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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
23.06.2022
45
191.509
111
Alle Kapitel
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21.10.2021 4.759
 
Kapitel 13: Die Hexe, die es nicht geben darf

Ein Hauch von Freiheit. Danach fühlte es sich an, als Hermine allein den Zaubertrank braute. Keine Befehle, keine spöttischen Bemerkungen. Eigene Entscheidungen treffen. Frei sein.
Der trügerische Moment vollkommenen Glücks fand ein jähes Ende, als die Tür des Labors krachend gegen die Wand flog und Snape hereinstürmte. Die Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Vor Schreck über sein plötzliches Auftauchen stieß Hermine einen spitzen Schrei aus und stolperte ein paar Schritte rückwärts. Ihr Blick huschte ängstlich zwischen seiner finsteren Miene und dem Zauberstab in seiner Hand hin und her. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. Dabei entglitt ihr die Phiole in ihrer Hand. Sie zersprang am Boden.
„Habe ich nicht gesagt, dass dieses Labor für Weasley und dich tabu ist, wenn ich nicht dabei bin? Was tust du hier?“
„D-den Hei-heiltrank abfüllen, Herr.“ Sie bückte sich schnell, um die Scherben einzusammeln.
Snape gab einen genervten Laut von sich. „Reparo!“, knurrte er und die unzähligen glitzernden Scherben setzten sich wieder zu einer Phiole zusammen, die Hermine sofort aufhob.

Bedrohlich kam er auf sie zu und blickte in den Kessel. Hermine machte sich schon auf eine Standpauke oder Schlimmeres gefasst, denn Snape sah alles andere als begeistert aus.
„Weasley hat den Heiltrank gebraut?“
„Ähm… also… eigentlich…“
„Hätte ich ihm gar nicht zugetraut, wenn man bedenkt, dass der Junge schon Probleme beim Aufsetzen von Teewasser hat.“
Nervös beobachtete Hermine, wie er den smaragdgrünen Trank umrührte und auf Fehler beim Brauen untersuchte. Hinter dem Rücken kreuzte Hermine ihre Finger. Sie hatte alles richtig gemacht, hoffte sie. Zumindest entsprachen die Konsistenz und die Farbe des Tranks den Vorgaben im Rezept.
„Ist der Trank in Ordnung, Herr?“
„Das werden wir gleich sehen.“
Snape holte einen einzelnen Feenflügel vom Zutatenschrank, den er vorsichtig zwischen seinen Fingern hielt und damit zum Kessel zurückkehrte.
„Wenn Weasley alles richtig gemacht hat – was ich ihm auch geraten haben will – dann wird sich der Flügel auflösen.“
Snape ließ den zarten Flügel in das Gebräu fallen. Innerhalb weniger Sekunden verschwand er und hinterließ nichts als ein zartes Glitzern auf der smaragdgrünen Oberfläche.
„Nahezu perfekt. Ein wenig zu flüssig, aber das ist nicht weiter tragisch. Wenn man die Phiolen über Nacht an einem kühlen Ort lagert, dickt er nach.“
Hermine konnte ihre Freude kaum verbergen. Sie hatte es tatsächlich geschafft! Sie klatschte in die Hände und sprang auf und ab. Wäre es nicht Snape gewesen, der neben ihr stand und ihren Jubel mit hochgezogenen Brauen beobachtete, wäre sie ihm vor Freude am liebsten um den Hals gefallen. Hätte sie ihn umarmt, wäre das wohl ihre letzte Handlung auf Erden gewesen. Mit mühsam beherrschter Stimme fragte sie: „Das heißt, er ist gelungen?“
„Ja… obwohl“ Snape verstummte und schnupperte. Seine Nasenflügel blähten sich, als er versuchte, den Geruch zu bestimmen. „Ist das…?“ Mit einer leeren Phiole entnahm er eine winzige Menge und probierte den Trank. „Minze?“
„Ja. Für den Geschmack… Damit der Trank nicht ganz so scheußlich schmeckt.“
„Hmm… Minze…“, wiederholte Snape nachdenklich. „An sich eine gute Idee. In Weasley steckt doch mehr, als ich gedacht habe.“
Hermine atmete erleichtert auf. Ein breites, zufriedenes Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus. Snape hatte sich geirrt: Muggel können also doch Zaubertränke brauen! Deshalb ärgerte es sie umso mehr, dass Snape dachte, Ron hätte den Trank gebraut. Alles in ihr schrie danach, ihm die Wahrheit unter die zu groß geratene Nase zu reiben. Nur ihre Angst vor seiner Reaktion versiegelte ihr die Lippen.

