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Muggeline und der Meister der Zaubertränke

von eve001
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
19.08.2021
13.01.2022
25
90.801
75
Alle Kapitel
144 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
30.09.2021 4.619
 
Kapitel 10: Verborgene Talente

Der Weg in die Dachkammer war Hermine noch nie so lang und beschwerlich vorgekommen. Völlig entkräftet ließ sie sich auf ihr Bett fallen und wartete ungeduldig auf Elsies Rückkehr. Während das Zittern ihrer Gliedmaßen – eine Folgeerscheinung der Curciatus-Flüche – langsam schwächer wurde, malte Hermine sich in ihrer Fantasie all die schrecklichen Dinge aus, die die Zauberer mit ihrer einzigen Freundin anstellen würden. Ihre Gedanken waren wie ein schrecklicher Horrorfilm, von dem sie die Augen nicht abwenden konnte. Aber bei diesem Film wusste sie, dass die Realität noch weitaus grausamer war.

Trotz ihrer Sorgen und der Ungewissheit waren Hermine irgendwann vor lauter Erschöpfung die Augen zugefallen. Am nächsten Morgen wurde sie nicht wie sonst von Elsies heller Stimme geweckt, sondern von Mrs Cole.
„Steh auf! Los! Mach schon!“
Hermine schlug die Augen auf und blickte sofort hinüber zu Elsies Bett. Es war leer und unberührt. Die Familienfotos waren von der Wand verschwunden.
„Wo ist Elsie?“
„Nicht mehr hier.“
Hermine setzte sich schwerfällig auf. Jeder Muskel und jeder Knochen taten ihr weh. Wenigstens war das unkontrollierte Zittern ihrer Gliedmaßen verschwunden. „Wo ist sie?“
Mrs Cole stellte eine Phiole mit einem orangefarbenen Zaubertrank auf die Kommode. „Trink das. Das hilft.“
Hermine musterte die Phiole argwöhnisch. Zaubertränke waren in den letzten Jahren nahezu unerschwinglich geworden und wurden nur noch an Zauberstabträger verkauft. Woher hatte Mrs Cole den Trank?
„Niemand will dich vergiften, Mädchen.“
Hermine leerte die Phiole mit einem Zug. Sie fühlte sich schlagartig besser.
„Na also.“ Mrs Cole musterte sie aufmerksam. Ungewöhnlich lange ruhte ihr Blick auf Hermines buschigem Haar. Dann wandte sie den Blick ab und seufzte. Möglicherweise lag es daran, dass sie in ihrem grauen Kleid geschlafen hatte.
„Zieh dich um und dann komm runter. Und setz deine Haube auf. Es gibt jede Menge zu tun.“
Damit schien für die Küchenchefin alles gesagt zu sein, denn sie schickte sich an, die Dachkammer zu verlassen.
„Ich will wissen, wo Elsie ist!“
„Sie ist nicht mehr hier.“
„Wurde sie entlassen?“
Mrs Cole antwortete zögerlich. „Ja. Sie ist jetzt zu Hause.“
„Geht es ihr gut? Was haben die Zauberer mit ihr gemacht?“
„Du stellst zu viele Fragen, Granger!“
„Was haben sie mit ihr gemacht?“
Wütend drehte Mrs Cole sich zu Hermine um. „Denk nach! Du weißt genau, was sie mit ihr gemacht haben. Was sie mit jedem von uns tun würden, wenn wir gegen ihre Gesetze verstoßen.“
Für einen Moment war Hermine zu schockiert, um darauf etwas zu erwidern. Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet. „Aber wie soll sie jetzt ein neues Leben beginnen können? Einarmig und stumm? Das ist … unmenschlich.“
„Möglicherweise, aber so sind nun mal die Gesetze, an die wir uns halten müssen. Hätte Riley sich daran gehalten, dann wäre sie nicht– “ Mrs Cole verstummte, als sie die Tränen in Hermines Augen bemerkte. Sie seufzte sie ungehalten, doch ihr Tonfall wurde sanfter. „Vielleicht tröstet dich der Gedanke, dass es sie noch schlimmer hätte treffen können. Meister Snape hätte sie bestrafen und ihre Dienstzeit verlängern können. Aber er hat sie nur bestraft und vorzeitig aus ihrem Dienst entlassen. Sie ist nun wieder bei ihrer Familie.“
„Das ist kein Trost“, murmelte Hermine bitter.
„Doch, ist es… Riley war nicht dumm. Sie kannte das Risiko und trotzdem hat sie die Sachen gestohlen. Du bist auch nicht dumm, Granger. Also erwarte nicht, dass ein Todesser gnädig ist. Sie sind es nicht. Diesmal bist du noch glimpflich davongekommen, auch wenn es sich nicht so anfühlt.“ Erneut blieb ihr Blick an Hermines zerzauster Haarpracht hängen. „Du darfst ihnen keinen Grund geben, dir weh zu tun. Nicht nochmal.“
Sanft wischte ihr Mrs Cole eine Träne von der Wange. „Ich weiß, dass du Riley - Elsie gern hattest. Aber du musst jetzt stark sein. Und weitermachen. Wir alle müssen das.“
„Ich hätte mich gerne von ihr verabschiedet“, sagte Hermine mit einem traurigen Blick auf das unberührte Bett. „Sie war meine Freundin.“
Mrs Cole öffnete den Mund. Wahrscheinlich wollte sie Hermine dafür rügen, dass sie in Elsie noch immer ihre Freundin sah – nach allem, was sie ihretwegen durchgemacht hatte, doch sie behielt ihren Einwand für sich. „Vielleicht seht ihr einander ja irgendwann wieder“, meinte sie und verließ die Dachkammer.

