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Kokosmakronen und Pokerface

von MarieSol
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Riku Rajamaa
16.08.2021
10.09.2021
11
18.879
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20.08.2021 2.511
 
Die Arbeit geht Tina heute einfach nicht flüssig von der Hand. Viel zu oft schweifen ihre Gedanken in die Nachbarswohnung. Sie hatte schon lange nicht mehr von jener Nacht gesprochen, seit sie in Helsinki war eigentlich noch gar nicht. Auch in Deutschland wussten nur wenige in ihrem Umfeld Bescheid. Riku war der erste, dem sie die Sache von damals so ausführlich anvertraute. Normalerweise umging sie Situationen wie diese so gut es ging. Aber mit Riku ist einfach alles irgendwie anders, das war ihr durchaus bewusst geworden. Ein lautes Rumpeln vor der Tür lässt Tina von ihrem Schreibtisch hochschnellen.

„Mann, pass doch auf!“ mault ein mürrischer Tomi laut durch das Treppenhaus. Die Jungs hatten heute Morgen schon vor 7 Uhr die ersten Kartons hochgetragen. Jetzt ist es 13 Uhr und sie laufen immer noch schwer bepackt Treppe hoch, Treppe runter und zurück. Tina öffnet vorsichtig die Tür und sieht wie Riku Dosen und Deckel zusammensammelt. Sie bückt sich und reicht ihm die einzelnen Teile vor ihren Füßen. „Tut mir leid, du musst arbeiten, oder?“ lächelt er gequält. „Macht nix, ich brauch jetzt mal dringend ne Pause!“ entgegnet sie. „Wenn ihr fertig seid mit Süßholz raspeln, können wir dann weiter machen?“ poltert Tomi auch schon weiter „Ihr blockiert hier den ganzen Weg!“. Sowohl Tina als auch Riku erwidern hierauf besser nichts. Tina will nach der Kiste greifen, doch Riku verweigert sie ihr „Viel zu schwer!“ presst er hervor. „Dann nehme ich die kleine, wo soll die hin?“ „Die ist auch zu schwer für deine Schulter, wenn du was helfen willst, dann könntest du dich um die Kartons in der Küche kümmern. Aber nur wenn deine Schulter es zu lässt… Und vielleicht könntest du uns einen Kaffee machen?“ setzt er mit einem herzzerreisenden Hundeblick hinzu. Tomi stampft schon mit der nächsten Kiste die Treppe herauf und schnaubt verächtlich. Um Tomis Fass nicht doch noch zum Überlaufen zu bringen, schicken sich die zwei an weiter zu machen. Tina kümmert sich schnell um die Kleinigkeiten aus dem Treppenhaus und widmet sich dann der Kaffeemaschine. „Riku, kommst du bitte kurz?“ ruft sie in die Wohnung. Tomis genervtes Aufstöhnen entgeht ihr nicht, sie ignoriert es aber gekonnt. „Was muss ich einstellen? Wie trinkt ihr euren Kaffee?“ Riku gibt ihr eine Kurzeinweisung und schon läuft der erste Kaffee durch. „Kann doch nicht so schwer sein Kaffee zu machen!“ motzt Tomi unterdessen „Wenigstens brauch ich jetzt keinen Techniker, der mir die Maschine neu einstellt, so wie es bei einem gewissen Herrn mir gegenüber der Fall war, als der sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte!“ gibt Riku in seelenruhigem Ton zurück und nimmt den ersten Schluck heißen Kaffee, fast schon provokant schließt er dabei genießerisch die Augen.

