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Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Freundschaft / P16 / Gen
Dr. John Watson OC (Own Character) Sherlock Holmes
14.08.2021
23.06.2022
17
21.077
4
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18 Reviews
Dieses Kapitel
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23.06.2022 1.694
 
Loraine:

Also das war unhöflich gewesen, das wusste sogar ich. Und mein emotionaler Quotient war wie der von Sherlock nicht besonders hoch. Jetzt hatte er John vertrieben, der sowieso schon gereizt gewesen war, wegen der Aktion auf dem Yard. Sicherlich würde Watson heute und morgen ebenso wenig wiederkommen. Langsam drehte ich mich zu Sherlock um, der schweratmend noch immer zur Tür blickte. Fragend schaute ich ihn an, wartete auf eine Reaktion. War ich so dermaßen anstrengend, dass selbst ein Soziopath den Verstand verlor? Das sollte mir definitiv zu denken geben. Aber John war nicht genervt von mir. Obwohl, eigentlich schon. Ach man! Warum musste das mit dem Sozialen immer so schwer sein? Woher sollte ich denn bitte wissen, wann man einen Witz über einen Beamten reißen konnte und wann nicht?

„Sie bleiben hier! Wenn ich wiederkomme, erzählen Sie mir alles! Keine Flucht, keine Umschreibungen, die pure Wahrheit!“, drohte mir Sherlock gefährlich leise. Dann hastete er zur Tür hinaus und verschwand.

Nun wieder allein, fragte ich mich, ob Sherlock Watson vielleicht nachlief. Doch das erschien mir als sehr unrealistisch. Ich hätte es nicht gemacht.

Na toll. Wie lang würde er jetzt wegbleiben? Wenn ich den ganzen Tag auf den feinen Herrn Detektiv warten müsste, dann…würde ich wohl auf ihn warten müssen. Und schon war mir unendlich langweilig. Seufzend sah ich mich im Raum um. Vielleicht fand sich ja eine geeignete Ablenkung. Ha! Da war ja eine!

Mit dem Laptop von John setzte ich mich auf das Sofa, schnappte mir eine Decke und kuschelte mich darin ein. Aufgeregt klappte ich das silberne Gerät auf, tippte das Passwort ein, scrollte durch den Verlauf, öffnete den Blogg von Sherlock und begann zu lesen.



Als Sherlock zurückkehrte war ich nicht mal ansatzweise mit seinem Blogg durch. Ich schaute kurz über den Rand des Laptops, der warmgelaufen auf meinen Schenkeln platziert war. An ihm war etwas anders. Ich konnte es gleich erkennen. Er war viel entspannter und seine Haltung war lockerer als sonst. Ein flüchtiger Blick auf die digitale Uhr auf dem unteren Bildschirmrand verriet mir, dass Sherlock etwa eine Stunde außer Haus gewesen war.

„Wo waren Sie?“, fragte ich neugierig.

„Das geht Sie absolut nichts an.“, erwiderte er bissig, aber nicht ganz so abweisend.

„Waren Sie in einem Stripclub oder warum sind Sie auf einmal so gelassen?“

Sein Kopf schnellte herum und seine Locken folgen durcheinander.

„Ich sagte, das geht Sie nichts an!“, seine verengten Augen musterten mich kurzzeitig.

„Na schön, dann setzten Sie sich.“, ich deutetet auf seinen Sessel und wollte den Laptop zuklappen, da sagte er eilig: „Nein, lassen Sie den an! Ich möchte Ihnen etwas zeigen!“

Sherlock steuerte auf das Sofa zu, auf dem ich ausgestreckt gelegen hatte. War das sein Ernst? Erst meckert er mich an, dass ich in seinem Sessel saß, jetzt machte ich es nicht mehr und schon pflanzte er sich neben mich? Wo war denn da die Logik? Aber ich wollte ihn nicht wieder anstacheln, da er zumindest im Moment relativ entkrampft schien. Grummelnd zog ich also die Knie an, damit Holmes sich auf dem Sofa niederlassen konnte.

Unter normalen Umständen hätte dieses Szenario äußerst gemütlich sein können. Draußen war es bereits dunkel und leichter Regen prasselte gegen die bodentiefen Fenster. Entweder war die Glühbirne kaputt oder sie hatte eine Dimmfunktion, jedenfalls war es etwas schummrig in der Wohnung. Das Problem saß neben mir auf der Couch und machte Anstalten mir die Decke wegzunehmen. Manchmal erschien mir der Consulting Detective mehr wie Kind, als ein Erwachsener. Genervt gab ich den angewärmten Stoff auf. Zufrieden wickelte sich Sherlock darin ein und drückte mir einen USB-Stick in die Hand, jedoch ohne meine Haut zu berühren. Bakterienphobiker?

