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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
18.08.2022
52
232.718
152
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285 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
04.11.2021 4.784
 
Kapitel 15: Unten

Die heiße August-Sonne brannte erbarmungslos auf Hermine nieder, als sie im Kräuterbeet kniete und das Unkraut ausriss. Die Erde unter ihren Knien fühlte sich genauso trocken an wie ihre Kehle.
Es war frustrierend. Was half es, eine Hexe zu sein, wenn sie ohnehin nicht zaubern durfte? Während sie sich den Schweiß von der Stirn wischte, träumte sie davon, mit nur einem Schlenker ihres Zauberstabs das Unkraut verschwinden zu lassen. Mittlerweile besaß sie sogar einen Zauberstab, aber der lag gut versteckt in ihrer Dachkammer, denn sie durfte ihn nur verwenden, wenn Snape es gestattete.
Oder wenn sie heimlich mit Ron übte. Heute Nacht wäre es wieder soweit. Der Gedanke daran bescherte Hermine ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Das lag vor allem daran, weil Ron angekündigt hatte, ihr den Aufrufezauber beizubringen. Nicht, weil er das letzte Mal beim Rückweg zum Haus ihre Hand gehalten hatte.

Hermine war noch viel zu sehr mit ihren Erinnerungen an die letzte Unterrichtsstunde beschäftigt, als dass sie die näherkommenden Schritte gehört hätte. Erst, als sich ein Schatten wie ein drohendes Unheil über sie legte, blickte sie von ihrer Arbeit auf und direkt in das grinsende Gesicht von Snape.
„Lust auf ein Abenteuer, Granger?“  

***


Ein fauliger Geruch waberte aus der Kanalöffnung. Zaghaft machte Hermine einen Schritt darauf zu und blickte hinunter. Tiefste Schwärze starrte ihr entgegen. Noch dunkler als das nächtliche London um sie herum. Als hätte Snape den Schlund zur Hölle geöffnet.
„Was ist, Granger? Traust du dich doch nicht? Noch kannst du umkehren.“
Sie blickte in das fremde Gesicht, das mit vertrauter Stimme zu ihr sprach. Ein blonder Severus Snape – der Anblick war faszinierend und verwirrend zugleich. Trotz des Verwandlungszaubers schaffte es Snape, dem hübschen Gesicht den gewohnt spöttischen Ausdruck zu verpassen. Eine blonde Augenbraue wanderte langsam nach oben, als er ihr Zögern bemerkte.
Wenn man sie erwischen würde, würden ihre Leichen morgen schon an der Mauer des Buckingham Palace baumeln. Nun, dann durften sie sich eben nicht erwischen lassen. Hermine straffte die Schultern.
„Ich mache es.“
Snape grinste. „Alles andere hätte mich auch enttäuscht.“ Er hängte sich die Tasche mit den Tränken um. „Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe. Da unten bin ich Adam. Halte deinen Zauberstab bereit, aber so, dass man ihn nicht sieht. Und wie heißt du?“
„Elsie“, hauchte sie.
Er schnaubte abfällig. „Dein gutes Herz in Ehren, aber es macht dich sentimental und schwach. Und für Schwäche ist in dieser Welt kein Platz. Merk dir das, Elsie.“

Snape ging voran. Er klemmte seinen leuchtenden Zauberstab zwischen die Zähne und stieg in die Finsternis hinab. Hermine folgte ihm. Die Steigeisen im Einstiegsschacht waren rutschig. Bei jedem Schritt fürchtete sie abzustürzen, denn in ihren kniehohen, Gummistiefeln fand sie auf den metallenen Sprossen kaum Halt.
Erleichtert atmete Hermine auf, als sie heil unten angekommen war, obwohl sie bereits ahnte, dass der Abstieg in die Londoner Kanalisation noch die einfachste Aufgabe in dieser Nacht gewesen war. Sie blickte ungefähr sechs Meter zu der Öffnung nach oben, durch die sie soeben gekommen waren. Noch konnte sie den Sternenhimmel sehen, doch dann ließ Snape den Kanaldecken an seinen Platz zurückschweben und eine tiefschwarze Dunkelheit umfing sie.

Nur Snapes Zauberstab spendete ein wenig Licht. Er leuchtete damit die Umgebung aus und versuchte sich auf der handgezeichneten Karte zu orientieren. Das Abflussrohr, in dem sie standen, war so hoch, dass sie sich nicht ducken mussten. Hier unten war es kühler als oben im sommerlichen London, dafür herrschte eine hohe Luftfeuchtigkeit. Hermine blickte zu ihren Füßen. Sie standen inmitten einer Abwasserrinne, durch die eine grün-braune Brühe floss. Der Gestank ließ sie unwillkürlich die Nase rümpfen. Snape hatte sie gewarnt. Und er hatte nichts beschönigt.
„Da entlang.“ Er leuchtete mit seinem Zauberstab in die Röhre zu ihrer Rechten. Sie sah genauso wenig einladend aus wie die ihre. Die Kanalwände waren fleckig, der Boden schleimig-glänzend und rutschig. Ekelerregend.

