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Eine Blume unter Sternen

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Het
Evan Rosier Lucius Malfoy Narzissa Malfoy
15.08.2021
19.09.2021
11
27.421
5
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15.09.2021 2.310
 
Eine Woche später saß sie wieder im Hogwarts Express und sah die Winterlandschaft vorbeiziehen. Sie teilte sich das Abteil mit Dorea und Evan, der seit sie sich in Kings Cross wiedergesehen hatten, nicht mehr von ihrer Seite gewichen war. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sein Verhalten viel zu anhänglich oder ob sie einfach eine schlechte Freundin war, dass er sie inzwischen fast ein wenig nervte.
Sie wusste, dass Andromeda irgendwo in diesem Zug sitzen musste. Bald würde sie ihre verlorene Schwester wieder fast täglich sehen. Täglich würde sie daran denken müssen, dass sie nie wieder normal mit ihr reden könnte, wenn überhaupt. Sie würde ihre Sorgen nicht mit ihr teilen können, sie würden keine Hausaufgaben mehr zusammen machen, sich nicht mehr von den Büchern erzählen, die sie gerade lasen. Es waren all diese kleinen Dinge, die den Verlust ihrer Schwester unerträglich machen würden.

Die Gedanken an Andromeda hatte das Wiedersehen mit Evan komplett überschattet. Sie hatte ihn anfangs nur einmal kurz umarmt und seitdem jegliche Annäherungsversuche von ihm abgewehrt. Sie würde sich später bei ihm für ihr Verhalten entschuldigen, er würde es verstehen, schließlich verstand er sie immer. Doch was sie jetzt brauchte war einfach ein wenig Abstand, ihre trübseligen Gedanken und die vorbeiziehende Winterlandschaft.
Als sie am Abend die große Halle zum Festessen betrat, konnte sie nicht verhindern, dass ihre Augen zuerst den Slytherintisch nach Andromeda absuchten. Doch Andromeda war nirgends zu sehen, vielleicht war sie noch nicht da? Sie spürte, wie Dorea ihr den Ellenbogen in die Seite stieß und in Richtung des Hufflepufftisches nickte. Narzissa folgte ihrem Blick und… tatsächlich, dort saß Andromeda, fast schon auf Teds Schoß und unterhielt sich mit ein paar Hufflepuffs.
Besonders vom Slytherintisch bohrten sich viele missbilligende Blicke in Andromedas Rücken, aber auch von den anderen Tischen kamen abfällige Blicke und Bemerkungen. Auch Narzissa wurde von mehreren dieser Blicke getroffen, doch sie beachtete sie nicht. Genauso wenig, wie sie Andromeda ab jetzt beachten würde, die Leute würden schon sehen, dass Andromedas Verhalten im Hause Black keineswegs akzeptiert wurde und dass sie auch keineswegs vor hatten, ihre Einstellung gegenüber Muggelgeborenen zu ändern.

Während des Essens versuchte sie nicht ständig zu den Hufflepuffs hinüber zu blicken, indem sie Evan zuhörte, der sich lang und breit darüber ausließ, dass die Qualität des Essens in Hogwarts abnehme und man mal ein ernstes Wörtchen mit den Hauselfen sprechen sollte. Narzissa schmeckte zwar keinen Unterschied, das lang vielleicht aber auch daran, dass sie kaum etwas von dem anscheinend nicht mehr ganz so köstlichen Essen hinunter bekam.
An diesem Abend saß sie lange mit Evan auf dem Sofa vor dem Kamin. Die meisten Schüler waren von der langen Zugfahrt erschöpft und deshalb schon früh ins Bett gegangen. Einige der älteren waren jedoch noch anwesend, so auch Lucius Malfoy und seine Freunde? Untertanen? Anhängsel? Narzissa hatte sich nie die Mühe gemacht das genauer zu ergründen, doch es wurmte sie, dass es ihr immer noch auffiel, wenn er anwesend war.
Ihr Kopf lag auf Evans Schulter und blickte, in der vergeblichen Hoffnung auf Entspannung, in die Flammen, die bereits deutlich nachgelassen hatten und wohl bald ausgehen würden. Evan hatte einen Arm um sie gelegt und damit begonnen langsam ihren Oberarm zu streicheln und Narzissa fand, dass dies eine guten Gelegenheit dafür wäre, sich bei ihm zu entschuldigen.
„Hey Evan“, murmelte sie leise.
„Hmm?“, brummte er träge.
„Es tut mir leid, dass ich heute so abweisend war. Andromeda…“
„Ich weiß“, unterbrach er sie. „Es war bestimmt komisch sie wiederzusehen. Glaub mir, ich verstehe das.“
Überrascht sah sie ihn an. Sie wusste ja, dass Evan sehr einfühlsam sein konnte, doch trotzdem war sie von seinem Verständnis überrascht.
„Jetzt guck doch nicht so überrascht. Ist es so schwer zu glauben, dass ein männliches Wesen Verständnis aufbringen kann?“ Ein wenig belustigt sah er sie an. Im immer schwächer werdenden Feuer sahen seine grünen Augen dunkler aus als sonst und Narzissa fand, dass das sehr gut zu seinen braunen Haaren passte.
„Nein, du hast recht, das ist es nicht“, murmelte sie peinlich berührt. „Nur…ungewohnt.“
Noch immer funkelten seine Augen belustigt, doch als er ihr langsam eine verirrte Strähne hinter das Ohr schob, veränderte sich der Ausdruck in seinem Gesicht.

