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Unyx' Kurzgeschichten/One-Shots (Wünsche)

von Unyx99
Kurzbeschreibung
SammlungRomance, Freundschaft / P16 / MaleSlash
10.08.2021
13.12.2021
41
171.933
20
Alle Kapitel
116 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
21.10.2021 8.132
 
Ein etwas längerer One-Shot, aber eine Aufteilung hat irgendwie wenig Sinn gemacht und morgen hätte ich eh keine Zeit zum Veröffentlichen.

Ein Wunsch von summer2011 - und es tut mir aufrichtig leid, dass ich so lang dafür gebraucht hab. Ich hoffe sehr, dass es dir gefällt.

Ich hab mich selber ziemlich schwergetan damit und wohl auch noch nie so lange fürs Schreiben gebraucht... vor allem weil ich zwischendurch total eine Blockade hatte und tagelang nicht geschrieben hab. Aber irgendwann ging dann doch alles recht schnell und das hier ist entstanden. Ich war anfangs selber nicht so überzeugt davon, aber einem ersten Leser hat es gefallen und ich hoffe, einigen von euch auch :)

Übrigens nehme ich sehr gerne weitere Wünsche an. Momentan würde die Wartezeit für neue Wünschende wohl "nur" ca. 2-3 Wochen betragen, da sämtliche verbliebenen Wünsche - noch etwa eine Handvoll - von Personen kommen, die schon mindestens einen hatten. Aber ich versuche natürlich, sofern irgendwie möglich, früher oder später alles zu schreiben.
Wünsche können Pairings oder gewünschte Figuren (Romantik/Freundschaft) betreffen, aber auch Themen und ähnliches. Schreibt mich einfach an :)




Was ist Liebe?

20 Jahre waren eine lange Zeit, um immer das Gleiche zu tun. Doch Kimi hatte es nie bereut, diesen Lebensweg eingeschlagen zu haben. Er war stets überzeugt davon gewesen, dass er genau das Leben lebte, das er sich immer gewünscht hatte, für das er bestimmt war, in dem er so glücklich sein konnte wie nirgendwo sonst. Er hatte keinen Job. Er hatte ein Hobby, für das er bezahlt wurde. Ziemlich gut bezahlt.
Gut, das ganze Drumherum mit den Medien und den Fans und so weiter hätte er eigentlich nicht gebraucht. Das war für ihn eher ein lästiger Nebeneffekt seines Jobs – oder eben seines Hobbys. Kimi sah nicht ein, weshalb er sinnlose Fragen beantworten, für Fotos posieren, Autogramme verteilen und langweilige Posts in sozialen Medien verfassen sollte. Alles, was er wollte, war Autofahren. So schnell wie möglich. Und Spass dabei zu haben. Ob er am Ende gewann, war demgegenüber fast irrelevant.
Aber zum Glück hatte er Minttu, die sich für ihn um viele dieser lästigen Sachen kümmerte. Okay, die Interviews und so weiter musste er natürlich selber übernehmen, aber zumindest betrieb sie seine Kanäle in den sozialen Medien und kümmerte sich um die Fanpost. Was würde er nur ohne sie tun... Ohne Minttu, welche die ganze Welt für seine Frau hielt. Gut, das war sie ja auch, auf dem Papier zumindest, aber nicht so, wie man sich das im herkömmlichen Sinne vorstellte...
Minttu und er waren gute Freunde, sie hatten sich von Anfang an super verstanden. Sie hatte einen Mann gesucht, der ihr ihren Kinderwunsch erfüllte, und Kimi hatte in seiner Karriere oft gehört, dass es empfehlenswert war, sich eine Alibi-Freundin oder Frau zuzulegen, um keinen Verdacht zu erregen. Nicht, dass es ihn gekümmert hätte, was die Leute dachten. Im Grunde war ihm das vollkommen egal. Aber sein Manager... Jedenfalls hatte er dann schon mit 25 Jahren Jenni geheiratet und als das irgendwann nicht mehr gepasst hatte, hatte er sich etwas Neues gesucht – und jetzt war alles perfekt. Sie lebten zusammen – wann immer Kimi nicht gerade seines Jobs wegen unterwegs war (was selten genug der Fall war) – und Kimi genoss die Zeit mit seinen Kindern. Seiner Familie. Auch wenn es keine konventionelle Familie war.
Kimi konnte auch heute mit 42 Jahren nicht verstehen, was das war, was die Menschen Liebe nannten. Jene romantische Liebe jedenfalls. Wohl liebte er seine Kinder, wie ein Vater seine Kinder eben liebt. Und er liebte auch Minttu, als eine gute Freundin, eine Person, mit der er sich gut verstand. Aber er liebte Minttu nicht auf einer romantischen oder sexuellen Ebene, da war er sich sicher. Auch Jenni hatte er nicht so geliebt und tatsächlich glaubte er nicht, dieses Gefühl überhaupt jemals empfunden zu haben. Vermutlich war er dazu ganz einfach nicht in der Lage. Aber im Grunde war ihm das egal, wie so vieles. Er hatte nie das Gefühl gehabt, dass ihm etwas fehlte im Leben. Er war glücklich, so wie alles war. Niemand konnte ihm etwas Anderes einreden oder ihm vormachen, dass seine Lebensweise nicht normal, nicht gesellschaftlich akzeptabel oder was auch immer war. Wenn jemand das dachte, war das natürlich deren gutes Recht, aber Kimi interessierte das nicht. Wobei ohnehin nur eine Handvoll Menschen von der wahren Beziehung zwischen ihm und Minttu und seinen wirklichen Gefühlen – oder viel mehr Nicht-Gefühlen – wusste. Das war ja auch der Sinn davon.
Jedenfalls hatte er nun 20 Jahre so gelebt, seit fast 7 Jahren an der Seite von Minttu und bald danach mit seinen Kindern. 20 Jahre lang hatte er seinen Traum gelebt, hatte sein Hobby zu seinem Beruf gemacht und dabei nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass dieses Leben nicht bis in alle Ewigkeit dauern würde. Dass es irgendwann ein Ende hatte.
Und nun war es so weit.
Es hatte kein langes Nachdenken und Überlegen, keine ewig dauernden Gespräche gegeben. Kimi war kein Mensch, der viel nachdachte. Er war ein Mann der Tat. Und der Intuition, auf die er sich gerne verliess. Irgendwann war da einfach etwas in seinem Inneren gewesen, das gesagt hatte „hey, du alter Sack bist 42 und fährst langsam nur noch hinterher. Es ist Zeit, ans Aufhören zu denken. Du hast 20 Jahre so gelebt, das ist genug. Nun ist es an der Zeit, jüngeren Fahrern Platz zu machen und selber etwas Neues zu versuchen“. Was dieses Neue sein sollte, wusste er zwar noch nicht, doch er hatte gemerkt, dass die Zeit des Abschieds gekommen war. Tatsächlich waren auch die letzten ein oder zwei Jahre schon anders gewesen. Er hatte nicht mehr dieselbe Freude am Fahren gehabt wie früher. War es irgendwann langweilig und eintönig geworden? Oder wurmte es ihn irgendwo tief drin doch, in einem bestenfalls mittelmässigen Auto zu sitzen, die von sich selbst gewohnte Leistung nicht mehr zeigen zu können und all diese Fahrer, die vom Alter her hätten seine Kinder sein können, an sich vorbeiziehen zu sehen? So genau wusste er das nicht. Aber wie gesagt – Kimi war kein Mensch, der viel nachdachte.
Die Entscheidung hatte er mehr oder weniger über Nacht getroffen. Als Erstes hatte er Minttu damit konfrontiert und Minttu hatte sie natürlich sofort akzeptiert, ja, schien sogar glücklich beim Gedanken, dass ihre Kinder nun mehr Zeit mit ihrem Vater verbringen würden. Dann hatte er mit dem Team gesprochen, das seinen Rücktritt wohl ohnehin schon erwartet hatte. Schliesslich war alles zur beschlossenen Sache geworden. Das einzige, was noch blieb, war die Mitteilung an die Öffentlichkeit.
Selbstverständlich hatte Minttu wie immer einen passenden Post für die sozialen Medien vorbereitet. Etwas, was vermutlich emotional und rührend wirkte, wenn man emotional war. Nun ja, und eben dieser Post würde im Verlauf des folgenden Tags veröffentlich werden, weshalb Kimi an diesem Abend in seinem Bett lag und die letzten ruhigen Stunden seines Lebens genoss. Er wusste, dass morgen die Hölle losbrechen würde. Millionen von Fans würde das Herz gebrochen – auch wenn er nicht nachvollziehen konnten, wie er Menschen so wichtig sein konnte, die ihn noch nicht mal persönlich kannten. Aber nicht nur das. Kimi hatte es bisher, schlecht wie er in solchen Dingen war, erfolgreich herausgezögert, seinen Freunden und Bekannten und anderen Fahrern von seiner Entscheidung zu berichten. Die würden das ja noch früh genug erfahren. Und zwar nicht anders als morgen auf seinem Profil. Dass einige davon nicht begeistert sein würden, ahnte er insgeheim bereits und bereitete sich mental schon einmal auf all die Vorwürfe von wegen „du hättest doch etwas sagen können!“ vor.
Vor allem hatte er auch Seb noch nichts gesagt und er wusste genau, dass sein langjährigster und engster Freund in der Formel 1 das nicht gut aufnehmen würde. Vielleicht hatte Kimi ihn einfach nicht verletzen wollen. Doch natürlich wusste er tief drin, dass der Deutsche so oder so davon erfahren würde, nun halt aus den sozialen Medien als von ihm persönlich. Oder von jemandem, der im Gegensatz zu ihm Gebrauch von den sozialen Medien machte. Und es war mehr als fraglich, ob das die Sache so viel besser machte.
Aber noch war es nicht so weit. Noch waren ihm ein paar wenige letzte Stunden der Ruhe vergönnt, die doch ohnehin alles war, was er sich vom Leben wünschte. In Ruhe seinen Dingen nachgehen zu können ohne Verpflichtungen. Aber leider war das Leben nicht ganz so einfach, wie er es sich manchmal wünschte. Doch Kimi wusste sich zu helfen und wenn er keine Lust hatte, mussten Verpflichtungen und Medien und Fans eben warten. Das einzige, was ihm wirklich wichtig war, war sein Auto zu fahren, Spass im Leben zu haben und natürlich seine kleine, unkonventionelle Familie. Bald jedoch würden sich diese drei Pfeiler seines Lebens auf zwei verkürzen – oder zumindest würde sich einer grundlegend verändern, wenn auch vielleicht nicht komplett in Luft auflösen.
Aber zuerst mal würde er eine letzte, ruhige Nacht verbringen. Schlafen gehörte nämlich zufällig auch zu den Dingen im Leben, die ihm wichtig waren. Und Alkohol übrigens. Ab und zu. Selbstverständlich nicht während der Saison. Natürlich nicht.

