Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein Nachruf

Kurzbeschreibung
OneshotTragödie / P16 / Gen
Joey Jordison
06.08.2021
06.08.2021
1
1.675
6
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
06.08.2021 1.675
 
Ein Nachruf


Joey Jordison (bürgerlich Nathan Jonas Jordison) wurde am 26. April 1975 in Des Moines, Iowa geboren. Er starb am 26. Juli 2021 im Alter von nur 46 Jahren.

Das offizielle Statement seiner Familie lautet, er sei eingeschlafen.

Bekannt war Joey vor allem als Schlagzeuger der Band SlipKnot, und so ist er auch damals erstmals in meinem Leben aufgetreten – als Schlagzeuger, der absoluten Wiedererkennungswert hat und den Sound der Band definierte.

Es war letzte Woche irgendwann, abends, als ich von seinem Tod erfuhr. Mein Freund hat mir eine schmucklose SMS geschickt, in der der einfache Satz „Joey Jordison ist gestorben :(“ stand. So eine SMS habe ich vor beinahe genau vier Jahren schon einmal von ihm erhalten, als Chester Bennington sein Leben beendete. Letzte Woche wie vor vier Jahren war ich im ersten Moment einfach sprachlos. Eines meiner Jugendidole ist gestorben – und ich selbst bin gerade einmal Mitte 20. Eigentlich ging ich immer davon aus, dass die Zeit der vielen Tode käme, wenn ich um die 60 wäre. Dann wären meine Idole alle um die 70 oder 80 – damit könnte ich leben, denn das bedeutet, sie hätten ein langes Leben gehabt.

Und dann letzte Woche diese Nachricht. Ein weiterer Mensch gestorben, der meine Jugend, meine persönliche Entwicklung und vor allem meinen Musikgeschmack beeinflusst hat. Einfach weg. Im Grunde genommen könnte man sagen, SlipKnot hat mich hart in die Fresse gekickt und dann lag ich lachend am Boden, erfüllt mit nur einem einzigen Gedanken: Ich will mehr davon!

Das erste Lied, das ich von SlipKnot kannte, war Psychosocial. Das Musikvideo war brandneu und lief 2008 auf MTV. Ja, damals, als man noch Musikvideos im Fernsehen geschaut hat, statt sich auf YouTube umzuschauen. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht einmal 14 Jahre alt. Wir haben damals durchgezappt, da lief gerade die Strophe, aber es wurde schnell umgeschaltet, weil die Masken doch ein wenig spooky waren. Ich bestand darauf, dass wir zurückschalten – und beim Refrain war ich dann vollständig hooked. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann schüttele ich lächelnd den Kopf und möchte meinem 14-jährigen Ich vor knapp 13 Jahren großmeisterlich die Schulter tätscheln.

Man kann es so sagen, und ich werde es deshalb auch so sagen: SlipKnot war mein Einstieg in die Metal-Szene. Seitdem bin ich immer tiefer in den Kaninchenbau abgestiegen, nur um heute mit fester Überzeugung und Selbstbewusstsein sagen zu können, dass ich alles mag, in dem eine gute Prise ‚Death‘ enthalten ist. Deathmetal, Deathcore, Deathgrind. Damals aber waren die ersten beiden Alben noch zu viel für mich, ich war heillos mit dem Metal darin überfordert. Lieder wie Tattered & Torn fand ich anstrengend und irgendwie überhaupt gar nicht zugänglich. Heute bin ich der Überzeugung, dass gerade Tattered & Torn eines der besten Lieder ist, das SlipKnot jemals geschrieben hat.

Beziehungsweise eines der besten Lieder, die Joey geschrieben hat. Die ersten Alben, ich spreche hier explizit vom ersten selbstbetitelten Album SlipKnot und von Iowa, sind eindeutig auf seinen und auf Paul Grays Mist gewachsen. Diese beiden haben zusammen mit dem Clown im Prinzip den Grundstein für die Band gelegt, sie haben die Songs komponiert und der Band ihren unvergleichlichen Sound verliehen. Joey und Paul waren die Seele von SlipKnot, könnte man also zusammenfassend sagen. Das ist nicht übertrieben, sondern die bittere Wahrheit.