Während Hermine sich den Kopf zerbrach, wie er auf die Wahrheit reagieren würde, füllte sie den Trank in Phiolen ab und reinigte den Kessel. Snape kümmerte sich unterdessen um die Beschriftung der Phiolen. Seine schlechte Laune schien sich gebessert zu haben, zumindest war sein Gesichtsausdruck nicht mehr ganz so einschüternd.
„Wo steckt Weasley eigentlich?“
„Ich weiß es nicht, Herr. Ich habe ihn schon einige Zeit nicht mehr gesehen.“
„Das passt zu ihm. Er braut ohne meine Erlaubnis und du darfst hinter ihm auch noch aufräumen.“
„Bin ich nicht deswegen hier?“
Für einen Moment schien Snape von ihrer Antwort überrumpelt zu sein. „Ja, gewiss. Aber du bist nicht nur zum Putzen hier, sondern…“, er zögerte kurz, „weil du dich… einigermaßen geschickt anstellst.“

Beinahe wäre Hermine die Schauerbürste aus der Hand gefallen. Ein Lob. Ein Lob aus dem Mund von Severus Snape! Sie konnte es kaum fassen.
„Danke, Herr.“ Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss und senkte schnell den Blick. Jetzt war der richtige Moment gekommen, um Snape die Wahrheit zu sagen. Sie holte tief Luft.
„Ich habe den Trank zubereitet, Herr.“ Gespannt wartete sie auf seine Reaktion.
„Guter Witz, Granger.“
„Das war kein Witz. Ich habe den Trank gebraut.“
„Du?“ Seine Lippen kräuselten sich zu einem hämischen Lächeln. „Die kleine Muggeline?“
Sie nickte.
„Mit Weasleys Hilfe?“
Sie schüttelte den Kopf. „Allein.“
„Ohne Hilfe? Du ganz allein?“ Sein Lächeln verblasste.
„Ja.“
„Aber das ist unmöglich!“
Hermine lächelte zaghaft. „Scheinbar doch nicht. Ich habe mich ganz genau an die Arbeitsschritte gehalten und es hat geklappt.“
„Ja, durch Glück, Zufall – was auch immer. Aber es hätte auch anders ausgehen können.“ Er machte bedrohlich einen Schritt auf sie zu. Dabei ließ er sie nicht aus den Augen. Seine Stimme war schneidend. „Du kochst hier keine Suppe, Mädchen! Die Zutaten in diesem Schrank sind teilweise giftig und gefährlich. Eine kleine Abweichung vom Rezept oder eine Unachtsamkeit beim Mischen der Zutaten kann katastrophale Folgen haben!“
Das Gespräch entwickelte sich in eine Richtung, die Hermine ganz und gar nicht gefiel. Snape machte zwar noch immer einen gefassten, fast ruhigen Eindruck, doch sie kannte in Mittlerweile schon besser und erkannte die Anzeichen der drohenden Gefahr. Sie wich einen Schritt zurück, als sich seine schwarzen Augen verengten.
„Ich habe mich an das Rezept gehalten. Ich habe alles genauso gemacht, wie–“
„Und die Minze?“
Sie verstummte und wich seinem Blick aus. „Bei dem anderen Trank hat es auch funktioniert…“
„Aber das bedeutet noch lange nicht, dass du in jeden Zaubertrank einfach Minze hinzufügen kannst!“ Er sah sie fassungslos an. „Du hast keine Ahnung, was du hier tust. Und du hast keine Ahnung, in welche Gefahr du dich und alle anderen hier gebracht hast.“
„Das-das wusste ich nicht…“, hob sie an, doch ihre Stimme versagte. „Ich wollte doch nur helfen.“
Auf einmal lachte Snape. Kalt. Bösartig. Und so laut, dass sie zusammenzuckte.
Helfen.“ Er schnaubte abfällig. „Nein, ich glaube, dass du etwas beweisen wolltest. Du wolltest beweisen, dass du es kannst. Dass mehr in dir steckt. Sonst würdest du nicht so verbissen jede Gelegenheit nutzen, um Weasley zu übertrumpfen.“
„Das stimmt nicht!“ Hermine schüttelte den Kopf und sah Snape erschrocken an.
„Deine Lügen waren schon mal überzeugender…“ Die kalte Wut in seiner Stimme ließ Hermine erschaudern.
„Herr, es tut mir leid! Ich-ich werde nie wieder einen Trank ohne Eure Erlaubnis brauen.“
„Ganz genau. Du wirst nämlich nie wieder einen Trank brauen.“
Seine Worte waren für Hermine wie ein Schlag ins Gesicht. Sie hatte beim Brauen nichts falsch gemacht, trotzdem bestrafte Snape sie. Das war nicht fair! Aber so waren Zauberer nun mal. Es sollte sie nicht mehr überraschen.
„Aber der Trank ist in Ordnung! Ich habe ihn nicht ruiniert und auch keine Zutaten verschwendet.“
„Das wäre ja noch schöner! Du hast keine Vorstellung davon, wie kostbar dieser Heiltrank ist.“
Nun verstand sie, warum er so wütend auf sie war. Es ging ihm nur ums Gold. Er hatte Angst um seinen Profit.
„Der Trank wird Euch sicher viele Galleonen einbringen“, spie sie ihm voller Verachtung entgegen.
„Du glaubst, dass ich die Heiltränke verkaufe?“ Seine Stimme war nur ein ungläubiges Flüstern. Er starrte sie an. Der Blick seiner schwarzen Augen schien sie aufzuspießen. Von dem gefährlichen Funkeln darin ließ Hermine sich jedoch nicht einschüchtern. Er hatte sie schon gequält. Was sollte er ihr noch antun?
„Heiltränke sind sehr begehrt“, plapperte sie und merkte nicht, wie sie sich dabei um Kopf und Kragen redete. „Damit lässt sich viel Gold verdienen.“
Sie hätte nicht gedacht, dass sein Blick noch kälter werden könnte, doch ihre Worte hatten genau das bewirkt.
„Richtig. So ist es.“
Snape zückte seinen Zauberstab. Er grinste zufrieden, als er bemerkte, wie unruhig Hermine diese Geste machte. Jedoch richtete er seinen Zauberstab nicht auf sie, sondern auf den Kamin. Im nächsten Augenblick prasselte ein Feuer darin.
Mit einem wahrlich bösartigen Grinsen wandte er sich an sie. „Du hast mir bewiesen, dass mehr in der steckt, als ich vermutet hätte. Nun ist es Zeit, dass ich dir beweise, dass ich zu meinem Wort stehe.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen beobachtete Hermine, wie er in ein kleines Töpfchen auf dem Kaminsims griff und anschließend eine Handvoll Flohpulver in die Flammen warf, die sogleich smaragdgrün aufloderten.
„Es wird Zeit für einen kleinen Ausflug in die Singende Sirene.“
Das flaue Gefühl war mit einem Schlag nackter Angst gewichen, die Hermine die Kehle zuschnürte. Nur der Gedanke an diesen schrecklichen Ort reichte aus, um ihr den kalten Angstschweiß aus allen Poren brechen zu lassen.
„Wenn ich dich nach ein paar Tagen von dort wieder abhole, wirst du sicherlich begriffen haben, wie unklug es ist, sich ständig meinen Befehlen zu widersetzen… Falls ich dich überhaupt zurückhole.“
„Es tut mir leid! Bitte, Herr! Ich werde von nun an –“
„Du solltest schon mal überlegen, ob du die nächsten Tage lieber knieend oder auf dem Rücken liegend verbringen willst… Aber wenn es mir recht überlege, hast du das ja gar nicht zu entscheiden.“

