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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
19.05.2022
40
167.616
104
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28.10.2021 4.228
 
Kapitel 14: Kleine Geheimnisse

Seit der ungeheuerlichen Entdeckung ihrer Zauberkräfte vor zwei Tagen hatte Hermine sich all jene Zaubersprüche in Erinnerungen gerufen, die sie in den vergangenen Jahren gehört hatte. In unbeobachteten Momenten murmelte sie leise die Zauberformeln und wartete auf eine Reaktion, doch ohne Zauberstab schienen es nur irgendwelche Worte in einer fremden Sprache zu sein. Nichts geschah, wenn sie vor einer verschlossenen Tür stand und „Alohomora!“ sagte. Ohne Zauberstab waren ihre Kräfte nutzlos.
Fast hätte sie schon gedacht, dass sie der Vorfall mit Snape im Labor und das darauffolgende Gespräch in ihrer Dachkammer nur ihrer blühenden Fantasie entsprungen waren, hätte Snape sie nicht endlich wieder ins Labor gerufen.

„Das Rezept liegt auf deinem Platz, Granger. Es sollte kein Problem für dich darstellen…“
Ein Blick auf die Rezeptur und die lange Zutatenliste machte ihr deutlich, dass dieser Blutbildungstrank anspruchsvoller war als alle Tränke, bei denen sie bisher assistiert hatte.
„Ist etwas unklar?“
„Nein, Herr.“
„Warum hast du dann noch nicht angefangen?“ Er wandte sich an Ron. „Sie werden eine Wundsalbe zubereiten. Nehmen Sie aber diesmal das Rezept von Tugwood. Darin wird kein Bubotubler-Eiter verlangt. Wir können nur hoffen, dass dieser Lieferengpass bald vorbei ist… Ach, und bevor ich vergesse, es zu erwähnen: Granger ist eine Hexe.“

Klonk.
Ron war der Kessel aus der Hand gefallen. Zuerst schien er wie versteinert zu sein, dann blinzelte er ein paar Mal. Es hatte ihm offensichtlich die Sprache verschlagen. Oder er hatte einen Schlaganfall erlitten.
Snape grinste hämisch. „Machen Sie den Mund zu, Weasley. Das ist kein sonderlich schöner Anblick.“

Hermine stand mit hochrotem Gesicht neben dem Zutatenregal und versuchte Rons fassungslosen Blick zu ignorieren, was ihr aber nicht gelang. Sie konnte ihn deutlich spüren.
Das war also Snapes Art, sich um Ron zu kümmern, wie er es angekündigt hatte. Hermine konnte es kaum glauben. Selbst von Snape hätte sie ein wenig mehr Feingefühl erwartet. Und vor allem mehr Diskretion.
„Wi-wirklich?“, fragte Ron unsicher.
„Sehe ich aus, als würde ich Scherze machen?“, fragte Snape gefährlich leise und Ron schüttelte sofort den Kopf. „Gut. Ich hoffe, Sie erinnern sich noch an die Bedingungen unserer Zusammenarbeit? Alles, was in diesem Labor geschieht oder besprochen wird, ist streng vertraulich und darf niemand erfahren. Auch dieses kleine Geheimnis“, er blickte hinüber zu Hermine, „bleibt unter uns. Sie wissen, was für Ihre Familie auf dem Spiel steht, nicht wahr, Weasley?“
Ron schluckte sichtbar, doch dann nickte er. „Ja, Sir.“
„Gut.“ Snape drehte ihnen den Rücken zu und beschäftigte sich wieder mit den Nachschlagewerken im Bücherregal.

