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Was wäre, wenn alles etwas anders gelaufen wäre?

GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Alfred Graf von Krolock Herbert von Krolock OC (Own Character) Sarah
13.08.2021
26.11.2021
42
88.627
 
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13.08.2021 2.162
 
Alfred jagte den Gang entlang, es fühlte sich merkwürdig an, durch ein völlig verlassenes Schloss zu rennen. Er hatte keine Verfolger und doch versuchte er, immer schneller zu werden. Er wollte nur noch fort von hier. Hatten die Schlossbewohner Pferde? Er war in seinem ganzen Leben noch nie geritten, aber so wäre er noch schneller von hier fort. Bis zum Ende des Tages musste er Transsilvanien hinter sich gelassen haben. Dafür blieb ihm, vor allem jetzt im Winter, nicht viel Zeit. Er sprang die letzten Stufen der Treppen hinab, lief durch das große Tor, direkt auf ein längliches Gebäude zu. Er hoffte, dass das Stallungen waren. Er behielt recht, große Pferde sahen ihm neugierig entgegen. Er wollte gerade das nehmen, das am Schnellsten wirkte, als die Stalltür aufgestoßen wurde. Erschrocken sah er dorthin, war ihm doch einer der Vampire gefolgt? Aber nein, die aufgehende Sonne hätte ihm sofort geschadet. Stattdessen konnte er kaum glauben, was seine Ohren vernahmen, als er das vertraute „Junge, was machst du denn hier?“, hörte.

„Professor?“, quietschte er unnatürlich hoch, riss den Kopf nach oben. Der ältere Mann trat auf ihn zu und begann zu zetern: „Das wird aber auch Zeit! Schon seit Mitternacht musste ich mich im Schloss verstecken! Nicht sehr schlau, dieses Nachtgeflügel. Es war mir mithilfe der Logik ein Leichtes, sie abzuhängen. Aber du warst nirgends! Erst jetzt tauchst du auf! Zeig mal deinen Mund!“ „Ich bin kein Vampir, sonst hätte ich kaum herkommen können, um diese Uhrzeit.“ Dennoch öffnete er den Mund, zeigte dem Professor seine Zähne. „Gut, ich will dir glauben.“ „Professor, was ist mit Sarah?“ „Gebissen hat er sie. Sie ist wohl die neue Schlossherrin, wie mir scheint.“ „Das heißt, er lässt sie an seiner Seite existieren?“ „Scheint so. Unlogisch, ich weiß.“ „Er war also nicht nur an ihrem Blut interessiert? Wollte er eine Gefährtin?“ „Woher soll ich das denn wissen? Also Junge, manchmal…“ „Aber sie sind doch nur auf Blut aus, nicht wahr?“ „Natürlich sind sie das.“ „Aber warum…er hat doch, was er wollte. Er konnte ihr Blut trinken. Wieso lässt er sie nicht verkümmern?“ „Alfred, diese Vampire wirken mir ein wenig…Sie spinnen. Entbehren jeder Logik. Komm jetzt, lass uns gehen. Ich habe genug herausgefunden, für mein nächstes Buch.“ „Aber Professor, kann es denn gar nicht sein, dass der Graf sich wirklich in die Frau verliebt hat?“ „Das halte ich für völlig ausgeschlossen. Vielleicht will er sie glücklich halten, bis sie komplett blutleer ist. Dann wirft er sie weg, wie all die anderen Friedhofsvampire. Vampire sind gierige Wesen ohne Verstand.“ „Aber…“ „Kein aber. Wir müssen weg. Ich muss zurück in unsere Heimat, wo ich alles aufschreiben werde. Ich werde berühmt werden. Mit diesem Wissen…Alfred weißt du, was das bedeutet, was wir hier alles herausgefunden haben? Wir können diese Informationen an erfahrenere, gefährlichere Vampirjäger weitergeben, die werden keine Gnade mit diesen Bestien kennen. Die Menschheit wird sicher sein. Und du spielst dabei ebenfalls eine große Rolle. Sieh es als besonders große Ehre an. Bald wird jeder deinen Namen kennen, denn natürlich wirst du erwähnt werden in meinem Reisebericht.“

