Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unyx' Kurzgeschichten/One-Shots (Wünsche)

von Unyx99
SammlungRomance, Freundschaft / P16 / MaleSlash
10.08.2021
27.11.2021
35
146.665
20
Alle Kapitel
105 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.10.2021 4.179
 
Und hier noch der letzte Teil... 16+, Lesen auf eigene Gefahr... Einerseits wegen dem, was man sich nach dem Ende von Teil 3 vielleicht schon denken kann, und andererseits wegen Thematisierung sexueller Handlungen. Ganz ungewöhnlich für mich. Lol.

Mit den weiteren Wünschen läufts übrigens momentan ziemlich bescheiden... Ich hab erstens immer noch sehr viel zu tun und zweitens fehlen mir teilweise Motivation und Ideen für manche Wünsche. Ich arbeite zwar an einem, kann aber nicht versprechen, dass er ganz so schnell fertig wird. Aber ich gebe mir Mühe. Zudem arbeite ich übrigens auch an einem Spin-Off zu dieser Geschichte hier, bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob ich ihn auch veröffentlichen soll. Vermutlich sind die wenigsten Leute so F3-interessiert wie ich und Riclercforever xD

Anyway, viel Spass beim Lesen und einen schönen Sonntag <3




Recap vom letzten Mal:

Zu spät. Sie konnten gerade noch ausweichen, als Robert auf die Tür zu rannte und mit Wucht dagegentrat. Es gab einen gewaltigen Krach und die Tür flog aus den Angeln. Nach einem kurzen Moment der Verarbeitung dieses kleinen Schocks fielen ihre Blicke ins Innere des Raums.
Für einen Moment blieb die Welt stehen, doch dann geschahen sehr viele Dinge gleichzeitig...



Teil 4

„Gute Freunde erkennt man leichter, wenn das Leben schwerer wird.“

„Carnivalesque is a literary mode that subverts and liberates the assumptions of the dominant style or atmosphere through humor and chaos.”
(Wikipedia)