Tina hat alle Küchen-Kisten in den Küchenschränken untergebracht und macht sich dann an die Kisten im Flur. Hier steht schon der Schuhschrank, in den sie sage und schreibe drei Umzugskartons mit Schuhen einräumt. Anschließend macht sie sich auf die Suche nach Riku und findet ihn im Schlafzimmer. Das Bett hat er noch nicht hier, nur die Matratze. Der Kleiderschrank steht schon und er ist gerade dabei seine Hemden auf Bügel zu hängen. Als er Tina entdeckt meint er „Sonst kann ich die alle nochmal bügeln…“ und verzieht das Gesicht. „Wenn du willst, übernehme ich das. Die Jungs könnten glaube ich Hilfe im Wohnzimmer brauchen. Deine Wohnwand scheint ziemlich störrisch zu sein.“ „Danke!“ sagt er schon zum x-ten Mal und sie zuckt nur mit den Schultern. Unter den Hemden kommen noch Anzüge zum Vorschein, die Tina ebenfalls in den Schrank hängt, gefolgt von seinen Jeans. Die Shirts liegen ordentlich auf Stapeln, genau wie die Pullis. Von der Kiste mit der Aufschrift „Wäsche“ lässt sie allerdings die Finger. Jetzt erscheint auch Riku wieder im Schlafzimmer mit Decken und Kissen „Die Möbel, die schon da sind, haben wir mittlerweile aufgebaut. Der Rest wird erst nächste Woche geliefert. Da gibt es dann nur noch hinrücken und benutzen – ich kann dir nicht sagen, wie mich dieses Wissen erleichtert. Mit einem stänkernden Tomi macht das Ganze wirklich keinen Spaß. Wir würden noch was trinken gehen. Kommst du auch mit? Bitte?“. Tinas Blick suchte nach der Uhrzeit „Mist, schon so spät. Riku, ich kann nicht, ich muss noch was fertig schreiben und einreichen. Da ist heute Deadline. Ein andermal wirklich super gerne, aber heute geht es nicht!“ Das erleichterte Aufatmen vor dem Zimmer ignorierten beide diesmal, Riku kann jedoch seine Enttäuschung nur schwer verstecken. ‚Was ist los, warum verselbstständigen sich meine Züge? Pokerface wo bist du, wenn man dich braucht?‘ denkt er sich, als ihm bewusst wird, dass sie seine Enttäuschung wahrnimmt. „Komm, die beziehen wir noch zusammen, dann geh ich wieder rüber!“ schlägt Tina vor und deutet auf den Kissenberg auf der Matratze. Für Rikus Geschmack ist das, trotz der kleinen Kissenschlacht zwischendurch, viel zu schnell erledigt, viel zu schnell muss er sie wieder an ihre Arbeit lassen.

Die Stimmung in der Kneipe ist lau, das Bier fahl, kurz gesagt ein bescheidener Abend. Anscheinend allerdings nur für Riku, Tomis Laune wurde schlagartig besser, sobald sie das Haus verlassen hatten und dadurch stieg auch die Stimmung unter den restlichen Kumpels. Nach zwei Stunden hat Riku genug und macht sich auf. Da er Bier getrunken hat, will er nicht mehr fahren und entschließt sich auf der Matratze auf dem Boden zu schlafen. Tina ist gerade auf dem Weg zum Briefkasten, da sie eine Paketbenachrichtigungs-Email erhalten hatte. Und tatsächlich steht neben dem Briefkasten auf dem Boden ihr Päckchen. „Huch, das war aber ein kurzer Kneipenabend!“ begrüßt sie Riku, der gerade die Haustür öffnet. Augenblicklich geht es ihm besser. „Ja, es hat heute einfach keinen Spaß gemacht!“ Sie gehen gemeinsam die Treppen nach oben, Riku nimmt ihr ihr Päckchen ab „Magst du vielleicht noch ein Glas Wein mit mir trinken?“ fragt sie. „Gern, Tina. Aber bist du schon fertig mit Schreiben?“ „Ja, es lief erstaunlich gut, besser als heute Morgen.“ Es fühlt sich für ihn an, als würde die Sonne gerade nach ewig langem Regen aufgehen „Ist da überhaupt was drin?“ schüttelte er neugierig das Paket. Tina lacht amüsiert.

In ihrer Küche drückt sie ihm den Korkenzieher in die Hand und macht sich daran das Päckchen zu öffnen. Aus dem Augenwinkel sieht Riku, wie sie etwas Schwarzes herauszieht. Er entkorkt die Flasche und lässt sie einen Moment stehen, dass der Wein atmen kann. „Und, mit dem Inhalt zufrieden?“ fragt er beiläufig. „Frag doch einfach was ich bestellt hab, wenn du es wissen willst.“ Ein schelmischer Blick genügt, um ihm zu zeigen, dass sie ihn durchschaut hat. „Ich habe doch gestern gesagt, dass ich mal wieder schwimmen gehen sollte. Dafür braucht man, soweit ich weiß, auch in Finnland Bademoden. Also, ich hab einen Badeanzug bestellt.“ Und der baumelt nun von ihrem ausgestreckten Zeigefinger herunter. „Kannst du mir vielleicht sagen, wo hier ein schönes Schwimmbad in der Nähe ist?“ Riku überlegt kurz „Die letzten Jahre hab ich Schwimmbäder eigentlich nur in den Hotels gesehen, in denen wir während der Touren untergebracht waren. Sonst war ich im Sommer eigentlich nie in irgendwelchen Bädern, sondern immer im See. Aber wir könnten Tante Google fragen, die weiß sicher was.“ Tina rückt näher an ihn, damit sie erkennen kann, was er auf dem Handy anschaut. „Das sieht doch gut aus und ist ganz in der Nähe.“ hält er ihr sein Smartphone unter die Nase. „Ich würde mich auch breitschlagen lassen und da morgen Abend mit dir eine Runde schwimmen…“ bietet er ganz selbstlos an. „Gern! Sonntagabend ist vielleicht nicht so viel los.“

