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Der einzige Grund, weshalb du noch am Leben bist

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Lord Shen
13.08.2021
13.08.2021
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Hi! Diese Kurzgeschichte hat eine gewisse Verbindung zur Kurzgeschichte "Tötet sie alle!", also eine leichte Fortsetzung, enthält aber auch ein paar Zeilen aus einer anderen großen Geschichte. Nur falls jemand die erste genannte Kurzgeschichte nicht gelesen hat, sollte wissen, dass Shen dort ein Pandababy (klein Po) im Fluss versenkt hatte. Zumindest hatte er geglaubt, dass er es getötet hat, was aber natürlich nicht der Fall war.^^
Wünsche jedem eine gute Lesezeit.



Der einzige Grund, weshalb du noch am Leben bist



Die Sonne verschwand hinter dem Horizont und kühlte das Land noch mehr ab als es schon war. In China, das Land der Aufgehenden Sonne, schien an einem Fleck nicht nur das Licht, sondern auch die Lebensfreude zu verschwinden. Über der am Rande liegenden Provinz, das Juwel am Meer, die Stadt Gongmen, lag eine so bedrückte Stimmung, die keiner zu beschreiben wagte. Kein Lachen erfüllte die Luft, kein Fest heiterte die Stimmung auf. Niemand schien mehr was vom Leben wissen zu wollen. Nur Trauer und Schmerz bestimmten das Denken der dort lebenden Tiere. Als sich zu guter Letzt das schwere Tor der Stadt schloss, gab es kein Aufatmen. Derjenige, der all das Leid verursacht hatte, wurde zwar vertrieben, aber die Qual im Land blieb. Er bekam nichts mit auf seinem Weg. Nur Schande und Schmach. Schweigend und verbittert marschierte die aus der Stadt verjagte Truppe durch die einsamen Gegenden ihrer einstigen Heimat. Sogar die Wälder und Berge schienen um sie herum zu schweigen, als würden sie sie mit ihren unsichtbaren Augen begleiten und nur die Köpfe über diesen verruchten Haufen schütteln.
Es war immer noch Winter. Leichte Schneeflocken rieselten vom Himmel, die auf Fell und Federn hängenblieben. Der weiße Pfau, der dieses Rudel anführte, senkte dankbar den Kopf für die Einsicht der Natur. So sah keiner die Träne auf seiner Wange, die er zwar zu unterdrücken versucht hatte, aber nicht aufhalten konnte. Das lange Lanzenschwert hielt er feste in seinen Flügeln umklammert. Der Tag, von dem er dachte mit Ehre überhäuft zu werden, hatte sich brutal ins Gegenteil geschlagen.
Lord Shen, der zukünftige Herrscher von Gongmen, wurde verbannt. Für immer. Nie wieder sollten seine Füße den Boden von seinem Zuhause betreten, das er von Kindesbeinen an gekannt hatte. Derselbe Boden auf dem er das Laufen gelernt und zu einem reifen Mann herangewachsen war. Dasselbe Haus, in dem Mutter und Vater ihn geboren und großgezogen hatten.
Der weiße Lord zerschlug mit seinem Schwert einen kahlen Ast, der ihm im Weg stand.
Er hatte sie stolz machen wollen! Dachte er hätte alles richtig gemacht. Wieso war das falsch gewesen? Im Krieg starb immer jemand. Es gab immer Opfer. Aber seine Eltern hatten nichts verstanden. Sie hatten nie verstanden was er im Leben wollte!
In diesem Moment wusste Lord Shen selber nicht was er genau wollte. Was wollte er? Zuneigung? Respekt? Oder beides? Oder sogar mehr? Dass er nicht mehr das schwache Kind von damals war? Der Thron stand ihm zu, doch da war noch etwas, was eine Leere bei ihm hinterlassen hatte. Im Grunde hatte er alles gehabt was er wollte. Nur etwas hatte gefehlt. Und er wollte es mit aller Gewalt. Selbst wenn er dabei über Leichen steigen musste. Im buchstäblichen Sinne.
Er hatte sich einen Weg zu diesem Ziel bahnen wollen. Aber etwas sollte ihn aufhalten.
Ein Krieger. Ein Krieger in schwarz und weiß. Ein Panda.
Die Augen des Lords wanderten in den benachbarten Wald, wo noch leichte Rauchschwaden in den Himmel aufstiegen.