Narzissa bekam Herzklopfen. Noch immer war sie gefangen von dem dunklen Grün seiner Augen und war unfähig sich zu bewegen, als seine Finger ihr Gesicht berührten und sanft über ihre Wange strichen.
Langsam näherten diese Augen sich ihrem Gesicht und Narzissa hatte plötzlich das Bedürfnis zu schreien oder weg zu rennen oder…
Bevor sie richtig realisiert hatte, was passierte, spürte sie auch schon seine Lippen auf ihren. Unsicher und nervös bewegten sie sich ein wenig, bevor er sich wieder zurückzog und sie verhalten anlächelte.
Narzissa war völlig überrumpelt und hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie reagieren sollte, also kopierte sie einfach sein Verhalten, lächelte kurz und murmelte dann, dass es schon sehr spät sei und sie dringend schlafen sollte. Schließlich ging schon morgen sie Schule wieder los.
Fast schon hastig sprang sie vom Sofa auf und legte einen furchtbar unangenehmen Abgang hin, indem sie, ohne sich noch einmal umzudrehen, in ihren Schlafsaal eilte. Dabei bemerkte sie nicht die anthrazitgrauen Augen, die alles beobachtet hatten.

Erschöpft ließ sie sich in ihr Bett fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Was war da gerade passiert? Evan hatte sie geküsst, einfach so. Und sie war weggelaufen. Merlin war das peinlich. Was musste Evan jetzt von ihr denken? Wahrscheinlich, dass der Kuss schlecht gewesen war, dass sie ihn nicht mochte, ihn nicht küssen wollte. Aber das wollte sie, schließlich war sie seine Freundin und sie mochte ihn. Er war nett und… überhaupt, sie war einfach nur überrumpelt gewesen. Genau, das würde sie Evan morgen sagen, sie war einfach nur überrascht gewesen und dann würde sie ihn küssen und ihm zeigen, dass es ganz und gar nicht seine Schuld war.
Bei Merlin, das war ihr erster Kuss gewesen. Und er war… grauenvoll. Sie hatte sich das ganze irgendwie immer anders vorgestellt, irgendwie gefühlvoller und nicht so… unangenehm. Aber wessen erster Kuss war schon gut? War der perfekte erste Kuss nicht sowieso nur eine Legende? Bellatrix hatte die ganze Sache in der dritten Klasse relativ unzeremoniell hinter sich gebracht, indem sie, wie hieß er noch gleich… Naja, jedenfalls irgendeinen Slytherin geküsst hatte, der an diesem Tag wohl ganz nett aussah. Und Andromeda… wenn sie ehrlich war, wusste sie es nicht. Andromeda hatte sowieso nie viel geredet und schon gar nicht über so etwas persönliches.
Andromeda… Und wieder waren ihre Gedanken zu der verlorenen Schwester zurückgekehrt. Wie gerne hätte sie ihre Schwester jetzt um Rat gefragt, doch das ging nicht, das würde nie wieder gehen.
Was für ein furchtbar verwirrender Tag, fast schon wünschte sie sich, am nächsten Tag mit einem Berg Hausaufgaben erschlagen zu werden, damit sie nicht mehr über all diese Dinge nachdenken musste, bevor sie, nach einer quälenden Ewigkeit in der ihre Gedanken sie nicht in Ruhe lassen wollten, endlich einschlief.

