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Herold dunklen Blutes

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Cassandra Pentaghast Inquisitor (männlich)
14.08.2021
13.08.2022
91
404.066
12
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Dieses Kapitel
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06.08.2022 5.656
 
O Erbauer, erhöre mein Flehen:
Nimm mich im Tode an deiner Seite auf,
lass mich eins werden mit deiner Herrlichkeit,
und lass der Welt abermals deine Gunst zuteilwerden.

         Lobgesang des Übergangs, 12:5


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Varric fluchte leise und versuchte, mit Cassius Schritt zu halten. Natürlich war dieser Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt – der frisch gefallene Schnee reichte ihm bis zur Mitte der Unterschenkel und verlangsamte ihn, und noch dazu hatte der Große weitaus längere Beine. Für jeden seiner Schritte musste Varric drei machen.

„Großer, verdammt noch mal!“ Er schüttelte den Kopf, stolperte und wäre beinahe mit dem Gesicht voran in eine Schneewehe gestürzt. Nur Blackwall hatte er es zu verdanken, dass er sich nicht derart blamierte. Der Krieger packte ihn am Kragen seines Ledermantels und hielt ihn, bis er wieder festen Stand gefunden hatte.

Er nickte dem anderen dankbar zu und packte die Fackel in seiner Hand fester, ehe er Cassius weiter hinterher eilte, um nicht zu sehr zurückzufallen. Was auch immer in den Großen gefahren war … bislang hatte er sich nicht erklärt.

Es war stockfinster um sie herum, der Himmel pechschwarz und wolkenverhangen, und bis auf Cassius – der auch in der Dunkelheit so gut sehen konnte wie am helllichten Tag – trug jeder von ihnen eine Fackel bei sich, damit sie nicht blind umherstolperten. Eisiger Wind zerrte an Varrics Kleidung, und er hatte sowohl Hemd als auch Ledermantel bis obenhin zugeknöpft, um sich warm zu halten. Dennoch fror er.

Eigentlich hätten sie schon längst ein Nachtlager aufschlagen müssen, doch der Große hatte darauf bestanden, dass sie weitergingen. Sie waren zwar nicht mehr allzu weit von Haven entfernt gewesen, als die Sonne untergegangen war, aber es hatte keinen Grund gegeben, warum sie den Rest des Weges nicht auch am nächsten Tag hätten zurücklegen können.

Nun, abgesehen davon, dass Cassius – eigentlich eher untypisch für ihn – keine Widerrede zugelassen hatte.

Ebenso verwunderlich war, dass er es scheinbar gar nicht mehr erwarten konnte, nach Haven zurückzukehren … und das, wo zuvor offensichtlich gewesen war, dass er sich nicht sonderlich darauf freute. Nach allem, was vor seiner Abreise geschehen war, war das zu erwarten gewesen, aber die Dinge schienen sich geändert zu haben. Er wirkte beinahe hektisch, hatte jedoch niemandem verraten, was genau der Grund für seine plötzliche Eile war.

Varric fluchte erneut, kämpfte sich weiter vorwärts und schaffte es endlich, Cassius‘ Robe zu packen. Augenblicklich blieb der andere stehen, doch er zitterte unmerklich, als würde er sich nur mit Mühe und Not davon abhalten, sich loszureißen und weiterzumarschieren. Jede Faser seines Körpers vibrierte vor Anspannung.

„Großer … was ist los?“, fragte Varric halb frustriert, halb besorgt. Es war spät, es war dunkel und kalt, und sie alle waren erschöpft. Aber andererseits musste Cassius einen Grund für sein Handeln haben, oder etwa nicht?

Scheinbar nicht, denn Cassius senkte nur den Kopf und ließ die Schultern hängen. „Ich … ich weiß es nicht, Varric“, wisperte er, ohne sich umzudrehen. „Es ist nur … ich weiß, dass irgendetwas geschehen wird, ich weiß es einfach! Aber ich kann es nicht in Worte fassen. Uns läuft die Zeit davon, und … was, wenn wir zu spät kommen?“ Seine Stimme zitterte ebenso sehr wie seine Glieder. „Wir müssen nach Haven zurückkehren, und das so schnell wie möglich.“

„Und woher wisst Ihr das?“, fragte Dorian zweifelnd und trat an Varrics Seite. Er seufzte tief, rieb sich über die Augen. „Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht einfach nur übermüdet seid? Ich bin es jedenfalls…“

Der Große knirschte mit den Zähnen. „Es … es fühlt sich an, als würde ein Sturm aufziehen“, grollte er und trat unruhig auf der Stelle. „Je näher wir Haven kommen… Spürt Ihr es nicht?“ Er erschauderte. „Ich habe so etwas noch nie zuvor gefühlt, ich…“

Nun, das klang nicht im Mindesten besorgniserregend oder so… Varric warf einen Blick zu den anderen, doch keiner von ihnen schien zu spüren, wovon Cassius sprach.

„Wir sind schon so weit gekommen“, brummte Blackwall schließlich und rückte seinen Schild zurecht, den er auf den Rücken geschnallt mit sich trug. „Es macht keinen Unterschied mehr, ob wir jetzt umdrehen und einen halbwegs geschützten Platz für ein Lager suchen, oder ob wir weitergehen und uns in Haven ausruhen.“

Damit hatte der Wächter durchaus Recht, so viel musste Varric zugeben. Sie hatten bereits den letzten Pass vor Haven erreicht, hatten sogar schon fast dessen höchsten Punkt überquert, und so hoch in den Bergen würden sie keinen geeigneten Ort für ein Lager finden. Da konnten sie genauso gut weitergehen.

Die anderen schienen ebenso zu denken, auch wenn zumindest einige von ihnen alles andere als glücklich darüber waren. Varric konnte es ihnen nicht verdenken. Aber niemand wollte zurückgehen, und die Aussicht auf ein weiches Bett und eine warme Mahlzeit am Ende des Weges schien genug zu sein, ihnen neue Kraft zu geben.

Ohne ein weiteres Wort setzte Cassius sich wieder in Bewegung, und Varric grummelte leise in sich hinein. Mit ihm Schritt zu halten wäre so viel einfacher, wenn er andere nicht so verdammt groß wäre!

Doch obwohl der Große seinen Willen bekommen hatte, wirkte er alles andere als glücklich oder erleichtert. Ganz im Gegenteil – je näher sie dem höchsten Punkt des Passes kamen, desto mehr schien er sich anzuspannen.

Die Straße wand sich weiter an der Bergflanke entlang, wanderte in engen, langgezogenen Kurven immer höher und höher. Varric schnaufte leise und atmete unwillkürlich auf, als ihr Verlauf ein wenig abflachte und schließlich beinahe eben wurde. Es war nicht mehr weit, sagte er sich selbst. Nur noch ein kleines Stück, und dann würde es wieder bergab gehen.

Felswände erhoben sich links und rechts von ihnen, und die Straße verengte sich so sehr, dass zwei Pferdegespanne kaum aneinander vorbei passen würden. Der Wind heulte durch den Pass, trieb ihnen losen Schnee entgegen und zerrte an ihrer Kleidung, als würde er sie zerreißen wollen. Varric zog die Schultern hoch, schirmte sein Gesicht mit den Armen ab. Hinter sich hörte er den Bullen laut fluchen.

Der Engpass war nicht lang, doch es schien trotzdem eine Ewigkeit zu dauern, bis die Felsen wieder zur Seite wichen und sich das Tal vor ihnen öffnete. Haven lag am anderen Ende, wie ein Teppich aus Lichtern in der Dunkelheit.

Cassius war stehengeblieben und starrte ins Tal herunter. Er rührte sich nicht, auch nicht, als Varric an seine Seite trat.

„Großer, was…?“ Varric unterbrach sich selbst, als sich ein heller, ferner Klang über das unermüdliche Heulen des Windes erhob. Die Glocken von Havens Kirche läuteten. Aus dieser Entfernung waren sie kaum zu hören, aber der Klang war unverkennbar.

Nur warum läuteten die Glocken mitten in der Nacht? Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein tastete Varric nach Biancas vertrautem Schaft. Das glatte Holz unter seinen Fingern zu spüren, beruhigte ihn ein wenig, aber dennoch klebte sein Blick weiter an dem kleinen Dorf am anderen Ende des Tals, auch wenn er zu weit entfernt war, um irgendetwas sehen zu können.

„Erbauer…“, murmelte Blackwall mit belegter Stimme. „Was hat das zu bedeuten?“

„Sie werden angegriffen.“ Varric wandte sich zu dem Bullen um, doch der Qunari starrte nicht zu dem Dorf hinüber. Mit einem Mal von Unruhe gepackt folgte er dem Blick des anderen.

Auf der anderen Seite des Dorfes wand sich ein gewaltiger Fluss aus winzigen Lichtpunkten ins Tal hinab. Und wenn jeder einzelne Lichtpunkt eine Fackel war … Andrastes Gnade, es waren zu viele – zu viele, um sie zu zählen, zu viele, um sie aufzuhalten. Varric konnte sehen, wie die heranmarschierende Armee sich aufteilte, durch das ganze Tal ausschwärmte. Doch sie alle bewegten sich unbeirrbar auf Haven zu.

Ein tiefes, bedrohliches Grollen entkam Cassius, und ehe irgendjemand etwas sagen konnte, hatte er sich auch schon wieder in Bewegung gesetzt, noch rascher als zuvor … falls das überhaupt möglich war.

So viel zu einem weichen Bett und einer warmen Mahlzeit, dachte Varric grimmig und folgte dem Großen.


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„Ich hätte nie gedacht-“ Der junge Templer duckte sich unter einem Hieb hindurch, der ihn andernfalls den Kopf gekostet hätte, nutzte die Lücke aus, die der weite Schwung in der Verteidigung seines Gegners hinterlassen hatte, und trieb sein Schwert tief in den nur durch leichte Panzerung geschützten Bauch des anderen. Nur einen Augenblick später musste er zurückspringen, um einem weiteren Schlag zu entgehen. Die Wunde wäre für jeden gewöhnlichen Gegner tödlich gewesen, doch der rote Templer schien sie kaum zu bemerken. Er stieß nur ein gutturales Knurren aus und kämpfte weiter.

Gereon nutzte die Gelegenheit, die sich ihm bot, formte beinahe faustgroße Kugel aus gleißend weiß-gelblichen Flammen und sandte sie mit einer beinahe beiläufigen Handbewegung in die Wunde, die der junge Templer seinem Gegner beigebracht hatte. Erst dann erlaubte er es dem hungrigen Feuer, aufzulodern, fachte es noch weiter an. Der rote Templer kreischte, als er von innen heraus verbrannte, verstummte jedoch rasch.