*****

Seine Welt war innert Sekunden in sich zusammengefallen. Noch am Abend zuvor war alles in Ordnung gewesen, hatte nichts darauf hingedeutet, dass sich schon am nächsten Tag alles für immer verändern würde. Auch den ganzen Tag über war alles wie üblich gewesen. Und dann hatte er diese Nachricht gelesen und nichts war mehr, wie es sein sollte.
Es war ja eigentlich keine Überraschung. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann hatte man diese Entwicklung schon lange kommen sehen. Doch Sebastian war wohl nicht ehrlich genug mit sich selbst gewesen. Nicht in dieser Hinsicht. Zu furchtbar, zu unvorstellbar war der Gedanke an eine F1 ohne Kimi. An ein Leben ohne Kimi.
Naja gut, das musste es ja auch nicht gleich heissen. Sie wohnten immer noch ganz in der Nähe voneinander, sie konnten immer noch privat Zeit miteinander verbringen, wann immer sie es wollten. Aber das war nicht das Gleiche. Und eines blieb trotzdem: Die Tatsache, dass Sebastian zum ersten Mal in seinem Leben würde ohne Kimi fahren müssen.
Auch das war natürlich nicht ganz die Wahrheit. 2010 und 2011 hatte er auch zwei Jahre lang ohne Kimi auskommen müssen. Aber damals waren sie sich noch nicht ganz so nahe gestanden wie heute. Damals war Sebastian noch jung und wild gewesen und hatte sich einzig und allein um seine Karriere gekümmert. Das hatte sich mit der Zeit geändert. Er hatte das Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung, nach Ruhe und Zufriedenheit, nach einer Familie bekommen. Doch er hatte auch gewusst, dass das nicht so einfach wäre, wie er es sich vorstellte. Nicht in seiner Situation. Nicht, wenn man so war wie er.
Hätte er einen Mann gefunden, der für ihn der Richtige war und der das Gleiche wollte wie er, hätten sie irgendeinen Weg um die Medien und die Öffentlichkeit herumfinden müssen, um ihr privates Glück aufzubauen. Doch irgendwie war es dazu ohnehin nie gekommen. Er hatte immer mal wieder Beziehungen zu anderen Männern gehabt, aber keiner war je der richtige gewesen. Keiner hatte ihm das Gefühl gegeben, nach dem er sich so sehnte. Das Gefühl, angekommen zu sein. Zuhause zu sein. Sicher zu sein. Das Gefühl, vor jemand anderem laut denken zu können, sich selbst sein zu können. Und so hatte er sein Bedürfnis nach zumindest etwas Ähnlichem wie einer Familie und eigenen Kindern letztlich befriedigt, indem er offiziell seine Kindheitsfreundin Hanna geheiratet und mit ihr drei Kinder bekommen hatte. Inoffiziell war Hanna schon seit etlichen Jahren mit ihrer Freundin zusammen, denn sie stand genauso wenig auf Männer wie Sebastian auf Frauen. Hanna und ihre Freundin hatten einen Vater für ihre Kinder gebraucht und Seb eine Alibi-Frau – zumindest hatte man ihm das gesagt – und eigene Kinder, die ihm das Gefühl gaben, eine Familie zu haben. Wenn auch ein wenig anders, als er es sich ursprünglich vorgestellt hatte.
Vielleicht war auch diese Lebenssituation etwas, was ihn und Kimi so tief verband. Dass sie beide ein Netz von Lügen aufgebaut hatten, um die Öffentlichkeit glauben zu lassen, dass sie vollkommen normal waren. Anders als er war Kimi nicht schwul, wie der Finne ihm oft genug erklärt hatte. Er hatte ganz einfach kein Interesse an sexuellen oder romantischen Beziehungen oder sonst irgendwas in der Richtung. Doch er hatte Kinder gewollt genau wie Minttu und wie auch Seb und Hanna und deren Freundin und irgendwie passte es so doch nun für sie alle. Wer hatte da das Recht zu sagen, dass ihre Lebensform nicht akzeptabel war?
Aber war wirklich alles in Ordnung so? Sebastian liebte seine Kinder, er liebte seine unkonventionelle Familie, er liebte sein Leben. Aber irgendwas blieb tief in seinem Innern. Eine Sehnsucht. Ein Loch. Das Gefühl, dass etwas fehlte. Natürlich wusste er auch, was es war, doch es zu finden, hatte er längst aufgegeben.
Und Kimi zeigte doch, dass man glücklich sein konnte ohne diese wohl ohnehin überbewertete Form einer Beziehung. Dass die Liebe zu seinen Kindern und Freunden doch eigentlich vollkommen ausreichte.
Doch offensichtlich konnte Sebastian dem Finnen ja doch nicht so viel bedeuten. Denn sonst hätte er die Nachricht von dessen Rücktritt nicht aus den sozialen Medien erfahren. Naja, eigentlich von Lewis. Sebastian selbst hielt von sozialen Medien ja bekanntlich wenig. Jedenfalls hätte er von seinem besten und langjährigsten Freund erwartet, dass er mit ihm persönlich darüber sprechen würde. Okay, Kimi war vielleicht noch nie der Beste gewesen, was ernste Gespräche anging, aber das Rückgrat, seinem engsten Freund persönlich von einer solch einschneidenden Entscheidung zu erzählen, hätte er dem Alfa-Romeo Fahrer eigentlich schon zugetraut. Hätte er von ihm erwartet. Es sich zumindest erhofft. Aber seine Hoffnung war enttäuscht worden, wie so oft.
Wobei gerade Kimi eigentlich einer der Menschen war, die ihn selten bis nie enttäuschten. Auf Kimi war eigentlich immer Verlass. Er war wie ein Fels in der Brandung. Auch wenn alles andere drunter und drüber ging, hatte Sebastian immer Kimi gehabt, mit dem er über alles reden konnte und der ihm sagte, dass alles gut würde. Und auch Kimi hatte Sebastian gehabt in den seltenen Fällen, als er bei irgendwas Hilfe gebraucht hatte. Bei der Erziehung seiner Kinder zum Beispiel, zumal Sebastian früher als er erstmals Vater geworden war. Auf der anderen Seite war Kimi als älterer und erfahrener Pilot Sebastian immer mit Tipps und Ratschlägen in Rennfahr-Dingen zur Seite gestanden.
Und nun sollte das also alles aus sein. Kein Kimi mehr. Er würde allein klarkommen müssen.
Aber du brauchst Kimi doch auch nicht mehr“, sagte eine Stimme in seinem Kopf. „Du bist jetzt gross und erfahren. Du bist das für Charles und Mick und viele andere, was Kimi einst für dich war.“
Ich werde Kimi immer brauchen, antwortete er der Stimme selbst. Kimi ist – war – mehr für mich als ein Mentor. Er ist mein bester Freund.
„Ein bester Freund, der es nicht mal für nötig hält, dir persönlich zu sagen, dass er zurücktritt?“

Das stimmte allerdings, wie er sich einmal mehr eingestehen musste. Bedeutete er Kimi wirklich so wenig? Das konnte und wollte er einfach nicht glauben.
Sebastian zog sich die erste Hose an, die er finden konnte, warf sich eine Jacke über und ging aus dem Zimmer. Es war zwar nach neun Uhr abends, doch er wusste, dass Kimi ohnehin nie allzu früh zu Bett ging. Und er wollte diese Sache geklärt haben. Er wollte wissen, ob er Kimi wirklich so egal war, dass dieser es nicht mal für nötig hielt, ihm sowas persönlich zu sagen.

*****

Die Nachricht hatte in etwa das ausgelöst, was Kimi erwartet hatte. Zehntausende gebrochene Fan-Herzen, regelrechte Explosionen in den sozialen Medien und zahlreiche Nachrichten von Freunden, Bekannten und Fahrerkollegen. Von denen er fast alle ignoriert hatte – was sollte er denn auch dazu sagen? Was ihn jedoch wunderte, war, dass er von Sebastian immer noch nichts gehört hatte. War die Nachricht noch überhaupt nicht bei diesem angekommen, zumal der Deutsche bekanntlich wenig von den sozialen Medien hielt? Oder war er so sauer auf Kimi, dass er ihm aus dem Weg ging?
Das hatte Kimi auf keinen Fall bezwecken wollen. Der einzige Grund, weshalb er Seb nicht persönlich Bescheid gegeben hatte, war ja, dass er ihn nicht hatte verletzen wollen. Dass er einfach nicht gewusst hatte, wie er ihm seine Entscheidung mitteilen sollte. Ihm mitteilen, dass er ihn allein lassen würde. Nach 15 Jahren.
Ein Klopfen an seiner Hotelzimmertür riss ihn schlagartig aus seinen Gedanken.
Es war fast halb zehn – nicht viele Menschen würden um diese Zeit noch bei jemandem an die Tür klopfen. Jemand vom Team vielleicht, wenn irgendwas Wichtiges passiert war. Doch abgesehen davon gab es eigentlich nur eine Möglichkeit...
Kimi öffnete die Tür und sah in das ungewöhnlich ernste Gesicht seines besten Freunds.
„Seb.“, konstatierte er und trat beiseite, um den Deutschen einzulassen, der zur Begrüssung nur nickte.
Er setzte sich sogleich auf Kimis Bett. Der Alfa-Romeo Pilot setzte sich daneben, den Blick auf seine Hände gerichtet und wartete. Er schaffte es nicht, Sebastian anzusehen. Zu gross war seine Angst vor dem enttäuschten Blick, der ihn aus dessen Augen treffen würde. Er hatte Seb doch nie wehtun wollen. Das war das Letzte auf der Welt, was er wollte. Er hatte gerade so gehandelt, um ihm nicht wehzutun. Aber das war dann wohl auch das Falsche gewesen. Hatte er ja eigentlich gewusst. Aber er war einfach zu feige gewesen.
„Warum hast du nichts gesagt?“, fragte Sebastian leise.
Kimi seufzte. Genau das hatte er erwartet. Doch das half ihm nicht, die passende Antwort zu finden. Die Sekunden zogen sich dahin und die Stille wurde immer erdrückender.  
„Ich wollte dich nicht verletzen.“, kam letztendlich die Wahrheit aus seinem Mund.
Einen Moment lang war es still. Kimi traute sich immer noch nicht, sein Gegenüber anzusehen. Wenn er es getan hätte, so hätte er einen Moment lang Überraschung und einen fast sanften Ausdruck in Sebastians Gesicht gesehen. Bevor sich Verwirrung und Widerwillen in seinen Blick schlich.
„Und du dachtest, es wäre besser, wenn ich es von den Medien erfahre?“, fragte Sebastian.
Seine Stimme klang unglaublich kalt. Bei jedem anderen Menschen hätte Kimi das nicht gestört und er wusste ja, dass er selbst sehr oft so sein konnte, aber bei Sebastian war das was Anderes. Sebastian war nicht so. Wenn Sebastian so mit ihm sprach, war irgendwas ganz und gar nicht in Ordnung.
„Ich hatte einfach nicht den Mut, es dir zu sagen.“, murmelte Kimi schuldbewusst.
Sebastian nickte nachdenklich.
„Dachtest du, ich beiss dir den Kopf ab?“, fragte er.
Bei diesen Worten musste Kimi fast schmunzeln. Die Vorstellung war einfach zu absurd. Überhaupt die Vorstellung, dass Sebastian wütend sein könnte. Sebastian war nie wütend. Nur enttäuscht. So wie jetzt. Enttäuscht, traurig, verletzt. Und das war viel schlimmer als alles andere. Kimi hätte es sehr viel besser ertragen, wenn er ihn angeschrien, vielleicht sogar geschlagen hätte.
„Nein.“, sagte er. „Ich hatte Angst davor, dir damit wehzutun. Weil ich das nicht übers Herz gebracht hab, hab ich es immer weiter rausgeschoben und es dann... einfach gar nicht getan.“
Es war einige Sekunden lang totenstill im Raum, dann hängte Kimi an:
„Es tut mir leid.“
Und dann war es wieder still. Kimi wartete darauf, dass Sebastian etwas sagen würde und mit jeder Sekunde, die die Stille andauerte, drückte ein immer schwerer werdendes Gewicht auf sein Herz.
Sebastian stand auf. Kimi dachte schon, er würde gehen, doch der Deutsche trat nur ans Fenster.
Er sah hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen.
„Ich verstehe das.“, sagte er schliesslich, den Blick immer noch auf die Scheibe gerichtet. „Ich hätte mir zwar gewünscht, dass du... anders damit umgehen würdest, aber ich verstehe es. Sehr gut.“
Kimi sah ihn nachdenklich an. Sein Gehirn brauchte lange, um die Worte zu prozessieren. Wohl, weil sie so widersprüchlich waren und weil auch der traurige Tonfall, in dem sie gesprochen waren, nicht mit dem Verständnis, das sie ausdrückten, übereinstimmte.
Er wusste nicht, was er sagen sollte, also sagte er nichts. Das war ohnehin eine Strategie, die er oft genug anwendete. Den Medien gegenüber und auch im Privaten. Wenn man nichts sagt, kann man auch nichts Falsches sagen. Nur leider war nichts meistens auch das Falsche.
Sebastian trat vom Fenster weg und setzte sich wieder aufs Bett. Dieses Mal ein wenig näher zu Kimi.
Sein Kopf fühlte sich merkwürdig leer an. Oder war es sein Herz? Er war Kimi nicht böse und er wusste, dass der Finne die Wahrheit sagte. Im Grunde hatte er ohnehin nie wirklich geglaubt, dass er ihm einfach nicht wichtig genug war. Aber irgendwie hatte er die Worte von Kimi persönlich hören müssen.
„Dann werde ich also nun allein sein, was?“, kamen leise, tonlose Worte aus seinem Mund.
„Inwiefern allein?“, fragte Kimi verwundert.
„Ohne meinen besten Freund und Mentor. Ohne dich.“
Kimi konnte den Schmerz und die Enttäuschung und die Angst in diesen Worten förmlich hören. Angst wovor, wusste er nicht so genau. Doch es zerriss sein Herz.
„Aber du brauchst doch auch keinen Mentor mehr.“, versuchte es Kimi mit Rationalität und sagte damit genau das, was auch Sebastians innere Stimme ihm gesagt hatte.
„Aber einen Freund.“, erwiderte Sebastian.
„Du hast doch Freunde. Lewis und Fernando und Mick, Lance und Charles und so weiter.“, klammerte Kimi sich weiter am Strohhalm der Vernunft fest. Das einzige, was ihm Halt gab.
Sebastian seufzte tief. Dann sah er Kimi direkt in die Augen und sagte:
„Dann brauch ich vielleicht einfach dich.“
Kimi erwiderte seinen Blick, auch wenn er den Schmerz in diesem kaum ertragen konnte.
„Aber du wirst mich ja nicht verlieren.“, versuchte er sein Gegenüber zu beruhigen. „Wir bleiben befreundet. Wir werden uns immer noch regelmässig sehen.“
„Das ist nicht das Gleiche.“, erwiderte Seb.
Einige Momente lang war es wieder still. Doch nun war die Stille nicht mehr so drückend wie zuvor. Ein wirklich guter Freund ist jemand, neben dem man schweigen kann, ohne dass es sich falsch anfühlt.
„Nein, das ist es nicht.“, sagte Kimi irgendwann. „Aber wir werden uns daran gewöhnen.“
Ja, vermutlich werden wir das, dachte sich Sebastian. Man gewöhnt sich doch an alles.

