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Das Schicksal ist... zu Besuch

Kurzbeschreibung
OneshotHumor, Übernatürlich / P6 / Gen
07.08.2021
07.08.2021
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4.271
 
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Hallo liebe Leser! Bevor ihr euch diesem Oneshot widmet, solltest ihr zuerst Das Schicksal ist... lesen. Es handelt sich bei diesem Text hier nämlich um eine Auskopplung, die das Geschehen in Kapitel 21 näher ausführt. Ich danke euch für euer Interesse an diesem Abenteuer und wünsche euch viel Spaß beim Lesen :)
_______________________________

„Finger weg von meinem Bruder! Was geht hier vor sich? Menschenhandel? Sektenaktivitäten? Wer seid ihr beiden überhaupt?“

Wir waren alle geschockt, als Caro dies sagte und mit einem Stein in der erhobenen Hand hinter Valentin stand. In ihrem Blick konnte ich eindeutig Angst sehen, aber um ihren Bruder vor uns vermeintlich gefährlichen Leuten zu retten, schluckte die junge Frau diese einfach runter.

Ich fand sie schon bei der ersten Begegnung bemerkenswert, aber jetzt hatte ich wirklich Respekt vor ihr. Nicht jeder würde bei Angst so handeln wie sie.
Doch mir wurde in diesem Moment noch etwas anderes klar. „W… warte mal eine Sekunde. Du kannst mich sehen?“, konnte ich nur ganz verdattert fragen. Es ist für mich immer wieder merkwürdig, wenn mich jemand wahrnahm, der nicht zur Götterwelt gehört und auch nicht Nico war.

„Caro, beruhige dich! Hier läuft weder ein Menschenhandel, noch sind das Sektenmitglieder. Wie kommst du überhaupt hier her?“ Zur großen Verwunderung von uns anwesenden Göttern war es besagtes Menschenkind, das nun ganz ruhig mit seiner Schwester sprach. Ich vermute, dass er seinen ersten Schrecken bezüglich Valentins Aussehen nun verarbeitet hatte und wieder mehr oder weniger die Ruhe selbst war. Naja, verwunderlich war das nicht, immerhin hat Nico schon eine ganze Weile mit meiner Spezies zu tun. Da gewöhnt man sich mit der Zeit an unsere Eigenarten, ohne sie zu hinterfragen. Auch wenn man sich in manchen Situationen im ersten Moment fürchterlich ängstigt.

Natürlich beruhigte sich das aufgedrehte Menschlein nicht. Sie war furchtbar aufgebracht, weil ihr Bruder plötzlich in einer Höhle verschwunden war und nun vor zwei merkwürdig gekleideten Leuten stand. Valentin war von dieser Situation sehr schnell etwas genervt und das merkte man auch an seinen Worten: „Pass mal auf, du fleischgewordene Hysterie! Wenn wir deinem Bruder etwas hätten antun wollen, dann würde er jetzt am Grund des Styx liegen und du wärst direkt hinterher geflogen. Ich wäre dir also wirklich sehr verbunden, wenn du die Stimme senkst und auf das hörst, was der Bengel dir sagt. Immerhin habe ich nicht den ganzen Tag Zeit und muss meine Arbeit erledigen, sobald hier eine Seele vorbei kommt. Nicht jeder hat so viel Freizeit wie ihr.“
Stimmt auch wieder… und das Schmetterlingstal hat Öffnungszeiten. Außerhalb dieser konnte man den Wald weder betreten noch verlassen und mittlerweile habe ich gelernt, dass es bei Menschen nur zu Unannehmlichkeiten führt, wenn man sich nicht daran hält.