Während Hermine die Zutaten für einen Schmerzlinderungstrank vorbereitete, blickte Ron immer wieder verstohlen zu ihr. Er vergewisserte sich, dass Snape beschäftigt war, umrundete schnell den Tisch und stellte sich dann neben Hermine.
„Warum hast du nichts gesagt?“, flüsterte er so leise wie möglich, damit Snape ihn nicht hören konnte. In einem steinernen Mörser zerrieb er getrocknete Kräuter zu einem feinen Pulver.
„Ich wusste es ja selbst nicht.“
„Wie kann man nicht wissen, dass man eine Hexe ist?“
„Keine Ahnung? Vielleicht… wollte ich es nicht wahrhaben.“
„Du musst es doch bemerkt haben? Ist dir nie etwas Merkwürdiges passiert, wenn du wütend warst oder Angst hattest? Als Kind?“
Hermine zögerte. Die Frage hatte sie sich in den vergangenen Tagen oft gestellt. Rückblickend waren ihre magischen Kräfte die Erklärung, für so manchen seltsamen Vorfall in ihrer Kindheit. Wieso sie es geschafft hatte, über den zugefrorenen See zu laufen und die anderen Kinder nicht. Oder wieso sie auf ihrem Fahrrad schneller als das Muggel-Polizeiauto gewesen war. „Doch.“
„Und du hast dir dabei nie was gedacht?“
„Nein“, sagte sie nachdrücklich und hoffte, dass er das Thema nun endlich auf sich beruhen ließ, doch Ron war neugierig.
„Wie hast du es jetzt entdeckt? Was ist passiert?“
Snape räusperte sich vernehmlich.
Sofort blickten Hermine und Ron ängstlich zu ihm, doch er nahm seelenruhig weiter verschiedene Bücher aus dem Regal, blätterte kurz darin, und stellte sie dann wieder an ihren Platz zurück. Es schien so, als hätte er das Gespräch nicht gehört, doch Hermine wusste es besser. Es war eine Warnung gewesen.
„Ich habe den Heiltrank gebraut. Allein. Und deshalb war klar, dass ich kein Muggel sein kann.“ Alles andere verschwieg sie.
Beeindruckt stieß Ron einen leisen Pfiff durch die Zähne aus. „Und er ist einverstanden damit?“
„Ja, scheint so.“
„Also keine Muggeline mehr? Finde ich gut. Ich wusste, dass mehr in dir steckt.“
Sein Kompliment machte Hermine ein wenig verlegen. Sie lächelte scheu und versuchte sich nicht von ihrem Trank ablenken zu lassen. Hexe hin oder her – beim Brauen duldete Snape keine Unachtsamkeiten.
„Ich kann Zaubersprüche mit dir üben, wenn du willst. Und dir alles erklären, was du über die magische Welt wissen musst.“
Das klang verlockend, aber da gab es ein ungefähr 1,8 Meter großes stets mürrisches Problem. Hermine biss sich nachdenklich auf die Unterlippe und blickte hinüber zu Snape. „Ich weiß nicht, ob er damit einverstanden ist.“
„Nein, das bin ich ganz gewiss nicht“, antwortete er und drehte sich zu ihnen um. „Gehen Sie auf Ihren Platz zurück, Weasley! Sie und Lehrer! Da lachen ja die Hippogreife! Sie könnten höchstens als Beispiel dafür dienen, wie man es nicht machen sollte.“ Er legte Hermine ein Buch auf den Tisch. „Das wirst du lesen, Granger. Zur ersten Orientierung. Und dann sehen wir weiter.“
Neugierig blätterte Hermine durch das Buch mit dem Titel „Grundlagen der Zaubertrankbrauerei. Ein Leitfaden für Anfänger“. Die Bilder darin bewegten sich sogar!
„Danke, Herr. Ich freue mich schon darauf, es zu lesen“, sagte sie aufrichtig.
Snape nickte mit ernster Miene. „Und jetzt wird gearbeitet.“

Damit waren die letzten Worte für die nächsten Stunden gewechselt. Das konzentrierte Schweigen im Labor wurde nur selten von Snapes Anweisungen oder seinen spöttischen Kommentaren unterbrochen.
Die Zubereitung des Blutbildungstranks stellte sich als äußerst schwierig heraus. Die komplizierte Rezeptur, die vielen Zutaten – Hermine war schon nach kurzer Zeit schweißgebadet und wünschte sich ein zweites Paar Hände. Sie ahnte, dass Snape sie mit diesem Trank auf die Probe stellte. Er wollte ihre Fähigkeiten testen. Deshalb durfte sie nicht versagen. Obwohl sie seine ständige Nähe nervös machte, weil er die meiste Zeit wie ein Schatten hinter ihr stand und jeden ihrer Handgriffe beobachtete, hatte seine Anwesenheit auch etwas Gutes an sich. Zwei Mal hatte sein rasches Eingreifen verhindert, dass ihr der Trank misslang.