*****

Drei Tage später wurde Kimi positiv auf Covid-19 getestet. Für Sebastian war das irgendwie fast ein grösserer Schock als für Kimi. Der Finne nahm die Nachricht mit gewohnt stoischer Ruhe hin, obwohl auch er es natürlich schade fand, nicht fahren zu dürfen. Zumal er sich ja gut fühlte. Aber Regeln waren Regeln und er wollte ja auch niemanden anstecken. Für Sebastian allerdings war mit dieser Meldung ein zweites Mal die Welt stehengeblieben. Jetzt musste er sich nach dieser Saison – und das waren nur noch zwei Handvoll Rennen! – für immer von Kimi als Fahrerkollege verabschieden, und jetzt wurden ihm auch noch zwei dieser wenigen verbliebenen Möglichkeiten, mit und gegen Kimi zu fahren, genommen! Das war einfach nicht fair. Doch er versuchte, die Gedanken zu verdrängen und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Auch wenn das alles andere als leicht war, denn Kimi war in seinem Kopf irgendwie allzeit präsent. Wann immer er die Augen schloss, sah er das Gesicht des Finnen. Wann immer er für eine Sekunde lang nicht an etwas Konkretes dachte, drang der Gedanke an dessen Rücktritt in sein Bewusstsein. Und auch in seinen Träumen verfolgte ihn der Alfa-Romeo Pilot. Nicht, dass das Sebastian gestört hatte. Er fragte sich vage, ob das eigentlich schon vor jener Nachricht der Fall gewesen war, konnte sich das aber nicht so richtig beantworten. Und so vergingen die Tage und irgendwann war es dann doch Mitte September und das nächste Rennen, bei dem er Kimi sehen sollte, nicht mehr allzu weit entfernt. Doch es kam anders...
Kimi hatte eigentlich gedacht, dass ihn das Fehlen bei zwei Rennen nicht so sehr aus der Bahn werfen würde. Er war in seiner Karriere Hunderte von Rennen gefahren, zwei mehr oder weniger machten da auch keinen so grossen Unterschied mehr. Doch schon nach einigen Tagen isoliert in seinem Zuhause in der Schweiz begann die Absenz vom Paddock an Kimi zu nagen. Was ist nur los mit mir?, fragte er sich selbst. Zwei Wochen ohne Formel 1 war doch eigentlich nichts Ungewöhnliches. Okay, die Tatsache, dass andere währenddessen im Auto sassen und Rennen fuhren, machte das natürlich ein wenig schwerer zu ertragen. Und dabei verfolgte er die Rennen noch nicht mal so wirklich. Natürlich, es war schon schade, dass er nicht fahren konnte. Zandvoort und Monza, zwei so tolle Strecken. Zwei seiner letzten Rennen überhaupt. Zwei Möglichkeiten, wichtige Punkte zu holen. Aber dass er die F1 so sehr vermissen würde, hätte er wirklich nicht erwartet. Nach über einer Woche in seinen vier Wänden wurde das Vermissen seines Jobs und Hobbies fast zu einem körperlichen Schmerz. Etwas riss und nagte an seinem Herzen, wie er es kaum jemals zuvor gespürt hatte.
Wenn das nächste Saison auch so ist?, überlegte er unwillkürlich. Und dann würde er nicht nach wenigen Wochen wieder zurückkehren. Würde dieses Gefühl, die Sehnsucht, der Schmerz dann niemals aufhören? Doch so, wie sich das jetzt anfühlte, würde Kimi das keinesfalls länger als ein paar Wochen ertragen. Im Grunde hatte er schon nach wenigen Tagen das Bedürfnis, sein Herz aus seinem Brustkorb zu reissen und von sich wegzuschleudern. Er war eigentlich immer dem Glauben erlegen, dass er keine so tiefen und mühseligen Gefühle wie andere empfand. Sich selbst nicht von irgendwas abhängig machte – sei es eine Sache oder ein Mensch. Die einzige Ausnahme waren vielleicht seine Kinder, die er abgöttisch liebte und vermisste, wann immer er sie einige Zeit nicht sah. Doch selbst das verursachte normalerweise nicht solche Qualen, wie er jetzt gerade empfand.
Es dauerte ganze zwei Wochen, bis Kimi klar wurde, dass es nicht die F1 war, die er vermisste.
Es geschah in einer Nacht in seinem Bett. In seinem sicheren Zuhause. Kimi hatte einen Traum und es war ein Traum, wie er ihn nie zuvor gehabt hatte. Überhaupt konnte er sich ohnehin nur sehr selten an seine Träume erinnern. Doch in dieser Nacht war es anders.
Im Traum kehrte Kimi endlich, nach drei Wochen Absenz, in den Paddock zurück. In Sotschi, anlässlich des GPs von Russland. Es war an sich noch nichts Erwähnenswertes, dass Kimi bald auf Sebastian traf und dieser freudestrahlend zu ihm lief, um ihn zu begrüssen. Doch was dann geschah, hätte Kimi sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Naja, doch – genau das hatte sein Unterbewusstsein ja offensichtlich getan.
Sebastian hatte ihn geküsst. Auf den Mund. Lange und leidenschaftlich. Merkwürdiger war nur noch, dass Traum-Kimi dieses Verhalten überhaupt nicht zu überraschend schien. Und auch – doch das konnte Kimi sich erst nach mehreren Tagen des Nachdenkens über diesen Traum eingestehen – dass es Traum-Kimi tatsächlich irgendwie gefallen hatte.
Kimi, ein Mensch, der sich normalerweise über seine Gefühle zu 100% im Klaren war – denn zumeist gab es davon auch überhaupt keine, jedenfalls keine komplizierten oder irgendwie aussergewöhnlichen – war so verwirrt und verunsichert wie nie zuvor in seinem Leben. Warum träumte er sowas? Er hatte doch keineswegs das Bedürfnis, Sebastian zu küssen. Warum auch? Kimi hatte doch bekanntlich nicht das geringste Interesse an irgendeiner romantischen oder sexuellen Beziehung und Sebastian war nur immer sein bester Freund gewesen.
Aber wie liess sich dann dieser merkwürdige Traum erklären?
Was, wenn ich doch etwas für Sebastian empfinde?, fragte sich Kimi und erschrak selber über den Gedanken. Vielleicht weiss ich es nur nicht, weil ich dachte, dass ich solche Gefühle nicht empfinden kann und keine Ahnung habe, wie sie sich anfühlen würden.
Aber wie fühlten sie sich denn an? Was fühlte er für Sebastian? Er konnte es unmöglich benennen oder beschreiben. Sebastian war ihm wichtig, das war klar. Andere Menschen waren ihm auch wichtig. Seine Kinder, seine Eltern, Minttu, einige ausgewählte Freunde... Antonio zum Beispiel. Aber irgendwie war es bei all denen etwas Anderes als bei Sebastian. Vielleicht war Sebastian eben einfach ein besonders guter Freund, sein bester Freund?
Aber beste Freunde küsste man nicht.
Doch er wollte Sebastian ja eigentlich auch nicht küssen! Das war nur eine abartige Fantasie gewesen, die sein Unterbewusstsein ersonnen hatte.
Aber war es wirklich so sicher, dass er das nicht wollte?
Zu viele Fragen und keine Antworten. Kimi wusste einfach nicht mehr weiter. Niemals zuvor war in einer solchen Situation gewesen und niemals hätte er gedacht, dass sich das einmal ändern würde.