Dort unten hatte alles stattgefunden. Das große Massaker, von dem jeder jetzt redete und bei jedem für tiefes Entsetzen sorgte.
Der weiße Pfau hielt inne, als ihm etwas zwischen den Bäumen ins Auge fiel. Es war der Teil des Waldes, der weiter weg von einem Fluss lag. Der weiße Lord erinnerte sich, dass er dort das letzte Pandatier beseitigt hatte. Allerdings nicht an dieser Stelle.
Der Pfau hob den Flügel und die Wölfe hielten an. Er winkte einen einäugigen Wolf zu sich rüber und deutete mit dem Kopf nach unten zwischen die Bäume.
„Sieh nach, was da unten los ist“, befahl der Pfau grimmig. Zwar war er dazu aufgefordert worden das Land so schnell wie möglich zu verlassen, aber es war immer noch sein Recht das Tempo zu bestimmen.
Der Wolf verschwand schnell im schneebedeckten Unterholz. Und es dauerte weniger als eine Minute bis er wieder zurückkehrte.
Mit einem großen Satz sprang er vor den Pfau. „Meister Shen. Es ist eines der Pandas.“
Shen hob ruckartig den Kopf. „Ein Panda?“
„Aber fast tot“, lenkte der Wolf schnell ein.
Shen verengte die Augen. „Was soll das heißen „fast tot“?“
Der Wolf räusperte sich. „Nun, es sieht so aus als würde sie nicht mehr lange machen. Ich glaube kaum, dass wir uns darum Sorgen…“
„Das beurteile ich!“, schnitt Shen ihm das Wort ab. „Und ich werde auch derjenige sein, der es beenden wird.“
Er schwang sein Lanzenschwert und huschte den Hang hinunter. Kurz vor dem Ziel bremste er ab und ging mit langsamen Schritten und vorgehaltenem Schwert auf das Etwas zwischen den Bäumen zu.
Der Schnee knirschte unter seinen krallenbesetzten Füßen, dennoch versuchte er jedes Geräusch zu vermeiden, indem er sich noch langsamer anpirschte.
Er schob die Zweige beiseite, die ihm die Sicht verdeckten und erblickte auf einer Lichtung einen schwarz-weißen Körper. Es war tatsächlich ein Panda. Ein ziemlich großer Panda, das in einem Kleid steckte.
Shen verengte die Augen. Dann erkannte er die Pandabärin, die er ganz am Schluss noch bis in die tiefen Wälder verfolgt hatte.
Wie kam sie hierher? Das war nicht mehr die Stelle, wo er sie mit seinem Schwert exekutiert hatte.
Der ehemalige Prinz von Gongmen reckte den Hals und sah hinter der Bärin eine Blutspur.
Hatte sie sich etwa bis hierher alleine hergeschleppt?
Er verengte die Augen vor Zorn.
Hatte er nicht kräftig genug zugestochen? Pandas besaßen ein dichtes, dickes „Fell“. Die Wölfe wussten von Natur aus wie man Beute riss. Er hingegen war ein Pfau, der keine instinktive Neigung zum Töten hatte. Außer wenn es darum ginge sich zu verteidigen. Und er hatte sich verteidigt. Weil ein Krieger in schwarz und weiß ihn besiegen sollte.
Der Pfau verließ sein Versteck und ging auf die am Boden liegende zu. Er umkreiste sie. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht in den Ellbogen verborgen.
Der Pfau blickte verächtlich auf sie herab.
„Nur wegen euch Gesindel stehe ich jetzt hier!“, fauchte er und senkte die Spitze seines Schwertes zu ihr herab. Er schob das Metall zwischen ihre Tatzen, aber so, dass er sie nicht verletzte. Sachte drückte er ihre Arme etwas beiseite und hob mit der Spitze das Kinn des Pandas an.
Sie bewegte sich ein bisschen und formte sogar mit dem Mund ein paar kaum hörbare Worte.
Dem Lord interessierte es nicht, was sie von sich gab. Er wollte es nur so schnell wie möglich beenden, um seinen Rachefeldzug gegen ganz China zu planen. Jeder sollte sich vor ihm verneigen. Sogar seine Eltern. Jeder sollte vor ihm im Staub kriechen. Und jeder, der sich ihm widersetzte, sollte vernichtet werden.