„Oh mein Gott.“, murmelte Dennis.
„Alter, bist du verrückt geworden?“, schrie Olli entsetzt.
„Leg das sofort weg!“, befahl Robert panisch.
Doch die Aufforderung wäre nicht mal nötig gewesen. Wie von selbst warf Arthur die Klinge von sich weg ins Waschbecken und drückte die linke Hand, die sie gehalten hatte, stattdessen gegen seinen rechten Unterarm. Doch der Versuch, das, was dort zu sehen war, zu verstecken, war zwecklos. Erstens hatten sie wohl ohnehin bereits einen Blick darauf erhascht und zweitens konnten sie die Blutstropfen im Waschbecken auch so deutlich sehen. Arthur starrte sie alle vollkommen geschockt an, blanke Panik in seinem bleichen Gesicht.
„Fuck, warum tust du das?!“, fragte Dennis.
„Leute, hey, hört auf ihn anzuschreien oder zu bedrängen, bitte.“, unterbrach Oscar das Durcheinander von Stimmen, panischem Geschrei, von Vorwürfen und Unverständnis.
„Arthur?“, fragte er dann vorsichtig. „Keine Angst, wir tun dir nichts, okay? Alles gut.“
Langsam ging er näher auf den Monegassen zu, der ihn nur völlig apathisch ansah, die linke Hand nicht von seinem Unterarm nehmend.
„Darf ich mal sehen? Bitte?“, fragte Oscar behutsam und griff sanft nach Arthurs Arm.
Er streichelte zuerst kurz über seine Hand und löste sie dann vorsichtig von seinem Unterarm.
„Ist es schlimm? Soll ich einen Arzt holen?“, fragte Dennis ängstlich.
„Nein, warte mal noch.“, erwiderte der Australier und besah sich Arthurs Arm, da der F3-Fahrer überraschend wenig Gegenwehr leistete.
Es war nur ein einzelner Schnitt, vielleicht zweieinhalb Zentimeter lang, zwar leicht blutend, aber glücklicherweise nicht allzu tief.
„Okay, das ist nicht so schlimm.“, konstatierte Oscar. „Wir bräuchten nur... Verbandszeug oder so.“
Doch niemand bewegte sich. Stattdessen starrten sie alle nur Arthur an, über dessen Gesicht stumme Tränen liefen.
„Hey, komm mal her.“, sagte Oscar und schloss den Monegassen kurzerhand in den Arm. „Wir kriegen das wieder hin, okay?“
Während Arthur an der Brust seines Prema-Kollegen leise schluchzte, trat Robert näher zu ihnen heran.
„Arthur?“, fragte er. „Ähm... kannst du uns sagen, was du damit bezwecken wolltest? Wolltest du... dich umbringen oder wolltest du dir nur wehtun?“
„Ich weiss nicht.“, schniefte Arthur und löste sich von Oscar, um Robert kurz mit einem sehr schuldbewussten Blick anzusehen, bevor er danach den Boden betrachtete.
„Und... hast du das schon öfter getan?“, fragte Robert leise, doch Arthur schüttelte den Kopf, was sie wohl alle erleichterte.
„Ähm... brauchen wir jetzt einen Arzt oder Psychologen oder René oder so?“, fragte Olli ziemlich hilflos.
„Nein! Bitte nicht.“, schniefte Arthur und sah sie mit einem flehentlichen Ausdruck im Gesicht an.
„Nein, erstmal nicht.“, winkte Oscar ab. „Wir sollten eher – “
„Wir sollten Charles holen.“, schlug Dennis vor.
Arthur schüttelte energisch den Kopf und auch Oscar widersprach fast augenblicklich.
„Nein. Charles muss in nicht mal zwei Stunden ein Rennen fahren. Bis dahin darf er das hier nicht erfahren, sonst wirft ihn das komplett aus der Bahn.“, erklärte der Australier.
„Aber Arthur ist wichtiger als sein Rennen.“, meinte Robert.
„Bullshit.“, entgegnete Arthur hart und neue Tränen traten in seine Augen. „Ich war Charles nie wichtiger als seine Rennen und nach heute bin ich ihm sicher komplett egal.“
„Das stimmt ganz bestimmt nicht.“, widersprach Oscar. „Aber das können wir später klären. Zuerst mal sollten wir das da verarzten und danach reden wir.“
Er sah zu den anderen, die sich alle ins kleine Badezimmer gedrängt hatten und irgendwo zwischen der kaputten Tür und der Dusche standen.
„Was steht ihr hier eigentlich so blöd rum?“, fragte er. „Hab ich nicht gesagt, jemand soll einen Erste-Hilfe-Koffer oder sowas holen? Wir haben einen bei uns drüben.“
„Ich geh ihn holen.“, bot Dennis an und löste sich aus der Starre, die sie alle befallen hatte.
„Gut, aber rede auf keinen Fall mit irgendwem über das hier, ja? Niemand darf das erfahren.“, belehrte ihn Oscar nachdrücklich.
Dennis nickte und rannte davon, während die anderen Arthur davon überzeugen konnten, erstmal mit ihnen aufs Sofa zu sitzen und Olli danach notdürftig das Bad putzte, bis es dort zumindest nicht mehr wie beim Schlachter aussah. Gegen die kaputte Tür konnten sie leider nicht viel unternehmen und im Hinterkopf überlegten sie wohl alle schon, wie sie das erklären würden... Aber das war gerade unwichtig. Viel wichtiger war Arthur. Sie hatten mangels Verbandszeug vorerst ein Taschentuch auf die Wunde gedrückt, bis es ganz aufhören würde zu bluten und versuchten dann, mehr aus dem Monegassen rauszubekommen, was allerdings ein schwieriges Unterfangen war. Schliesslich begnügten sie sich damit, ihm gut zuzureden und ihn dadurch und mit ein paar Umarmungen hoffentlich ein wenig beruhigen zu können.