Im Gegensatz zu Hermines Trank nahm die Herstellung der Wundsalbe nur wenig Zeit in Anspruch. Nachdem er die Salbe in kleine Tiegel abgefüllt hatte, reinigte Ron mit einem Schlenker seines Zauberstabs die verschmutzte Arbeitsfläche. Er verabschiedete sich mit einem herzhaften Gähnen aus dem Labor. Hermine unterdrückte den Drang, es ihm gleichzutun, und blickte hinüber zu Snape. Auch er sah müde aus, während er die kleinen Tiegel mit der Wundsalbe beschriftete. Der Trank musste nur noch wenige Minuten ziehen, deshalb hatte er sie allein gelassen. Jetzt konnte sie nichts mehr falsch machen.
„Der Trank ist fertig, Herr.“
Wortlos erhob Snape sich von seinem Stuhl. Er warf einen Blick in den Kessel, rührte den blutroten Trank ein paar Mal um und schien an dem Endprodukt nichts auszusetzen zu haben. Mehr Lob durfte sie nicht erwarten.
„Wenn du deinen Platz gereinigt hast, darfst du gehen.“

Beim Anblick der verdreckten Arbeitsfläche seufzte Hermine leise. Der klebrige, grüne Saft der Snargaluff-Früchte war bereits eingetrocknet. Ihn zu entfernen, würde sie sicher einiges an Kraft und Zeit kosten. Sie holte einen Eimer Wasser und eine Scheuerbürste und versuchte nicht daran zu denken, wie mühelos Ron seine Seite des Tisches gereinigt hatte. Ein Schlenker seines Zauberstabs hatte genügt. Nicht zum ersten Mal beneidete sie Ron um sein Wissen und vor allem um seinen Zauberstab. Sie wusste, was echte Hexen und Zauberer mit ihren Fähigkeiten vollbringen konnten. Sie hingegen war nicht einmal in der Lage, einen verdreckten Tisch zu reinigen.

Die Erkenntnis war bitter. Ihren Frust ließ Hermine an den Rückständen des Snargaluff-Safts aus. Mit zusammengebissenen Zähnen schrubbte sie den Tisch grober als notwendig und merkte dabei gar nicht, wie Snape sie beobachtete.
„Probier’s lieber damit“, sagte er und hielt ihr seinen Zauberstab entgegen.
Hermine sah erst den Zauberstab und dann Snape überrascht an. Diesmal zögerte sie nicht. Sie nahm den Zauberstab und richtete ihn auf die Tischplatte.
Bevor sie noch etwas sagen konnte, schnalzte Snape missbilligend mit der Zunge. „Du hältst den Zauberstab viel zu fest, viel zu verkrampft. Du bist doch kein Muggel-Bauer mit einer Mistgabel in der Hand.“
Hermine hätte ihn gerne gefragt, woher ausgerechnet er etwas über Muggel-Bauern wusste, doch seine Reaktion auf freche Fragen kannte sie schon zur Genüge. Deshalb lockerte sie schweigend den Griff ein wenig, was Snape noch immer nicht reichte.
„Hör auf, dich daran festzuklammern. Die Magie steckt in dir, nicht im Zauberstab. Betrachte ihn als einen Teil von dir. Er ist der verlängerte Teil deines Arms.“
Nun hielt sie den Stab nur noch locker in der Hand, jedoch fest genug, um ihn nicht unabsichtlich fallen zu lassen.
„Besser. Weißt du, wie der Zauber lautet?“
Hermine nickte. Ron hatte ihn vorhin laut und deutlich ausgesprochen.
„Dann los.“
Ratzeputz!
Kleine, schillernde Seifenblasen stiegen von der Oberfläche auf und zerplatzen geräuschlos. Die Arbeitsplatte war noch nicht vollständig sauber, aber nicht mehr so dreckig wie zuvor. Hermine wiederholte den Zauber noch zwei Mal, bis alle Spuren des Snargaluff-Safts spurlos verschwunden waren.
„Danke“, sagte Hermine lächelnd und gab Snape den Zauberstab zurück. Er nickte und steckte ihn wieder ein.
„Du kannst gehen.“
Sie nahm das Buch vom Tisch, schloss es in ihre Arme und drückte es an ihre Brust, als wäre es ihr größter Schatz. „Gute Nacht.“