Sie nehmen den Wein und die Gläser mit ins Wohnzimmer und lassen sich auf dem Sofa nieder. Riku erwischt beim in die Ecke lümmeln die Fernbedienung und so meldet sich der Fernseher mit einem Queen-Konzert zu Wort. „Sollen wir das laufenlassen?“ Tina erkennt die Begeisterung in seinen Augen. „Zuerst anstoßen, dann bequem machen und schließlich Musik dazu…“ gibt er den Takt an. ‚Seine Liebe zur Musik kann er wirklich nicht verleugnen!‘ streift sie ein Gedanke. Sie schauen sich in die Augen, stoßen an und trinken den ersten Schluck. „Dass deine Augen einen dunkelblauen Ring um die Iris haben, ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen.“ rutscht es Riku plötzlich heraus. „Das ist schon so seit mehr als 35 Jahren.“ lächelt sie ihn an und lehnt sich zurück, steht aber gleich noch einmal auf und beugt sich über Riku hinter das Sofa. „Was hast du vor?“ seine Hand wandert automatisch an ihre Hüfte während er schluckt. Eine Sekunde später zieht sie einige Sofakissen hinter der Lehne hervor und legt sie neben Riku aufs Sofa. „Bequem machen, das war der nächste Punkt auf der List, erinnerst du dich?“ „Ja, danach kam die Musik…“ sagt er mehr zu sich selbst. Eigentlich hätte er sich im Moment auch daran erinnern können, weiter zu atmen, das wäre auch nicht verkehrt gewesen. Um sich nicht weiter aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen, lümmeln sich beide bequem aufs Sofa und starren auf den Bildschirm. Tina weiß nach einer Weile nicht mehr wohin mit ihren Beinen und rutscht hin und her, Riku macht das leicht nervös und so sagt er schließlich „Komm, streck sie rüber zu mir.“ Das hin und her hat aber erst dann ein Ende, als er ein Bein über ihre legt. Das Konzert entpuppt sich als wahres Schätzchen: Die Musik, vor allem die Gitarrenparts haben es Riku förmlich angetan, Tina ist von der ganzen Atmosphäre rund um die Band völlig geflasht. „Das muss ein Wahnsinnsgefühl sein…“ murmelt sie. Dass er Gitarrist ist, hat er ja erzählt und sie weiß, dass er gut sein muss in dem was er tut. Denn egal was, er tut es mit Leidenschaft und Hingabe, das hat sie mittlerweile beobachten können. In welchem Ausmaß die Musik sein Leben bestimmt, darüber haben sie noch nicht gesprochen. Es war ihr auch nicht wichtig, sie mag ihn schließlich nicht wegen seines Berufs. Tina dreht sich zu Riku und schaut ihm direkt in die Augen „Wie fühlt sich das an?“ „Was? Vor zig-tausenden von Fans auf der Bühne zu stehen oder deiner Gitarre solche verzückten Töne zu entlocken?“ seine Augen leuchten regelrecht. „Beides!“ Riku stützt seinen Kopf auf den Arm, beugt sich ein Stückchen näher zu ihr und beginnt zu erzählen. „Wir haben vor allem in Deutschland riesige Hallen und Arenen gefüllt. Da stehst du oben auf der Bühne und kannst ein Ende der Menschenmassen überhaupt nicht erkennen. Auf der einen Seite ist das phänomenal, du schwebst förmlich. Auf der anderen Seite kann das auch beängstigend sein. Und wenn sie dann alle anfangen zu singen, klatschen, jubeln, einfach mitgehen, da kannst du schon den absoluten Highfly bekommen.“ Er macht eine kurze Pause, gibt ihre Beine wieder frei, damit sie einen Schluck Wein nehmen können. Anschließend legt sie sich auf den Bauch, stützt ihr Kinn auf ihre Hände und ist ihm somit noch ein Stückchen näher. „Und spielen?“ fragt sie wieder. Er lächelt und sucht nach Worten, die ihn nicht als absoluten Chauffier dastehen lassen. „Wenn ich dir das sage, dann denkst du sicher der hat sie nicht mehr alle…“ sie schüttelt den Kopf „… hm, es ist schon irgendwie … Leidenschaft … hat schon was von Sex“ er sieht sie an, ob er möglicherweise zu direkt war „Du bist mit der Gitarre direkt verbunden, du fühlst wie sie schwingt, weil du sie in Schwingung versetzt, fühlst, wie sie dich in Schwingung bringt, du verschmilzt mit ihr, … da schau, das Gitarrensolo hier:….“ Er dreht sich auf den Rücken und schiebt seine Brust unter ihr Kinn, mit der rechten Hand deutet er auf den Bildschirm „… in diesem Moment gibt es nur ihn und seine Gitarre, alles andere ist unwichtig. So fühlt sich perfektes Spiel an, er taucht ein in die Musik und löst sich völlig in ihr auf.“ Tina liegt wieder wie in der Nacht zuvor auf seiner Brust, diesmal absichtlich, nicht ausversehen und auch nicht peinlich berührt. Sein linker Arm lag zuerst an ihre Seite, bis er ihn auf ihren Rücken legt. So liegen und schauen sie noch eine ganze Weile. Nach dem Abspann folgt der Programmhinweis für den weiteren Abend: Ein Konzertmitschnitt einer finnischen Band, Riku greift nach der Fernbedienung und will wegschalten. Doch da war sein Name schon über den Bildschirm geflimmert.