Ein Räuspern neben mir holte mich wieder aus meinen Gedanken und neugierig sah ich zu Nico hoch. Dieser packte mich nun an den Schultern und schob mich vor sich, damit Caro mich mehr oder weniger gut sehen konnte. „Das ist Lydia. Du hast mich im Flugzeug über sie ausgefragt. Verstehst du jetzt, warum ich meinte, dass es kompliziert zu erklären sei?“
Ich gestehe, ich war in dem Moment sehr nervös. Ich habe ihr meine Hand trotzdem entgegengestreckt und mich vorgestellt: „Gaie, Caro. Ich bin Lydia, die Schicksalsgöttin der Vergangenheit und momentan aufgrund unglücklicher Umstände an deinen Bruder gebunden.“

„Götter sind nur Mythen“, war ihre prompte Reaktion darauf. Verübeln konnte ich es ihr nicht. Ich würde es als Mensch wahrscheinlich selbst nicht glauben. Bittend sah ich zu Valentin, welcher mit verschränkten Armen neben Caro stand. Es dauerte ein paar Sekunden bis er verstand, was ich wollte. Jedoch enttäuschte er mich. Vehement schüttelte der Fährmann den Kopf und antwortete mit Nachdruck: „Keine Chance, Lydia. Regel das mal schön allein.“
Gemeinheit! Ich ließ meine Hand sinken und kramte kurz in meinem Kopf. Ich brauchte etwas, dass nur Caro wissen konnte und vielleicht noch Nico. Ich hatte mich nur bisher noch nicht wirklich mit ihr beschäftigt, wodurch das Ganze etwas erschwert wurde. Dann kam mir jedoch die Idee. Ich konzentrierte mich auf die Seelenverbindung mit ihrem Bruder und durchstöberte seine Erinnerungen ein wenig. Dabei stieß ich auf eine Momentaufnahme, wo sich die junge Frau mit einem Anhänger von den Zeugen Jehovas an der Tür anlegte. Das war meine Eintrittskarte. „Es wundert mich nicht, dass du so denkst. Du hast immerhin mal eine hitzige Diskussion mit den Zeugen Jehovas an eurer Eingangstür geführt.“ Ihr Blick blieb unverändert und aufgebracht sagte sie: „Nicht nur Sektenanhänger, die sich vergöttern lassen, sondern auch noch Stalker, oder was?“ Das darf doch wohl nicht wahr sein!
Wieder glitt mein Blick Hilfe suchend zu Valentin und dieses Mal auch zu Nico. Es war jedoch der Fährmann, der nun versuchte Caro zu überzeugen. „Eure Großmutter ist im Sommer vor fünf Jahren an Leukämie verstorben. Ihre letzten Worte an dich waren Gemecker, weil du ihr helfen wolltest, sich im Krankenbett aufzusetzen. Sie hat es mir erzählt, als ich ihre Seele über den Fluss gebracht habe. Als Bezahlung hatte sie Kinderbons dabei. Die standen wohl immer in einer kleinen Schale auf dem Kaminsims, wo ihr euch immer welche rausholen konntet.“
Nicht nur die Menschenfrau sah Valentin mit großen Augen an, auch ich tat dies. Mit so einer detaillierten Hilfe hätte ich nun nicht gerechnet. Doch der skeptische und misstrauische Gesichtsausdruck blieb nach wie vor auf dem Gesicht von Nicos Schwester. „Woher weiß ich, dass ihr die Wahrheit sagst? Das kann auch einfach gut geraten gewesen sein oder aber mein Bruder hat es euch erzählt.“
Das war mein Stichwort. Die Braunhaarige begann langsam an ihrer Aussage unserer Nichtexistenz zu zweifeln. Also ging ich ans Flussufer und winkte die junge Frau zum Styx, doch sie rührte sich keinen Millimeter. Nico musste ihr erst einen Schubs geben, damit sich seine Schwester zu mir stellte. Als Caro nahe genug war, damit auch sie ins Wasser blicken konnte, wischte ich mit meiner Handfläche über die Oberfläche des Flusses und ließ ein paar Szenen aus ihrer Vergangenheit wie einen Kurzfilm erscheinen. Als ich dieses beendete, hielt ich ihr noch einmal meine Hand hin und wartete.