Am nächsten Morgen hielt sie Evan auf, der gerade dabei war, den Gemeinschaftsraum zu verlassen.
„Können wir reden? Wegen gestern Abend…?“, fragte sie nervös und kam sich dabei unfassbar dämlich vor.
Evan nickte und folgte ihr zu den Sitzplätzen in den Fensternischen. Er wirkte angespannt und verunsichert.
„Es tut mir leid wegen gestern“, begann er. „Ich dachte es wäre ein guter Moment und ich dachte, dass du… Es tut mir leid, es kommt nicht wieder vor.“
Sie lächelte sanft, es tat ihr leid, dass Evan sich anscheinend so unwohl fühlte, aber ihr war es leider auch nicht anders ergangen. Beruhigend legte sie ihm eine Hand auf den Arm und sagte: „Nein, das ist es nicht, ich… Ich war einfach nur überrascht, dass ist alles. Es war ein guter Moment, ich habe einfach bloß nicht damit gerechnet. Es ist alles gut, okay?“ Und um ihm zu zeigen wie okay es war, rutschte sie noch ein Stück zu ihm herüber und küsste ihn bestimmt. Noch immer fühlte es sich seltsam an, dass die eigenen Lippen die eines anderen berührten, aber sie würde sich wohl dran gewöhnen. Irgendwann, hoffentlich.
Sie spürte, dass Evan noch immer leicht verunsichert war, aber trotzdem auf den kurzen Kuss miteinstieg, bevor er sich wieder von ihr löste.
„Und du bist sicher, dass du das willst? Ich möchte dich zu nichts zwingen.“ Noch immer sprachen Unglaube und Verwirrung aus seinen Augen.
Sie nickte eifrig und sagte: „Natürlich, sonst hätte ich das gerade nicht gemacht, oder? Und außerdem bin ich eine Black, ich weiß, was ich will.“ Sie grinste ihn an. Er schien zwar noch immer nicht so ganz überzeugt, doch das würde schon noch werden. Sie nahm seine Hand, stand auf und sah ihn abwartend an. „Möchtest du mich jetzt zum Frühstück begleiten.“ Es war keine Frage, doch Evan schien etwas in Gedanken versunken zu sein, denn jetzt sah er noch verwirrter aus als vorher.
„Ähm ja, natürlich“, brachte er hervor.

Schon bald hatte Evan sich wieder eingekriegt, sodass sie einen fast normalen Tag verbrachten, wenn man mal von der Tatsache absah, dass sie von vielen Schülern abschätzend angestarrt wurden. Die Sache mit Andromeda lastete noch immer schwer auf ihr, manchmal begegneten sie sich allein in dem ein oder anderen Korridor, doch Narzissa hatte jedes Mal den Blick entschieden auf den Boden gerichtet und war ohne ein einziges Wort an ihr vorbei gelaufen. Noch immer tat es weh sie zu sehen, noch immer schmerzte der Verlust, doch es blieb dabei, was Andromeda tat und getan hatte, war falsch. Man stellte sich nicht einfach so gegen seine Familie, gegen die Traditionen und schon gar nicht so öffentlich und demütigend, wie ihre Schwester es getan hatte.
Und jeden Tag, den sie zusammen mit Evan verbrachte, wurde es ein wenig leichter, ein bisschen weniger schmerzhaft und trat mehr und mehr in den Hintergrund, doch trotzdem… es war immer da und würde wohl auch niemals ganz verschwinden.

Narzissa erlebte den Januar als eine sehr glückliche Zeit. Sie war mit Evan zusammen, ging Händchen haltend mit ihm durchs Schloss, manchmal machten sie Spaziergänge im Schnee, sie machten zusammen Hausaufgaben, redeten und lachten. Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit. Sie fühlte sich leicht und verliebt und auch das Küssen war zu einer Angelegenheit geworden, die tatsächlich ganz nett sein konnte, auch wenn sie es glücklicherweise nicht besonders oft taten.
Doch so glücklich Narzissa auch war, so kam sie doch nicht umhin zu bemerken, wie sich die Stimmung in Hogwarts änderte. Das Flüstern, das im letzten November eingesetzt hatte, war nur kurz von der weihnachtlichen Stimmung unterbrochen worden. Jetzt war es wieder da und es klang irgendwie unheilvoller als vorher. Und Narzissa fragte sich, was außerhalb der Mauern Hogwarts vor sich ging. Schließlich handelte es sich bei dem Schloss quasi um einen eigenen Mikrokosmos, auf den die Ereignisse von außerhalb nur gedämpft und in abgeschwächter Form eintrafen.