Zuerst hatte sie gedacht, Snape würde sie auf den Arm nehmen, als er ihr gesagt hatte, wohin sie ihn begleiten durfte. Doch Snape machte keine Scherze.

Sie blieb ihm dicht auf den Fersen. Ohne ihn würde sie sich hier unten sofort verirren. Zügig stapfte er durch das Abwasser und schien sich nicht an dem halb aufgelösten Klopapier und anderen Dingen zu stören, die unter ihren Stiefeln vorbeitrieben und bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch hinterließen. Hermine versuchte dem Unrat auszuweichen, tänzelte hin und her, bis Snape sich wütend zu ihr umdrehte.
„Lass das. Du wirst hier unten so oder so dreckig. Konzentriere dich lieber auf deine Umgebung. Wir müssen wachsam sein.“
Sie nickte gehorsam und versuchte das Schmatzen des Morasts unter ihren drückenden Stiefeln zu ignorieren. Bei dem süßlich fauligen Gestank gelang ihr das leider nicht.

In ihrer Manteltasche umklammerte Hermine ihren Zauberstab fester. Snape hatte ihn am Schwarzmarkt besorgt. Das Tannenholz war abgegriffen und an manchen Stellen quoll bereits das Kelpie-Haar des Kerns hervor. Angeblich war das ein minderwertiges Material, aber für Hermine war der Stab der größte Schatz. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie viel Snape dafür hatte bezahlen müssen.

Irgendwann löschte Snape das Licht seines Zauberstabs. Sie verließen sich auf die Wirkung des Katzenaugen-Tranks, den sie eingenommen hatten und der es ihnen ermöglichte, auch in der Dunkelheit etwas zu sehen. Trotzdem kamen sie nur langsam voran. Hermine verlor jegliches Zeitgefühl. Die Schwüle und drückende Enge der Kanalisation schlugen ihr aufs Gemüt. Der anfängliche Nervenkitzel und die Aufregung eines bevorstehenden Abenteuers waren einer dumpfen Angst gewichen. Immer wieder warf sie einen Blick über die Schulter. Sie waren nicht allein, sie spürte es. Damit meinte sie aber nicht die unzähligen Ratten, die ihren Weg kreuzten und sich von den beiden Besuchern kaum aus der Ruhe bringen ließen.

„Wir sind bald da“, flüsterte Snape und versuchte ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, doch auch er war sichtlich angespannt und so blieb es nur bei einem gutgemeinten Versuch.  
Sie bogen nach links ab und standen auf einmal vor einem weitaus kleineren Rohr. Der Gestank, der von dort kam, war wesentlich intensiver.
„Da müssen wir durch.“
Auf allen vieren krochen sie den Abwasserkanal entlang. Hermine atmete mittlerweile nur noch durch den Mund. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie ihr brauner Mantel danach diesem Abenteuer aussehen oder gar riechen würde.

Endlich war die Röhre zu Ende und Snape half ihr beim Rausklettern. Nun befanden sie sich in einem großen Tunnel.
„Das sind alte U-Bahn-Tunnel. Sie sind mit alten Luftschutzbunkern der Muggel verbunden“, erzählte Snape leise. „Das Areal hier unten ist so groß wie halb London. Viele dieser Tunnel sind nirgendwo erfasst. Ein ideales Versteck.“
Hermine nickte nur. Nach und nach trafen sie auf Spuren menschlicher Bewohner: Graffitis an den Wänden, Lumpen am Boden, Kartons, die vielleicht einmal als Schlafstätte gedient hatten.

Unbeirrt schritt Snape weiter. Sie folgten den Gleisen um eine Biegung. Am Ende des Tunnels sahen sie ein schwaches Licht. In einer anderen Situation hätte Hermine bei diesem Anblick vielleicht so etwas wie Hoffnung empfunden. Aber nicht hier. Ihr graute vor dem, was dort auf sie warten würde.