Shen hob seinen Fuß und drückte gegen die Schulter des Pandas, sodass sie auf der Seite lag.
Unter ihr erschien ein großer Blutfleck im Schnee. Doch der Lord empfand kein Mitleid für ihr Leid. Mit kaltem Blick sah er auf sie herab. Es war wirklich dieselbe Pandamutter – es widerte ihn an, diese Kreatur als Muttertier zu bezeichnen – die das Pandababy vor ihm verstecken wollte.
Der Lord schnaubte mit Genugtuung. Dieses Problem hatte er schnell beseitigt und im Fluss ersaufen lassen.
Der weiße Pfau kicherte gehässig. „Ihr hattet also wirklich gedacht, ihr könntet mir entkommen?“ Er drückte die Schwertspitze auf den Brustkorb der Pandafrau. „Wie töricht.“
Als die Pandabärin das scharfe Schwert spürte, zuckte sie etwas zusammen und hob schwach den Arm.
Der weiße Pfau duckte sich und ging in Verteigungsstellung über. Doch die Bärin erhob sich nicht. Dazu war sie schon viel zu schwach.
Mit dem Schwert als Schutz vor sich haltend, trat der Pfau näher an sie heran, wobei er versuchte ihr direkt ins Gesicht zu schauen.
Letzte Nacht hatte er kaum Gelegenheit dazu gehabt seinen Feinden direkt in aller Ruhe in die Augen zu sehen, kurz bevor er sie getötet hatte. Allerdings waren diese geschlossen.
Der Lord stieß ein gereiztes Knurren aus. Er wollte ihr in die Augen sehen. Sie sollte sehen, wer ihr das Leben raubte.
Als er kurz davor war, sie anzuschreien, blinzelte sie. Shen kniff die Augen zusammen und funkelte sie zornig an. Gerade als er den Entschluss gefasst hatte, ihr die Schulter zu durchtrennen, wanderten ihre Augen zu ihm hoch. Der weiße Lord fing ihren Blick auf. Der Augenkontakt ließ den Lord in seinem Vorhaben innehalten. Es war gar nicht mal so lange her gewesen, da hatte seine eigene Mutter ihn genau mit denselben Augen angesehen. Zwar hatte er dies nur am Rande mitbekommen, weil er sich auf die Wut seines Vaters konzentriert hatte, aber er hatte den Blick seiner Mutter nicht vergessen, den sie ihm in diesem Augenblick zugeworfen hatte. Er hatte zwar versucht ihren Augenkontakt zu halten, doch sie war ihm ausgewichen wie ein verängstigtes Kind.
Eine Weile verweilte der Lord in seiner Haltung. Die Augen der Pandabärin hatten sich wieder geschlossen. Es vergingen ein paar weitere Sekunden, bis der Pfau einen lauten Pfauenschrei ausstieß.

Der Lord ließ seinen Blick über die kahle Landschaft schweifen. Gongmens Grenze lag schon weit hinter ihnen. Doch er konnte noch den letzten Berg seiner ehemaligen Heimat in der Ferne erkennen. Auf ihrem Weg hatten sie Unterschlupf in einem heruntergekommenen Dorf in den Bergen gefunden. Die Häuser waren an den Berghängen befestigt. Wer nicht schwindelfrei war, hatte hier nichts verloren.
Shen stellte seinen Pfauenkamm auf, als er Schritte auf den knarrenden, hölzernen Dielen des überdachten Gehsteiges vernahm. Der einäugige Wolf trat in gebeugter Haltung an ihn heran. Er hatte immer noch frische Wunden von dem Kampf im Pandadorf.
„Was macht unser Mitbringsel?“, fragte Shen tonlos. Es klang aus seinem Mund als würde er über einen Gegenstand reden, den er unnötig mit sich herumschleppte.
„Noch lebt sie“, berichtete der Wolf. „Soll ich jemanden nach unten schicken?“
„Nein, das mache ich selber.“
Mit diesen Worten drehte sich der weiße Pfau zu ihm um und schritt mit erhobenem Kopf an ihm vorbei.

