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Ein letztes Geheimnis

von Sharry93
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P12 / MaleSlash
Lorenor Zorro Mihawk "Falkenauge" Dulacre Monkey D. Ruffy Nico Robin / Miss Bloody Sunday Vinsmoke Sanji
14.08.2021
13.08.2022
50
253.969
15
Alle Kapitel
118 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
06.08.2022 4.513
 
Hallo meine Lieben,

es ist Samstag und wie gewohnt kommt daher ein neues Kapitel, welches uns dem Ende immer näher bringt o.o

Aber bis dahin, habt noch viel Spaß und bis nächste Woche^^


Kapitel 48 - Meeresbrise



-Zorro-

Er dehnte Arme und Beine, ehe er den Kopf von rechts nach links kreisen ließ, bis die Knochen knacksten, dann griff er nach seinen Klamotten und zog sich an. Es war wirklich ein seltsames Gefühl. Seinen unfreiwilligen Aufenthalt in diesem Zimmer hatte er in weiser Voraussicht als Loreen verbracht, aber nun hatte er sich verwandelt und vermisste beinahe den süßen Schmerz verausgabter Muskeln, an den er sich über die vergangenen zwei Jahre gewöhnt hatte. Er fragte sich, was sich diesbezüglich noch verändert hatte, aber solange es ihn nicht beim Kämpfen störte, war es ihm, wenn er ganz ehrlich war, einfach egal.

Eine innere Unruhe erfüllte ihn, während er die rote Schärpe festzog. Beim Frühstück hatte er die Zeitung gelesen und auch, wenn er sich ein bisschen über den Steckbrief des Kochs geärgert hatte – er war sich sicher, dass sein eigenes Kopfgeld bald in die Höhe schießen würde, spätestens wenn die Welt herausfinden sollte, dass er in Wirklichkeit Lady Loreen war und von Dingen wusste, von denen die Weltregierung mit Sicherheit nicht wollte, dass sie öffentlich wurden – so hatte das breite Grinsen Ruffys in ihm jedoch eine Vorfreude geweckt, die er die vergangenen Tage fast vergessen hatte.

Wenn er aus dem Fenster guckte, konnte er am Horizont ein Stück Land in einem stürmischen Wolkenamboss ausmachen, dem sie stetig näherkamen. Er hatte Wa No Kuni erreicht; dank des überraschend schnell gelösten Problems mit Eizen nur wenige Tage nach den anderen.

Zorro erinnerte sich an die mahnenden Worte Kinemons darüber, dass sie sich unauffällig verhalten sollten, und daher hatte er entschieden, dass Marineschiff zu verlassen und die letzten Meter zu schwimmen. Irgendwie würde er schon an Land kommen.

Ein Klopfen an der Türe ließ ihn aufhorchen und er verließ das Badezimmer, schenkte dem Neuankömmling jedoch kaum seine Aufmerksamkeit, sondern suchte seine Sachen zusammen, auch wenn es nicht viele waren.

„Einen schönen guten Morgen, ich… oh…“ Mihawk Senior war auf einen Besuch vorbeigekommen – Zorro hatte ihn seit dem Beginn ihrer Reise nicht mehr gesehen, was auch daran lag, dass er sein Zimmer nicht verlassen hatte – und musterte ihn nun mit großen Augen, als hätte er vergessen, dass sein Gast Lorenor Zorro und nicht Lady Loreen war. „Ich wollte Ihnen soeben vorschlagen, sich vielleicht bereits von uns abzusetzen, da wir nicht beabsichtigen in den Hafen einzulaufen, aber es scheint, als wäre dies nicht notwendig.“

Zorro nickte nur und ging an dem anderen vorbei zu seinem Seesack, wo er seine andere Kleidung hineinstopfte. Dulacre hatte ihm ziemlich genau erklärt, wie er ins Land gelangen konnte – und nur circa zehn Mal darauf hingewiesen, dass er sich nicht von Kaidos Lakaien schnappen lassen sollte, als ob Zorro so dumm wäre – und er hatte damit gerechnet, dass die Marine nicht in den von Kaido kontrollierten Hafen mal ebenso einlaufen würden.

„Nochmal danke für die Hilfe“, murrte er unbeeindruckt, während er die Schlaufen zuzog. Als er aufblickte, bemerkte er, wie der andere ihn immer noch musterte.

