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Unyx' Kurzgeschichten/One-Shots (Wünsche)

von Unyx99
SammlungRomance, Freundschaft / P16 / MaleSlash
10.08.2021
06.12.2021
38
159.049
20
Alle Kapitel
109 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
25.11.2021 4.534
 
Finally der dritte Wunsch für LaFamilia <3 Pairing Max/Lando, wobei gewünscht war, dass Lando Max auch ein bisschen Kontra gibt und es ruhig ein bisschen Dramatik geben darf. Und Dramatik ist natürlich, wie ihr vermutlich wisst, ohnehin eine meiner Schwachstellen, also... yay.

Ich hoffe sehr, es gefällt dir und euch :)




Teil 1

Budapest, 1. August 2021

Frustriert wie kaum je zuvor stieg Max aus seinem Auto. Er kochte innerlich. Zum dritten Mal diese Saison – zum dritten Mal, verdammt! – war er völlig unverschuldet um wichtige Punkte im Titelkampf gebracht worden. Und zum zweiten Mal war einer dieser verfluchten Mercedes Schuld daran!
Max konnte diese Ungerechtigkeit einfach nicht fassen. Hätte in Baku dieser verfluchte Reifen nicht den Geist aufgegeben, hätte der ach so tolle und faire Sir Lews Hamilton in Silverstone keinen Mordanschlag auf ihn ausgeübt und hätte dessen treues und talentloses Hündchen Bottas heute nicht Rennfahren mit Bowling verwechselt, dann, so war er sich sicher, würde er die Meisterschaft jetzt mit beinahe 100 Punkten Vorsprung fast uneinholbar anführen.
Das war einfach nur unfair. Klar, er hatte heute – worauf sein Ingenieur ihn mehrfach hingewiesen hatte – vorbildlich gekämpft und sich am Ende einen vielleicht noch wichtigen Punkt rausgefahren. Aber was war schon ein Punkt? Es wären 25 drin gelegen!  
Wie konnte man eigentlich so unfassbar doof sein? Obwohl er gerne anderes behauptet hätte, glaubte Max noch nicht mal wirklich daran, dass Bottas’ Missgeschick pure Absicht gewesen war. Dafür war es einfach zu unwahrscheinlich, dass er genau hätte abschätzen könne, wo er Lando treffen musste, damit dieser dann Max traf und Bottas wiederum Checo. Womit es wohl einfach ein saudummer Fehler war, der vielleicht einem Zehnjährigen im Karting passieren könnte, aber nicht einem erfahrenen F1-Fahrer im schnellsten Auto! Unter dem Strich also war diese Erklärung mitnichten besser. Und vor allem änderte beides nichts daran, dass Max’ Rennen zerstört worden war. Und übrigens nicht nur seins, sondern auch das von seinem Teamkollegen und das von seinem Freund.
Und damit dachte er erstmals seit Minuten an Lando und ihm wurde halbbewusst klar, dass Landos Anwesenheit gerade das war, was er am allermeisten brauchte. Lando würde ihm zuhören, ohne ihn zu verurteilen, und wenn es irgendwem gelingen konnte, ihn in solchen Momenten runterzubringen, dann war es Lando.
Immer noch schnaubend vor Wut, doch auch mit grosser Sehnsucht nach Lando war Max wenige Minuten später unterwegs zu dessen Fahrerraum. Er wollte Lando nur noch in die Arme schliessen und mit dem Menschen reden, der ihn am besten verstand und der seine Gefühle gerade in diesem Moment wohl besser nachvollziehen konnte als irgendjemand sonst.
Ohne anzuklopfen riss er die Tür auf.
Lando, der auf dem Sofa gesessen hatte, sprang vor Schreck fast in die Luft, doch seine Miene entspannte sich augenblicklich, als er Max erkannt hatte.
„Du bist’s.“, stellte er erleichtert fest und stand sogleich auf, um die Lücke zwischen sich und seinem Freund zu schliessen, der gleichzeitig zu ihm eilte.
„Ich bin so froh, dich zu sehen.“, flüsterte Max, während er Lando an sich drückte und das Gefühl, ihm endlich nahe sein zu können, aufsaugte.
Sie lösten sich voneinander und Lando betrachtete seinen Liebsten sorgenvoll.