Der verbannte weiße Pfau folgte ein paar Treppen nach unten, wo es zu einer im Felsen eingehauenen Höhle ging. An einigen Stellen hatte man den Berg als Wohnraum benutzt, wobei dies eher ein Keller war. Der Raum war mit einer schweren Holztür verschlossen. Nach kurzem Zögern schob Shen den Riegel beiseite und öffnete die Tür. Drinnen war es dunkel, nur ein sehr winzig kleines Fenster spendete Licht in dieser künstlichen Nacht.
Die Kammer war leer, nur an der Wand lag etwas auf dem Boden.
Shen schloss die Tür hinter sich und ging auf das am Boden liegende zu. Sie lag eingebettet auf einem Haufen Stroh. Der weiße Pfau neigte sich zu ihr runter und befühlte ihre Tatzen. Sie waren kalt. Mit einem abfälligen Schnauben begab er sich in eine Ecke, wo er eine Wolldecke herausholte. Ohne sie auszuschütteln warf er das staubige Teil über sie.
Als er sich wieder abwenden wollte, hörte er ein Husten.
Er drehte sich um. Das Wesen hatte sich bewegt. Der Pfau duckte sich. Er war bereit für einen Kampf, wenn es sein musste. Es verging eine Weile bis das Wesen sich allmählich etwas erhob und sich umschaute.
Shen nutzte den Moment der Verwirrung und stieß ein bösartiges Lachen aus.
„Nein, das ist nicht die Unterwelt“, begann er gehässig. „Aber du stehst kurz davor.“
Er neigte sich etwas zu ihr herab. Das schwarz-weiße Gesicht, das ihm entgegenblickte, rief in ihm einen Schauer über den Rücken. Er öffnete sein Pfauenrad, um ihr seine Dominanz zu demonstrieren.
Das Wesen begann zu zittern, was Shen mit zufriedener Genugtuung erfüllte. Er lachte erneut und erhob sich mit stolzer Haltung. „Dachtest also du würdest meiner Vernichtung entkommen können, ja?“ Er stieß ein abfälliges Schnauben aus. „Niemand entkommt meiner Gewalt.“
Sein Opfer am Boden verkroch sich tiefer in die Decke. „L-Lord Shen…“, stotterte die Stimme einer Frau. „W-was haben wir… Euch getan?“
Der Pfau schmunzelte amüsiert. „Das hast du mich schon bei unserer letzten Begegnung gefragt… Wobei es eigentlich das letzte Mal gewesen sein sollte.“
Er schaute hartherzig auf sie herab. Eine Antwort auf ihre Frage wollte er nicht geben. Er war derjenige, der eine Antwort wollte. Er lächelte kalt.
„Erwarte keine Rückendeckung von deinesgleichen. Sie existieren nicht mehr.“ Er beugte sich ein wenig zu ihr herunter. „Du bist noch der letzte Panda. – Vorerst.“
Die Pandafrau sackte zusammen. „D-das wird…“
„… man mir heimzahlen?“, beendete der Pfau ohne Umschweife den Satz. „Darüber brauchst du dir keine Gedanken mehr zu machen.“ Sein Blick verfinsterte sich. „Man hat mich schon längst verbannt.“ Er wandte sich kurz ab. „Und das alles nur wegen euch!“
Noch ehe die Pandafrau etwas darauf erwidern konnte, schnitt Shen ihr die Luft für ein Wort ab. „Aber ich hab dich nicht noch atmen lassen, um mit dir darüber zu diskutieren!“
Er senkte seinen langen Hals zu ihr runter und sah ihr streng ins Gesicht. „Der einzige Grund, weshalb du noch am Leben bist, ist, dass ich eine Antwort von dir verlange.“
Die Pandafrau sah erschöpf aber auch verwundert zu ihm auf. „E-eine Antwort?“
„Weshalb hast du dein Kind vor mir verborgen?!“, fuhr er sie an. Doch dann wandelte sich sein Drohen zu einem Kichern. „Dachtest du wirklich, du könntest mich mit allen Mitteln besiegen?“
Die Pandafrau sah ihn entsetzt an. „W-woher wisst Ihr…?“
„…von deinem Balg?“, beendete Shen schroff den Satz. „Sag mir lieber was dich veranlasst hat dein sinnloses Leben für dein Flauschebällchen zu riskieren. In der Hoffnung, dass er es ist, der mich später besiegen soll?“
Die Pandafrau war so extrem verwirrt und verängstig, dass sie kaum ein Wort zustande brachte. „I-ich w-weiß nicht, w-wovon Ihr redet.“
Shen kicherte dunkel. „Och, du hast es nicht nötig, dich zu verstellen. Ich weiß alles.“ Er zeigte ihr seine kalte Schulter und richtete einen schadenfrohen Seitenblick auf sie. „Und nur damit du es weißt - ich habe ihn längst beseitigt.“
Er wartete auf eine Reaktion. Er wollte sehen wie sie wütend wurde. Zumindest wäre ihre Niederlage sein Gewinn. Doch stattdessen sank die Mutter auf den Boden. Der Pfau rümpfte den Schnabel und wippte ungeduldig mit dem Fuß. „Ich warte! – Wie hattet ihr vor gehabt mich zu besiegen?! – Aber eure dunklen Pläne gegen mich werde ich auch so durchschauen, weil ich schon gewonnen habe!“
Doch statt Worte erklang nur ein Weinen. Genervt wandte Shen sich ab.