*****

Dennis rannte ohne auch nur einmal anzuhalten durch die Räumlichkeiten, bis er in dem Zimmer ankam, wo sich laut Oscar ein Erste-Hilfe-Kasten befand. Schon nach kurzer Suche wurde er fündig, nahm den Kasten in die Hand und wollte gerade zurück zur Tür, als diese sich öffnete.
„Dennis? Was machst du denn hier?“
Fuck.
René.

Schlagartig versteckte Dennis den Erste-Hilfe-Kasten hinter seinem Rücken und hoffte inständig, dass René nichts gesehen hatte.
„Ähm – hi.“, begrüsste er seinen Teamchef und versuchte, einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen – obwohl er sich gerade fühlte, als wäre er als Kind beim Naschen aus der Keksdose erwischt worden. Nur noch viel schlimmer.
„Alles gut?“, fragte René. „Ich hab vorhin einen riesen Lärm aus eurem Zimmer gehört, lautes Geschrei und Poltern. Hab mir aber gedacht, ich lass euch wohl lieber allein. Was war da los?“ „Ähm – “
Sein Gehirn arbeitete auf Hochdruck, aber ihm wollte nicht einfallen, wie er sich aus der Situation befreien konnte. Warum hatte er sich nicht zuvor eine Ausrede ausdenken können?
„Ja?“
„Ähm... also ja... wir... wir haben...“
„Ihr habt was?“, fragte René mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Wir haben ge... ge- ähm... ge-“
Doch ihm wollte partout nicht einfallen, welche Ausrede er seinem Teamchef auftischen sollte, während ihm gleichzeitig bewusst wurde, wie das gerade klingen musste.
Ge- was?“, hakte der ältere Mann nach.
„Ge- ähm... du weisst schon...“
Reiss dich zusammen, Dennis. Du hattest genau eine Aufgabe, also verkack das nicht. Nicht wie die Teammeisterschaft.
„Weisst du was, ich will lieber gar nicht wissen, ge- was genau ihr habt.“, erklang Renés Stimme und Dennis atmete innerlich tief durch, obwohl er befürchtete, dass René wohl gerade an ganz andere Dinge denken mochte, die ihm eigentlich auch nicht gerade gefielen. Aber manchmal musste man eben Opfer erbringen...
Sekunden später jedoch rutschte ihm das Herz in die Hose, als René weitersprach:
„Was ist das hinter deinem Rücken?“, fragte der Ältere vollkommen ruhig.
„Ähm – was?“, erwiderte Dennis dümmlich.
„Das da, was du vor mir versteckst. Oder warum sind deine Hände hinter deinem Rücken?“
„Ähm – “
„Dennis? Ich dachte, wir hätten keine Geheimnisse voreinander bei Prema?“
Kategorie „Ich bin nicht sauer, nur sehr, sehr enttäuscht“.
„Möchtest du’s mir vielleicht zeigen?“
„Ähm... lieber nicht?“, versuchte es Dennis und hielt den Kasten so fest, dass er das Gefühl hatte, seine Hände würden gleich taub werden.
Renés Augenbrauen rutschten weiter in Richtung seines Haaransatzes. Er stand einfach nur weiter da und sah Dennis mit diesem enttäuschten Blick an. Die Stille wurde unerträglich...
Er durfte einfach nicht riskieren, dass René die Wahrheit rausfand. Was, wenn das Arthurs Karriere in Gefahr bringen würde?! Oscar hatte gesagt, dass er mit niemandem darüber reden soll, also musste er sich unbedingt daran halten.