Als Paul verstorben ist, ist SlipKnot gestorben. Das ist nicht so, weil ich das so empfinde, sondern weil die Band es selbst immer wieder betonte: „Wir sind nur SlipKnot, wenn wir zu neunt sind – und nur wir neun. Niemand sonst. Wir sind eine Familie.“ Ich fand es eigentlich okay, dass sie Pauls Tod musikalisch verarbeiten wollten, aber bevor das Album The Gray Chapter überhaupt rauskam, haben sie Joey aus der Band geworfen. Seit diesem Tag existiert SlipKnot für mich nicht einmal mehr.

Wer nicht weiß, worum es geht: Joey hat damals Symptome an sich bemerkt, die auf eine Krankheit hindeuteten, die er erst später diagnostiziert bekam. Bei seinem letzten Konzert – so munkelt man – musste er sich von der Bühne helfen lassen, weil er kaum laufen konnte. Die Band wirft ihn raus, weil sie ihm unterstellten, er würde wieder Drogen nehmen. Dabei haben sie nicht einmal mit ihm gesprochen und es dann auch noch der Öffentlichkeit als freiwilligen Austritt verkaufen wollen. Bis Joey sich gemeldet hat und erzählte, dass er eine popelige Mail erhielt, in der er über seinen Rauswurf informiert wurde. Eine weitere Begründung dafür, neben der angeblichen Drogengeschichte, gab es auch: Er habe sich nicht an der Produktion des neuen Albums The Gray Chapter beteiligt. Ein Album, das seinem verstorbenen besten Freund gewidmet ist. Ein Album, an dem er nicht hätte arbeiten können, selbst wenn er gewollt hätte, denn er war rein gesundheitlich nicht in der Lage dazu.

Interessant finde ich hier den Doppelstandard. Zu Zeiten von Iowa war Joey der Einzige, der seinen Scheiß auf die Reihe bekam, um überhaupt Sachen für das Album einzuspielen. Nachher war man sich in Interviews immer einig, dass die Band ohne seine beharrliche Arbeit am Album zerstritten auseinandergegangen wäre. Und Iowa hätte vermutlich nicht einmal existiert. Das Projekt SlipKnot, dessen Wurzeln von Joey, Paul und dem Clown stammen, war ihm wichtiger als alles andere. Noch wichtiger war ihm aber sicher die Familie, die er mit dieser Band gefunden hatte. Immerhin hat jeder von ihnen das immer wieder betont – das Gefasel stammt also nicht von mir, sondern von der Band selbst.

Und jetzt stell dir vor, du bemerkst Symptome an dir, die du dir nicht erklären kannst. Du bemerkst, dass du deine Beine immer schlechter bewegen kannst. Du verschließt dich anderen gegenüber und würdest eigentlich davon ausgehen können, dass dich wenigstens mal einer von diesen Leuten anruft und mal fragt, was eigentlich mit dir los ist. An Stelle der Band hätte ich Joey gefragt, mit ihm zu reden versucht und ihm dann vielleicht vorgeschlagen, ihn zum Arzt zu begleiten. Eine Hammer-Diagnose wie seine möchte man nämlich nicht allein mitgeteilt bekommen.

Joey litt an einer transversen Myelitis. Das ist eine Rückenmarkserkrankung, die im Prinzip vom eigenen Körper ausgelöst wird, und tritt oft im Zusammenhang mit MS auf. Es gab also eine Zeit, in der Joey nicht einmal in der Lage war zu stehen oder zu gehen. Als er im Krankenhaus lag und es ganz offiziell war, dass er krank war und keine Drogen nahm, hat ihn nach eigenen Angaben nur ein einziges Bandmitglied besucht – das war Sid, der DJ von SlipKnot. Der Rest hat sich nicht blicken lassen, nicht einmal angerufen. In all den Jahren nicht. 2020 sagte er, als er noch einmal auf den Rauswurf angesprochen wurde, dass er immer noch darauf hofft, dass sich endlich mal jemand von ihnen meldet. Er wäre auch mit einem einfachen Anruf zufrieden, solange auch nur mal jemand überhaupt mit ihm redet. Er wollte immer reden, aber niemand wollte mit ihm reden.