Rechts und links säumten kleine Hügel ihren Weg. Hermine hielt sie für Kleiderhaufen, bis der erste von ihnen von einem heftigen Hustenanfall gebeutelt wurde. Wie angewurzelt blieb Hermine stehen. Der alte Mann, abgemagert bis auf die Knochen, rang röchelnd nach Luft. Skelettartige Finger zogen die zerlumpte Decke wieder nach oben, die er bei seinem Anfall abgeschüttelt hatte. Hermine wollte zu ihm eilen, um ihm zu helfen, doch Snape hielt sie zurück. Er schüttelte den Kopf.
„Aber er braucht unsere Hilfe!“, protestierte sie.
„Wir können nichts mehr für ihn tun.“
„Wir haben Heiltränke!“
„Nicht für ihn“, sagte Snape und ging weiter.
Hermine zögerte einen Moment, dann lief sie ihm hinterher. Sie durfte Snape nicht verlieren. Das wäre hier unten ihr Ende. Außerdem hatte er die Tasche mit den Tränken. „Was kostet ein Trank? Ich bezahle ihn.“
„Du hast es noch immer nicht verstanden, Elsie.“
„Dann erkläre es mir, Adam!“

Es überraschte sie nicht, dass Snape ihre Aufforderung ignorierte. Aber es machte sie wütend. Sie stapfte ihm mit zu Fäusten geballten Händen hinterher, konnte kaum den Blick von den anderen totkranken Menschen abwenden, an denen Snape vorbeimarschierte als wären sie Luft. Berührte es ihn denn gar nicht?
Wie konnte er die Frau im gelben Kleid übersehen, die kaum einen Meter von ihnen entfernt am Boden saß? Ein Freudenmädchen, denn nur sie trugen Gelb. Sie lehnte mit geschlossenen Augen an der kalten Ziegelmauer. Man hatte ihr ein Bein abgetrennt – zweifellos die Strafe für einen Fluchtversuch aus einem Bordell. Beim Anblick ihres entzündeten Beinstumpfs und der Maden, die sich in der Wunde tummelten, spürte Hermine, wie ihr ein Schwall Magensäure in den Hals hochstieg. Sie schlug die Hand vor den Mund und hastete weiter. Fast war sie froh über die Tränen, die ihr den Blick verschleierten und ihr so die Sicht auf das Elend um sie herum nahmen.

Nach ein paar Metern waren keine Sterbenden mehr zu sehen. Dafür schwoll das dumpfe Brummen an, das Hermine erst langsam als Stimmengewirr unzähliger Menschen erkannte. Es vermischte sich mit dem Lärm einiger Generatoren. Sie lieferten den Strom für die schwachen Lampen, die alle paar Meter an den Wänden hingen. Hier unten lebten tatsächlich Menschen. Ziemlich viele sogar, dem Geruch nach zu urteilen. Es stank nach Fäkalien, Schweiß und Verzweiflung. Snape zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht und zugleich einen Schal über den Mund. Er hatte Hermine erklärt, dass dies notwendig wäre. Man durfte sie nicht erkennen. Und sie sollten sich auch nicht anstecken, denn die Menschen hier unten waren krank, das war ihnen deutlich anzusehen.

Aus Kartons, Planen und Holzlatten hatten sich die Bewohner kleine Verschläge gebaut, die ihnen ein wenig Privatsphäre ermöglichten. Unter den vielen braunen Mänteln und Kleidern entdeckte Hermine hin und wieder auch andere Farben. Das Grau unfreier Muggel, wie sie einer war, aber auch Farben, die es gar nicht geben durfte. Sie sah Rosa und Hellblau. Bunt gestreifte Pullover, gepunktete Röcke und geblümte Blusen. So viele Farben und Muster! Hermine klappte der Mund auf. Trotz des teilweise schlechten Zustands der Kleidung und dem Schmutz darauf konnte Hermine sich kaum daran sattsehen. Und mit einem Schlag wurde ihr bewusst, wo sie hier waren. Das waren Rebellen! Snape hatte sie zu den Widerstandskämpfern geführt!
Die Erkenntnis raubte ihr für einen Moment den Atem. Die Todesser würden Snape für den Verrat umbringen und diese Menschen hier würden ebenfalls keine Sekunde zögern, ihn zu töten. Und Hermine gleich mit, weil sie ihm half. So oder so – ihr Tod war gewiss. Snape musste sich dessen bewusst sein, trotzdem bahnte er sich zielstrebig einen Weg durch die Menschen und schien keine Angst vor den Konsequenzen zu haben. Auf wackeligen Beinen hastete sie ihm hinterher und ignorierte die neugierigen Blicke, mit denen sie als Neuankömmlinge gemustert wurden.