Hermine war schon fast bei der Tür, als sie unvermittelt stehen blieb. Es gab eine Frage, die sie Snape stellen musste, obwohl sie glaubte, seine Antwort bereits zu kennen. Sie holte tief Luft, bereitete sich innerlich darauf vor, dass er ihr höhnisch ins Gesicht lachen würde, und drehte sich zu ihm um.
Snape stand nicht mehr beim Arbeitstisch. Er war damit beschäftigt, fertige Tränke in eine große, braune Umhängetasche zu packen. Für einen Moment beobachtete Hermine ihn dabei, dann schien er zu bemerken, dass sie ihn anstarrte, denn er blickte zu ihr.
„Ist noch was?“
Hermine räusperte sich. „Ich- ich wollte fragen, ob… ob ich vielleicht – irgendwann – einen eigenen Zauberstab haben könnte? Bitte?“

Er brach zwar nicht in schallendes Gelächter aus, aber er wirkte überrascht. Zumindest hatte ihn die Frage nicht verärgert. Das betrachtete Hermine als kleinen Erfolg.
„Du kennst das Gesetz. Nur Reinblüter und Halbblüter dürfen Zauberstäbe besitzen.“
„Es könnte ein weiteres Geheimnis sein.“ Sie lächelte zaghaft, doch seine Miene blieb ernst. „Es hätte jede Menge Vorteile, wenn ich einen eigenen Zauberstab hätte. Ich könnte damit meine Aufgaben im Haus schneller erledigen. Mrs Cole beschwert sich immer, dass so viel zu tun ist. Das könnte ich ändern. Ich würde selbstverständlich dafür sorgen, dass mich keiner dabei erwischt.“
„Das wäre dennoch zu auffällig. Mrs Cole ist nicht dumm.“
„Aber dann hätte ich mehr Zeit und könnte mehr Tränke brauen. Viel mehr Tränke. Wäre das nicht ein Vorteil für… für unsere gemeinsame Sache?“
Snape schüttelte den Kopf. „Und wie sollen wir die Zutaten dafür unauffällig beschaffen? So einfach, wie du dir das vorstellst, ist das nicht.“
„Dann erklärt es mir.“ Sie blickte zu der Tasche, die er noch immer in der Hand hielt. „Für wen sind die Tränke?“
Sein Blick wurde abweisend. „Irgendwann wirst du es erfahren. Aber jetzt solltest du besser gehen. Gute Nacht, Granger.“
Sie wusste, dass jedes weitere Wort sinnlos war. So kam sie hier nicht weiter. Sie musste einen anderen Weg wählen. Er hatte ihr vor zwei Tagen in ihrem Zimmer klargemacht, dass er sie in der Hand hatte. Sich dagegen aufzulehnen, war zwecklos. Sie hatte die Situation akzeptiert. Fürs Erste.
„Gute Nacht, Herr“, sagte sie leise und verließ das Labor.

***


Einige Tage später steckte ihr Ron im Vorbeigehen eine Nachricht zu. Hermine hätte sie ignorieren sollen. Das wäre für alle Beteiligten das Beste gewesen, doch ihr Wunsch – ihr Verlangen – danach, neue Zaubersprüche zu lernen und wieder einen Zauberstab in der Hand zu halten, war stärker als ihre Vernunft gewesen. Sonst hätte sie sich nicht weit nach Mitternacht aus ihrem Zimmer geschlichen.
Obwohl bei jeder Stufe, die sie Richtung Erdgeschoss hinunterstieg, ihr schlechtes Gewissen wuchs, konnte sie dennoch nicht umhin, sich auf die nächtliche Unterrichtsstunde mit Ron zu freuen. Und es gab noch einen Grund, warum sie diesem Treffen zugestimmt hatte: Vielleicht wusste Ron, für wen Snape die Tränke braute.

Wie vereinbart stand die Tür zum Garten offen. Auf Zehenspitzen schlich Hermine aus dem Haus, schloss nahezu lautlos die Tür hinter sich und atmete erleichtert auf, als ihre Füße wenige Schritte später das weiche Gras berührten. Sie warf einen nervösen Blick über die Schulter. Im Haus hinter ihr brannte kein einziges Licht. Snape Manor und seine Bewohner schliefen tief und fest. Zumindest einige davon.