„Das ist die Narbe meines Sohnes, nicht wahr?“

Zorro nickte nur und rieb sich das linke Schlüsselbein, streifte dabei die Kette um seinen Hals.

„Sie wissen dies mit Sicherheit, aber Sie können wirklich sehr stolz auf diese Zeichnung sein.“

Mit einem erneuten Nicken packte Zorro seinen Seesack und wandte sich kurz Mihawk Senior zu.

„Ich muss Sie um einen Gefallen bitten“, fiel er direkt mit der Tür ins Haus. „Ich möchte, dass Sie Rihaku und wem auch immer folgende Botschaft ausrichten.“

Der Soldat verschränkte die Arme.

Lady Loreen ist tot, sagen Sie ihr das.“

Die vergilbten Augen des anderen weiteten sich.

„Aber… sagen Sie nicht, dass Sie…?“

„Doch, genau das sage ich.“ Mit diesen Worten schulterte Zorro seinen Seesack und wandte sich dem Balkon zu.

„Warten Sie, Zorro.“

Er blieb stehen.

„Werden Sie meinen Sohn töten? Werden Sie, wenn der Tag gekommen ist und Sie ihm endlich den Kampf bieten, den er schon seit Jahren erwartet, werden Sie ihn dann töten?“

„Tze“, schnalzte Zorro mit der Zunge, ohne sich auch nur umzudrehen, „klammern Sie sich immer noch an dieses verdammte Schicksal?“

Kopfschüttelnd seufzte er und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, streifte seine Ohrringe.

„Also, um das noch ein letztes Mal klarzustellen, Dulacre und ich, wir treffen unsere eigenen Entscheidungen, und als wäre ich so dämlich den einen Menschen umzubringen, der den Schwertkampf so sehr respektiert wie ich. Ein einziger Sieg wird mir nicht reichen. Ich will tausendmal gegen ihn kämpfen und ihn tausendmal besiegen, und ich werde nicht zulassen, dass diesem Mistkerl irgendetwas passiert, noch nicht mal seine eigene Blödheit, die er anscheinend von seinem Vater geerbt hat.“

„Sie sind ein ungewöhnlicher Mann, Lorenor Zorro. Solche Ambitionen zu äußern, während Sie im Begriff sind, Kaidos Hoheitsgebiet zu betreten… Haben Sie etwa vor, auch so ein Monster zu werden, wie mein Sohn es geworden ist? Grenzt das nicht an Wahnsinn?“

Zorro konnte ein Schmunzeln nicht verhindern.

„Es braucht ein Monster, um ein anderes zu bezwingen“, erinnerte er sich an Shakuyaks Worte von vor langer Zeit, „und hätten Sie wirklich etwas anderes von einem Crewmitglied des künftigen Königs der Piraten erwartet?“

Mit diesen Worten riss er die Tür zum Balkon auf und sprang über Bord, ehe der Soldat noch etwas erwidern konnte, sein Blick fest auf das Land am Horizont gerichtet.

Ich geh schon mal vor, Ruffy! Komm bald nach und bring den verdammten Koch mit!



-Sanji-

Ein erneutes Seufzen ließ ihn aufhorchen. Er überlegte, nachzufragen, aber nach den letzten zwei erfolglosen Versuchen sollte er es wohl dieses Mal bleiben lassen. Leise arbeitete er weiter und versuchte, das Geraschel zu ignorieren.

Sein allerliebstes Namimäuschen war leider nicht besonders gut gelaunt und auch, wenn Sanji fand, dass Rage ihr stets gut stand, so mochte er es doch gar nicht, wenn sie unzufrieden war.

Sanji selbst war eigentlich allerbester Laune. Nicht nur, dass er endlich wieder mit seinen Freunden unterwegs war – als wäre das nicht schon Wunder genug – nein, er hatte sogar ein neues Kopfgeld bekommen und endlich – endlich! – den verdammten Marimo hinter sich zurückgelassen! Dieses Erfolgserlebnis konnte selbst der kleine Dämpfer, dass nun der Name seiner Familie seinen Steckbrief zierte, nicht schmälern.

Darüber hinaus betitelte die Zeitung Ruffy bereits, als wäre er einer der Kaiser. Nein, Sanji hatte wirklich fantastische Laune, insbesondere wenn er bedachte, wie furchtbar er sich noch vor wenigen Tagen gefühlt hatte. Eigentlich war dieses Gefühl viel stärker als der Stolz über sein Kopfgeld, Dankbarkeit. Er konnte es kaum in Worte ausdrücken – nicht, dass irgendwer diese Worte hören wollte – aber er war unglaublich dankbar.