Doch der junge Mann zögerte. Graf von Krolock ließ Sarah an seiner Seite. Der Professor mochte es nicht sehen, doch mittlerweile war er sich doch nicht mehr sicher, ob sie nicht doch Gefühle hatten? Was war mit dem jungen Grafen, der ihn so verzaubert hatte, letzte Nacht? Herberts Augen tauchten wieder vor ihm auf. Sie hatten ihm jede Angst genommen, hatten ihn dazu eingeladen, so viel mit dem Adligen zu teilen. Es war mehr als nur ein Tanz gewesen. Er riss die Augen auf, als ihm bewusstwurde, dass Herbert es vielleicht doch ernst gemeint hatte. Für immer. Der Vampir hatte ihn nicht beißen wollen, weil er sein Blut wollte, zumindest nicht nur. Er wollte ihn an seiner Seite. So wie es sein Vater mit seiner Auserwählten tat. Nein, was spann er da nur zusammen? Der Weißhaarige hatte ihn verführt, was er nun fühlte, war nicht real. Er konnte seinen eigenen Gedanken nicht trauen, sie würden ihn ins Verderben führen. Schweren Herzens nahm er das Pferd, folgte dem Professor, der bereits aufgesessen war und durch die weit geöffnete Tür ritt, hinaus in den Wald. Schnell galoppierten sie davon, das Schloss wurde immer kleiner. Alfred hatte erwartet, dass er sich nun glücklich und befreit fühlte, dem war nicht so. Je weiter sie wegkamen, desto größer wurde der Wunsch, zurückzukehren. Ein weiterer Tanz. Das wünschte er sich im Moment am meisten. Noch so einen schönen Tanz, voller lang vermisster Nähe und Liebe. Er schüttelte seinen Kopf, er musste stärker sein als diese Begierde. Eine Rückkehr wäre sein Todesurteil, er musste Abronsius vertrauen, er hatte ihn mehr als einmal vor den manipulativen Fähigkeiten und Gedankenspielchen der Vampire gewarnt. „Was hast du?“, fragte Abronsius ihn neugierig, als sie am Bahnhof angekommen waren, mittlerweile dämmerte schon wieder der Abend. „Nichts, Professor.“ „Du musst mehr lesen. In den Büchern findet man alle Antworten. Jetzt nimm die Tasche, das ist unser Zug.“ Sie stiegen ein, setzten sich auf ihre zugewiesenen Plätze.

Schweren Herzens starrte der Jüngere aus dem Fenster, wollte er wirklich fort? Für wenige Stunden war er glücklich gewesen. Ja, er war in Herberts Armen glücklich gewesen. Er hatte es genossen. Aber es durfte nicht sein, er würde nach Königsberg zurückkehren, würde sein Leben weiterleben. Vielleicht kam er zu einem späteren Zeitpunkt, eines Tages, wieder zurück in diese Gegend. Dann konnte er den Sohn des Grafen immer noch besuchen. Aber es wird nicht so sein wie jetzt, nervte ihn eine Stimme in seinem Kopf, es wird nie mehr so sein. Frustriert stöhnte er innerlich leise auf, was war denn bloß los mit ihm? Vermisste er gerade wirklich eine tödliche Gefahr? Verflucht. Er war eine verlorene Seele, für wahr, da hatte der ältere Vampir recht gehabt. Konnte der Zug nicht endlich einfach abfahren? Dann müsste er diese quälenden Gedanken nicht ertragen, ob es richtig war, zu gehen. Aber irgendwie wurden seine Gebete in dieser Nacht nicht erhört, denn es kam ein Schaffner zu ihnen: „Entschuldigen Sie, meine Herren, dieser Zug kann heute Nacht voraussichtlich nicht weiterfahren, für einen Teil der Strecke besteht eine Lawinenwarnung.“ „Das gibt es doch nicht!“, knurrte Alfred, als sie wieder alleine waren. „Nicht aufregen, mein Junge, hier, lies das Buch.“ Er reichte ihm ein, in blaues Leder gepacktes, Buch. Der Brünette blickte hinüber zu seinem Mentor, welcher nach kurzer Zeit einschlief. Mit einem leisen Seufzer legte er die Schrift weg und betrachtete den Mond.