Hermine mied den knirschen Kiesweg. Sie stieg über eine niedrige Hecke und bog beim Springbrunnen links ab. Im Schein der heimlich geliehenen Taschenlampe sah die Nymphe, aus deren Krug sich das Wasser des Brunnens sprudelte, nicht mehr so verführerisch wie tagsüber aus.
Hinter der mannshohen Buchsbaumhecke wartete Ron auf sie. Er saß im Schneidersitz auf einer karierten Decke und grinste selbstgefällig.
„Ich dachte schon, du hättest kalte Füße bekommen.“
Hermine stemmte die Hände in die Hüften und blickte mit strenger Miene auf ihn hinunter. „Das ist ganz schön riskant, Ron! Wenn uns irgendjemand erwischt, bekommen wir riesigen Ärger.“
„Wer soll uns erwischen? Die alte Snape ist nicht zu Hause. Die Fledermaus ist auch ausgeflattert. Mrs Cole liegt mit Kopfschmerzen im Bett und Hunter… Keine Ahnung, was der macht, aber der ist sicher froh, wenn er einen Abend Ruhe hat.“
Hermine war sich sicher, dass sein lässiges Gehabe nur gespielt war. Er riskierte sehr viel für diese Unterrichtsstunde, um die sie nicht gebeten hatte.

Ron hatte ein kleines Feuer mit blauen Flammen entfacht, das ihnen ein wenig Licht spendete. Hinter seinen Rücken zog er einen Apfel hervor und warf ihn Hermine zu. Verdutzt fing sie ihn auf.
„Was-?“
Ron vollführte eine flinke Bewegung mit seinem Zauberstab und schon schwebte der Apfel Hermine aus der Hand. Er stieg langsam höher und verharrte dann regungslos so hoch über ihrem Kopf, dass sie ihn nicht einmal erreichen könnte, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellen würde. Sie hätte springen müssen, aber das war eindeutig unter ihrer Würde.
„Hey!“
„Ich dachte, wir probieren einen Schwebezauber aus. Das war das Erste, was ich damals in Zauberkunst gelernt habe.“
Ron hatte noch einen zweiten Apfel mitgebracht, in den er genüsslich hineinbiss. Er schwang wieder seinen Zauberstab und Hermines Apfel landete auf der Decke. „Komm her, dann zeige ich dir, wie das geht.“

Hermine setzte sich zu ihm auf die Decke. Sie war so begierig darauf, den Zauber zu lernen, dass sie kaum bemerkte, wie unsicher Ron in ihrer Gegenwart wurde. Er räusperte sich ein paar Mal, bevor er die Zauberformel mehrmals langsam wiederholte und die dazugehörige Zauberstabbewegung vorführte. Wutschen und Wedeln nannte er das Gefuchtel.
Trotz seiner Erklärungen schaffte es Hermine nicht, ihren Apfel schweben zu lassen.
„Ich verstehe das nicht. Warum klappt das nicht? Beim Zaubern mit Snape hat es immer gleich funktioniert“, murmelte sie verbissen.
„Bei Snape? Du hast mit Snape Zaubern geübt?“ Ron sah sie ungläubig an.
Hermine nickte. „Er hat mir seinen Zauberstab geborgt, damit ich ein paar einfache Zaubersprüche ausprobiere und jeden habe ich auf Anhieb geschafft.“ Sie gab nicht auf, sondern vollführte ein weiteres Mal die lockere Bewegung aus dem Handgelenk, die Ron ihr gezeigt hatte, und sprach die Zauberformel. Der Apfel rollte ein paar Zentimeter über die Decke, aber er stieg nicht in die Luft.
„Es liegt an deiner Betonung“, sagte Ron, nachdem er seinen Schock überwunden hatte. „Es heißt Wing-gar-dium Levi-oooh-sa, nicht Levi-o-saaa.“
„Das sage ich doch die ganze Zeit!“
„Ne, tust du nicht, sonst würde der Apfel nicht noch am Boden liegen.“ Ron grinste.
Hermine zog eine Augenbraue hoch. „Niemand mag Besserwisser, Ronald.“
„Sagst ausgerechnet du. Jedes Mal, wenn wir für Snape brauen müssen, schaffst du es, mich wie den größten Idioten aussehen zu lassen.“
„Dann streng dich mehr an. Wingardium Leviosa!