***


Ohne Elsie fehlte etwas. Das Leben auf Snape Manor fühlte sich leer und kalt ohne sie an. Als wäre die Sonne plötzlich hinter einer schwarzen Wolke verschwunden.
In den darauffolgenden Wochen erledigte Hermine ihre Arbeiten wie eine Maschine: ohne Gefühle, ohne Herz. Das restliche Personal versuchte sie aufzumuntern, selbst Mrs Cole war ein wenig freundlicher zu ihr, doch Hermine war am liebsten allein. Dann musste sie mit niemandem sprechen. Ihr graues Kleid hing erneut lose an ihr hinunter. Die wenigen Kilo, die sie seit ihrer Ankunft auf Snape Manor zugelegt hatte, waren wieder verschwunden. Hermine hatte keinen Appetit. Sie fürchtete sich vor dem Tag, an dem sie eine neue Zimmergenossin bekommen würde, denn der Gedanke, dass irgendjemand versuchen würde, Elsies Platz einzunehmen, erschien ihr falsch.

Nicht nur Elsies Abwesenheit machte Hermine Wochen später noch zu schaffen, sondern auch die Nachwirkungen der Cruciatus-Flüche. Die meisten körperlichen Beschwerden waren mittlerweile verschwunden, doch wenn sie in die Nähe von Snapes Arbeitszimmer kam, begann sie zu zittern und der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Nur der Gedanken an diesen furchtbaren Ort reichte aus, um ihren Herzschlag zu erhöhen. Die Nächte waren anfangs besonders schlimm gewesen. Die Erinnerung an jenen Abend war lückenhaft, dafür hatte sie in ihren Träumen die Folter immer wieder aufs Neue durchlebt. Meistens war es Mulciber gewesen, der sich über sie gebeugt und grinsend gefragt hatte: „Du hast diese Strafe verdient, oder?“ Und sie hatte zur Antwort nur nicken können, weil sie keine Zunge und keine Arme mehr gehabt hatte. Wenn Snape dann erneut seinen Zauberstab gehoben hatte, war sie schweißgebadet in ihrem Bett aufgewacht. Zum Glück träumte sie nicht mehr so oft davon.

Die einzige Ablenkung von ihrer Einsamkeit stellte die Arbeit im Garten dar, die ihr Mrs Snape eines Tages zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben aufgetragen hatte. Hermine sollte sich nicht nur um die vielen Pflanzen kümmern, sondern auch das Kräuterbeet für die Küche vergrößern und einige Pflanzen anbauen, die man sogar in Zaubertränken verwenden konnte.
Die Arbeit an der frischen Luft hatte einen angenehmen Nebeneffekt: Der Kräutergarten lag in der unmittelbaren Nähe eines ehemaligen Gästezimmers, das Snape kurzerhand in ein Labor umfunktioniert hatte. Mehrmals in der Woche konnte Hermine ihn und Ron dabei belauschen, wie sie Zaubertränke brauten. Oder in Rons Fall, es versuchten. Das lenkte Hermine ein wenig von ihren trüben Gedanken ab. Snape beim Brauen zu belauschten, hatte ihr auch geholfen, ihre Angst vor ihm in den Griff zu bekommen. Er war schließlich nicht der erste Zauberer gewesen, der sie gequält hatte. Borgin und ihre vorherigen Herrschaften hatten sie auch mehrmals mit dem Cruciatus-Fluch bestraft, dennoch hatten Snape sie an Grausamkeit übertroffen.