Interessiert steckte ich ihn ein und wartete, dass sich ein Fenster öffnete. Dabei beobachtete ich das Bündel, das sich auf dem Sofa gemütlich räkelte. Aus den Falten starrten mich plötzlich zwei dunkle Augen an und schnell wandte ich den Blick wieder ab. Er brauchte gar nicht zu wissen, dass ich ihn überaus unterhaltsam fand.

„Klicken Sie auf die Videodatei.“, murmelte Sherlock aus den Untiefen des Überzugs heraus.

Suchend scrollte ich durch den Ordner und stutzte.

„Da sind aber zwei.“, teilte ich verwundert mit.

„Zuerst die größere Datei.“

Was würde wohl darauf sein? Vermutlich etwas, das mich betraf, sonst würde es nicht auf einem Stick der Polizei sein. Auf der Rückseite des Sticks hatten meine Finger die eingravierten Buchstaben „SY“ ertastet. Scotland Yard. Ich atmete ein letztes Mal tief ein, dann klickte ich auf die Datei.

Ein weiteres Fenster öffnete sich und dann erkannte man die schwarz-weiß-Version meines Labors. Ebenso wie mich. Ich schaute mir die Videoaufzeichnung der Kamera in der oberen linken Ecke des Raumes an. Sie hing direkt neben der Sprenkelanlage. Eine Fehlkonstruktion, wie ich fand. Sollte ein Feuer ausbrechen und die Anlage angehen, so würde sie die Kamera mit Wasser besprühen und ebenjene würde dabei kaputt gehen oder es könnte zu einem Kurzschluss kommen. So oder so, wäre das Videomaterial verloren. Mehrmals hatte ich bereits der Verwaltung davon erzählt, doch man fand, dass ein Umbau mehr Kosten als Nutzen hervorrufen würde.

Plötzlich verschwand das Bild für kurze Zeit, dann war es wieder da. Mir stockte der Atem. Was zum Teufel war da passiert? Ein einziges Blutbad! Mein ganzer Schreibtisch war voller Blut! Das würde ewig dauern, bis alle Flecken wieder draußen waren. Und meine ganzen Kolben! Alle kaputt! Auch die Petrischalen waren nur noch ein Scherbenhaufen auf dem Boden.

Wütend machte ich das andere Video an. Allerdings zeigte es dieselbe Szene nur aus einer anderen Perspektive. Ja, Kamera Nummer zwei. Sie war in mein Regal eingebaut worden. Durch Stahl und Glas war sie einigermaßen vor Chemikalien geschützt. Ich ging wieder auf das erste Video zurück und hatte ein Standbild, wo ich gerade mit einer Petrischale hantierte.

Schlagartig hatte ich ein übles Gefühl. Ich zoomte näher an mich heran und keuchte. Auf der linken Wange erkannte ich ein Muttermal. Ein kleiner brauner Fleck. Diese winzige Pigmentstörung, die ich nicht besaß, sondern meine Schwester.

Sherlock hatte meine unnatürliche Reaktion logischerweise mitbekommen. Analysierend kniff er die Augen zusammen und sah zwischen dem Bildschirm und meinem Gesicht hin und her.

"Das bin ich nicht!", erklärte ich mich und unterdrückte mühsam den Brechreiz, der sich durch das bloße Anschauen des Filmmaterials aufbaute.

"Aber...es...", stotterte Sherlock und sein Blick blieb am flackernden Bildschirm hängen.

Vermutlich war es das erste Mal, dass der berühmte Detektiv, die Schlagfertigkeit in Person, nur einzelne Wörter stammeln konnte.

"Aber es sind doch nie Zwillinge?", beendete ich seinen Satz, sowie seinen Gedankengang. Ich erinnerte mich an Johns Blogg, in dem er diesen Satz einst zitiert hatte.

"Tja Mr. Holmes, diesmal schon. Ich würde mal behaupten ich schulde Ihnen ein paar Antworten.“

Nun völlig wach, hatte er sich kerzengerade aufgesetzt und nickte bestätigend. Seine blauen Augen waren klar, wie der Morgentau auf den Wiesen. Noch nie hatte er mir so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ein durchaus angenehmes Gefühl.

