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Kokosmakronen und Pokerface

von MarieSol
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Riku Rajamaa
16.08.2021
10.09.2021
11
18.879
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16.08.2021 2.069
 
Guten Morgen ihr Lieben,

wie es sich schon abgezeichnet hat, hat sich mein kleines „Luxusproblemchen“ dank einer Münze in Luft aufgelöst und was soll ich sagen? … Ta-da-da-da: ich freue mich, euch Tina vorstellen zu dürfen…



Tina atmet tief den Kaffeeduft ein, der sie umgibt, und ist einmal mehr davon überzeugt, dass es die beste Entscheidung war, ihren Lebensmittelpunkt hierher nach Helsinki zu verlegen. Da sie als freie Kolumnistin arbeitet, ist sie nicht ortsgebunden, ein Internetanschluss und ihr Computer reichen schon fast aus. Sie schreibt für mehrere Magazine in ihrer alten Heimat Deutschland und produziert seit neustem auch kurze Clips, die in deren Onlineangebot eingebunden werden. Ein finnisches Magazin hat sie bisher noch nicht gefunden, bei dem sie sich vorstellen könnte, dass sie zusammenpassen würden. Aber sie hält die Augen und Ohren offen.

Tina sitzt nun wie jeden Morgen um diese Zeit in ihrem Lieblingscafé: ein kleines, traditionelles Café, ruhig in einer Seitenstraße gelegen und doch nah am Puls Helsinkis. Hier gibt es die besten Kovarpuustis und einen Cappuccino, der dem Gebäck in nichts nachsteht. Die Menschen, egal ob Angestellte oder Gäste, gehen freundlich und ruhig miteinander um. Tina fühlt sich hier jedes Mal ein bisschen wie im Wohnzimmer ihrer Oma. Da das Café scheinbar ein Geheimtipp ist, kann Tina hier wunderbar ihre Kolumnen schreiben. Längst hatte sie „ihren“ Tisch, an dem sie jeden Morgen sitzt: Zimtgebäck und Kaffee bekommt sie schon automatisch, ihr Laptop hat Platz und sie eine freie Sicht auf das Geschehen um sie herum. Aber das eigentliche Highlight ist der Mann, der vor drei Wochen das erste Mal am Tisch ihr gegenüber gefrühstückt hat: groß, schlank, dunkelbraunes relativ kurzes Haar, graublaue Augen, die herrlich lächeln und strahlen können und eine Stimme, zum Niederknien. Wenn er seinen Kaffee bestellt, wünscht sich Tina jedes Mal, er würde weitersprechen, sie wäre auch zufrieden, würde er einfach die Kleinanzeigen aus der Zeitung vorlesen, Hauptsache er spricht. Sie sitzen sich täglich gegenüber, grüßen sich, jeder frühstückt und geht seiner Tätigkeit nach, doch unterhalten haben sie sich noch nie. Der Mann liebt es, wenn sie von Konzentration gepackt in ihrem Laptop versinkt, es ist ein herrliches Bild, das er dann ungeniert genießen kann. Dass sie ihn ebenfalls hin und wieder beobachtet, ist ihm aufgefallen, als er sie über den Rand seiner Zeitung hinweg betrachten wollte. Die weitaufgerissenen himmelblauen Augen und das ertappte Lächeln, das sie ihm dann schenkte, wird er so schnell nicht vergessen.

Doch heute ist schon der zweite Tag, an dem er nicht an „seinem“ Tischchen sitzt. Tinas Laune steigert das nicht gerade, besonders wenn sie daran denkt, was sie zu Hause erwartet. In dem Mehrfamilienhaus, in dem sie in einer Dachgeschosswohnung lebt, findet gerade ein Einzug mit Renovierung statt. Dummerweise genau in der Wohnung ihr gegenüber. Die neuen Mieter hat sie bisher noch nicht gesehen, nur durch Klopfen und Bohren in deren Wohnung gehört. Die Geräuschkulisse fördert nicht gerade ihre Konzentration zum Schreiben, stattdessen hat sie mit einem Augenzwinkern einen Clip über Nachbarschaftliche Klangexperimente produziert.

Etwas enttäuscht über ihr einsames und entertainmentloses Frühstück macht sie sich also auf den kurzen Heimweg. Ihre Füße gehen den Weg mittlerweile schon alleine und so steht sie kurz darauf vor dem vierstöckigen weißen mit Stuck verziertem Haus. ‚Wie gut, dass der Sommer schon ums Eck kommt, im Winter wäre das sicher ein Problem!‘ denkt sie sich, als sie die ganzen Farbeimer und Malerutensilien vor der Haustür stehen sieht. Blöderweise ist sie so in Gedanken versunken, dass sie nicht merkt, wie jemand zur Tür herausgeschossen kommt. Die beiden knallen regelrecht ineinander. „Huch, die Frau aus dem Café?!“ sagt die Stimme, die sie so gern reden hört. „Genau, Mann, der seit zwei Tagen sein Frühstück ausfallen lässt!“ entgegnet sie keck und versucht nicht preiszugeben, wie sehr sie sich freut ihn hier zu sehen „Muss das alles mit nach oben? Komm gib mir den Korb mit den Pinseln und Walzen, ich muss auch hoch.“ Damit hatte er jetzt nicht gerechnet, ist aber froh, einmal weniger laufen zu müssen. Er schnappt sich zwei Farbeimer und steigt hinter ihr die Treppen nach oben „Schade, dass es hier keinen Lift gibt. Ich bin übrigens Riku, so wie es aussieht irgendwie dein Nachbar…“. „Freut mich, ich bin Tina. Den Aufzug wirst du erst richtig vermissen, wenn deine Möbel nach oben müssen. Und was das ‚irgendwie‘ angeht, ich schätze, du bist mein neuer direkter Nachbar.“ Oben angekommen trägt er die Eimer in seine Wohnung, Tina wartet an der Tür, bis er ihr den Korb abnimmt. „Danke! Dann werden wir uns ja vermutlich jetzt öfter über den Weg laufen…“ murmelt er. „Ich schätze schon, es sei denn, du fällst vom Fleisch, weil du dein Frühstück weiterhin ausfallen lässt.“ lächelt sie ihn von ihrer Tür aus schelmisch an und schiebt sich eine lange blonde Strähne hinters Ohr. Leicht verlegen kratzt er sich am Kopf „Ich werde dann mal weiter die Farbeimer hochtragen.“ Er nickt ihr zu bevor er um die Ecke verschwindet und sie die Tür ihrer Wohnung von innen schließt. ‚Cool bleiben und weiterlaufen – die Frau aus dem Café, wer hätte das geahnt?‘ denkt er sich, obwohl er eigentlich losjubeln könnte.

‚Nett!‘ denkt sie sich als sie sich an ihren Schreibtisch setzt, denn die eine Kolumne für das Kundenmagazin eines Drogeriemarkts muss heute noch fertig werden. Vor der drückt sie sich schon die ganze Woche, heute ist aber Deadline beim Verlag. Sie feilt hier noch ein wenig und dort noch ein bisschen, es ist eine runde Sache, aber 100%ig zufrieden ist Tina nicht. Freiverkäufliche Arzneimittel sind einfach nicht ihr Thema. Immer wieder schweifen ihre Gedanken zu ihrem neuen Nachbarn. Schließlich seufzt sie laut und drückt auf den ‚Senden‘-Button, bevor sie den Computer herunterfährt. Sie schleicht in die Küche und macht die Kaffeemaschine an. Wenn sie sich schnell an etwas gewöhnt hat, dann daran, dass ihr hoher Kaffeekonsum hier in Finnland absolut nichts Ungewöhnliches ist. Ein Klingeln an der Tür reißt sie aus den Gedanken.