Hermine zweifelte keine Sekunde daran, dass Snape seine Drohung wahrmachen würde. Vor lauter Panik sah sie nur einen Ausweg. Sie stürmte auf die noch immer geöffnete Labortür zu.
Collaportus!
Die Tür flog ins Schloss und versperrte sich magisch. Nun saß Hermine tatsächlich in der Falle. Ihr Blick huschte hinüber zu der Terassentür. Das war ihre einzige Möglichkeit, aber dafür müsste sie erst an Snape vorbei, der langsam auf sie zukam.
„Denk nicht mal daran“, zischte er, als er ihren Blick gefolgt war und ihren Plan erraten hatte, „sonst muss ich dich verhexen. Und dann wird es erst richtig ungemütlich für dich.“

So sinnlos es in Wahrheit auch war, vor Snape davonlaufen zu wollen, Hermine versuchte es trotzdem. Wäre sie erst in der Sirene, wer garantierte ihr dann, dass Snape sie jemals wieder zurückholen würde? Außerdem wollte sie dort unter keinen Umständen hin. Weder für ein paar Tage noch für ein paar Stunden. Nicht einmal eine Minute würde sie es dort aushalten.

Sie setzte zum Sprint an, doch Snape kam ihr zuvor. Er packte sie am Oberarm und zog sie zum Kamin. Ihr Betteln und ihr Flehen stießen bei ihm auf taube Ohren. Sie wollte sich von ihm losreißen, aber er war stärker als er aussah. Unbarmherzig hielt er sie fest. Mit der anderen Hand griff er nochmals in das Schälchen mit dem Flohpulver. Hermine stand schon mit einem Fuß in den kalten Flammen des Kamins, da spürte sie wieder diese Hitze, die sich in ihr ausbreitete. Ein Kribbeln durchströmte jede Faser ihres Körpers. Ihr wurde heiß. So heiß, dass sie dachte, sie würde bei lebendigem Leib verbrennen. Jeder Zentimeter ihrer Haut schien in Flammen zu stehen.
Snape zog sie in den Kamin. „Singende Sirene, Nokturngasse!“, befahl er.
„Nein!“, schrie Hermine mit schriller Stimme.
In dem Moment, als er das Flohpulver in die Flammen werfen wollte, passierte es: Ein gewaltiger, heißer Windstoß fegte über sie hinweg. Er löschte die Flammen und drängte Hermine und Snape aus dem Kamin. Sie landeten unsanft auf dem Kaminvorleger, umgeben von einer Wolke aus Ruß und Asche. Beide husteten und brauchten einen Moment, um zu realisieren, was soeben passiert war. Snape starrte auf die Hand, mit der er Hermine festgehalten hatte. Sie sah aus, als hätte er sie in kochendes Wasser getaucht. Die Haut war feuerrot und glänzte.
„Was-“ Ungläubig blickte er von seiner Hand zu Hermine, die auf allen vieren von ihm davonkroch, um möglichst viel Abstand zwischen sie beide zu bringen. Am liebsten wäre sie weggelaufen, doch ihr fehlte die Kraft dazu. Sie zitterte so heftig am ganzen Körper, dass sie die Arme um sich schlang und leise schluchzte. Sie hatte schon wieder die Kontrolle verloren. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Jetzt war alles aus.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Snape vom Boden aufstand und zum Schrank mit den fertigen Tränken wankte. Er behandelte seine verletzte Hand mit einer Salbe, bevor er das Wort an Hermine richtete.
„Geh auf dein Zimmer.“
Verwirrt blickte sie zu ihm auf. Er war ebenso mit Ruß beschmiert wie sie. Sein Gesicht war wie eine Maske. Sie konnte nicht erkennen, was in ihm vorging.
„Geh“, wiederholte er in demselben, leisen Tonfall.