Diesmal hatte es funktioniert! Der Apfel schwebte gut einen Meter über der Decke.
„Siehst du das? Siehst du das? Ich hab’s geschafft!“ Vor lauter Freude umarmte Hermine Ron so stürmisch, dass ihm kurz die Luft wegblieb, ehe sie nach weiteren Objekten suchte, die sie schweben lassen konnte. Kurze Zeit später gesellten sich die Taschenlampe, ein Zweig und mehrere Kieselsteine zu dem Apfel. Mit einem weiteren Schlenker des Zauberstabs umkreisten sie den Apfel wie Monde einen Planeten.

Ron brachte Hermine noch ein paar weitere einfache Zaubersprüche bei. Sie übten, bis es schon fast zwei Uhr war.
„Du hast dich echt gut angestellt“, meinte Ron zufrieden und ließ sich auf die Decke zurücksinken. „Könnte an deinem Lehrer liegen. Mit mir macht Zaubern doch sicherlich mehr Spaß als mit der fetthaarigen Fledermaus.“
Hermine kratze sich gespielt nachdenklich am Kinn. „Möglicherweise. Das kann ich aber erst nach einer weiteren Übungsstunde mit Gewissheit sagen.“
„Echt? Also, du willst wirklich nochmal? Mit mir?“
„Ja, wenn du auch willst. Und wenn du wieder was zu essen mitbringst.“ Hermine biss in ihren Apfel.
„Kein Problem. Mein Zimmer ist gleich neben der Vorratskammer. Und ich habe einen Zauberstab.“
„Wie praktisch. Aber wenn Mrs Cole dich erwischt, versohlt sie dir den Hintern.“ Sie grinste.
Ron machte eine wegwerfende Handbewegung. „Mich erwischt keiner. Fred und George waren die größten Unruhestifter in Hogwarts. Ich habe einiges von ihnen gelernt.“
Hermine erschrak. Elsie hatte das auch behauptet! „Das war eine dumme Idee von mir. Lass das mit der Vorratskammer. Ich will nicht, dass sie dich erwischen. Bitte, versprich es mir.“ Hermine sah ihn eindringlich an. Sie wollte nicht, dass Ron ihretwegen Schwierigkeiten bekam.
Er zuckte mit den Achseln. „Okay.“
Hermine ließ sich nun auch auf die Decke zurücksinken und schaute nach oben. Es war eine klare Nacht und über ihnen funkelten die Sterne. Wie Diamanten auf schwarzem Samt. Zuhause hatte sie die Sterne nie so deutlich sehen können. Dafür war es in der Stadt zu hell gewesen.
„Das ist wunderschön“, flüsterte sie.
Neben ihr nickte Ron, streckte seinen Arm aus und zeigte auf den Nachthimmel. „Siehst du den hellen Stern dort? Das ist der Polarstern. Und mit sechs weiteren Sternen bildet er den Kleinen Bären oder Kleinen Wagen. Links daneben ist das Sternbild Drache. Darunter ist der Große Bär.“
„Und der helle Stern dort drüben?“
„Ähm…“ Ron kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Das … hm… könnte Kassiopeia sein. Oder Andromeda. Ich war nicht so gut in Astronomie.“
„Hast du das in Hogwarts gelernt?“
„Ja, klar. Dafür mussten wir mitten in der Nacht rauf auf den Astronomieturm und stundenlang Sterne in Karten eintragen. War ganz schön langweilig.“
„Ich finde, das klingt toll… Erzähl mir mehr über Hogwarts. Wie ist es dort?“
„Schrecklich“, antwortete er düster. „Mum und Dad haben uns immer Geschichten erzählt, wie es früher dort gewesen ist. Vor den Todessern und dem Dunklen Lord. Damals hätte es vielleicht sogar Spaß gemacht, zur Schule zu gehen, aber jetzt… Meine Eltern waren in Gryffindor, das war das beste Haus. Jetzt gibt es nur noch Slytherin. Trotzdem wird man noch aufgeteilt. Familien nennen sie das. Davon gibt’s vier: Reinheit, Treue, Ehre und Macht. Das sind die Eigenschaften, die dem alten Slytherin am wichtigsten waren.
Jede Familie hat einen eigenen Gemeinschaftsraum, so wie damals, als es noch unterschiedliche Häuser gab. In Reinheit kommen nur die Reinblüter aus den Todesserfamilien, die anderen Familien werden ausgelost. Ich war mit meinen Geschwistern in Ehre. Daran war aber nichts ehrenhaft. Unser Familienoberhaupt war Professor Carrow. Sie ist eine abartige, sadistische Sabberhexe. Sie hasst Halbblüter und ganz besonders Blutsverräter. Sie war auch die Lehrerin für Muggelkunde, das Fach muss jeder besuchen. Sie hat uns einreden wollen, dass Muggel eigentlich nur Affen mit weniger Haaren sind. Und das erkennt man ihrer Meinung nach daran, dass sie … ähm… nun ja… es… wie die Tiere machen.“ Seine Ohren wurden plötzlich rot. „Ich weiß, dass das völliger Blödsinn ist, viele wissen das, aber wenn man etwas sagt, dann wird man übelst bestraft. Es wurde noch schlimmer, als die letzten netten Lehrer weggegangen sind. Ohne McGonagall und Flitwick war‘s dann nicht mehr dasselbe. Und Direktorin Umbridge ist sowieso die Schlimmste von allen… Spaß macht eigentlich nur Quidditch. Meine Schwester Ginny ist echt gut, meine Brüder auch. Ich war natürlich auch in der Mannschaft. Ich bin ein ziemlich guter Hüter. An mir kommt kein Quaffel vorbei.“
Sein aufschneiderischer Tonfall brachte Hermine zum Schmunzeln. „Klar.“
„Unsere Familie hat sogar drei Mal den Quidditch-Pokal geholt.“
„Ich kenne mich zwar mit Quidditch nicht aus, aber das klingt … beeindruckend.“
„War es auch… Ich kann dir die Spielregeln erklären, wenn du willst. Quidditch ist der beste Sport der Welt…. Aber vielleicht nicht mehr heute. Sonst schlafe ich hier noch ein.“ Er gähnte herzhaft und setzte sich auf.
„Ach? Bin ich so langweilig?“
„Was? Nein. Nein! So habe ich das doch nicht gemeint!“ Er sah sie erschrocken an.
„Weiß ich doch“, sagte sie grinsend. „Wir sollten wirklich besser zurückgehen.“