„Alles okay?“, fragte er.
Max’ Gesichtsausdruck, zuvor während der Nähe zu Lando ein wenig erweicht, verhärtete sich augenblicklich. Ohne es zu merken, riss er seine Hand von Lando los, der sie bis jetzt gehalten hatte, und begann, unruhig auf und abzugehen.
„Okay, die Frage war doof.“, seufzte Lando. „Natürlich ist es das nicht.“
„Nein, allerdings nicht.“, knurrte Max und trat gegen einen Stuhl, der unschuldig im Raum gestanden hatte. „Überhaupt nicht. Ein einziger Punkt! Und Lewis holt 15! Das ist... das ist fatal für die Meisterschaft.“
„Ich weiss.“, erwiderte Lando verständnisvoll. „Das war unglaublich dämlich von Bottas. Keine Ahnung, was er sich dabei gedacht – “
Unglaublich dämlich.“, fauchte Max und kniff die Augen zusammen. „Das ist noch nett ausgedrückt. Das war das Dümmste, was ich jemals gesehen hab. Und das war das zweite Mal innerhalb der letzten zwei Rennen, dass diese Arschlöcher mein Rennen zerstört haben!“
„Mal abgesehen davon, dass Silverstone nicht nur dein Rennen in Gefahr gebracht hat.“, wandte Lando ein. „Ich hab jetzt noch Alpträume, wenn ich daran zurückdenke. Diese Angst um dich... sowas will ich nie wieder erleben.“
„Ich allerdings auch nicht.“, grummelte Max, durch die Erinnerung ein klein wenig ruhiger geworden, und liess sich aufs Sofa fallen.
Lando sah ihn traurig an und näherte sich dem Sofa, um sich ebenfalls darauf niederzulassen.
„Wir sollten froh sein, dass heute nichts Schlimmeres passiert ist.“, sagte Lando und legte Max einen Arm um die Schulter –
Zumindest versuchte er das. Denn kaum hatte er die Worte gesprochen, sprang der Niederländer auch schon wieder auf.
Nichts Schlimmeres!“, rief Max aus. „Es ist schlimm genug! Dein Rennen war zu Ende, bevor es überhaupt begonnen hat und ich muss mit einem mickrigen Punkt abreisen! Was, wenn das am Ende entscheidend ist im Meisterschaftskampf?!“
„Das wird es nicht sein, Max.“, versuchte Lando seinen Freund zu beschwichtigen. „Es bleiben genügend Rennen und wir wissen beide, dass du das wieder aufholen kannst. Du wirst das gewinnen.“
„Ich hätte schon fast gewonnen, wenn ich nicht drei Mal völlig unverschuldet um wichtige Punkte gebracht worden wäre!“, fauchte Max laut. „Das ist einfach nicht fair, Lan.“
„Ich weiss, Babe. Ich weiss.“, sagte Lando sanft und näherte sich seinem Freund.
Er hasste es, Max so zu sehen. Zwar kam er mit dem Temperament des Holländers eigentlich gut zurecht und hatte ihn in den letzten eineinhalb Jahren, die sie gemeinsam verbracht hatten, auch schon ein wenig... zähmen können. Und trotzdem gab es immer mal wieder Momente, in denen man merkte, dass Max manchmal Schwierigkeiten hatten, mit seinen Emotionen umzugehen. Lando tat sein Bestes, um ihm damit zu helfen, aber wenn Max derart dicht machte wie jetzt gerade und ihm kaum zuhörte, war das kein einfaches Unterfangen. Und es tat ihm tief drin weh. Genau, wie er auch wusste, dass es für Max selbst nicht gut sein konnte, sich so in seine Wut reinzusteigern.
Lando wollte den Älteren in den Arm nehmen, doch Max achtete kaum auf ihn. Er drehte sich schon wieder von ihm weg, ging unruhig Richtung Tür, dann Richtung Sofa und wieder zurück zur Tür und wetterte dabei weiter:
„Ich kann’s einfach nicht fassen! Wie kann man so unfassbar blöd sein? Das in Baku war einfach Pech und in Silverstone hat Lewis mich voller Absicht abgeschossen – “
Eigentlich glaubte Max das nicht wirklich. Nicht mehr jedenfalls. Lando hatte ihm diese Unterstellung ziemlich schnell ausreden können. Doch gerade schien er das in seiner Wut wohl vergessen zu haben.