Nicos Schwester sagte nichts. Sie starrte zuerst auf den Punkt, wo eben noch die Bilder ihrer Vergangenheit waren und sah mich dann einfach nur an. Das machte mich unglaublich nervös und ich konnte das Zittern meiner Hand nicht kontrollieren. Was würde sie nun wohl tun? Würde sie den Stein nun endlich weglegen oder würden wir doch noch ein herzhaftes Problem bekommen? Für mich vergingen gefühlte Jahre, bis Caro schließlich ihre Hand mit der improvisierten Waffe sinken ließ und mit einem skeptischen Blick fragte: „Angenommen, ich glaube euch die Göttergeschichte. Bist du dir auch ganz sicher, dass du dich ausgerechnet an meinen Bruder binden wolltest?“
„Was soll das denn jetzt wieder heißen? Bei dir als Schwester braucht man wirklich keine Feinde mehr.“
Das Eis hatte zumindest Risse bekommen und wir nicht menschlichen Anwesenden mussten nach Nicos genervtem Kommentar etwas kichern. Es überraschte mich, dass sogar Valentin dies amüsant fand.

Nachdem wir uns alle wieder beruhigt hatten, kam natürlich die Frage auf, wie es denn nun weiterginge. Also erzählte ich den Geschwistern, dass wir nun über den Styx schippern würden, damit ich ihnen meinen besten Freund vorstellen könne. Doch der Fährmann schob dem ganzen zunächst einen Riegel vor. „Nur, weil ich dich ohne Bezahlung zu ihm bringe, heißt das noch lange nicht, dass ich das bei allen mache, die du hierher mitnimmst.“ Ich konnte nicht erklären, warum mich diese Aussage zum schmunzeln brachte, aber es war so. Zum Glück kannte ich Valentins Schwachstelle und wandte mich sogleich an die beiden Menschen. „Habt ihr noch etwas von diesen Knoppers oder anderes Naschzeug? Dann gebt ihm etwas davon als Tribut.“

Sie zögerten etwas und Nico fragte mich dann skeptisch: „Meinst du das ernst? Den Fährmann bezahlt man seit neuestem mit Schokolade und Gummitieren? Das ist doch ein schlechter Scherz.“
„Klingt es so, als wäre es ein Witz? Meine Bezahlung bitte.“ Valentin machte selbst mir in diesem Moment ein bisschen Angst. Seine bernsteinfarbenen Augen blitzten unter der Kutte hervor und bohrten sich praktisch in die grauen von Nico. Wenn ich nicht wüsste, dass der Fährmann sowas gerne tat, um sich die meisten Lebensformen vom Hals zu halten, dann hätte ich gedacht, dass er den Jungen gleich frisst.
Doch die ganze Situation wurde von Caro entschärft, als sie in ihren Rucksack griff, ihm zögerlich lächelnd eine Tüte Haribo Pico- Balla in die Hand drückte und dann auch noch Karamellwaffeln reichte. „Hier, die schmelzen mir oben bei der Hitze eh nur weg.“ Es brachte auch mich zum Lächeln, dass sie anfing sich an die Situation zu gewöhnen und anzupassen.

Nachdem die Bezahlung abgeschlossen war, stiegen wir alle in den Kahn ein. Jetzt hatte Caro jedoch ein wenig Blut geleckt und stellte mir alle möglichen Fragen. Zuerst kamen sie noch etwas zögerlich, doch nach und nach wurde die Frau immer mutiger. Sie ging mit mir die bekanntesten Geschichten der griechischen Mythologie durch, wie zum Beispiel die Odyssee und Troja, wollte wissen was davon wahr war, welche Stellen verändert wurden und wie sie tatsächlich von statten gingen. Zu meinem großen Glück wurden ihr manche Sachen von Valentin beantwortet, der um mein Schulschwänzen nur zu gut Bescheid wusste.
Es folgten Fragen zu Göttern verschiedenster Religionen, auf welche wir jedoch kaum antworten konnten, der Antike, in welcher Generation wir uns befanden, unseren Alterungsprozess und Ernährung.
Es glich einem Kreuzverhör aus einem Krimi. Nicht zuletzt auch, weil Caro so tat, als würde sie mir eine Lampe ins Gesicht halten und die Stimme eines alten Inspektors nachahmte. Die Eventmanagerin wollte auch wissen, wie die Götterwelt aussah, worin meine Aufgaben bestanden, wie es genau zu dieser seltsam komischen Zusammenarbeit kam und was ihr Bruder und ich bisher so erlebt hatten. Als Nicos Schwester die Umstände erfuhr und auch ein paar Geschichten, schlug sie sich nur gegen die Stirn und meinte, dass sie das ungesehen glaube.
Richtig lustig wurde es dann, als sie nach Valentins Kuttensaum griff und einen auf Sektenführer machte. Das brachte mich sehr zum Lachen und auch ins Zweifeln, dass Nico und Caro tatsächlich miteinander verwandt sein sollen. Die junge Frau war viel zugänglicher und offener als ihr kleiner Bruder und es freute mich, dass sie langsam mit uns warm wurde und ihr Misstrauen ablegte.