„Nicht gerade sehr überzeugend“, knurrte er finster. „Aber wenn du denkst, dass du es ewig hinauszögern kannst…“ Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern begab sich zur Tür und öffnete sie. Doch bevor er den Raum verließ, sah er nochmal gehässig zu ihr rüber. „Ich gebe dir bis morgen Bedenkzeit. Antworte, oder schweige. Du wirst sowieso sterben.“
Er sah sie nicht an. Er schlug einfach die Tür zu und schob den Riegel heftig davor.

Gemächlich schliff der weiße Lord die lange gewellte Klinge seines Schwertes. Sein Zimmer war im Vergleich zu seinem einstigen Zuhause die reinste Bruchbude, aber wenigstens hatte er ein Dach über den Kopf. Diese Isolation verschaffte ihm wenigstens genügend Zeit, um das Geschehene nochmal Revue passieren zu lassen. Er hob sein Schwert und schaute in sein Spiegelbild. Schon frühestens Morgen könnte es wieder blutrot sein.
Er grinste bei diesem Gedanken. Wenn er eine Antwort wollte, dann wollte er sie sofort. Bei jedem, dem man mit dem Tod drohte, bekam man sofort was man wollte. Dennoch schwebte ein Funken Selbstzweifel über seinen Gedanken. Nach dem Gespräch mit ihr hatte er für einen Bruchteil das Gefühl sie wäre wirklich harmlos. Doch für ihn war es nur eine Bestie im Schafsfell. Ihm gingen die Worte dieser alten Ziege nicht mehr aus dem Kopf. Hatte diese Pandakreatur davon gewusst und mit diesen Kind Vorbereitungen treffen wollen für seine kommende Niederlage? Oder war es doch so etwas, was man als Elternliebe bezeichnete?
Liebe.
Er schnaubte verächtlich. Vielen denen er in seinem Leben begegnet war, hatten mal davon geredet.
Er schüttelte den Kopf. Alles Blödsinn.
Liebe war etwas, was sein Vater ihm am aller wenigsten gezeigt hatte. Dieser Heuchler.
Sein ganzes Leben hatte er ihn darauf getrimmt, stark zu sein, und Shen hatte alles gegeben um stark zu sein. Sogar im letzten Kung-Fu-Kampf hatte er seinen Vater besiegt. Wenn auch mit einer Verletzung. Shens Temperament war einfach mit ihm durchgegangen. Er hatte die ganzen Aufforderungen „Stärke zu zeigen“, einfach nicht mehr hören können. Am Ende musste Meister Donnerndes Nashorn eingreifen, sonst hätte er seinem Vater nur noch mehr in seinem Wahn Schaden zugefügt. Was war aus ihm geworden? Shen wusste es selber nicht.
Schließlich legte er sein Schwert beiseite und beschloss sich etwas die Füße zu vertreten.
Unterwegs ging er auch an der Tür vorbei, wo sich seine Gefangene befand. Er war zufrieden damit sie schmachten zu lassen. Sie sollte noch schlimmer leiden als er. Er saugte das Leiden von anderen so auf wie ein Schwamm, der es in seinem Inneren in Glück umwandelte. Doch statt eines erwarteten Weinens, hörte er gar nichts.
Etwas enttäuscht wandte sich der Vogel wieder von der Tür ab. Doch dann hörte er... einen leisen Gesang.