„ – aber das hier? Das war einfach nur absolut unfähig von Bottas. Wie kann man dermassen untalentiert sein und in einem Mercedes sitzen?“
Lando öffnete den Mund, um etwas zu sagen, kam allerdings nicht dazu.
„Dass sie so weit gehen, nur um die Meisterschaft zu gewinnen!“, regte Max sich auf. „Das ist einfach... Gut, ich meine, sie waren nicht ganz erfolgreich, oder? Ich bin weitergefahren und ich habe diesen verdammten Punkt geholt, in einem halben Wrack, das fast auseinanderfiel. Das war eins der schwierigsten Rennen in meinem Leben. Aber – was ist schon ein Punkt, wenn Lewis 15 holt?! Und jetzt führt er die Meisterschaft an, und das, obwohl unser Auto eigentlich viel schneller ist und obwohl ich ihn in fast jedem Rennen geschlagen hab – wenn ich die Chance dazu hatte. Wenn ich nicht von ihm oder Valtteri oder Pirelli aus dem Rennen genommen werde.“
Lando hatte den Versuch aufgegeben, zu ihm durchzudringen. Er merkte, dass Max nicht für seine Worte empfänglich war. Niedergeschlagen ging der Brite zurück zum Sofa und liess sich darauf nieder, während er Max’ Tiraden zuhörte und ihn beim Auf- und Abgehen im Raum beobachtete.
„Ich hätte fast 100 Punkte Vorsprung!“, schrie Max fast und trat noch einmal gegen den armen Stuhl. „Ich hätte die Meisterschaft schon fast gewonnen! Wenn ich wenigstens wegen eigener Fehler verlieren würde... dann wüsste ich, was ich verbessern muss. Aber was soll ich schon gegen diese unfairen Mittel der Konkurrenz machen?“
Lando starrte ihn nur und fragte sich unwillkürlich, ob Max überhaupt wahrnahm, dass er noch hier war. Angesehen hatte er ihn seit einiger Zeit nicht.
„Aber wenigstens können die Leute so sehen, wer die Meisterschaft verdient hat und wer mit unfairen Mitteln kämpf. Dass die sowas nötig haben, zeigt doch nur, dass sie sich nicht anders zu helfen wissen. Dass sie eben nur gewinnen können, wenn sie jede Konkurrenz aus dem Weg schaffen – mich, dich, Checo, Daniel, Charles. Und dafür opfert man sogar Bottas! Aber da der ja eh nichts Anderes auf die Reihe kriegt, als Leute abzuschiessen... Und dabei hat es nicht mal so geklappt, wie sie wollten! Ich bin weitergefahren, auch wenn mein Auto sich wie Schrott angefühlt hat, und Lewis hat noch nicht mal gewonnen! Hat sich tatsächlich von Ocon und einem Opa im Aston Martin schlagen lassen. Das sagt doch alles, oder?“
„Max?“, versuchte Lando zaghaft, den Redeschwall seines Freunds zu unterbrechen.
Doch ihm wurde keine Beachtung geschenkt.  
„Wann hab ich die Saison jemals zugelassen, dass jemand in einer solchen Schrottkiste schneller ist als ich? Wenn ich nicht gerade von Lewis oder Bottas abgeschossen wurde oder mein verdammter Reifen den Geist aufgegeben hat? Richtig – nie! Und Lewis schafft es noch nicht mal zu gewinnen, nachdem sie mich aus dem Weg geräumt haben! Wie kann man sich nur von jemandem wie Ocon schlagen lassen? Das ist lächerlich.“
„Max!“, unterbrach Lando ihn nun mit deutlich erhobener Stimme. „Ich bin auch noch hier!“
„Ja, das weiss ich.“, erwiderte Max, ohne ihn wirklich anzusehen. „Und ich bin echt froh, dass du hier bist. Ich brauch dich gerade. Und niemand könnte meine Gefühle momentan mehr verstehen als du.“
Lando sah stirnrunzelnd zu seinem Freund, der ihm den Rücken zugewandt hatte und tief seufzte. Max brauchte ihn also... Als Mülleimer, um seine Sorgen abzuladen oder wofür genau? Und warum dachte er, dass Lando ihn so gut verstehen könnte? Weil er dank Valtteri ebenfalls ein beschissenes Rennen (naja, eher gar kein Rennen) hinter sich hatte? Aber warum ging es dann trotzdem immer nur um Max?
