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Was wäre, wenn alles etwas anders gelaufen wäre?

GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Alfred Graf von Krolock Herbert von Krolock OC (Own Character) Sarah
13.08.2021
26.11.2021
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18.08.2021 1.822
 
Er musste sofort zum Schloss zurück. Er drehte sich um, rannte los, ignorierte den Gelehrten, als dieser nach ihm rief. Er sprang auf das Pferd, wendete und jagte den Waldweg zurück. Er brachte das Tier vermutlich an seine Grenzen, bis er endlich vor den Toren ankam, schnell absprang und hineinrannte, dabei schrie er laut:
„Breda! Sarah! Wacht auf! Herbert, aufwachen! Kommt schon! Ihr müsst wachwerden!“
Tränen traten ihm in die Augen, als ihm bewusstwurde, wie hilflos schlafende Vampire tatsächlich waren und wie gemein es war, sie so zu überfallen. Erneut brüllte er die Namen durch die Gänge, doch keine Reaktion. Wie ein verängstigter Junge raste er die Treppen hoch, stürmte in Herberts Gemach, wo dieser lag und fest schlief, er rüttelte an ihm:
„Wach auf!“
Stöhnend öffnete jener die Augen: „Alfie? Was schreist du denn so rum, mitten am Tag?“
„Du musst sofort deinen Vater wecken! Es ist ein Notfall, Herbert!“
„Was zum?!“
Doch er war hellwach, sprang aus dem Bett heraus und rannte los, die Panik des Assistenten machte ihm die Dringlichkeit klar.
„Vater!“, schrie er laut, „steh auf! Etwas ist geschehen!“
Keuchend hielt er sich an der Tür fest, ihm war wieder schwindlig geworden.
„Sohn, bist du von jeglichem Verstand verlassen? Was ist denn mit dir los, dass du mich aufweckst?!“
„Alfred ist da, aber er ist völlig erschrocken, ich weiß nicht, was los ist!“
„Dann sollte ich mir mal anhören, warum man in seinem geliebten Schlaf geweckt wird.“
Er warf einen Blick auf seine schlafende Partnerin, seufzte: „Ich wecke sie nachher auf.“
Zusammen mit seinem Erben eilte er hinab, wo der Mensch unruhig auf und ablief.
„Was gibt es denn?“
„Ihr müsst hier weg. Und Herbert braucht sofort irgendeine Medizin gegen Vergiftungen“, fasste der Braunhaarige zusammen.
„Was? Jetzt atmest du tief ein und aus und dann erzähle in Ruhe, Alfred“, befahl ihm der ältere Adlige.
„Abronsius meinte, dass euer Rettungsversuch die Aufmerksamkeit der Vampirjagdgesellschaft geweckt hat und die ganze Stadt ist voll mit diesen Leuten. Zudem sagte er indirekt, dass Herbert vergiftet worden sei, was auch seine Kopfschmerzen erklären würde und seine Schwäche.“
„Ich wusste es“, fauchte Breda, „diese undankbaren Menschen! Sollen sie das nächste Mal doch krepieren!“
„Vater, bitte, das bringt hier auch keinem etwas“, beschwichtigte ihn der Schlosserbe, er zitterte sichtbar.
„Entschuldige, du hast recht. Sagte er, was sie ihm gegeben haben?“, erkundigte er sich mit einem Nicken in die Richtung des Weißhaarigen.
„Nein. Nur, dass wenn er mich verzaubert hat, der Zauber bald endet. Ich habe daraus geschlossen, dass…Es tut mir so, so unendlich leid, Herbert, ich wollte das nie! Wenn ich nicht geflohen wäre und in diesem Zug gesessen hätte, dann wäre nie etwas passiert!“
Tränen liefen ihm über die Wangen, da wischte sie ihm der Erbgraf aus dem Gesicht:
„Weine nicht. Mir ging es doch schon vorher nicht gut. Wenn Abronsius mir etwas gegeben hat, dann noch vor der Ballnacht.“
„Aber wir hatten nichts Giftiges dabei…“
„Vielleicht hat er es auch anders gemeint. Sie wollen uns alle jagen und ermorden, vielleicht hat er mir gar nichts gegeben, sondern hat es darauf bezogen?“
„Meinst du?“
„Ja. Komm her, mon Cherí.“
Er breitete seine Arme aus und nahm den Sterblichen in sie, hielt ihn beruhigend fest. Dem Grafen kamen beinahe die Tränen, so stolz war er auf seinen Jungen und so sehr freute er sich für die beiden. Sie hatten einander gefunden, ob sie es nun beide zugaben oder nicht, sie gehörten zusammen. Und dagegen konnte kein Abronsius etwas ausrichten. Alfred gehörte nun auch zu seiner Familie.