Gleichzeitig fühlte er in sich aber auch diese Scham, diese Schuldgefühle für das, was er gesagt und getan hatte. Er hatte gedacht, das Richtige zu tun, und dennoch…

„Endlich!“, stöhnte Nami hinter ihm entnervt auf.

„Du hast was gefunden?“, murmelte er abwesend und wagte nicht, sich herumzudrehen. Sie hatte ihm verziehen, aber Sanji wusste – oder zumindest befürchtete er – dass es doch nicht so einfach war, nur, weil sie es gesagt hatte.

„Ja, ich bin alle Zeitungen durchgegangen“, murrte sie, „und hier steht endlich was.“

Nun wandte er sich doch um.

Nachdem sie die Neuigkeiten aus der heutigen Zeitung erfahren hatten und Sanji entschieden hatte, etwas für sie alle zu kochen, war Nami ihm kurz darauf gefolgt, um die Zeitungen der vergangenen Tage auf Hinweise zu durchforsten. Nun saß sie am Tisch, neben ihr ein Stapel bereits gelesener Zeitungen, eine hatte sie glatt gestrichen vor sich auf dem Tisch ausgebreitet und fuhr mit einem Finger zügig die Zeichen der Titelseite entlang.

„Und?“

„Eizen wurde verhaftet“, murmelte sie, ohne innezuhalten. „Zorros Plan scheint aufgegangen zu sein, auch wenn nicht wirklich viel gesagt wird. Zumindest steht hier ausdrücklich, dass er einen Putschversuch geplant hatte und aufgehalten worden ist. Genaueres ist derzeit wohl noch angeblich Gegenstand von Ermittlungen.“

Sanji schluckte.

„Und was ist mit Zorro?“, fragte er nach, musste sich räuspern, weil sein Hals so trocken war. Die vergangenen Tage hatte er immer wieder an diesen Vollidioten denken müssen. Nicht unbedingt daran, wie der andere als Lady Loreen durch die Gänge Mary Joas stolperte, sondern eher an das davor.

Sanji war wütend auf ihn gewesen, weil er sich so einfach von irgendeinem Fremden hatte kontrollieren lassen, so wie Sanji seit jeher von seinem Vater kontrolliert worden war. Sanji war wütend auf ihn gewesen, weil Zorro, der doch immer so direkt und unverblümt gedacht hatte, sich von einem Fremden ein Geheimnis hatte aufbrummen lassen, weshalb er selbst ihnen nicht mehr die Wahrheit gesagt hatte, so wie Sanji sich seit jeher dem Geheimnis, welches ihm sein Vater aufgezwungen hatte, gebeugt hatte.

Und dann hatte er ihn beneidet, für diese Kraft, für diese Stärke, einfach die Fesseln zu sprengen, einfach die Wahrheit zu sagen und sich nicht länger von der Gewalt dieses Geheimnisses kontrollieren zu lassen. Sanji hatte sich seiner Vergangenheit so stellen wollen, wie Zorro es getan hatte. Als er die Einladung zu seiner eigenen Hochzeit gelesen hatte, da hatte er plötzlich verstanden. In diesem Moment hatte er genau verstanden, warum Zorro so gehandelt hatte, sowohl damals auf der G6 als auch während der Tage nach ihrer Wiedervereinigung.

Er hatte es ihm gleichtun wollen, hatte gedacht, er könnte seine Probleme alleine lösen, so wie Zorro, der alleine nach Mary Joa gereist war. Aber die Wahrheit war, dass Sanji genauso gehandelt hatte, wie Zorro damals, auf der G6 - er hatte sogar eine Nachricht verfasst, genau wie Zorro damals! Er war wirklich keinen Deut besser – doch ihm war es noch nicht mal bewusst gewesen. Er hatte gedacht, er würde sich erwachsen verhalten, richtig verhalten, würde nicht die gleichen Fehler machen, wie die anderen zuvor, aber vielleicht weil er so gedacht hatte, weil es ihm so wichtig gewesen war, die anderen nicht in sein Dilemma mithineinzuziehen, vielleicht war das der Grund, warum er genau die gleichen Fehler wiederholt hatte.