„Weasley! Wie oft muss ich Ihnen noch erklären, dass Sie den Sud fünfzehn Minuten köcheln lassen müssen?“, drang Snapes Stimme aus dem geöffneten Fenster.
„Im Rezept steht aber dreizehn Minuten, Sir.“
„Oh, Sie können lesen… Wie erfreulich. Nun wäre es noch von Vorteil, wenn Sie zuhören könnten! Brauen Sie den Sud noch einmal!“
„Ja, Sir.“

Hermine grinste vor sich hin, während sie das Unkraut jätete. Mittlerweile hatte sogar sie schon verstanden, dass der Sud fünfzehn Minuten gekocht und anschließend drei Mal gegen und fünf Mal im Uhrzeigersinn umgerührt werden musste. Im Takt, mit gleichmäßigen Bewegungen, versteht sich.

„Haben Sie die getrockneten Giftpilze mit Ihren Füßen geschnitten? Die Würfel sind ungleichmäßig! Das kann jeder Erstklässler besser!“
Rons gemurmelte Antwort verstand Hermine leider nicht, aber Snape schien jetzt so richtig in Fahrt zu kommen.
„Und Ihr gestriger Trank ist völlig unbrauchbar. Er ist viel zu dickflüssig.“
„Aber wenn wir ihn noch mal auf keiner Flamme erhitzen, dann–“
„Dann könnten wir zwar seine Konsistenz verändern, aber dadurch würde er seine heilende Wirkung verlieren, wie Sie eigentlich wissen sollten. Helfen Sie meinen Erinnerungen auf die Sprünge, Weasley. Welche Note hatten Sie noch mal?“
Erwartungen übertroffen, Sir.“
Snape schnaubte. „Ein Mies würde eher Ihren bescheidenen Fähigkeiten entsprechen. Ich glaube, ich muss ein ernstes Wort mit Igor sprechen. Hogwarts geht vor die Hunde, wenn so jemand wie Sie einen UTZ in Zaubertränke vorweisen kann.“
„Professor Karkaroff war mit meinen Leistungen zufrieden… Sir.“
„Ja, weil Karkaroff selbst ein Stümper ist…“ Snape hatte nicht laut gesprochen, aber scheinbar hatte er nahe beim Fenster gestanden, denn Hermine hatte ihn gehört.
„Man sagt, Sie hätten auch einmal Zaubertränke unterrichtet? Sir?“
„So ist es. Zwei Jahre war ich Lehrer für Zaubertränke und Hauslehrer von Slytherin. Bis es dem Dunklen Lord gelungen ist, Dumbledore zu töten und die Kontrolle über das Ministerium zu erlangen. Und glorreiche Zeiten für uns alle angebrochen sind.“
„Jaah, total glorreich…“, murmelte Ron.
„Ihr Tonfall gefällt mir nicht, Weasley. Man könnte fast glauben, Sie wären anderer Meinung.“
„N-nein, Sir! Wir Weasleys sind…treue und ergebene Diener des Dunklen Lords.“
„Ist das so?“, fragte Snape gefährlich leise. „Dann können Sie mir sicherlich erzählen, wie der Dunkle Lord die Zaubererschaft retten konnte. Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.“
Ron holte tief Luft und leierte die Ereignisse emotionslos herunter: „Mit Dumbledores Hilfe wollten die Gringotts-Kobolde die Herrschaft über die Zaubererschaft erlangen. Deshalb haben sie Chaos und Unruhe in Großbritannien gestiftet, was sogar bei den Muggeln nicht unbemerkt blieb. Der Dunkle Lord hat in diesen unruhigen Zeiten die Macht übernommen und den Frieden wiederhergestellt. Seitdem herrscht er mit strenger, aber gerechter Hand über die magische und nichtmagische Bevölkerung.“
Hermine verdrehte die Augen. Das war die Version der Todesser. Sie kannte andere Geschichten. Geschichten, in denen die Kobolde genauso die Opfer waren wie die Muggel. Alles in ihr sträubte sich, in den Todessern die „Guten“ zu sehen.
„Sir, der Sud wäre jetzt fertig.“
„Gut, was ist der nächste Schritt?“
„Ähm… Jetzt kommen die … ähm … Gänseblümchenwurzeln und dann … ja … dann…“
Die gemahlenen Feenflügeln mit einem Schuss Blutegelsaft, dachte Hermine grinsend und rupfte ein Büschel Löwenzahn aus.
„Weasley!“
„Die Feenflügel? Und dann die Doxy-Eier?“
„Nein, nein, NEIN! Feenflügel, Blutegelsaft und dann die Doxy-Eier. Wann geht das endlich in Ihren Schädel?... Denken Sie doch einmal nach: Warum würde es keinen Sinn ergeben, die Doxy-Eier vor dem Blutegelsaft hinzuzufügen?“
Im Labor war es plötzlich ganz still und auch Hermine hatte zu arbeiten aufgehört. Diese Frage hatte er noch nie gestellt und Hermine wartete neugierig auf die Antwort.
Snape seufzte ungehalten. „Weil der Blutegelsaft die Säure der Doxy-Eier neutralisiert.“
„Das wusste ich nicht, Sir.“
„Ja, das habe ich bemerkt. Sie werden das Rezept bis morgen auswendig lernen, verstanden?“
„Das ganze Rezept?“ Ron stöhnte.
Bevor Snape eine Antwort geben konnte, klopfte es an der Tür.
„Herein!“
„In deinem Arbeitszimmer wartet eine dringende Eule vom Ministerium, Severus.“
„Danke, Mutter… Ich bin in fünf Minuten wieder da, Weasley. Lassen Sie den Trank nicht aus den Augen! Verstanden?“
„Ja, Sir.“
Die Tür flog krachend ins Schloss.
„Bla bla bla…Weil die Säure der Doxy-Eier neutralisiert wird…“, äffte Ron mit verstellter Stimme Snapes belehrenden Tonfall nach. „Buhu, ich bin so wichtig… Ich bin die Hand des Dunklen Lords…“ Er hantierte mit einigen Gläsern und Fläschchen; das laute Klirren übertönte seine gemurmelten Beleidigungen. „Soll er sich doch seine Doxy-Eier sonst wo hinstecken. Dann hätte diese schmierige, fetthaarige und zu groß geratene Fledermaus auch mal Eier in der Hose.“