Er lauschte interessiert. Er konnte zwar keinen Text verstehen, aber der summende Klang verriet, dass es ein beruhigendes Kinderlied war.
Shen fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt. Seine Mutter hatte ihm auch damals ein Lied vorgesungen. Das Lied von den Regenbogenfarben. Doch nach einer Weile wollte er es nie wieder hören. Die Farbe Weiß kam nicht darin vor. Seitdem hatte er es gehasst. Dennoch, sie hatte ihm etwas vorgesungen…
Er schüttelte den Kopf und entfernte sich wieder und kam auch nicht wieder bis zum Morgengrauen.

Shen konnte nicht behaupten, er habe gut geschlafen, aber es war wenigstens kein Albtraumbeladener Schlaf gewesen. Und selbst wenn ihm etwas quälen hätte, so würde er es ohnehin niemanden zeigen. So ging er früh am Morgen die Holzstufen zum Kellerraum runter, und ließ sich äußerlich gar nichts anmerken. Er schob die Tür schnell und laut auf. Sie zuckte zusammen. Die Pandafrau kniete auf den Boden, ihr Blick zum Fenster gerichtet als würde sie beten.
Shen grinste. Er mochte es immer, wenn man vor ihm Angst hatte. Das Ganze belästigt werden von anderen hatte für ihn für immer ein Ende. Jeder sollte ihm Respekt zollen.
Er schloss die Tür hinter sich. Sie hatte sich noch nicht zu ihm umgedreht. Stattdessen war sie nur noch tiefer in ihrer gebeugten Haltung eingesunken.
Mit langsamen Schritten ging der weiße Pfau auf die Pandafrau zu. Er glaubte nicht unbedingt daran, dass sie ihn angreifen würde, dennoch trug er zur Vorsicht einen Dolch unter seinem Flügel mit.
„Na, hat die Nacht dich genug geläutert, um mich zu erleuchten?“, fragte er spöttisch. „Also? Wie lautet deine Antwort?“ Er umkreiste sie wie ein auf ihr lauerndes Wildtier. „Ich will nur eine Antwort.“
Und dann erlöse ich dich aus deinem Dasein und kannst deinem Balg Gesellschaft leisten, dachte er im Stillen.
„Die Antwort…“, begann sie zögernd. „Die Antwort ist… Ich weiß nicht…“
Er schnellte seinen Dolch vor ihr Gesicht. Die Pandafrau erschrak, blieb jedoch standhaft.
„Das ist keine Antwort!“, keifte er sie an.
Die Pandafrau schluckte schwer. „Die Antwort ist, ich weiß nicht, was Ihr genau hören wollt. Ich… ich kann nur als Mutter sprechen. Wenn es Euch erlaubt.“
Die Augen des Pfaus bebten vor Wut, dennoch musste er einlenken. Diese Kreatur war offensichtlich dumm genug und konnte nicht ohne ihre Gefolgsleute über ihren Siegeszug sprechen. Dann musste er sich eben mit einer halben Antwort zufriedengeben.
„Na schön.“ Er zog den Dolch wieder zurück. „Dann nenn mir deinen Standpunkt der Dinge.“
Die Hände der Pandafrau zitterten. Dann hob sie sachte ihre Stimme.
„Ich… ich habe es aus Liebe getan…“
Einen Moment herrschte Stille. Dann hob der Pfau geringschätzig den Kopf. „Dann scheint dein Kind ja perfekt deine Voraussetzungen erfüllt zu haben. Gratuliere dir. Aber wie war dein Plan, der mir eine Niederlage bereiten sollte?“
„Mein Herr, ich weiß nichts von einem Plan gegen Sie…“
„Das ist noch schlechter für dich.“ Er fauchte beleidigt. „Denn dann muss ich es aus dir herausfoltern.“
„Ich hab das getan, was jede Mutter und so gut wie alle Eltern tun würden!“
Diesmal war ihre Stimme lauter.
„Du stehts also zu deiner lächerlichen Ausrede?“
„Was hätten Ihre Eltern getan, wenn man Sie bedroht hätte?“
Diesmal war die Aussage persönlich an ihn gerichtet, die Shen kurz zum Nachdenken brachte. Das letzte Mal, wo sowas passiert war, war kurz nach seiner Geburt gewesen, als die Komodowarane die Stadt überfallen hatten. Ohne Ausführungen erwiderte er nur: „Da war ich noch nicht voll entwickelt gewesen, um ihnen zu genügen.“ Er wandte sich rasch von ihr ab. „Liebe kriegt man nur, wenn man perfekt ist. Falls man sowas überhaupt so nennen kann.“
„Aber es muss doch etwas geben, was Sie nachempfinden können…“
„Hätten sie mich geliebt, dann hätten sie mich nicht verbannt!“ Seine Flügel zitterten.