„Ich war nicht ganz ehrlich zu Ihnen…“, begann ich.

Sherlock schnaubte.

„…wie Sie sehen, habe ich wohl Geschwister. Eine Zwillingsschwester. Sie heißt Uriah. Ich habe nicht von ihr erzählt, weil ich ihr geschworen habe, niemandem etwas zu sagen. Es…ähm…fing alles damit an, dass Uriah schon als wir Kinder waren, lange Finger hatte. Sie hat schnell herausgefunden, dass sie das sehr gut kann, also Dinge stehlen. Für meine Eltern war das ziemlich anstrengend und als sie etwa 15 war, haben sie sie nach London in eine Klinik geschickt. Dort würde man ihr helfen können, hieß es. Aber das genaue Gegenteil war der Fall. Sie traf dort einen Mann, Moriarty. Ja, ich kenne ihn und ja, in dem Fall habe ich Sie ebenfalls angelogen. Ich habe ihn nur niemals gesehen, doch der Name war mir mehr als vertraut. Dieses Arschloch zeigte meiner Schwester die Vorzüge der Kriminalität. Einige Jahre später hat sie… hat sie…“, ich räusperte mich.

„…hat sie in seinem Auftrag etwas richtig Großes angestellt. Sie hat mir nie mehr mitgeteilt, aber mir war klar, dass sie auswandern musste. Also haben wir gemeinsam ihren Tod vorgetäuscht. Nicht um Moriarty zu täuschen, das ist unmöglich. Nein, damit die Polizei und unsere Eltern nicht länger nach ihr suchen würden. Kurz bevor wir dieses Unterfangen durchgeführt haben, hat Uriah mir gesagt, dass sie es bereuen würde. Alles. Ich hab ihr geglaubt, aber trotzdem musste sie fliehen. Außerdem wollte sie mit der Flucht in ein anders Land mit Moriarty abschließen. Das mit ihrem Tod hat perfekt funktioniert und sie ist nach Kasachstan geflohen. Tja und seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Das ist jetzt etwa neun Jahre her.“

Nachdem ich geendet hatte fühlte mich erschreckender Weise leichter. Ich hatte diese Geschichte fast eine ganze Dekade mit mir herum getragen und es endlich jemandem zu erzählen, löste in mir ein wohliges Gefühl aus. Auch wenn es unter solchen Umständen geschehen musste, löste sich ein dunkler Schleier, der die ganze Zeit über mir gehangen hatte.

Holmes war gegen die Rückenlehen gesunken und hatte die Augen geschlossen.

Seine Atmung verriet mir, dass er nicht schlief. Plötzlich erhob er das Wort:

„Wissen Sie, wo genau Ihre Schwester sich in Kasachstan aufhält?“

Ich nickte: „Nur-Sultan“

Unerwartet riss Sherlock die Augen auf.

„Was sagten Sie gerade?“

„Ähm Nur-Sultan? Eine Stadt nördlich der Mitte von Kasachstan.“, präzisierte ich.

„Und Ihre Schwester heißt Uriah?“, aufgeregt packte er mich bei den Schultern.

Verwirrt schaute ich ihn an, dann nickte ich unsicher.

„Wie gesagt, Uriah Turner wohnt in Nur-Sultan. Was haben Sie denn?“

„4U“, murmelte Sherlock.

Ich verstand immer noch nicht.

„Sherlock, was haben Sie denn? Und könnten Sie mich bitte wieder loslassen?“

Hastig zog er seine Hände zurück und begründete sich: „Als Sie in unserem Wohnzimmer lagen, stand auf Ihrem Bauch „4U“ mit Schweineblut geschrieben. Vier U! Uriah tUrner, nUr-sUltan. Verstehen Sie?“

Natürlich verstand ich. Sogar mehr als er.

„Sie züchtet dort Schweine.“, flüsterte ich.

„Bitte?“

„Ich sagte, dass Uriah in einem Außenbezirk eine Schweinefarm hat. Zumindest vor acht Jahren. Da schrieb sie mir nämlich einen kurzen Brief. Sie wohne in Nur-Sultan, züchte Schweine, es ginge ihr gut und sie würde mich vermissen.“

Sherlock grinste mich fanatisch an: „Endlich kommt Licht ins Dunkle!“
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