*****

Sebastian sass im Garten und sah seinen Kindern beim Spielen zu, doch seine Gedanken waren ganz wo anders. Wie immer in letzter Zeit. Er hatte gehört, dass es Kimi wieder gut ging – okay, es war ihm ja nie wirklich schlecht gegangen, aber zumindest war er nicht mehr positiv. Und damit würde Sebastian ihn schon in wenigen Tagen wieder sehen. Was er kaum noch erwarten konnten.
Sein Blick schweifte über die Hecke, die seinen Garten begrenzte und blieb mit einem Mal am Gartentor hängen. Jetzt ging seine Fantasie aber eindeutig mit ihm durch. War Kimi schon so in sein Hirn einverleibt, dass Sebastian nun sogar Wahnvorstellungen hatte?
Es dauerte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, dass er keine Wahnvorstellungen hatte. Sein bester Freund stand wirklich in seinem Garten – inzwischen hatte er das Tor geöffnet und kam über den Fussweg entlang in Richtung der Terrasse, wo Sebastian sass.
„Hey.“, begrüsste ihn der Finne fast schüchtern, während Sebastian ihn immer noch wie eine Fata Morgana ansah.
„Kiiiiiiimi“, erklangen die Stimmen von Sebastians Töchter, die herangerannt kamen, um Kimi zu umarmen. Sie kannten den Finnen seit ihrer Geburt und sie liebten ihn, das Spielen mit ihm und seinen Kindern und seine Geschenke über alles.
„Was machst du hier?“, fragte Sebastian geplättet, während seine Töchter wieder spielen gingen.
„Ich... hab dich vermisst. Wollte einfach mal vorbeischauen.“, erklärte Kimi und lächelte ein seltenes Lächeln.
Einer der schönsten Anblicke der Welt, wie Sebastian unwillkürlich denken musste. Schön im Sinne von – er mochte es, Kimi glücklich zu sehen.
Aber war Kimi glücklich? Das Lächeln war recht schnell wieder verflogen und in den nächsten Minuten, während sie nebeneinander sassen, an ihren Getränken nippten und den Kindern mehr oder weniger schweigend beim Spielen zusahen, bekam Sebastian mehr und mehr den Eindruck, dass Kimi ungewöhnlich nachdenklich wirkte.
Sie sprachen ein wenig über dies und das – Kimis Isolation, die letzten beiden Rennen, ihre Kinder und so weiter – doch Sebastian spürte, dass dem anderen irgendwas auf dem Herzen lag.
„Was ist los?“, fragte er schliesslich.
Kimi warf ihm einen kurzen Blick zu. Er hätte wissen müssen, dass Sebastian ihn durchschauen würde. Der Deutsche kannte ihn einfach zu gut und er hatte ohnehin ein sehr feines Gespür für sowas.
„Kann ich dich was fragen?“, fragte er.
Er hatte dieses Gespräch im Kopf tausendmal durchgespielt, doch bis gerade eben hatte er nicht ernsthaft damit gerechnet, dass er es einmal in die Tat umsetzen würde. Doch nun schien es tatsächlich so weit. Und trotz aller Vorbereitung hatte er das Gefühl, keine Ahnung zu haben, wie er es angehen sollte.
„Du kannst mich alles fragen. Das weisst du doch.“, erwiderte Sebastian und seine Neugier wuchs mit jeder Sekunde.
Kimi wartete, bis Sebastians Tochter, die gerade einem Ball nachrannte, ausser Hörweite war, holte dann tief Luft und fragte leise:
„Wie fühlt es sich an, verliebt zu sein?“
Sein Blick war stur auf die Wiese vor ihm gerichtet und sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Erst als nach gefühlt fünf Sekunden keinerlei Reaktion kam, wagte er einen kurzen Blick auf Sebastian. Der Deutsche wirkte überrascht, sehr nachdenklich, doch nicht schockiert und schon gar nicht belustigt.
„Ich meine – wie fühlt sich diese romantische Liebe, von der ihr immer redet, an? Im Gegensatz zu der Liebe zur Familie oder Freunden?“, hängte der Alfa-Romeo Fahrer an.
Sebastian antwortete immer noch nicht. Für einen Augenblick studierte er Kimis Gesicht, dann schien sein Blick in weite Ferne zu gehen.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich der Richtige für diese Frage bin.“, sagte er schliesslich.
„Aber du hattest Beziehungen.“, meinte Kimi stirnrunzelnd.
„Schon, aber... die ganz grossen Gefühle waren da auch nicht dabei.“
Kimi sah sein Gegenüber nachdenklich an.
„Warum nicht?“, wollte er wissen.
Sebastian seufzte. Es dauerte eine Weile, während der einen Vogelschwarm hoch über seinem Garten beobachtete, bis er Kimis Frage beantwortete.
„War halt irgendwie nie der Richtige.“
„Was bräuchte der Richtige denn?“, fragte Kimi unschuldig.
„Ich weiss nicht.“, seufzte Sebastian. „Ein gutes Herz. Ehrlichkeit, Bodenständigkeit, Hilfsbereitschaft... Aber das sind alles nur Worte. Am Ende glaube ich, dass man es fühlen muss, ob jemand der Richtige ist. Jemand, in dessen Nähe man sich rundum wohl fühlt, vor dem man ganz sich selbst sein kann. Jemand, der einen versteht. Der deine Fehler kennt und dich trotzdem liebt.“
Kimi runzelte leicht die Stirn. Er schien tief in Gedanken versunken. Sebastian beobachtete ihn und wartete geduldig auf eine Reaktion.
„Aber all das trifft doch auch auf einen guten Freund zu, oder?“, fragte Kimi. „Ist der einzige Unterschied, dass man mit jemandem, den man auf diese Weise liebt, auch Sex haben möchte?“
Sebastian schien nachzudenken.
„Ich bin mir nicht sicher.“, sagte er schliesslich. „Irgendwie glaube ich immer noch daran, dass es diese wahre, romantische Liebe gibt und dass man sie erkennen wird, wenn es soweit ist. Aber wie gesagt – ich glaube nicht, dass ich sie in meinen bisherigen Beziehungen jemals wirklich gespürt hab. Doch ich weiss, dass ich das Bedürfnis danach hab. Das Bedürfnis nach Sex, aber vor allem auch... nach Nähe und Zuneigung. Das Bedürfnis, geliebt zu werden. Mein Leben zu teilen. All dem kann ich mit meinen Kindern und Hanna nicht gerecht werden.“
Er hielt kurz inne und sah zu Kimi, dessen Gesicht keinerlei Schlüsse auf seine Gedanken zuliess. Das war typisch für ihn. Im Grunde war es eh ungewöhnlich gewesen, dass er heute bisher so leicht zu lesen gewesen war.
„Das ist es wohl, was uns unterscheidet.“, fuhr der Aston Martin Pilot fort. „Du hast ja keinerlei solche Bedürfnisse, wie du immer sagst. Und irgendwie beneide ich dich darum.“
Kimi liess nicht einmal erkennen, ob er ihm zugehört hatte. Er schien mit den Gedanken ganz weit weg zu sein, wovon seine glasigen Augen zeugten.
Danach war es mehrere Minuten lang still. Sie beobachteten die Vögel über ihnen, spielten den Kindern den Ball zurück und besahen sich einen Marienkäfer, der über den Tisch kroch, bevor er wieder in die Lüfte verschwand.
„Kann man etwas vermissen, was man nicht kennt?“, fragte Kimi dann sehr leise.
Sebastian warf ihm einen kurzen Blick zu und überlegte. Er wusste keine Antwort auf diese Frage. Doch fast noch wichtiger erschien ihm die Frage, weshalb Kimi das wissen wollte.
„Ich weiss nicht.“, sagte er schliesslich. „Vielleicht nicht konkret, sondern als eher vages Gefühl? Aber ich bin mir nicht sicher. Warum fragst du?“
Kimi zögerte und dann sah er ihn mehrere Sekunden lang an. Direkt in die Augen. Sebastian war noch nie wirklich aufgefallen, wie schön seine eisblauen Augen eigentlich waren. Und wieso dachte er gerade jetzt daran?
„Naja...“, begann Kimi kaum hörbar.
„Papa, Kimi!“, wurde er von lauten Kinderstimmen unterbrochen.
„Kommt ihr mit uns spielen?“
Sebastian und Kimi warfen sich einen kurzen Blick zu.
„In fünf Minuten, okay?“, antwortete Sebastian seinen Töchtern. „Kimi und ich reden gerade noch.“
Kimi sah von Sebastians nachgiebigem, doch auch ernstem Gesicht in die unschuldigen Gesichter der beiden Kinder. In wenigen Sekunden dachte er über unheimlich viel nach. Wenn er jetzt weiterredete... wenn er Seb alles anvertrauen würde... vielleicht würden sich ihre beiden Leben dann grundlegend ändern. Zum Guten? Zum Schlechten? Er wusste es nicht.
Aber ich bin nicht bereit, hörte er seine innere Stimme Panik schieben. Egal was es wird, ich bin nicht bereit dafür! Sebastian ist mein bester Freund und nichts Anderes. Ich will keine Veränderung.
Kimi fasste seinen Entschluss.
„Ne, ist schon gut. Lass uns spielen.“, sagte er laut, lächelte den erfreuten Mädchen zu und stand auf.

*****

Das war ein merkwürdiges Gespräch heute, oder?“, fragte die Stimme in Sebastians Innerem.
Lass mich in Ruhe, ich will schlafen, dachte er sich unwillkürlich und das entsprach auch der Wahrheit. Nach einem langen Tag im Beisein seiner Familie und seiner Kinder wollte er nun nur noch die Augen schliessen und in einen tiefen Schlaf fallen. Die Augen hatte er auch geschlossen. Doch seine Gedanken abzuschalten, war etwas ganz anderes und viel weniger leicht.
Warum Kimi wohl solche Fragen gestellt hat?“
Weiss ich doch nicht. Vermutlich aus Neugier.
„Und was sollte die Andeutung zum Schluss? Implizierte die nicht, dass dein Kimi vielleicht in Erwägung zieht, dass er doch irgendwelche Gefühle in der Richtung empfinden könnte?“
Da interpretierst du zu viel rein. Und ausserdem ist er nicht ‚mein’ Kimi.
„Hättest du aber gerne, oder?“
Was soll das heissen?