Bei dieser Vorstellung entschlüpfte Hermine ein leises Kichern. Obwohl sie sich sofort die Hand vor den Mund schlug und vor Schreck den Atem anhielt, hatte Ron sie offensichtlich gehört. Er streckte den Kopf aus dem Fenster und suchte mit finsterer Miene nach der Person, die ihn belauscht hatte. Sein Gesichtsausdruck hellte sich jedoch auf, als er Hermine entdeckte.
„Oh, du bist es … Ich dachte schon…“
„Dass du Schwierigkeiten bekommen wirst?“
„Jaah… Aber du wirst mich nicht verpetzen, oder?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Gut. Danke… Was machst du da eigentlich?“ Sein Blick ruhte auf der schlohweißen Haarsträhne, die unter ihrer Haube hervorschaute. Eine weitere Nachwirkung der Cruciatus-Flüche. Hermine hatte schon oft überlegt, diese Strähne einfach abzuschneiden, aber wahrscheinlich würden die Haare genauso wieder nachwachsen.
Schnell zog Hermine ihre Haube tief in die Stirn. „Unkraut zupfen. Und dabei nach Gnomen Ausschau halten.“
„Du kannst das?“, fragte er erstaunt.
„Wieso sollte ich das nicht?“
„Ich dachte, weil du ein – ach, nicht so wichtig.“
Weil sie in seinen Augen nur ein wertloser, dreckiger Muggel war. Das hätte sie beinahe vergessen. Ohne Ron noch eines Blickes zu würdigen, wischte Hermine sich die Hände an ihrer Schürze ab. Sie hatte noch viel zu tun, deshalb stand sie auf.
„Nein, geh nicht“, bat Ron. „Ich- ich könnte dir helfen. Weißt du überhaupt, wie man einen Garten entgnomt? So richtig?“
„Man muss sie verscheuchen“, antwortete Hermine und bemühte sich um einen möglichst herablassenden Tonfall.
„Ja, schon. Aber es gibt da einen Trick: Am besten packst du sie an den Füßen, wirbelst sie ein paar Mal im Kreis und schleuderst sie dann so weit du kannst. So machen wir das immer zu Hause.“
„Aber… Das ist ja schrecklich!“ Typisch Zauberer! Sie waren wohl zu allen Geschöpfen grausam, die in ihren Augen minderwertig waren.
Ron lachte. „Es sind doch nur Gnome! Außerdem tut ihnen das nicht weh. Man muss sie nur–“
„WEASLEY!“
Rons Kopf verschwand sofort vom Fenster.
„Sir, ich–“
„Der Sud ist verkocht! Warum haben Sie nicht aufgepasst?“
Snapes wütender Tonfall verhieß nichts Gutes.
„Ich-ich dachte, ich hätte ähm… eine Eule gehört. Vor dem Fenster.“
Hermine ging unter dem Fenstersims in Deckung. Keine Sekunde zu früh, denn Snape steckte ebenfalls den Kopf aus dem Fenster.
„Da draußen ist aber nichts. Ich sehe keine Eule.“
„Jaah, krass, oder? Dabei hätte ich schwören können–“
„Sie sind absolut unfähig, Weasley. Ich habe genug von Ihnen. Sie verschwenden hier nur meine Zeit und meine kostbaren Zutaten. Verschwinden Sie!“
„Es tut mir leid, Sir, dass ich–“
„Raus!“

