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Was wäre, wenn alles etwas anders gelaufen wäre?

GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Alfred Graf von Krolock Herbert von Krolock OC (Own Character) Sarah
13.08.2021
26.11.2021
42
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14.08.2021 1.845
 
Der Abend war noch sehr jung, es war gerade erst dunkel geworden, als zwei Vampire den verschneiten Weg entlangritten. Herbert und Lucasius hatten gejagt, und waren nun noch ausgeritten, so, wie sie es sehr oft machten. Ihre Pferde liefen ruhig nebeneinander her, es begann, leicht zu schneien. Normalerweise würde diese Atmosphäre den Grafensohn zum Lächeln bringen, heute reichte es nur, um seine brennenden Augen etwas zu beruhigen. Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, in seinem Sarg zu liegen und zu weinen. Der Goldhaarige hatte ihn irgendwann einfach zum Mitkommen gezwungen, sodass er sich etwas ablenken konnte, nachdem Breda ihm erzählt hatte, dass er sich Sorgen machte, weil der Jüngere seit der Ballnacht kein Blut mehr angerührt hatte. Auch vorhin bei der Jagd war er lediglich trübselig durch den Wald gelaufen, er hatte nichts erbeutet und auch kein Tier ausgesaugt.
„Wie lange willst du das durchhalten?“, erkundigte sich der Ältere nach einer Weile.
„Was denn?“
„Kein Blut zu trinken. Herbert, das ist gefährlich.“
„Ich habe einfach keinen Durst.“
Der Weißhaarige sah stur geradeaus, er war niemandem Rechenschaft schuldig, weil er nichts trank. Das war seine Entscheidung und die hatte keinen zu interessieren.
„Vergiss bitte nicht, dass du kein normaler Mensch mehr bist“, kam es von Lucasius, der die Zügel straff in der Hand hielt und dem Grafensohn einen mitfühlenden Blick zuwarf.
„Wie kann ich das vergessen? Es ist ja das Hauptproblem! Wäre ich sterblich, hätte ich keine Probleme mit Alfred!“, behauptete dieser vehement, trieb sein Pferd zu einer schnelleren Gangart an.
Sofort war der andere Vampir wieder neben ihm: „Glaubst du wirklich, er würde dir vertrauen? Du wärst immer noch ein Fremder.“
„Aber er hätte keine Angst vor mir! Ihr versteht doch alle überhaupt nichts! Lasst mich in Ruhe!“
Ungewohnt zornig riss er sein Tier herum und jagte davon, er hatte keine Lust mehr auf irgendein Gespräch, sowie er weit genug entfernt war, hielt er an, sank in sich zusammen und schluchzte. „Tut mir leid, dass ich so grob war“, flüsterte er seiner Stute zu, „mir tut das Herz so weh, verstehst du?“ Was tat er nur? Hatte er komplett den Verstand verloren, dass er einem Tier sein Leid klagte? Aber immerhin musste er von ihr keine Antwort ertragen. Weinend saß er ab, streichelte sie und führte sie neben sich her, kam an den kleinen, heute vereisten, Bergsee, den er so liebte. Er setzte sich ans Ufer, direkt in den kalten Schnee, als Vampir würde ihm das nicht schaden, sah hinaus auf das Eis, zog seine Beine an den Körper, legte den Kopf auf seine Arme. So oft war er schon hier hochgekommen, wenn es ihm nicht gutging. Schon als kleiner Junge hatte er den Platz geliebt. Die Stille hatte ihm immer Trost gespendet, wenn er trauerte. Er konnte sich selbst kaum noch verstehen, normalerweise liebte er es, zu lachen und aufmüpfig zu sein, er liebte es, Spaß am Leben zu haben. Jetzt wollte er nur noch weinen und von allen in Ruhe gelassen werden. Er ertrug die sorgenvollen Blicke nicht, die ihm alle schenkten.