Die Überfahrt schien dieses Mal auch länger als sonst zu dauern und ich war mir absolut sicher, dass Valentin an den Gesprächen und Albernheiten von Caro Gefallen gefunden hatte. Ich meine, selbst Nico hat über das ein oder andere gelacht, es überspitzt dargestellt und mitgemacht. Im Ganzen war es eine wirklich amüsante Zusammenkunft.
Absurd wurde es jedoch, als wir an unserem Ziel ankamen. Denn kaum waren wir vom Kahn gestiegen und zum Hauseingang von meinem Freund gegangen, da wurde diese auch schon aufgerissen und ein weinender und verzweifelter Gott der Unterwelt kam auf mich zu, um mich fest in die in die Arme zu schließen. Oder sagen wir, er versuchte es. Ich war zwar nun sichtbar, aber meine Existenz schien nun so ausgelegt zu sein, dass man halb durch mich hindurch glitt. Beim dritten Versuch gelang es meinem besten Freund dann doch noch, mich irgendwie an sich zu ziehen, wenn auch langsam. Das war definitiv ein Unterschied zur menschlichen Sphäre.

„Oh mein Gott, Lydia! Es tut so gut dich zu sehen. Wie konntest du mich nur allein lassen? Wieso hast du mich nicht wenigstens mitgenommen, damit wir das zusammen durchstehen können? Es ist so ruhig ohne dich und meine Tore muss ich für die ganzen anderen Junggötter geschlossen halten. Ich habe gedacht, dir sei sonst was passiert und dass die anderen etwas damit zu tun haben. Ich habe deine Mutter nach Informationen bekniet und auch das herrschende Götterpaar. Ich war erschüttert, dass du das wirklich selbst warst und auch deine Mutter war untröstlich. Die Ärmste war am Boden zerstört, als sie deinen seelenlosen Körper fand. Sie war auch diejenige, die deinen Seelenfaden gefunden und ihn den Nachtgöttern gab. Da war ich jedoch sehr überrascht, dass…“

„Helge, vergiss das Atmen nicht. Ich brauche dich noch, wenn ich wieder zurück bin“, unterbrach ich seinen Redeschwall mit einem leisen Lachen. Ich tätschelte ihm so gut es ging den Kopf und löste mich sanft aus seiner Umarmung.
Dennoch ließ ich alle vorgehen und hielt Nico zurück, indem ich leise seinen Namen flüsterte. Als ich seinen fragenden Blick sah, gab ich ihm mit Gesten zu verstehen, dass er mich am Arm anfassen sollte. Dies tat der Junge und es funktionierte ohne Probleme. Das bedeutete, dass ich nur für die anderen hier unten in der Hölle halb durchlässig war. Sehr beunruhigend.

Als wir alle im Wohnzimmer Platz genommen hatten, sahen wir meinen Freund auch direkt aufgeregt durch die Gegend flitzen. Man merkte sofort, dass er nicht oft lebendigen Besuch hatte.

Doch bald war auch er fertig und ließ sich mit einem Seufzer auf einen Sessel fallen. Dann wandte sich der Herr des Tartarus freudestrahlend an Nico und Caro. „Gaie, meine Lieben. Ich bin der amtiere Gott der Unterwelt und mein Name lautet Helge. Ein seltsamer Name für einen Griechen, ich weiß. Aber ich bin es auch nur zur Hälfte. Die andere Genseite ist nordischer Abstammung. Meine Mutter ist die Nachfahrin Hels, die ehemals über Helheim herrschte. Eine fürchterliche Frau, sage ich euch. Ich weiß wirklich nicht, was mein Vater an ihr findet, aber die beiden scheinen glücklich miteinander zu sein. Auch wenn die gefühlt den ganzen Tag nur streiten. Mein Bruder, der auf den Namen Hades II. hört, ist nun der Herrscher über die nordische Unterwelt und ich bin hiergeblieben. Findet ihr das nicht auch lustig? Es ist fast so lustig wie das Kennenlernen von Lydia mir, wenn man bedenkt, dass das nur zustande kam, weil sie sich verlaufen hatte. Ach halt nein, sie hatte wieder Schule geschwänzt und musste sich verstecken. So war das damals. Ach, weißt du noch, wo du vor Erasmus und Bella geflüchtet bist, weil du ihnen Nymphenstaub ins Shampoo gemischt hattest und sie daraufhin von Satyren verfolgt wurden? Ein herrliches Bild. Hat Lydia euch das schon einmal erzählt? Eine Schande, wenn nicht, wenn ihr mich fragt.“
Ich hatte ganz vergessen, wie geschwätzig er war.

„Das ist ja alles gut und schön, aber beantworte uns lieber mal eine andere Frage. Nämlich, warum du Lydia kaum berühren kannst, ich dafür schon und wieso meine Schwester sie hier unten plötzlich sehen kann, aber in der Menschenwelt nicht“, wurde er von Nico in seiner üblichen, leicht genervten Stimmlage unterbrochen.
„Oh, das ist einfach zu erklären.“ Helge strahlte uns an, als hätte er gerade einen Preis gewonnen. „Ihr seid im Tartarus. Im Reich der verstorbenen Seelen. Lydia ist gerade weder wirklich am Leben noch tot, sondern etwas von beidem. Da die Menschen- und Götterwelt lediglich Reiche für Lebende sind, kann man dort Seelen und Geister ohne besondere Veranlagungen nicht sehen. Daher kann die niedliche Menschenfrau sie hier unten wahrnehmen und wir können sie nicht richtig berühren. Naja und du bist nun mal mit ihrem Lebensfaden verbunden. Da ist doch wohl selbsterklärend, warum es für dich keinen Unterschied gibt, oder?“
Jetzt wo er das sagte… Mist, da hätten wir auch selbst draufkommen können.

Der Gott der Unterwelt erzählte uns noch eine ganze Menge, unter anderem auch, dass Erasmus momentan das Gespött der Götterwelt sei. Tja, was ließ er sich auch von einem Menschenjungen verhauen? Überheblichkeit gehörte eben bestraft.
Merkt euch aber eines sehr genau. Auch wenn mein bester Freund nie groß aus seinem Hoheitsgebiet herauskommt, so weiß er dennoch grundsätzlich über alles Bescheid. Nicht zuletzt auch, damit er keinem der anderen Junggötter versehentlich über den Weg läuft, um genau wie ich immer wieder bis zum Äußersten geärgert zu werden. Er ist einfach zu sensibel für alles.

So viel aber auch alle erzählten, einen vermisste ich in der Runde. „Äh, Helge? Wo ist eigentlich der Kleine hin?“ Sofort sprang mein bester Freund auf und bedeutete uns ihm zu folgen. Dies taten wir natürlich auch und Nico fragte misstrauisch: „Wen meinst du mit `der Kleine´?“ Doch ich konnte nicht mehr antworten. Kaum hatte Helge eine weitere Tür geöffnet und uns hindurch gelassen, da war uns auch schon ein monströses Geschöpf entgegengesprungen. Drei feuchte Nasen stürzten auf uns hinab und ein ohrenbetäubendes Bellen erklang. Die Menschen machten einen Satz nach hinten, nur wir Götter blieben stehen. „Das ist der Kleine. Na mein Süßer? Wie geht es dir so?“ Auch die riesige Zunge des Höllenwächters glitt halb durch mich hindurch, halb stieß sie auf Materie und somit wurde ich abgeschlabbert.
„Klein? Das nennst du klein?! Das Vieh ist so hoch wie ein Wohnblock mit vier Etagen!“, rief Nico schockiert und anklagend aus. Auch Caro blickte den kleinen Cerberus mit großen Augen an. Offensichtlich musste auch sie diesen Anblick erst einmal verdauen. Naja, einen dreiköpfigen Hund, der Schwanz wedelnd vor Freude fiepte und um Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten bettelte, sah man nun nicht alle Tage. Doch anders als ihr Bruder, war die junge Frau in dieser Hinsicht etwas mutiger. Caro trat ein paar Schritte dichter und blieb neben Helge stehen. Vorsichtig, aber mit offensichtlicher Faszination und Neugier sagte sie: „Oh mein Gott! Der sieht ja wie Fluffy aus Harry Potter aus! Darf ich ihn streicheln oder mag er keine Menschen?“

„Oh mein Gott! Du bist Harry Potterfan? Ich habe ihn tatsächlich nach dem Cerberus aus dem ersten Teil benannt. Er ist einfach so süß.“ Helge war nun selbst ganz aufgeregt und mit einem Nicken gab er Nicos Schwester die Erlaubnis seinen Hund streicheln zu dürfen. Es sah ja schon süß aus, wie sie ihre Hand zu einem Hundekopfes ausstreckte und diesen dann mit wachsender Begeisterung streichelte, als Fluffy seine Nase dagegendrückte. Helges Haustier freute sich ganz offensichtlich über die Zuwendung, denn seine Rute wedelte noch aufgeregter hin und her und er versuchte seine Nase noch mehr an die Menschenfrau zu drücken, woraufhin Caro einfach auf diese hinaufkletterte und sich mit ihrem ganzen Körper an ihn kuschelte.
Nico hingegen musste den Schock immer noch verarbeitet und fragte ungläubig: „Das könnt ihr doch nicht allen Ernstes als klein betiteln.“

Ich konnte darüber nur schmunzeln. Wenn er wüsste.

„Den würdest du wirklich als groß bezeichnen? Dann stirbst du bestimmt beim Anblick seines Vaters“, erklang es da leicht spöttisch von Valentin. Nun richtete sich die Aufmerksamkeit des Menschenjungen auf den Fährmann und dieser sprach unbeirrt weiter: „Fluffys Vater ist mindestens drei Mal so groß. Das hier ist aber auch ein Cerberusjungtier, also nicht weiter verwunderlich. Helges Vater züchtet sie auf dem Anwesen, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau zur Ruhe gesetzt hat. Sein Zuchtrüde ist sein ganzer Stolz.“
Unglaube und Überforderung zeichnete sich in Nicos Gesicht ab. Ich hatte tatsächlich erwartet, dass er das besser verkraften würde, da er ja nun schon eine Weile mit mir zusammenlebte. Aber tatsächlich war seine Schwester, die offenbar mit allem besser zurechtkam.

Wir blieben noch eine Weile, doch auch wir mussten uns bald wieder auf den Weg machen. Das Schmetterlingstal würde nicht ewig aufbleiben und wir wollten dort ja auch noch Bilder machen. Trotz allem freute ich mich wirklich darüber, dass sich alle Anwesenden so gut verstanden und auch, dass wir in Caro eine gute Verbündete gefunden hatten. Vielleicht hätten wir ihr doch früher etwas erzählen sollen. Wahrscheinlich hätte Nicos Schwester aber kein Wort von dem geglaubt, was er gesagt hätte.

„So, jetzt aber mal Spaß beiseite. Ich schätze mal, dass Lydia wieder zurück in ihren Körper muss, richtig? Können die anderen Leutchen da oben über den Wolken nichts machen? Ich mein, sie beobachten Fräulein Chaos hier doch eh schon die ganze Zeit. Warum machen sie dann nichts?“ Die Frage von Caro war berechtigt und ich selbst hätte wahrscheinlich gar nicht nachgefragt, weil ich den Moment gerade einfach zu sehr genoss. Aber jetzt wo sie es sagte, kam es mir auch seltsam vor. Gerade das Herrscherpaar hätte es bewerkstelligen und mich zurückholen können. Warum hatten sie es nicht getan?

Auch die traurigen Minen von Helge und Valentin halfen da nicht viel weiter. Mutlos schüttelten sie nur mit den Köpfen und der Herr der Unterwelt lieferte uns sie Antwort: „Es ist jedem verboten worden. Astrapí und Mitéra sind der Meinung, dass du es aus eigener Kraft schaffen musst, um dich als Göttin zu beweisen und auch als Strafe für dein ewiges Schulschwänzen. Sie meinten, dass es Zeit wird, dass du für dein Handeln die Konsequenzen tragen musst. Es ist also Prüfung und Strafe zugleich für dich. Aber ich…“ Weiter kam Helge nicht, denn Valentin zog reflexartig einen Keks hervor und drückte ihn dem sprechenden Gott in den Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Wir dürfen ihr nichts sagen, also halt den Rand. Sonst hagelt es Strafen.“ Dieses Spiel wiederholte sich noch einige Male, doch das nahm ich nur am Rande wahr.
Genauso wie ich nur minimal mitbekam, wie Caro ihren Bruder hinter mir leise fragte, wer die beiden genannten Personen seien und auch, wie er ihr antwortete, dass es sich um die Nachfahren von Zeus und Hera handle. Doch dieses kurze Gespräch verdeutlichte mir nur die gähnende Leere in meinen Gedanken und Gefühlen.

Jetzt ergab es einen Sinn, warum die Nachtgötter mir auf so umständliche Art und Weise geholfen hatten und auch, warum meine Mutter mir den Hinweis mit der nordischen Mythologie gab. Ob sie Papa auch gesagt hatte, dass er mit mir Kontakt aufnehmen sollte? Immerhin konnten Astrapí und Mitéra  den nordischen Göttern nichts befehlen. Papa konnte mir also nach Herzenslust helfen. Die Frage war nur, ob er dies auch tun würde.

Verstehend nickte ich meinen beiden Freunden zu und sagte so entschlossen wie möglich: „Ich werde es schon schaffen. Immerhin habe ich ein bisschen Verstärkung in der Menschenwelt bekommen. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht hinbekommen würde, oder?“ Ich versuchte mich an einem schiefen Grinsen, aber es konnte meine Traurigkeit nicht gänzlich verbergen.

Ein Seufzen riss mich aus meinem Trübsinn. Ich sah hinter mich zu Nico, welcher mir nun eine Hand auf die Schulter legte. „Kopf hoch, du göttliche Seelenhexe. Wir bekommen dich Nervenbündel schon wieder nach Hause. Und wenn wir dich persönlich vor die Tore des Olymps bringen und dem Volltrottel da oben solange auf den Sack gehen müssen, bis er dich einlässt, na dann ist dem halt so.“
„Ganz genau!“, schaltete sich nun auch Caro ein und grinste mich breit an. „Ich kenne durch meine Arbeit so ein paar Leute, die einem wahrlich auf den Zeiger gehen können und wo selbst ein Gott einknicken würde. Auf Platz Eins ist dabei so ein grässlich aufdringlicher Firmenchef eines Pyrotechnikunternehmens.“
Ihrem nachdenklichen Blick wich ich gekonnt aus. Ich wusste nur zu gut, von wem Caro sprach und ich wollte nicht, dass sie jetzt schon bemerkte, dass es sich um meinen Vater handelte.