Hermine wagte es erst wieder, zu atmen, als die Tür hinter Ron ins Schloss fiel. Snape murmelte einige Verwünschungen und schien dann das Labor aufzuräumen. Erleichtert atmete sie auf. Snape hatte sie nicht erwischt, aber trotzdem hatte sie ein schlechtes Gewissen, denn eigentlich war sie schuld daran, dass Rons Zaubertrank misslungen war. Sie hätte sich nicht mit ihm unterhalten dürfen.

Während Hermine überlegte, ob sie das irgendwie wiedergutmachen könnte, huschte sie gebückt zum nächsten Fenster, um ihre Arbeit fortzusetzen. Plötzlich ertönte ein lauter Knall, der die Fensterscheiben vibrieren ließ. Snape schrie vor Schmerzen auf. Dichter Qualm trat aus den Fenstern und ein beißender Geruch lag in der Luft.
„Weasley!“
Hermine handelte, ohne zu überlegen. Sie lief zu der Terrasse, die vor dem Arbeitszimmer war, und riss die Tür auf. Sofort schlug ihr dichter, übelriechender Rauch entgegen, der sie husten ließ. Sie zog ihre Haube vom Kopf und hielt sie sich vor den Mund und die Nase, während sie mutig einen Schritt in das Labor machte. Ihre Augen tränten und es war schwierig, in dem Nebel überhaupt etwas zu erkennen. Sie versuchte den Grund für den Rauch ausfindig zu machen und entdeckte den Kessel, unter dem ein Feuer brannte. Was auch immer die Zauberer darin zubereitet hatten, der Inhalt war übergekocht und hatte dem Feuer neue Nahrung gegeben, anstatt es zu löschen. Die Flammen züngelten an der Kesselwand hoch und drohten bereits, auf den Arbeitstisch und die Bücher und Zutaten darauf überzuspringen.

Panisch suchte Hermine mit ihren Augen das Arbeitszimmer nach einem Eimer Wasser oder nach sonst etwas ab, womit sie das Feuer löschen konnte. Dabei fiel ihr Blick auf Snape, der sich gegen ein Bücherregal lehnte, weil er sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Der Zauberstab in seiner linken Hand zitterte. Er zielte damit auf den Kessel, setzte immer wieder zu einem Zauberspruch an, der aber jedes Mal von einem Husten und rasselndem Atemholen unterbrochen wurde.
Dass er der Mann war, der ihr Elsie genommen hatte, der sie gefoltert hatte und der für das Leid von so vielen Muggeln verantwortlich war, daran dachte Hermine nicht, als sie zu ihm lief. Im Moment war er nur jemand, der Hilfe brauchte.
Sie wollte ihm helfen, ihn stützen, doch er schob sie weg.
„Geh!“, krächzte er. „Agua-“
„Kommt mit!“ Hermine zerrte an seinem schwarzen Umhang. Sie mussten beide hier raus, sonst würde sie nicht das Feuer, sondern der Rauch umbringen. Mit jedem Atemzug nahm Hermines Benommenheit zu. Sie bekam immer schlechter Luft.
Aguamenti!“
Ein Wasserstrahl schoss aus Snapes Zauberstab hervor und löschte die Flammen. Dann hob er den Zauberstab über seinen Kopf, schwenkte ihn einmal im Kreis und plötzlich spürte Hermine einen starken Windstoß, der den Qualm durch die offene Tür nach draußen trieb. Er wiederholte den Zauber noch zwei Mal, bis die Luft in dem Raum wieder klar war.

Erst jetzt nahm Hermine die Haube vom Mund und sog die reine Luft begierig ein. Das Feuer war gelöscht und die Gefahr gebannt. Erleichterung durchströmte sie, als ihr bewusst wurde, wie viel Glück sie gehabt hatten. Sie blickte zu Snape, der seinen rechten Arm an seine Brust gepresst hielt. Der Grund dafür war eine Wunde, die stark blutete und sehr schmerzhaft aussah.
„Braucht Ihr Hilfe, Herr?“
Snape ignorierte sie. Er biss die Zähne zusammen und richtete sich auf. Mit ein paar wackeligen Schritten erreichte er das Regal, in dem eine Zaubertrankzutat neben der anderen fein säuberlich in alphabetischer Reihenfolge eingeordnet war. Sein Blick schweifte über die vielen unterschiedlichen Fläschchen, während sein Körper bedrohlich schwankte. Der Rauch und die Schmerzen hatten ihm offensichtlich sehr zugesetzt, hinzu kam noch der Blutverlust, der seinen Umhang feucht glänzen ließ.