Der Valentinstag kam und damit auch eine kurze Atempause des Flüsterns. Alle Schüler und besonders jene in Beziehungen, schienen ein wenig benebelt durch die Schule zu laufen. Überall sah man Händchen haltende Pärchen und Narzissa hätte ob solch klischeehafter Zurschaustellung von Zuneigung missbilligend die Nase gerümpft, doch in diesem Jahr war sie selbst kaum besser. Weshalb sie beschloss dieses Jahr nicht jedem die gute Laune zu verderben, der sie auch nur ansah.
Glücklicherweise fiel der Valentinstag in diesem Jahr auf ein Hogsmeade Wochenende. Sie hoffte sehr, dass Evan nicht mit ihr zu Madam Pudifoot’s wollte, trotz ihrer momentanen Verliebtheit fand sie diesen Laden einfach nur schrecklich. Das Drei Besen wäre ihr da schon deutlich lieber, obwohl sie die Luft darin überhaupt nicht zum Atmen geeignet fand und sich fragte, wie die Leute es dort drinnen nur so lange aushielten.

Sie hatte Pech denn schon kurz darauf fand sie sich in der Hölle aus rosa wieder, die die Muggelgeborenen gerne als das Innere von Tinkerbells Heiligtum beschrieben. Sie wusste zwar nicht wer Tinkerbell war, aber nach dieser Beschreibung wollte sie ihr nie begegnen.
Trotzdem sagte sie nichts, als Evan ihr lächelnd die Tür aufhielt und auch als sie sich in einem Meer aus Rosenblättern, mit einem hässlichen Engel im Sichtfeld wiederfand, ließ sie sich nicht das geringste anmerken. Schließlich wollte sie nicht unhöflich sein oder Evan gar kränken. Also ließ sie dieses Date einfach so über sich ergehen, trank den viel zu süßen Tee und fischte sich das ein oder andere Glitzerding, das beständig auf sie herunter fiel, aus dem Haar.
Der Rückweg zum Schloss war danach umso schöner. Obwohl es leicht schneite, blitzte die Sonne hinter der ein oder anderen Wolke hervor und ließ den frisch gefallenen Schnee magisch glitzern. Jeder ihrer Schritte knirschte, die Kälte rötete ihre Wangen und die Luft war wunderbar frisch und klar.
Sie mochte den Winter. Früher, als sie die seltenen Male zusammen mit ihren Schwestern im Schnee gespielt hatte, hatten sie sie Schneekönigin genannt, denn mit ihren ungewöhnlich hellen Haaren, der hellen Haut und ihren unglaublich hellblauen Augen, sah sie im funkelnden Schnee aus, wie ein menschliches Ebenbild dieser Jahreszeit.
Das schien auch Evan aufzufallen, denn plötzlich war er stehen geblieben und sah sie bewundernd an.
„Dieses Bild ist vollkommen“, murmelte er andächtig, bevor sie zu sich heranzog, mit seinen Fingern vorsichtig über ihre geröteten Wangen fuhr und sie sanft küsste. Es war einer dieser Küsse, die ihr wirklich gefielen und so zog er sich hin, bis sie von einem anderen kichernden Pärchen, das gerade vorbei kam, aus ihrer Blase gerissen wurden.
Ein wenig beschämt, aber glücklich lösten sie sich von einander und setzten schließlich ihren Weg zum Schloss fort.
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Ich wollte generell und gerade zu diesem Kapitel noch mal kurz anmerken, dass sich die beiden immer noch im vierten Schuljahr befinden. Sie sammeln also gerade erste Erfahrungen und alles ist etwas unangenehm und ungewohnt und vielleicht ein wenig übertrieben, weil sie es nicht besser wissen. Zumindest habe ich versucht dieses Gefühl so rüber zu bringen.
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