Warum eigentlich führte Sebastian immerzu Gespräche mit sich selbst in seinem Kopf? War es, weil er niemanden hatte, mit dem er über diese Dinge reden konnte? Okay, normalerweise würde sich Kimi anbieten, aber in diesem spezifischen Fall war das natürlich undenkbar. Mit Hanna konnte er eigentlich auch über alles reden, aber... irgendwie dann doch nicht ganz über alles. Und er war sich ja selbst nicht mal im Klaren darüber, was genau es eigentlich war, was ihn so beschäftigte, und was er eigentlich wollte und –
„Wann hast du eigentlich vor, es dir einzugestehen?“
Was einzugestehen?
„Dass Kimi nicht nur ein Freund für dich ist.“

Was sollte das denn bitte heissen?! Was für ein absurder Gedanke. Ganz eindeutig war er übermüdet, denn sein Kopf spielte zweifellos verrückt. Natürlich war Kimi nur ein Freund. Was sollte er auch sonst sein? Sebastian wusste doch ganz genau, dass Kimi ohnehin keine sexuelle oder romantische Anziehung spürte. Da wäre es zwecklos, solche Gefühle überhaupt in Erwägung zu ziehen.
Gefühle kann man nicht verdrängen. Nicht für immer. Man kann sie sich nicht aussuchen und man kann sie nicht an- und abstellen. Gefühle kann man nicht beeinflussen“.
Sei still. Lass mich in Ruhe. Ich will schlafen
, wies Sebastian sein Gehirn streng zurecht.
Und irgendwann wurde es still. Und dunkel. Ganz dunkel. Bis zu den Träumen, in denen immer wieder eine ganz bestimmte Person auftauchte. Nicht einmal im Schlaf hatte Sebastian Ruhe von Kimi. Aber wollte er das überhaupt?
Einige Dutzend Kilometer entfernt lag Kimi an diesem Abend ebenfalls lange wach und dachte fast genauso viel nach wie Sebastian, obwohl nachdenken normalerweise nicht sein Ding war.
Jemand, in dessen Nähe man sich rundum wohl fühlt, vor dem man ganz sich selbst sein kann. Jemand, der einen versteht. Der deine Fehler kennt und dich trotzdem liebt.
Kimi kam einfach nicht umhin zu denken, dass er eine solche Person kannte.
Am Ende glaube ich, dass man es fühlen muss, ob jemand der Richtige ist.
Aber genau das war das Problem. Kimi hatte keine Ahnung, was er fühlte oder nicht fühlte. Er wusste nicht, wie sich Liebe anfühlen musste, also wie sollte er beurteilen ob das, was er fühlte, Liebe war? Wie machten das eigentlich andere Menschen?
Vielleicht müsste er es rausfinden. Aber wie?
Doch so einfach war das nicht. In dieser Gleichung spielte nicht er allein eine Rolle, sondern auch Sebastian, und solange sie nicht mit offenen Karten spielten, machte das alles keinen Sinn.
Aber weshalb sollte er Sebastian anvertrauen, was ihm in letzter Zeit durch den Kopf gegangen war? Sebastian war sein bester Freund und er wollte, dass das so blieb. Und es war ja wohl allzu offensichtlich, dass er für den Deutschen niemals mehr als das sein würde. Immerhin stand der ja auf Männer und wenn Kimi für ihn irgendwie etwas anderes als ein Freund wäre, hätte er doch mal was gesagt. Aber was fehlte ihm denn bei Kimi eigentlich? Diese Fragte konnte sich der Finne einfach nicht beantworten. Tatsächlich war es die nächsten paar Nächte diese eine Frage, die ihn stundenlang wachhielt und nicht schlafen liess.
Ich bin ehrlich und bodenständig und hilfsbereit, sagte er sich.
Sebastian fühlt sich in meiner Gegenwart wohl, kann mir vertrauen und mir alles sagen.
Ich kenne all seine Fehler – welche Fehler überhaupt? – und liebe oder mag ihn trotzdem.
Warum also bin ich nur ein Freund für ihn? Müsste ich ihm etwa auch optisch gefallen, damit etwas Anderes möglich wäre? Spürt er einfach keine sexuelle Anziehung zu mir? Ist es das, was Liebe von Freundschaft unterscheidet?