„Ich hoffe mal, dieser Idiot wird dafür etwa fünf Rennen lang gesperrt.“, grummelte Max vor sich hin. „Alles andere wäre lächerlich. Aber so wie ich die FIA kenne... die haben ja schon bei Lewis’ Mordanschlag in Silverstone nicht wirklich gehandelt.“
„Das bringt uns doch auch nicht mehr viel.“, seufzte Lando.
„Nein, allerdings nicht!“, rief Max aus. „Davon kann ich mir heute auch keine Punkte mehr kaufen! Punkte, die im Kampf um den Weltmeistertitel vielleicht fehlen werden! Und niemand kann mir die jemals wieder zurückgeben!“
Lando sah traurig und inzwischen ziemlich genervt zu seinem Liebsten. Er verstand ja, dass Max frustriert war. Er verstand es wirklich. Aber... er wünschte sich irgendwo tief drin, selber auch verstanden zu werden. Normalerweise tat Max das ja auch. Aber wenn er so war wie jetzt gerade...
„Das ist einfach nicht fair. Ich hätte heute gewinnen können. Ich hätte gewonnen! Aber ich bekam überhaupt nie die Chance dazu!“, klagte Max weiter und zerquetschte dazu mit bösem Blick eine Petflasche in den Händen.  
„Im Gegensatz zu mir konntest du wenigstens länger als zwei Kurven fahren.“, sagte Lando, bevor er sich die Worte hätte überlegen können.
Aber vielleicht hätte er sie auch gar nicht aufhalten wollen, selbst wenn er es gekonnt hätte.
Max starrte ihn einen Moment lang nur an. War er überrascht davon, dass Lando noch da war oder aber davon, dass dieser ihm ins Wort fiel?
„Mit einer Schrottkarre.“, fauchte der Niederländer dann. „War wirklich lustig.“
„Glaubst du, dass es für mich lustig war?“, gab Lando zurück und nun konnte er in die in ihm aufsteigende Wut nicht mehr unterdrücken.
Er hatte versucht, geduldig und verständnisvoll zu sein. Er hatte es wirklich versucht. Aber er war selber viel zu frustriert und niedergeschlagen, um einfach nur als Mülleimer für die Sorgen anderer zu dienen. Auch wenn diese anderen Max waren.
„Mein Rennen wurde auch zerstört, Max.“, fuhr Lando fort. „Ich bin genauso frustriert wie du.“
„Ja, aber bei dir geht es nicht um den Weltmeistertitel.“
Fassungslos starrte Lando seinen Freund an. Der Niederländer erwiderte seinen Blick mit zusammengekniffenen Augen. Nichts deutete darauf hin, dass er merkte, was er da gerade tat und was er damit in seinem Gegenüber auslöste.
„Meinst du das grad ernst?“, fragte Lando leise.
Es war einige Sekunden lang unangenehm still. Max’ Miene veränderte sich leicht. Begann er zu erkennen, worum er hier ging?
„Naja, ich versteh schon, dass du auch frustriert bist.“, meinte der Red-Bull-Pilot. „Aber... wenn man um den Weltmeistertitel kämpft, hat ein Ausfall nochmal eine ganz andere Bedeutung. Das könnte am Ende entscheidend sein. Ich meine, für euch gibt es – “
„Ist schon gut, Max.“, unterbrach Lando den Älteren und stand dazu auf. „Ich hab’s verstanden. Dein Rennen und dein Frust und deine Enttäuschung zählen natürlich viel mehr als meine Gefühle.“
„Hä?“, fragte Max mit grossen Augen. „Natürlich nicht. Es geht doch auch um deine Gefühle. Aber du bist doch genauso frustriert und aus den gleichen Gründen, oder?“
„Und trotzdem ging es von Anfang an nur um dich.“, entgegnete Lando hart.