Er hatte nur eine Möglichkeit... Wenn das hier alles überstanden war, würde er Arthur zwar dafür umbringen, aber... er hatte keine Wahl. Okay, vielleicht nicht umbringen – dann würde sich das ganze Theater ja nicht lohnen, immerhin tat er das hier ja nur für Arthur.
So unauffällig wie möglich hielt er den Kasten weiter mit der linken Hand fest, während er mit der rechten nach seiner hinteren Hosentasche tastete. Er spürte das, wonach er gesucht hatte, nahm es vorsichtig raus und verbarg es ebenfalls hinter seinem Rücken. Die ganze Zeit über war sein Blick auf René geheftet und René sah ihm tief in die Augen, die nach Scham und Hilflosigkeit schrien.
René wartete geduldig und schliesslich schloss Dennis für einen winzigen Augenblick die Augen, verabschiedete sich innerlich von seiner Würde und nahm dann die Hand mit dem Ding aus seiner Hosentasche hervor, während er versuchte, den Kasten unauffällig zwischen seinem Rücken und der Wand hinter ihm einzuklemmen. Und dabei inständig hoffte, dass der Anblick des Gegenstands in seiner Hand René derart schockieren (hoffentlich aber auch zufriedenstellen) würde, dass ihm das nicht auffallen würde.
René starrte auf seine Hand und seine Mundwinkel zuckten kurz.
„Naja gut“, sagte er dann mit beängstigend ruhiger Stimme, „wenigstens muss ich mir keine Sorgen um Geschlechtskrankheiten in meinem Team machen.“
Dennis nahm sich vor, Arthur definitiv für das hier umzubringen und sah seinen Teamchef gequält an.
René wandte seinen Blick von seiner Hand wieder seinem Gesicht zu. Ein paar Sekunden lang war es vollkommen still, dann...
„Und jetzt noch das andere.“, verlangte der Ältere ruhig.
Dennis’ Herz sank tiefer als jemals zuvor.
„Das andere?“, fragte er in einem letzten hoffnungslosen Versuch.
„Das andere, was du vor mir versteckst.“
Jetzt war alles aus... Er wusste, dass er keine Wahl hatte, also nahm er den Kasten zerknirscht hinter seinem Rücken hervor und zeigte ihn René.
Einige Augenblicke lang starrte dieser ihn nur an, dann runzelte er die Stirn und fragte:
„Wofür brauchst du den?“
„Ähm.“
Improvisieren, Dennis, improvisieren.
„Schmerzmittel.“, murmelte er dann.
„Warum?“, fragte René mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ähm... naja...“
„Ja?“
„Also... naja, du weisst... manchmal... kann es dabei etwas... härter zugehen.“
Definitiv würde er Arthur töten.
Ein überraschter Ausdruck huschte über Renés Gesicht, dann schüttelte er leicht den Kopf und fragte:
„Muss ich mir Sorgen machen?“
„Nein.“, erwiderte Dennis schnell.
„Gut. Dann... tu, was du zu tun hast. Und geht es vielleicht beim nächsten Mal ein wenig lockerer an.“
Dennis nickte und sah zu, wie René nach einem letzten fassungslosen Kopfschütteln den Raum verliess.
So erleichtert wie nie zuvor atmete er aus und folgte René durch die Tür hindurch, um zurück in Richtung ihres Fahrerraums zu rennen.

*****

Es war vollkommen still im Raum. Arthur hatte aufgehört zu weinen und schien jetzt völlig am Ende mit seinen Kräften. Oscar streichelte sanft durch seine Haare, während die andern beiden ihm immer wieder besorgte Blicke zuwarfen, als ob er jeden Moment tot umfallen könnte.
Gerade als Robert fragen wollte, wo Dennis wohl so lange blieb, flog die Tür auf und der Norweger kam herein gerannt. Er warf den Erste-Hilfe-Kasten fast neben Arthur aufs Sofa und liess sich dann keuchend auf das andere Sofa fallen.
„Wo warst du so lange?“, fragte Robert vorwurfsvoll, während Oscar begann, nach einem Verband und etwas zum Desinfizieren zu suchen.
„Musste René abwimmeln. Aber keine Sorge... alles gut gegangen.“, erklärte Dennis kurz.
Im Grunde hatte er ja das vage Gefühl, dass es vermutlich sinnvoll wäre, die anderen über das, was passiert war, zu informieren. Falls René irgendwann mal eine Andeutung machen sollte, wäre es irgendwie hilfreich, wenn die anderen nicht aus allen Wolken fallen würden. Nicht, dass sie sich doch noch verraten würden, jetzt nachdem Dennis seine ganze Würde hierfür aufs Spiel gesetzt hatte – aufs Spiel gesetzt und verloren, musste man sagen. Andererseits hatte er keine Ahnung, wie er seinen Teamkollegen erklären sollte, dass ihr Chef davon ausging, dass sie nach den Rennen womöglich regelmässig Orgien veranstalteten. Die Situation war auch einfach zu absurd...
Nachdem Arthur verarztet worden war, gelang es ihnen dann in den nächsten Minuten doch noch, den Monegassen zumindest ein wenig zum Reden zu bringen.
„Ich liebe Charles doch eigentlich.“, schniefte Arthur leise. „Wirklich. Aber... ich komme mit dieser ganzen Situation einfach nicht mehr klar. Ich hab das nicht so gemeint, dass ich mir wünsche, dass er nicht mein Bruder wäre. Charles ist der beste Bruder der Welt. Aber ich wünsche mir... ich würde mir selbst nicht so einen Druck machen als sein Bruder. Nicht ständig mit ihm verglichen werden und mich selbst mit ihm vergleichen. Ich hatte immer Angst, dass diese... Rivalität zwischen uns irgendwann unsere Bruderliebe zerstören würde. Und jetzt ist das wohl wirklich passiert.“
„Ist es nicht. Ich bin mir sicher, dass ihr das wieder hinbekommt.“, versicherte Oscar ihm.
„Und wenn nicht? Ich hab Charles gesagt, dass ich mir wünsche, dass er nicht mein Bruder wär. Das kann man nicht einfach so vergessen. Und er... hat ja auch gemeint, dass es einfacher wär. Aber das wäre es nicht. Ich liebe Charles doch so sehr und ich brauche ihn – was soll ich ohne ihn machen?“
Tränen liefen über seine Wangen und inzwischen fragten sie sich alle, wie viele Tränen ein einzelner Mensch in wenigen Stunden eigentlich weinen konnte und ob sie irgendwann aufgebraucht wären.
Während er mit der einen Hand über Arthurs Schulter streichelte, schrieb Robert mit der anderen eine weitere Nachricht an Charles. Herkommen würde der jetzt bestimmt nicht mehr und Oscar hatte vermutlich recht damit, dass er von dem kleinen Zwischenfall nicht so kurz vor dem Rennen erfahren sollte. Und trotzdem wollte Robert nicht, dass das Letzte, was Charles vor einem Rennen von seinem Bruder hörte, das war, was Arthur hier in diesem Raum zu ihm gesagt hatte.
Ich hoffe, du weisst, wie sehr Arthur dich liebt.“, schrieb er und hoffte, der Ferrari-Fahrer würde die Nachricht vor dem Rennen in eineinhalb Stunden noch sehen.
Und tatsächlich surrte sein Handy schon nach zwei oder drei Minuten.
Dachte ich mal, aber heute hab ich nur gehört, dass er sich wünscht, dass ich nicht sein Bruder wär. Vermutlich hab ich mich also getäuscht.