Auf wackeligen Beinen verließ Hermine so schnell sie konnte das Labor. Sie wagte es nicht, einen Blick zurückzuwerfen.

***


Das Abendessen war wie immer vorzüglich, doch Severus hatte weder einen Blick für die hübsch angerichteten Speisen noch ein Ohr für die Erzählungen seiner Mutter. Seine Gedanken drehten sich um Granger, die in diesem Moment wahrscheinlich darüber nachdachte, auf welche grausame Art und Weise er sie bestrafen würde. In Wahrheit wusste Severus noch nicht, was er mit ihr tun sollte. Vielleicht wäre es am besten, sie sofort in die Singende Sirene bringen zu lassen. Oder in eines der Arbeitslager in den sogenannten Kolonien. Dann wäre mit einem Schlag sämtliche Probleme und Sorgen los. Aus den Augen, aus dem Sinn.
„Ich hoffe, dein Nachmittag war so amüsant wie meiner? Der Nachmittagstee bei Ethel ist immer eine vergnügliche Angelegenheit“, erzählte seine Mutter. Er hörte ihr kaum zu. „Bei dieser Gelegenheit habe ich heute die zweitälteste Tochter von Mrs Selwyn kennengelernt. Serena. Eine hübsche junge Dame. Groß, schlank und brünett. Ein strahlendes Lächeln. Äußerst wohlerzogen und so klug! Aber voller Standesdünkel. Kennst du sie?“
„Mhm.“
„Das dachte ich mir bereits. Du hättest sie hören sollen, Severus! Wenn es nach ihr ginge, solle man alle Muggel in eigene, kleine Wohnbezirke zusammenpferchen, die sie nicht verlassen dürfen. Außer zum Arbeiten, natürlich. Ich habe ihr gesagt, dass man das Ghetto nennt und die Idee alles andere als neu ist. Ich musste mich sehr zurückhalten, ihr nicht das zu sagen, was ich mir eigentlich gedacht habe.“
„Hmm.“
Nachdenklich betrachtete Severus seine Hand, in der er die Gabel hielt. Granger hatte ihn tatsächlich angegriffen. Laut Gesetz musste sie dafür ins Gefängnis, aber das war nicht das, was Severus wollte. Seine Hand war kaum noch rot – dank Grangers Wundsalbe, die sie vor ein paar Tagen angerührt hatte. Er hatte mit ihrer Salbe die Verletzung geheilt, die sie ihm zugefügt hatte. Das verstand man wohl unter „Ironie des Schicksals“.
Granger, die kleine Muggeline. Nein, die kleine Hexe. Er konnte es noch immer kaum glauben. Wenn er es sich recht überlegte, hatten alle Hinweise schon längst darauf hingedeutet, dass sie kein gewöhnlicher Muggel war. Es hatte ihn stutzig gemacht, als ihr der Sud gelungen war. Aber er hatte es nicht wahrhaben wollen. Eine muggelstämmige Hexe – ausgerechnet unter seinem Dach – das hatte ihm gerade noch gefehlt.
„Aber leider musste ich Serena zum Tee einladen, damit sie nicht merkt, wie wenig ich von ihrem Standesdünkel halte. Sie kommt nächsten Samstag vorbei und ich hoffe, dass du dich ein wenig gesprächiger als heute zeigst. Sie war sehr aufgeregt, als sie erfahren hat, dass du dabei sein wirst. Also lass mich bitte nicht in Stich. Sei zur Abwechslung mal höflich und charmant und erfülle deine Pflicht als Hausherr.“ Beim letzten Satz hatte sie ihre Stimme erhoben.
Er blickte verwirrt zu seiner Mutter. „Mhm?“
„Deine Pflicht, Severus! Du musst deiner Verantwortung nachkommen!“
„Ja, Mutter. Das werde ich. Ich fange gleich damit an.“
Sie runzelte überrascht die Stirn. „Hast du mir überhaupt zugehört?“
„Immer doch.“ Severus erhob sich mit einem Lächeln im Gesicht von seinem Stuhl und verließ das Esszimmer.