„Ich weiß, was Ihr braucht!“ Hermine eilte ebenfalls zu dem Regal. „Ihr braucht Diptam-Essenz!“
Er nickte fahrig.
Hermines Augen huschten über die Etiketten, bis sie gefunden hatte, wonach er gesucht hatte. Sie holte das Fläschchen aus dem Regal, entkorkte es und hielt inne.
„Das wird weh tun.“
„Mach einfach…“
Snape war tapferer als Ron oder vielleicht auch nur schon zu weggetreten, denn als Hermine die Essenz auf seiner Wunde verteilte, entwich ihm kein Schmerzenslaut. Er presste die Zähne so fest aufeinander, dass sein Kiefer knackte. Die Heilung setzte sofort ein. Obwohl die Wunde tief und großflächig war, spannte sich schon wenige Augenblicke später neue Haut über die zuvor blutige Stelle.

Vorsichtig bewegte Snape die Hand, doch dazu war es offensichtlich noch zu früh, denn er stöhnte schmerzerfüllt auf und hielt sie dann wieder ruhig. Er machte ein paar unsichere Schritte in Richtung des Sessels in der Ecke und ließ diesmal sogar zu, dass Hermine ihn stützte. Erschöpft schloss er für einen Moment die Augen.
„Kann ich noch etwas für Euch tun, Herr?“
Er sah sie an. Sein Blick verharrte für einen Moment auf ihrer weißen Haarsträhne, die sie sogleich unter ihrer Haube versteckte. Snape überlegte kurz. „Da drüben, in dem Schrank, sind einige fertige Tränke. Bring mir einen Heiltrank. Er ist grün. Die Gläser sind länglich und haben einen Korkverschluss. Die Etiketten sind golden mit schwarzer–“
Bevor er noch mit seiner Beschreibung des Aussehens fertig war, kam Hermine schon mit dem gewünschten Trank zurück.
„Ich kann lesen“, erinnerte sie ihn.
Ohne etwas zu erwidern, stürzte er den Inhalt des Fläschchens hinunter und verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
Mit aller Kraft unterdrückte Hermine ein schadenfrohes Grinsen, das ihr sogleich verging, als sie auf einmal einen heftigen Hustenanfall erlitt und schnaufend nach Luft rang.
„Hol dir auch einen Trank. Du hast wahrscheinlich zu viel Rauch eingeatmet“, sagte Snape.

Hermine tat, wie ihr geheißen. Im Gegensatz zu Snape stürzte sie den Trank nicht auf einmal hinunter, sondern nahm mehrere Schlucke, was sich als großer Fehler herausstellte. Der Trank schmeckte nach kaltem Fußschweiß, was sie würgen ließ.
Snape grinste. „Der Geschmack ist noch verbesserungswürdig.“
Hermine nickte und hoffte, dass der Gemüseeintopf von heute Mittag dort blieb, wo er hingehörte.

Der Heiltrank hatte gewirkt, denn Snape erhob sich mit neuer Kraft aus dem Sessel. Er tippte mit dem Zauberstab auf seinen rechten Arm. Sofort schlang sich ein weißer Verband um seine Wunde. Er ging zu dem Arbeitstisch und besah sich die Verwüstung, die der Trank, das Feuer und vor allem das Wasser hinterlassen hatten. Hermine rechnete fest damit, dass sie die verbrannten Überreste entfernen musste, denn Snape hatte ihr einen flüchtigen Blick zugeworfen. Überraschenderweise schwang er jedoch seinen Zauberstab durch die Luft und die Verwüstung verschwand in Sekundenschnelle. Hermine hätte dafür sicher eine Stunde oder länger gebraucht.