Während Ron das Feuer löschte, rollte Hermine die Decke zusammen und hob die Taschenlampe vom Boden auf. Es war tatsächlich schon sehr spät, aber für Hermine war an Schlaf nicht zu denken. Sie fühlte sich so energiegeladen wie schon lange nicht mehr. Es gab so viel, das sie noch lernen und wissen wollte.
Das Zaubern hatte ihr großen Spaß gemacht und langsam fühlte sie sich tatsächlich wie eine Hexe, obwohl der Gedanke noch immer befremdlich war. Jahrelang hatten Hexen und Zauberer für sie all das dargestellt, was in ihren Augen verachtenswert und schlecht war. Nun gehörte sie zu ihnen.
Hermine musste unwillkürlich schnauben. Nein, sie würde niemals wirklich zu ihnen gehören. Sie würde für immer eine Hexe zweiter Klasse sein. Unrein. Unwürdig. Unerwünscht.
„Was hast du?“, fragte Ron leise, der das verräterische Schimmern in ihren Augen bemerkt hatte.
„Nichts…“ Sie drehte ihm den Rücken zu und wischte sich schnell die Tränen aus den Augen.
„Warum weinst du dann?“ Ron sah sie ratlos an. Ihr plötzlicher Stimmungswechsel verwirrte ihn offensichtlich.
„Weil… Weil ich niemals eine echte Hexe sein werde.“
„Häh? Aber du bist eine echte Hexe! Eine ziemlich gute sogar.“
„Ach Ron…“ Sie schüttelte den Kopf und lächelte traurig. „Ich bin doch nur ein Schlammblut. Ich werde niemals richtig zaubern können, denn ich darf es gar nicht lernen. Und ich darf keinen eigenen Zauberstab haben. Du kennst doch die Gesetze.“
Ron schwieg und genauso wortlos machten sie sich auf den Rückweg. Erst nach einer langen Pause begann er zögerlich zu sprechen.
„Es… es gibt da eine Möglichkeit. Beim Widerstand ist es egal, welchen Blutstatus man hat. Jeder ist willkommen. Angeblich bieten sie sogar Unterricht-“