Auf dem Weg zur Grangers Dachkammer nahm ein Plan in seinem Kopf Gestalt an. Er wusste nun, was er mit dem Mädchen tun würde. Sein Plan war kein Geniestreich, nicht einmal brillant, aber zweckdienlich. Er würde mehrere Probleme zugleich aus der Welt schaffen. Und ihm jede Menge Probleme bereiten, sollte jemals jemand davon erfahren, denn er verstieß damit gegen ein gutes Dutzend Gesetze. Mindestens.

Ohne zu klopfen, betrat Severus die enge Dachkammer und legte einen Zauber darüber, der den Raum schalldicht machte. Niemand sollte sie belauschen können. Seine Anwesenheit hier war die erste Regel, die er brach. Und noch viele weitere würden folgen.

Sein überraschendes Erscheinen hatte Granger offensichtlich in eine Art Schockstarre versetzt. Sie saß auf ihrem Bett. Mit dem Rücken presste sie sich gegen die Wand, als hoffte sie, darin verschwinden zu können. Die Bettdecke hatte sie bis unters Kinn hinaufgezogen. Nur ihre vor Angst geweiteten Augen und ihre buschige Mähne lugten hervor. Die weiße Haarsträhne erinnerte ihn daran, dass er ihr gegenüber nicht noch einmal die Kontrolle verlieren durfte. Obwohl sie es ihm alles andere als leicht machte, weil sie sich ständig seinen Befehlen widersetzte. Offensichtlich hatte sie geduscht, so wie er, denn er konnte keinen Ruß mehr an ihr erkennen.

Severus ließ sich Zeit. Er setzte sich auf das Bett, das der kleinen Diebin gehört hatte, deren Namen ihm bereits entfallen war. Mit einem Schlenker seines Zauberstabs – Granger war wie immer zusammengefahren, als er ihn gezückt hatte – ließ er eine Flasche Whisky und ein Glas erscheinen. Er prostete dem Mädchen zu und nahm einen Schluck. Ein guter Jahrgang. Fast so alt wie Voldemorts Herrschaft bereits andauerte. Wenn das kein Grund für einen weiteren Schluck war, dann wusste er auch nicht.
Er hatte es nicht eilig, das Gespräch zu beginnen. Als Bestrafung für den Brandzauber hatte sie es verdient, dass er sie noch ein wenig schmoren ließ.