„Hast du mir vielleicht ein Pflaster Tina?“ fragte der große Braunhaarige mit Hundeblick. „Ja, komm erstmal rein.“ Sie geht mit ihm durch in die Küche und zieht eine Schublade auf „Lass mal sehen, wie groß muss es sein?“ Er hält ihr seinen Daumen hin „Ich bin mit dem Teppichmesser abgerutscht, nicht tief, aber lang.“ erklärt er. Während sie ihm das Pflaster anbringt fragt sie „Magst du auch eine Tasse?“ und deutet mit dem Blick Richtung Kaffeemaschine. Die beiden sitzen also in Tinas Küche und Riku erzählt von sich: dass er Musiker ist, er spielt verschiedene Instrumente, am liebsten Gitarre, seine alte Wohnung wurde wegen angeblichem Eigenbedarf gekündigt. Es hat einige Zeit gebraucht, bis er was Neues gefunden hat. Musiker scheinen nicht die Traummieter schlechthin zu sein und jetzt eilt es, dass er bis Monatsende alles hier hat. „Und du? Was machst du so? Was schreibst du am Laptop schon am frühen Morgen? Und wo kommst du her, dass du nicht von hier bist hört man…“ überhäuft er sie mit Fragen. ‚Interessiert ihn das wirklich? Schön, aber immer ruhig mit den jungen Pferden…‘ bremst sie ihre Freude „Also, ich bin freie Kolumnistin. Vor zwei Monaten habe ich mir meinen Traum erfüllt und bin hierhergezogen. Da ich nicht vor Ort beim Verlag sein muss zum Schreiben oder Clips drehen, geht das ganz gut. Das Material ist dann schnell nach Deutschland an die Verlage geschickt oder auf deren Server abgelegt.“ Sie schaut in sein ratloses Gesicht und erklärt weiter „Es sind kleine Geschichtchen, über alles Mögliche aus dem Alltag, zu vorgegebenen Themen, zu besonderen Anlässen oder so. Ich schreibe für Frauenzeitschriften, Beautymagazine, Tageszeitungen und Mitarbeiterhefte. Seit neustem sind auch noch kleine Clips dazugekommen, die dann von den Verlagen online gestellt werden.“ endet sie. „Dann hält dich dein ungeschickter Nachbar jetzt also vom Arbeiten ab?“ fragt er leicht entschuldigend. Sie schüttelt aber den Kopf „Nee, für heute bin ich durch, ist ja auch schon nach fünf!“ Riku sieht überrascht auf die Uhr „Das würde ich auch gern sagen, ich muss heute noch die ganze Bude abkleben. Morgen kommen ein paar Kumpels um beim Streichen zu helfen, da sollte ich vorgearbeitet haben.“ er blickt auf seinen Daumen „Mal sehen, wie weit ich komm! Danke auf jeden Fall mal für Pflaster und Kaffee!“ Fast tut er ihr leid, sie erinnert sie an ihren eigenen Einzug hier. „Gern. Ich will mich nicht aufdrängen, aber wenn du magst, helfe ich dir beim Abkleben.“ bietet Tina an. Seine Augen beginnen zu strahlen und er zieht sie mit sich in seine Wohnung.

Die Wohnung ist größer als Tinas, auf zwei Etagen, das beste aber ist, dass sie über eine Dachterrasse verfügt. Für das Abkleben allerdings, ist die Größe eher nachteilig. Die beiden sind noch bis nach 22 Uhr damit beschäftigt Türenrahmen, Fenster, Küchenschränke, Heizkörper und was sonst noch so abgeklebt werden will mit Klebeband zu versehen. Riku hat nebenbei begonnen, Lichtschalter und Steckdosen abzunehmen. Nach der letzten Dose sagt er schließlich „Feierabend! Magst du noch was trinken gehen? Feierabendbierchen oder so?“ „Hört sich gut an, aber in Verbindung mit Sofa, bitte.“ Etwas ratlos schaut er Tina an, ihm will jetzt partout keine Kneipe mit Sofa oder halbwegs lounchigen Möbeln einfallen. Sie lächelt ihn an „Ich glaub, ich habe noch zwei Bier im Kühlschrank und ein Sofa habe ich auch…“ Riku tauscht noch schnell die dreckigen Arbeitsklamotten gegen eine Jogginghose und ein frisches Shirt und folgt ihr nach gegenüber.