„Nein, das stimmt nicht, es ging um uns beide – “
„Nein, ging es nicht!“, schrie Lando ihn an. „Es ging um dich, dein versautes Rennen, deine Meisterschaftschancen, dein Rennen in Silverstone, dein Rennen in Baku, nur um dich! Es geht immer um dich, merkst du das eigentlich nicht? Wie ich mich dabei fühle, ist dir komplett egal. Aber ich glaube, du solltest dich mal entscheiden, was du eigentlich von mir willst. Bin ich dein Freund, der dich unterstützen soll und umgekehrt auch von dir unterstützt wird, oder brauchst du mich eher als Mülleimer für deine Sorgen?“
Fassungslos starrte Max sein Gegenüber an, unfähig zu begreifen, was gerade vor sich ging und wie es dazu gekommen war.
„Ich dachte... Ich wusste nicht, dass es ein Problem für dich ist.“, stammelte er. „Ich... ich dachte, es wäre okay für dich, mir zuzuhören, weil du weisst – “
„Das ist es eigentlich auch.“, erwiderte Lando, der inzwischen neben der Tür stand. „Ich höre mir deine Sorgen gerne an. Aber... ich hätte mir irgendwie eher ein Gespräch, eine Interaktion gewünscht. Und das Gefühl, dass du mir auch zuhören würdest.“
„Aber ich würde dir zuhören! Wenn es dir schlecht gehen würde – “
„HAST DU MICH ÜBERHAUPT GEFRAGT, WIE ES MIR GEHT?“, schrie Lando seinen Freund an. „Hat es dich irgendwie auch nur im Geringsten gekümmert?! Nein! Es ging von Anfang an nur um dich und deine Probleme. Und so ist es immer! Wenn du wirklich nur jemanden brauchst, den du mit deinen Problemen... bewerfen kannst, dann kannst du dir jemand anderen suchen. Ich will einen Freund, der mich genauso liebt wie ich ihn, und nicht jemanden, für den ich nur ein nützliches Objekt bin.“
Und mit diesen Worten, bevor Max noch irgendwas hätte sagen können, war der Brite aus dem Zimmer gestürmt. Zurück liess er einen völlig verdutzten Max, der sich mit einem Mal mit wesentlich mehr und schwerwiegenden Problemen konfrontiert sah als noch bevor er mit seinen vergleichsmässig so geringen Sorgen zu Lando gekommen war.
Seufzend liess sich Max aufs Sofa fallen und legte den Kopf in die Arme. Was hatte er nur getan? Hatte er Lando wirklich so unrecht getan, wie der Jüngere es gerade angedeutet hatte? Aber es stimmte wirklich nicht, dass er immer nur an sich selbst dachte und dass er nicht für Lando da sein würde, wenn er ihn brauchte!
Und er hatte doch die Tatsache, dass auch Landos Rennen zerstört worden war, durchaus nicht ignoriert. Das hatte ihn ja umso wütender gemacht. Wie also konnte Lando denken, dass er nur um Max gegangen war?
Wobei... War in den Worten des McLaren-Piloten nicht vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit? Immerhin hatte Max sich wohl dich ziemlich in seine Wut reingesteigert und Lando zugetextet, der dabei merkwürdigerweise immer stiller geworden war.
Das durfte auf keinen Fall wieder passieren. Unbedingt musste er sowas in Zukunft vermeiden. Zuerst mal musste er allerdings die Sache von heute in Ordnung bringen.
Max konnte ja nicht wissen, dass das schwieriger, sehr viel schwieriger, sein würde, als er gedacht hatte.

*****

Am selben Abend sass Lando in Georges Hotelzimmer auf der Bettkante und starrte traurig vor sich hin.
„Am Ende musst du es wissen.“, erklärte George ihm. „Ich kann dir nur meine Sichtweise sagen.“
„Ich weiss.“, seufzte Lando. „Aber ich wollte wissen, was du an meiner Stelle tun würdest.“
„Ich bin nicht an deiner Stelle.“, erwiderte George sachlich. „Ich kann nicht in dich reinsehen. Ich kann deine Gefühle nicht nachempfinden. Aber... ich persönlich versuche immer, das in meinem Leben zu haben, was mich glücklich macht. Und wenn einen etwas unglücklich macht, dann... muss man sich halt manchmal davon trennen, um wieder glücklich sein zu können. Auch wenn das wehtut.“
Er sah kurz zu Lando, in dessen Augen einige Tränen glitzerten. Trotz allem fand George, dass er die Sache mit erstaunlicher Gefasstheit anging. Für sein junges Alter und dafür, dass er – wie George wusste – doch sehr, sehr starke Gefühle für Max hatte.