Am Mittwochabend vor dem Rennen in Russland stand Kimi vor dem Hotelzimmer seines besten Freundes. Er musste einfach noch einmal mit Sebastian reden. Er wusste noch nicht mal wirklich worüber, was er sagen oder fragen würde, aber irgendwie spürte er, dass zwischen ihnen noch etwas Unausgesprochenes lag, das man einfach nicht so stehen lassen konnte. Nicht nach dem plötzlichen Ende ihres Gesprächs in Sebastians Garten vor ein paar Tagen. Das Ende, für das Kimi – mit Hilfe von Sebastians Töchtern – verantwortlich war. Und das nur, weil er mit einem Mal dann doch zu feige gewesen war. Wie er es immer war. Und schon einmal hatte er Sebastian damit verletzt. Und das war das allerletzte, was er wollte. Aber war es hier nicht etwas gänzlich Anderes als damals, als es um seinen Rücktritt gegangen war?
Er musste wohl geklopft haben, denn mit einem Mal öffnete sich die Tür und der Aston-Martin Pilot stand ihm gegenüber.
„Kimi.“, stellte der Deutsche überrascht fest. „Komm rein.“
Kimi trat ein, setzte sich sogleich aufs Sofa und wartete, bis sich sein bester Freund neben ihn gesetzt hatten. Sie sprachen kurz über ihre Reise hierhin, das Wetter – strömender Regen – und die Aussichten fürs Wochenende. Kimi wartete darauf, dass Sebastian früher oder später ihr letztes Gespräch ansprechen würde, doch das geschah nicht. Irgendwann waren ihnen die Small-Talk-Themen ausgegangen und es wurde unangenehm still im Raum.
„Unser Gespräch von letztens ging ein wenig abrupt zu Ende.“, murmelte Kimi plötzlich, ohne es wirklich zu wollen. „Das tut mir leid.“
Sebastian schien überrascht.
„Muss es doch nicht. Ich dachte, du wolltest nicht mehr darüber reden. Aber... ich fand es sehr schön, mit dir über solche Dinge zu sprechen.“
Kimi nickte nachdenklich und dann war es wieder eine ganze Weile still. Dass Sebastian ihm nicht böse war, weil er das Gespräch damals so plötzlich abgeklemmt hatte, beruhigte ihn ein wenig. Nicht, dass er etwas Anderes erwartet hätte. Wie gesagt, der Deutsche war eigentlich nie wirklich wütend.
Kimi sah zu seinem Gegenüber und er fragte sich, wie viel er eigentlich verlieren konnte, wenn er das ansprach, was ihm auf dem Herzen lag.
Meinen besten Freund, sagte seine innere Stimme.
Aber Sebastian war doch nicht so böse, dass er das ernsthaft befürchtet musste. Er würde ihm schon nicht den Kopf abbeissen. Aber was, wenn er ihn verletzen würde? Doch warum sollte er ihn damit verletzen? Er wollte doch eigentlich nur eine Antwort auf seine Frage. Und eigentlich wusste er doch, dass er Sebastian alles fragen konnte. Das war etwas, was er an dem Deutschen ungemein schätzte. Man konnte mit ich über ausnahmslos alles reden. Oder war es eher so, dass er über alles mit ihm reden konnte?
„Kann ich dich was fragen?“, fragte Kimi urplötzlich.
Sebastian sah ihn stirnrunzelnd an. Wann immer Kimi diese Frage stellte, wusste er, dass es ernst wurde. Okay, um ehrlich zu sein, konnte er sich nur an ein anderes Mal erinnern, als der Finne dies getan hatte. Und das war erst wenige Tage her.
„Du stehst doch auf Männer, oder?“, fragte Kimi, sobald er die Ermutigung von Sebastian, seine Frage zu stellen, erhalten hatte.
„Ja...“, erwiderte der Deutsche langsam, von der Frage überrascht.  
„Und ich bin ein Mann.“, fuhr Kimi fort.
„Richtig. Gut erkannt.“, bestätigte Sebastian und versuchte ein Grinsen.
„Ich bilde mir auch ein, ehrlich und bodenständig zu sein, bin manchmal recht hilfsbereit und hab irgendwo ein nicht mal so schlechtes Herz. Hat man mir gesagt. Und sonst wärst du wohl kaum mit mir befreundet. Ich hoffe doch, dass du dich bei mir wohl fühlst und dich selbst sein kannst. Und ich masse mir an, dich zumindest meistens zu verstehen.“
Er hielt kurz inne und sah zu Sebastian, dessen Blick unergründlich war.
„Soweit richtig?“, fragte der Finne.
„Ich denke schon ja.“, erwiderte Sebastian fast tonlos.
Er spürte, dass sich etwas Bedeutendes anbahnte... Nur war er sich noch nicht sicher, was.
„Also... was fehlt?“
Sebastian sah ihn fragend an.
„Was fehlt... wofür?“, fragte er.
„Dass ich der Richtige wäre.“, präzisierte Kimi.
Für einen winzigen Augenblick war ein überraschter Ausdruck auf dem Gesicht des Deutschen zu sehen. Doch er wechselte sehr schnell zu einem nachdenklichen.
„Im Grunde... nichts.“, sagte Sebastian langsam.
„Aber?“, fragte Kimi. „Dir fehlt einfach dieses gewisse Gefühl oder wie?“
Sebastian runzelte leicht die Stirn. Er schien zu überlegen, dann seufzte er tief, sah kurz zu seinem Gegenüber und sagte:
„Nicht mal unbedingt. Aber ich wusste ja immer, dass solche Gefühle eh nichts bringen würden. Dass aus uns eh nie etwas werden könnte, weil du... keine solchen Bedürfnisse und Empfindungen hast.“