Severus nutzte die Zeit, um das Mädchen vor ihm zu mustern. Ihre Wangen waren von ihren Tränen noch feucht und ihre Augen rot. Wenn sie lächelte, gefiel sie ihm besser. Jetzt starrte sie ihn an, als wäre er der Grimm höchstpersönlich. Wahrscheinlich rechnete sie mit einer schmerzhaften Bestrafung, doch Severus hatte etwas anderes mit ihr vor, etwas Schlimmeres. Etwas, dass sie beide das Leben kosten könnte.
„Ich glaube, wir sollten uns unterhalten. Zum Beispiel darüber, dass du eine Hexe bist.“
Wie ein aufgeschrecktes Reh starrte sie ihn mit ihren braunen Augen an.
„Ich bin ein Muggel… wie meine Eltern“, widersprach sie leise. Ihre Stimme war kratzig.
Severus legte den Kopf schief und grinste. „Mag sein, aber ich kenne keine Muggel, die einen Brandzauber ausführen können. Das können nur Hexen und Zauberer.“
Sie öffnete den Mund, setzte zu einer Erwiderung an, doch dann überlegte sie es sich anders und schwieg.
„Es hätte mir schon längst auffallen müssen. Als du mich in der Bibliothek weggestoßen hast oder die Tatsache, dass dir Zaubertränke so einfach von der Hand gehen… Und das waren bestimmt nicht die einzigen Situationen, in denen etwas… Merkwürdiges, etwas Unerklärliches in deiner Gegenwart geschehen ist, oder?“
Granger nickte stumm und bestätigte seinen Verdacht. Magie ließ sich nicht unterdrücken; sie brach in den unterschiedlichsten Situationen hervor. Zumindest war es bei Kindern so. Granger war älter. Sie hatte sich gut unter Kontrolle, das musste er ihr zugestehen.
„Ich will keine Hexe sein.“
Sie hatte so leise gesprochen, dass er sich zuerst unsicher gewesen war, ob er sie überhaupt richtig verstanden hatte.
Er stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Das ist nichts, das du dir aussuchen kannst. Du bist eine Hexe. Darauf solltest du stolz sein.“
Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. Dass sie dabei leise weinte, verunsicherte Severus. Warum freute sie sich nicht? Ratlos sah er ihr zu, wie sie das Gesicht in den Händen verbarg und leise schluchzte. Ihre Schultern bebten. Severus wandte den Blick ab, als wären ihre Tränen etwas Anstößiges. Dabei führten sie ihm nur mal wieder vor Augen, dass er besser darin war, andere zu verletzten, als sie zu trösten.

Weil er nicht wusste, was er tun sollte, nahm er noch einen Schluck von seinem Whisky. Lily hatte sich damals gefreut. Sie hatte es kaum erwarten können, einen Zauberstab zu bekommen und hatte alles über die magische Welt wissen wollen. Aber das waren andere Zeiten gewesen. Friedlichere, bessere. Der Dunkle Lord hatte dafür gesorgt, dass es für Muggelstämmige in dieser Welt keinen Platz gab. Und Severus hatte ihm dabei geholfen.
„Warum ich?“, fragte Granger leise. „Meine Eltern sind Muggel. Alle in meiner Familie sind Muggel.“
„Manchmal, wenn Mutter Natur zu Scherzen aufgelegt ist, kann auch das Kind von zwei Muggeln magische Fähigkeiten haben. Niemand weiß, warum oder wie das funktioniert, aber es passiert… Es ist … ein Wunder.“
„Wunder“, wiederholte sie mit einem zynischen Unterton, den er ihr gar nicht zugetraut hätte. „Eher ein Unglück…“
„So gesehen, ja: Muggelstämmige Hexen und Zauberer sind in unserer Gesellschaft unerwünscht. Ihr Blut gilt als unrein.“
„Dann bin ich also ein Schlammblut.“
„Benutz dieses Wort nicht… Freu dich lieber darüber, dass du nicht nur ein gewöhnlicher Muggel bist.“
Von Freude fehlte jede Spur in ihrem verweinten Gesicht. „Schickt Ihr mich jetzt weg?“
„Nein. Du darfst bleiben. Vorerst. Und auch nur dann, wenn du aufhörst, dich ständig meinen Anweisungen zu widersetzen.“
„Ja, Herr.“
Severus hätte ihr gerne geglaubt, aber er hatte seine Zweifel. Für den Moment jedoch gab er sich mit ihrer Antwort zufrieden. „Und nun: Steh auf.“