In dem Wirrwarr an Abzweigungen, Versorgungsschächten und Wartungstunneln schien nur Snape sich zurechtzufinden. Für Hermine sah alles gleich aus. Schließlich gelangten sie zu einer aufgelassenen U-Bahnstation. „King William Street“ verkündete ein abgeblättertes Email-Schild. Sie kletterten von den Schienen hinauf auf den Bahnsteig. Zwei Abzweigungen später befanden sie sich wieder in einem Tunnel, in dem kleine Kabinen aus Beton errichtet worden waren. Auch sie dienten den Menschen als Wohn- und Schlafstätten, waren aber kaum komfortabler als die selbstgebauten. An den rauen Wänden hatten die Bewohner unzählige Symbole, Zeichnungen und Botschaften hinterlassen. Das Wort „Яise!“ war besonders häufig zu lesen. „Wacht auf! Erhebt euch! Kämpft!“, schien es zu bedeuten. Nur das spiegelverkehrte R verwirrte Hermine, aber sie hatte kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn Snape setzte seinen Weg unbeirrt fort und sie hatte große Mühe, ihn zwischen all den Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.

Kindergeschrei und der Duft nach Kohl hingen in der Luft, als sie vor einer dicken blauen Stahltür zwischen all den Kabinen Halt machen. Davor standen zwei grimmig aussehende Muskelberge, mit Händen so groß wie Pizzateller. Hermine ging hinter Snape in Deckung.
„Ich will zu Dodge“, verlangte er. „Wir sind verabredet.“
Die Türsteher blickten erst unbeeindruckt auf Snape herab, doch als er seine Kapuze gelüftet und den Schal vom Mund genommen hatte, erkannten sie ihn und gaben den Weg frei.
„Ah, Adam! Wir haben Sie schon sehnsüchtig erwartet!“
Ein alter Mann mit silbergrauem Haar und einer auffallenden, etwas pfeifenden Stimme kam ihnen entgegen. Er trug eine gewagte Mischung an den unterschiedlichsten Farben und lächelte sie freundlich an. Zur Begrüßung schüttelte er Snape kurz die Hand und wandte sich dann an Hermine.
„Wer ist dieses hübsche rothaarige Fräulein in Ihrer Begleitung?“
Für einen kurzen Moment war Hermine sich unsicher gewesen, ob er tatsächlich sie damit gemeint hatte. Dann erinnerte sie sich wieder daran, dass es nicht ratsam gewesen war, Snape bei der Gestaltung ihres Aussehens freie Hand zu lassen. Trotzdem rang sie sich ein Lächeln ab und schüttelte die schwielige Hand des Mannes.
„Ich heiße Elsie.“
„Sehr erfreut, meine Liebe. Ich bin Elphias Dodge.“ Er kratzte sich kurz am Kopf, dann drehte er sich wieder zu Snape um. „Was haben Sie heute für mich?“
„Heiltränke, Skele-Wachs, Blutbildungstränke und ein paar Tiegel Wundsalbe.“ Er streifte die Tasche ab, legte sie auf einen Tisch und räumte den kostbaren Inhalt langsam aus.
Die Augen des alten Mannes leuchteten und er klatsche vor Aufregung in die Hände. „Hervorragend! Wir wüssten nicht, was wir ohne Sie tun würden. Ohne Heiltränke kommen wir mit den Heilzaubern auch nicht weit.“ Er hielt die Tränke gegen das Licht der schäbigen Deckenleuchte. „Und so eine hervorragende Qualität! Ihr Freund ist ein wahrer Meister seines Fachs.“
Snape zuckte die Achseln. „Ich bin ein Muggel. Ich kenn mich damit nicht aus.“
Dodge klopfte ihm auf die Schulter. „Sie sind ein Engel, Adam. So wie Ihr Freund.“ Er kratze sich wieder am Kopf und ging hinüber zu einem Schränkchen, das wie ein alter Tresor aussah. Darin befand sich nichts weiter als ein kleines Säckchen. Es klimperte, als er es in die Hand nahm und es Snape überreichte. Dodges Unterlippe zitterte und in seinem Blick schimmerten Tränen. „Wir haben wirklich alles versucht, aber mehr haben wir nicht zusammenbekommen… Ich weiß, das ist weniger, als ausgemacht war, viel weniger, aber–“
„Es ist genug. Das reicht vollkommen. Danke.“ Snape ließ das Säckchen schnell in seiner Tasche verschwinden.
Hermine starrte ihn an. Allein die Zutaten für die Wundsalbe waren mehr als zehn Galleonen wert! In einer Apotheke hätten all die Tränke mindestens hundert, wenn nicht sogar zweihundert Galleonen gekostet. In dem Säckchen war niemals so viel Gold gewesen.
„Wird Ihr Freund das auch so sehen? Wir sind auf seine Großzügigkeit angewiesen… Ohne ihn…“
Snape lächelte. „In zwei Wochen bringe ich Ihnen wieder Tränke, versprochen. Was brauchen Sie denn? Das Übliche?“
Dodge kratzte sich am Kopf. „Ja. Und etwas gegen Läuse.“
Snape verzog das Gesicht. „Na wunderbar.“