„Warum wolltest du wegschalten?“ setzt sich Tina auf. Er entscheidet sich dafür alles auf eine Karte zu setzten, hinauszögern bringt in diesem Fall nichts „Du weißt ja, dass ich Gitarrist bin... Mir hat gefallen, dass es für dich nicht wichtig war, wo. Ich war einfach nur ein Mann in einem Café und jetzt dein Nachbar Riku. Es war schön, dass es hier um mich privat ging, nicht um den öffentlichen Menschen. Viele bekommen Dollarzeichen in die Augen oder haben den Wunsch publikumswirksam irgendwas zu machen, sobald sie wissen, dass ich der Gitarrist von Sunrise Avenue bin. Das will ich aber nicht.“ „Du hast recht, es stört mich nicht, wo du Gitarre spielst, dein Konto oder die Öffentlichkeit interessieren mich auch nicht, ich bin gerne privat und ich möchte auch den privaten Riku kennenlernen. Der Mensch interessiert mich, nichts anderes. Und von meiner Seite wird sich das auch nicht ändern – auch dann nicht, wenn du der Kaiser von China wärst!“ stellt sie kurz und knapp klar. Ihren leicht ärgerlichen Unterton hat er durchaus bemerkt. „Tut mir leid, ich wollte dir nichts unterstellen. So habe ich dich ja auch nicht kennengelernt, ich bin einfach wahnsinnig vorsichtig geworden. Vielleicht zu vorsichtig.“ er schluckt hart, er weiß, dass er unfair war. „Der private Riku hätte dich, die private Tina, gern weiter in seinem Leben!“ setzt er mit einem schiefen Grinsen hinzu. „Da habe ich aber grade nochmal Glück gehabt. Darauf brauch ich noch einen Schluck.“ sie lässt aber ihr Weinglas stehen und holt sich stattdessen einen Flasche Wasser aus der Küche. „Hej du bescheißt ja schon wieder!“ stellt Riku gespielt empört fest. „Glaub mir Riku, das ist besser so…“ „Warum, tanzt du sonst auf dem Tisch?“ feixt er, doch noch ehe er es komplett ausgesprochen hat fühlt er sich erneut wie der Elefant im Porzellanladen ‚Man Rajamaa, echt jetzt? Gestern erst hat sie dir gesagt warum sie nichts trinkt…‘. „Eher nicht, dann geht es ganz schnell und ich schlaf wieder neben dir ein, so wie gestern Nacht.“ „Das macht nichts, fühlt sich auf jeden Fall schöner an als die letzten paar Minuten!“ das wiederum lässt Tina schmunzeln ‚Wenigstens ist er ehrlich!‘. Als er dann noch einladend den Arm anhebt, kann sie ihm nicht mehr böse sein. Sie legt sich wieder zu ihm aufs Sofa und anstelle des Fernsehens läuft nun das Radio. Die nächsten Nachrichten kündigen an, dass es bereits 1:30 Uhr ist. „Ich geh rüber, okay? Morgen Abend hol ich dich zum Schwimmen ab, oder … hast du keine Lust mehr mit nem Trottel wie mir zu gehen?“ er kann es immer noch nicht glauben, dass er ihr sowas unterstellen konnte. „Doch, ich freu mich schon! Komm, ich bring dich noch zur Tür.“ ‚Ehrlich hat ehrlich verdient…‘ An der Tür kratzt er sich kurz verlegen am Hinterkopf beugt sich dann aber zu ihr runter und nimmt sie in den Arm. Und da war sie wieder, seine Lust auf Kokosmakronen.
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