Es war ein erbärmliches Gefühl, vielleicht wollte er gerade deshalb so stolz auf seinen Steckbrief sein, denn wenn Sanji nicht gewesen wäre, dann hätten sie Zorro im Zweifel helfen können, dann hätten sie im Zweifel nach Mary Joa reisen können, dann würde Nami jetzt nicht da sitzen und einen Artikel nach dem anderen durchwühlen, während sie keine Ahnung hatten, wie es Zorro ging, und Sanji wusste, warum sie so entnervt war. Es war ihr typisches Verhalten, um ihre Sorge zu verdrängen, denn Sanji wusste auch, jede neue Zeile könnte offenbaren, dass sie ihren Schwertkämpfer wieder verloren hatten.

Er schämte sich. Zorro war alleine gegangen, während Sanji von Ruffy hatte gerettet werden müssen. Er schämte sich. Zorro hatte von seiner Familie gewusst und nicht mal hinterfragt, warum Sanji ihn angefleht hatte, nicht darüber zu sprechen, während Sanji ihm nicht einmal hatte zuhören können, als Zorro bereit gewesen war, ihm die Wahrheit zu sagen. Er schämte sich. Er war wütend auf Zorro gewesen, weil Zorro sich hatte unterdrücken lassen, so wie Sanji sein Leben lang von den Worten seines Vaters unterdrückt worden war, während er doch auch genauso gehandelt hatte wie Zorro. Er schämte sich so sehr.

Aber vielleicht auch nur, weil dieses Gefühl leichter zu ertragen war als die anderen. Natürlich wollte er lieber Stolz und Dankbarkeit fühlen, aber sie konnten nicht über die Demut und die Scham hinwegtäuschen. Dennoch, Schuldgefühle waren deutlich besser auszuhalten als dieses andere Gefühl, diese tiefe Furcht, während Nami die Seiten umblätterte und nach Hinweisen suchte.

Natürlich machte er sich auch Sorgen um die anderen, wobei er jedem von ihnen zutraute, auf sich selbst Acht zu geben. Das tat er auch eigentlich beim Marimo, aber es war halt nochmal was verdammt anderes und er hatte Zorros Blick gesehen, als Falkenauge davon gesprochen hatte, Mary Joa im Zweifel anzugreifen. Sanji war sich gar nicht so sicher, ob der Samurai nicht sogar die größere Gefahr darstellte.

„Er wird nicht mal erwähnt“, murmelte Nami fast schon fahrig und durchforstete den nächsten Artikel. „Also weder er noch Lady Loreen.“

„Was?“ Nun verschränkte Sanji die Arme. „Aber selbst, wenn der Marimo gar nichts gemacht hätte, so würde man Lady Loreen doch zumindest mal…“

„Hab was“, unterbrach sie ihn und sah kurz auf, aber dann verzog sie unzufrieden die Stirn. „Nichts Hilfreiches, leider, nur das Eizen zusammen mit Lady Loreen in den letzten Zügen der Vorbereitung für die Reverie war – kein Wunder, beginnt doch schon übermorgen - aber viel mehr steht da auch nicht.“

„Vielleicht ist ja auch einfach nichts passiert“, murmelte Sanji, obwohl er selbst nicht dran glaubte. „Vielleicht hat Eizen sich ja selbst verraten und die Grasbirne musste gar nichts tun, außer seine Rolle weiterzuspielen.“

„Hm“, brummte sie nur, wenig überzeugt, und blätterte weiter.

Sanji wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Laut Nami sollten sie Wa No Kuni innerhalb der nächsten paar Tage erreichen, aber was würde passieren, wenn der verdammte Marimo dort nicht auftauchte?

Eigentlich überraschte es ihn, dass Ruffy anscheinend überhaupt nichts unternehmen wollte. Bisher war er doch jedem von ihnen nachgekommen, egal ob sie es gewollt hatten oder nicht. Selbst Sanji hatte er verfolgt! Aber ausgerechnet bei Zorro, dem einen, den sie schon einmal verloren hatten, da schien er nicht mal drüber nachzudenken. Wieder mal verstand Sanji ihn einfach nicht. Sie wussten noch nicht mal, was passiert war, ob Zorro in…