Bevor Hermine und Snape sich auf den Heimweg machten, lud Dodge sie noch auf einen Schluck selbst gebrannten Schnaps ein. Hermine lehnte dankend ab, denn beim Anblick des trüben Gebräus schwante ihr nichts Gutes. Snape überredete sie jedoch dazu und grinste hämisch, als sie nach Luft schnappte, weil es sich so anfühlte, als hätte der Schnaps ihr die Speiseröhre verätzt.
„Die kleine Elsie verträgt nichts“, spottete er und klopfte ihr auf den Rücken.
Hermine hätte ihm gerne eine freche Antwort gegeben, doch sie war zu sehr damit beschäftigt, nicht zu ersticken. Mit einem verächtlichen Blick in Snapes Richtung stolperte sie nach draußen. Sie stützte die Hände auf die Knie und wartete darauf, dass sich ihre Atmung wieder normalisierte. Währenddessen plauderte Snape noch angeregt mit dem alten Zauberer und gab sich dabei selbst als Muggel aus. Sie hatten offensichtlich schon ein paar Mal miteinander zu tun gehabt, dann Dodge erkundigte sich nach dem Befinden von Snapes erfundener Ehefrau.

„Nein! Nicht mein Baby! Hilfe! Er will mir mein Baby wegnehmen! Hilfe!“
Hermine hob den Kopf. Die panischen Schreie der Frau kamen von einer Kabine ganz in ihrer Nähe. Zögerlich machte sie ein paar Schritte in diese Richtung. Sie sah, wie ein Mann auf eine Frau einredete, die ein Bündel in ihren Armen hielt und es gegen ihre Brust drückte.
„Sei vernünftig, Maggie! Gib es her!“, verlangte der Mann.
„Nein! Das ist mein Kind! Hilfe! So helft mir doch!“
Hermine zögerte nicht länger. In ihrer Manteltasche umklammerte sie ihren Zauberstab. Sie durfte ihn nur im äußersten Notfall zücken. Das hatte Snape ihr eingeschärft. Außerdem beherrschte sie erst ein paar Zaubersprüche; er wäre ihr also ohnehin keine große Hilfe.
„Lass sie in Ruhe!“, schrie Hermine und rannte auf die zwei Personen zu.
„Scher dich zum Teufel, Rotschopf!“, blaffte der Mann sie an. „Das hier geht dich nichts an!“
Er wollte der Frau das Kind aus den Armen reißen, doch Hermine schlug mit ihren Fäusten auf seinen Oberarm ein.
„Aaah! Du irres Weib!“ Der Mann ließ von der Frau ab. Mit hochrotem, wutverzerrtem Gesicht machte er einen bedrohlichen Schritt auf Hermine zu, die sich schützend vor die Frau gestellt hatte. „Das ist auch mein Kind!“, brüllte er. „Und es ist tot, Maggie! Hörst du? Tot!“
„Nein! Es schläft nur! Sieh doch!“ Die Frau kam hinter Hermine hervor und deckte das Kind auf.

Der Anblick des toten Kindes blieb Hermine erspart, den Snape hatte sie gerade noch rechtzeitig an den Schultern gepackt und weggezogen.
„Komm!“, befahl er und schob sie vor sich her.
Trotzdem warf Hermine noch einen Blick über die Schulter. Sie sah, wie die Eltern zu Boden sanken und gemeinsam den Tod ihres Kindes beweinten.
Hermine blieb stehen. Die Szene erschütterte sie zutiefst. „Sie brauchen Hilfe.“
„Ja, aber nicht von uns.“ Snape nahm ihre Hand und zog sie unerbittlich vorwärts. „Beweg dich, Elsie. Wir müssen zurück.“
Mit ihrer freien Hand wischte Hermine sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie weinte leise, weil sie Snape keinen Grund liefern wollte, um sich über sie lustig zu machen. Das Leid der Menschen im Untergrund hatte sie zutiefst schockiert und betroffen gemacht.
Schon bald hatten sie die ehemalige U-Bahn-Station hinter sich gelassen. Den Abschnitt mit den Todkranken durchmaßen sie mit schnellen Schritten. Nun verstand Hermine.
„Sie bringen die Sterbenden hier raus, nicht wahr? Die, für die es keine Hoffnung mehr gibt.“
Snape nickte.