Robert seufzte und zog es vor, Arthur nichts von dieser kurzen Unterhaltung zu erzählen. Obwohl ihm die Nachricht irgendwie auch das Gefühl gab, dass womöglich doch nicht alles verloren war. Diesen Worten nach schien Charles mehr verletzt als wütend zu sein und auch wenn Robert ihm das nicht verübeln konnte, verlor er die Hoffnung nicht, dass man das irgendwie wieder gut machen könnte.
Gegen ein Uhr klopfte es an ihrer Tür und René trat ein. Arthur war zuvor kurzzeitig in einen unruhigen Halbschlaf gefallen, inzwischen aber wieder wach und für einmal ohne nasse Augen, wenn auch sehr schweigsam.
„So, seid ihr fertig?“, fragte René mit einem merkwürdigen Grinsen.
„Fertig womit?“, fragte Robert stirnrunzelnd und auch drei andere sahen den Teamchef verständnislos an, während Dennis’ Herz einige Schläge lang aussetzte.
„Na mit eurer... Frustbewältigung. Oder war es eher feiern?“
Vollkommen verwirrt starrten die jungen Fahrer den älteren Mann an und tauschten fragende Blicke.
„Achso. Hat Dennis euch gar nichts erzählt? Nun ja, ich weiss jetzt wohl von eurem kleinen Geheimnis. Aber keine Sorge, ich schweige wie ein Grab.“, sagte René und zwinkerte ihnen zu.
Sie alle schauten irritiert bis entsetzt zu Dennis, der ziemlich rot geworden war. Das alles fiel René jedoch nicht auf, denn in diesem Moment sah dieser zur Badezimmertür...
„Ach du meine Güte.“, murmelte er. „Was ist denn da passiert?“
„Ähm.“
„Ist kaputtgegangen.“, erklärte Oscar bedauernd.
„Von allein?“, fragte René und zog die Augenbrauen hoch.
„War ein Unfall.“, erklärte Olli.
René sah sie fragend an. Dann sah er zu Dennis und grinste:
„Den Erste-Hilfe-Koffer habt ihr aber nicht für die Tür gebraucht, oder?“
Dennis starrte ihn nur an, unfähig etwas zu sagen. Doch zum Glück war Robert kreativer als er...
„Nein, aber die Tür ist gegen meinen Kopf geflogen. Hat wehgetan.“, erklärte er René mit ernstem Gesichtsausdruck.
Das schien René nun doch zu überraschen. Er sah von Robert zur kaputten Tür und zurück und dann wieder von einem von ihnen zum andern. Schliesslich fixierte er nochmal Robert und fragte besorgt:
„Geht’s dir gut? Oder sollen wir Tests für eine Hirnerschütterung oder so machen?“
„Das ist bei ihm schwer zu sagen. Er ist immer so komisch.“, sagte Oscar vollkommen ernst.
Robert boxte ihn in die Schulter und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wie auch immer.“, murmelte René und schüttelte den Kopf. „Also... gut, ich geh dann mal.“
So fassungslos hatten sie ihren Teamchef noch selten gesehen. Was mit dem nur los war? Kurz vor der Tür jedoch drehte sich René noch einmal um, warf einen letzten Blick zur kaputten Badezimmertür und dann zu seinen Fahrern. Dann öffnete er den Mund und sagte:
„Also bei euren Sexspielchen müsste ich ja echt fast mal mitmachen. Heutzutage scheint das irgendwie viel aufregender zu sein als zu meiner Zeit. Aber wie gesagt – wenigstens muss ich mir keine Sorgen um Verhütung und Geschlechtskrankheiten machen. Der Rest ist eure Sache.“
Und damit trat er zur Tür hinaus und liess vier völlig verdatterte junge Menschen zurück.
„Ähm, Dennis?“, fand Oscar als erster die Stimme wieder. „Hast du uns irgendwas zu sagen?“
Alle Gesichter im Raum waren dem Norweger zugewandt und in jedes standen Dutzende Fragezeichen, heillose Verwirrung und beginnende Vorwürfe geschrieben.
„Ähm... naja... ich sagte ja, ich bin René über den Weg gelaufen, als ich den Kasten holen war und...“
„Ja und du hast gesagt, es sei alles gut gegangen!“, erhitzte sich Olli. „Du hast nichts davon gesagt, dass du René eins auf den Kopf gegeben hast und der jetzt geistig verwirrt ist!“
„Das ist er auch nicht.“, erwiderte Dennis schnell. „Es ist eher...“
„Ja?“
„Naja, ich durfte ihm ja nicht die Wahrheit sagen und ich musste improvisieren und...“