Kimi starrte ihn an. Sein Gehirn schien Schwierigkeiten zu haben, diese Worte zu prozessieren.
„Heisst das, du bist in mich verliebt?“, fragte der Finne und klang dabei fast wie ein Kind.
„Nein – also vielleicht – ich weiss nicht. Wie gesagt, ich hab diese Gefühle nie wirklich zugelassen oder ihnen Beachtung geschenkt. Weil mir klar war, dass es eh keine Chance hätte. Weil du ohnehin nicht so empfindest.“
Kimi schwieg. Sein Blick ging an Sebastian vorbei weit in die Ferne.
„Oder?“, fragte der Aston Martin Pilot vorsichtig nach.
Kimi schwieg immer noch, wandte ihm aber nun seinen Blick zu. Die Stille begann, unangenehm zu werden. Eine Unsicherheit, etwas Unausgesprochenes lag in der Luft.
„Oder?“, wiederholte Sebastian, fast flüsternd, und die Unsicherheit war jetzt auch in seiner Stimme zu hören.
Man konnte die Uhr fast ticken hören. Sekunde um Sekunde. Und mit jeder einzelnen spannte sich der Bogen mehr und mehr. Wenn Kimi jetzt nicht sprach, würde der Bogen vermutlich zersprengen...
„Ich weiss es nicht.“, sagte der Finne schliesslich. „Im Grunde dachte ich das mal, aber... was, wenn ich mir so sicher war, dass ich solche Gefühle niemals empfinden könnte, dass ich sie nicht erkannt habe? Was, wenn ich das, wovon ich glaubte, dass es nie existieren könnte, längst hatte?“
Sebastian starrte ihn nur an. Nun war es sein Hirn, das die Informationen, die es gerade bekam, nur schwer verarbeiten konnte.
„Was soll das heissen?“, fragte er leise.
Kimi seufzte und sah ihm dann tief in die Augen.
„Dass ich wissen will, was Liebe ist – die wahre Liebe mein ich – und ob ich dafür gemacht bin oder nicht. Wenn man es nie ausprobiert, kann man es auch nicht wissen, oder?“
Sebastian erwiderte seinen Blick vollkommen verwirrt. Wenn ihm irgendjemand anderes als Kimi gegenübergestanden wäre, so hätte er gedacht, das alles sei nur ein geschmackloser Scherz. Aber bei Kimi wusste er, dass der keine solchen Scherze machte. Wobei die Wahrheit auch nicht gerade viel typischer für Kimi war. Allerdings nicht.
„Warum... warum gerade jetzt?“, flüsterte Seb.
„Keine Ahnung, irgendwie... ist mir in den letzten Wochen einiges klargeworden. Vielleicht war es die Aussicht darauf, dich bald als Rennfahrerkollege zu verlieren, was mir erst klargemacht hat... wie wichtig du mir eigentlich bist. Wie viel du mir bedeutest. Vielleicht mehr, als ich jemals gedacht hätte.“
Für einen Augenblick stand Sebastian der Mund offen. Niemals zuvor hatte er Worte von einem anderen Menschen vernommen, die genauso gut seine eigenen hätten sein können. Es war, als ob Kimi in seine Seele schauen und das, was er dort sah, in Worte verwandeln könnte. Es war wie Magie.
In diesem Moment wusste er es.
„Ich habe von dir geträumt vor einigen Tagen.“, fuhr Kimi leise fort. „Wir... haben uns geküsst.“
Niemals hätte er erwartet, diese Worte einmal von Kimi Räikkönen zu hören.
„Und... wie hat es sich angefühlt?“, fragte Sebastian leise.
„Gut.“, gestand Kimi. „Aber... es war nur ein Traum.“
In Sebastians Hirn ratterte es.
Schalte es einfach mal aus, sagte die Stimme in seinem Kopf. Bestimmt, aber viel sanfter als jemals zuvor. Hör auf zu denken und fang an zu fühlen. Höre einfach auf dein Herz.
„Wenn du willst, kann es mehr als ein Traum werden.“, hörte Sebastian Worte aus seinem Mund, die sein Verstand nicht vorbereitet hatte. Das bedeutete es also, auf sein Herz zu hören.
Kimi hatte längst aufgehört, zu denken. Er hatte kaum gehört, was Sebastian gesagt hatte. Er sah nur, wie der Deutsche immer näher zu ihm kam. Wie sein Gesicht gefährlich nahe zu seinem kam. Bis er jede Wimper sehen konnte. Jede beginnende Falte. Seine blauen Augen. Und auch seine Lippen. Lippen, die Sekunden später auf seine eigenen trafen.
Es war nicht wie in seinem Traum. Es war noch viel, viel besser.
„Und? Wie fühlt sich das an?“, fragte Sebastian nach einem Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte und doch viel zu schnell zu Ende war.
„Gut.“, murmelte Kimi.
„Nur gut?“, fragte Sebastian fast enttäuscht.
„Nein. Sehr gut. Ich... ich kann es nicht beschreiben. Aber es hat sich gut angefühlt. Richtig.“
Sebastian nickte nachdenklich und küsste ihn dann noch einmal. Besser und schöner noch als zuvor, sofern dies möglich war.
Sie lösten sich voneinander und Kimi sah ihn fragend an.
„Ist das Liebe?“, fragte er leise.
Sebastian lächelte nachgiebig.
„Wen kümmert es schon, wie man es bezeichnet?“, fragte er. „Was zählt, ist allein, wie es sich anfühlt.“
Kimi erwiderte sein Lächeln. Er schob die sich aufdrängenden Gedanken beiseite und hörte ganz auf sein Herz, als er Sebastian ein weiteres Mal an sich zog.
Wenn das Liebe war, dann war es gar nicht so schlecht.
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