„Oh! Endlich!“ Er schaute auf. Zum ersten Mal klang Nami nicht mehr so gereizt, wie die vergangenen Stunden. Als er zu ihr herübersah, rieb sie sich gerade eine Strähne aus dem Gesicht und beugte sich noch tiefer über die Zeitung. „Rätsel um Lady Loreen, war sie Mittäter oder Opfer? Hm…hm…hm… Keine eindeutige Antwort über ihre Rolle und ihrem Verbleib… Übereinstimmender Zeugenaussagen zufolge war sie während der Verhaftung Eizens am späten Abend anwesend… noch in der Nacht wurde ein Arzt gerufen… Zimmer wurde am nächsten Tag geräumt… Keine näheren Angaben von offizieller Seite… möglicherweise evakuiert… das war’s. Viel mehr steht da nicht.“

Sie begann schon weiterzublättern, während Sanji über die zitierten Worte nachdachte.

„Glaubst du, wir können dem glauben?“, murmelte er, während er die vielen verschiedenen Snacks zu Tisch brachte und sich dann zu ihr setzte. „Eizen wurde also vor ein paar Tagen verhaftet, das scheint stimmig. Aber was bedeutet es, dass keiner weiß, wo Lady Loreen jetzt ist?“

„Eigentlich ganz klar“, antwortete Nami, die weiterhin die Artikel in atemberaubender Geschwindigkeit durchforstete. „Es gibt ja nur drei Möglichkeiten. Zorro wurde gefangen genommen, getötet oder er hat Mary Joa mittlerweile verlassen. Ach, verdammt nochmal, diese ganzen Berichte wiederholen sich nur gegenseitig. Wie kann man mit so vielen Worten so wenig ausdrücken.“

Sanji starrte sie an, während sie sich über die Zeitung aufregte. Wie konnte sie das nur so einfach…? Nein, er wusste genau, wie sie das konnte. Dafür hatten sie schon zu oft über Zorros Tod gesprochen und außerdem hatte sie Recht. Genau das waren die drei Optionen und sie schienen alle möglich.

Aber dann kam ihm ein neuer Gedanke.

„Wenn Eizen bereits verhaftet wurde, hätte dann nicht spätestens heute etwas in der Zeitung stehen müssen, wenn Falkenauge Mary Joa angegriffen hätte? Dieser Typ scheint ja regelrecht besessen vom Marimo und wird mit Sicherheit sofort reagiert haben, sollte er nichts vom Marimo gehört…“

„In der Zeitung wird darüber nichts stehen.“ Nami faltete die Blätter zusammen und sah Sanji mit einem leichten Schulterzucken an. „Wenn Mary Joa gefallen wäre, hätten nicht wir heute die Schlagzeile eröffnet. Das bedeutet Mary Joa steht noch, also hat Falkenauge entweder nicht angegriffen oder aber…“

„… er hat versagt“, führte Sanji ihren Satz zu Ende. „Aber warum würden sie das nicht berichten? Wäre es nicht eine Zurschaustellung ihrer Macht, wenn sie…“

„Sanji, denk doch mal nach“, seufzte sie. „Die Reverie ist übermorgen, eine Demonstration ihrer Autorität. Was würde es wohl über die Weltregierung aussagen, wenn nur wenige Tage zuvor einer der Samurai, die ihr doch angeblich treu ergeben sind, sich gegen sie auflehnen würde? So kurz nachdem einer ihrer eigenen Politiker einen Putsch versucht hat? Nein, sollte er angegriffen und versagt haben, sollten sie ihn gefangen genommen haben, werden sie das wohl erst nach der Reverie oder vielleicht auch gar nicht veröffentlichen, wer weiß das schon.“

Sanji verschränkte die Arme. „Aber warum veröffentlichen sie dann den Putschversuch von Eizen?“

Sie zuckte erneut mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Vielleicht war er ihnen schon seit längerer Zeit ein Dorn im Auge. Vielleicht wollen sie nicht, dass er die Lorbeeren für die Reverie erntet, oder was weiß ich. Aber alleine, dass Falkenauge nicht erwähnt wird, sollte uns nicht in Sicherheit wiegen, denke ich.“ Sie senkte den Blick. „Aus diesen Artikeln ist es unmöglich zu sagen, wie es um Zorro wirklich steht.“

„Verdammt“, murrte Sanji und rieb seine Schläfen, spürte wie seinen Augen brannten. „Aber was machen wir denn dann jetzt? Sollen wir wirklich einfach so nach Wa No reisen? Müssen wir nicht…“

Er unterbrach sich, als Nami neben ihm leise lachte.