„Du kannst gehen, Granger. Ich werde einen neuen Sud ansetzen.“ Er ging hinüber zu dem Regal mit den Zutaten und überlegte dabei laut: „Ich brauche dafür-“
„Flubberwurmschleim, getrocknete Alraunenwurzeln und eine Brise Mondsteinpulver.“
Hermine wusste nicht, was in sie gefahren war. Sie hatte weder frech noch vorlaut sein wollen, die Worte waren ihr einfach herausgerutscht.
Snape starrte sie an. Die Überraschung in seinem Gesicht verwandelte sich jedoch sehr schnell in Misstrauen.
„Woher weißt du das?“
Hermine ahnte, dass es nicht gut für sie ausgehen würde, wenn sie Snape noch einmal belügen würde. „Ich habe draußen vor dem Fenster das Unkraut gejätet und da habe ich-“
„Weasley und mich belauscht…“ Man konnte Snape förmlich ansehen, wie er eins und eins zusammenzählte. Seine Miene verfinsterte sich. „Weasley hat sich mit dir unterhalten, als er aus dem Fenster geschaut hat… Du bist schuld, dass ihm der Trank misslungen ist.“
Hermine schluckte. „Es tut mir leid, ich wollte nicht – ich habe nur–“

Snape sah sie mit zu Schlitzen verengten Augen an. „Ich habe dir gesagt, was das nächste Mal passiert, wenn du wieder die Regeln brichst. Und belauschen und spionieren gehört eindeutig dazu.“
Hermine wich ängstlich vor ihm zurück. Sie zitterte am ganzen Körper. Er würde ihr wieder weh tun. Die Kälte in seinem Blick ließ keinen Zweifel daran. „Ich habe nicht spioniert, Herr! Ich habe nur zugehört, während ich die Gnome verscheucht habe…“
„Du hast Gnome verscheucht?“, fragte er ungläubig und eine seiner Augenbrauen wanderte nach oben. „Du kannst sie sehen?“
„Ja, Herr.“
„Wie sehen sie aus?“
„Klein und braun, mit einem großen Kopf und einer dicken, runden Nase-“
Snape hatte die Hand gehoben und Hermine war augenblicklich verstummt. Sie wollte ihm keinen Grund geben, sie zu bestrafen. Der Blick seiner kalten, schwarzen Augen ruhte auf ihr und machte sie nervös. Er schien über etwas nachzudenken.

„Du hast großen Mut bewiesen und ich muss zugeben, dass ich für einen kurzen Moment von dir beeindruckt war. Deshalb sollst du noch eine Chance bekommen: Wenn du es schaffst, den Sud für den Heiltrank fehlerfrei zu brauen, dann darfst du bleiben. Wenn nicht, kannst du schon mal deine Sachen packen.“
Hermine starrte ihn an. Muggel konnten keine Tränke brauen. Jeder wusste das. Snape selbst hatte ihr das bei ihrem ersten Aufeinandertreffen bestätigt.
Die Chance, die er ihr gab, war also in Wahrheit gar keine. Hermine ließ die Schultern hängen.
„Ach, du gibst also auf? So schnell? Mir soll‘s recht sein. Pack deine Sachen!“

Was sollte sie tun? Sie zweifelte nicht daran, dass er seine Drohung ernst machen und sie in die Singende Sirene schicken würde. Was hatte sie also zu verlieren? Sie durfte nicht aufgeben, bevor sie es nicht versucht hatte – so gering ihre Chancen auch waren.

Hermine schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Dann straffte sie die Schultern und sah sich um. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren und durfte sich von Snapes Gegenwart nicht einschüchtern oder verunsichern lassen.
Was waren immer die ersten Schritte? Sie hatte einmal ihren vorherigen Herrschaften beim Brauen zugesehen. Der Trank war ihnen misslungen, aber Hermine hatte den Eindruck gehabt, dass es gar nicht so kompliziert war. Man musste sich nur an das Rezept halten.
Entschlossen trat Hermine an den Arbeitstisch heran und sah sich um. Vor ihr stand der Kessel, die Zutaten waren vermutlich im Regal. Wer weiß, vielleicht würde ihr der Sud sogar gelingen. Es ging ja nur um die ersten Schritte, nicht um einen richtigen Zaubertrank. Nur um den Sud, der einem ausgebildeten Magier misslungen war. Hoffentlich war Ron so unbegabt, wie Snape immer behauptete, und die Aufgabe für Hermine bewältigbar.
„Ich versuche es.“
Snape schnaubte verächtlich. Unter den Büchern auf dem Tisch zog er ein leicht angesengtes Blatt Pergament hervor. „Das hier ist das Rezept. Lesen kannst du ja.“

Hermine suchte als Erstes die Zutaten zusammen und bereitete sie danach so vor, wie es im Rezept verlangt wurde. Snape ließ sie währenddessen nicht aus den Augen, was sie zu ignorieren versuchte. Trotzdem bebten ihre Hände, als sie die Alraunenwurzeln in feine Streifen schnitt. Snape stand die ganze Zeit neben ihr, viel näher, als ihr lieb war.
„Überraschend gleichmäßig geschnitten. Gut.“
Sein Lob verunsicherte Hermine ungemein, weil sie überzeugt davon war, dass er es nicht ernst meinte.