Es brauchte nach dieser Unterhaltung dennoch geschlagene zehn Minuten, bis wir wirklich loskamen, denn die Eventmanagerin war kaum von Fluffy weg zu bekommen. Sie liebte den Cerberuswelpen so sehr, dass sie sogar fragte, ob sie ihn behalten dürfe.
Natürlich ging das nicht, dennoch wollte Valentin gespielt ernst wissen: „Und wie willst du den da oben bei euch ernähren? Der frisst am Tag gut 50 Verdammte und 20 Rinder. Wenn Fluffy ausgewachsen ist sogar noch mehr.“
„Na, ist doch ideal!“, rief Caro aus. „Dann bekommt er alle Kunden zu fressen, die notorisch unzufrieden sind und mein Chef wird meine Gehaltserhöhung nicht mehr hinauszögern. Der Kuhbedarf wird allerdings ein Problem. Da fällt mir aber bestimmt noch was ein.“ Nach dieser übertrieben betonten Aussage gab es auch für den Fährmann kein Halten mehr und er stieg auf Caros Lachen ein.

Schlussendlich schafften wir es dann aber doch abzulegen und kamen wohlbehalten wieder am Anfang unseres Unterweltabenteuers an. Wir waren gerade am Gehen, da wandte sich zur Überraschung aller Nico noch einmal um und blickte Valentin etwas neugierig an. „Jetzt sag schon, was du eigentlich unter der Kutte verbirgst. Oder ist das einfach nur dein schräger Kleidungsgeschmack? Bist du ein Goth oder wie diese ganzen seltsamen Jugendkulturen heißen?“

Ein schwerer Seufzer erklang aus Valentins Mund. „Du bist nerviger als eine Schmeißfliege. Du hast mich das schon die ganze Zeit immer wieder hartnäckig gefragt, wenn es niemand mitbekommen hat. Aber ich ertrage deine ganzen Verschwörungstheorien nicht mehr. Ich zeig es dir einfach.“
Damit griff sich der Fährmann an den Saum seiner Kapuze und zog diese zurück. Ich bekam tellergroße Augen.
Auf Valentins Kopf prangte ein Paar Hundeohren. Sie waren genauso schwarz wie seine Haare.
„Ich bin auch ein Mischling und die dunkle Kutte trage ich, damit ich mich im Zweifel im Schatten verstecken kann. Ich kann die anderen Junggötter nicht ausstehen, die der Meinung sind, dass die griechische Götterwelt das absolute non plus ultra sei. Daher will ich sie nicht ständig kutschieren müssen. Im Gegensatz zu Lydia und Helge war bei mir ein Elternteil jedoch ägyptischer Abstammung. Und das sind Schakal- und keine Hundeohren. Ich bin kein Fluffy, falls ihr das gedanklich vertauscht habt.“
Uns zuliebe wickelte sich der Fährmann sogar einmal komplett aus seinem Umhang aus. Darunter kam ein Fanshirt von Caravan Palace zum Vorschein und eine kurze rote Cargohose mit weißem Blumenmuster.

„Aber kein Wort zu Helge. Die Tratschtante kann die Klappe nicht halten. Es muss nun wirklich nicht jeder wissen, dass ich Elektroswing mag. Und nun Abmarsch mit euch. Der Tartatus ist nun wirklich kein Ort für Lebende Seelen, um hier länger zu verweilen. Die Toten spüren euch und fangen an unruhig zu werden.“

Das war unser Signal und mit einer letzten Umarmung verabschiedeten wir uns alle. Valentins letzten, geflüsterten Worte an mich, brachten mich jedoch wieder zum lächeln.

„Gib dein Bestes! Helge und ich warten auf dich.“

Und wie ich mein Bestes geben werde. Ich werde ihnen allen beweisen, dass ich eine würdige Göttin der Vergangenheit bin.
Aber jetzt erstmal genieße ich den restlichen Urlaub mit Caro und Nico.

Mal schauen was die Zukunft nach diesem Abenteuer so mit sich bringt.
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