„Was hättet Ihr nie gedacht?“, fragte er und erneute den Schutzzauber, den er über die kleine Gruppe Bogenschützen neben sich gewirkt hatte. Eine bläulich schimmernde Barriere formte sich vor ihnen, die ihre eigenen Pfeile durchließ, die der feindlichen Schützen jedoch zurückhielt.

Der junge Templer klappte das Visier seines Helms hoch und sog gierig die Luft ein. Seine dunkle Haut glänzte schweißnass. „Dass ich einmal … Seite an Seite mit einem Magister kämpfen würde…“, entgegnete er atemlos und schüttelte den Kopf. „Aber in der Not … sucht man sich seltsame Bettgenossen, was?“

Gegen seinen Willen entkam Gereon ein abgehacktes, bellendes Lachen, das sich jedoch beinahe augenblicklich in ein ersticktes Husten verwandelte, als Rauch in seine Lunge drang.

„Glaubt mir“, gab er zurück, sobald er wieder zu Atem gekommen war, „ich hätte mir auch niemals träumen lassen, dass ich jemals an der Seite eines südlichen Templers kämpfen würde. Schon gar nicht, um ein fereldisches Dorf vor diesen Kreaturen zu verteidigen.“ Er gestikulierte zu einer der Leichen hinüber. Beinahe alle von ihnen waren in irgendeiner Weise entstellt worden, aber diese Frau hatte es schlimmer getroffen. Bei all den Kristallen, die aus ihren Gliedern gesprossen waren, war es ein Wunder, dass sie sich überhaupt noch hatte bewegen können.

Für einen Moment schien es beinahe, als würde der junge Templer wütend werden wollen – doch am Ende seufzte er nur und schloss das Visier seines Helms wieder. „Das waren meine Kameraden“, sagte er müde, seine Stimme gedämpft und verzerrt durch seinen Helm. „Doch für sie kann ich nichts mehr tun … anders als für die Leute hier.“ Und mit diesen Worten stürzte er sich wieder in den Kampf.

Gereon presste die Lippen zusammen und hob seinen Stab. Während er kämpfte, war es leicht, zu vergessen, dass diese Monster einst ganz gewöhnliche Männer und Frauen gewesen waren. Aber der junge Templer … für ihn waren sie seine Kameraden gewesen.

Vielleicht hatte er sogar einige von ihnen wiedererkannt.

Der Gedanke versetzte Gereon einen Stich, auch während er ein weiteres Mal Kraft aus dem Nichts zog und sie mit der Leichtigkeit langer Übung nach seinem Willen formte. Glühende Funken tanzten in der Luft um ihn herum und ein unsichtbares Gewicht legte sich auf seine Schultern, wuchs mehr und mehr an, bis er das untere Ende seines Stabes mit einem Aufschrei in den aufgewühlten und blutbefleckten Schnee stieß. Nur für den Bruchteil eines Augenblicks flammten Runen auf dem Boden auf, formten fremdartige, vage kreisförmige Muster um seine Füße.

Im selben Moment krachte ein Feuerball von der Größe eines Wagens auf eine weitere Gruppe heranstürmender Gegner herab. Der Boden erzitterte, und das Brüllen der Flammen verschluckte die Schreie der roten Templer, das Zischen des schlagartig verdampfenden Schnees und sogar das Klicken, mit dem der Mechanismus des Tribocks einrastete.

„Wir haben es gleich!“, rief einer der Arbeiter zu ihnen hinüber. „Nur noch ein kleines Bisschen!“

Gereon lächelte grimmig und wirkte einen Schutzzauber über einem Soldaten, der andernfalls von dem schweren Bidenhänder seines Gegners in zwei Teile gespalten worden wäre. Sie hatten so lange durchgehalten … was machten schon ein paar Momente mehr?

Irgendwo zu seiner Rechten erklang das Klirren und Knirschen eines Frostzaubers. Sowohl Solas als auch – zu seiner Überraschung – Verzauberin Vivienne hatten sich ihnen angeschlossen und ließen nun gewaltige Hagelschauer aus schwertlangen Eissplittern auf die Angreifer herabregnen.

Obwohl Gereon keinen von ihnen mochte, musste er zugeben, dass sie mächtige Magier waren. Er würde nur ungern gegen einen von ihnen kämpfen.

Der Elf war eindeutig der merkwürdigere von beiden. Er war fähig und äußerst gebildet, wohl wahr, und er formte Magie mit einer Leichtigkeit, wie Gereon es nur selten zuvor gesehen hatte, aber gleichzeitig war irgendetwas an ihm fremdartig. Sein Wissen über das Nichts und dessen Bewohner übertraf das eines jeden anderen Magiers, den Gereon kannte, doch … vielleicht war es genau das. Sein Wissen ging zu tief, war zu spezifisch. Manches ließ sich sicherlich damit erklären, dass er ein somniari war, und dennoch… Er war nicht der erste Träumer, den Gereon traf, und der junge Mann war … geerdeter gewesen als Solas, mehr verwurzelt im Hier und Jetzt. Der kahlköpfige Elf hingegen wirkte stets, als wäre ein Teil von ihm woanders – an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit.