„Und was machen wir jetzt?“, schniefte der Jüngste verzweifelt, „das sind so viele Vampirjäger und ihr seid doch so wenige…“
„Beruhige dich, Jüngling. Wir haben unsere Verbündeten. Herbert, schicke unsere Fledermäuse los und sucht zusammen Lucasius. Ich wecke derweil Sarah und bringe ihr schonend bei, dass wir unangenehmen Besuch erwarten. Vielleicht will sie vorher noch das Schloss aufräumen“, versuchte er, zu scherzen, um den beiden Jüngeren die Furcht zu nehmen, die sowohl in den eisblauen, als auch in den rehbraunen Augen vorzufinden war.
„Und mein Junge, du beobachtest deinen Körper. Es kann sein, dass Abronsius das anders gemeint hat, aber es kann eben auch sein, dass dir irgendetwas verabreicht wurde. Ich will, dass ihr beide das im Auge behaltet. Dir war doch vorhin bestimmt wieder schwindlig, als du ich an der Tür festgehoben hast.“
„Du hast das bemerkt?“
„Fledermaus, ich bin nicht blind und auch nicht auf den Kopf gefallen.“
„Ich werde auf mich aufpassen, Vater.“
„Gut. Das fehlt mir noch, dass du zusammenbrichst. Geht nun geschwind euren Aufgaben nach.“

Schnell folgte der Student dem Grafensohn, der ihn nach oben führte, wo verschiedene Fledermäuse sie anblitzten. Herbert nahm eine davon in die Hand, streichelte sie und sagte bestimmt:
„Fliegt. Ihr wisst, was zu tun ist.“
Quietschend flatterten auf einen Schlag alle davon.
„Wo fliegen sie hin?“, interessierte sich Alfred.
„Zu anderen Vampirhäusern. Es gibt die Vampirjagdgesellschaft, also gibt es auch die Vampirgemeinschaft. Das zu erklären, würde an dieser Stelle wahrlich zu lange dauern. Lass uns Lucasius auftreiben.“
„Hast du Angst?“, fragte der Brünette, als sie die Richtung zu der Hütte des Beraters einschlugen, über einen unterirdischen Tunnel erreichte man die Hütte auch, wie er nun feststellte.
„Natürlich. Aber nicht um mich, Alfie. Sondern um meinen Vater. Und um Sarah.“
„Ihr seid so organisiert, kam so ein Angriff schon häufiger vor?“
Schmerzvoll zuckte der Ältere zusammen: „Schon lange nicht mehr“, murmelte er leise, „aber beim letzten Mal haben Vater und ich alles verloren.“
„Deine Mutter?“, wisperte er einfühlsam, der Blonde schluckte schwer.
„Sie war eine Vampirin, Vater hat sie 1617 gebissen, als ich neun Jahre alt war. Kurz vorher wurde er verwandelt, hielt es aber vor Mama geheim, bis er sich nicht mehr kontrollieren konnte. Als der Winter kam …überfielen Vampirjäger eines der anderen Grafenhäuser, weit weg. Dennoch eilten mein Vater und meine Mutter dorthin, um ihnen zu helfen. Das war auch das letzte Mal, dass er sein Schloss verließ. Sie haben sie getötet“, flüsterte er, „einfach so. Ohne den Gedanken, dass sie eine Familie hatte. Menschen sind wirklich die wahren Monster.“
„He, du fängst aber nicht an, mich zu hassen.“
„Du hast für so etwas eine zu reine Seele, Alfred. Ich hätte mich sonst nie in dich verliebt.“
Er lief etwas schneller, schien seine Gedanken vertreiben zu wollen. In Wahrheit könnte Herbert hier und jetzt in Tränen ausbrechen. Er wusste noch genau, wie er damals bei Lucasius gewesen war, der zurückgeblieben war, um auf den Jungen aufzupassen. Die Gräfin von Krolock war gut mit der Frau des angegriffenen Hausherrn befreundet gewesen und hatte somit auch nicht gezögert, ihren Mann zu begleiten. Die ganze Nacht hatte der Neunjährige weinend in den Armen des Goldhaarigen gelegen, der ihn kaum beruhigen konnte, weil er solch eine Panik um seine Eltern verspürt hatte. Sein Vater hatte ihn sterblich sein lassen, bis er alt genug war, um sich für oder gegen die Nacht zu entscheiden. Lucasius hatte ihn abgelenkt, indem sie Kuchen gebacken hatten, einen Apfelkuchen. Seit dieser Nacht hatte der Schlosserbe niemals mehr einen Apfelkuchen angerührt. In den Morgenstunden, kurz bevor der Tag hereingebrochen war, waren die abgekämpften Vampire heimgekehrt, doch sie hatten die Köpfe hängen gelassen, hatten es nicht geschafft, den kleinen Jungen anzusehen. Der Goldblonde war zu seinem Vater geeilt, der schluchzend in seine Arme gefallen war, sein Umhang und seine edlen Gewänder waren zerrissen gewesen. Herbert hatte seinen Vater zuvor noch nie so sehr weinen gesehen, wie in jenen Minuten.