„Herbert? Herbert! Wo ist er denn?“ Breda wirkte verwirrt, normalerweise war sein Sohn immer sofort bei ihm, wenn er nach ihm rief, er schrie gerade schon das fünfte Mal seinen Namen durch das Schloss. Sarah, die ihm gegenübersaß und eine Spinne beobachtete, zuckte mit den Schultern, sie waren zusammen auf der Jagd gewesen, wollten sich nun eine gemütliche Nacht machen. Zudem wollte ihr Gefährte, dass sie endlich seinen Sohn richtig kennenlernte. Jener machte ihm da einen Strich durch die Rechnung, indem er seit Anbruch der Nacht unauffindbar war. „Koukol!“, brüllte er nun, woraufhin der Diener zu ihm kam. „Kouki, wo ist mein Sohn?“ Dieser wusste allerdings auch nicht, wo der Schlosserbe sich herumtrieb. „Hol Lucasius, es gefällt mir nicht, dass der Jüngling weg ist und Herbert nirgends zu sehen ist.“ Der Krüppel eilte davon und kehrte mit dem großen, goldhaarigen Vampir zurück, welcher ihm zunickte: „Was gibt es?“ „Hast du einen gewissen jüngeren Vampir mit uns gänzlich unbekannten, weißen Haaren gesehen?“, fragte er ihn mit einem ironischen Unterton. „Ich muss bedauern, der überhaupt nicht verspielte Nachfolger eines gewissen Grafen, den ich jedoch gar nicht kenne, ist heute noch nicht in meinem Blickfeld erschienen“, gab der andere genauso ironisch zurück, wurde dann ernster: „Warum? Ist etwas passiert?“ „Zwei unserer Pferde fehlen, ebenso die beiden Menschen.“ „Ja…Der Professor ist uns irgendwie letzte Nacht entwischt.“ „Das ist unwichtig. Ich mache mir Sorgen um meinen Erben. Er wird traurig sein, sollte Alfred geflohen sein.“ „Das nehme ich an. Aber wenn unser Grafensohn nicht gefunden werden will, wird er auch nicht gefunden, er kennt dieses Schloss seit Ewigkeiten ganz genau. Du kannst nicht jeden Geheimgang absuchen, dies würde zu lange dauern.“ „Dessen bin ich mir bewusst. Ich gehe kurz nach oben und schaue, ob er nicht einfach in seinem Gemach ist.“ Der Vampirfürst erhob sich, ging hinauf in den zweiten Stock, klopfte an die schön verzierte Eichentür. Er bekam zwar keine Antwort, trat trotzdem ein. Das Bett war verwaist. Gerade wollte er wieder gehen, als seine feinen Ohren etwas vernahmen, dass ihn besorgte. Leises Weinen drang aus dem Bad zu ihm herüber. Er eilte dorthin, fand den Weißblonden, der angezogen in der leeren Badewanne saß und schluchzte.