Granger gehorchte nur zögerlich. Sie schlug die Bettdecke zurück und krabbelte aus dem Bett. Dabei trug sie etwas, das Severus auf den ersten Blick für einen unförmigen weißen Kleidersack gehalten hatte und sich erst dann, als sie schon mit roten Wangen vor ihm stand, als das hässlichste Nachthemd aller Zeiten entpuppte. Severus schluckte unwillkürlich. Damit hatte er nicht gerechnet. Vielleicht wäre es besser gewesen, Granger nach unten in sein Arbeitszimmer zu rufen. Aber für diese Erkenntnis war es eindeutig zu spät. Severus widerstand der Versuchung und hielt seine Augen starr auf ihr Gesicht geheftet. Erneut zückte er seinen Zauberstab, was Granger misstrauisch beäugte. Doch ihr Blick wandelte sich in puren Unglauben, als er ihr den Zauberstab auffordernd entgegenhielt.
„Nimm meinen Zauberstab in die Hand.“
Sie blinzelte verwirrt, dann schüttelte sie langsam den Kopf.
Severus seufzte. „Komm schon, Granger. Sonst bist du doch auch nicht feige. Willst du nicht Gewissheit haben? Vielleicht habe ich mich ja geirrt und du bist doch nur eine Muggeline?“
Er konnte sehen, wie sie mit sich rang. Es dauerte einen Moment, bis sie schließlich ihre Hand ausstreckte und den Griff seines Zauberstabs umfasste. Vorsichtig und zögerlich, als könnte er sie jeden Moment beißen.
„Gut. Was fühlst du?“
„Ich bin nervös“, gestand sie.
„Nein, wie fühlt sich deine Hand an? Wie fühlt sich der Stab in deiner Hand an?“
„Warm… Und es kribbelt.“
Noch eine weitere Bestätigung von dem, was für ihn mittlerweile schon Gewissheit war. „Du wirst jetzt einen simplen Zauberspruch ausprobieren. Halt den Zauberstab in der Hand, stell dir vor, dass er dir Licht spenden soll, und sag Lumos.“
Granger umfasste den Stab fester. Ihre Miene war konzentriert, angespannt. Severus sah, dass ihre Hand leicht zitterte. Auch er war aufgeregt, obwohl er sich das nie eingestanden hätte. Sein Herz schlug unwillkürlich schneller, als er darauf wartete, dass Granger den Zauberspruch sagte. Sie zögerte, aber schließlich siegte ihre Neugierde.
Lumos!“
Sie hatte die Worte nur geflüstert, doch es hatte gereicht, um ein Licht an der Spitze seines Zauberstabs erscheinen zu lassen.
Granger keuchte überrascht auf. Sie blickte ängstlich auf den Zauberstab in ihrer Hand, doch dann hellte sich ihre Miene auf und sie strahlte mit dem Zauberstab um die Wette. Bei diesem Anblick konnte Severus sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen.
„Gut gemacht. Mit Nox erlischt das Licht.“
Auch dieser Zauber gelang ihr auf Anhieb. In Sekundentakt ließ sie das Licht an der Spitze aufleuchten und anschließend sofort wieder erlöschen. Severus beobachtete sie dabei grinsend.
„Ich möchte noch einen Zauber probieren! Bitte!“
„Versuche es mit Alohomora.“
„Der Spruch öffnet Türen, nicht wahr?“
„Richtig.“
Granger lief barfuß zu der verschlossenen Tür. Auch dieser Zauberspruch gelang ihr sofort. Offensichtlich hatte er es mit einer äußerst talentierten Hexe zu tun. Gegen seinen Willen war Severus von ihr beeindruckt. Sie steckte voller Überraschungen.
„Einen noch!“, bat sie und blickte ihn mit geröteten Wangen flehentlich an.  
Für einen kurzen Moment überlegte Severus, ob er ihrer Bitte nachkommen sollte, doch er entschied sich, ihr diesen Wunsch abzuschlagen. Es musste sein. Wortlos nahm er ihr den Zauberstab aus der Hand. Dass sie ihn nur widerwillig hergab, war ihr deutlich anzusehen, aber sie war klug genug, in diesem Fall keinen Widerstand zu leisten.
„Setz dich.“ Er wies auf das Bett und diesmal gehorchte sie aufs Wort.

In der Zwischenzeit schenkte Severus Whisky in zwei Gläser ein. Er war sich sicher, dass Granger keinen Alkohol vertrug, deshalb bekam sie nur einen kleinen Schluck.
Er hob das Glas und prostete ihr zu. „Auf die Hexe, die es nicht geben darf.“
Sie nippte nur zögerlich an dem Getränk, was in ihrem Fall eine weise Entscheidung gewesen war, denn sie hustete und schnappte nach Luft, sobald die Flüssigkeit ihre Kehle hinunterlief.
Grinsend füllte Severus ihr Glas mit Wasser auf. Sie stürzte es gierig hinunter, um das Brennen zu bekämpfen.
Es war an der Zeit, das Geschäftliche zu regeln. Severus lehnte sich zurück und betrachtete Granger aufmerksam dabei, wie sie rasselnd Luft holte.