„Glaub mir, Sanji, ehe ich eben hier reinkam, habe ich gefühlt eine halbe Stunde versucht, mit Ruffy darüber zu diskutieren, was wir machen, wenn wir nichts über Zorros Verbleib wissen. Aber er wollte davon nichts hören – du kennst ihn ja, wie er dann immer ist – also reisen wir nach Wa No Kuni. Befehl des Käpt’ns.“ Sanji setzte sich wieder auf und sah Nami zu, wie sie sich durch Gesicht und Haare fuhr. „Mann, wenn das hier alles vorbei ist, dann brauche ich wirklich mal ein paar Tage Urlaub.“

Dem konnte er nur zustimmen, während er sich erhob.

„Ich hol mal alle zum Essen, wärest du so freundlich, noch schnell den Tisch zu decken“, murmelte er, woraufhin sie nur nickte und die Zeitungen wegräumte.

Es gefiel ihm nicht, Nami eine solche Arbeit aufzudrängen, aber er war auch dankbar, denn während er übers Deck lief und die anderen aufforderte, sich drinnen stärken zu gehen, konnte er Ruffy an seinem Lieblingsplatz auf der Gallionsfigur ausmachen, der nicht kam, obwohl er Sanji hören musste.

Also ging Sanji zu ihm auf die Steuerterasse.

„Hey Kapitän, willst du nichts essen?“ Normalerweise würde Ruffy spätestens jetzt aufspringen und Sanji mit sich Richtung Kombüse schleudern, aber nun tat er es nicht und für einen Moment fürchtete Sanji beinahe, dass Ruffy wütend auf ihn war. Aber dann sah er, dass Ruffy breit grinste, so wie er immer grinste, wenn er sich richtig freute. Für einen Moment folgte Sanji seinem Blick aufs strahlendblaue Meer, doch konnte nichts erkennen, was diese Freude hätte auslösen können.

Kopfschüttelnd lehnte er sich gegen die Reling und zündete sich eine Zigarette an. Manchmal verstand er seinen Kapitän einfach nicht. Nicht immer, meistens war Ruffy ein offenes Buch und absolut vorhersehbar, aber manchmal, da gab es diese Momente, in denen Sanji ihn absolut nicht einschätzen konnte. Manchmal verstand er ihn einfach nicht.

Es fiel ihm schwer zu verstehen, warum Ruffy so handelte, wie er handelte. Warum war er Sanji nachgekommen, wollte aber jetzt nicht Zorro nachreisen? Warum hatte er sich mit Sanji auf eine Art angelegt, die sein Herz zerrissen hatte, aber bei dem Konflikt mit dem Marimo hatte er sich rausgehalten? Warum hatte er nur eingegriffen, wenn jemand anderes was gesagt hatte, aber Zorro hatte er nicht einmal zur Verantwortung gezogen? Warum hatte er Sanji all diese Dinge zugeschrien, aber Zorro verteidigt? Sanji verstand es nicht, er verstand es einfach nicht.

„Sag mal“, murmelte er, „sollten wir nicht vor Wa No Kuni einen Abstecher nach Mary Joa machen?“

„Hm? Nö, wieso sollten wir?“, entgegnete Ruffy auf seine leichtfertige Art und sah kurz zu Sanji hinüber.

Er rollte mit den Augen.

„Naja, um nach dem Marimo zu sehen“, grummelte er. „Schließlich haben wir keine Ahnung, was mit ihm…“

„Zorro geht’s gut.“

Das war’s. Das war seine ganze Reaktion. Ein simples ihm geht’s gut, das war’s. Aber irgendwie erinnerte es Sanji an damals zurück. Damals, als er Ruffy hatte sagen müssen, dass Zorro gestorben war und die Tage darauf, als Ruffy immer wieder mit diesen simplen Worten und dieser unschuldigen Stimme gesagt hatte, dass Zorro am Leben war. Genauso wie damals hörte er sich gerade an und genau wie damals stieß es Sanji sauer auf.

„Machst du dir keine Sorgen?“, fragte er und bemühte sich, ruhig zu bleiben.

„Nein“, kam die fast schon erwartete Antwort.