Nicht weit von ihnen war ein leises Plopp ertönt – jenes Geräusch, das ein Zauberer beim Apparieren machte. Ron reagierte geistesgegenwärtig. Er ging hinter einer niedrigen Hecke in Deckung und zog Hermine mit sich. Ihr Sturz hatte ein dumpfes Geräusch erzeugt, aber viel verräterischer war Hermines schmerzerfülltes Stöhnen gewesen. Ron hielt ihr den Mund zu und legte seinen Zeigefinger an die Lippen. Beklommen nickte Hermine. Nicht auszudenken, wenn man sie erwischen würde! Mitten in der Nacht, außerhalb des Anwesens! Ein Reinblüter mit einem Muggel – das würde sie beide in gewaltige Schwierigkeiten bringen. Sobald Ron seine Hand von ihrem Mund genommen hatte, rückte Hermine ein Stück von ihm weg. Trotzdem lagen sie noch so nah beieinander im Gras, dass sie seinen warmen Atem an ihrer Wange spüren konnte. Ihr Herz schlug schneller in ihrer Brust und das lag nicht nur an ihrer Angst, entdeckte zu werden.
Mit pochenden Herzen kauerten Hermine und Ron hinter der Hecke und sahen, wie das Licht einer Zauberstabspitze die Umgebung absuchte.
Erst, als der Zauberer zu dem Entschluss gekommen war, dass er sich das Geräusch nur eingebildet hatte, marschierte er auf das dunkle Anwesen zu.

Hermine und Ron atmeten erleichtert auf. Sie blickten verstohlen über die Hecke und beobachteten, wie der Zauberer im Haus verschwand. Es gab keinen Zweifel daran, wer das gewesen war.
„Warum kommt Snape erst jetzt nach Hause?“, fragte Hermine leise.
„Regierungsgeschäfte vielleicht? Ein Kerl wie der hat sicherlich keine heimliche Geliebte.“ Ron schüttelte sich bei der Vorstellung.
Sie verdrehte die Augen. „Er hatte seine Umhängetasche dabei.“
„Na und?“
„Das heißt, dass er die Tränke weggebracht hat. Die Frage ist nur, wohin. Und wer sind seine Abnehmer? Für wen braut Snape?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Ron.
„Er hat es dir nie gesagt?“
„Ich habe ihn nie gefragt. Weil es doch offensichtlich ist.“
Hermine starrte Ron an und wartete auf eine Erklärung.  
„Er verkauft sie am Schwarzmarkt. Muggel dürfen keine Tränke in Apotheken kaufen, deshalb verkauft Snape sie illegal. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Galleonen er damit schon verdient hat. Er nützt die Verzweiflung der Muggel aus und bereichert sich daran. Passt doch zu ihm.“
„Bist du dir sicher?“, fragte Hermine skeptisch. Snape hatte zweifellos viele schlechte Eigenschaften, aber Profitgier gehörte ihrer Meinung nach nicht dazu.
„Klar. Warum sollte er sonst die Tränke brauen? Er will natürlich nicht, dass jemand von seinem schmutzigen Geheimnis erfährt. Kommt nicht so gut als Hand des Dunklen Lords.“
Hermine war noch nicht überzeugt. „Ich weiß nicht… Das passt irgendwie nicht zusammen… Und warum hat er einen braunen Mantel wie ein gewöhnlicher Muggel getragen? Es ist doch verboten, die Farbe eines anderen Standes zu tragen. Snape muss das wissen.“
„Ja und? Snape schert sich nicht viel um seine eigenen Gesetze. Du bist das beste Beispiel dafür.“

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Nächsten Donnerstag wird Snapes Geheimnis gelüftet ;-)
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