Alfred zögerte nicht, schnell nahm er die Hand des offensichtlich trauernden Vampirs. Beide sprachen kein Wort miteinander, so wie bei ihrem Tanz. Es war für beide Seiten ein angenehmes Schweigen voller Trost.
„Luca? Luca! Bist du da?!“
„Herbert?“
Der Ältere stand ihnen sehr verschlafen gegenüber: „Was habt ihr denn? Es ist doch nicht einmal Abend…“, beschwerte er sich.
Er hatte mit Magda nach der Jagd noch ein wenig Wein getrunken, gut, nicht nur ein wenig. Selbst als Vampir brummte nun sein Schädel, es war der starke Blutwein aus dem Schlosskeller gewesen, von dem sie mehrere Flaschen geleert hatten.
„Wir sind in Gefahr“, klärte Herbert in kurz und knapp auf, sein Patenonkel legte den Kopf schief: „Könntest du das ganz langsam erläutern? Kommt erstmal rein und setzt euch.“
Sie folgten ihm, Alfred riss die Augen auf, er hatte erwartet, dass der Berater völlig minimalistisch lebte. Aber die Hütte war riesig, ein Holzofen verbreitete wohlige Wärme, überall lagen Fellteppiche, eine Treppe führte hinauf in den ersten Stock, sicherlich ins Schlafzimmer, vermutete der Jüngste, die beiden Älteren ließen sich auf Sesseln nieder, es gab zwar nur zwei, doch der Königsberger setzte sich einfach auf die Armlehne neben dem Weißblonden, der dem anderen erklärte, was vorgefallen war.
„Verflucht, ich hatte so gehofft, dass ihr nie mehr so etwas erleben müsst“, seufzte der große Unsterbliche, „und ich bin schuld, weil ich deinen Vater gedrängt habe, die Menschen zu retten.“
„Wir sind doch alle irgendwie schuld daran, dass konnte keiner ahnen“, erwiderte der Braunhaarige.
„Wusstest du von den Plänen deines Vampirjägerfreundes?“
„Nein. Darauf schwöre ich. Ich wusste nichts davon, dass er in der Gesellschaft überhaupt ist. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, dass es so etwas gibt.“
Da nickte Bredas Freund erleichtert, er hätte es dem Assistenten auch nicht richtig zugetraut, ein Verräter zu sein. Stattdessen wand er den Kopf seinem Patenkind zu, welcher eingesunken im Sessel saß und in die Ferne starrte, die Tränen unterdrückend, die ihm eindeutig in den Augen brannten.
„Geht es?“, fragte er ihn leise besorgt.
„Nein“, entgegnete der jüngere Untote, zitterte am ganzen Körper, brach in Tränen aus.
Der Ältere nahm ihn in den Arm, strich ihm immer wieder besänftigend über den Rücken:
„Oh, ich weiß, ich weiß, wie weh es tut. Mir fehlt sie doch auch.“
Alfred war einfach nur völlig überfordert, er hatte zuerst gedacht, Vampire hätten gar keine Gefühle und nun erlebte er, wie die Gefühle die Vampire überwältigten. Kopfschüttelnd betrachtete er die Lage, so etwas hätte er nie erträumt, dass er tatsächlich eines der grusligen Nachtwesen von denen Abronsius ihm immer erzählt hatte, beim Weinen erblickte. Er hatte auch nie darüber nachgedacht, wie tragisch es sein konnte, die Ewigkeit zu erleben. Er hatte immer gedacht, es wäre schön, ewig zu leben. Aber wie viel Leid musste man mit sich herumtragen? Da war das Bluttrinken doch fast das Angenehmste am Vampirsein. Was könnte er für den Weißhaarigen tun? Er entschied sich, einfach hier bei ihm zu bleiben. Es ging ihm schon nicht gut, nun wurden auch noch seine seelischen Wunden so grausam aufgerissen, die er immer versuchte, hinter seinem fröhlichen Verhalten zu verbergen. Herbert, so schien es, war gerne ein Vampir, es machte ihm Spaß, sich wie ein Raubtier zu verhalten und mit seiner Beute spielen zu können, wie es ihm beliebte, mit Menschen umgehen zu können, wie er es wollte. Das war wohl kaum die Wahrheit, zumindest nicht die ganze Wahrheit. Hinter all dem verbarg sich eine gequälte Seele. Er konnte es besser überspielen, als sein Vater, aber beide Grafen von Krolock waren zutiefst gebrochen.
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