„Wieso?“ Sanji schüttelte den Kopf. „Ganz ehrlich, Ruffy, ich kapiere es nicht. Mir kommst du nach, obwohl ich dir noch einen verdammten Zettel hinterlasse und obwohl du keinen Grund hattest anzunehmen, dass ich in Schwierigkeiten stecken würde, aber Zorro – von dem wir nichts wissen, außer dass er gerade in einer richtig beschissenen Situation steckt – ihm willst du nicht helfen? Ihn willst du alleine lassen? Warum? Warum tust du das? Warum willst du Zorro nicht helfen?“

Er bereute beinahe, dass er sich nicht auf die Zunge beißen konnte, aber verdammt nochmal, es erinnerte ihn an Falkenauges Worte und seine eigenen Zweifel, bevor Zorro sie eingeweiht hatte. Ruffy war der Kapitän, es war seine Aufgabe, die Crewmitglieder zu beschützen, und ja, der Marimo mochte ein verdammter Vollidiot sein, der wirklich stark genug war, um mit vielem Scheiß alleine klarzukommen, und ja, er schien sich jetzt einen verdammten Samurai als Schoßhündchen angelacht zu haben, aber trotzdem konnten sie doch nicht einfach…

„Zorro will nicht, dass wir ihm helfen, also ist das schon okay“, entgegnete Ruffy mit einem breiten Grinsen, schien Sanjis Unzufriedenheit nicht mal wahrzunehmen.

„Ist es nicht!“, widersprach Sanji. „Ruffy, nur weil er das gesagt hat, heißt das nicht, dass er…“

„Für Zorro war es echt nicht einfach.“

Diese Worte ließen Sanji erstarren. Was meinte Ruffy damit? Damals hatte er Sanji unterbrochen, als er Zorro angegriffen hatte, war Ruffy doch auf ihn sauer? Wollte er ihn nun doch dafür belehren, dass Sanji ein Crewmitglied so angegangen war?

„Ich glaube, er hat sich etwas gelangweilt – nicht, dass er sich beschwert hätte – weil ich ihm nie die stärkeren Gegner überlassen habe.“ Nun plusterte Ruffy einmal seine Wangen auf und schnaubte durch die Nase auf. „Auf der anderen Seite wollte ich auch Spaß haben und es ist nicht meine Schuld, wenn Zorro sich immer verläuft und deshalb die besten Kämpfe immer verpasst. Außerdem bin ich der Kapitän, ich will gegen die Stärksten kämpfen.“

„O…kay“, murmelte Sanji, nicht wirklich sicher, was er damit anfangen sollte. „Aber was hat das mit…?“

Nun grinste Ruffy ihn an.

„Zorro hat mir gesagt, dass er auf Mary Joa den Spaß seines Lebens haben wird. Er hat sich die vergangenen Kämpfe nicht wirklich amüsieren können und ich hab immer gegen die stärksten Gegner gekämpft, obwohl er das sicher auch wollte. Es wäre unfair von mir, nach Mary Joa zu reisen und ihm diesen Spaß zu nehmen.“ Nun seufzte Ruffy leise auf, ehe er die Arme verschränkte und sich nachdenklich einen Finger an die Schläfe drückte, als würde er komplizierten Gedankengängen folgen. „Ich bin zwar ein bisschen neidisch, dass Falki dabei sein konnte und ich nicht, aber dafür werden wir dann zusammen Kaido plattmachen und dann ist das schon okay. Hauptsache Zorro hatte mal so richtig Spaß und kann nochmal so richtig kämpfen.“

Sanji verstand nicht.

„Ruffy, schon klar, ich kämpfe auch gerne. Aber hier geht es nicht um einen spannenden Kampf. Es könnte sein, dass Zorro gerade in einem Kerker sitzt oder hingerichtet wird. Wir müssen doch…“

„Mhmh“, schüttelte Ruffy den Kopf und sah Sanji wieder so unschuldig an. „Zorro geht’s gut.“

Zorro weiß, dass wir zur Fischmenscheninsel wollen, also bin ich mir sicher, dass er da wieder zu uns stoßen wird. Und bis dahin bewahren wir seine Schwerter für ihn auf.

Zorro lebt! Ich weiß es!

Und trotzdem lebt er!

Er meinte, bis er zurückkommt, denn er wird zurückkommen.

Sanji merkte, wie etwas in ihm aufbrach, was über die vergangenen Jahre zu hartem Stein geworden war.