Plötzlich erschrak er, als er Fußtritte hörte, die er nicht kannte. Sie waren leicht, also konnte er seinen Vater, Koukol und Lucasius ausschließen. Zumal er deren Gehgeräusche kannte.
„Oh, habe ich dich gefunden“, sprach eine weibliche Stimme hinter ihm, „ich wusste nicht sicher, ob du hier bist.“
Es handelte sich um Sarah, die heraufgekommen war, um Herbert heimzuholen, der Graf hatte es ihr aufgetragen, nachdem Lucasius heimgekommen war und erzählt hatte, was vorgefallen war.
„Wo soll ich sonst sein?“, brummte er leise, in der Hoffnung, es wäre ungehört geblieben.
„Vielleicht daheim oder bei Lucasius?“, schlug sie vor, setzte sich neben ihn.
„Ich will gerade meine Ruhe. Tut mir leid.“
„Wofür entschuldigst du dich denn? Du hast es gerade schwer, da kann ich verstehen, dass du allein sein willst.“
„Vertraust du mir?“
„Ob ich dir vertraue? Wie kommst du denn auf diese Frage? Ja, das tue ich.“
„Würdest du mir auch vertrauen, wenn du ein Mensch wärst und ich eben ein Vampir?“
Da seufzte sie: „Verstehe. Darum geht es also. Ich kenne Alfred ebenfalls, glaube mir, ich kenne ihn sehr gut, wenn auch nicht lange. Ich glaube, dass er vieles verloren hat. Sein einziger Halt ist der Professor, vielleicht schon seit vielen Jahren, was weiß ich. Und der hat ihm klargemacht, dass Vampire böse, blutdurstige Raubtiere sind. Würde sich das als Lüge erweisen, würde sein Halt, den der Professor darstellt, wackeln. Davor hat er Angst, glaube ich. Dass er angelogen worden ist.“
„Es ist ja keine direkte Lüge. Wir trinken Blut, wir sind Raubtiere, in einem gewissen Sinne, aber wir haben eben auch Gefühle.“
„Ja. Aber das weiß er nicht und das wird er auch nicht glauben, solange er so krampfhaft an der Meinung des Professors festhält. Es ist nicht seine Schuld, Herbert. Und auch nicht deine. Wenn dein Vater dir seit all den Jahren einreden würde, Menschen wären schlecht und böse, dann hättest du sicherlich auch Angst davor, ihnen zu vertrauen. Natürlich warnt er dich vor der Gier der Menschen, aber er lässt es auch zu, dass du dir ein eigenes Bildnis von den Sterblichen machst. Abronsius lässt aber nicht den geringsten Zweifel an seinen Feststellungen zu. Und so lässt auch sein Assistent keine Zweifel zu.“
Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter, er tat ihr so leid.
„Soll ich ihn aufgeben, Sarah? Wäre ich dann wieder glücklich?“
„Frag dich selbst. Wärst du glücklich, wenn du Alfred aufgibst?“
Er zögerte, dann schüttelte er den Kopf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, die ihm gekommen waren.
„Nein, ich denke, du solltest noch ein wenig auf ihn warten. Er wird zurückkommen. Er wird erkennen, was wahr ist. Alfred ist trotz allem klug. Er braucht nur Zeit.“
„Danke“, hauchte er.
Sie neigte den Kopf freundlich: „Gern geschehen. Und jetzt auf, wir sollten zurück, bevor dein Vater Suchtrupps losschickt.“
„Das wäre ihm zuzutrauen“, schmunzelte der Schlosserbe, folgte ihr, sie lief geschwind hinab, er band sein Pferd los, führte es neben sich her.

Alfred hatte doch das Buch des Professors aufgeschlagen, er las darin. Es ging um irgendwelche Fledermaus-Theorien. Er überlegte, ob Vampire wirklich fliegen konnten? Hatten sie Flügel? Das wäre interessant zu wissen. Er wollte das Buch gerade weglegen, da fiel ein Stück Papier heraus, der Handschrift nach zu urteilen, war es nicht von dem Professor geschrieben.
„Höchst geehrter Professor Abronsius, bezüglich Ihrer Theorie, dass diese Nachtwesen keine Gefühle haben, kamen in mir Fragen auf. Die Erste und, vermutlich, Wichtigste: Warum bleiben sie dann mit ihrer Familie zusammen? Wenn sie keine Gefühle füreinander hätten, wäre es doch sinnvoller, sich ein eigenes Gebiet zu suchen, wo sie sich keine Beute teilen müssten. Aber nein, sie bleiben bei ihren nächsten Verwandten. Auch fiel mir auf, in eigenen Studien, dass sie doch sehr verteidigend sind. Und damit meine ich nicht nur ihr Revierverhalten, ein Vampir verteidigt vor allem seine Familie und die, die ihm wichtig sind, was für die These sprechen würde, dass Vampire doch Familiengefühle entwickeln können und dies auch tun. Und wenn sie schon Gefühle für ihre Angehörigen entwickeln können, können sie dann nicht auch, unter besonderen Umständen, Gefühle für Außenstehende, für Fremde, entwickeln? Nur für Sie als Anstoß, damit Sie das bei Ihrer nächsten Reise untersuchen könnten und mir eine Antwort geben könnten. Hochachtungsvoll, Joran von Vespertilio.“
Der Assistent schluckte, da stellte sich jemand die gleiche Frage, die er sich im Geheimen stellte. Konnten Vampire nicht doch lieben? Leider fand er nirgends die Antwort des Professors, er nahm den Brief und steckte ihn wieder zwischen die Seiten, aus denen er gefallen war. Aber nun war er völlig ruhelos. Es stimmte, was der Verfasser schrieb: Der Graf hatte seinen Sohn ohne Zweifel sehr geliebt, das hatte er in der kurzen Zeit, die er in dem Schloss verbrachte, gemerkt. Er hat ihn geliebt. Dieser Gedanke jagte ihm unaufhörlich quer durch den Kopf. Er war fähig, seinen Sohn zu lieben, er war fähig, Sarah zu lieben. Er sprang auf, Herbert war also doch fähig, ihn zu lieben! Beinahe vergaß er seinen Hass, den er für den jüngeren Grafen entwickelt hatte. Aber Moment, wozu hasste er ihn? Wenn er wirklich versuchte, seine Gedanken zu kontrollieren, dann bedeutete das doch nur, dass er wollte, dass er an ihn dachte. Er liebt mich, dachte er. Er musste zurück, am nächsten Bahnhof würde er aussteigen und zu dem Vampir zurückkehren, ihn zur Rede stellen. Auf einmal konnte man ein Donnern vernehmen, dann eine weiße Wolke, lauter Lärm und es wurde still. Als sich der Schneestaub legte, erkannte man, was passiert war: Eine Lawine hatte den Zug ergriffen.