Als sie endlich wieder im Abschnitt mit den Ratten waren, hatte Hermine zu weinen aufgehört und sich einigermaßen beruhigt. Snape half ihr, in das enge Abflussrohr zu klettern. Nachdem sie auch diesen Teil geschafft hatten, lief Hermine schweigend neben ihm her. Sie schwitzte unangenehm in den Gummistiefeln, die überall drückten. Mittlerweile schmerzte jeder Schritt. Wahrscheinlich hatte sie sich die Füße wund gelaufen.
„Brauchst du eine Pause?“, fragte Snape, der ihr leichtes Humpeln bemerkt hatte.
„Nein, Herr. Es geht schon.“
Wie immer ignorierte Snape sie, diesmal war sie ihm jedoch insgeheim dankbar dafür. „Wir legen eine kurze Rast ein.“
Hermine suchte sich ein trockenes Fleckchen, setzte sich hin und atmete erleichtert auf. Im Sitzen waren die Schmerzen wesentlich erträglicher. Sie konnte es gar nicht mehr erwarten, diese verdammten Gummistiefel auszuziehen.
Im Gegensatz zu ihr blieb Snape stehen, blickte sich wachsam um, lauschte. Abgesehen von dem leisen Plätschern des Abwassers war es sehr still in diesem Teil der Kanalisation. Sein Verhalten machte Hermine nervös. War ihnen etwa jemand gefolgt?
Wahrscheinlich wollte Snape genau das überprüfen, denn er zückte seinen Zauberstab und murmelte einen Zauber. Eine sichtbare Reaktion blieb aus, was ihn aber zu beruhigen schien, denn er steckte seinen Stab wieder ein und drehte sich zu Hermine um.
„Alles in Ordnung.“
In der Zwischenzeit sie aus ihrem rechten Gummistiefel geschlüpft. Sie hatte sich tatsächlich eine Blase gelaufen. Ihre Socke war an der Ferse blutig.
„Was ist los?“, fragte Snape.
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nur eine Blase…“
„Lass mich sehen“, verlangte er und ging vor ihr in die Hocke.
„Ist nicht so schlimm!“, sagte sie hastig, als er Anstalten machte, ihr die Socke auszuziehen. Sie wollte ihren Fuß zurückziehen, doch Snape hielt ihn fest.
„Halt still, Granger. Ich will dir doch nur helfen.“
Sie glaubte ihm, dennoch fühlte sich die Situation seltsam an. Es war immerhin Snape, der ihren Fuß hielt. Snape, die Hand des Dunklen Lords, ihr „Besitzer“ und Meister, der nicht gezögert hatte, ihr unendliche Schmerzen zuzufügen. Ausgerechnet er sorgte sich nun um sie, weil sie Blasen an den Füßen hatte? Das passte nicht zu ihm. Genauso wenig wie es zu ihm passte, den Widerstand mit Heiltränken zu versorgen. Sie starrte ihn an. Trotz seines veränderten Aussehens entdeckte sie noch immer etwas von Snape in den Gesichtszügen. Die Art, wie er sie abwartend ansah. Der strenge Zug um seine Mundwinkel. Ja, das war eindeutig Snape, aber nicht der Snape, den sie zu kennen glaubte.
„Sollten uns die falschen Leute hier unten entdecken, müssen wir sofort verschwinden und dann ist es wichtig, dass du schnell rennen kannst“, sagte er.
Ob er mit den „falschen Leuten“ seine Todesser oder die Rebellen meinte, ließ er offen.
Hermine nickte langsam und sträubte sich nicht länger dagegen, dass Snape ihr die Socke auszog. Stirnrunzelnd begutachtete er ihren verletzten Fuß. Mit seinem Zauberstab stupste er sanft dagegen. Schon im nächsten Augenblick schlang sich ein Verband um ihren Fuß.
„Ich habe keine Wundsalbe dabei, aber das sollte die Schmerzen ein wenig erträglicher machen.“ Er zog ihr die Socke wieder an und wiederholte die Prozedur bei ihrem anderen Fuß. „Ach ja, und die Stiefel…“ Er wedelte kurz mit dem Zauberstab und richtete sich wieder auf.
Als Hermine in die Gummistiefel schlüpfte, merkte sie, dass sie nun größer waren und nicht mehr so schrecklich drückten. Er hatte sie größer gezaubert.
Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Danke, Herr.“
Snapes Antwort war nur ein knappes Nicken, ehe er sich umdrehte und wortlos davonmarschierte. Hermine folgte ihm. Die blutigen Blasen schmerzten zum Glück kaum noch.