„... und hast ihm gesagt, dass wir hier... sexuelle Orgien veranstalten oder wie?“, fragte Oscar völlig geschockt.
„Nein, nein, nicht so direkt... im Grunde ist er eigentlich selber auf die Idee gekommen. Ich hab überhaupt nichts in der Richtung gesagt.“
„Und wie kommt er dann auf die Scheisse?“, fragte Olli und schien mit den Nerven am Ende. „Und was sollte die Bemerkung von wegen Verhütung und Geschlechtskrankheiten?“
Dennis schloss für einen Moment die Augen. Wie hatte es nur soweit kommen können?
„Hallo? Olli hat dich was gefragt.“, erinnerte Roberts Stimme ihn daran, dass er den vier Personen im Raum immer noch eine Erklärung schuldig war.
„Naja... er hat mich erwischt, als ich den Erste-Hilfe-Kasten hinter meinem Rücken versteckt hab. Er wollte wissen, was ich da verstecke und...“
Dennis seufzte tief und griff in seine Hosentasche.
„... ich wusste mir nicht anders zu helfen, als ihm die hier zu zeigen.“
Es war totenstill im Raum, während vier Augenpaare ungläubig auf die Packung in seiner Hand starrten.
„Alter.“, brach Olli als erster die Stille.
„Okay, vergessen wir mal den Rest – also dass unser Leben offiziell vorbei ist und so. Aber woher zur Hölle hast du die und was tust du damit?“, fragte Robert, dessen Weltsicht gerade in sich zusammenzufallen schien.
„Was man mit Kondomen so tut, nehme ich an.“, erwiderte Oscar und nun zeigte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.
„Ja, aber... Alter... Dennis ist achtzehn.“, murmelte Robert geplättet und schien fast den Tränen nah.
Oscar lachte unwillkürlich auf.
„Als ob du mit achtzehn mit Puppen gespielt hättest.“, neckte er den Russen.
„Mit Puppen nicht, aber mit... Dinosauriern und... Playmobil und...“
„Playmobil mit achtzehn, als ob. Wohl eher Playboy.“, meinte Dennis, froh um die Ablenkung, die allerdings nicht lange dauerte.
„Aber mal ehrlich... ich glaube, du bist uns eine Erklärung schuldig.“, meldete sich jetzt Arthur und tatsächlich hatte auch er nun ein leichtes Grinsen im Gesicht.
Dennis dachte am Rand seines Bewusstseins, dass allein das das ganze Drama – die Aufgabe seiner Würde und Selbstachtung und Privatsphäre – irgendwie wert gemacht hatte. Das musste die Definition von Freundschaft sein – sich nicht um den Schaden für sich selbst kümmern, solange man einem Freund helfen konnte. Mal ganz abgesehen davon, dass sie alle ohnehin gerade sehr viel für Arthur taten. Aber das war selbstverständlich. Sie waren ein Team und niemals würden sie ein Mitglied ihres Teams allein lassen, wenn es sie brauchte. Niemals. Doch Dennis verdrängte den Gedanken schnell wieder. Er musste sich jetzt erstmal in Schadensbegrenzung üben.
„Ja, Dennis... erzähl... wer, wann, wo?“, forderte Oscar ihn grinsend auf.
Dennis spürte, wie sein Gesicht noch roter wurde als ohnehin schon. Auch spürte er vier Augenpaare auf sich ruhen, obwohl er zu Boden sah, doch noch schaffte er es nicht, den Mund zu öffnen.
„Es wird heiss hier drin.“, sagte Arthur und schien die Situation regelrecht zu geniessen.
„Kennen wir ihn?“, fragte der Monegasse, als Dennis immer noch nichts sagte.
„Ihn?“, fragte Robert irritiert.
„Ja, ihn.“, bestätigte Olli. „Und... ich glaube, ich weiss auch, wer es ist, oder? Deshalb wolltet ihr mich unbedingt loswerden.“
Dennis schloss die Augen und hielt unwillkürlich den Atem an.
„Hä?“, fragte Arthur.
„Weisst du noch, was ich dir nach dem Rennen erzählt hab?“, fragte Olli den jüngeren Bruder von Charles.
Dieser sah ihn einige Sekunden lang nur an, doch dann hellte sich sein Blick auf.
„Was?“, fragte er in Richtung Dennis. „Du und Oliver?“