Und was die Erste Verzauberin anging… Gereon schnaubte leise. Ihm war nur selten eine arrogantere und mehr von sich selbst überzeugte Frau begegnet – und das schloss Dorians Mutter mit ein. Er begriff einfach nicht, wie eine derart ehrgeizige Magierin die Wiedereinführung der Zirkel fordern konnte. Wenn die südlichen Zirkel der Magie wie die in Tevinter gewesen wären, hätte er es verstehen können. Im Reich waren Zirkel Schulen, Lehrstätten und Universitäten in einem … und keine Gefängnisse, wie sie es hier im Süden waren.

Gereon schüttelte den Kopf und schleuderte einen weiteren Feuerball auf einen roten Templer, der das Monster zurückstolpern ließ und einer Kriegerin die Gelegenheit verschaffte, das Leben ihres Gegners zu beenden. Dies war wahrlich nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, wohin und in welche Gesellschaft ihn sein Weg geführt hatte. Er war hier und er würde kämpfen – nur das zählte.

Ketten rasselten und klirrten, und Holz knarrte unter der Belastung, als der gewaltige Wurfarm des Tribocks herumschwang und einen Felsbrocken in die Luft schleuderte. Sowohl die Dunkelheit als auch der Rauch und der Qualm in der Luft sorgten dafür, dass Gereon ihn beinahe sofort aus den Augen verlor.

Einen unendlichen Moment lang war es beinahe totenstill. Der Lärm der Schlacht schien abzuflauen, und nur aus weiter Ferne drangen Schreie und das Klirren von Metall auf Metall zu ihnen hinüber.

Dann hallte ein tiefes Grollen durch das Tal, das lauter und lauter wurde. Die Flanke eines Berges schien zu erzittern und dann einfach abzurutschen. Eine unaufhaltsame Wand aus Gestein, Eis und Schnee rauschte ins Tal, begrub alles unter sich, das ihr im Weg stand. Bäume brachen wie dünne Zweige, und hausgroße Felsbrocken wurden mit in die Tiefe gerissen.

Die Lawine krachte in die Reihen der Armee, die noch immer aus den Bergen geströmt kam, und obwohl Gereon nicht sehen konnte, was geschah, konnte er es sich nur zu gut vorstellen. Kein lebendes Wesen konnte einer solchen Naturgewalt standhalten.

Das Donnern der Lawine echote noch immer von den Bergflanken, übertönte beinahe die Jubelrufe von Havens Verteidigern. Sie nutzten die Ablenkung ihrer Gegner gnadenlos aus.

Gereon ließ seinen Stab sinken und fuhr sich über die Stirn. Er war nicht mehr so jung wie früher, stellte er reumütig fest, und es war Jahre her, dass er um sein Leben hatte kämpfen müssen. Und selbst dann hatte er nie an einer Schlacht teilgenommen.

Eine befehlsgewohnte Stimme erhob sich über den langsam abklingenden Kampflärm. „Sichert den Tribock und feuert weiter auf die Angreifer!“ Sucherin Pentaghast schob ihre Klinge zurück in die Scheide, schien sich jedoch nicht zu entspannen. Sie wirkte, als wäre sie bereit, jeden Moment weiterzukämpfen. „Wir haben uns eine kurze Atempause verschafft, aber mehr auch nicht.“

Ehe er selbst wirklich merkte, was er tat, war Gereon auch schon näher herangetreten, hielt jedoch inne, als ihre stechenden, graubraunen Augen sich auf ihn richteten und sich dann überrascht weiteten.

Die Sucherin fing sich jedoch rasch wieder und hob eine Augenbraue. „Magister“, grüßte sie kühl und neigte unmerklich den Kopf. „Ich hätte nicht erwartet, dass Ihr mit uns kämpft.“

„Ich habe die Venatori verraten, Sucherin“, erwiderte Gereon, konnte jedoch nicht verhindern, dass sich ein Hauch von Bitterkeit in seine Stimme schlich. Er hätte sich diesen Fanatikern niemals anschließen sollen. Am Ende hatte sich alles zum Guten gewendet, und wenn er anders gehandelt hätte, wäre Felix vielleicht nie geheilt worden … und dennoch bereute er, was er im Namen dieses Kultes getan hatte. „Sollten sie mich oder meinen Sohn in die Hände bekommen, hat keiner von uns Gnade zu erwarten.“

Und genau deswegen kämpfte er: Nicht nur, um seine Schuld abzutragen, sondern auch, um Felix zu beschützen.

„Ich … verstehe.“ Sucherin Pentaghast nickte knapp, doch er meinte zu sehen, wie ihr Blick ein kleines bisschen weicher wurde. Sie sah sich um und legte eine Hand auf den Knauf ihres Schwertes, ehe sie sich wieder ihm zuwandte.

„Um ehrlich zu sein, bitte ich Euch nur ungern darum“, begann sie unbehaglich, verlagerte ihr Gewicht, „aber … tut, was Ihr könnt, um die roten Templer zu verlangsamen oder aufzuhalten. Je mehr Zeit Ihr uns verschafft und je weniger von ihnen Haven erreichen, desto größer sind unsere Chancen, das hier zu überstehen.“

Gereon brummte zustimmend und ließ seinen Blick über die vereiste Landschaft des Tals schweifen. „Ihr habt mein Wort darauf“, entgegnete er leise. „Und was ist mit Euch?“

Die Sucherin seufzte stumm. „Der andere Tribock außerhalb der Mauern feuert nicht. Wir müssen herausfinden, was dort los ist.“ Sie presste die Lippen zusammen und blickte zu ihm auf. „Kommandant Cullen koordiniert unsere Bemühungen vom Tor aus. Wenn Ihr und Leutnant Barris hier die Stellung haltet…“ Sie deutete auf den jungen, dunkelhäutigen Templer.

„Das werden wir.“ Gereon schmunzelte freudlos. Blieb ihnen denn etwas anderes übrig? Sie konnten nicht fliehen, denn sie würden nur den roten Templern in die Arme rennen.

„Gut.“ Ohne ein weiteres Wort drehte Sucherin Pentaghast sich um. Bereits nach wenigen Schritten begann sie Befehle zu erteilen.

Erneut rieb Gereon sich über die Stirn, bevor er zu dem jungen Templer hinüberblickte. Ser Barris erwiderte seinen Blick, sagte jedoch nichts. In seinen grasgrünen Augen stand Erschöpfung, aber auch der unerschütterliche Wille, das hier zu überleben – und mehr noch, zu gewinnen.

Nachdenklich starrte Gereon hinaus auf die gefrorene Landschaft. Vor ihm fiel der Boden sanft ab bis zum Ufer des gefrorenen Sees, und war übersät mit Leichen. Die meisten der Gefallenen waren rote Templer, aber unter den Toten befanden sich auch viele Soldaten der Inquisition. Zu viele. Die roten Templer waren weit in der Überzahl, und selbst wenn für jeden Soldaten fünf Templer starben, würden sie trotzdem zermalmt werden.

Es sei denn… Gereon runzelte die Stirn, während er beobachtete, wie mehr und mehr rote Templer auf Haven zumarschierten. Hinter sich hörte er das Surren der Bogensehnen, als die Schützen das Feuer eröffneten. Die Angreifer schienen es eilig zu haben, denn anstatt sich am sicheren Ufer zu halten, marschierten sie geradewegs über den gefrorenen See, wohl in der Hoffnung, den Weg abkürzen zu können.

Ein düsteres Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Ser Barris“, murmelte er und verengte die Augen, „haltet sie hin, solange Ihr könnt, aber sagt Euren Leuten, sie sollen den See auf keinen Fall betreten. Ich muss mit den anderen Magiern sprechen.“

Der junge Templer blinzelte verwirrt, ehe er zu verstehen schien. Das Grinsen, das Gereon zur Antwort bekam, war voller finsterer Genugtuung.


- x -



Cassandra ließ den ersten der beiden Tribocke nur ungern in den Händen eines Magisters zurück. Wer wusste schon, was im Kopf eines solchen Mannes vor sich ging, oder was er für seine Hilfe fordern würde, wenn dies vorbei war? Aber Alexius hatte sich ihrem Kampf ohne jede Aufforderung angeschlossen, und er hatte genauso viel zu verlieren wie jeder andere von ihnen. Außerdem konnte sie nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Sie knurrte leise in sich hinein, schüttelte den Kopf. Das alles spielte keine Rolle. Derartige Gedanken lenkten sie nur ab. Solange der Magister auf der Seite der Inquisition kämpfte, war es egal, was ihn antrieb. Darum konnte sie sich später sorgen.

Wut loderte in ihrem Inneren, doch Cassandra zügelte ihren Zorn, wie sie es während ihrer Ausbildung gelernt hatte. Sie musste ihre Wut beherrschen statt sich von ihr beherrschen zu lassen. Wenn sie zuließ, dass ihre Wut die Oberhand gewann, dann hatte sie bereits verloren, bevor der Kampf überhaupt wirklich begonnen hatte, und das durfte sie nicht zulassen. Zu viel stand auf dem Spiel, als dass sie dieses Risiko eingehen durfte.

Also biss sie nur die Zähne zusammen und beschleunigte ihre Schritte, sodass die Soldaten, die ihr folgten, Mühe hatten, mit ihr mitzuhalten. Der erste Tribock war für den Moment gesichert, aber der zweite feuerte immer noch nicht, obwohl sie wusste, dass Cullen einen Trupp dorthin geschickt hatte.

Hoffentlich kamen sie nicht zu spät. Hoffentlich kämpften die Männer und Frauen noch, denn falls nicht … dann blieb nur, sie zu rächen.

Cassandra legte eine Hand auf den Knauf ihres Schwertes, als vor ihr eine Gruppe schwer gerüsteter Gestalten aus der Dunkelheit auftauchten, entspannte sich jedoch, als ihr Anführer die Fackel in seiner Hand etwas höher hielt und sie sein Gesicht erkennen konnte. „Leutnant Primmer“, grüßte sie, blieb jedoch nicht stehen, sondern verlangsamte nur ihre Schritte unmerklich. „Hat Cullen Euch geschickt?“

„Aye.“ Der Templer-Leutnant nickte grimmig und bedeutete einem seiner Ordensbrüder, vorzutreten. Der jüngere Templer gehorchte und reichte Cassandra einen vertrauten, länglichen Schild, auf in dessen silbriges Metall das halb geöffnete Auge der Sucher graviert war. „Und er dachte, dass Ihr den hier gebrauchen könntet.“

Sie neigte dankbar den Kopf, schwieg jedoch, auch während sie den Schild entgegennahm, ihren Arm durch die Lederschlaufen auf seiner Innenseite schob und sie mit einem kräftigen Ruck festzog. Die meisten anderen hätte das Gewicht und die Größe des Schildes als hinderlich empfunden, doch für Cassandra war es, als würde sie einen alten Freund begrüßen. Wie viele Kämpfe hatte sie mit diesem Schild durchgestanden? Zu viele, um sie zu zählen, sicherlich.