„Max macht mich ja nicht unglücklich.“, sagte Lando traurig. „Nicht grundsätzlich jedenfalls. Und das ist bestimmt nicht, was er will.“
„Das hab ich auch nie gesagt.“, wandte George sofort ein. „Max ist kein böser Mensch. Aber... ich bin mir einfach nicht sicher, ob er emotional bereit für diese Beziehung ist. Ob er dir geben kann, was du dir wünscht und was du brauchst.“
„Ich wollte ihm dabei ja immer helfen. Dabei, mit seinen Gefühlen besser umgehen zu können und so weiter. Und eigentlich hat er da auch einige Fortschritte gemacht. Aber... ich habe immer mehr das Gefühl, dass es nicht nur das ist.“
„Was ist es dann?“, fragte George.
„Naja, ich hab einfach immer mehr den Eindruck, dass... ich Max nicht in der Weise wichtig bin, wie ich es gerne wäre. Dass er nicht das in mir sieht, was ich in ihm sehe und was ich mir in einer Beziehung wünsche. Ehrlich gesagt... es tut unglaublich weh sich das einzugestehen, aber...“
„Aber was?“, fragte George leise, als der Jüngere nach einigen Sekunden Stille nicht weitersprach.
„Ich frage mich langsam, ob Max mich wirklich liebt, oder ob er einfach jemanden braucht, der... ihm zuhört und ihn unterstützt. Ich meine – ich kann das ja verstehen. Er hat nie die Liebe und Fürsorglichkeit von seinen Eltern oder sonst irgendwem erfahren, die er eigentlich verdient und gebraucht hätte. Ich hab gesehen, dass er das braucht und... als wir zusammengekommen sind, war ich halt so verliebt in ihn, dass ich ihm einfach alles geben wollte, was er brauchte, ohne dabei auf meine Bedürfnisse zu hören. Aber... inzwischen hab ich gemerkt, dass das auf Dauer nicht gut sein kann.“
George sah sein Gegenüber nachdenklich an. Solch reife Worte hatte er von Lando noch selten gehört. Zum allerersten Mal hatte er das Gefühl, dass einiges von dem, was er und Alex dem Jüngeren seit so langer Zeit zu erklären versucht hatten, bei diesem angekommen war. Er wollte Lando und Max nicht auseinanderbringen, auf keinen Fall. Er hatte auch nichts gegen Max. Er wollte einfach nur, dass Lando glücklich war und dass er lernte, auf sein Herz und seine eigenen Bedürfnisse zu hören, anstatt immer nur an andere zu denken. Das lag wohl ohnehin in seiner Natur und wenn es um Max ging, dann ganz besonders.
„Nein, das kann es nicht.“, bestätigte George. „Am Ende geht es im Leben darum, glücklich zu sein und dazu... so hart es klingt, aber manchmal muss man dazu einfach egoistisch sein. Daran ist nichts Verwerfliches. Es geht einfach darum, dass man auf sich selbst hört und das macht, was einem guttut. Und ausserdem kannst du anderen ja auch nicht wirklich helfen, wenn es dir selbst nicht gut geht.“
Lando nickte nachdenklich und George konnte sehen, wie sich ein paar Tränen aus einen Augenwinkeln stahlen.
„Es tut einfach weh, weisst du?“, sagte er leise. „Weil ich Max wirklich unendlich liebe. Aber... wenn er diese Gefühle nicht auf die Weise erwidert, die ich mir wünsche – “
„ – und die du verdient hast.“, warf George ein –
„ – dann ergibt das Ganze wohl wirklich keinen Sinn, oder?“
„Wie gesagt, das musst du dir beantworten. Ich kann dir nur zuhören, dir meine Sichtweise mitteilen und dich unterstützen bei dem, wofür du dich entscheidest.“
Lando nickte nochmal und sah mit einem Blick zu George, der von tiefer Dankbarkeit und tiefem Schmerz zugleich zeugte.