Nachdem sie die Zutaten vorbereitet hatte, blickte sich Hermine ratlos um. Sie brauchte Wasser für den Sud, aber sie konnte nirgendwo einen Wasserhahn entdecken.
Snape schien zu ahnen, was sie suchte. Ein schadenfrohes Grinsen breitete sich auf seinen dünnen Lippen aus.
„Bitte, Herr, ich brauche Wasser.“
Er deutete eine Verbeugung an. „Wie viel? Den ganzen Kessel voll?“
„Nein, nur eine Handbreit.“
Ihre Antwort war richtig, was Snape nicht zu gefallen schien. Ein geknurrtes „Aguamenti!“ später war ausreichend Wasser in ihrem Kessel, doch da gab es noch ein weiteres Problem.
„Was brauchst du denn noch?“
„Zündhölzer“, murmelte sie verlegen.
Snape berührte mit seinem Zauberstab den Bunsenbrenner unter dem Kessel und sofort schoss eine kleine Flamme hervor.

Als das Wasser kochte, gab Hermine nach und nach die Zutaten hinzu. Mit dem Schöpflöffel rührte sie die seltsame Brühe um und hoffte, dass sie bis jetzt alles richtig gemacht hatte. Immer wieder wischte sie sich ihre schweißnassen Hände an ihrer Schürze ab. Zuerst hatte sie Snapes höhnischer Blick verunsichert, jetzt konnte sie keine Regung mehr in seinem Gesicht lesen. Mit ausdrucksloser Miene beobachtete er jeden ihrer Handgriffe und sie fragte sich, ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes zu bedeuten hatte. Fünfzehn Minuten lang ließ sie den Sud kochen, dann rührte sie ihn mit gleichmäßigen Bewegungen drei Mal gegen und fünf Mal im Uhrzeigersinn. Bis jetzt sah der Trank so aus, wie im Rezept beschrieben. Hermine legte den Schopflöffel beiseite und trat einen Schritt von dem Kessel zurück. „Er ist fertig.“

Mit dem Schöpflöffel überprüfte Snape die Konsistenz des Tranks, schnupperte sogar daran, aber er sprach kein Wort.
Hermines Nerven lagen blank. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Hatte sie das Unmögliche geschafft?

Schließlich tippte Snape gegen den Kessel und ließ den Trank erstarren. Dann wandte er sich zu Hermine um und sah sie schweigend an.
„Deine Eltern sind Muggel?“
„Ja, Herr.“
„Hast du schon einmal beim Brauen geholfen?“, fragte er nach einer langen Pause.
„Nein, Herr.“
„Hast du - verbotenerweise- Bücher darüber gelesen?“
„Nein, Herr.“
„Hat dir irgendjemand erklärt, worauf du achten musst?“
„Ich habe nur gehört, was Ihr Ron erzählt habt.“
„Was hast du gehört?“
Hermine gab ihr gesamtes Zaubertrankwissen preis, das sie sich in den letzten Wochen heimlicherweise angeeignet hatte. Sie wartete gespannt auf Snapes Reaktion, doch es schien ihn überhaupt nicht zu beeindrucken.
„Geh und setz deine Arbeit fort… Unkraut jäten oder was auch immer.“
Mit einer ungeduldigen Handbewegung scheuchte er sie hinaus.

Nur zu gerne kam sie seiner Aufforderung nach. Sie war ungemein erleichtert, dass er sie nicht bestraft hatte. Fluchtartig verließ sie das Labor und nahm sich fest vor, es nie wieder freiwillig zu betreten.

***


Als Hermine am Abend hundemüde und völlig erschöpft in die Dachkammer kam, dachte sie schon gar nicht mehr an den Zaubertrank. Ihre Gedanken drehten sich nur um eine heiße Dusche, deshalb erschrak sie umso mehr, als sie auf ihrem Bett ein Buch liegen sah. Ein Buch! Sie starrte es an. Obwohl sie wie angewurzelte stehen blieb und es nicht wagte, auch nur einen weiteren Schritt darauf zuzumachen, erkannte sie es auf Anhieb wieder. Es war der Gedichtband, den sie sich hatte „ausleihen“ wollen und dabei von Snape erwischt worden war…

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Das war heute ein langes Kapitel. Ich hoffe, es hat euch nicht gestört :-) Nächsten Donnerstag geht's weiter!
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