„Du sagst das nicht nur so, oder?“, murmelte er. „Du glaubst nicht nur, dass es Zorro gut geht. Du weißt es, oder?“

Nun begann Ruffy zu strahlen, als ob Sanji ihm gerade sein Lieblingsfleisch gebracht hatte.

„Na klar“, lachte er. „Zorro ist stark und wenn er sich etwas in den Kopf setzt, dann zieht er das auch durch. Er hat gesagt, wir treffen uns auf Wa No Kuni wieder, also werden wir das auch.“

Absolutes Vertrauen.

Sanji wusste nicht warum, aber zwischen diesen beiden bestand ein absolutes Vertrauen, um dass er sie nur beneiden konnte. Da war es wieder, dieses seltsame Verhalten. Diese Art, wie Ruffy über Zorro sprach, diese Art, wie Zorro zu Ruffy sprach. Diese Art, wie sie Dinge voneinander wussten, ohne dass sie auch nur einmal erwähnt worden waren. Sanji wusste nicht wirklich, was es genau war, aber die einzige Erklärung, die ihm dazu einfiel, war absolutes Vertrauen.

Doch gleichzeitig gab ihm genau dieser Gedanke einen bitteren Beigeschmack. Wenn Ruffy Zorros Worte glaubte, sie kein bisschen anzweifelte, ihm absolut vertraute, aber Sanji entgegen seiner Worte hinterhergekommen war, dann bedeutete das doch auch…

„Deswegen bin ich dich ja auch abholen gekommen“, sprach Ruffy weiter und hob den Kopf gen Himmel. „Zorro wollte nicht, dass ich nach Mary Joa komme.“ Dann sah Ruffy wieder zu ihm hinüber und lächelte. „Du hingegen hast zwar gesagt, dass wir dich in Ruhe lassen sollen, aber du wolltest, dass ich dir hinterherkomme.“

Seine Augen brannten, als Ruffy ihn so ehrlich anlächelte, und mit bebenden Lippen senkte Sanji den Blick. Seine Worte von damals hallten durch seinen Kopf, als er Ruffy angeschrien und angegriffen hatte, beleidigt hatte, all diese Dinge gesagt hatte, die er nie hatte sagen wollen.

„Du hast mir nicht ein Wort geglaubt?“, fragte er. „Du wusstest, dass ich gelogen habe?“

Ruffy lachte leise, während Sanji mit den Tränen kämpfte.

„Shishishi, manchmal bist du ziemlich dumm, Sanji. Natürlich wolltest du mit uns weiterreisen, schließlich willst du doch den All Blue finden.“

Seine Tränen siegten. Aber er wollte sich nicht von ihnen überkommen lassen.

„Deshalb also“, murrte er und rieb sie sich entschieden weg, erfolglos, da immer neue kamen. „Deshalb hast du wegen Zorro nichts gemacht, oder? Weil du wusstest, dass er das irgendwie hinbekommen würde? Deswegen hast du es mir nicht übelgenommen, dass ich die ganze Zeit mit ihm gestritten habe?“

Ruffy lachte als Antwort nur, doch verstummte, als Nami sie zum Essen rief. Im nächsten Moment sprang er auf und wollte loshechten.

„Warte Ruffy!“ Sanji packte ihm am Kragen und zog ihn zurück, nun wieder Herr seiner Gefühle. „Also im Klartext, der Marimo ist in Ordnung?“

Ruffy grinste ihn breit an, während seine Füße weitergingen und sein Körper sich immer länger streckte.

„Woher weißt du das?“, hakte Sanji nach.

„Woher weiß ich was?“

„Dass es ihm gut geht?“

Nun neigte Ruffy leicht den Kopf.

„Na, weil es Zorro ist. Er hatte ganz viel Spaß auf Mary Joa und jetzt wartet er auf uns auf Wa No Kuni, zusammen mit den anderen, so wie er es gesagt hat.“

Einen Moment sahen sie einander nur an, dann ließ Sanji den Kragen seines Kapitäns los und dieser flog wie ein gespanntes Gummiband nach vorne, knallte gegen die Treppe zur Kombüse hoch.

„Tut mir leid, dass ich deine Worte angezweifelt habe“, murmelte er leise, dann folgte er mit dem Blick ein paar weißen Wattewolken am Himmel. „Dann sehen wir uns also auf Wa No, du Vollidiot einer Alge. Stell bis dahin nichts Dummes an, hörst du?“

„Sanji, jetzt komm schon!“
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