„Um Luzifers Willen, was machst du denn da?“ Keine Reaktion. „Steh sofort auf und komm da raus.“ Wieder nichts. Herbert zog seine Beine noch enger an den Körper, hatte den Kopf in seinen Armen vergraben und weinte noch mehr. Er ließ sich seufzend auf den Boden sinken, dann spendete er dem Jüngeren eben so die väterliche Nähe, die er im Moment wohl benötigte. Sie sprachen nicht miteinander, der Vater ließ seinen Nachfolger weinen, es würde ihm sicherlich guttun. Zeit für ein Gespräch hätten sie danach auch noch. Er war einfach für ihn da. Mehr konnte er ohnehin kaum tun, er konnte schlecht den Studenten aus dem fahrenden Zug zerren und hierherschleppen. Vorher müsste er eher noch die gräfliche Kammer voll mit Betäubungsmitteln für Sterbliche leeren. „Vater…“ Herbert hatte den Kopf etwas gehoben und betrachtete ihn mit stumpfen, rot geweinten Augen, „was ist so falsch an mir?“ „Was? An dir ist überhaupt nichts falsch.“ „Und warum will er mich dann nicht? Ich habe ihm gezeigt, dass ich ihn wirklich liebe, ich habe ihn gehen lassen, hoffend, dass er nicht geht. Warum kann er mir meine Gefühle für ihn nicht glauben?“ „Alfred ist ein sehr verängstigter Mensch. Er lässt sich von der Meinung des Professors beeinflussen. Alles, was ihm nicht der Professor bestätigen kann, ist für ihn nicht wahr.“ „Aber…warum…warum ist man so?“ „Herbert, ich weiß es nicht. Aber wenn ich dir sage, es ist eine dumme Idee, auf den Baum zu klettern und ein Fremder sagt dir, es ist eine gute Idee, wem glaubst du mehr?“ „Na dir. Ich vertraue meinem Vater schließlich mehr als einem Fremden.“ Der Dunkelhaarige nickte: „Es geht nur ums Vertrauen, Kind. Er vertraut dem Professor, den er kennt. Du bist für ihn noch fremd, er vertraut dir einfach nicht. Er weiß nicht, dass er dir vertrauen kann.“ „Bin ich so vertrauensunwürdig?“ „Gütige Hölle, nein. Aber woher soll er das wissen? Von der einen Nacht, die ihr zusammen verbracht habt? Würdest du jemandem vertrauen, den du genau eine Nacht kennst?“ Der Blonde schüttelte bedrückt den Kopf, erneut liefen Tränen über seine Wangen: „Habe ich ihn verloren?“ Sein Vater schluckte schwer, was sollte er darauf antworten? „Lass ihm Zeit. Wenn er dich wirklich gernhatte, kommt er irgendwie zurück.“ „Und wie lange soll das dauern? Ein Tag? Ein Jahr? Fünfzig Jahre?“ „Das kann ich dir nicht sagen. Aber wenn du ihn wirklich liebst, ist es das doch wert, zu warten, oder nicht?“ „Ich will nicht warten, Vater.“ „Ich weiß. Aber dir bleibt nichts anderes übrig. Wenn du dir jetzt jemand anderes suchst und er kommt zurück und bekommt das mit, dann hast du ihn für immer verloren. So kannst du immerhin hoffen, dass er bald wieder in deinen Armen tanzt.“ „Warum muss ich mich auch so kompliziert verlieben? Sarah ist sterblich gewesen und ist dir sofort verfallen. Und ich suche mir den Angsthasen mit Vertrauensproblemen aus. Habe ich wieder super hingekriegt. Nur so aus Interesse, wie hoch ist die Schlossmauer?“ Da starrte der Ältere ihn schockiert an, woraufhin Herbert wieder etwas lächeln konnte: „Das war ein Scherz. So etwas würde ich nie tun, das musst du doch wissen, Vater.“ „Mit so etwas scherzt man nicht. Auch nicht als Vampir“, wies jener ihn streng zurecht, „und nun, kommst du mit runter? Ich möchte dich und Sarah einander richtig bekannt machen, nicht nur so flüchtig.“ „Meinetwegen. Sehe ich schlimm aus?“ „Genauso untot wie immer. Wisch dir noch die restlichen Tränen aus dem Gesicht.“ „Oh Gott! Ich bin nicht einmal geschminkt! So kann ich Sarah nicht unter die Augen treten! Raus hier, Vater, ich muss mich zum Leben erwecken.“ „Seltsame Ausdrucksweise, die du da als Vampir hast. Beeil dich. Ich habe keine Lust, ewig auf dich zu warten.“ „Jetzt verstehst du immerhin, wie ich mich gerade fühle. Ich muss auch auf Alfred warten.“ „Immerhin hast du das verstanden. Aber im Ernst, wenn du einmal in deiner ganzen Existenz mal schneller sein könntest, als fünf Stunden, wäre ich überglücklich.“ „Vater, die Pflege der Haut ist etwas sehr Ernstes, das braucht seine Zeit.“ „Ich kenne Katzen, die putzen sich schneller als du dich schminkst.“ „Gut, dass ich keine Katze bin. Zudem Vater, kann ich tun und lassen, was ich will. Ich kann mich also so lange schminken, wie ich will.“ „Mag sein, aber ich als dein Vater möchte von dir, dass du pünktlich in einer Stunde am Speisetisch erscheinst.“
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