Soweit es der Tunnel zuließ, lief sie schweigend neben ihm her, dabei gab es so viel, worüber sie mit ihm sprechen wollte. Der Besuch im Untergrund hatte mehr Fragen aufgeworfen, als er beantwortetet hatte. Unsicher blickte sie zu ihm. Je näher sie dem Ausgang kamen, desto angespannter schien er zu sein.  
„Herr?“
„Hm?“
„Ihr braut diese Tränke, um den Menschen zu helfen. Nicht, um sie zu verkaufen.“
„Richtig. Ein Punkt für die Muggeline… Ich habe dich mitgenommen, weil ich wollte, dass du es mit deinen eigenen Augen siehst.“
„Macht Ihr das schon lange?“
„Einige Monate“, antwortete er ausweichend.
„Mir tun diese Menschen furchtbar leid. Ich möchte ihnen unbedingt helfen. Ich glaube, wir müssen mehr Tränke brauen.“
„Nein.“
„Nein?“ Das war nicht die Antwort, mit der sie gerechnet hatte. „Diese Menschen brauchen unsere Hilfe!“
„Ja, aber wir können sie nicht alle retten.“
„Wir sollten es zumindest versuchen!“
Snape blieb stehen. „Nein, Granger. Das wäre sinnlos.“
„Wieso? Wie kann es sinnlos sein, Menschenleben retten zu wollen?“
„Weil es ein aussichtsloses Unterfangen ist. Es sind zu viele. Wenn wir mehr Tränke brauen, brauchen wir auch mehr Zutaten. Es ist jetzt schon schwierig genug, die Zutaten zu beschaffen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Das Risiko ist zu groß, verstehst du? Wenn wir auffliegen, dann bekommen sie gar keine Hilfe mehr.“
„Also sollen wir einfach so weitermachen? Ein paar retten wir und der Rest stirbt einfach?“
„Ohne unsere Tränke würden sie alle sterben“, antwortete er. Da war er wieder: Der kalte, rationale Severus Snape, den sie kannte. Wie konnte er nur so voller Widersprüche sein?
„Warum tut Ihr das überhaupt? Ich verstehe es nicht.“ Sie sah ihn eindringlich an, doch er wich ihrem Blick aus.
„Wir müssen weiter.“
So schnell gab sie jedoch nicht auf. „Sind das Schuldgefühle? Gewissensbisse? Reue?“
„Sei still, Granger. Sprich nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast.“
„Also habe ich Recht.“
Er seufzte ungehalten. „Mir tun diese Menschen leid. Zufrieden?“
„Dann ändert etwas dagegen! Ihr seid die Hand des Dunklen Lords!“
„Ich kann nichts ändern!“
„Wollt Ihr nicht oder könnt Ihr nicht?“
Snape verzog verächtlich das Gesicht. „Ich hätte dich niemals mitnehmen dürfen.“
„Wenn Euch diese Menschen leidtun, warum helft Ihr ihnen dann nicht? Es muss doch einen Weg geben… Man könnte doch die Gesetze ändern. Wenn es wieder Ärzte geben würde–“
„Du stellst dir das so einfach vor. Der Dunkle Lord würde das niemals erlauben. Das Elend dieser Menschen interessiert niemanden. Reinblüter scheren sich nicht um kranke Muggel.“
„Aber der Widerstand schon. Und es werden angeblich immer mehr. Irgendwann werden sie-“
Snape lachte kalt. „Du setzt deine Hoffnung in den Widerstand? Gesetzlose, Diebe und Grabräuber? Du bist ja noch naiver, als ich dachte. Sie haben nicht einmal den Hauch einer Chance gegen den Dunklen Lord und seine Armee.“
Seine Reaktion verunsicherte Hermine. „Es gibt mehr Muggel als Zauberer.“
„Ja, das war auch schon vor 15 Jahren so. Und was hat es den Muggeln gebracht? Nichts. Wir haben sie überrannt. Die Armee des Dunklen Lords kann nicht gestoppt werden. Was können Muggel einer Armee aus Riesen, Werwölfen, Dementoren und Inferi entgegensetzen? Nichts. Es war damals schon ein Gemetzel. Und so wird es wieder sein. Der Dunkle Lord ist unbesiegbar.“
Snapes Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er die Wahrheit sprach, dennoch konnte Hermine es nicht glauben. „Niemand ist unbesiegbar. Er ist ein Mensch. Jeder Mensch kann sterben.“
„Er nicht. Ich war dabei, als ihn ein Todesfluch getroffen hat. Er hat ihn überlebt. Er ist aufgestanden und hat weitergekämpft, als ob nichts geschehen wäre.“
„Und was heißt das? Dass wir einfach so weitermachen? Dass wir die Hoffnung aufgeben und akzeptieren, dass sich niemals etwas ändern wird?“
Snape nickte. „Das wäre am besten.“
„Das kann ich nicht.“
Ihre Eltern hatten immer gesagt, dass auch wieder bessere Zeiten kommen würden. Sie müssten nur darauf vertrauen und durften die Hoffnung nicht aufgeben. Dieser Gedanke gab ihr Kraft. Wenn es keine Hoffnung mehr gab, welchen Sinn hatte dieses Leben dann noch?
„Hör mir zur, Granger: Du wirst weitermachen müssen, denn du hast keine andere Wahl.“
„Ich kann doch das Elend dieser Menschen nicht einfach ignorieren“, sagte sie kopfschüttelnd. „Nicht nachdem, was ich heute gesehen und erlebt habe.“