Unwillkürlich lächelte sie, doch es war kaum mehr als ein bitteres Heben ihrer Mundwinkel. So der Erbauer wollte, würde das hier nicht ihr letzter Kampf sein – doch Er half denen, die sich selbst halfen.

Also würde sie genau das tun. Das hatte sie schon immer.

„Der erste Tribock ist gesichert“, sagte sie schließlich und blickte zu Leutnant Primmer hinüber. „Er feuert nur langsam, aber wenn wir die Kontrolle über den zweiten erlangen können, dann können sie vielleicht die Nachhut unserer Angreifer ausschalten, oder eine Lücke in ihre Reihen reißen.“

Ein Tribock war nun einmal kein Bogen. Es brauchte Zeit, den gewaltigen Wurfarm wieder zu spannen und zu beladen, und die Felsbrocken, die die Belagerungsmaschine schleuderte, ließen sich nur von mehreren Männern gleichzeitig bewegen. Außerdem nützten die Tribocke nichts gegen diejenigen Angreifer, die bereits zu nahe waren. Sie konnten die roten Templer auf der anderen Seite des Tals treffen, doch sobald diese Monster zu dicht herangekommen waren, würden Klingen, Bögen und Magie über den Sieg entscheiden.

Aber es war allemal besser als nichts, und je weniger rote Templer Haven erreichten, desto leichter würde dieser Kampf für die Inquisition werden.

Cassandra schüttelte den Kopf. „Lasst uns gehen. Wir haben keine Zeit zu verschwenden.“ Mit eiligen Schritten setzte sie ihren Weg fort, bemerkte nur am Rande, wie die Templer sich bei den Soldaten einreihten, während Leutnant Primmer sich an ihrer Seite hielt.

Havens Tor war von Fackeln hell erleuchtet, doch Cassandra bog nach rechts ab, um dem Weg zum zweiten Tribock zu folgen, hob nur eine Hand grüßend, als sie Cullen vor der Palisade entdeckte. Der Kommandant erwiderte ihren Gruß, wandte sich jedoch augenblicklich wieder den beiden Soldaten zu, mit denen er sprach. Nur Augenblicke später flitzten die beiden jungen Männer in unterschiedliche Richtungen davon.

Dann tauchten Cassandra und ihre Begleiter in ein kleines Waldstück ein, und Haven blieb hinter ihnen zurück. Bis auf die Fackeln, die einige der Templer mit sich trugen, war es vollkommen dunkel. Cassandra verlangsamte ihre Schritte wieder und erlaubte es Leutnant Primmer, die Führung zu übernehmen.

Niemand wagte es, etwas zu sagen. Es war nicht weit bis zum zweiten Tribock, doch der Weg schien sich ins Unendliche zu ziehen. Das flackernde Licht der Fackeln ließ die Schatten der Bäume und Büsche um sie herum hin und her tanzen. Aus dem Augenwinkel sah es beinahe so aus, als würden sich krallenbewehrte Finger nach ihnen ausstrecken.

Cassandra schob ihr Unbehagen gewaltsam beiseite, als das ferne Klirren von Metall auf Metall an ihre Ohren drang. „Schneller!“, forderte sie, doch der Templer-Leutnant vor ihr verfiel in einen raschen Trott, ehe sie zu Ende gesprochen hatte.

Sie brachen aus dem kleinen Wäldchen heraus, und Cassandra machte einen gewaltigen Satz nach vorne, rammte die Kante ihres Schildes in den Nacken eines roten Templers. Sein Genick brach mit einem Übelkeit erregenden Knacken, doch sie war bereits zur Seite gesprungen, um dem Hieb eines weiteren Monsters auszuweichen.

Der Trupp, den Cullen hierher geschickt hatte, war noch nicht gänzlich ausgelöscht, doch die meisten der Männer und Frauen waren tot. Nur eine Handvoll Soldaten war noch übrig, und sie waren allesamt verwundet. Dennoch schien ihnen die Ankunft ihrer Verstärkung neue Kraft zu geben, denn der ältere Hauptmann, der sie anführte, packte sein Schwert fester und stürzte sich mit einem Aufschrei wieder in den Kampf, dicht gefolgt vom Rest seines Trupps.

Cassandra dachte nicht nach, sie reagierte nur noch. Ein Schlag krachte gegen ihren Schild, jagte Wellen aus Schmerz bis hoch in ihre Schulter, doch sie verdrängte ihn, schob die Waffe ihres Gegners zur Seite und rammte ihre eigene Klinge in die Lücke, die sich dadurch in seiner Verteidigung öffnete. Ein Pfeil schrammte kreischend über ihre Brustplatte, jedoch ohne sie zu durchdringen. Ein roter Templer stürzte sich auf Leutnant Primmer, blind vor Wut und Hass, und sie wirbelte herum und schlug zu, ehe das Monster den Leutnant erreichen konnte. Ihr Schwert trennte seinen Kopf von seinen Schultern, und dunkles Blut befleckte die Klinge.