„Uns beide verbindet etwas: Wir beide haben ein Geheimnis, von dem niemand erfahren darf“, eröffnete er das Gespräch. „Solange du hier bist, darf niemand erfahren, dass du eine Hexe bist. Nicht einmal meine Mutter. Sollte doch jemand hinter dein Geheimnis kommen, so werde ich abstreiten, davon gewusst zu haben. Als Gegenleistung für meine Verschwiegenheit wirst du weiterhin beim Zaubertrankbrauen helfen. Ich spreche aber nicht mehr vom profanen Zutatenschnippeln. Du wirst brauen, denn du scheinst ein gewisses Talent zu haben und ich bin bereit, dieses Talent zu fördern. Auch wenn mir der Gedanke daran, den Zaubertranklehrer für dich zu spielen, jetzt schon zuwider ist.“
Granger nickte. „Aber was ist mit Ron?“
Er hatte doch tatsächlich auf Weasley vergessen! Nun, sonderlich verwunderlich war das nicht, denn dieser Junge hatte keinerlei hervorstechende Eigenschaften, aber als weiterer Mitwisser stieg die Gefahr, dass ihr kleines Geheimnis aufflog.
„Das lass meine Sorge sein. Wenn der Junge etwas ausplaudert, sorge ich dafür, dass seine gesamte Sippschaft in Askaban landet.“

Severus ließ die Gläser und die Flasche verschwinden und erhob sich anschließend.
Granger schien noch immer über das nachzudenken, was er ihr gesagt hatte. Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie schien erleichtert zu sein, einer echten Bestrafung entgangen zu sein. Wie naiv sie doch war.
„Darf ich erfahren, was Eurer Geheimnis ist, Herr?“
„Das kennst du doch schon. Du weißt doch, dass ich diese Heiltränke illegal braue, um sie anschließend möglichst gewinnbringend zu verkaufen.“
Sie runzelte die Stirn. Den Sarkasmus in seiner Stimme hatte sie also gehört.
„Wer würde nicht für ein paar Galleonen gegen ein Dutzend Gesetze verstoßen und seinen guten Ruf aufs Spiel setzen?“ Er tat so, als würde er kurz überlegen, dann grinste er. „Da du mir zukünftig dabei helfen wirst, muss ich dir wohl gratulieren, Granger. Glückwunsch, von nun an bist du meine Komplizin.“
Er war schon fast aus der Tür, als sie im hinterherlief.
„Es ist doch gar nicht illegal, Zaubertränke zu brauen.“
Ein berechtigter Einwand. „Nein, ist es nicht. Aber du weißt nicht, wer meine Abnehmer sind.“
Sie erschrak. „Dann möchte ich das nicht machen.“
„Zu spät. Mitgefangen, mitgehangen.“
„Aber das- das geht doch nicht! Das könnt Ihr doch nicht von mir verlangen!“
„Oh doch. Vergiss nicht, ich habe etwas gegen dich in der Hand.“
Sie blickte ihm trotzig in die Augen. „Es ist kein Verbrechen, eine muggelstämmige Hexe zu sein.“
Unwillkürlich musste Severus grinsen. Sie hatte Mut. Das gefiel ihm. Aber sie übersah einen wesentlichen Punkt. Sie wähnte sich im Vorteil. Sie glaubte, etwas gegen ihn in der Hand zu haben, falls sie sein Geheimnis ausplaudern würde, aber sie irrte sich. Niemand glaubte einem Muggel. Einer muggelstämmigen Hexe schon gar nicht. Sein „Geheimnis“ war in ihren Händen wertlos.
Severus‘ Grinsen wurde unanständig breit. „Eine muggelstämmige Hexe zu sein, ist kein Verbrechen, nein. Einen Brandzauber gegen einen Zauberer zu richten, schon. Oder hast du vergessen, dass ein tätlicher Angriff auf einen Zauberer mit einer Haftstrafe geahndet wird? Ich könnte dich sofort von hier abholen lassen und du würdest die nächsten Jahre in einer finsteren Gefängniszelle verbringen. Kein schöner Ort für ein junges, hübsches Mädchen wie dich. Obwohl sich die Insassen sicher über die willkommene Abwechslung freuen würden.“ Er ließ seinen Blick anzüglich über ihr Nachthemd schweifen. Zufrieden bemerkte er, wie sich ihre Augen vor Schreck weiteten und sie ihre Arme schützend vor den Körper legte, um sich zu bedecken.
„Und damit habe ich dich in der Hand. Deshalb wirst du schweigen und das tun, was ich von dir verlange“, sagte er und verließ mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen die enge Dachkammer.

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Wieder ein langes Kapitel :-) Ich hoffe, es hat euch gefallen! Nächsten Donnerstag geht' weiter :-)
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