Nichtsahnend saß ein junger Graf in seinem Zuhause in einem Sessel und zitterte. Dem Unsterblichen war eiskalt. Sarah betrachtete ihn neugierig, also das war ja wohl nicht normal. Herbert legte die dritte Wolldecke um sich, seine Füße steckten in warmen Wollsocken.
Sein Vater stand kopfschüttelnd vor ihm: „Und das passiert, wenn man als Vampir kein Blut trinkt. Was glaubst du eigentlich, wieso wir das trinken?“
„Mann, Vater, mir ist nur kalt.“
„Ja und ich hoffe, dass du dir sonst nichts eingefangen hast. Kein Blut trinken! Als Vampir! Ich glaube, ich spinne. Wie, mein lieber Sohn, denkst du, bleiben unsere Unsterblichkeits- und Heilungskräfte aktiv, hm?“
„Durch Blut.“
„Aha. Und hilf mir nochmal auf die Sprünge, was hast du nicht getrunken?“
„Blut.“
„Und dann stundenlang in der Kälte sitzen! Sei froh, dass ich Verständnis für dich habe, wegen dem Jüngling, sonst würde ich jetzt ausrasten.“ Er war auf und abgelaufen, er unterdrückte seine Wut nur schwer.
„Ich dachte wirklich, du wärst vernünftig, Fledermaus.“
„Bin ich! Willst du jetzt ein Drama daraus machen, dass mir kalt ist?“
„Wenn ich es mir recht überlege…“ Er seufzte, versuchte, sich abzuregen, ging lieber davon und brachte seinem Sohn ein Glas mit heißem Blut: „Ist wie Tee. Nur für Vampire. Trink das, dann ist dir sicherlich nicht mehr so kalt.“
Da stürmte Lucasius herein: „Da ist die Hölle los!“
Drei Augenpaare richteten sich fragend auf ihn, er holte tief Luft, sah dann kurz zu Herbert, dann zu Breda: „Ich muss mit dir reden. Unter vier Augen.“
„Gehen wir in mein Gemach.“
Die beiden Älteren wollten sich umdrehen, da hielt Herbert Lucasius fest: „Ist etwas passiert?“, fragte er ängstlich, die Unruhe seines Patenonkels gefiel ihm nicht. Und vor allem, warum verlangte er erst ein privates Gespräch mit seinem Vater, nachdem er ihn bemerkt hatte?
„Herbert…das ist schwer zu erklären…und vor allem, zu verkraften.“
„Was ist denn?“
„Das soll dir dann dein Vater sagen.“
„Verflucht, was ist los?!“, quietschte der Weißhaarige viel zu hoch, die ausweichende Art des Goldhaarigen machte ihn nur noch nervöser.
„Fledermaus, jetzt beruhige dich. Ich bin gleich wieder da, bis dahin kannst du dich mit Sarah unterhalten. Und trink das Blut!“
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Pünktlich zur Nacht ein neues Kapitel, was für ein guter Zeitplan meinerseits :D
Armer Herbert, armer Alfred. Da hat sich der liebe Assistent endlich mal eingestanden, was wahr ist und schon klopft das böse Drama an. Sowas aber auch. Ja, ich weiß, ich quäle die Charaktere wieder einmal. Bin ja mal gespannt, wie sich die Geschichte in meinem Hirn weiterentwickelt.
LG Merilwen:)
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