*****

Max hatte Lando noch am selben Abend geschrieben und sich sogar für sein Verhalten entschuldigt. Etwas, was bei ihm selten genug war und tatsächlich kaum jemals vorkam, wenn es nicht um Lando ging. Aber Lando war etwas Anderes. Nie zuvor hatte ihm etwas oder jemand so viel bedeutet wie Lando.
Den ganzen Abend über hatte er unentwegt auf sein Handy gestarrt und auf die Nachricht gewartet, die niemals kam. Gegen neun Uhr schrieb er dem Briten noch einmal. Seine Mitteilung wurde augenblicklich gelesen, doch eine Antwort blieb aus.
So unfassbar schlecht hatte Max sich seit Ewigkeiten nicht gefühlt – obwohl er vor wenigen Stunden noch gedacht hatte, der Tag könnte auf keinen Fall mehr schlimmer werden. Doch jetzt hatte er nicht nur das Rennen und wichtige Punkte, sondern auch seinen Freund verloren. Halt. So weit war es noch nicht. Er hatte Lando nicht verloren. Sie hatten sich nur gestritten. Bestimmt würde der McLaren-Pilot sich bald wieder einkriegen und dann wäre alles wieder gut.
Doch Max’ Handy blieb still und seine Sorge und seine Schuldgefühle wuchsen von Minuten zu Minute.
Er hatte niemanden, mit dem er über das hier reden konnte, und so weinte er sich schliesslich gegen Mitternacht in einen unruhigen Schlaf und träumte, dass Lando ihm vorwarf, egoistisch, und empathielos zu sein, weswegen er sich entschieden hätte, sein Leben fortan ohne Max zu verbringen und sich einen Partner zu suchen, der ihn mehr wertschätzte als er.
Normalerweise gab Max nicht viel auf Träume. Sie waren unbedeutende Fantasien, absurde Bilder, die dein Unterbewusstsein kreierte und die nichts mit der realen Welt gemein haben.
Aber dieses Mal war es anders. Das hier war mehr als ein Traum. Dafür war es zu ähnlich wie die Wirklichkeit. Es war kein Traum, nicht nur jedenfalls. Zur Hälfte war es eine Erinnerung an die schmerzhaften Ereignisse des Vortags. Und zur anderen Hälfte war es eine Vorahnung.

*****

Es war halb zehn Uhr morgens, als Max’ Handy klingelte. Er hatte mit Müh und Not sein Frühstück runtergewürgt und war jetzt dabei, zu packen. Als er jedoch diesen ganz bestimmten Klingelton hörte, liess er augenblicklich alles stehen und liegen und hechtete übers Bett, um sein Smartphone zu erreichen und den Anruf sogleich entgegenzunehmen.
„Lando? Baby? Bist du das?“, schrie er fast ins Telefon, während sein Herz Achterbahn fuhr.
„Wer denn sonst?“, erwiderte die Stimme am anderen Ende der Leitung und Max merkte augenblicklich, wie kühl sein Freund klang.
„Hast du Zeit?“, fragte Lando.
„Natürlich hab ich Zeit. Ich hab immer Zeit für dich.“, murmelte Max und liess sich aufs Bett sinken, wobei sein Herz in Erwartung des nun Kommenden so schnell schlug, dass er kaum mehr die einzelnen Schläge spürte.
Es blieb still in der Leitung. Lange. Viel zu lange.
„Babe?“, fragte Max sehr leise und spürte in genau diesem Moment, dass Tränen in seine Augen traten, ohne recht zu wissen, weshalb.
„Ja. Ich... tut mir leid. Ich weiss nicht ganz, wie ich das hier sagen soll.“
Max’ nahm den Sinn dieser Worte kaum auf. Unbeweglich, vollkommen erstarrt, sass er da und wartete darauf, dass Lando weitersprechen würde.
„Ich mag dich, Maxy.“, erklang die Stimme des Briten in einem Tonfall, den Max kaum von ihm kannte. „Sehr sogar. Das heisst... eigentlich liebe ich dich. Immer noch.“
Ich mag dich, Maxy. Ich liebe dich. Immer noch.
Doch Lando hatte nicht angerufen, um ihm das zu sagen, das wusste Max ganz genau. Doch warum sagte er ihm das überhaupt?
