Knie geschlungen hatte und wie von Sinnen mit dem Oberkörper vor und zurückwippte.
„Erkennst du ihn, Severus?“, fragte Voldemort und ging vor dem Burschen in die Hocke. „Neville Longbottom. Der Sohn jener Rebellen, die uns so oft in die Quere gekommen sind. Zu oft.“
Severus glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das durfte nicht wahr sein!
„Ich erkenne ihn, Herr. Von den Fahndungsplakaten“, sagte er tonlos.
„Beinahe wäre er uns wieder einmal entwischt. Er hat eine Gruppe Muggel angeführt, musst du wissen. Sie wollten das Parlamentsgebäude stürmen. Ein so mutiger Junge. Wie seine Eltern. Aber leider kämpften sie für die falsche Seite.“
Als Severus Longbottoms verheultes Gesicht betrachtete, schlug sein Herz wie wild. War er der Eine, dem das Unmöglich gelingen sollte? Schwer vorstellbar, dass dieses Häufchen Elend dazu in der Lage war. Wie alt war er überhaupt? Achtzehn? Neunzehn? Auf jeden Fall so alt wie Lilys Sohn.  
„Was geschieht nun mit ihm, Herr?“
„Er sollte wieder mit seinen Eltern vereint sein, findest du nicht?“
Severus griff langsam nach seinem Zauberstab. „Wenn es Euer Befehl ist, Herr…“
Voldemort schüttelte den Kopf. Mit seinen langen, dürren Fingern umfasste er das verweinte Gesicht des Jungen und drehte dessen Kopf in seine Richtung. „Blutsverräter haben keinen schnellen Tod verdient.“
Longbottoms Blick huschte noch immer hin und her. „Sie sind überall… Ich kann sie sehen… Ich kann sie hören…“, murmelte er.
„Wovon spricht er, Herr?“
„Longbottom fürchtet sich vor Schlangen.“ Die roten Augen des Dunklen Lords bohrten sich in die blaugrauen des Jungen. „Sieh mich an, Neville“, befahl er in einem überraschend sanften Tonfall.
Der Junge gehorchte aufs Wort. Das Gemurmel verstarb. Erwartungsvoll blickte er den Lord an.
„Die Schlangen sind hier, Neville. Sie kommen immer näher. Kannst du sie sehen?“, fragte Voldemort mit ruhiger Stimme.
Der Junge stieß einen panischen Schrei aus. Auf allen vieren krabbelte er davon, um sich vor den Schlangen in Sicherheit zu bringen, die nur in seinem Kopf existierten.
„Geht weg!“, schrie er und trat mit den Füßen nach ihnen. „Verschwindet! Lasst mich in Ruhe!“
Es war nicht das erste Mal, dass Voldemort einen Verräter oder einen Gefangenen in den Wahnsinn trieb, nachdem er ihm alle Geheimnisse entlockt hatte. Severus hatte dieser Art der Bestrafung bereits mehrere Male beiwohnen müssen. Voldemort genoss es, den Menschen dabei zusehen, wie sie langsam den Verstand verloren. Er überlegte sich immer neue Methoden, nur das Ende war immer gleich: Niemand überlebte diese grausame Folter.
„Ich glaube, die Schlangen sind unter deiner Haut. Sie bewegen sich darunter. Spürst du sie? Kannst du sie fühlen?“, fragte der Dunkle Lord und grinste bösartig.
In seiner Verzweiflung riss der Junge sich die Kleidung vom Leib. Seine Hände fuhr über seinen zitternden, bleichen Körper. Ob er vor Schmerzen oder vor Verzweiflung schrie, wusste Severus nicht.
„Du musst sie aufhalten“, meinte der Dunkle Lord und holte aus seinem Umhang einen Dolch hervor. „Hier.“
Die Waffe schlitterte über den Boden. Longbottom hechtete nach vorne und griff begierig danach.

Das, was danach geschah, hätte Severus am liebsten für immer aus seinem Gedächtnis verbannt. Er wagte es nicht, den Blick abzuwenden, als Longbottom mit dem Dolch in seinem Wahnsinn auf sich selbst einstach. Unzählige Male durchbohrte der Junge sein eigenes Fleisch. Trotz seiner Schmerzensschreie machte er unaufhörlich weiter, bis er kraftlos und schwer verwundet in sich zusammensank und der Dolch ihm aus der Hand fiel. Mit jedem Tropfen Blut sickerte auch das Leben aus dem Jungen. Es dauerte nicht lange, bis sein Blick starr wurde und er keinen Laut mehr von sich gab.
Severus hatte auf ein Wunder gehofft und war enttäuscht worden. Er wusste, was Longbottoms Tod zu bedeuten hatte, auch wenn er diesen Gedanken seit achtzehn Jahren erfolgreich verdrängte.

Mit ausdrucksloser Miene stand er neben dem Dunklen Lord, auf dessen Gesicht sich ein zufriedenes Lächeln ausbreitete. Voldemort trat wieder ans Fenster und blickte hinaus.
„Das ist die Strafe, wenn man mich verrät.“
„Ja, Herr…“ Severus‘ Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Er kämpfte erneut gegen die Übelkeit an, die in ihm aufstieg. Schnell wandte er den Blick von der Leiche ab.
„Du solltest nun gehen, denn es gibt viel vorzubereiten. In zwei Tagen werden wir den Phönix-Orden endgültig vernichten. Und du wirst die Ehre haben, diesen Einsatz zu leiten.“

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Ich weiß, Hermine kam heute nicht vor, aber hey - im nächsten Kapitel hat sie Geburtstag ;-) Ich hoffe, es hat euch trotzdem gefallen!

Mein besonderer Dank gilt meiner Test- und Betaleserin Marginalie!
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