Als er in ihr Wohnzimmer kommt, stehen schon zwei Flaschen Bier auf dem Couchtisch und sie sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa. Ihr Sofa ist L-förmig, sodass er sich ihr gegenüber auf den langen Schenkel des Möbels setzen kann. „Ich hab im Moment nur bequem da, hoffe das stört dich nicht…“ sagt er als er nach dem Bieröffner greift „Momentmal, das ist ja beschiss!“ stellt er bei genauerer Betrachtung der Flaschen fest. „Nein, das ist schon in Ordnung, Riku, das ist mir lieber als ein richtiges Bier.“ sagt Tina und nimmt das alkoholfreie Radler entgegen. Während des Abklebens haben sie zwar auch geredet, aber halt eher Belangloses, er möchte gern mehr über diese Frau wissen, denn er empfindet ihre Gesellschaft als wirklich angenehm und erfrischend. „Also, du schreibst Geschichten, bist aus Deutschland, trinkst keinen oder kaum Alkohol, dafür aber gerne Cappuccino und dazu isst du Kovarpuusti. Was gibt es noch zu wissen?“ fragt er als er sich mit seinem Bier in die Ecke des Sofas lümmelt und hofft einen Blick hinter ihr Schild werfen zu können. Tina lächelt und dreht sich so, dass sie einen Arm auf die Sofalehne legen kann und ihn ansehen. „Wenig, ich trinke wenig Alkohol, ich werde immer müde davon. Du hast soeben zielsicher meinen Lieblingsplatz auf dem Sofa gefunden. Ich…“ Riku rappelt sich auf und will ihr Platz machen, aber sie hält ihn am Arm zurück. „Nein, bleib. Ich sitze auch hier gemütlich.“ „Wirklich?“ Tina nickt und fährt fort „Ich bin wahnsinnig gern draußen, ob am Hafen, Fahrrad fahren, im Park lesen, Badminton spielen oder was auch immer, Hauptsache an der frischen Luft. Das geniale dabei ist, dass dir die Inspirationen für die kleinen Geschichten quasi ganz von alleine über den Weg laufen, wenn du mit offenen Augen durch die Welt gehst. Als es im Winter so lange kalt und dunkel war hat mir das gefehlt. Den Schnee mag ich zwar auch, aber als der Frühling endlich kam, war das wie aufatmen.“ Riku nickt „Versteh ich gut, das geht mir genauso. Ich bin gern mal weg zum Skifahren oder Snowboarden, aber das ist ein Ausflug, nichts auf die Dauer.“ Er gähnt „Mist, ich bin fertig mit der Welt. Nie hätte ich gedacht, dass renovieren so anstrengend sein kann.“ und rutscht noch ein wenig tiefer in die Sofaecke. Während sie sich unterhalten rennt die Zeit. Die zwei haben es sich jeweils mit Kissen gemütlich gemacht und irgendwann am frühen Morgen sind ihnen die Augen beim Reden zugefallen. Als Riku plötzlich erwacht, stellt er zuerst fest, dass es laut Radioanzeige 4:27 Uhr ist und beschließt ‚Jetzt brauch ich auch nicht mehr nach Hause fahren…‘ und dann erst merkt er, dass er gar nicht aufstehen könnte, da Tina von der Lehne gerutscht war und ihren Kopf auf seiner linken Brust liegen hat. Normalerweise braucht er Platz zum Schlafen, aber das fühlt sich gerade sehr angenehm an. ‚Warum stört mich das nicht? Und warum habe ich ausgerechnet jetzt Lust auf Kokosmakronen?‘ geht es ihm durch den Kopf, aber er gleitet noch bevor er eine Antwort findet wieder ins Land der Träume.
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