„Es ist nur... Ich bin mir einfach nicht mehr sicher, ob... ob... wir einander das geben können, was wir brauchen. Verstehst du?“
Nein, tat er nicht. Es war doch alles so perfekt, oder nicht? War das wirklich alles nur wegen dieses winzigen Zwischenfalls von gestern? Warum musste Lando deswegen so übertreiben?
„Aber warum?“, fragte Max verständnislos. „Bist du nicht glücklich?“
Es dauerte lange, viel zu lange, bis zu einer Antwort.
„Manchmal schon...“, gab Lando zu. „Wir hatten so viele wunderschöne Momente zusammen. Aber... irgendwie ist mir klar geworden, dass die Situation einfach nicht so ist, wie ich sie mir wünsche.“
„Und was heisst das jetzt?“, fragte Max sehr leise, während immer mehr Tränen über seine Wangen liefen. „Du machst Schluss?“
Er konnte Lando am anderen Ende der Leitung, viel zu weit weg von ihm, seufzen hören.
„Ehrlich gesagt weiss ich das gar nicht so genau.“, erwiderte der Brite und Max konnte die Hilflosigkeit in seiner Stille deutlich hören. „Ich will dich nicht verlieren, Max. Und wenn das zwischen uns nicht klappt, dann... dann würde ich sehr, sehr gerne wenigstens mit dir befreundet bleiben wollen. Aber...“
„Aber was?“, flüsterte Max.
„Aber ich glaube, ich brauch gerade einfach ein wenig Abstand. Ich... muss mir über einige Dinge klarwerden und...“
„Warum eierst du eigentlich so rum?“, unterbrach Max seinen... seinen... sein Freund war er ja wohl nicht mehr, oder?
Mit einem Mal hatte sich der Holländer vom Bett erhoben und seine Stimme, zuvor noch so leise und kleinlaut, war von jetzt auf gleich laut und bestimmt geworden.
„Sag mir doch einfach gleich, dass du nichts mehr von mir willst! Bin ich dir zu empathielos oder zu egoistisch? Oder beides?“
„Max, bitte hör auf.“, hörte er Landos Stimme fast bittend aus dem Telefon kommen, doch es interessierte ihn nicht mehr.
„Nein!“, sagte er laut. „Du kannst mich mal!“
Und dann beendete er das Telefonat, bevor Lando noch irgendwas hätte sagen können und warf sein Handy vor Wut auf den Boden. Zum Glück blieb es ganz, wie er einige Minuten später feststellte. Wobei das eigentlich auch egal war. Er hatte genug Geld, um sich ein neues zu kaufen und ein kaputtes Handy war nichts im Vergleich zu einem gebrochenen Herz.
Wie konnte Lando ihm nur sowas antun? Und dann noch per Telefon – wobei, so schlimm war das eigentlich nicht. Irgendwie war ihm das fast lieber, als diese Worte ins Gesicht gesagt zu bekommen und Lando dabei noch in die Augen sehen zu müssen.
Doch das Schlimmste war, dass Max tief drin wusste, dass Lando irgendwo recht hatte. Dass er doch, obwohl er es sich ungern eingestand, eine ziemlich grosse Mitschuld an dem Ganzen trug. Dass er Lando womöglich wirklich nicht das gegeben hatte, was dieser verdiente. Dass er es ihm vielleicht überhaupt nicht geben konnte. Dass Max ganz einfach nicht gut genug für Lando war. Niemals sein würde.
Fast eineinhalb Jahre lang hatte es der Brite mit ihm ausgehalten. Das war eine lange Zeit. Eigentlich schon sehr bewundernswert. Doch irgendwie war ja von vornhinein klar gewesen, dass das nicht ewig halten konnte. Wer würde es schon so lange mit Max aushalten?
Und so war er also wieder am gleichen Punkt wie damals, bevor das mit Lando seinen Lauf genommen hatte. Allein. Nein – es war schlimmer noch als damals. Da hatte er Lando wenigstens als Kumpel, wenn auch noch nicht als Freund gehabt. Jetzt aber schien es ganz so, als ob Lando komplett weg wäre und Max irgendwie lernen musste, ohne den Menschen zu leben, den er mehr als alles andere auf der Welt liebte.  

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