Die Pandamutter seufzte schwer. „Vielleicht war es das Einzige, was sie tun konnten.“
Der Pfau warf ihr einen geringschätzigen Seitenblick zu, dann kicherte er gehässig. „Du stammst von Lande. Gewöhnliches Volk hat keine Ahnung, was der Pfauenclan für Macht besitzt.“
Die Pandafrau senkte etwas ihren Blick. „A-aber selbst gegen das Gesetz ist Lord Liang machtlos.“ Sie holte kurz Luft. „Vielleicht wollte er Sie nur beschützen.“
Der Lord schwieg, aber man sah an seinem verkrampften Schultern an, dass er genervt war, dennoch fuhr die Pandamutter ungehindert fort. „Ich habe mein Kind ausgesetzt. Egal wohin es kommt, Hauptsache es geht ihm gut.“
„Ach ja? Meine Mutter hat mich nicht ausgesetzt, um mich zu… zu verbergen!“ Er vermied das Wort beschützen. „Sie hat mich verstoßen!“
Die Pandamutter wusste nicht mehr was sie sagen sollte. Gerade eben musste sie nicht nur den Tod ihres Mannes, sondern auch noch den Tod von ihrem Sohn verkraften. Und Shen redete sich in Rage, was nie gut ausging.
„Mutterliebe lässt sich nicht mit Worten ausdrücken“, versuchte sie ihn zu besänftigen, doch damit bewirkte sie das genaue Gegenteil. Stattdessen drehte der Pfau sich zornig zu ihr um und deutete mit dem Flügel drohend auf sie.
„Es gibt für alles auf der Welt eine klare Antwort! Und deine verwässerte Rede beweist nur,…!“
Die Pandabärin hatte sich erhoben und seinen ausgestreckten Flügel in ihre Tatzen genommen. Shen überrollte kurz eine Welle der Panik, doch es war kein festes Anpacken. Ihre Finger umschlossen seine Federn sanft. Der Lord wollte sie ausschimpfen und sie zurechtweisen, doch dann zog sie seinen Flügel näher an ihr Gesicht heran. Ein beruhigendes leises Summen erfolgte. Da war wieder dieses Lied, dass sie letzte Nacht gesungen hatte. Sie schmiegte ihre Nase an ihn. Normalerweise würden Shen sich davor jetzt ekeln. Doch er war wie in Trance. Die Augen der Pandabärin waren wieder mit Tränen gefüllt, genauso wie in dem Moment, als sie ihr Kind bei ihrem Abschied unter Tränen einen letzten Kuss gegeben hatte. Wieder sah Shen die Tränen in den Augen seiner Mutter.
Schließlich zog Shen ruckartig seinen Flügel von ihr weg und versteckte sie unter seinem Gewand. Sie hinderte ihn nicht daran und ließ ihn sich zurückziehen. Da war keine Forderung, nur ein sachtes Loslassen. Schweigen erfüllte den Raum. Shen sagte nichts. Er starrte sie nur an.

„Meister Shen?“, erkundigte sich der Wolf nach seiner Rückkehr in Shens Zimmer. „Wir sind bereit zum Aufbruch nach Westen. Dort können wir ein Quartier aufschlagen. Aber was machen wir mit ihr?“
Der weiße Pfau schwieg. Er schaute nur aus dem Fenster und schwieg.
„Meister?“, hakte der Wolf nochmal nach, in der Meinung, sein Gebieter habe ihn nicht verstanden. „Was sollen wir mit ihr machen?“
….
Niemand von außerhalb erfuhr was im Exil passierte. Und Shen sorgte dafür, dass es auch niemals jemand erfuhr. Nicht einmal das Kind, dass ihm später gegenüberstand, welches er damals in den Fluss geworfen hatte und er ihm später so tiefgründig ins Gesicht gelogen hatte: „Deine Eltern haben dich nie geliebt.“


- Ende -
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