„Ooooooh.“, kam es von Oscar, der ein Gesicht machte, als ob Weihnachten vorverlegt worden wäre.
„Es ist nicht, wie ihr denkt.“, murmelte Dennis abwehrend.
„Ach, ich kann mir sehr genau denken, wie es ist – ihr Skandinavier habt wohl eure eigenen Wege, um euch zu entschuldigen, was?“, vermutete Oscar grinsend.
„Das geht euch nichts an.“, fauchte Dennis.
„Also nur damit ich das richtig verstehe...“, sagte Robert langsam. „Du und Oliver seid zusammen?“
„Nein. Wir sind nicht zusammen.“, erwiderte Dennis schnell.
„Das macht es irgendwie nicht besser. Im Gegenteil.“, seufzte der Russe und schien völlig verstört.
„Aber mal rein theoretisch...“, begann Olli nachdenklich, „wenn Oliver mich abschiessen würde, würde er dann auch sein Ding in mich reinstecken, um sich zu entschuldigen?“
„Er hat ihn nicht in mich reingesteckt!“, entrüstete sich Dennis empört.
„Und wozu habt ihr dann das Kondom gebraucht?“, fragte Arthur stirnrunzelnd.
„Hm, vielleicht wollte Oliver Dennis’ Sperma nicht im Mund haben?“, überlegte Oscar laut.
„Hey! Könnt ihr damit aufhören, über mein Sexualleben zu philosophieren?!“, fragte Dennis beleidigt, während die anderen nun endgültig in Gelächter ausbrachen.
Definitiv. Arthur würde für das hier bezahlen müssen.
Doch weitere Erniedrigungen blieben Dennis dadurch erspart, dass sich die Tür öffnete und René zum zweiten Mal hineinkam. Ihr Teamchef fragte, ob sie schon gegessen hatten, was verneint wurde. Trotz der anfänglichen Zweifel des älteren Mannes gelang es ihnen schliesslich, diesen von Pizza zu überzeugen – erstens hatten sie Oscars Sieg im Rennen heute sowie Dennis’ Sieg in der Meisterschaft zu feiern und zweitens war Pizza das beste Comfort-Food, was sie nach dem heutigen F3-Rennen unbedingt brauchten. Bei dieser Argumentation musste René sich geschlagen geben.
„Ach ja.“, sagte er, bevor er die Tür wieder hinter sich schloss, „die Rechnung schick ich euch dann noch.“
Die Fahrer sahen sich stirnrunzelnd an.
„Meint er... die Rechnung für die Pizzas oder die Tür?“, fragte Robert nachdenklich.
„Oder seinen Psychiater?“, schlug Olli als Alternative vor und sie alle lachten.
Sie merkten zwar, dass Arthur noch ziemlich mitgenommen war und sie wussten, dass noch wichtige Gespräche vor ihnen liegen würden, aber zumindest schien es ihnen zu gelingen, den Monegassen ein wenig zu beruhigen und abzulenken, ihm die Geborgenheit zu geben, die er gerade brauchte, und die Zuversicht, dass alles irgendwie gut werden würde, auch wenn er daran selbst nicht glaubte.
Sie einigten sich darauf, das Rennen hier zu schauen, da sie alle keine Lust auf die Reporter draussen hatten, und es war schon weit nach eins als ihre sehnsüchtig erwarteten Pizzas kamen. Schon kurz zuvor jedoch kam eine Nachricht bei Robert an. Er schaute auf sein Handy, lächelte zufrieden und dieses Mal zeigte er sie auch Arthur und den anderen. Arthurs Mundwinkel zogen sich in ein leichtes Lächeln und für einen Moment schien es, als ob seine Augen feucht würden. Doch vielleicht waren die Tränen nun wirklich aufgebraucht. Mehrmals las er die Nachricht durch, bevor er das Handy Robert zurückgab, nicht ohne den Russen dankbar zu umarmen. Die Worte jedoch wiederholten sich auch noch in seinem Kopf, als er sie schon längst nicht mehr auf dem Display sehen konnte:
Ich liebe Arthur auch. Bitte kümmert euch gut um ihn.
Er wusste zwar noch nicht, was das für die Zukunft heissen würde, aber gerade war das auch zweitranging. Er wusste nur, dass Charles ihn nach allem, was passiert war, immer noch liebte und das war erstmal das Wichtigste für ihn. Das war alles, was er wusste und alles, was er im Moment wissen musste.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast