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Unyx' One-Shots (Wünsche)

von Unyx99
SammlungRomance, Freundschaft / P16 / MaleSlash
10.08.2021
21.10.2021
25
101.744
17
Alle Kapitel
79 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.10.2021 3.321
 
„Der Zorn beginnt mit Wut und schliesst mit Reue.“
(Publilius Syrus)


„Ein rasches Wort, im Zorn gesagt,
Dir anfangs gar zu wohl behagt;
Hörst du’s nachher von den andern wieder,
Schlägst du beschämt die Augen nieder.
Heiß schien es dir voll Süßigkeit,
Ein rechter Trost fürs Herzeleid;
Sollst du dasselbe kalt verspeisen,
Wird’s gallenbitter sich erweisen.“
(Johannes Trojan)


Vor der Tür hing Olli seinen Gedanken nach und hoffte dabei, dass es Charles’ gelingen würde, Arthur ein wenig zu beruhigen. Er hatte zwar ein sehr gutes Verhältnis zum Monegassen und kein Problem damit, seine Freunde zu trösten, wenn es sein musste, doch er hatte das vage Gefühl, dass Arthur womöglich gerade eher die Nähe eines Familienmitglieds brauchte. Trotz allem, was zwischen Charles und ihm passiert war.
„Hey.“, riss ihn eine Stimme aus diesen Gedanken und er erkannte seinen zweiten Teamkollegen, Dennis, neben sich.
„Hey. Alles okay?“, fragte er, froh darüber, dass zumindest keine Spuren von Tränen im Gesicht des Norwegers zu sehen waren, nachdem der vor einigen Minuten noch ziemlich niedergeschlagen gewesen war. Tatsächlich wirkte Dennis nun irgendwie fast schon entspannt, was ihn wunderte.
„Den Umständen entsprechend.“, murmelte Dennis und sein Gesicht verfinsterte sich nun doch ein wenig. „Warum stehst du vor der Tür?“
„Charles redet gerade mit Arthur.“, erklärte Olli und Dennis nickte.
„Wie war das Gespräch mit Oliver?“, wollte der Brite wissen.
Dennis schnaubte genervt aus.
„Der kann mich mal.“, meinte er. „Von einer Entschuldigung können wir uns den Teamsieg auch nicht mehr kaufen.“
Nein, allerdings nicht. Den konnten sie sich mit nichts auf dieser Welt mehr kaufen. Der war für ein und allemal entwischt.
„Aber es war nicht seine Schuld.“, hängte Dennis weniger aufgebracht, aber immer noch verbittert an. „Also... der Dreher heute vielleicht schon, aber das Ganze hat ja schon im Qualifying angefangen. Wenn ich nicht so langsam gewesen wär, wäre ich heute nie auch nur in Olivers Nähe gewesen. Ich bin selbst schuld daran, dass ich um Platz 8 kämpfen muss anstatt um den Sieg.“
„Ach hör auf damit.“, erwiderte Olli bestimmt. „Du bist ja fast so schlimm wie Arthur. Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen, da ist kein einzelner dran schuld und es bringt nichts, sich Vorwürfe zu machen.“
„Wenn du meinst.“, grummelte Dennis wenig überzeugt.
Olli wollte ihn gerade darauf hinweisen, dass er mit seinen über 200 Zählern am allerwenigsten für den verpassten Teamsieg konnte, doch das wurde dadurch verübelt, dass von der anderen Seite der Tür mit einem Mal laute Stimmen zu ihnen drangen. Dennis sah ihn fragend an.
„Was tun die, hast du gesagt? Reden?“, fragte der Norweger.
„Dachte ich jedenfalls.“, murmelte Olli.
„Hört sich eher nach streiten an.“
„Ja, allerdings. Aber... das ist ihre Sache. Da sollten wir uns jetzt nicht einmischen.“
Nach einer kurzen Ruhepause wurde es im Innenraum noch einmal gefährlich laut, doch es war schwierig, die Worte durch die geschlossene Tür zu verstehen. Und dann war es mit einem Mal still. Beängstigend still.
„Ich hoffe mal, die haben sich nicht umgebracht.“, meinte Olli.
„Ja... darauf, Leichen aus unserem Fahrerraum zu entfernen, habe ich heute wirklich keine Lust.“, bestätigte Dennis und sie sahen beide nervös zur Tür...
... die in diesem Moment aufflog.
„Ähm... Charles, ist A- “
Doch weiter kam Olli nicht, bevor Charles ihn mit einem undeutlich genuschelten „lass mich in Ruhe“ unsanft aus dem Weg schob und sich an ihm und Dennis vorbeiquetschte, um im Laufschritt davonzustürmen.
Die beiden F3-Fahrer warfen sich einen irritierten Blick zu und schliesslich öffnete Olli die Tür. Mit einem leisen Seufzer blieb er in derselben stehen, als sein Blick auf seinen Teamkollegen fiel, der vor dem Sofa auf dem Boden sass, den Körper zu einem Päckchen geformt und leicht zitternd. Auch leises Schluchzen war zu hören.    
„Geh mal rein. Oder sollen alle zuschauen können?“, fragte Dennis, was Olli aus seiner Trance weckte.
Er machte einen Schritt ins Zimmer hinein und Dennis schloss die Tür hinter sich, bevor er direkt auf das Sofa zuging und sich neben Arthur setzte. Der Norweger legte einen Arm um seinen Teamkollegen, während Olli ebenfalls neben ihnen in die Hocke ging und Arthur besorgt betrachtete.
„Arthur?“, fragte er. „Was ist passiert?“
Der Monegasse schniefte nur und vergrub sein Gesicht in Dennis’ Pulli. Der F3-Meister streichelte über seine Haare und warf Olli einen kurzen Blick zu.
„Ich glaube, er will gerade nicht reden.“, sagte er leise. „Lass ihn einfach weinen, wenn er das braucht.“
Olli nickte und setzte sich dann auf Arthurs andere Seite. Behutsam streichelte er über dessen Arm und hoffte, dass er sich früher oder später beruhigen würde. Es war zwar nicht das erste Mal, dass er einen Teamkollegen weinen sah, aber Arthur in diesem Zustand zu sehen, brach ihm das Herz. Er wollte gar nicht wissen, was mit Charles vorgefallen war, um das auszulösen... Natürlich war es Arthur schon davor nicht gut gegangen, aber mittlerweile waren offensichtlich alle Dämme gebrochen.
Es dauerte einige Minuten, bis Arthur schliesslich die ersten Worte rausbrachte:
„Es ist alles meine Schuld.“
Dennis und Olli tauschten einen kurzen Blick.
„Was ist deine Schuld?“, fragte der Norweger.
„Alles!“, jammerte Arthur und mehr war an Information nicht aus ihm rauszubekommen.
Sie wussten zwar immer noch nicht, was alles war und ob es sich auf das Rennen oder den Streit mit Charles oder beides – oder eben alles – bezog, aber wenn Arthur nicht darüber reden wollte oder konnte, mussten sie das akzeptieren. Stattdessen blieben sie noch einige Minuten einfach so sitzen und Arthurs Schluchzer wurden irgendwann leiser und seine Atmung regelmässiger. Dennis löste sich leicht von ihm, um an sein Handy zu kommen und fragte dann:
„F2 fängt gleich an. Wollen wir schauen?“
Zu ihrer Überraschung nickte Arthur, wenn auch nicht so enthusiastisch wie üblich.
„Klingt gut. Aber können wir uns dafür vielleicht aufs Sofa setzen?“, fragte Olli.
Sie holten einen Laptop, setzten sich dieses Mal auf das Sofa und schalteten die Übertragung ein, um hoffentlich Oscar und Robert dabei zuzusehen, wie sie dafür sorgten, dass wenigstens ein Prema-Team die Konstrukteur-Meisterschaft gewinnen würde...

*****

Pierre sass in seinem Motor Home und überlegte, ob er es sich leisten konnte, das F2-Rennen zu schauen oder doch lieber ein paar Konzentrationsübungen machen sollte. Immerhin würde er in nicht mal vier Stunden im Auto sitzen und hatte im Rennen einiges gut zu machen. Er war kurz davor, eine Entscheidung zu treffen, als er ein Klopfen an seiner Tür hörte. Neugierig stand er auf, um zu sehen, wer es war. Die wahrscheinlichsten Möglichkeiten waren wohl sein Trainer, sein Ingenieur, Yuki oder Charles.
Als er die Tür öffnete, war es in der Tat sein bester Freund seit Kindheitsjahren, der ihm gegenüberstand, was ihn nicht überraschte. Wohl überraschte und beunruhigte ihn aber der Ausdruck auf dessen Gesicht. Pierre überlegte nicht lange. Das Erste, was er tat, war, Charles in den Raum zu ziehen und die Tür zu schliessen. Dann sah er ihn fragend an.
„Was ist los?“, fragte er besorgt.
Diese Frage schien der letzte Tropfen zu sein, den Charles gebraucht hatte, um völlig zusammenzubrechen. Während er zuvor zwar gequält und schmerzgeplagt gewirkt hatte, waren seine Augen trocken gewesen. Doch jetzt, in Bruchteilen von Sekunden, füllten sie sich mit Tränen.
„Hey, alles gut.“, murmelte der Franzose und schloss seinen besten Freund in die Arme.
Charles’ Schniefen wurde zu lauten Schluchzern und er klammerte sich regelrecht an Pierre fest, der sich zunehmend Sorgen machte. Er kannte Charles schon so lange und so gut und es war nicht das erste Mal, dass er ihn so sah. Als Anthoine gestorben war, hatten sie nächtelang miteinander geweint und spätestens seit da war ihre Hemmschwelle voreinander fast aufgelöst. Doch Pierre wusste auch, dass es – nach allem, was Charles erlebt hatte – einiges brauchte, bis er so zusammenbrach. Und das beunruhigte ihn sehr.
„Was ist passiert?“, versuchte er es nochmal, während er Charles weiter an sich drückte und beruhigend über seinen Rücken streichelte.
Vielleicht sollte er ihm erstmal ein wenig Zeit geben, um sich zu beruhigen, doch er wollte unbedingt wissen, was los war. War irgendwas Schlimmes passiert? Hatte jemand Charles wehgetan und wenn ja, wen musste Pierre verhauen?
Seine Frage wurde Augenblicke später beantwortet.
„Er... er hat gesagt, er wünscht sich, dass ich nicht sein Bruder wär.“, schluchzte Charles an seiner Brust.
Oh, dachte Pierre und merkte erst Sekunden später, dass er das laut ausgesprochen hatte.
Er brauchte nicht zu fragen, wen Charles mit er meinte. Nicht nur, weil Charles ohnehin nur zwei Brüder hatte, sondern auch, weil er wusste, wie schwierig das Verhältnis zwischen Arthur und ihm momentan war.
„Das... das hat er sicher nicht so gemeint.“, versuchte Pierre den Monegassen zu beruhigen.
„Doch, das hat er.“, entgegnete Charles energisch und seine Hände verkrallten sich noch fester in Pierres Schulter. Doch das störte den Franzosen nicht.
„Er hat gesagt, dass alles viel einfacher wäre, wenn ich nicht sein Bruder wär.“, fuhr Charles fort. „Und... irgendwie hat er da ja recht.“
Bei den letzten Worten brach seine Stimme und die Schluchzer wurden wieder lauter.
„Setzen wir uns erstmal aufs Sofa, okay?“, schlug Pierre vor und Charles nickte.
Der Alpha-Tauri Fahrer liess seinen besten Freund kurz auf dem Sofa zurück und holte zwei Gläser Wasser. Als er zurück kam, fand er Charles mit angezogenen Knien auf dem Sofa sitzend und in die Leere starrend wieder. Stumme Tränen liefen über sein Gesicht und Pierre war sich nicht sicher, ob ihm das so viel lieber war als das laute Schluchzen von zuvor. Charles so zu sehen, zerriss sein Herz in tausend Stücke und er wollte nichts weiter, als ihm helfen. Wollte die Tränen zum Versiegen bringen und das Lächeln des Monegassen wiederherstellen. Aber so einfach würde das nicht gehen.
„Wie kommst du darauf, dass er recht hat?“, fragte Pierre, nachdem er die Gläser abgestellt hatte.
„Mich als Bruder zu haben, muss furchtbar für Arthur sein.“, murmelte Charles vor sich hin, den Blick auf den Boden gerichtet. „Vielleicht hat er wirklich recht und es hätte viel mehr aus ihm werden können, wenn er nicht diesen verdammten Druck, sich zu beweisen, hätte. Vielleicht hab wirklich ich seine Karriere kaputt gemacht. Aber... ich kann doch auch nichts dafür, Pierre! Ich habe Arthur immer unterstützt, hab immer alles für ihn getan! Es ist doch nicht meine Schuld, dass ich besser bin als er?! Warum, warum... warum muss er das an mir auslassen? Warum muss das alles unser Verhältnis zerstören? Das ist einfach nicht fair.“
Charles legte den Kopf in die Arme und nun waren wieder leise Schluchzer zu hören. Pierre zog ihn an sich, sodass Charles’ Kopf auf seiner Brust lag und er sanft durch die Haare des Monegassen streicheln konnte.
„Nein, es ist nicht fair. Und es ist nicht deine Schuld.“, flüsterte er.
„Wenn das wirklich sein Wunsch ist, dann will ich ihm den erfüllen.“, schniefte Charles. „Auf dem Papier werde ich vielleicht immer sein Bruder sein, aber... ich werde ihn in Ruhe lassen, wenn es ihm dann besser geht. Vielleicht ist das für uns beide das Beste. Wenn wir uns mit allem anderen nur weh tun.“
Pierre seufzte traurig. Dass Charles’ und Arthurs Bruderliebe in die Brüche ging, durfte er einfach nicht zulassen. Dafür liebten sich die beiden viel zu sehr. Aber er ahnte, dass das nicht einfach sein würde. Erst recht nicht nach dem, was heute passiert war.

*****

Während dem F2-Rennen hatte Arthur sich nach und nach ein wenig beruhigt und als Oscar den Sieg sicher eingefahren hatte, lächelte er sogar ein wenig. Wenn auch wehmütig beim Gedanken daran, was ihnen ein Sieg heute gebracht hätte. Aber das erging Dennis und Olli nicht anders. Davon, dass in Arthurs Innerem immer noch ein Orkan tobte, bekamen seine Teamkollegen wenig mit. Zwar wirkte er noch ein wenig ruhig und die Spuren der Tränen waren ihm noch anzusehen, aber er schien doch langsam gefasster. Sie schauten noch die Siegerehrung und redeten gerade über irgendwas Belangloses, als es an der Tür klopfte. Arthur schien augenblicklich angespannter zu werden und sah nervös zu den andern beiden. War es möglich, dass Charles zurückgekommen war?, fragten Dennis und Olli sich gleichzeitig und vielleicht geisterte auch in Arthurs Kopf derselbe Gedanke rum.
Doch als die Tür aufging, zeigte sich, dass es nicht Charles war, der vorbeischaute.
„Alter, hier drin stinkt’s. Ihr könntet auch mal lüften.“, konstatierte Robert und rümpfte die Nase.
„Ja, freut mich auch, dich zu sehen.“, erwiderte Olli.
„Habt ihr überhaupt geduscht?“, fragte Robert mit immer noch angewidertem Gesichtsausdruck, während er näherkam.
„Ähm – nein.“, gestand Dennis. „Wir hatten andere Sorgen.“
Roberts Blick huschte über ihre Gesichter und blieb einen Moment länger an Arthur hängen. Dann sagte er:
„Ja, das dachte ich mir. Das ist echt scheisse gelaufen heute. Tut mir wirklich leid.“
Arthur sah auf den Boden, Dennis zuckte die Schultern und Olli murmelte ein leises „danke“. Robert seufzte und setzte sich neben sie aufs Sofa.
„Wenigstens ist unser Rennen ein wenig besser gelaufen.“, meinte er. „Hoffen wir, dass Charles heute Nachmittag auch das Glück auf seiner Seite hat.“
Arthur stand schlagartig auf.
„Ich – ähm – muss aufs Klo.“, nuschelte er und war dann auch schon davon gehastet.
Robert runzelte die Stirn und sah die andern beiden fragend an. In der Folge erklärten ihm Olli und Dennis, was sie wussten und weshalb Arthur auf die Erwähnung von Charles wohl nicht allzu positiv reagiert hatte. Robert entschuldigte sich überflüssigerweise und nahm sich vor, nachher mit Arthur zu reden. Er verstand sich gut mit dem Monegassen und vielleicht würde er ja rausbekommen, was genau passiert war.
„Oscar kommt übrigens auch gleich. Sobald er mit der Pressekonferenz fertig ist.“, erklärte der Russe. „Bis dahin könntet ihr ja mal duschen...“
Doch bevor es dazu kam, trat Arthur zurück ins Zimmer. Ein paar neue Tränenspuren waren auf seinem Gesicht zu sehen.
„Hey, tut mir leid wegen vorhin. Ich wusste nichts von dem mit dir und Charles.“, entschuldigte sich Robert sofort.
Arthur zuckte nur die Schultern und setzte sich aufs Sofa.
„Ähm... willst du erzählen, was genau passiert ist?“, fragte der Russe vorsichtig, erhielt allerdings ein Kopfschütteln zur Antwort.
„Bist du sicher? Wir können auch allein reden.“, schlug Robert vor.
Arthur reagierte wieder mit einem Schulterzucken und Robert fuhr fort:
„Ihr solltet eh alle noch duschen. Und selbst wenn einer von euch unsere Dusche benutzt, könnt ihr das nicht alle gleichzeitig, also... können die zwei schon mal gehen und du kannst mit mir reden, wenn du willst.“
Der Monegasse widersprach zumindest nicht und Olli und Dennis verabschiedeten sich kurzzeitig – Dennis ins angrenzende Bad und Olli Richtung F2-Dusche, die Robert ihm angeboten hatte.
„Also. Was ist mit Charles passiert?“, fragte Robert.
Arthur starrte auf den Boden zu seinen Füssen, machte jedoch keine Anstalten, die Frage zu beantworten.
„Du musst nicht reden, wenn du nicht willst. Aber vielleicht könnten wir dir besser helfen.“, sagte Robert sanft.
Jetzt wandte Arthur ihm tatsächlich kurz seinen Blick zu, sah dann jedoch, ohne etwas zu sagen, zurück auf den Boden. Robert rechnete schon fast nicht mehr damit, dass noch etwas kommen würde, als mit einem Mal leise, schnelle, aber dennoch deutliche Worte aus dem Mund des Monegassen purzelten:
„Ich hab Charles gesagt, dass ich mir wünsche, dass er nicht mein Bruder wär.“
Und dann brach er erneut in Tränen aus. Robert liess sich nicht anmerken, dass ihn diese Antwort einen Moment lang schockiert hatte. Stattdessen stand er auf, um sich neben Arthur zu setzen und ihn in den Arm zu nehmen. Er spürte, dass Arthur das jetzt eindeutig besser gebrauchen konnte als irgendwelche Vorwürfe.
In den nächsten Minuten konnte er oberflächlich rausfinden, um was es in dem Streit gegangen war, was Arthur zu diesen Worten bewegt hatte und wie es in dem Monegassen ungefähr aussehen musste. Was alles andere als schön war.
„Soll ich Charles schreiben?“, fragte Robert. „Wäre das okay? Vielleicht kann er vor dem Rennen noch kurz vorbeikommen. Das braucht ihr vermutlich beide.“
Arthur zuckte die Schultern, meinte aber irgendwas von wegen, Charles sei bestimmt zu wütend auf ihn. Womit er nicht ganz unrecht haben sollte...
Robert suchte Charles’ Nummer raus und schrieb:
Hey, hast du vielleicht noch kurz Zeit, hier vorbeizukommen? Arthur ist völlig fertig. Er braucht dich.
Noch während er Arthur im Arm hielt und dessen Atmung sich langsam wieder normalisierte, kam die Antwort des Ferrari-Fahrers.
Ich muss in zwei Stunden im Auto sitzen, hab jetzt keine Zeit. Und selbst wenn, kann ich meine Zeit besser nutzen. Arthur sollte sich mal überlegen, wie man mit Leuten umgeht, die man ‚braucht’.
Robert seufzte und teilte Arthur schonend mit, dass es wohl schwierig würde, Charles jetzt zu sehen. Er bemühte sich aber, so viel Zuversicht wie möglich an den Tag zu legen und Arthur davon zu überzeugen, dass sie das schon irgendwie hinbekommen würden. Daran schien dieser zwar eindeutig nicht zu glauben, doch schien er sich langsam zu beruhigen und die Nachricht einigermassen gefasst aufzunehmen. Bis Olli und Dennis zurück waren, wirkte er eigentlich wieder einigermassen stabil. Dachten sie.
„Willst du auch noch duschen gehen? Bis du fertig bist, ist Oscar vielleicht da. Dann können wir noch was essen oder so.“, fragte Robert den Monegassen und Arthur nickte.
Während der F3-Fahrer duschen ging, redeten die anderen drei über die beiden Rennen des Morgens und das anstehende F1-Rennen. Ihre Diskussion wurde so angeregt, dass es einige Zeit dauerte, bis Dennis irgendwann fragte, ob sie nicht auch fanden, dass Arthur ungewöhnlich lange brauchte. Robert und Olli mussten sich eingestehen, dass er nicht unrecht hatte, versuchten sich aber an irgendwelchen Erklärungen von wegen Arthur brauche vielleicht noch ein wenig Zeit für sich. Was das genau bedeuten sollte, wussten sie wohl selber nicht ganz. Doch niemals hätten sie mit dem gerechnet, was es wirklich hiess...
Irgendwann stand Dennis auf, ging zum Badezimmer und klopfte.
Von der anderen Seite der Tür kam keine Reaktion.
„Arthur?“, rief der Norweger, während auch Robert und Olli nun neben ihm standen und besorgte Blicke tauschten.
Doch auch diesmal blieb eine Antwort aus.
„Arthur?!“, versuchte es nun Robert mit lauter Stimme und hämmerte gegen die Tür. „Mach bitte die Tür auf.“
Es dauerte ein paar Sekunden, doch dann, zum ersten Mal, erhielten sie eine Reaktion aus dem Inneren des kleinen Raums:
„Lasst mich in Ruhe. Bitte.“
Seine Stimme zitterte und klang irgendwie... gebrochen. Doch die Worte waren vollkommen klar und verständlich.
„Was tust du?“, fragte Robert und nun stand tiefe Angst in sein Gesicht geschrieben.
„Das kann euch egal sein. Geht einfach.“
Die drei Fahrer vor der Tür tauschten besorgte Blicke.
„Arthur, mach jetzt sofort die Tür auf.“, verlangte Olli. „Wir können über alles reden.“
Doch nun erhielten sie keine Antwort mehr.
„Arthur?!“, brüllte Robert fast. „Wenn du die Tür nicht aufmachst, trete ich sie ein!“
Irgendwann ging dann tatsächlich eine Tür auf, doch es war nicht die zum Badezimmer, sondern die zu ihrem Fahrerraum. Sie mussten wohl immer lauter und energischer geworden zu sein, denn Oscar starrte sie vollkommen entgeistert an.
„Was schreit ihr hier so rum?“, fragte er.
„Arthur ist im Badezimmer und macht die Tür nicht auf.“, erklärte Dennis.
„Er war völlig fertig wegen dem Rennen und hat sich dann auch noch mit Charles gestritten.“, hängte Olli an. „Wir haben Angst, dass...“
Doch er brauchte den Satz nicht fortzuführen. Oscars Gesichtsausdruck war auch so sehr schnell von verwirrt zu besorgt gewechselt.
„Arthur?“, rief er nun seinerseits und trat näher zur Badezimmertür heran. „Kannst du mich hören? Wenn ja, mach bitte die Tür auf. Wir machen uns Sorgen.“
Doch es blieb still. Totenstill. Und ihre Sorge wurde immer grösser.
„Das reicht. Ich trete jetzt die Tür ein.“, beschloss Robert kurzerhand.
„Was? Spinnst du?“, fragte Oscar.
Doch seine Worte blieben wirkungslos.
„Aus dem Weg.“, befahl Robert, während er Anlauf holte. „Arthur, geh weg von der Tür, wir kommen jetzt rein!“
„Rob, du kannst nicht – “
Zu spät. Sie konnten gerade noch ausweichen, als Robert auf die Tür zu rannte und mit Wucht dagegentrat. Es gab einen gewaltigen Krach und die Tür flog aus den Angeln. Nach einem kurzen Moment der Verarbeitung dieses kleinen Schocks fielen ihre Blicke ins Innere des Raums.
Für einen Moment blieb die Welt stehen, doch dann geschahen sehr viele Dinge gleichzeitig...

*****
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