Doch egal wie lange Cassandra kämpfte, egal wie viele rote Templer sie und die anderen töteten … es kamen immer mehr.

Während sie und die Soldaten und Templer sich weiter und weiter verausgabten, während ihre Kraft sie verließ und ihre Schwerter mit jedem Schlag schwerer zu werden schienen, stürzten sich immer wieder neue Angreifer auf sie. Sie kämpften ohne eine Atempause, denn dafür blieb schlicht und einfach keine Zeit. Die Zahl ihrer Gegner erschien schier unerschöpflich, und für jeden verdorbenen Templer, der im Kampf fiel, nahm ein neuer seinen Platz ein.

Jeder von ihnen wusste, dass sie nicht ewig so weitermachen konnten – aber gleichzeitig kam Aufgeben nicht in Frage. Sie mussten diesen Tribock zurückerobern. Zu viel hing davon ab.

Cassandra unterdrückte ein Keuchen, als sie erneut einen Hieb mit ihrem Schild abfing. Ihre Schulter, ja, ihr ganzer Arm schmerzte, und trotz der Kälte rann ihr der Schweiß in Strömen über die Stirn. Der rote Templer ihr gegenüber bleckte geschwärzte, halb verfaulte Zähne und stemmte sich noch mehr gegen ihren Schild. Sie war ihm so nahe, dass sie jede einzelne der blutrot glühenden Adern unter seiner gräulichen Haut hätte zählen können. Sein Gesicht war eingefallen und gleichzeitig grotesk angeschwollen, als würde sich aufgeblähtes Fleisch über zu scharfkantige Knochen spannen. Das schlimmste war, dachte Cassandra, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, dass selbst dem monströsesten roten Templer noch anzusehen war, dass er einst ein Mensch gewesen war.

Sie spürte, wie ihr Arm zu zittern und nachzugeben begann, doch bevor der rote Templer ihre Verteidigung durchbrechen konnte, hallte ein ohrenbetäubend lautes Knacken von den steilen Bergflanken wider.

Das Monster wandte den Kopf zur Seite, und mit einem Aufschrei nutzte Cassandra diese Lücke in seiner Verteidigung aus, stieß ihre Klinge über die Kante ihres Schildes hinweg in das ungeschützte Gesicht ihres Gegners, ehe sie ihn von sich schob. Erneut knackte es, ebenso laut wie zuvor, und dann noch einmal. Cassandra blickte sich hastig um und erstarrte.

Das Eis, das den See in einer mehr als armdicken Schicht bedeckt hatte, begann zu brechen. Zunächst zeigten sich nur vereinzelte Risse, doch von der Anhöhe aus, auf der der Tribock errichtet worden war, konnte Cassandra sehen, wie sie wuchsen, wie sie tiefer und breiter wurden, ein Spinnennetz aus dunklen Schluchten auf dem hellen Eis. Vor ihren Augen versanken dutzende rote Templer im eisigen Wasser. Ihre Schreie gellten zu ihnen hinüber, und selbst aus dieser Entfernung war die Angst darin unmöglich zu überhören.

Für einen Moment hatte Cassandra beinahe Mitleid mit ihnen, doch sie drängte es gewaltsam beiseite. Diese Monster waren hierhergekommen, um die Inquisition auszulöschen. Sie würden keine Gnade zeigen, und verdienten auch keine.

Vielleicht hatte sie Magister Alexius unterschätzt. Den roten Templern den Weg über den See zu verwehren und sie zu zwingen, außen herum zu gehen, würde der Inquisition mehr Zeit verschaffen.

Ein weiterer Aufschrei, allerdings genau hinter ihr, dicht gefolgt von einem gepeinigten Stöhnen, holte sie unsanft ins Hier und Jetzt zurück. Sie wirbelte herum, doch sie spürte ihren Herzschlag stocken, als sie sah, wer diese Laute von sich gegeben hatte.

Leutnant Primmer taumelte, wandte sich halb um und tastete mit fahrigen Bewegungen nach dem Pfeil, der aus seiner Brust ragte – demselben Pfeil, der sich in Cassandras Rücken gebohrt hätte, wenn der ältere Templer sich nicht dazwischengeworfen hätte, und dessen Wucht ausgerecht hatte, um den metallenen Brustpanzer zu durchschlagen. Ein weiterer Pfeil drang tief in seine Seite, ließ ihn stolpern und stürzen.

Cassandra fiel neben ihm auf die Knie und streckte eine Hand aus, um … ja, um was zu tun? Nur vage war sie sich bewusst, dass die übrigen Templer und Soldaten einen schützenden Kreis um sie und den verwundeten Leutnant formten.

Leutnant Primmer hustete – ein feuchter, gequälter Laut. Ein dünnes Rinnsal Blut rann aus seinem Mundwinkel. Er schien zu versuchen, etwas zu sagen, doch alles, was er hervorbrachte, war ein schmerzerfülltes Keuchen. Cassandra griff nach dem Pfeil, ließ ihre Hand jedoch wieder sinken, als ihr klar wurde, dass sie nichts für ihn tun konnte. Wenn einer der Heiler hier wäre, dann…

Aber sie hatten keinen Heiler. Und der Leutnant würde hier sterben – hier, im aufgewühlten, blutverschmierten Schnee, während seine Kameraden und Verbündeten ringsum um ihr Leben kämpften.

Cassandras Augen brannten, doch sie weigerte sich, Tränen zu vergießen. Nicht hier, und nicht jetzt. Sie griff nach der Hand des Leutnants und schloss seine Finger um den Griff des Schwertes, das er hatte fallen lassen. „Ich werde beenden, was wir begonnen haben“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Euer Opfer wird nicht umsonst gewesen sein … mein Freund. Möge der Erbauer Euch mit offenen Armen empfangen.“

Leutnant Primmer lächelte – kaum mehr als ein schwaches Zucken seiner Mundwinkel, aber dennoch unverkennbar ein Lächeln –, ehe sein Körper sich verkrampfte, sich ein letztes Mal gegen das Unausweichliche aufbäumte. Dann erschlaffte er, und seine Augen waren von einem Moment auf den anderen leer. Tot.

Auch Cassandra fühlte sich leer. Sie hatte den Templer-Leutnant nicht gut gekannt, aber sie hatten Therinfals Schanze zusammen überlebt und schmerzte sein Tod, als hätte jemand ein Stück aus ihrem Inneren herausgerissen. Leutnant Primmer war für sie gestorben. Er hatte ihr das Leben gerettet.

Aber für Trauer war keine Zeit. Später … wenn dieser Kampf gewonnen war, wenn sie in Sicherheit waren … erst dann würde sie trauern. Bis dahin musste sie ihr Herz verhärten.

Sie nahm ihre Klinge wieder auf und stemmte sich hoch, nur um zu sehen, wie einer der Soldaten mit einem Pfeil in der Kehle zu Boden ging. Ihr Blick fand die beiden Bogenschützen der roten Templer auf einer Anhöhe ganz in der Nähe – und obwohl Cassandra dicht genug war, um das grausame Lächeln auf ihren entstellten Gesichtern sehen zu können, war sie gleichzeitig zu weit entfernt, um sie aufhalten zu können. Ganz zu schweigen von den übrigen verdorbenen Templern, die zwischen ihr und den Schützen standen und noch immer gegen die Reihen ihrer verbliebenen Verbündeten anstürmten.

Mehr und mehr Soldaten und Templer fielen, entweder unter den Schwertern der verdorbenen Templer oder unter den Pfeilen ihrer Schützen. Zurückziehen konnten sie sich nicht mehr, denn man hatte sie längst eingekesselt.

Cassandra biss die Zähne zusammen und hob ihren Schild. Wenn sie hier sterben würde, dann sollte es so sein – aber kampflos würde sie sich nicht geschlagen geben.

Eine merkwürdige Ruhe ergriff sie, als sie beobachtete, wie einer der Bogenschützen seine Waffe hob, einen Pfeil an die Sehne legte und den Bogen spannte. Wer von ihnen würde schneller sein? Der Schütze, der auf sie zielte, oder sie selbst, um den Pfeil abzublocken?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

Doch ehe der Bogenschütze seinen Pfeil fliegen lassen konnte, wanden sich unzählige täuschend feine Rauchschwaden wie Ketten um seine Glieder und zogen sich ruckartig zusammen. Er schrie auf und verriss, und der Pfeil verschwand in der Dunkelheit.

Unwillkürlich hielt Cassandra den Atem an, als eine hochgewachsene, dürre Gestalt hinter dem Schützen auftauchte und ihn scheinbar mühelos mit einer Hand packte, nur um ihn hinunter in die Reihen seiner Kameraden zu schleudern. Der zweite Schütze wandte sich um, hob seinen Bogen, doch die Wucht des Armbrustbolzens, der sich in seine Brust grub, ließ ihn zurückstolpern und den Abhang hinunterstürzen, an dessen Fuß er mit unnatürlich verdrehtem Hals liegen blieb,

Aber Cassandras gesamte Aufmerksamkeit galt allein der Gestalt auf der Anhöhe. „Cassius…“, wisperte sie zu leise, als dass er sie über den Kampfeslärm hinweg hätte verstehen können.

Und dennoch bohrten sich seine graugrünen Augen geradewegs in ihre eigenen graubraunen. In ihnen lagen zu viele Emotionen gleichzeitig, als dass Cassandra sie alle hätte benennen können. Da waren Furcht, Misstrauen und Wut, aber auch unendliche Erleichterung … und noch mehr, viel mehr.

Sie war noch nie so erleichtert gewesen, ihn zu sehen, doch gleichzeitig schien sich eine unsichtbare, eiskalte Hand um ihr Herz zu schließen und zuzudrücken. Da war so viel, was sie sagen oder tun wollte … oder auch nicht. Sie wusste einfach nicht, was sie denken und fühlen sollte. Es war zu viel, viel zu viel.

Doch das musste warten, so wie alles andere auch. Cassius musste warten.

Es war das schwerste, was sie je hatte tun müssen – doch Cassandra wandte sich von Cassius ab, sammelte ihre Kräfte und stürzte sich zurück in den Kampf.


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somniari – wörtl. Träumer; ein Magier, der das Nichts ohne die Hilfe von Lyrium oder Blutmagie betreten und es nach seinem Willen formen kann
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