Snape lächelte plötzlich unheilvoll und sah ihr direkt in die Augen. „Nun, das ist kein Problem. Wenn die Erinnerungen zu belastend für dich sind, lässt sich das leicht ändern. Ich bin dir gerne behilflich…“
Er zückte seinen Zauberstab, doch Hermine hatte schon damit gerechnet. Die ganze Zeit über hatte sie die Hand um ihren Zauberstab geschlossen gehabt. In dem Moment, als Snape „Memento!“ rief, war sie schon breit gewesen.
Protego!“
Sein Fluch wurde von ihrem Schildzauber abgeblockt.
Snape überspielte seine Überraschung gekonnt. „Du erstaunst mich immer wieder. Wer hat dir den Schildzauber beigebracht?“ Er machte bedrohlich einen Schritt auf sie zu.
Hermine wich zurück. „Niemand. Ich habe ihn mir selbst beigebracht.“
„Langsam solltest du wissen, dass du die Wahrheit nicht vor mir verheimlichen kannst…„Expelliarmus!“
Diesmal reagierte Hermine zu langsam. Mit einer einzigen fließenden Bewegung fing er ihren Zauberstab auf, presste Hermine gegen die Wand und drückte ihr seinen Zauberstab gegen die Kehle. „Also, raus mit der Sprache. War es Weasley? Bestimmt war er es, wer denn sonst…“
Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Freiwillig würde Snape von ihr nichts erfahren.
Fast schien ihr Widerstand ihn zu amüsieren. Seine Mundwinkel zuckten leichten, als er ihr ohne zu blinzeln in die Augen schaute. Sie wusste nicht, wie er es machte, doch sein Gesicht und die Umgebung verschwammen und lösten sich auf. Bilder rasten durch ihren Kopf, Erinnerung reihte sich an Erinnerung wie ein greller Film, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie sah Ron auf der Decke liegen, wie er ihr die Sternbilder erklärte… den überraschenden Ausdruck auf seinem versteinerten Gesicht, als sie mit einer Ganzkörperklammer außer Gefecht gesetzt hatte… den Schokofrosch, den er ihr als Belohnung für ihren ersten Schildzauber geschenkt hatte… ihre Gesichter, die einander ganz nah waren, als sie sich vor Snape hinter der Hecke versteckt hatten … wie Ron die Röte ins Gesicht schoss, als er schüchtern nach ihrer Hand griff…

Hermine wollte ihm das nicht zeigen. Sie wollte nicht, dass Snape diese Erinnerungen sah. Sie gehörten nur ihr und gingen ihn nichts an, aber sie wusste nicht, wie sie ihn davon abhalten sollte. Sie versuchte, an nichts zu denken und gegen seine Anwesenheit in ihrem Kopf anzukämpfen und ihn wieder hinauszudrängen.
Vielleicht wäre es ihr sogar gelungen, doch Snape hatte genug gesehen und beendete den Zauber von sich aus.
Er verzog verächtlich das Gesicht. „Wie romantisch…Das hätte ich Weasley gar nicht zugetraut. Auch er überrascht mich immer wieder. Leider nur negativ. Einmal Blutsverräter, immer Blutsverräter.“
„Bitte…Bestraft ihn nicht dafür“, flehte Hermine. „I-ich habe ihn dazu angestiftet und ihn überredet. Er wollte eigentlich gar nicht…“
Snape schnalzte missbilligend mit der Zunge. Überraschend zärtlich wischte er ihr eine Träne von der Wange. „Ssscht, du sollst nicht lügen, Hermine…Memento!

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Wieder ein langes Kapitel...

Wer glaubt, dass ich mir die verlassene Station oder die Kanalisation nur ausgedacht habe, kann gerne mal hier vorbeischauen.
Ein extrem spannendes Thema!
U-Bahn: http://www.abandonedstations.org.uk/King_William_Street_2.html
Kanalisation: https://www.urbextour.com/en/urbex-travel/london-sewers-and-manchester-drains/
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