Was für ein unverdienter Arschtritt.

Als ich hörte, dass er tot ist, dachte ich direkt an die anderen Bandmitglieder – und ich hoffe, sie schämen sich für das, was sie mit ihm abgezogen haben. Niemand hielt es für nötig, sich mit ihm zu beschäftigen oder das Ganze aus der Welt zu schaffen. Jetzt ist es dafür zu spät. Schöne Scheiße.

Wenigstens die Community überhäuft ihn gerade mit Liebe und absoluter Fassungslosigkeit über seinen frühen Tod. Ich habe viele Kommentare unter YouTube-Videos von Menschen gesehen, die sich darauf bezogen, wie sehr Joey sie beeinflusst habe – sei es, dass man angefangen hat, Metal zu hören, oder sei es, dass diese Person angefangen hat Schlagzeug zu spielen. Es gibt ein paar Reactions eines Schlagzeug-Lehrers aus Neuseeland, der sich vorher nicht großartig mit Joeys Spiel beschäftigt hat, aber zugeben musste, dass er schon einen potenziellen Schüler abgelehnt hat, weil er ihm nicht beibringen konnte, was Joey am Schlagzeug ablieferte. Er sagt in einem seiner Videos ganz schnörkellos: „He was way ahead of his time.“

Es lässt sich also nicht leugnen, wie sehr Joey die Metalszene beeinflusst hat. Er hat viele Techniken reingebracht, viele komplexe Kompositionen auf die Beine gestellt, die man erst einmal nachmachen muss. Ich glaube sogar, dass es viele Bands nicht geben würde, wenn es SlipKnot in seiner frühen Form nicht gegeben hätte.

Meine Meinung zum heutigen ‚SlipKnot‘ gehört nicht in diesen Nachruf, denn über Geschmack streitet man nicht. Es gibt aber nicht ohne Grund Songs, die sie heute nicht mehr live spielen, einfach weil sie es nicht können. Der arme Mann hinter dem Schlagzeug kann es rein technisch bzw. vom Niveau her nicht leisten – und das ist nichts Schlimmes, zeigt aber, wie wichtig Joey für die Band war. Er war ihre Seele. Selbst für Nicht-Metaller ist dieser Verrückte am Schlagzeug, der samt Schlagzeug auf einem Plateau herumgedreht wurde, ein Begriff. Beinahe jeder hat die Videos mal gesehen, denn sie sind auch einfach bombastisch.

Sollte es ein Afterlife geben, so hoffe ich, dass Joey von dort aus mitbekommt, wie sehr ihn alle mit Liebe überschütten und wie vielen Menschen es das Herz gebrochen hat, von seinem frühen Tod zu hören. Ich war lange sprachlos und bin dem Thema bewusst aus dem Weg gegangen, einfach weil ich dann hätte begreifen müssen, dass er nicht mehr da ist, aber das hier musste einfach raus. Sein Tod ist eine Tragödie und ein großer Verlust für die Musikszene. Eigentlich sollte man auch in den Mainstream-Medien darüber sprechen, denn auch außerhalb des Metal hat er Einfluss gehabt, er war einfach ein talentierter Musiker, ein richtiges Multitalent, zu dem man nichts anderes als aufschauen konnte. Na ja, zumindest wenn man kleiner war als er. Joey war nämlich niedliche 1,60 m groß. Hat aber immer behauptet, es wären mindestens zwei Zentimeter mehr.

Was aber stimmt, ist dass er eine Musikgröße war. So groß, dass viele so spielen wollten wie er, einfach weil sie so beeindruckt waren. Das war und bin ich auch heute noch.

Joey ist und bleibt mein Jugendidol, ein cooler Kerl, der wahnsinnig gute Musik schrieb und diesen einen Moment in meinem Leben mitbeeinflusst hat, in dem ich abgebogen bin. Der Metal sollte es sein, wegen SlipKnot. Seinetwegen.

Danke, Joey.

Ich werde dich definitiv niemals vergessen.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast